A distant view of London's Canary Wharf financial district, Tuesday Aug. 17, 2010. (AP Photo/Lefteris Pitarakis)

8.5.2012 | Von:
Stormy-Annika Mildner

Ursachen der Finanzkrise: Ein Blick in die USA

In this March 27, 2009 file photo, the Federal Reserve Building on Constitution Avenue in Washington. Banks borrowed slightly less from the Federal Reserve's emergency lending program over the past week, and reduced their use of other credit programs designed to ease the financial crisis. (ddp images/AP Photo/J. Scott Applewhite, file)Das Gebäude der US-Notenbank Fed in Washington. Anders als die EZB hat die Fed ein doppeltes Mandat: Preisstabilität und Vollbeschäftigung. (© picture-alliance/AP)
Niedrige Zinsen zusammen mit der Möglichkeit, Hypothekenrisiken durch Verbriefung (Securitization) und den Handel von strukturierten Wertpapieren (Asset-backed Securities, ABS, forderungsbesicherte Anleihen) weiterzureichen, beförderten nicht nur die Entstehung einer Immobilienblase in den USA, sondern auch eine Lockerung von Kreditvergabestandards und die Vergabe von Hypoheken an Kreditnehmer geringer Bonität (Subprime Loans). Bei manchen dieser zweitklassigen Darlehen bestand die Sicherheit allein darin, dass die Kreditnehmer ihre Schulden mit dem Hauswert würden refinanzieren können, nicht jedoch in einer davon unabhängigen Rückzahlungsfähigkeit. Zudem konnten Finanzinstitute dank der niedrigen Zinsen immer größere Geschäfte mit immer geringerem Eigenkapitaleinsatz tätigen – es kam zu einem Leverage-Effekt (Hebelwirkung).[7] Gleichzeitig wurde für breite Schichten der Bevölkerung sowohl der kurzfristige Konsum "auf Pump" als auch der Kauf beziehungsweise die Beleihung von Eigenheimen überaus attraktiv. Mit dem Immobilienboom ging eine gefühlte Vermögenssteigerung der privaten Haushalte einher – dies förderte den privaten Konsum und das Wirtschaftswachstum. Zu mehr als 70 Prozent basierte die Wirtschaftsleistung in den USA vor der Krise auf dem Binnenkonsum. Die Schattenseite war eine enorme private Verschuldung: 2007 lag die Verschuldung der privaten Haushalte im Verhältnis zum verfügbaren Einkommen bei 137 Prozent. Dass dieses Modell nur so lange funktionieren kann, wie die Immobilienpreise steigen und Zinsen niedrig bleiben, wurde von fast allen Marktteilnehmern ignoriert. Rückblickend überrascht es kaum, dass viele Haushalte in Zahlungsschwierigkeiten gerieten, als die Fed die Zinsschraube 2006 deutlich anzog – insbesondere da viele der von ihnen gehaltenen Kredite flexible Zinssätze hatten, also analog zum Leitzins stiegen.

Marktversagen auf den Finanzmärkten: Übermäßige Risikofreudigkeit

Angeheizt durch die steigende internationale Konkurrenz und die Deregulierungspolitik der 1990er Jahre entwickelte der Finanzsektor immer neue Finanzprodukte, neben den Asset-backed Securities vor allem die Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS), mit denen Kreditrisiken abgesichert werden können. Der Sekundärmarkt für Hypothekenkredite sorgte im Finanzsektor für hohe Erträge, beförderte zugleich aber auch eine Entkopplung von Kreditgebern und Kreditnehmern. In der Konsequenz wurden Risiken entweder ignoriert oder verschleiert.

Als Käufer der ABS dienten zumeist von den Instituten gegründete Finanzierungszweckgesellschaften, sogenannte Structured Investment Vehicles (SIV). Diese Zweckgesellschaften waren so konstruiert, dass die Institute sie nicht in ihrer Bilanz aufführen, und demnach auch die Risiken nicht in ihre Bücher aufnehmen mussten. Indem sie ihre Risikogeschäfte in Zweckgesellschaften auslagerten, konnten Banken die Eigenkapitalrichtlinien Basel I und Basel II umgehen: Diese schrieben vor, dass Banken ständig ein Minimum an Eigenkapital – acht Prozent ihrer risikogewichteten Vermögenswerte – halten müssen. Die Konsequenz dieser Risikoverschiebung waren sinkende Transparenz und deutlich erschwerte Bedingungen für die Aufsichtsbehörden. Die dem Geschäftsmodell der Zweckgesellschaften inhärenten Risiken wurden dabei ebenfalls weitgehend vernachlässigt: Die SIVs liehen sich kurzfristig Geld und gingen gleichzeitig langfristige Zahlungsverpflichtungen ein. Der Gewinn lag in der Zinsdifferenz – angesichts der sprudelnden Liquidität an den Kreditmärkten ein vermeintlich risikoarmes Geschäft. Gleichwohl machte gerade die Notwendigkeit einer stetigen kurzfristigen Refinanzierung die SIVs besonders anfällig gegenüber plötzlichen finanziellen Verwerfungen.

Investmentbanker erlagen zudem dem Trugschluss, mittels hochkomplizierter mathematischer Optimierungsverfahren das Risiko der neuen Anlageinstrumente und Zweckgesellschaften nahezu beseitigt zu haben. Zwar berücksichtigten ihre Modelle durchaus die Möglichkeit eines Einbruchs der Immobilienpreise, doch basierten die Berechnungen auf historischen Erfahrungswerten. Mit einem Wertverlust auf den Immobilienmärkten, wie er letztendlich eintrat, hatte kaum jemand gerechnet. Jahrelang hohe Wachstumsraten und Wertsteigerungen vermittelten ein trügerisches Gefühl von Sicherheit, und nur wenige Ökonomen wie der Amerikaner Nouriel Roubini warnten vor den Risiken im Finanzsystem. Beflügelt wurde das risikofreudige Verhalten durch die Vergütungspolitik in den Banken. Motiviert durch die Aussicht auf hohe Bonuszahlungen im Erfolgsfall verfolgten Bankmanager im Vorfeld der Krise besonders risikoreiche Unternehmensstrategien. Kurzfristige Gewinnmaximierung war wichtiger als langfristige finanzielle Nachhaltigkeit. In der Folge bildeten Banken Rücklagen, die für mögliche Kreditausfälle nicht ausreichten und tätigten immer größere Geschäfte mit immer geringerem Eigenkapitaleinsatz.

Fußnoten

7.
U.S. Government Accountability Office (GAO), Financial Market Regulation: Financial Crisis Highlights Need to Improve Oversight of Leverage at Financial Institutions and across System, GAO-09-739, 22.7.2009, (eingesehen am 7.3.2012)

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