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24.1.2011 | Von:
Stefan Marschall

Wahlen, Wähler, Wahl-O-Mat

Wähler und der Wahl-O-Mat

Wie wirkt der Wahl-O-Mat auf seine User angesichts seiner Eigenschaft, ein issue-fokussiertes Tool zu sein? Um diese Frage zu beantworten, kann auf Untersuchungen der Wahl-O-Mat-Nutzer zurückgegriffen werden, die seit 2003 immer wieder durchgeführt worden sind.[14] Unmittelbar nach dem Spiel wird bei den Wahl-O-Mat-Einsätzen eine zufällig ausgewählte Gruppe von Nutzern gebeten, online an einer Befragung teilzunehmen. Diese umfasst Fragen zu den demografischen Eigenschaften der Nutzer, zu ihrer Motivation, den Wahl-O-Mat zu spielen, zu ihrem politischen Interesse und Engagement sowie zu den (voraussichtlichen) Effekten, welche die Nutzung des Tools mit sich bringt.

In der folgenden Analyse wird auf die Befragung zum Bundestags-Wahl-O-Mat 2009 Bezug genommen, bei der 45613 Personen den Fragebogen vollständig ausgefüllt haben. Die Befragten sind nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, auch nicht für die Online-Gemeinde. Die Befunde erlauben aber Aussagen über diejenigen, die den Wahl-O-Mat benutzen, sowie über die (vermutlichen) Wirkungen des Tools auf seine Spieler.

Dass die oben dargestellte issue-orientierte Funktionslogik des Wahl-O-Mat greift, dafür gibt es in den Befragungsergebnissen eine Reihe von Hinweisen. An zwei Befunden wird deutlich, dass der Wahl-O-Mat eine sachpolitische Ausrichtung der Wahlentscheidung unterfüttert: 64,4 Prozent der Befragten bejahen die Aussage, dass der Wahl-O-Mat ihnen dabei geholfen habe, die Unterschiede zwischen den Parteien klarer werden zu lassen - Unterschiede, die sich, da der Wahl-O-Mat nur issues behandelt, nur auf die sachpolitischen Differenzen zwischen den Parteien beziehen können. Fast die Hälfte der Befragten (48,1 Prozent) bestätigt, dass der Wahl-O-Mat sie auf bundespolitische Themen aufmerksam gemacht habe - somit auf issues, die den Wahl-O-Mat-Usern in ihrer Entscheidungsfindung zuvor nicht präsent waren. Diese Zahl liegt bei Europa- und Landtagswahlen noch deutlich höher: Dort sind es bis zu drei Viertel der Befragten, die bestätigen, dass der Wahl-O-Mat sie auf Themen der jeweiligen Landes- oder der Europapolitik aufmerksam gemacht hat.

Wie münden diese Erkenntnisse in das Wahlverhalten und in politische Beteiligung? Welche issue-bezogenen Effekte hat die Wahl-O-Mat-Nutzung? Zunächst lässt sich festhalten: Das Spielen des Tools zeitigt in der Tat Folgen auf das politische Verhalten und Handeln. Eine große Anzahl der Nutzer (70,5 Prozent) gibt an, dass sie über das Wahl-O-Mat-Ergebnis mit anderen sprechen werden. Ob die Befragten später tatsächlich über die issues und die Positionen der Parteien zu den sachpolitischen Thesen gesprochen haben, ist nicht ermittelt worden, kann allerdings aus guten Gründen vermutet werden. 52,1 Prozent der Wahl-O-Mat-Nutzer sagen, dass sie sich im Anschluss an das Spielen des Wahl-O-Mat weiter politisch informieren werden. Es ist davon auszugehen, dass es sich um eine issue-orientierte Informationssuche handelt. Entsprechend hohe Klickzahlen lassen sich auf den Informationsbuttons verzeichnen, die in der Auswertung hinter den einzelnen Thesen geschaltet sind und die Möglichkeit geben, sich zu Dossiers zu den jeweiligen Themen führen zu lassen.[15]

Trotz dieser sachpolitischen Orientierung und Aktivierung: In den Umfragen zeigen sich gleichwohl auch Grenzen der Mobilisierung durch den Wahl-O-Mat - zumindest auf den ersten Blick: So hat die Wahl-O-Mat-Nutzung scheinbar nur geringe Auswirkungen auf die Wahlbeteiligung, denn lediglich 7,1 Prozent der Befragten gaben an, dass der Wahl-O-Mat sie motiviert habe, tatsächlich an der Bundestagswahl teilzunehmen, obwohl sie dies nicht vorgehabt hatten. Und obgleich die Hälfte der Befragten äußert, dass der Wahl-O-Mat ihnen bei der Wahlentscheidung geholfen habe (46,1 Prozent), sagt nur ein geringer Teil der Befragten (rund acht Prozent), dass sie ihre Wahlabsicht aufgrund der Wahl-O-Mat-Nutzung "voraussichtlich" ändern werden. Ob dies tatsächlich geschieht, kann wiederum nicht nachgehalten werden. Die Frageformulierung legt nahe, dass der reale Anteil deutlich niedriger liegt. [16]

Warum ist dieser spezielle, mobilisierende Effekt des Wahl-O-Mat, obwohl dieser sachpolitische Orientierung gibt und ein entsprechendes Aktivierungspotential hat, geringer, als man vermuten könnte? Dies hängt mit der typischen Nutzerschaft des Tools zusammen. Was die Nutzer zunächst generell auszeichnet, ist, dass sie durchschnittlich jünger sind als die Online-Gemeinde und damit deutlich jünger als die deutsche Bevölkerung. 38,4 Prozent geben an, unter 30 Jahre alt zu sein. Die Wahl-O-Mat-Nutzer sind zudem formal hoch gebildet: Rund 45 Prozent der Befragten verfügen über einen Hochschulabschluss oder sind im Begriff, diesen zu erwerben; der Anteil derjenigen mit formal niedriger Bildung ist gering; weniger als ein Drittel gibt an, einen Hauptschulabschluss/Mittlere Reife zu besitzen oder anzustreben. Was ihren Ausbildungsstand betrifft, sind die Wahl-O-Mat-Nutzer somit alles andere als repräsentativ für die Bevölkerung.

In einer weiteren Hinsicht sind die Nutzer des Tools untypisch: Sie zeichnen sich durch hohes politisches Interesse und Engagement aus (vgl. Abbildung der PDF-Version). Nahezu vier Fünftel behaupten von sich, politisch interessiert zu sein. Dies spiegelt sich in den Aussagen zu ihrem politischen Verhalten wider: Fast zwei Drittel geben an, häufig über Politik zu sprechen. Ein im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung großer Anteil ist parteipolitisch oder in einer sonstigen Organisation aktiv: Sechs Prozent sind Parteimitglieder (dagegen nur rund zwei Prozent der Gesamtbevölkerung). Ihr politisches Interesse zeigt sich auch in einer ausgeprägten Bereitschaft, zur Wahl zu gehen. Mehr als 90 Prozent der Nutzer haben dies vor; die tatsächliche Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2009 lag um rund 20 Prozentpunkte niedriger.

Noch eine Beobachtung ist insbesondere für die Frage nach dem Wahlverhalten aufschlussreich: Wenn es darum geht, das angezeigte Ergebnis des Wahl-O-Mat einzuordnen, wurde gefragt, ob die Nutzer überhaupt eine "klare politische Position" einnehmen. Eine deutliche Mehrheit bestätigt dies. Nur 13,3 Prozent geben an, keine parteipolitische Präferenz zu haben. Insofern scheint die überwiegende Anzahl der Nutzer des Wahl-O-Mat zu der insgesamt schrumpfenden Gruppe von Wählern zu gehören, die eine starke Parteiidentifikation besitzen. Dass der Wahl-O-Mat auf eine deutliche Parteipräferenz seiner Nutzer stößt, wird auch an der dominanten Motivation deutlich, das Tool zu spielen. Die Mehrheit der Befragten (50,6 Prozent) gibt an, den Wahl-O-Mat zu nutzen, um die eigenen politischen Positionen mit denen der ihnen nahestehenden Partei abzugleichen, was wiederum voraussetzt, dass man eine Partei als "nahestehend" identifiziert hat. Nur 22,1 Prozent sagen ausdrücklich, dass ihr Hauptmotiv, den Wahl-O-Mat zu benutzen, die Suche nach einer Orientierung für die Wahlentscheidung gewesen sei.

Vor diesem Hintergrund liest sich die Wahl-O-Mat-bedingte Steigerung der Wahlbeteiligung nochmals anders. Dass die Mobilisierung mit 7,1 Prozent doch vergleichsweise hoch ist, wird daran deutlich, dass die typischen Wahl-O-Mat-Spieler aufgrund ihres ausgeprägten politischen Interesses, ihrer hohen formalen Bildung und ihrer starken Parteiorientierung offenbar ohnehin schon zu den bereits Mobilisierten gehören.[17] Von den noch nicht Mobilisierten wird wiederum ein beachtlicher Teil vom Wahl-O-Mat aller Wahrscheinlichkeit nach zum Wahllokal gebracht.[18]

Die Funktionslogik des Wahl-O-Mat mit seiner issue-Orientierung scheint somit letzten Endes zu greifen, wenngleich sie dort an Mobilisierungsgrenzen stößt, wo sie auf bereits sich beteiligende und parteipolitisch vorgeprägte User trifft. Zugleich steht der Wahl-O-Mat dort vor Schranken, wo er mit seinen knapp 40 Thesen zwar eine breite Themendecke entfaltet, aber dennoch eine Auswahl vornimmt, bei der nie alle Themen von individueller Bedeutsamkeit berücksichtigt werden (können). Auch bei der Gewichtung vermögen die User nur bedingt den Grad der jeweiligen issue-Salienz zum Ausdruck zu bringen, also wie wichtig ihnen persönlich ein Sachthema ist.[19] Schließlich erlaubt der Wahl-O-Mat auch Inkonsistenzen in den Antwortmustern; sich widersprechende Thesenpositionen werden nicht markiert oder korrigiert. Insofern kann der Wahl-O-Mat keine valide "Empfehlung" produzieren, sondern bietet einen ersten Einstieg in eine issue-orientierte Auseinandersetzung mit den zur Wahl stehenden Parteien und ihren Positionen.

Fußnoten

14.
Vgl. zur Methode und den Ergebnissen der Befragungen die Seite der Wahl-O-Mat-Forschung an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, online: www.uni-duesseldorf.de/wahl-o-mat.
15.
Bei dem Bundestags-Wahl-O-Mat sind diese Informationen über eine Million Mal aufgerufen worden; vgl. Fakten zum Wahl-O-Mat, online: www.bpb.de/methodik/KZ6IKY,0,Fakten_ zum_WahlOMat.html (20.11.2010).
16.
Dabei profitiert keine einzelne Partei signifikant von diesen Bewegungen, da sie sich zwischen den Parteien neutralisieren.
17.
Vgl. Stefan Marschall/Christian K. Schmidt, Preaching to the Converted or Making a Difference? Mobilizing Effects of an Internet Application at the German Elections 2005, in: David Farrell/Rüdiger Schmitt-Beck (eds.), Non-Party Actors in Electoral Politics: The Role of Interest Groups and Independent Citizens in Contemporary Election Campaigns, Baden-Baden 2008.
18.
16 Prozent der Wahl-O-Mat-Nutzer zur Bundestagswahl stufen sich selbst als politisch desinteressiert ein.
19.
Die Nutzerinnen und Nutzer können Thesen markieren, die ihnen "wichtig" sind. Eine weitere Abstufung ist bislang nicht möglich.

Universität Düsseldorf

Wahl-O-Mat Forschung

Der Wahl-O-Mat wird seit Anfang an wissenschaftlich begleitet und sein Einsatz untersucht. Auf diesen Seiten präsentiert die Universität Düsseldorf ihre Forschungsergebnisse zum Wahl-O-Mat.

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