bpb-Publikationen

10.12.2002

Qualitative Aspekte der Bildsprache

Die bpb-Studie zur Nahostberichterstattung untersucht das Bild vom Nahen Osten in den Hauptnachrichten der vier größten deutschen Fernsehsender ARD/Das Erste, ZDF, RTL und SAT.1.

Qualitative Aspekte der Bildsprache in der Fernsehberichterstattung über den Nahostkonflikt ergeben sich ansatzweise durch Dekonstruktion des Nahostbildes in den Nachrichten. Dabei stellen sich folgende Fragen:
  • Welche Bilder vom Nahostkonflikt werden häufig gezeigt und prägen somit das Vorstellungsbild vom dortigen Geschehen besonders stark?
  • In welchen Formen, für welche Zwecke werden diese Bilder verwendet?
  • Welche Bedeutung kann diesen Bildern zugeschrieben werden?
  • Welche Assoziationen können diese Bilder in bezug zu den Konfliktparteien auslösen?
Sichtet man das Videomaterial daraufhin und registriert die häufigen und auffälligen Bildsequenzen, zeichnen sich zwei Aspekte ab, unter denen diese Fragen behandelt werden können. Zum einen lässt sich eine Instrumentalisierung bestimmter Bildsymbole beobachten, die als Mittel der Nachrichtendramaturgie eingesetzt werden. Zum anderen begünstigen die wenigen wiederkehrenden Bildsequenzen die Entstehung impliziter Wertungen durch semantische Eigenwerte dieser Bilder als Konfliktelemente.

Bilder der formalen Nachrichtendramaturgie
Die Nahostberichterstattung wird im Zuge der langfristigen Konfliktentwicklung zunehmend von Gewaltereignissen bestimmt. Die Fernsehsender steigern daraufhin nicht nur den Berichterstattungsumfang, sondern sie reagieren auf die Konflikteskalation auch in formal-ästhetischer Hinsicht, indem sie die Konfliktparteien mit typischen Symbolen versehen und dem Thema Nahostkonflikt im Ablauf der Nachrichtensendung ein eigenständiges "Gesicht" geben. Dies vollzieht sich auf der Ebene der Nachrichtengestaltung und dient dazu, dem Thema eine leichte Wiedererkennbarkeit zu verleihen.

Die Sender unterscheiden sich deutlich in der Wahl ihrer Gestaltungselemente. Zur Unterstützung von Meldungen in thematischer und geografischer Hinsicht sowie zur Stimulation der Aufmerksamkeit ganz allgemein, hebt sich vor allem die Tagesschau von allen übrigen Nachrichtensendungen durch Verzicht auf spezielle Konfliktsymbole ab.

Die Tagesschau verwendet fast ausschließlich die Landkarte zur geografischen Orientierung, die anderen Sender bevorzugen dagegen Symbole zur thematischen Orientierung. ZDF, RTL und SAT.1 verwenden häufig Bildsymbole. Soweit es sich hierbei um Hintergrundbilder der Nachrichtenpräsentation im Studio handelt, finden sich beim ZDF häufig Personenfotos oder Flaggen. Bei zunehmender Eskalation des Konflikts steigt auch der symbolische Bezug auf Gewalt. Bei RTL und SAT.1 finden sich dann hauptsächlich Nationalembleme, Panzer, lodernde Feuer, Porträts der Kontrahenten.

Mit diesen Symbolen wird der Nahostkonflikt als Thema visuell etikettiert und die Dramatik des Geschehens akzentuiert. Den jeweils eigenen stilistischen Konzepten der Sender entsprechend, wird das Thema nach formal-ästhetischen und dramaturgischen Regeln der Nachrichtenpräsentation ausgestaltet. Die Reduzierung des Konflikts auf Gewalt geht einher mit einer Reduzierung auf eine vereinfachende Symbolsprache, die ein leichtes Verständnis bei schneller Abfolge wechselnder Nachrichten ermöglicht. Das Repertoire dieser Ästhetisierung wird vor allem von archaischen Elementen geprägt. wenn mit Feuer und Rauch, Flaggen und religiösen Symbolen ein verkürztes Szenario des Kampfes geschaffen wird.

Stereotype Bilder
Im Blick auf die filmische Darstellung des Konflikts lassen sich weitere Überlegungen zur stereotypen Symbolsprache anführen. Von Interesse sind dabei vor allem solche Filmsequenzen, die über das Faktische hinaus starken emotionalen Gehalt haben und implizite Wertungen fördern können. Hier erscheint die Annahme vertretbar, dass die Nachrichtenbeiträge zum Nahostkonflikt aufgrund des knappen Zeitrahmens sowie der hohen Periodizität der Darstellung von ähnlichen Situationen an gleichen Schauplätzen zwangsläufig zur Stereotypisierung des Konflikts tendieren.

Ordnet man den Bildern, die in der Nahostberichterstattung am häufigsten erscheinen, Bedeutungen zu und stellt sie in einen Zusammenhang mit den Konfliktparteien, gelangt man auch hierbei wieder zu der typischen Asymmetrie der Konfliktstruktur. Je stärker die Bilder Affekte hervorrufen, desto nachhaltiger dürfte auch ihre Botschaft wirken. Je stärker diese Bilder an menschliche Grundwerte wie Gerechtigkeit, Mut, Schutz der Schwachen, Vergeltung für Opfer, Bestrafung des Aggressors rühren, desto wahrscheinlicher dürften beim Zuschauer Reaktionen der Identifikation und der Empathie ausgelöst werden. Insofern "funktionieren" diese Bilder nach ähnlichen Regeln, wie sie für die Dramaturgie im fiktionalen Drama gelten.

Unter diesen Bedingungen kommt es darauf an, wer die "Opfer-Bilder" für sich besetzen kann und wem die "Aggressor-Bilder" zugeschrieben werden. Der Kampf um die Bilder in der Nahostberichterstattung des Fernsehens ist somit von erheblicher Bedeutung für eine Kommunikationsstrategie, die auf die internationale Meinungsbildung Einfluss nehmen möchte. Zur Reihe der charakteristischen Bildstereotypen im Nahostkonflikt gehören auch die Darstellungen diplomatischer Aktivitäten. In diesen Bildern findet der Zuschauer die gewohnten Rituale internationaler Gipfeltreffen und Staatsbesuche wieder.

In einem ersten explorativen Ansatz wird versucht, den typischen Bildinhalten der Berichterstattung über den Nahostkonflikt Bedeutung und Funktion zuzuschreiben.


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