bpb-Publikationen

18.6.2003

5.2 Kryptografie

Kryptografie und Demokratie

"Die vielfältigen menschlichen Bedürfnisse und Wünsche, die zwischen zwei oder mehreren Menschen nach einer Privatsphäre inmitten des Soziallebens verlangen, müssen überall dort, wo Menschen leben und schreiben, zwangsläufig zur Kryptografie führen." (David Kahn, The Codebreakers)

Im Zeitalter des "gläsernen Menschen", dessen Daten nicht nur von verschiedensten Institutionen gesammelt, sondern auch unter Verschluss gehalten werden und dabei unerreichbar, unkontrollierbar und für den Einzelnen nicht steuerbar sind, erlangt die Privatsphäre eine neue Bedeutung. Die Ironie hierbei ist, dass genau diejenigen, die Kryptografie zum Schutz der Privatsphäre fordern, denselben Forschern und Institutionen vertrauen müssen, die auch die Methoden zur Erschaffung des gläsernen Menschen entwickelt haben.

Beim Thema Teledemokratie wird klar, dass Kryptografie und Demokratie einen engen Bezug zueinander haben. Die Bevölkerung kann ihre Reaktionen auf bestimmte staatliche Institutionen und Entscheidungen bereits vielfach im Internet abgeben. Viele bürokratische Pflichten können ebenfalls über das Internet erfüllt werden. Am 8. Februar 2000 wurden die weltweit ersten Wahlen via Internet durchgeführt, die Wahlen des Studentenausschusses an der Universität Osnabrück.[8] Das Projekt namens i-vote (www.internetwahlen.de), das eine Vorlaufzeit von 10 Monaten hatte, schrieb Geschichte. Um ein korrektes Ergebnis zu erzielen, wurden – ähnlich wie bei der digitalen Signatur – mehrere verschiedene Verschlüsselungsprozesse gleichzeitig eingesetzt. Des weiteren wurden eine Blende zur Anonymisierung der Stimme und ein virtueller Stimmzettel verwendet, der ebenfalls verschlüsselt werden musste, da einfache E-Mails zurückverfolgt werden können. Die Verwendung von Kryptografie in einer Teledemokratie hat sich als unumgänglich erwiesen. Aber wird dadurch im Gegenzug auch die Entwicklung der Kryptografie geöffnet und demokratisiert werden? Oder ist eher zu erwarten, dass staatliche Einschränkungen und Kontrollen dann noch weiter verschärft werden?

Der Algorithmus als Code nimmt die Verschlüsselung vorweg. Als Alan Turing an seiner als Turing-Maschine bekannt gewordenen Variation des Perpetuum mobile arbeitete, schwebte ihm ein Computer vor, dessen Konstruktion nicht unabhängig von den mit ihm durchgeführten Arbeitsprozessen sein sollte, sondern von diesen ständig beeinflusst und neu gestaltet wurde. Die Maschine wurde so gewissermaßen zu ihrem eigenen Algorithmus – was eine Neuinterpretation von Dialektik erforderlich machte. Nicht zuletzt deswegen hat die Turing-Maschine das philosophische Denken inspiriert.

Genau hier berührt die theoretische Arbeit zu Verschlüsselungssystemen die Frage nach der modernen Demokratie, die Unterscheidung zwischen privat und öffentlich, indem der Anwender immer Teil des technischen Arrangements wird: Die lange verwendeten Begriffe rund um Demokratie sind im Zusammenhang mit Kryptographie nicht mehr brauchbar. Man könnte sagen, das Internet sei eine private Angelegenheit. Mit demselben Anspruch auf Richtigkeit ließe sich das Gegenteil behaupten. Dennoch sind beide Sätze falsch. Niemals kann man im Internet gänzlich privat sein; ebenso wenig öffentlich im klassischen Sinne. Der virtuelle Raum lässt beides nicht mehr zu. Die ursprünglich gängigen Begriffe und deren ursprüngliche Bedeutungen lösen sich im virtuellen Raum bis zur Unkenntlichkeit auf.

Die Kryptografie, die zum Schutz der Privatsphäre eingesetzt wird, kann keine absolute Privatsphäre gewährleisten, da ihre Entwicklung beständig von der großen Gefahr eines Entschlüsselungsversuchs überschattet wird. Spätestens mit dem bereits entstehenden Quantencomputer werden die Muster der verschlüsselten Information nicht mehr sichtbar sein. Gleichzeitig scheinen die genauen Bedeutungen von sozialen Beziehungen zu verschwimmen. Die Demokratie braucht etwas, worauf sie sich stützen kann, einen Bezugsrahmen, genau wie sie das Private und das Öffentliche braucht. Dennoch entspringt der Bedarf an Kryptografie, Information und Entschlüsselung unserem Bedürfnis nach Privatsphäre einerseits und unserer Neugierde andererseits. Dabei gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Schutz der Privatsphäre und der Geheimhaltung: "Die Privatsphäre ist für eine offene Gesellschaft im elektronischen Zeitalter notwendig. Privatsphäre ist nicht gleichzusetzen mit Geheimhaltung. Eine Privatangelegenheit ist etwas, bei dem man nicht will, dass es die ganze Welt weiß, aber eine geheime Angelegenheit ist etwas, von dem man nicht will, dass es irgendjemand weiß. Privatsphäre ist die Macht, sich der Welt selbstbestimmt und selektiv zu öffnen."[9]

Fußnoten

8.
www.politik-digital.de/e-demokratie/forschung/wahlen.shtml
9.
Cypherpunk´s Manifesto, http://www.activism.net/cypherpunk/manifesto.html