bpb-Publikationen

10.12.2002

Zielsetzung und methodische Anlage der Studie

Die bpb-Studie zur Nahostberichterstattung untersucht das Bild vom Nahen Osten in den Hauptnachrichten der vier größten deutschen Fernsehsender ARD/Das Erste, ZDF, RTL und SAT.1.

Die bpb-Studie zur Nahostberichterstattung untersucht das Bild vom Nahen Osten in den Hauptnachrichten der vier größten deutschen Fernsehsender ARD/Das Erste, ZDF, RTL und SAT.1. Nicht nur das wissenschaftliche und politische Interesse an der journalistischen Behandlung dieses Themas in der außenpolitischen Berichterstattung, sondern auch die in der deutschen Gesellschaft vermuteten Einflüsse dieser Berichterstattung auf das Bild Israels in Deutschland bieten Anlass zu einer solchen Untersuchung. Der Nahostkonflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn, insbesondere den Palästinensern, ist seit Jahren ein Dauerthema der Auslandsberichterstattung in den Fernsehnachrichten. Je mehr sich die Fernsehpräsenz dieser Länder hauptsächlich auf die Darstellung militanter Konflikte beschränkt, desto wahrscheinlicher erscheint es, dass auch die Vorstellungen von diesen Ländern und die Sympathien ihnen gegenüber beeinflusst werden können. Schon wegen der besonderen deutsch-israelischen Beziehungen erhält dieses Thema in der Bundesrepublik einen hohen Stellenwert.

Während der langfristigen Berichterstattung aus dem Krisengebiet Nahost hat es in Israel nicht nur wechselnde Ereigniskonstellationen und Regierungen mit unterschiedlichen Zielen gegeben, sondern auch die internationale Aufmerksamkeit und die direkte Beteiligung an Friedensinitiativen seitens der USA und anderer Länder einschließlich Deutschlands haben gegenüber den Konfliktparteien wechselnde Stimmungen und Zukunftserwartungen begünstigt. Will man diese Entwicklung und die Berichterstattung darüber in einer größeren Perspektive aufzeigen, ist eine systematische Analyse erforderlich, die den einzelnen Faktoren bei der Entstehung der Berichterstattung ebenso wie dem prozessualen Verlauf der Ereignisse Rechnung trägt

Die untersuchungsleitenden Fragestellungen lauten:
  • Welchen quantitativen Stellenwert hat der Nahostkonflikt in Relation zu anderen Ereignissen in der aktuellen Berichterstattung deutscher Fernsehnachrichten?
  • Welche Ereignisse führen zu einem Anstieg der Berichterstattung? Zeigt sich langfristig ein Wandel in der Darstellung des Nahen Ostens und in der journalistischen Behandlung dieses Themenkomplexes? Wenn ja, worin besteht er, und mit welchen ereignisbezogenen und politischen Zusammenhängen korrespondiert der Wandel?
  • Lassen sich in der Berichterstattung Tendenzen zur Parteilichkeit gegenüber den Konfliktparteien erkennen? Wie stark ist der Differenzierungsgrad in der Darstellung der Konfliktparteien? Werden diese auf nationale Stereotypen reduziert, personalisiert? Wird ihre innenpolitische Differenziertheit erkennbar?
  • Welche Rolle spielen die Ereignisse als Hintergrund für eine Bildsprache durch Symbole? Welche Bedeutung könnte man dem Symbolgehalt geben? Welche Folgen resultieren daraus für die politischen Akteure im Nahostkonflikt?
  • Gibt es Hinweise auf eine Präsentationslogik der Fernsehnachrichten, die unabhängig vom Nahostkonflikt ist und bei ähnlichen Konflikten zu ähnlichen Merkmalen in der Berichterstattung führen würde?
Das Fernsehprogramm weist ein breites Spektrum an Formaten auf, in dem eine Behandlung des Themas Nahost wie auch anderer Themen in unterschiedlichen journalistischen Stilformen und Intentionen anzutreffen ist. Für die Untersuchungsanlage empfiehlt es sich daher, das Thema Nahost in allen möglichen Erscheinungsformen im Blick zu behalten.

Unter den verschiedenen Sendungsformen, in denen das Thema Nahost behandelt werden kann, nehmen die Nachrichten eine zentrale Rolle ein. Sie tragen am meisten dazu bei, durch den kontinuierlichen Fluss der Bilder die Vorstellungen eines breiten Publikums vom Geschehen im Nahen Osten maßgeblich zu prägen. Die Zuschauer betrachten die Nachrichten als wichtigste Informationsangebote, auf die sie am wenigsten verzichten würden.

Untersuchungsgegenstand für die systematische Analyse sind die Hauptnachrichten der vier großen deutschen Fernsehprogramme mit höchster Zuschauerquote.

Übersicht 1: Hauptnachrichten als Gegenstand der Inhaltsanalyse

 Sender
Sendetitel
Sendezeit
Zuschauer in Mio (2001)
 ARD
Tagesschau
20.00-20.15 Uhr
5,76
ZDF
heute
19.00-19.20 Uhr
 4,62
 RTL
RTL aktuell
18.45-19.05 Uhr
3,81
 SAT.1
18:30
18.30-18.50 Uhr
1,99
* Quelle: Darschin, Wolfgang/Heinz Gerhard: Tendenzen im Zuschauerverhalten. Fernsehgewohnheiten und Programmbewertungen 2001. In: Media Perspektiven 4/2002, S. 160.

Der Untersuchungszeitraum umfasst die vollen Jahre 1999, 2000 und 2001. Um die jüngsten Veränderungen in der Krisenregion Nahost und im internationalen Politikprozess möglichst zeitnah mitberücksichtigen zu können, ist der Untersuchungszeitraum auf das erste Quartal 2002 ausgedehnt worden.

Übersicht 2: Untersuchungszeitraum

 Jahr
Monate
1999
1-12
2000
1-12
2001
1-12
 2002
1-03


Insgesamt wird damit ein mehr als dreijähriger Entwicklungsprozess mit unterschiedlichen Ereignissituationen und Berichterstattungsanlässen berücksichtigt.

Ausgangsbasis der Analyse war eine Datenbank mit allen Nachrichtenbeiträgen, die in den vier Hauptnachrichtensendungen im Untersuchungszeitraum ausgestrahlt wurden. Aus dieser Datenbank mit 75.316 Beiträgen lassen sich anhand von Suchbegriffen 1.951 Beiträge mit Nahostbezug herausfiltern. Insgesamt entfallen damit auf das Thema Nahost 2,6 Prozent aller Nachrichtenbeiträge.

Übersicht 3: Untersuchungsbasis: Nachrichtenbeiträge Gesamt und Beiträge mit Nahostbezug

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Auf der 1. Stufe erfolgt eine quantitative Strukturanalyse als Vollerhebung des Angebotsumfangs und seiner Verteilung über die Jahre 1999 bis Ende 2001. Sie dient zur Beschreibung des Umfangs und der Strukturen der Berichterstattung anhand formaler, präsentationsbezogener und inhaltlicher Merkmale.

Die 2. Stufe der Analyse basiert auf Programmaufzeichnungen und umfasst 891 Nachrichtenbeiträge. Untersucht werden unter anderem die Darbietungsformen der Nahostbeiträge, explizite journalistische Wertungen, die Merkmale der Akteure, ihre Rollen als Konfliktparteien, ihre sichtbaren Handlungsformen.

Die 3. Stufe der Analyse befasst sich mit Zusammenhängen zwischen Konfliktstruktur, Konfliktrollen und dem symbolischen Transfer in der Nahostberichterstattung. Hierbei geht es vor allem um symbolische Bedeutungen und Rollenstereotype der Konfliktakteure. In diesem Untersuchungsschritt werden die am häufigsten vermittelten Bilder vom Nahostkonflikt nach ihrem symbolischen Eigenwert unterschieden, um werthaltige und emotional stimulierende Elemente der Berichterstattung in Beziehung zu den Konfliktparteien interpretieren zu können.


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