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(Spät-)Aussiedler aus den postsowjetischen Staaten

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(Spät-)Aussiedler aus den postsowjetischen Staaten

Jannis Panagiotidis Robert Kindler René Kreichauf Laura Sūna Gesine Wallem Anna Flack Kornelius Ens Viktor Krieger Natalja Salnikova Rita Sanders

/ 44 Minuten zu lesen

Russlanddeutsche stellen den größten Anteil der (Spät-)Aussiedler dar. Ihre strukturelle Integration gilt inzwischen als gelungen. ihre Lebenswirklichkeit ist geprägt von Teilhabe an der bundesdeutschen Gesellschaft bei einem gleichzeitigen Bewusstsein um die eigene Herkunft und fortbestehender emotionaler und kultureller Verbundenheit zur "alten Heimat".

Zarin Katharina II. (die Große) als Gesetzgeberin. Gemälde von Dimitri Grigorjewitsch Lewizki. (© akg-images)

Die zahlenmäßig größte und bis heute sichtbarste Gruppe von (Spät-)Aussiedlern sind die sogenannten Russlanddeutschen und ihre Angehörigen. Anders, als die Bezeichnung Russlanddeutsche nahelegt, stammen sie nicht nur aus dem Gebiet der Russischen Föderation, sondern sind in vielen Fällen auch aus anderen postsowjetischen Staaten, vor allem Kasachstan, in die Bundesrepublik eingewandert.

Geschichte der Russlanddeutschen

Jannis Panagiotidis

Als "Russlanddeutsche" werden die Nachfahren von Siedlern aus dem deutschsprachigen Mitteleuropa bezeichnet, die sich seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in verschiedenen Regionen des Russischen Reiches niedergelassen hatten. Als Sammelbezeichnung gibt es diesen Begriff erst seit dem 20. Jahrhundert. Zuvor standen die konfessionellen und regionalen Unterschiede zwischen den evangelischen, katholischen und mennonitischen Kolonisten an der Wolga, im Schwarzmeergebiet, in Wolhynien, im Kaukasus und in anderen Regionen des Russischen Reiches im Vordergrund. Hinzu kamen die deutschsprachigen Bewohnerinnen und Bewohner von Städten wie Moskau und St. Petersburg.

Die Vorstellung eines einheitlichen "Russlanddeutschtums" war gleichermaßen Produkt der sowjetischen Nationalitätenpolitik wie der deutsch-völkischen Vorstellungen der Zwischenkriegszeit. Die geteilte Verfolgungs- und Diskriminierungserfahrung vor allem in der Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg führte zur Entstehung einer realen russlanddeutschen "Schicksalsgemeinschaft". Heute lebt der Großteil der Nachfahren der Kriegsgeneration als (Spät-)Aussiedler in der Bundesrepublik Deutschland.

Die Geschichte der Russlanddeutschen ist eine Geschichte von intensiver Mobilität in Raum und Zeit – eine Migrationserfahrung über mehrere Generationen. Auf die ursprüngliche Ansiedlung in den weitgehend autonomen und durch den russischen Staat privilegierten Kolonien im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert folgten Wanderungen innerhalb des Russischen Reiches und jenseits seiner Grenzen.

1763 erließ die Zarin Katharina die Große ein Manifest, das ausländische Siedler insbesondere aus dem vom Siebenjährigen Krieg betroffenen deutschsprachigen Mitteleuropa anzog. Diese ließen sich an der Wolga nieder. Ab den 1780er-Jahren entstanden dann auch deutschsprachige Ansiedlungen (Kolonien) im Schwarzmeergebiet (heutige Ukraine und Südrussland), welches das Russische Reich in den Jahren zuvor erobert hatte. Gemeinsam war den Siedlern der Wolga- und Schwarzmeerkolonien, dass sie umfangreiche Privilegien und Autonomierechte genossen, darunter Landbesitz (den leibeigene russische Bauern nicht hatten), dreißigjährige Steuerfreiheit, Religionsfreiheit und Freistellung von der Wehrpflicht.

QuellentextManifest der Zarin Katharina II. vom 22. Juli 1763

Von Gottes Gnaden Wir Catharina die Zweite, Zarin und Selbstherrscherin aller Reußen zu Moskau, Kiew, Wladimir, Nowgorod, Zarin zu Casan, Zarin zu Astrachan, Zarin zu Sibirien, Frau zu Pleskau und Großfürstin zu Smolensko, Fürstin zu Esthland und Lifland, Carelien, Twer, Jugorien, Permien, Wjatka und Bolgarien und mehr anderen; Frau und Großfürstin zu Nowgorod des Niedrigen Landes, von Tschernigow, Resan, Rostow, Jaroslaw, Belooserien, Udorien, Obdorien, Condinien, und der ganzen Nord-Seite, Gebieterin und Frau des Jurischen Landes, der Cartalinischen und Grusinischen Zaren und Cabardinischen Landes, der Tscherkessischen und Gorischen Fürsten und mehr anderen Erb-Frau und Beherrscherin. […]
Verstatten Wir allen Ausländern, in Unser Reich zu kommen, um sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gefällig, häuslich niederzulassen. […]

Damit aber die Ausländer, welche sich in Unserem Reiche niederzulassen wünschen, gewahr werden müssen, wie weit sich Unser Wohlwollen zu ihrem Vorteile und Nutzen erstrecke, so ist, dieser Unser Wille:

  1. Gestatten Wir allen in Unser Reich ankommenden Ausländern unverhindert die freie Religions-Übung nach ihren Kirchen-Satzungen und Gebräuchen; denen aber, welche nicht in Städten, sondern auf unbewohnten Ländereyen sich besonders in Colonien oder Landflecken nieder zu lassen gesonnen sind, erteilen Wir die Freyheit, Kirchen und Glocken-Türme zu bauen und dabey nöthige Anzahl Priester und Kirchendiener zu unterhalten, nur einzig den Klosterbau ausgenommen. […]

  2. Soll keiner unter solchen zur häuslichen Niederlassung nach Rußland gekommene Ausländer an unsere Cassa die geringsten Abgaben zu entrichten, und weder gewöhnliche oder außerordentliche Dienste zu leisten gezwungen, noch Einquartierung zu tragen verbunden, sondern mit einem Worte, es soll ein jeder von aller Steuer und Auflagen folgendermaßen frey sein: diejenigen nehmlich, welche in vielen Familien und ganzen Colonien eine bisher noch unbekannte Gegend besetzen, genießen dreyßig Frey-Jahre; die sich aber in Städten niederlassen und sich entweder in Zünften oder unter der Kaufmannschaft einschreiben wollen, […] haben fünf FreyJahre zu genießen. […]

  3. Allen zur häuslichen Niederlassung nach Rußland gekommenen Ausländern, die entweder zum Kornbau und anderer Handarbeit, oder aber Manufacturen, Fabriken und Anlagen zu errichten geneigt sind, wird alle hülfliche Hand und Vorsorge dargeboten […].

  4. Zum Häuser-Bau, zu Anschaffung verschiedener Gattung im Hauswesen benöthigten Viehes, und zu allerley wie beym Ackerbau, also auch bey Handwerken, erforderlichen Instrumenten, Zubehöre und Materialien, soll einem jeden aus unserer Cassa das nöthige Geld ohne alle Zinsen vorgeschossen, sondern lediglich das Kapital, und zwar nicht eher als nach Verfließung von zehn Jahren zu gleichen Theilen gerechnet, zurück gezahlt werden.

  5. Wir überlassen denen sich etablirten ganzen Colonien oder Landflecken die innere Verfassung der Jurisdiction ihrem eigenen Gutdünken, solcher-gestalt, daß die von Uns verordneten obrigkeitlichen Personen an ihren inneren Einrichtungen gar keinen Antheil nehmen werden, im übrigen aber sind solche Colonisten verpflichtet, sich Unserem Civil-Recht zu unterwerfen. […].

  6. Einem jeden Ausländer, der sich in Rußland niederlassen will, gestatten Wir die völlige zollfreie Einfuhr seines Vermögens, es bestehe dasselbe worinn es wolle, jedoch mit dem Vorbehalte, daß solches Vermögen in seinem eigenen Gebrauche und Bedürfnis, nicht aber zum Verkaufe bestimmt sey. […].

  7. Solche in Rußland sich niederlassende Ausländer sollen während der ganzen Zeit ihres Hierseins, außer dem gewöhnlichen Land-Dienste, wider Willen weder in Militär noch Civil-Dienst genommen werden; ja auch zur Leistung dieses Land-Dienstes soll keines eher als nach Verfließung obangesetzter Freyjahre verbunden seyen: […]

  8. Sobald sich Ausländer in der für sie errichteten Tütel-Canzley oder sonst in Unsern Gränz-Städten gmeldet und ihren Entschluß eröffnet haben, in das Innerste des Reiches zu reisen, und sich daselbst häuslich niederzulassen, so bald werden selbige auch Kostgeld, nebst freyer Schieße an den Ort ihrer Bestimmung bekommen.

  9. Wer von solchen in Rußland sich etablirten Ausländern dergleichen Fabriken, Manufacturen und Anlagen errichtet, und Waaren daselbst verfertigt, welche bis dato in Rußland noch nicht gewesen, dem gestatten Wir, dieselben Zehn Jahre hindurch, ohne Erlegung irgend einigen inländischen See- oder Gränze-Zolles frey zu verkaufen, und aus Unserm Reiche zu verschicken.

  10. Ausländische Capitalisten, welche auf ihre eigenen Kosten in Rußland Fabriken, Manufacturen und Anlagen errichten, erlauben Wir hiermit zu solchen ihren Manufacturen, Fabriken und Anlagen erforderliche leibeigene Leute und Bauern zu erkaufen. Wir gestatten auch:

  11. Allen in Unserm Reiche sich in Colonien oder Landflecken niedergelassenen Ausländern, nach ihrem eigenen Gutdünken Markt-Tage und Jahrmärkte anzustellen, ohne an Unsere Cassa die geringsten Abgaben oder Zoll zu erlegen.

Aller obengenannten Vorteile und Einrichtung haben sich nicht nur diejenigen zu erfreuen, die in Unser Reich gekommen sind, sich häuslich nieder zu lassen, sondern auch ihre hinterlassene Kinder und Nachkommenschaft, wenn sie auch gleich in Rußland geboren, solchergestalt, daß ihre Freyjahre von dem Tage der Ankunft ihrer Vorfahren in Rußland zu berechnen sind.

Nach Verfließung obangesetzter Freyjahre sind alle in Rußland sich niedergelassene Ausländer verpflichtet, die gewöhnlichen und mit gar keiner Beschwerlichkeit verknüpften Abgiften zu entrichten, und gleich Unsern anderen Unterthanen, Landes-Dienste zu leisten. […]

Gegeben zu Peterhof, im Jahre 1763 den 22ten Juli, im Zweyten Jahre Unserer Regierung

Das Original haben Ihre Kayserliche Majestät Allerhöchst eigenhändig folgendergestalt unterschrieben:

Gedruckt beym Senate den 25. Juli 1763

Externer Link: www.russlanddeutschegeschichte.de/geschichte/teil1/abwerbung/manifest22.htm

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden neue deutsche Kolonien im Kaukasus. In den 1870er-Jahren, als die Privilegien der Kolonien im Zuge der Großen Reformen des Zaren Alexander II. aufgehoben wurden und eine stärkere "Integration" der Kolonisten in die russische Gesellschaft angestrebt wurde, begann die Emigration von Russlanddeutschen aller Konfessionen nach Nord- und Südamerika. Ihre Nachkommen identifizieren sich zum Teil bis heute mit ihrer Herkunft und ihrem kulturellen Erbe als "Russlanddeutsche", "Wolgadeutsche" oder "Schwarzmeerdeutsche". Ab den 1890er-Jahren entstand eine Vielzahl neuer deutscher Dörfer in Sibirien und Kasachstan. Es handelte sich um Gebiete, welche damals verstärkt vom Russischen Reich erschlossen wurden. Russlanddeutsche migrierten also in westliche und östliche Richtung.

Die gewaltvollen Krisenjahre in Russland von 1914 bis 1921 markierten einen Wendepunkt in der Geschichte der Russlanddeutschen. Im Ersten Weltkrieg wurden sie aufgrund ihrer deutschen Herkunft und der daraus gefolgerten Sympathie für den Kriegsgegner von der zarischen Regierung als "innerer Feind" angesehen und verschiedenen Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt. Dazu gehörten Enteignungen und Deportationen. Nach der Revolution 1917, in Folge des Russischen Bürgerkriegs und der großen Hungersnot an der Wolga 1921/22, emigrierten gut 120.000 Russlanddeutsche nach Deutschland und in vielen Fällen von dort weiter nach Amerika.

Die große Mehrzahl der Russlanddeutschen blieb jedoch im Land und erlebte zunächst eine erneute Phase von relativer Autonomie im Rahmen der leninistischen Politik der kulturellen Förderung nationaler Minderheiten. In diesem Zusammenhang erfolgte im Jahr 1924 die Gründung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik (ASSR) der Wolgadeutschen. Im Zuge der Verschärfung der stalinistischen Herrschaft in den 1930er-Jahren gerieten die Deutschen, wie auch andere "Diasporaminoritäten", jedoch wieder zunehmend unter Druck und wurden Opfer gezielter "Operationen" – also massenhafter Inhaftierung und Ermordung – im Rahmen des "Großen Terrors" der Jahre 1937/38.

Der Zweite Weltkrieg setzte die zu jener Zeit im Lande verbliebenen circa 1,4 Millionen Russlanddeutschen endgültig in Bewegung. Etwa 900.000 von ihnen, die an der Wolga, auf der Krim, im Kaukasus und im Süden Russlands lebten, wurden kurz nach dem deutschen Überfall ab Ende August 1941 nach Osten deportiert; die ASSR der Wolgadeutschen wurde abgeschafft.

QuellentextErlaß des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Volga-Rayons leben“

Entsprechend glaubwürdigen Nachrichten, die die Militärbehörden erhalten haben, befinden sich unter der in den Volga-Rayons lebenden deutschen Bevölkerung Tausende und Zehntausende von Diversanten und Spionen, die nach einem aus Deutschland gegebenen Signal in den von den Wolgadeutschen besiedelten Rayons Sprenganschläge verüben sollen.
Über die Anwesenheit einer so großen Zahl von Diversanten und Spionen unter den Wolgadeutschen hat den Sowjetbehörden keiner der in den Volga-Rayons ansässigen Deutschen gemeldet, folglich verbirgt die deutsche Bevölkerung der Volga-Rayons in ihrer Mitte Feinde des Sowjetvolkes und der Sowjetmacht.

Im Falle von Diversionsakten, die auf Weisung aus Deutschland durch deutsche Diversanten und Spione in der Republik der Wolgadeutschen oder in den Rayons ausgeführt werden sollen, und im Falle, daß es zum Blutvergießen kommen wird, wird die Sowjetregierung entsprechend den zur Kriegszeit geltenden Gesetzen gezwungen sein, Strafmaßnahmen zu ergreifen.

Um aber unerwünschte Ereignisse dieser Art zu vermeiden und ernsthaftes Blutvergießen zu verhindern, hat das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR es für notwendig befunden, die gesamte deutsche Bevölkerung, die in den Volga-Rayons ansässig ist, in andere Rayons umzusiedeln, und zwar derart, daß den Umzusiedelnden Land zugeteilt und bei der Einrichtung in den neuen Rayons staatliche Unterstützung gewährt werden soll.

Für die Ansiedlung sind die an Ackerland reichen Rayons der Gebiete Novosibirsk und Omsk, der Region Altaj, Kazachstans und weitere benachbarte Gegenden zugewiesen worden.

Im Zusammenhang damit ist das Staatliche Verteidigungskomitee angewiesen worden, die Umsiedlung aller Wolgadeutschen und die Zuweisung von Grundstücken und Nutzland an die umzusiedelnden Wolgadeutschen in den neuen Rayons unverzüglich in Angriff zu nehmen.

Der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR
Gez. M. Kalinin

Der Sekretär des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR
Gez. A. Gorkin

Moskau, Kreml,
28. August 1941

Alfred Eisfeld/Victor Herdt, Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee: Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, S. 54 f.

Die Deportation beendete die hergebrachte Existenz der Kolonien und zerstörte mittelfristig Kultur und Sprache der Russlanddeutschen, da ihnen die Strukturen zu ihrem Erhalt genommen worden waren. Auf die Umsiedlung folgte für gut 350.000 Russlanddeutsche – Männer und Frauen – der Einzug in die sogenannte Arbeitsarmee (Trudarmija), wo sie Zwangsarbeit leisten mussten. Deportation und Arbeitseinsatz forderten laut dem Historiker Viktor Krieger gut 150.000 Todesopfer.

Die circa 340.000 Deutschen im Schwarzmeergebiet blieben hingegen zunächst von der Deportation verschont und gerieten unter deutsche Besatzungsherrschaft. In den Jahren 1943/44 wurden sie von den NS-Behörden in die von NS-Deutschland annektierten Teile Polens (den "Warthegau") umgesiedelt. Von dort flohen sie gegen Kriegsende vor der vorrückenden Roten Armee nach Westen. Die Mehrzahl von ihnen, bis zu 280.000 Personen, wurde von den sowjetischen Behörden "repatriiert". Das bedeutete Verbannung in dieselben Gebiete, in denen schon die Deportierten von 1941 als "Sondersiedler" lebten.

In der Verbannung entstand die "Schicksalsgemeinschaft" der Russlanddeutschen – in den Worten des ungarischen Schriftstellers György Dalos "eine homogene graue Masse, deren Kitt ihre ethnische Zugehörigkeit war. […] Es entstand ein merkwürdiges Deutschtum, ein Volk, aber keine Nationalität im Sinne der sowjetischen Gesetze – ein Volk, dessen Heimat statt der geografischen die imaginäre Bezeichnung ‚spezposelenije‘, Sondersiedlung, trug."

Bis 1955 lebten die verbannten Russlanddeutschen unter einem extrem restriktiven Mobilitätsregime, der sogenannten Kommandantur (Sonderkommandantur), welches sie zwang, an ihren Verbannungsorten zu bleiben. Nach Ende der Kommandantur migrierten viele zunächst innerhalb des asiatischen Teils der Sowjetunion, beispielsweise in die damals verstärkt besiedelten "Neuland"-Gebiete in Kasachstan. Die Russlanddeutschen wurden Teil der sich neu formierenden post-stalinistischen sowjetischen Gesellschaft. Viele heirateten Angehörige anderer Nationalitäten. Im Zuge dieser Integrationsprozesse und mangels Möglichkeiten, die deutsche Sprache in der Schule zu lernen, wurde das Russische zunehmend die dominante Sprache der jüngeren Generationen.

Trotzdem blieb ein Eigenbewusstsein als Deutsche erhalten – wegen der erlebten Verfolgung und zum Teil andauernden Stigmatisierung, aber auch wegen der Eintragung "nemec" (Deutscher) im sowjetischen Inlandspass. Delegationen von Aktivisten bemühten sich wiederholt durch Vorsprache im Kreml um die Wiederherstellung der Autonomen Republik an der Wolga. Andere kämpften um ihr Recht, in die Bundesrepublik Deutschland (oder auch in die DDR) auszureisen, was oft mit gravierenden persönlichen Nachteilen wie dem Verlust der Arbeitsstelle einherging.

Aussiedlung aus der UdSSR / GUS (© Bundesverwaltungsamt)

Zu Ausreisen in die Bundesrepublik kam es in größerer Zahl erst in den 1970er-Jahren. Diejenigen russlanddeutschen Umsiedler, die nach dem Krieg in Westdeutschland heimisch geworden waren, wurden dabei zum Anlaufpunkt für ihre in der Sowjetunion lebenden Verwandten, da die Aussiedlung von dort während des Kalten Krieges nur als Familienzusammenführung möglich war. Die Mehrheit der Russlanddeutschen konnte aber erst nach der Öffnung der sowjetischen Grenzen für Ausreisende im Zuge der Perestroika und nach dem Zerfall der Sowjetunion emigrieren – von 1987 bis heute circa 2,4 Millionen Menschen. Sie waren zentraler Bestandteil der postsowjetischen Migration, an der sich vor allem ethnische Minderheiten beteiligten. Neben den Deutschen waren dies vor allem auch Juden, die in ihrer Mehrzahl nach Israel, in die USA und als sogenannte Kontingentflüchtlinge auch nach Deutschland emigrierten. Gegenwärtig leben nur noch circa 400.000 Menschen, die sich selbst als Deutsche identifizieren, in der Russischen Föderation und weitere circa 180.000 in Kasachstan, den Hauptsiedlungsgebieten der Russlanddeutschen in der Nachkriegszeit.

Einflüsse und Prägungen: die Russlanddeutschen in der Sowjetunion

Robert Kindler

Die Geschichte der Russlanddeutschen in der Sowjetunion wird von zwei Themen dominiert: den Erfahrungen von Unterdrückung im Stalinismus, also in der Zeit der Herrschaft Stalins von 1927 bis 1953, einerseits und der Auswanderung ab Mitte der 1980er-Jahre andererseits. Sowohl die Zwangsdeportationen nach Zentralasien und Sibirien während des Zweiten Weltkriegs als auch die Emigration in die Bundesrepublik nehmen in den Erinnerungen von Russlanddeutschen und in der Geschichtswissenschaft einen festen Platz ein. Zahlreiche Memoiren und wissenschaftliche Studien belegen, wie traumatisch der Staatsterror für russlanddeutsche Gemeinschaften war: In bitterer Armut und unter ständiger Kontrolle mussten sie jahrelang um ihre Existenz ringen. Auch über Umstände und Verlauf der Auswanderung in die "historische Heimat" Deutschland liegen differenzierte Studien vor. Deportation und Auswanderung sind von zentraler Bedeutung, wenn Prägungen und Erfahrungen der Russlanddeutschen verständlich werden sollen. Beide Themen sind feste Bestandteile der russlanddeutschen "Meistererzählung" vom "Volk auf dem Weg".

Die Erfahrungen, die Russlanddeutsche im Stalinismus machten, waren Teil der bitteren sowjetischen Normalität jener Jahre. Auch andere ethnische und soziale Gruppen wurden kollektiv zu "Feinden" erklärt und in entlegene Regionen deportiert. Im kollektiven Gedächtnis und in historischen Arbeiten zum Schicksal der Russlanddeutschen wurde dieser Umstand bislang jedoch kaum gewürdigt. Dies mochte nicht zuletzt daran liegen, dass aus den geteilten Erfahrungen von Unfreiheit und Zwang keine gemeinsame Opferidentität erwuchs. Jede Gruppe blieb mit dem Erbe der erfahrenen Unterdrückung auf sich allein gestellt. In der Sowjetunion bedeutete dies vor allem zu schweigen.

Als es im Zuge von Perestroika und Glasnost möglich wurde, über den Terror und damit auch über die Deportationen zu sprechen, gab es eine kurze Phase der Aufmerksamkeit für diese Themen, doch bald interessierte sich in der zerfallenden Sowjetunion kaum noch jemand für die Opfer des Stalinismus. Das Schweigen der meisten Opfer hält daher bis heute an. Im Unterschied dazu konnten die Russlanddeutschen ihre Geschichte in Deutschland artikulieren und fanden damit – zumindest zeitweise – durchaus Gehör. Zugleich festigten sie damit ein (Selbst-)Bild russlanddeutscher Identität, das maßgeblich von Unterdrückung bestimmt war.

Im Gegensatz dazu spielen die rund drei Jahrzehnte, die zwischen dem Ende der stalinschen Zwangsmaßnahmen und dem Beginn der Massenauswanderung lagen, weder in russlanddeutschen Erinnerungsdiskursen noch in historischen Arbeiten eine nennenswerte Rolle. In letzteren wird häufig beklagt, dass dies vor allem eine Zeit des "Verlustes" deutscher Sprachkompetenzen und "deutscher Kultur" gewesen sei. Doch die Geschichte der Russlanddeutschen in der späten Sowjetunion lässt sich auch anders erzählen: als eine Geschichte der Integration und des sozialen Aufstiegs. Es waren gerade die 1960er- bis 1980er-Jahre, in denen Russlanddeutsche versuchten, Teil der sowjetischen Nachkriegsgesellschaft zu werden. Den meisten unter ihnen ging es dabei darum, sich in der sowjetischen Normalität zu behaupten und sich mit dem politischen und gesellschaftlichen System zu arrangieren.

Der Staat belohnte Anpassung und das Verschweigen der Unterdrückungserfahrungen mit Chancen zum sozialen Aufstieg, einem – wenngleich bescheidenen – Wohlstandsversprechen und vor allem mit politischer Stabilität. Aus der Perspektive einer Bevölkerung, die sich noch sehr gut an die Verfolgungen und den Terror im Stalinismus erinnern konnte, war das ein attraktives Angebot. Die Russlanddeutschen stellten hier keine Ausnahme dar. Insofern wurden sie in ihrer übergroßen Mehrheit zu ganz normalen Sowjetbürgern.

Zu diesem Normalisierungsprozess gehörte es auch, dass die deutsche Nationalität für viele Russlanddeutsche an Bedeutung verlor und sich Milieus "verflüssigten", etwa durch eine immer stärker werdende Zuwanderung in die Städte oder durch häufig vorkommende gemischtnationale Eheschließungen. Damit einher ging eine zunehmende sprachliche Russifizierung, denn Russisch war in der Sowjetunion die Sprache der Städte und des sozialen Aufstiegs.

Nur eine verschwindend geringe Minderheit unter den Deutschen setzte sich aktiv für deutsche Autonomierechte innerhalb der Sowjetunion ein. Auch wenn sie damit keinen Erfolg hatten, erreichten die Aktivisten doch, dass Deutsche in der Sowjetunion in vielerlei Hinsicht ähnlich behandelt wurden wie andere nationale Minderheiten auch: So gab es etwa deutsche Zeitungen, Kulturensembles und ein Theater. Die Russlanddeutschen nutzten damit jene begrenzten Freiräume, die der spätsowjetische Staat seinen Untertanen gewährte, solange sie das System nicht grundsätzlich in Frage stellten. Dies galt letztlich auch für religiöse Praktiken, wenn sie auf den privaten Bereich beschränkt blieben.

Als sich seit den 1980er-Jahren die Grenzen für die Russlanddeutschen nach Westen hin öffneten, kamen Menschen mit sehr unterschiedlichen biografischen Erfahrungen nach Deutschland. Während die Älteren oft durch eigene Erfahrungen von Unterdrückung geprägt worden waren, hatte die Mehrheit der Ankömmlinge mittleren Alters ein typisch sowjetisches Leben hinter sich. Diese Dimension russlanddeutscher Kollektividentität ist jedoch bis heute wenig diskutiert worden.

Ankunft und Integration in Deutschland

Jannis Panagiotidis

Als die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler ab den späten 1980er-Jahren in größerer Zahl in der Bundesrepublik Deutschland ankamen, gab es zur Förderung ihrer Integration bereits einige Maßnahmen, insbesondere Sprachkurse. Denn wie sich bald herausstellte, waren die Kenntnisse des Deutschen unter den (Spät-)Aussiedlern stark rückläufig, vor allem bei den Angehörigen der jüngeren Generationen. Trotzdem wurden Sprachförderung und andere Integrationsmaßnahmen in der Folgezeit schrittweise gekürzt. Die umfangreichen Zuwanderungsbewegungen nicht nur von (Spät-)Aussiedlern, sondern auch von Asylsuchenden aus dem globalen Süden und Kriegsflüchtlingen aus Jugoslawien sowie die parallel zu bewältigenden Kosten der deutschen Wiedervereinigung setzten in diesem Zeitabschnitt die Staatskassen stark unter Druck.

Aufgrund der oft unzureichenden Sprachkenntnisse, aber auch wegen der mit dem bundesdeutschen Arbeitsmarkt nicht kompatiblen Qualifikationen, der komplizierten Anerkennung von mitgebrachten Abschlüssen und der zu jener Zeit insgesamt schwierigen Arbeitsmarktlage, gestaltete sich die sozioökonomische Integration der (Spät-)Aussiedler problematischer als erwartet. In den 1990er-Jahren galten die Russlanddeutschen in der bundesdeutschen Öffentlichkeit als ausgemachte Problemgruppe. Besonders Phänomene von (medial zum Teil skandalisierter) "Ghettobildung", Jugendkriminalität, Arbeitslosigkeit und sozialer Deklassierung standen dabei im Mittelpunkt. Aus Sicht vieler Aussiedler war es wiederum belastend, in Deutschland als "Russen" wahrgenommen zu werden, während sie in Russland beziehungsweise der Sowjetunion eindeutig (und oft in diskriminierender Absicht) als "Deutsche" identifiziert worden waren.

Seitdem hat sich viel verändert. Als das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends sich dem Ende zuneigte, zeigten erste Studien, dass sich die Integration der (Spät-)Aussiedler insgesamt positiv entwickelte. Der 2013 erschienene Forschungsbericht "(Spät-)Aussiedler" des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) verstärkte diesen Eindruck. Die dort ausgewerteten Studien verorteten die (Spät-)Aussiedler in einer Mittelposition zwischen der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund und anderen Migrantengruppen.

Allerdings sagen Statistiken über die Gesamtgruppe der (Spät-)Aussiedler nur bedingt etwas über die Russlanddeutschen und ihre Angehörigen aus. (Spät-)Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion machen zwar die Mehrzahl der Gesamtgruppe aus (knapp über 50 Prozent aller Aussiedler seit 1950 und über 60 Prozent der Aussiedler seit 1970). Sie befinden sich aber in derselben statistischen Kategorie wie über eine Million Aussiedler aus Polen und Rumänien, die schon in den 1970er- und 1980er-Jahren in die Bundesrepublik eingewandert waren. Entsprechend hatten jene mehr Zeit, sich im Land zu etablieren, und im Falle der Rumäniendeutschen brachten sie auch noch deutlich bessere deutsche Sprachkenntnisse mit. Angesichts der sich daraus ergebenden Verzerrungen bedarf die sozioökonomische Integration der Russlanddeutschen also der besonderen Untersuchung.

Statistische Aussagen über die (Spät-)Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion sind aber schwer zu erheben. Aus dem Mikrozensus, Deutschlands wichtigster jährlicher Erhebung von Sozialdaten, lassen sie sich nicht unmittelbar entnehmen. Um zu aussagekräftigen Zahlen zu kommen, ist also etwas Kreativität vonnöten: Im Folgenden werden die Daten für kasachstanstämmige Migranten als Näherungswert für die Gruppe der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler genommen – zwar kommen Letztere nicht alle aus Kasachstan, aber fast alle kasachstanstämmigen Menschen in Deutschland sind russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler. Sie bilden somit quasi eine statistisch "reine" Stichprobe, die auch deswegen aussagekräftig für die Gesamtgruppe der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler ist, weil nicht von systematischen Unterschieden zwischen (Spät-)Aussiedlern aus Kasachstan und solchen aus anderen ehemaligen Sowjetrepubliken auszugehen ist.

Diese Daten werden hier in Beziehung gesetzt zu drei wichtigen Vergleichsgruppen: 1) zur Gesamtheit der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion (russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler, Kontingentflüchtlinge und andere), von denen russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler über 80 Prozent ausmachen; 2) zur Gruppe aller (Spät-)Aussiedler, unabhängig von ihren Herkunftsgebieten; und 3) zur Gruppe der Personen "ohne Migrationshintergrund (MH)", die hier der Einfachheit halber auch als "Einheimische" bezeichnet werden. Alle diese Stichproben beziehen sich ausschließlich auf die erste Generation von Zuwanderern, da nur für diese die Daten vollständig sind. Aus diesen Zahlen lässt sich der Stand der sozioökonomischen Integration der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler wie auch der (Spät-)Aussiedler insgesamt ablesen.

Bildung

Eine für den Integrationsverlauf prinzipiell wichtige Voraussetzung sind die mitgebrachten Bildungsabschlüsse. Während die postsowjetischen Migranten insgesamt ein ähnliches formales Bildungsniveau aufweisen wie die "einheimische" Bevölkerung, fällt auf, dass die Zuwanderer aus Kasachstan deutlich seltener Abitur oder Fachabitur haben als diese beiden Gruppen oder auch die Gruppe der (Spät-)Aussiedler insgesamt, dafür umso häufiger das Äquivalent von Real- oder Hauptschulabschluss.

Bildungsabschlüsse, Zahlen gemäß Mikrozensus 2017. (© bpb)

Dass die Gesamtgruppe der postsowjetischen Migranten hier trotzdem so gut abschneidet, dürfte vor allem dem hohen Bildungsniveau der jüdischen Kontingentflüchtlinge geschuldet sein (bei den ukrainestämmigen Migranten, unter denen die Kontingentflüchtlinge stärker repräsentiert sind, liegt der (Fach-)Abiturientenanteil bei über 50 Prozent).

Arbeit und Einkommen

Jedoch übersetzt sich ein höheres Bildungsniveau nicht automatisch in größeren Arbeitsmarkterfolg. Im Gegenteil: Die vergleichsweise weniger hoch gebildeten Kasachstanstämmigen sind seltener erwerbslos und von Transferleistungen abhängig als die Gesamtgruppe der postsowjetischen Migrantinnen und Migranten – allerdings häufiger als die Gesamtgruppe der (Spät-)Aussiedler.

Erwerbslosenquote und Abhängigkeit von Transferleistungen in Prozent.
Zahlen gemäß Mikrozensus 2017. * Der Anteil der Erwerbslosen bezieht sich auf die Gesamtheit der Erwerbspersonen (= Erwerbstätige + Erwerbslose).
** Ihr Anteil ist hier errechnet unter Bezug auf die jeweilige Gesamtbevölkerung über 18 Jahre. (© bpb)

Hier bildet sich das oft beklagte Problem ab, dass Zuwanderer mit höherer Qualifikation lange Zeit Schwierigkeiten hatten, ihre Abschlüsse anerkannt zu bekommen und entsprechend weniger leicht in Arbeit kamen. Menschen mit mittlerem Bildungsabschluss kamen hingegen eher in weniger qualifizierten Berufen des Produktionssektors (Sekundärer Sektor) und des Dienstleistungssektors (Tertiärer Sektor) unter, zum Teil unter Inkaufnahme eines relativen beruflichen Abstiegs. Die hohe Quote von Sozialhilfeempfängern unter den postsowjetischen Migranten sticht besonders hervor. Hier spiegelt sich die Problematik der wachsenden Altersarmut unter Kontingentflüchtlingen sowie unter denjenigen (Spät-)Aussiedlern wider, die ihre Arbeitsjahre in der ehemaligen Sowjetunion nicht oder nicht in vollem Umfang angerechnet bekamen und daher im Rentenalter in die Grundsicherung rutschen. Dieses Problem wird sich auf absehbare Zeit noch verschärfen – ein Umstand, der inzwischen auch in der Bundespolitik diskutiert wird.

Arten von Beschäftigung in Prozent. Zahlen gemäß Mikrozensus 2017 (© bpb)

Unter denjenigen, die sich in Arbeit befinden, fällt die überdurchschnittliche Konzentration insbesondere kasachstanstämmiger Männer im Sekundären Sektor (produzierendes Gewerbe, Baugewerbe) auf. Dies lässt sich als Ergebnis ihrer oben geschilderten mittleren Bildungsstruktur wie auch der teilweisen Entwertung vorhandener beruflicher Fähigkeiten (Dequalifizierung) höher qualifizierter Spätaussiedler interpretieren. Sowjetunion- und kasachstanstämmige Frauen hingegen arbeiten zu ähnlichen Anteilen wie "einheimische" Frauen im Tertiären Sektor (Dienstleistungsbereich). Bei ihnen fällt wiederum der hohe Anteil von ausschließlich geringfügig Beschäftigten auf – überdurchschnittlich viele russlanddeutsche Frauen arbeiten also in Minijobs, beispielsweise an der Supermarktkasse. Niedrig ist hingegen der Anteil der Selbstständigen, insbesondere bei den Kasachstanstämmigen, aber auch bei den (Spät-)Aussiedlern insgesamt. Ihr Anteil liegt deutlich niedriger als die Quote der "einheimischen" Bevölkerung, aber auch niedriger als etwa bei den hier nicht gesondert aufgeführten türkeistämmigen Migranten (9,7 Prozent), für die Selbstständigkeit in Handel oder Gastronomie einen häufig gewählten Ausweg aus der Arbeitslosigkeit darstellt.

Zahlen gemäß Mikrozensus 2017 (© bpb)

Ein Vergleich der durchschnittlichen Haushaltseinkommen zeigt nur geringe Differenzen zwischen Haushalten mit mindestens einem postsowjetischen beziehungsweise kasachstanstämmigen Mitglied und Haushalten von Menschen ohne Migrationshintergrund (zu Haushalten mit (Spät-)Aussiedlern gibt es leider keine Zahlen). Während sie beim Gesamteinkommen um die 90 Prozent (kasachstanstämmige sogar 95 Prozent) des "einheimischen" Niveaus erreichen, zeigen sich jedoch deutlichere Unterschiede bei den Haushaltseinkommen pro Kopf, wo die entsprechenden Werte nur bei um die 70 Prozent liegen.

Dies hat mit der Haushaltsgröße zu tun: Postsowjetische Haushalte sind mit 2,43 Personen im Schnitt größer als die der "Einheimischen", die bei 1,89 Personen liegen, und haben im Schnitt mehr Kinder (0,57 gegenüber 0,26 bei Haushalten ohne Mitglied mit Migrationshintergrund). Haushalte von Kasachstanstämmigen bestehen durchschnittlich sogar aus 2,67 Personen (0,7 Kinder im Schnitt). Entsprechend müssen in diesen Haushalten von einem ähnlich hohen Einkommen mehr Personen ernährt werden. Zugleich verweist dieser Umstand auf das erfolgreiche Zusammenlegen mehrerer relativ niedriger individueller Einkommen zu einem ausreichenden Haushaltseinkommen (pooling). So lassen sich auch die erwähnten hohen Anteile ausschließlich geringfügig beschäftigter Frauen erklären, deren Minijobs für sich genommen nicht zum Leben reichen, die aber einen wichtigen Beitrag zum Familienbudget leisten.

Streuung der Haushaltseinkommen, Zahlen gemäß Mikrozensus 2017. (© bpb)

An der Streuung der absoluten Haushaltseinkommen über verschiedene Einkommenssegmente lässt sich schließlich sowohl die ökonomische Integration der Russlanddeutschen und der postsowjetischen Migranten als auch ihre fortgeschrittene Binnendifferenzierung ablesen. Die postsowjetische Bevölkerung weist grundsätzlich eine ähnliche Streuung auf wie die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund.

Auffällig sind allerdings gewisse Verschiebungen: Sowjetunionstämmige und kasachstanstämmige Haushalte sind beide im hohen Einkommenssegment über 4500 Euro unterrepräsentiert. Doch während sich die Differenz bei den Kasachstanstämmigen im Segment direkt darunter (2600 bis 4500 Euro) ausgeglichen wird, sind die Sowjetunionstämmigen insgesamt vor allem in den beiden niedrigsten Segmenten bis 1500 Euro, also am Existenzminimum, überrepräsentiert.

Die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler sind also in höherem Maße in der Mittelschicht angekommen als andere postsowjetische Migranten und sind in den niedrigsten Einkommenssegmenten sogar weniger stark repräsentiert als die "einheimische" Bevölkerung. Zugleich wird deutlich, dass es eine breite Streuung von Lebenslagen gibt, die allzu pauschalisierende Aussagen über die Situation "der" Russlanddeutschen nicht zulassen.

Sprachgebrauch

Der Mikrozensus 2017 fragte erstmals auch nach dem vorwiegenden Sprachgebrauch im Haushalt. Dabei zeigte sich, dass in 527.000 bundesdeutschen Haushalten überwiegend Russisch gesprochen wird. In gut 400.000 dieser Haushalte ist mindestens ein Teil der Mitglieder deutsch. In gut 30 Prozent der insgesamt gut 1,7 Millionen Haushalte mit mindestens einem postsowjetischen Mitglied wird also überwiegend Russisch gesprochen. Derselbe Anteil ergibt sich bei russlanddeutschen (kasachstanstämmigen) Haushalten (190.000 von 632.000). Bei Haushalten mit mindestens einem Mitglied aus der Russischen Föderation bzw. der Ukraine liegt der Anteil sogar bei jeweils gut 37 Prozent. Bei einer durchschnittlichen postsowjetischen Haushaltsgröße von 2,43 Personen ergibt dies gut 1,27 Millionen Bewohner der Bundesrepublik, deren vorwiegende Umgangssprache zu Hause Russisch ist. Umgekehrt zeigt der Mikrozensus allerdings auch, dass in gut 60 Prozent der postsowjetischen Haushalte überwiegend Deutsch gesprochen wird, in kasachstanstämmigen Haushalten sogar zu zwei Dritteln.

Solche Erhebungen sind insofern mit Vorsicht zu genießen, da sie Eindeutigkeit suggerieren, wo die Realität meist gemischt ist. Eine 2016 durchgeführte Befragung von postsowjetischen Bewohnerinnen und Bewohnern der Bundesrepublik durch die Boris Nemtsov-Stiftung ergab, dass 42 Prozent der Befragten zu Hause Russisch sprechen, 24 Prozent Deutsch, 32 Prozent aber beides. Diese Zahlen legen nahe, dass diejenigen, die zu Hause beide Sprachen sprechen, sich im Mikrozensus für das Deutsche entschieden.

Von den in der Nemtsov-Studie Befragten bezeichneten sich 61 Prozent als russische Muttersprachler, 27 Prozent gaben fließende Kenntnisse an. Deutsche Muttersprachler waren nur 21 Prozent, 43 Prozent sprachen nach eigenen Angaben fließend, 28 Prozent hingegen nur auf mittlerem Niveau. Allerdings konsumieren sie Medien wie Internet, TV und Zeitungen überwiegend auf Deutsch.

Lokale Aufnahme und Wohnsituation

René Kreichauf

Die Siedlungsmuster von Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedlern werden von nationalen Politiken sowie lokalen Strategien geprägt. Nach der Registrierung in einer Erstaufnahmeeinrichtung werden die Neuankömmlinge dezentral auf die Bundesländer verteilt. Grundlage dafür ist der Königsteiner Schlüssel. In den zugewiesenen Wohnorten werden sie anschließend teilweise in Wohnheimen und später auf dem Wohnungsmarkt untergebracht. Bis 2010 galt eine Wohnortbindung. Sie verpflichtete Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler bis zu drei Jahre an dem zugewiesenen Ort zu leben. Zuweisung und Wohnortbindung verfolgten politische Ziele: Sie sollten verhindern, dass sich die Ansiedlung auf wenige Orte konzentrierte und damit möglichen Desintegrationsprozessen vorbeugen sowie die Zuwanderungsbereitschaft insgesamt durch restriktive Regelungen begrenzen. Spätaussiedler zogen daher oft nicht freiwillig in eine Stadt und verließen diese häufig nach der Erstverteilung bzw. nach Ablauf der Wohnortbindung.

Eigene Darstellung auf Basis von
Externer Link: www.bva.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Buerger/Migration-Integration/Spaetaussiedler/Statistik/J_Jahresstatistik2018.pdf?__blob=publicationFile&v=2
Die dort angegebenen absoluten Zahlen wurden in Prozentangaben umgerechnet. (© bpb)

Auf lokaler Ebene sind die Wohnverhältnisse dieser Gruppe sehr unterschiedlich ausgeprägt. Während sie in einigen Städten weitestgehend gleich verteilt im Stadtgebiet leben, gibt es andernorts russlanddeutsche Nachbarschaften, die von Teilen der Öffentlichkeit immer wieder abwertend als "Russenghetto" bezeichnet und problematisiert werden. Diese Stigmatisierung diskriminiert Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler und ihre Wohngegenden. Sie unterschätzt die positiven Potenziale dieser Quartiere und verkennt deren Entstehungsbedingungen, die von lokalen Praktiken abhängig waren, aber auch Wohnpräferenzen widerspiegeln.

Viele Kommunen waren in den 1990er-Jahren mit den ihnen zugeteilten Neuankömmlingen überfordert. Lokalpolitische Verantwortliche konzentrierten sie mittels gezielten Wohnungszuweisungen insbesondere in Quartieren des sozialen Wohnungsbaus und in Großwohnsiedlungen. Manche Kommunen quotierten auch die Bauplatzvergabe an Spätausgesiedelte, offiziell um den Eigentumsanteil zu verringern und die Zusammenballung dieser Gruppe bei der Anlage von Wohnsiedlungen zu vermeiden. Die freie Wohnungs- und Wohneigentumswahl wurde so versperrt. Kommunale Entscheidungen verursachten somit die Segregation von Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedlern – die Konzentration dieser Gruppe in einem bestimmten Teil des Stadtraums. Bis heute äußert sie sich vielerorts in einer sozialräumlichen Isolierung und im Ausschluss von ökonomischen und sozialen Entwicklungsmöglichkeiten wie beispielsweise Bildung, Arbeit und Zugang zu anderen Vierteln – ein Zustand, der dazu beitragen kann, die negative Wahrnehmung von Spätausgesiedelten zu verstärken.

Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler haben sich aber auch freiwillig für den Zuzug in bestimmte Stadtteile entschieden, weil sie zum Beispiel die Nähe zu sozialen Netzwerken und Bekannten suchten, die bereits in diese Viertel verteilt worden waren. Solche sogenannten ethnischen Quartiere, die sich durch die selbstbestimmte ökonomische, soziale, kulturelle und politische Organisation charakterisieren, ermöglichen die Fortsetzung sozialer Beziehungen und kultureller Praktiken. Darüber hinaus können sie als Integrationshilfe fungieren und den Zugang zu Arbeit und Bildung erleichtern. Damit sind sie Ausgangspunkt für die Teilhabe an der Stadtgesellschaft.

Russlanddeutsche Nachbarschaften vereinen oftmals beide Merkmale. Sie haben sich häufig durch lokale Zwangszuweisungen gebildet und sich als Anziehungspunkte für weitere Zugewanderte etabliert. Für die Integration können sie von großer Bedeutung sein, wenn sie nicht von der Stadt vernachlässigt werden und Spätausgesiedelte die Möglichkeit haben, ihr Viertel zu gestalten, gesellschaftlich aufzusteigen und andere Wohnorte zu wählen. Zuweisung, Wohnortbindungen, lokale Isolierungspolitiken und Diskriminierungen auf dem Wohnungsmarkt haben jedoch auch dazu geführt, dass weder Aufnahmestadt und Zivilgesellschaft noch Zugewanderte sich besonders um Integration bemühen. Dies kann zur sozialräumlichen Exklusion und zu einem Rückzugsverhalten der Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler führen sowie zur Entstehung zivilgesellschaftlicher Vorbehalte und zu Fremdenfeindlichkeit beitragen.

Mediengewohnheiten der postsowjetischen Diaspora in Deutschland

Laura Sūna

Zur postsowjetischen Diaspora werden außerhalb Russlands lebende Personen gezählt, die sich mit der russischen Kultur und der ehemaligen Sowjetunion verbunden fühlen und aus dieser Region stammen. Somit werden auch Russlanddeutsche als Teil dieser Diaspora gesehen.

Medien werden oft entsprechend der eigenen Interessen und Identität ausgewählt. Gleichzeitig prägen die genutzten Medien wiederum die Identitätsorientierung der Diasporamitglieder. Mithilfe von Medien entwickeln Eingewanderte und ihre Nachkommen ein Wir-Gefühl; durch Medienbilder wird ihre Vorstellung der kulturellen Herkunft geprägt.

In öffentlichen Diskussionen über die Verbundenheit von Migrierten mit ihrem Herkunftsland fallen oft Schlagwörter wie "Parallelgesellschaft" oder "kulturelle Abschottung". In diesem Zusammenhang wird häufig von der Annahme ausgegangen, dass sie intensiv Medien aus dem Herkunftsland nutzen und dies ihre Integration in die Aufnahmegesellschaft beeinträchtigt. Die Mediennutzung von Menschen mit Migrationshintergrund ist jedoch sehr vielfältig und auch wenn nur Medien des Herkunftslandes konsumiert werden, kann man nicht pauschal von einer kulturellen Abschottung sprechen.

Quantitative Studien zur Mediennutzung von Personen aus der ehemaligen Sowjetunion zeigen, dass die postsowjetische Diaspora vorwiegend deutschsprachige Medien nutzt. Ein Teil der Diaspora schaut sowohl deutsch- als auch russischsprachiges Fernsehen und konsultiert deutsche und russische Internetseiten. Nur wenige Personen der postsowjetischen Diaspora konsumieren ausschließlich russische Medien. Menschen mit guten Deutschkenntnissen und jüngeren Alters nutzen sie selten ausschließlich.

Nutzung russisch- und deutschsprachiger Medienangebote, eigene Darstellung aus den Daten in Erk Simon / Ulrich Neuwöhner, "Medien und Migranten 2011", in: Media Perspektiven 10 (2011), S. 468. Befragt wurden 500 postsowjetische Migrantinnen und Migranten. (© bpb)

In einer qualitativen Studie von 2011 stellten der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Andreas Hepp und Kolleginnen fest, dass die Identitätsorientierung der postsowjetischen Diaspora sich allgemein in drei Gruppen einteilen lässt: herkunftsorientierte, ethnoorientierte und weltorientierte Diasporaangehörige. Jede dieser Gruppen zeichnet eine spezifische Mediennutzung aus.

Vereinfacht lässt sich sagen, dass Herkunftsorientierte sich subjektiv zu ihrer Herkunftsregion in der ehemaligen Sowjetunion zugehörig fühlen. Sie konsumieren russisches Fernsehen, um sich über aktuelle Geschehnisse in ihrer Herkunftsregion zu informieren. Dazu nutzen sie Satellitenschüsseln oder aber auch Abonnement-Pakete wie Kartina. Mit dem Computer und dem Smartphone laden Herkunftsorientierte über das Internet russische Filme, Serien und Musik. Ihr meist russischsprachiger Freundes- und Bekanntenkreis lebt in ihrer Herkunftsregion und in Deutschland. Mit diesem Freundes- und Bekanntenkreis sind sie über die russischen sozialen Netzwerke wie Odnoklassniki und VKontakte verbunden. Die dargestellte Mediennutzung trägt somit zu der Aufrechterhaltung einer "russischen" bzw. "sowjetischen" Identität in der Fremde bei. Ihre Mediennutzung ist gleichzeitig auch mit relativ geringen Deutschkenntnissen verbunden.

Die ethnoorientierten Diasporaangehörigen verorten sich dagegen zwischen ihrem Herkunftsland und Deutschland. Sie bezeichnen sich als "Russlanddeutsche", "Deutschrussen" oder "Deutsche". Sie fühlen sich der in Deutschland lebenden postsowjetischen Diasporagemeinschaft zugehörig. Neben deutschem konsumieren sie auch russisches Fernsehen. Für die Vernetzung mit anderen Diasporaangehörigen in Deutschland, aber auch mit Freundinnen, Freunden und Familie in der ehemaligen Sowjetunion nutzen die Ethnoorientierten russische soziale Netzwerke wie Odnoklassniki oder VKontakte, die unter anderem regionale Seiten für Deutschland aufweisen. Gleichzeitig sind Seiten wie beispielsweise germany.ru, die im deutschsprachigen Raum lebende Russischsprachige adressieren, von Bedeutung. Ihre deutschsprachigen Kontakte pflegen sie auf Facebook. Die Ethnoorientierten bilden die größte Gruppe unter den in der Studie befragten Angehörigen der postsowjetischen Diaspora.

Für die Weltorientierten sind Fragen ethnischer Zugehörigkeit eher unwichtig. Sie bezeichnen sich als "Weltmensch" oder "Europäer". Neben deutschen nutzen die Weltorientierten internationale TV-Sender wie CNN oder BBC. Sie weisen einen transkulturellen Freundeskreis auf und sind über diverse soziale Netzwerke wie Facebook oder LinkedIn, E-Mail und Skype mit ihren Freunden verbunden. Diese sind russischer und anderer Herkunft und leben in verschiedenen Ländern. Die Gruppe der Weltorientierten ist relativ jung und weist neben sehr guten Deutsch- und Russischkenntnissen auch Englisch- und Französischkenntnisse auf.

Typen der Mediennutzung in der postsowjetischen Diaspora, Andreas Hepp / Cigdem Bozdag / Laura Sūna, "Mediale Migranten. Mediatisierung und die kommunikative Vernetzung der Diaspora", Wiesbaden 2011, S. 67 (© Andreas Hepp/Cigdem Bozdag/Laura Sūna)

Die postsowjetische Diaspora ist sowohl hinsichtlich der Identitätsorientierung als auch der Mediennutzung vielfältig. Beide bedingen sich gegenseitig. Eine herkunftsorientierte kulturelle Identität geht mit einer medialen Orientierung an der ehemaligen Sowjetunion und der Kommunikation mit dort lebenden Menschen sowie mit Teilen der postsowjetischen Diaspora in Deutschland einher. Ein Selbstverständnis doppelter kultureller Zugehörigkeit in Form einer Ethnoorientierung führt dazu, dass Medien aus dem Herkunftsland und Deutschland genutzt werden. Eine europäische bzw. globale Zugehörigkeit spiegelt sich in einer globalen Ausrichtung der Mediennutzung wider.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass in Deutschland lebende Angehörige der russischen Diaspora deutschsprachige und russischsprachige Medien wie Fernsehen und Webseiten nutzen. Die überwiegende Mehrheit lebt nicht in medialen Parallelwelten. Für viele Menschen der postsowjetischen Diaspora gehört die Integration zweier Medienkulturen – also die Nutzung deutscher und russischsprachiger Medien – zum Alltag.

Politische Partizipation von Russlanddeutschen

Jannis Panagiotidis

Mit circa 1,9 Millionen Wahlberechtigten stellen die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler eine nicht unbeträchtliche Wählergruppe dar. Sie galten lange Zeit als CDU-Stammwählerschaft. Ihre konservativen Werte sowie ihre Dankbarkeit gegenüber der Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl (reg. 1982–1998), die ihnen die Aussiedlung ermöglicht hatte, wurden dafür als ausschlaggebend angesehen. Die Selbstverständlichkeit, mit der diese politische Orientierung angenommen wurde, ist in den letzten Jahren zunehmend ins Wanken geraten. Speziell die Vorgänge rund um den "Fall Lisa" – die angebliche Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens in Berlin durch "Flüchtlinge" im Januar 2016 – rückten die politischen Einstellungen russlanddeutscher (Spät-)Aussiedler in den Blickpunkt von Öffentlichkeit und Wissenschaft.

Gut 10.000 Russlanddeutsche demonstrierten damals bundesweit gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und unter anderem für den "Erhalt deutscher Kultur". Seitdem wird öffentlich immer wieder die Frage diskutiert, inwieweit diese Bevölkerungsgruppe rechtsnationalem Gedankengut zugeneigt ist und ob sie die Alternative für Deutschland (AfD) überdurchschnittlich häufig wählt – zumal die AfD bereits zuvor Versuche unternahm, Russlanddeutsche gezielt in russischer Sprache zu umwerben. Auch die vermeintliche Manipulation dieser Bevölkerungsgruppe durch russische Quellen wurde in diesem Zusammenhang wiederholt thematisiert.

Eine im Rahmen der Bundestagswahl 2017 durchgeführte Studie lieferte aktuelle Zahlen zum Wahlverhalten von Zugewanderten aus der ehemaligen Sowjetunion, von denen die große Mehrzahl russlanddeutsche (Spät-)Aussiedler sind. Die Wahlbeteiligung lag mit 58 Prozent in dieser Gruppe deutlich niedriger als bei der Gesamtbevölkerung, was auf ihre schon früher festgestellte, weit verbreitete politische Passivität hinweist. Die Stimmenverteilung ist wesentlich stärker gestreut, als dies etwa in den 1990er-Jahren der Fall war, als die Unionsparteien Stimmenanteile bis zu 75 Prozent erreichten. CDU und CSU erhalten aber nach wie vor die meisten russlanddeutschen Stimmen. Zweitstärkste Partei ist nicht etwa die AfD, sondern die Linkspartei. Ob dies auf die russlandfreundliche Haltung dieser Partei zurückzuführen ist oder sich aus der prekären sozialen Lage vieler Russlanddeutscher erklären lässt, muss an dieser Stelle offenbleiben.

Ergebnisse der Wahlen zum Deutschen Bundestag 2017. Die ersten beiden Zeilen der Tabelle basieren auf: Achim Goerres, Dennis C. Spies, Sabrina J. Meyer, How did Immigrant Voters Vote at the 2017 Bundestag Election? First Results from the Immigrant German Election Study (IMGES). Die Zahlen für die neuen Bundesländer sind berechnet aus: Externer Link: www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/2017/ergebnisse.html. Dort finden sich auch die Ergebnisse für das gesamte Bundesgebiet. (© bpb)

Es zeigte sich weiterhin ein gegenüber dem Gesamtergebnis der Bundestagswahl leicht erhöhter Zuspruch für die AfD bei Wählern mit postsowjetischem Hintergrund. Auch hier bieten ideologische Faktoren in Gestalt konservativer Werte und deutschnationaler Einstellungen sowie soziale Faktoren wie Prekarität und negative Zukunftserwartungen denkbare Erklärungsansätze. Interessant ist die strukturelle Ähnlichkeit der russlanddeutschen Stimmenverteilung mit dem Wahlergebnis in den neuen Bundesländern. Möglicherweise trägt die Erfahrung von Staatssozialismus einerseits und den Krisen und Verwerfungen der Transformationszeit seit 1989 andererseits in beiden Fällen dazu bei, sich verstärkt den politischen Rändern zuzuwenden.

Auf lokaler Ebene ergibt sich zum Teil ein etwas anderes Bild. Schon bei Landtagswahlen im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 gab es in verschiedenen Städten in Vierteln mit hoher Konzentration von Russlanddeutschen überdurchschnittlich hohe AfD-Ergebnisse. Bei der Bundestagswahl zeigten sich in Städten und Gemeinden in der gesamten Bundesrepublik ähnliche Befunde. Das bekannteste Beispiel war dabei das baden-württembergische Pforzheim, wo die AfD im Stadtteil Buckenberg 36,9 Prozent erzielte (bei der vorherigen Landtagswahl 2016 sogar 43,2 Prozent). Ähnliches ließ sich auch in Städten in Bayern (z. B. Augsburg und Nürnberg) und Nordrhein-Westfalen (z. B. Bielefeld, Detmold und Waldbröl) sowie im ländlichen Niedersachsen (z. B. in Gemeinden der Landkreise Osnabrück und Emsland) beobachten. Dabei handelt es sich durchaus nicht nur um "soziale Brennpunkte" und "Problemviertel". Es scheint also denkbar, dass sich in "russlanddeutschen" Vierteln gewissermaßen "Echokammern" bilden, die vorhandene Stimmungen verstärken und zu teilweise extremen Wahlergebnissen führen. Eine systematische Analyse dieser Ergebnisse steht allerdings noch aus.

Das aktive politische Engagement der Russlanddeutschen ist insgesamt relativ gering ausgeprägt. Der erste Bundestagsabgeordnete mit diesem Hintergrund war Heinrich Zertik (CDU), der sein Mandat von 2013 bis 2017 bekleidete. Er steht auch dem 2015 gegründeten "Netzwerk Aussiedler" seiner Partei vor. Im 2017 gewählten Bundestag sind mit Anton Friesen und Waldemar Herdt zwei Russlanddeutsche als Abgeordnete für die AfD vertreten. Auf lokaler Ebene finden sich vereinzelt russlanddeutsche Politikerinnen und Politiker in Bezirksversammlungen und kommunalen Vertretungen. In Au am Rhein (Baden-Württemberg) wurde im April 2017 mit der parteilosen Veronika Laukart eine Russlanddeutsche zur Bürgermeisterin gewählt.

Diese verhältnismäßig geringe politische Repräsentation ist für eine Migrantengruppe, die erst seit relativ kurzer Zeit in Deutschland lebt, an sich nicht ungewöhnlich. Angesichts der besseren Partizipationsmöglichkeiten, die sie als deutsche Staatsbürger im Vergleich zu anderen Migranten haben, ist dies vielleicht aber doch erklärungsbedürftig. Die oft angeführte Erklärung, dass ihre geringe politische Partizipation vor allem mit der Prägung durch das nicht-demokratische Sowjetsystem zu tun habe, ist sicherlich nicht einzig ausschlaggebend. Denn dieselbe sowjetische Prägung verhinderte beispielsweise nicht das prominente politische Engagement, das russische Juden in Israel bereits kurz nach ihrer Einwanderung an den Tag legten.

Plausibel erscheint weiterhin ein Erklärungsansatz, der auf die politischen Gelegenheitsstrukturen der Bundesrepublik verweist: Parteipolitisches Engagement hat mit bestimmten sozialen Ressourcen und Netzwerken zu tun, die bei "Migranten" generell weniger ausgeprägt sind als bei "Einheimischen". Konkret heißt das: Um Politik zu machen, muss man viele Leute kennen und in einer lokalen Gemeinschaft und/oder einem Parteiapparat fest etabliert sein. Das ist bei Neuankömmlingen meistens nicht der Fall. Das politische Engagement auf einer "ethnischen" Plattform (also explizit als Angehörige einer besonderen Gruppe) kann hier einen "Nebeneingang" in die Politik eröffnen. In der Bundesrepublik der 1990er-Jahre mit ihrer ausgeprägten gesellschaftlichen Unterscheidung zwischen "Deutschen" und "Ausländern" bot sich diese Lösung für die deutschen Spätaussiedler aber nicht an, da sie sich durch die Betonung der eigenen Gruppenzugehörigkeit gleichsam von der angestrebten Integration als "Deutsche" entfernt hätten.

Das punktuell zu beobachtende explizite Engagement als Spätaussiedler in der Gegenwart ließe sich also als ein Effekt der pluralisierten Migrationsgesellschaft interpretieren. In ihr sind auch hybride Identitäten und Positionierungen möglich, ohne sich damit aus der Gemeinschaft "der Deutschen" auszuschließen. Zugleich erfasst diese Form des Engagements jedoch augenscheinlich nur einen geringen Teil der Russlanddeutschen. Mit fortschreitender Integration in lokale Gemeinschaften ist auch ein stärkeres allgemeines parteipolitisches Engagement denkbar.

Russlanddeutsches Verbands- und Vereinswesen

Gesine Wallem

Vereine und Verbände leisten einen wichtigen Beitrag zur politischen und gesellschaftlichen Teilhabe in einer Migrationsgesellschaft. Sie unterstützen nicht nur die soziale Integration von Zugewanderten, sondern ermöglichen es auch, deren spezifische Interessen in der Zivilgesellschaft aktiv zu vertreten. So besteht auch in Deutschland ein Spektrum an Vereinen und Verbänden, deren Angebote sich an eine russlanddeutsche Zielgruppe richten.

Der älteste und einflussreichste bundesweit organisierte Verband, der russlanddeutsche Interessen politisch vertritt, ist die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland (LmDR). Es handelt sich dabei um einen Vertriebenenverband, der 1950 von Deutschen aus dem Schwarzmeergebiet gegründet wurde. Die LmDR versteht sich selbst als Interessenvertretung, Hilfsorganisation und Kulturverein aller Russlanddeutschen. Neben ihren sozialen und kulturellen Aktivitäten, die vor allem in den regional untergliederten Orts- und Kreisverbänden angeboten werden, ist die LmDR bundesweit in erster Linie als politischer Interessenverband aktiv. Mit ihrer politischen Lobbyarbeit setzt sie sich bis heute erfolgreich für die ethnisch privilegierte Einwanderung von russlanddeutschen Spätaussiedlern und deren Anerkennung als Deutsche ein. Grundlage dieser politischen Forderung ist die Erinnerung an das kollektive Schicksal der Deportation und an die Verfolgung von Russlanddeutschen in der ehemaligen Sowjetunion. Ein wichtiges Ziel des Verbands ist es, ein positives Bild der eigenen Gruppe in der deutschen Öffentlichkeit zu vermitteln, das sie von nichtdeutschen Migrantengruppen abgrenzt.

Trotz der politischen Sichtbarkeit der LmDR als Vertreterin russlanddeutscher Interessen engagiert sich hier nur ein geringer Prozentsatz der russlanddeutschen Gesamtgruppe. Dies lässt sich vor allem durch die unterschiedlichen Bedürfnisse verschiedener Einwanderergenerationen erklären. Während die LmDR stark von deutschsprachigen, früh eingewanderten Mitgliedern geprägt ist, kommt die große Mehrheit der seit den 1990er-Jahren zugewanderten Spätaussiedler aus einem russischsprachigen Umfeld. Viele dieser später zugewanderten Menschen haben nur wenig Interesse an den deutschsprachigen erinnerungskulturellen Angeboten der LmDR. Stattdessen ist durch die steigende Spätaussiedlermigration und die gleichzeitige Kürzung der staatlichen Integrationshilfen nach dem Zerfall der Sowjetunion die Nachfrage nach russischsprachigen Unterstützungs- und Beratungsangeboten stark gewachsen.

Infolgedessen wurden in den 1990er- und 2000er-Jahren zahlreiche russischsprachige Beratungsstellen und Selbsthilfeinitiativen von ehrenamtlichen Helfern ins Leben gerufen. Hauptaufgabe dieser Einrichtungen war es zunächst, die Neuankömmlinge in Alltagsfragen, beim Ausfüllen von Formularen oder bei Behördengängen zu unterstützen. Viele dieser Initiativen haben ihr Angebot im Laufe der Jahre durch weitere Aktivitäten wie Deutschkurse, Freizeitaktivitäten sowie berufliche Weiterbildungsseminare erweitert. Einige Organisationen, wie beispielsweise der "Hamburger Verein der Deutschen aus Russland" oder die "Vereinigung zur Integration der russlanddeutschen Aussiedler (VIRA e. V.)" in Düsseldorf, weisen durch ihre Bezeichnung weiterhin auf die russlanddeutsche Herkunft ihrer Mitglieder hin. Andere dagegen, wie beispielsweise der "Club Dialog e. V." oder das "Integrationszentrum Harmonie e. V." in Berlin, bezeichnen sich als Migrantenorganisationen und wenden sich an Zuwanderer verschiedener Herkunft.

Darüber hinaus gibt es in vielen Städten kulturelle und sprachliche Angebote wie zum Beispiel Chöre, Folkloregruppen, Tanzveranstaltungen und Festivals, die sich an eine russischsprachige Zielgruppe wenden. Bilinguale Kindertagesstätten sowie russischsprachige Samstagsschulen ermöglichen es, die russische Sprache und russische Kulturelemente auch generationenübergreifend aufrechtzuerhalten. Entsprechende Verbände, wie beispielsweise der bundesweit organisierte "Verband russischsprachiger Eltern", betonen zumeist, dass sie sich an Russischsprachige unabhängig von der ethnischen Herkunft oder Staatsangehörigkeit wenden. Sie vermitteln damit die Idee einer grenzüberschreitenden russischsprachigen Gemeinschaft, die in starkem Gegensatz zur deutsch ausgerichteten Programmatik der LmDR steht.

Die unterschiedliche Ausrichtung der Vereine und Verbände verdeutlicht die vielfältigen Interessen und Zugehörigkeiten der in Deutschland lebenden Russlanddeutschen. Aus den sozialen, kulturellen und politischen Angeboten ergeben sich verschiedene Definitionen des "Russlanddeutschseins", die manchmal im Widerspruch zueinander stehen. Die Vielfalt der Migrationsgesellschaft, selbst innerhalb einer Einwanderungsgruppe, spiegelt sich auch in der Vereinslandschaft wider.

Beispiele russlanddeutscher bzw. russischsprachiger Vereine in Berlin. Eigene Darstellung, basierend auf halbstrukturierten Interviews mit Vereinsmitgliedern und Informationen von den Webseiten der Vereine (Stand: Oktober 2018) (© bpb)

"Russische" Supermärkte und Restaurants

Anna Flack

"Fremdes Essen" ist aus der kulinarischen Landschaft Deutschlands nicht mehr wegzudenken. Im Vergleich zu italienischen Eisdielen, türkischen Dönerimbissen oder China-Restaurants werden russische Restaurants und Geschäfte in der Öffentlichkeit aber kaum wahrgenommen. Zum einen leben postsowjetische Migrantinnen und Migranten noch nicht so lange in Deutschland wie andere Herkunftsgruppen. Zum anderen sind Asien und der Mittelmeerraum beliebte Urlaubsziele vieler Deutscher, während Russland bislang weit weniger bereist wird. Die geringe Vertrautheit mit der "russischen Küche" erklärt auch die niedrigere Anzahl, "russischer" Restaurants im Vergleich zu Supermärkten, die Produkte aus dem postsowjetischen Raum vertreiben. Im Einzelhandel kann leichter mit neuen Geschmacksrichtungen experimentiert werden. Sicher wirken sich zudem geringere finanzielle Möglichkeiten von Russlanddeutschen auf Restaurantbesuche aus. Im Folgenden geht es daher primär um "russische" Supermärkte.

Eine berufliche Perspektive für von Arbeitslosigkeit bedrohte Russlanddeutsche kann zum Beispiel eine Tätigkeit als selbstständiger Unternehmer oder Dienstleister im Einzelhandel bieten. Von ihnen geführte Lebensmittelgeschäfte füllen mittels russischsprachiger Bedienung und dem Angebot vertrauter Speisen eine kommerziell ausschöpfbare, ethnische Nische. "Russische" Supermärkte sind aber nicht immer auf den ersten Blick als solche erkennbar. Neben Marktnamen wie "Katjuscha", "Altai" oder "Russische Spezialitäten" gibt es ebenso "neutrale" Namen wie "Mix Markt" oder "Absolut". Das Sortiment in "russischen" Supermärkten umfasst in der Regel Produkte aus dem gesamten postsowjetischen Raum (weswegen "russisch" in diesem Beitrag in Anführungszeichen steht). Meist werden zusätzlich polnische, griechische und türkische Waren angeboten.

Supermarktbetreiber wollen also sowohl postsowjetische und aus anderen Ländern stammende als auch einheimische Kundinnen und Kunden ansprechen, von denen viele im Sinne einer Erlebnisgastronomie eine "authentische", exotische Atmosphäre erwarten. Ein Teil der Unternehmen verfolgt daher die Strategie der "Selbst-Ethnisierung". Diese kann sich beispielsweise im Mobiliar oder in russischer Hintergrundmusik widerspiegeln. Daneben gibt es Kundinnen und Kunden, die trotz der Exotik im "russischen" Supermarkt einkaufen und sich dort vorwiegend mit nicht als spezifisch "russisch" wahrgenommenen Nahrungsmitteln wie Brot oder Milch versorgen – beispielsweise, weil ihnen dort attraktive Lebensmittelpreise angeboten werden oder weil das Geschäft günstig gelegen ist.

Migration und der Prozess der Integration können bei Zugewanderten Fremdheitsgefühle auslösen. Als einschlägig "russisch" wahrgenommene Lebensmittelgeschäfte und Speiselokale sind Orte, an denen soziale Kontakte insbesondere in der Eigengruppe geknüpft und aufrechterhalten werden können. "Russische" Supermärkte ermöglichen Russlanddeutschen, sich miteinander und mit anderen postsowjetischen Migranten auszutauschen. Der Verzehr von aus dem Herkunftsland bekannten Lebensmitteln oder die Bedienung in russischer Sprache durch eine ebenfalls in der Sowjetunion sozialisierte Person helfen, emotionale Sicherheit zu stiften und positive Erinnerungen an die frühere Heimat zu wecken. Der Geschmack einer vertrauten Speise kann Erinnerungen an vergangene Situationen aufrufen, in denen sich die Person als handlungsfähig, kompetent und respektiert wahrnahm. Solche Erinnerungen sind wertvolle Ressourcen, um mit einer Migrationssituation einhergehende Probleme und Gefühle zu bewältigen.

Daneben kann ein "russischer" Supermarkt aus nostalgischen Gründen oder zur Demonstration eines russischen, (post-)sowjetischen, deutsch-russischen oder transnationalen Lebensstils frequentiert werden. Je nach Generationszugehörigkeit und dem Ausmaß an gesellschaftlicher Teilhabe sind die emotionalen Bedürfnisse unterschiedlich motiviert und ausgeprägt. Essen und Trinken sind nicht nur menschliche Grundbedürfnisse. Was wir essen und trinken und was uns schmeckt, hängt in großem Maße von unserer Sozialisation ab. Der Verzehr vertrauter Speisen und Getränke trägt somit zur Bewältigung von Fremdheitsgefühlen bei und stabilisiert die eigene Identität.

Die Beharrung von Russlanddeutschen und anderen Migranten auf mitgebrachten Ernährungsgewohnheiten kann ein Zeichen mangelnder Integration und Teilhabe sein – muss es aber nicht zwangsläufig. Sie sagt ebenso wenig über die Koexistenz in Deutschland lebender Menschen aus wie eine Begeisterung einheimischer Deutscher für ausländische Gerichte. Tendenziell werden im Laufe der Zeit immer weniger Speisen und Getränke mit der "alten Heimat" verknüpft. Dafür werden die beibehaltenen Gerichte symbolisch aufgewertet. Ehemalige Alltagsspeisen können in den Rang von Spezialitäten aufsteigen. Kulturanthropologen sprechen in diesem Zusammenhang von "Soulfood". Zum Beispiel können sibirische Pel’meni "Soulfood" sein: Sie sind "typisch" und werden nicht mehr nur noch in bestimmten, "ursprünglichen" Kontexten zubereitet, sondern sind stets verfügbar – nicht nur im "russischen" Supermarkt, sondern zunehmend auch im nächstgelegenen "deutschen" Discounter.

Quellentext"Russisch" kaufen und essen

Ausschnitte eines Interviews mit zwei russlanddeutschen Studentinnen

Wo kaufst du deine Lebensmittel ein?
Da wir wirklich 20 Meter von einem Discounter weit weg wohnen, kaufen wir da meistens ein. Und sonst ab und zu mal gerne in diesem Feinkostladen.
Sonst irgendwelche Spezialitätengeschäfte, türkische oder russische oder sowas?
Ja, also ab und an, das ist für uns auch so eine Tradition. Da haben wir immer so einen Super-Cousinen-Tag und dann gehen wir oft in den russischen Laden, der ist hier nicht so weit weg. Wir sind zwei Mädels und zwei deutsche Jungs... und die mögen dieses Öl auch sehr gerne. Das ist dieses ungefilterte, naturbelassene Sonnenblumenöl. Es hat ein bisschen mehr Eigengeschmack und das mögen die Jungs auch sehr gerne. Und immer wenn das ausgeht, ist es immer so ein Anzeichen, ja, wir sollten einen Super-Cousinen-Tag machen und dahin gehen.

Und was kauft ihr dann da so?
Öl natürlich. Buratino-Limonade. Genau, und alles, was uns noch so ins Auge sticht, also das letzte Mal haben wir, glaube ich, Pel’meni auch mitgenommen. Nein, Piroschki waren das sogar, die waren ganz lecker.

Die gibt es auch als Fertigpackung?
Ja. Erstaunlich gut, weil sonst bin ich da auch sehr, sehr skeptisch. Manchmal kaufen wir diese eingelegten Sachen, Tomaten ... Auberginen, Zucchini. Genau, diese мало сольные [wenig gesalzenen] Gurken. Ja ... die esse ich auch sehr, sehr gerne. Vor allem wenn man bei Verwandten ist, die das selbst machen, dann finde ich das sehr, sehr lecker. Also es ist aber auch etwas ganz ganz Anderes, also diese klassischen Essiggurken. Ich glaube, das würden die Russen gar nicht so mögen, also zumindest die "Dorfrussen". Weil es ja wirklich Essig ist, also es ist ja nicht zu vergleichen mit diesen fein gesalzenen, eingelegten.

Was ist euer Lieblingsessen?
Ich esse wahnsinnig gerne Sushi und auch Indisch. Wenn ich zusammenfassen müsste, hätte ich asiatisch gesagt. Oder wenn man mal zu Hause [bei den Eltern] isst und dann etwas wirklich Gutes kriegt. So diese russische Hausmannskost.

Ausschnitte eines Interviews mit einem Betreiber eines "russischen" Restaurants ohne eigenen Migrationshintergrund

Haben Sie viele deutsche Gäste?
Ja, unser Anteil hier an deutschen Gästen, also aus der Region kommend, sagen wir es so, weil Deutsch sind ja eigentlich 98 Prozent der Gäste, aber aus der Region kommend beträgt der Anteil hier zwischen 70 und 80 Prozent, was auch sehr wichtig ist für das Fortbestehen des Restaurants.

Und wieso haben Sie das Restaurant ausgerechnet hier in diesem Stadtteil eröffnet und nicht zum Beispiel im Zentrum, wo ja die meisten internationalen Restaurants zu finden sind?
Ja gut, das hat sich damals gerade angeboten, hier war vorher auch ein Russe drin, der eine Pizzeria geführt hat, hier in diesem Stadtteil wohnen halt 80 Prozent Aussiedler aus dem Osten. Ein Großteil von der aus Russland kommenden Bevölkerung sind Geburtstagsfeiern, Jubiläumsfeiern, auch kleinere Hochzeiten. Was hier gefeiert wird, also in Deutschland, im kleineren Kreise mit ein paar Deutschen oder deutscher Verwandtschaft und z. T. von Russland, und die zweite Hochzeit wird dann meistens eh in der Ukraine oder irgendwo drüben dann mit 100 oder 200 Gästen gefeiert. Der zweite Tag Hochzeit, den kennen ja nicht so viele. Der wird dann veranstaltet, wenn die Verwandtschaft von weiter weg kommt und hier übernachtet. Dann wird am nächsten Tag nochmal Mittag gegessen, vielleicht noch Kaffee und Kuchen und dann reisen die Leute ab.

Was bieten Sie denn hier für Gerichte an?
Also natürlich, mein Ziel war es natürlich, die Deutschen hier nicht zu verschrecken, also bieten wir deutsche Speisen an und russische, und zu den deutschen Speisen gehören natürlich alle Schnitzelarten. Auch der Schweinebraten und Rinderbraten, also Sauerbraten ist drauf [auf der Speisekarte], und dann natürlich die typischen russischen Speisen, wie Schaschlik, Pel’meni, das sind erst einmal die Highlights, die russischen.

Was ist Ihr Erfolgskonzept?
Also das Problem daran ist, das war mir auch von Haus aus klar, dass man alleine nur von der russischen, also von Russland kommenden Gesellschaft nicht leben kann. Dahingehend … dass die meisten entweder hier ihr Haus gebaut haben und ein großes Auto fahren und die ganze Familie eigentlich für Haus und Auto spart und für die Kinder, die sie noch haben, und sich überdies nichts mehr leisten können. Oder sie leben dann in Sozialwohnungen, Hartz IV-Empfänger, und da ist natürlich nicht mehr viel drin. Dann natürlich, die Meinung habe ich oft gehört, dass auch von Russland Kommende eigentlich mit Russen nichts zu tun haben wollen. Also sie stellen sich gegen die eigene Gesellschaft, da fehlt es irgendwie an Identität oder so. Dieses alleine reicht halt nicht aus, um die Kosten von so einem Betrieb zu decken, also Personalkosten, Pacht usw. usf., GEMA und Strom, was halt alles dazu gehört. Und dahingehend muss man also eine zweite Schiene fahren, die russischen Speisen für, ja, die hier Lebenden interessant zu machen. Es hat jeder Deutsche in seinem Umfeld irgendjemanden, der aus Russland kommt, ob es in der Arbeit sei, im Freundeskreis oder dass jemand eingeheiratet hat. Die russische Gesellschaft ist ja nicht mehr aus dem deutschen Leben wegzudenken. Und jeder erzählt vom Essen, vom Schaschlik und hin und her, und das will ich halt hier in diesem Restaurant letztendlich den hier Lebenden zugänglich machen. Ich fahre die Brücke, dass es zwar ein russisches Restaurant ist, ich aber kein Russe bin und dadurch den Leuten ein bisschen die Scheu nehme vor dem Fremden, sondern hier ist ja einer von uns.

Anna Flack

Russlanddeutsche Migrationskirchen: Entstehung und Herausforderungen

Kornelius Ens

In vielen russlanddeutschen Familien hat das in der Sowjetunion erlebte Unrecht während des Stalinismus seelische Traumata hinterlassen, die über Generationen hinweg tradiert wurden. Die Aufarbeitung dieser Erinnerungen konnte im Wesentlichen erst nach der Übersiedlung nach Deutschland beginnen. Insbesondere diejenigen Russlanddeutschen, die sehr religiös waren und ihren Glauben trotz massiver Anfeindungen und repressiver sowjetischer Religionspolitik weiter ausgeübt hatten, mussten eine von Deportation, Arbeitslager und Gewalt geprägte Vergangenheit bewältigen. In der unmittelbaren Lebensumbruchphase der Migration nach Deutschland brauchten sie Halt und Sicherheit, die sie bevorzugt in selbstorganisierten Migrationskirchen finden wollten. Sie knüpften damit an frühere Erfahrungen an: Als gläubige Russlanddeutsche waren sie gleich doppelt aus dem kollektiven Wir in der Sowjetunion ausgeschlossen gewesen – als Angehörige der deutschen Minderheit und als Christinnen und Christen – und hatten sich daher häufig in kleine Gruppen Gleichgesinnter zurückgezogen. Die kirchliche Gemeindelandschaft in Deutschland konnte den russlanddeutschen Gläubigen ein solches auf Kollektivität ausgerichtetes Gemeinschaftsgefüge kaum anbieten.

Die starke religiöse Ausprägung einiger Russlanddeutscher ist in der Geschichte begründet: Das Einladungsmanifest Katharinas II. von 1763 an potenzielle deutsche Siedler beinhaltete religiöse Freiheitsversprechen ebenso wie die Befreiung vom Wehrdienst, die vor allem für Mitglieder der historischen Friedenskirche der Mennoniten einen außerordentlichen Stellenwert einnahm. Insofern war der christliche Glaube mindestens bis zur Oktoberrevolution 1917 konfessionsübergreifend bestimmend für die Lebensweise vieler Deutscher in Russland. Dabei führten unterschiedliche protestantische Erneuerungsbewegungen zur Gründung neuer kirchlicher Gemeinschaften.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts gingen russlanddeutsche Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfession in der Sowjetunion teilweise in den Widerstand und gründeten Untergrundkirchen. Hierbei zeichnete sich die russlanddeutsch-protestantische Frömmigkeit im Regelfall durch eine Ablehnung säkularer Entwicklungen aus, die unter anderem an der sowjetischen Mehrheitsgesellschaft festgemacht wurde. Diese Grundhaltung wurde häufig durch die massive Diktaturerfahrung gefestigt und prägte die theologische Entwicklung von russlanddeutschen Kirchengemeinden sowohl in der Sowjetunion als auch in den Jahren des Ankommens in Deutschland. Auf kirchliche Beziehungen nach Deutschland, die vor den 1940er-Jahren noch durchaus dokumentiert sind, konnte aufgrund der abgeschirmten Situation in der Sowjetunion nicht mehr zurückgegriffen werden.
Die erlebte Religionsverfolgung in der Sowjetunion nannten viele Russlanddeutsche als Grund ihrer Emigration nach Deutschland ab den 1970er-Jahren. Hier gründeten sie in der Folge zahlreiche freie russlanddeutsche Migrationskirchen. Dabei konnte teilweise auf bewährte Elemente wie Zweisprachigkeit und Gemeinschaftsbildung zurückgegriffen werden. Derzeit besuchen etwa 400.000 Personen solche Freikirchen, wobei circa 100.000 unter ihnen Mitglieder der jeweiligen Gemeinden sind.

Konfessionell sind russlanddeutsche Migrationskirchen häufig schwer einzuordnen. Manche Gemeinden haben Schnittmengen mit dem deutschsprachigen Evangelikalismus, dem wiederum andere Gemeinden trotz häufig identischer Kirchenbezeichnung skeptisch gegenüberstehen. Die relative Abgeschlossenheit und Uneindeutigkeit in der Zuordnung stellen den gesamtgesellschaftlichen Dialog vor gewisse Probleme:Wenn russlanddeutsche Migrationskirchen konfessionelle Zuordnungen ermöglichen würden bzw. sich in etablierte kirchlich-theologische Foren einbrächten, könnten Verunsicherungen seitens der Mehrheitsgesellschaft abgebaut sowie die Sprachfähigkeit in interkonfessionellen Dialogen qualitativ gesteigert werden. Auch könnte dies den parallelgesellschaftlichen Tendenzen einzelner Kirchengemeinden vorbeugen.

Bemerkenswerte Integrationsprozesse durchlaufen nämlich gerade diejenigen russlanddeutschen Migrationskirchen, die ihren Mitgliedern konfessions-, aber auch kulturübergreifende theologische Auseinandersetzungen ermöglichen. Die Perspektivweitung, die durch eine solche Partizipationsbereitschaft ausgelöst wird, ist für viele russlanddeutsche Christinnen und Christen häufig ein entscheidender Impuls für eigene zivilgesellschaftliche Initiativen und für eine engagierte Teilhabe an weiteren sozialen Handlungsfeldern. So erschließen sich teilweise gerade die jüngeren Generationen in russlanddeutschen Migrationskirchen mit hoher Intensität theologische Themenfelder, häufig in bewusst kirchenübergreifender Gesamtsicht. Hierbei ist auch die etablierte deutsche Kirchenlandschaft herausgefordert, diesen vielfach hybriden theologischen Denkprozessen von Russlanddeutschen im Sinne der migrationsbedingten Diversität aufgeschlossen gegenüberzutreten, sodass Migrationskirchen auch perspektivisch sinnstiftende und integrationsfördernde Orte sein können.

Russlanddeutsche Erinnerungskultur

Viktor Krieger

Die 250-jährige Geschichte der deutschen Minderheit im Russischen Reich bzw. in der Sowjetunion bildet die Grundlage eines eigenständigen Selbstverständnisses und einer gruppenspezifischen Erinnerungskultur der Russlanddeutschen. Sie unterscheiden sich erheblich von den dominanten Vergangenheits- und Gedächtnisbildern sowohl der russischen als auch der deutschen Nation. In der Russischen Föderation ist der Sieg über NS-Deutschland zum wichtigsten identitätsstiftenden Narrativ, zu einem umfassenden gesellschaftlichen Konsens geworden. Den Kernpunkt der Erinnerungspolitik bilden Patriotismus und Heldenkult; sorgfältig wird der Stolz auf den Sieg über Deutschland und die moralische Überlegenheit gegenüber den "deutschen Faschisten" kultiviert.

In Deutschland bildet der Holocaust den bedeutendsten Pfeiler der Erinnerungskultur, was die Fragen von Täterschaft und Verantwortung in den Mittelpunkt rückt. Dagegen ist das zentrale Erinnerungsnarrativ der Russlanddeutschen maßgeblich von Ausgrenzungs-, Leidens- und Opfererfahrungen geprägt: Jahrzehntelange Verfolgungen, Diskriminierungen und germanophobe (deutschfeindliche) Propaganda, insbesondere während des Stalinismus von 1927 bis 1953, haben nahezu alle Angehörigen der deutschen Minderheit in Mitleidenschaft gezogen.

Von allen Enteignungs-, Verbannungs- und Unterdrückungsmaßnahmen des Sowjetstaates waren die Deutschen stets überproportional betroffen, sei es als Opfer der Hungerkatastrophen der Jahre 1921/22 und 1932/33, des Vernichtungskampfes gegen wohlhabende Bauern (sog. Kulaken) und Gläubige oder des "Großen Terrors" von 1937/38. So waren etwa von insgesamt 682.000 im "Großen Terror" erschossenen Personen 55.000 (8,1 Prozent) Deutsche, obwohl sie damals nur 0,8 Prozent der sowjetischen Bevölkerung stellten.

Der Erlass zur Zwangsumsiedlung vom 28. August 1941 erklärte die schon seit mehreren Generationen im Land lebenden Personen deutscher Herkunft zu Feinden des Sowjetstaats. Daraufhin folgten Entzug der Bürgerrechte, umfassende Deportationen, Zwangsarbeit und germanophobe Anfeindungen. Bis 1955 standen Russlanddeutsche als Sondersiedler mit stark beschnittenen Bürgerrechten unter der Aufsicht der Sonderkommandanturen des sowjetischen Innenministeriums: Ohne Erlaubnis des Kommandanten konnten sie sich nicht mehr als fünf Kilometer von ihrem Bestimmungs- oder Wohnort entfernen und durften sich nur dort aufhalten, wo es vor Ort Kommandanturen gab. Im europäischen Teil des Landes war es ihnen deshalb grundsätzlich verboten, zu studieren, Urlaub zu machen, dorthin eine Dienstreise anzutreten oder sich zur ärztlichen Behandlung zu begeben. Es war ihnen nicht erlaubt, Führungspositionen zu übernehmen oder in die Sowjets auf örtlicher, regionaler, Republik- oder Unionsebene gewählt zu werden.

Nach eher niedrig angesetzten Opferzahlen sind im Zeitraum 1917 bis 1948 etwa 480.000 deutsche Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer erschossen worden, erfroren, verhungert oder an Entkräftung und Krankheiten vorzeitig ums Leben gekommen. Für eine Ethnie, die Anfang der 1950er-Jahre lediglich um die 1,35 Millionen Menschen zählte, ist dies eine beträchtliche Zahl.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren deutsche Sowjetbürgerinnen und -bürger weiterhin Ziel antideutscher Ressentiments. Es fehlte an einer finanziellen, politischen, rechtlichen und nicht zuletzt moralischen Rehabilitierung. Ihre Geschichte wurde in Schulbüchern, Massenmedien und wissenschaftlichen Untersuchungen verschwiegen oder verfälscht.

In der Zeit des demokratischen Umbruchs nach 1985 wurden ihre leidvollen, traumatischen Erfahrungen im Stalinismus von der russischen Seite offiziell anerkannt. Das vom russischen Parlament am 26. April 1991 angenommene Gesetz "Über die Rehabilitierung der repressierten Völker" sprach unter anderem von der "Politik der Verleumdung und des Genozids auf staatlicher Ebene", dem die einst deportierten Völker – darunter auch die Wolgadeutschen und andere Gruppen von Deutschen – ausgesetzt waren.

Das Verständnis, ein Opfer staatlich verordneter Gewalt zu sein, wird bis heute im Wesentlichen durch innerfamiliär vermittelte lebensgeschichtliche Erfahrungen und durch Selbstdarstellungen an spätere Generationen weitergegeben. Das ist insbesondere dem Umstand geschuldet, dass es sowohl in Russland als auch in Deutschland an staatlichen Institutionen der Geschichts- und Erinnerungskultur wie etwa Museen, Archiven, Bibliotheken, Dokumentationszentren, Gedenkstätten und Forschungsinstituten mangelt, die sich schwerpunktmäßig mit dem russlanddeutschen Kulturerbe befassen. Dadurch konnte sich eine Geschichtsschreibung, die von den Betroffenen wahrgenommen wird, nicht etablieren. Auch fehlt es an einer schulischen Vermittlung und gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Minderheit.

Neben diesem russlanddeutschen Zentralnarrativ stellen Selbstbehauptungswille, Arbeitsethos, Freiheitsdrang und rechtsstaatliches Gedankengut weitere wichtige identitätsstiftende Komponenten dar. Die Vorfahren der meisten Russlanddeutschen wurden zur landwirtschaftlichen Erschließung der dünnbesiedelten Gegenden "berufen", um dem jeweiligen Zaren bzw. dem Staat zu "dienen". Somit entstand eine Rechts- und Vertragsgemeinschaft, die auf wechselseitigen Pflichten und Rechten beruhte. Von den angeworbenen Siedlern wurden Loyalität, Staatspatriotismus, Gesetzestreue und nicht zuletzt eine nutzbringende Produktivität erwartet. Andererseits nahmen Russlanddeutsche für sich das Recht auf Protest und "Auflösung des Dienstverhältnisses" in Anspruch, wenn der Herrscher oder die Regierung ihren Zusagen und Pflichten nicht nachkamen oder sie einseitig verletzten. Vor allem seit der bolschewistischen Machtübernahme entstanden – als Reaktion auf unterschiedliche Arten von Verfolgung und Unterdrückung – verschiedene Formen des Eigensinns, der Systemkritik und des Widerstandes.

Für einen beträchtlichen Teil der Russlanddeutschen ist auch die Erinnerung an die kurzlebige Existenz der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen relevant, in der sie als Titularnationalität – also als namensgebende nationale Gruppe des Gebietes – auch positive Seiten der sowjetischen Nationalitätenpolitik erfahren haben: Förderung der einheimischen Funktions- und Bildungselite, deutschsprachiges Schul- und Hochschulwesen, nationale Museen und Theater. Die gegenwärtige gesellschaftliche Randstellung einer "territoriums- und autonomielosen" Minorität sorgt sowohl in Russland als auch bisweilen in Deutschland für nostalgische Erinnerungen und eine Verklärung der Wolgarepublik.

QuellentextZeitzeugenberichte

Nur wenige Zeitgenossen hatten den Mut und die Aufrichtigkeit, die Deportation und Entrechtung ihrer deutschen Mitbürger zu verurteilen wenn auch nur privat. Zu diesem Kreis gehörte der Schriftsteller Boris Pasternak, der in einem Brief an seine Frau Sinaida Nikolaewna am 12. September 1941 schrieb:
Schon vor einigen Tagen wurde über die ausnahmslose Aussiedlung der ganzen Republik der Wolgadeutschen (bis zu einer Mio. Menschen) nach Zentralasien oder hinter das Altai-Gebirge gesprochen. Und plötzlich trifft es auch die Moskauer Deutschen, beispielsweise Rita William. Ausgerechnet in dieser schrecklichen regnerischen Nacht [in der dieser Brief niedergeschrieben wird – Anm. d. Verf.] haben in Peredelkino die Kaisers und Elsners davon erfahren, ehrliche, unschuldige und arbeitsame Leute, die bei den Pawlenkos wohnen. Sie müssen morgen nach Kasachstan, hinter Taschkent, ziehen. Die ganze Nacht hat mich das bedrückt. Wie viel Leid und Übel gibt es doch überall, zu welchen Höhen ballt sich die menschliche Verwüstung, wie viele Abrechnungen, die sich oft überlagern, bewahrt die menschliche Rachsucht, wie viele Jahrzehnte müssen bis zur beiderseitigen Versöhnung in der Zukunft vergehen?

Pis’ma B.L. Pasternaka k žene Z.N. Nejgauz-Pasternak [Briefe von Boris Pasternak an seine Frau, Sinaida Neuhaus-Pasternak]. Moskau 1993, S. 137. Margarita (Rita) William war die Schwester der Frau seines Bruders Alexander Pasternak. Peter Pawlenko wohnte in der Nachbarschaft zu Pasternak in der Schriftstellersiedlung Peredelkino.

Rudolf Romberg berichtet über seine Zeit im Arbeitslager:
Die Deutschen [in der UdSSR] wurden nicht mehr in die Armee eingezogen. Die Behörden haben uns diesbezüglich nichts erklärt, aber in den Massenmedien ging sofort die Deutschenhetze los. Die Deutschen wurden nur mit Hörnern präsentiert und uns wurde klar, was uns erwartet. Plakate tauchten auf, dass alle Deutschen von der frühen Kindheit bis zum hohen Alter schon Verbrecher seien:
Шаловлив был юный фриц [Unartig war der kleine Fritz]
Резал кошек, вешал птиц [Er schlachtete Katzen ab und erwürgte Vögel]

Dazu kamen noch die Zeichnungen (kleine Jungs mit großen Messern, blutbespritzt mit toten Katzen und Vögeln). Allein der Anblick war schauderhaft. […]

Am 18. März 1942 wurde ich aus der Siedlung Marinowka, Gebiet Kustanaj in den Bautrupp Nr. 10 des Tscheljabmetallurgstroj des NKWD eingeliefert. In der Morgenstunde standen wir vor dem Eingangstor des Lagers, von Stacheldraht umzäunt, mit Wachtürmen und -hunden gesichert. In Vier-Männer-Reihen aufgestellt, wurden wir wie Schafe gezählt und ins Lager für die vollen vier Jahre, bis zum 1. Mai 1946 eingepfercht. Uns nannte man Arbeitsmobilisierte (in Geschäftspapieren), im Umgang waren wir Fritzen und Faschisten. Es gab kein Bettzeug, keine Wäsche, anderthalb Monat gab es kein Bad, keine Möglichkeit, Hände zu waschen. [...] Das Gelände des Bautrupps bestand aus 14 Baracken für je 180 Mann. Die Baracke selbst war eigentlich eine Erdgrube, bedeckt mit Giebeldach. Im Zentrum standen Zwei-Etagen-Pritschen, an den Wänden einfache [Pritschen], unter denen der Schnee lag. Diese Unterkunft wurde von zwei Eisenöfen geheizt, die den Riesenraum nicht vollständig erwärmen konnten. […]

Unser 10. Trupp baute das Walzwerk. Mit Spaten, Brecheisen, Pickel, Meisel und Schlaghammer hoben wir Riesengruben in der gefrorenen Erde für das Fundament des Walzwerkes aus. Wir schufteten 12 Stunden am Tag. Die Verpflegung war wie folgt: Im Falle der Normerfüllung bekam man 800 Gramm Schwarzbrot, 3 Mal Wassersuppe [...] und zum Mittagessen noch 100 bis 150 Gramm Hafer- oder Hirsegrütze. Diejenigen, die das Plansoll nicht leisten konnten, erhielten nur 400 Gramm Schwarzbrot und Wassersuppe. Fleisch und Fette gab es praktisch nicht. Der Frühling 1942 war anhaltend und frostig, das Aushöhlen des Fundaments in der durchgefrorenen Erde nahm die Kräfte der Arbeitsmobilisierten stark in Anspruch. Bereits im September konnten sich die meisten Leute wegen der Abmagerung und avitaminöser Krankheiten kaum bewegen; das große Sterben begann. […]

Jeden Tag konnte man auf den Pritschen 4 bis 5, manchmal mehr Tote finden. Dem Verstorbenen wurde eine Holzplakette mit seinen Daten an den Fuß gebunden (mit Draht oder Strick), er wurde ins Leichenhaus gebracht. Am nächsten Tag auf ein Fuhrwerk aufgestapelt (wie Holz) und in einer Grube 1,5 km vom Lager entfernt versenkt. Beim Durchfahren des Tores wurde dem Verstorbenen der Schädel mit einem Hammer zertrümmert, damit kein Lebendiger entkommen konnte. Den Angehörigen wurde keine Nachricht über den Tod ihres Mannes, Sohnes oder Verwandten gemacht. [...]

Zitiert nach: Erinnerungen von Rudolf Romberg, in: Archiv der [einstigen] Forschungsstelle für Geschichte und Kultur der Deutschen in Russland, Bestand "Arbeitsarmee", Faszikel 12. Im Russischen bedeutet Fritz ein zutiefst abwertendes Schimpfwort für einen Deutschen. Die zitierten Verse verfasste der sowjetische Dichter und Übersetzer Samuil Marschak. Rudolf Romberg, geb. 1924 in Marinowka, Gebiet Kustanaj/Kasachstan, wuchs in einer deutschen Siedlung auf, die 1902 in der kasachischen Steppe gegründet wurde. [Im] November 1941 wurde er im Zuge der Säuberung der Städte von den Deutschen in das Dorf Pawlowka verwiesen. Von dort aus erfolgte im März 1942 die Einweisung zur Zwangsarbeit ins Arbeitslager Teljabmetallurgstroj (TschMS) des NKWD der UdSSR in der Nähe der Stadt Tscheljabinsk, das zum Bau eines riesigen Eisenhüttenkombinats errichtet wurde. Ab Mai 1946 bekam er den Status eines Sondersiedlers, aber stand noch bis Januar 1956 unter Kommandanturaufsicht und war in seiner Wohnorts-, Arbeits- und Berufswahl stark benachteiligt. Seit 1992 lebte er in Deutschland. Diesen Zeugenbericht verfasste der Autor im Jahr 2000. Er starb 2006 in Landsberg/Lech.

Ein Zitat aus dem Lehrbuch der 9. Klasse der Mittelschule "Geschichte der UdSSR", hg. unter Leitung der Sowjethistorikerin Prof. A. M. Pankratowa, in dem seit 1941 in mehreren Auflagen bis 1963 (23. Auflage, hier zitiert die 12. Aufl. von 1953, S. 142) folgendes über die Wolgadeutschen stand:

Bei der Kolonisierung der Unteren Wolga-Region hat die Regierung dorthin Tataren, Mordwinen und Tschuwaschen aus den Gegenden der Mittleren und Oberen Wolga angesiedelt. Zusammen mit dem russischen Volk legten diese Völker den Grundstein der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Unteren Wolga-Region. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts schossen auf beiden Seiten der Wolga – um die Stadt Saratow und darunter – Dörfer der deutschen Kolonisten empor. Um die großflächigen Steppen schneller urbar zu machen, gab die Regierung von Katharina II. 1763 ein Manifest heraus, das ausländische Siedler nach Russland eingeladen hatte. Diesem Ruf folgten mehr als 20.000 Siedler, die aus Frankreich, Schweden und insbesondere aus dem vom Siebenjährigen Krieg verwüsteten Deutschland stammten, und ließen sich an den Wolgaufern nieder. Siedler-Ausländer erhielten 30 Dessjatinen [ca. 33 ha Land] pro Familie und ein Darlehen für die Wirtschaftseinrichtung. Sie verwandelten sich bald in den wohlhabendsten und reaktionärsten Teil der Landbevölkerung, der sich verächtlich und feindselig gegenüber den russischen Bewohnern verhielt.

Russischsprachiges Original des Lehrbuches online: Externer Link: https://sheba.spb.ru/shkola/istoria-sssr9-1953.htm

Russlanddeutsche Geschichte, Kultur und Migration im Museum

Natalja Salnikova

Die Auswanderung der Russlanddeutschen aus der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik Deutschland in den 1990er-Jahren war in beide Richtungen impulsgebend für die Musealisierung ihrer Erinnerungskultur. Während in Russland und den GUS-Staaten die "Zurückgebliebenen" die Notwendigkeit sahen, neben der immateriellen auch die materielle Kultur der wegziehenden Deutschen zu retten, vergewisserten sich die in der Bundesrepublik angekommenen Emigrantinnen und Emigranten der eigenen kulturellen Zugehörigkeit in musealen Inszenierungen und präsentierten diese der Mehrheitsgesellschaft.

In den Nachfolgestaaten der Sowjetunion entstanden "Heimatsammlungen" oder Wanderausstellungen mit historisch-ethnografischen Schwerpunkten, die zum Teil als Deutsch-Russische Häuser von der Bundesrepublik gefördert werden. Doch auch die kraevedceskie muzei (Regional-/Heimatmuseen) in den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten entdeckten die Bedeutung dieser Minderheitengruppe für ihre Region neu. In der Absicht, Deutsche als eine "Kulturgruppe" des russischen Vielvölkerstaates zu präsentieren, entstanden unter anderem die Sonderausstellungen "Aus der Geschichte der Wolgadeutschen" im Heimatmuseum der Region Saratov (1992) und "Deutsche in Sibirien" im staatlichen Geschichts- und Heimatkundemuseum der Stadt Omsk (1994), die seitdem in die Dauerausstellungen dieser Museen übergegangen sind. Beide Ausstellungen sind in ihrem Sammlungsbestand und ihrem Umfang für Russland beispielhaft (siehe dazu I. Tscherkasjanowa, 2012).

In Deutschland wiederum spiegelt sich die russlanddeutsche Kulturgeschichte in erster Linie in dem bereits 1996 eröffneten und im Jahre 2011 neu konzipierten Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold wider (siehe dazu J. Debelts, 2012, und K. Neufeld, 2012). Seine Existenz in der musealen Landschaft gab Anstoß, eine der größten Migrationsgruppen der bundesdeutschen Gesellschaft auch in den auf nationaler Ebene agierenden Museen in Sonderausstellungen einzubeziehen – wie im Deutschen Historischen Museum, dem Auswandererhaus Bremerhaven und dem Museum Friedland.

Obwohl sich die Ausstellungen und Museen in Deutschland von denen in Russland bzw. den GUS-Staaten unterscheiden, weisen sie auch einige Gemeinsamkeiten auf. Thematisch manifestiert sich die Kulturgeschichte in denselben historischen Meilensteinen: Kolonienbildung im 18./19. Jahrhundert, Aufbau der eigenen Existenz im Russischen Reich, Hungersnöte, Gründung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, Zweiter Weltkrieg, Deportationen, Trudarmija (Arbeitsarmee), herausragende Deutsche in Russland, Sowjetisierung und die Migration nach Deutschland.

Das Thema Migration dient den meisten deutschen Museen bzw. Ausstellungen als Ausgangslage und wird daher umfangreicher thematisiert, zumal hier auch die nicht immer reibungslos verlaufende Integration angesprochen wird. In den Ausstellungen der ehemaligen Sowjetrepubliken nimmt die Auswanderung nach Deutschland dagegen einen sehr geringen Platz ein: Vielmehr wird die "Revitalisierung alter Traditionen", wie beispielsweise der Osterbräuche, in den deutsch-russischen Häusern vorgenommen und somit zur "Musealisierung der Kultur" beigetragen. Zumeist wird aber die konzeptuelle Ausrichtung der Institutionen von ihrem jeweiligen Sammlungsbestand beeinflusst. Dieser kommt entweder durch gezielte Sammlungsexpeditionen zustande oder wird durch die Betroffenen selbst gestellt, die ihre Erbstücke den Museen übergeben.

Ethnografische Exponate – beispielsweise Hausratsgegenstände wie Truhen, Waffeleisen, Butterfässer – werden zur Demonstration kultureller Besonderheiten der deutschen Kolonisten verwendet. Damit wird das "Russlanddeutschsein" als ein Kulturelement konstruiert und in der Folge kontinuierlich legitimiert. Nicht zuletzt tragen Schicksalserzählungen, insbesondere Opfernarrative (Deportation, Trudarmija, "Heimatlose") und die häufig damit einhergehende Begründung zur Auswanderung nach Deutschland dazu bei, diese Rolle in der kollektiven Erinnerung weiterzupflegen. Die für die heutigen Generationen prägendere Zeit – die sowjetischen Jahre – wird in Ausstellungen immer noch spärlich behandelt (siehe dazu R. Kindler, 2017).

Die musealen Inszenierungen der russlanddeutschen Geschichte, Kultur und Migration gewinnen zunehmend an Bedeutung im Hinblick auf ihre kulturpolitischen Verflechtungen. So fallen die meisten Ausstellungen in Russland unter die Förderung im Rahmen des § 96 des Bundesvertriebenengesetzes (BVFG) und die Mehrheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist transnational vernetzt. Kuratorinnen und Kuratoren sind häufig selbst russlanddeutscher Herkunft. Mit einem erweiterten Blick Richtung Westen sollten hier auch museale Inszenierungen in den USA und Kanada nicht unerwähnt bleiben. In Nebraska und North Dakota (USA) oder Manitoba (Kanada) zeigen mehrere "Heritage Museums" die überlieferte Kultur russlanddeutscher Kolonisten, die im späten 19. Jahrhundert aus Russland nach Übersee auswanderten.

Abschließend lässt sich die Tendenz beobachten, dass sich die ethnografisch ausgerichteten Museen neu verorten möchten, um sich von der Darstellung einer homogenen "russlanddeutschen Kultur" loszulösen. Unterstützt wird dies unter anderem durch verschiedene künstlerische Projekte, wie zum Beispiel Ira Thiessens Fotoserie "Privet Germania" (siehe auch Externer Link: www.fluter.de/privet-germania).

Russlanddeutsche transnational

Rita Sanders

Fragen zu Integration und Identität von Migrantinnen und Migranten werden oft nur in Bezug auf das Aufnahmeland betrachtet. Die "alte Heimat" wird dabei vor allem im Hinblick auf Werte und Traditionen analysiert, die die Zugewanderten vermeintlich als "Gepäck" in die "neue Heimat" mitgebracht haben. Vergessen wird hingegen oftmals die Bedeutung des transnationalen Raumes, der die vielfältigen sozialen Beziehungen zwischen denen, die gingen, und denen, die geblieben sind, beschreibt. Von Transnationalität spricht man, wenn soziale Beziehungen und Gefühle von Zugehörigkeit nicht auf ein Land beschränkt sind, sondern über staatliche Grenzen hinweg gepflegt oder auch nur empfunden werden. Damit kann einhergehen, dass Menschen zwischen zwei oder mehreren Staaten pendeln.

Welche Bedeutung ein transnationales Feld konkret für Fragen der Integration und Identität hat, ist letztlich für jede Person einzeln zu klären. Dabei gibt es jedoch Rahmenbedingungen, die für eine Migrantengruppe charakteristisch sind und die unter anderem mit dem Migrationsverlauf, der wirtschaftlichen Situation von Migranten und Nicht-Migranten in den einzelnen Ländern sowie der Infrastruktur zusammenhängen können.

Im Fall der Russlanddeutschen ist ein transnationales Feld häufig weniger ausgeprägt als zum Beispiel bei Einwanderern aus der Türkei oder Italien. So reisen Russlanddeutsche seltener in ihr Herkunftsland, gründen seltener transnationale Unternehmen, sprechen mit ihren Kindern oftmals nur Deutsch und empfinden sich insgesamt als gut integriert in die deutsche Gesellschaft. Dies bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, dass transnational lebende Menschen in die jeweiligen Gesellschaften weniger integriert sind.

Die relativ geringe russlanddeutsche Transnationalität ist insbesondere durch den Ablauf der Aussiedlung geprägt. Innerhalb kurzer Zeit migrierten in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren hunderttausende Russlanddeutsche nach Deutschland. Eine empfundene Verbundenheit mit dem Land ihrer Vorfahren wie auch die seitens der Bundesrepublik Deutschland gewährte schnelle Einbürgerung führten dazu, dass Familien (und häufig sogar Großfamilien) gemeinsam zuwanderten und nicht – wie oft in anderen Fällen – zunächst einzelne Familienmitglieder.

QuellentextLebenswege: Erich Kludt, geb. 1918

[…] Als ich 1983, im Alter von 61, offiziell in den Ruhestand ging, war das schon ein Jahr über dem offiziellen Renteneintrittsalter. […] Ich habe lange darüber nachgedacht, ob wir nach Deutschland gehen sollen. In Kasachstan ging es uns aus materieller Sicht gut. Wir hatten im Zentrum von Alma-Ata eine Zweizimmerwohnung, in der wir uns sehr wohl fühlten. Von meiner Rente […] konnte man damals gut leben. […] Wir hatten eine Datscha mit einem schönen Garten außerhalb der Stadt, die ich selbst aus Stahlbeton gebaut hatte. […] All das einfach aufzugeben, fiel mir schwer. Zumal unser Deutschtum seit den 60er Jahren nicht mehr so eine wichtige Rolle spielte wie vor und während des Krieges. Ich arbeitete mit Russen, Juden, Tataren, Kasachen und anderen Nationalitäten zusammen und empfand unser Verhältnis als gleichberechtigt. Und weil in Kasachstan Russisch Amtssprache war, sprachen wir immer seltener Deutsch.

Unsere Lage änderte sich, als die Sowjetunion 1991 auseinander brach. Danach schien uns unser Leben in Kasachstan vollkommen aussichtslos, denn mit dem Zerfall kam die Inflation und all unser Erspartes war plötzlich wertlos. Die ehemalige Sowjetrepublik Kasachstan wurde selbstständig, führte eine eigene Währung, die Tenge, ein, und Kasachen übernahmen die Regierung des Landes. Die Einheimischen sahen in ihren russischen Mitbürgern und auch in uns Deutschen plötzlich die Besetzer und begannen uns anzufeinden und zu beschimpfen. Und da bekamen wir Angst, dass sich die Geschichte wiederholen würde. Als Hitler die Sowjetunion angriff, verloren die Deutschen Haus und Hof und wurden nach Sibirien deportiert. Damals hatten wir erfahren müssen, dass wir in diesem Land Verdammte sind und viele Generationen von Deutschen nach uns auch. Wir wollten das nicht noch einmal erleben.

Zweimal hatte ich Anfang der 80er Jahre vergeblich einen Visums-Antrag für einen Deutschlandbesuch eingereicht. […] Erst 1987, nach Beginn der Perestrojka, klappte es […]. Mein zweiter Deutschlandbesuch im Jahr 1991 diente vor allem der Orientierung: Ich wollte mir ein Bild machen von der Bundesrepublik und wissen, worauf ich mich im Falle der Ausreise einließe. Meine Söhne begleiteten mich. Eugen und Alexander, beide sind Informatiker, waren in Kasachstan beruflich sehr erfolgreich und wollten sich versichern, dass sie auch in Deutschland Arbeit finden würden. […]

Wir hatten viel von der Arbeitslosigkeit im Westen gehört, doch während unseres Besuches erfuhren wir von Bekannten, dass Informatiker aus Osteuropa hierzulande einen guten Ruf haben und gerne eingestellt werden. Zudem begann damals der Boom der Computerbranche, so dass meine Söhne optimistisch waren, im Westen beruflich Fuß fassen zu können, und wir einen Aufnahmeantrag an die Bundesrepublik stellten.

Es dauerte aber noch vier Jahre, bis wir uns endgültig für die Ausreise entschieden. […] Aber als nach und nach immer mehr Verwandte, Freunde und Bekannte Kasachstan verließen, packten wir 1995 auch unsere Sachen. Nur mein ältester Sohn Alexander änderte in letzter Minute seine Meinung und blieb mit seiner Familie in Alma-Ata. […] Wir waren also zu fünft: mein Sohn mit Frau und Tochter sowie meine Frau Nelli und ich. […] Um den Garten und die Wohnung tat es mir Leid. Schließlich gaben wir damit alles weg, was wir uns im Leben erarbeitet hatten. Außerdem tat es mir weh, das Land, in das Deutsche jahrhundertelang ihr Wissen, ihre Kultur, ihr Können investiert hatten, zu verlassen. Nur im letzten Jahrhundert waren wir als Feinde gebrandmarkt worden. […]

In unserer Rotklinker-Siedlung in Burgwedel wohnen einige Aussiedler, so höre ich häufig Russisch auf der Straße. Ich suche aber keine neuen Freundschaften. Wenn man so viele Jahre wie ich auf dem Buckel hat, dann interessiert man sich nicht mehr so sehr für Beziehungen. Meine Zeit verbringe ich damit, meine Familiengeschichte und die Geschichte der Deutschen aus Russland aufzuschreiben. Außerdem gehe ich regelmäßig zu den Treffen des Vereins der Deutschen aus Russland in Hamburg, den ich mitbegründet habe. Ziel des Vereins ist es, die Geschichte der deutschen Einwanderer in Russland aufzuarbeiten. Bei den Vereinstreffen halten wir uns gegenseitig historische Vorträge und reden über die Vergangenheit. Manchmal sprechen wir aber auch über ganz aktuelle Probleme, mit denen wir hier in Deutschland zu kämpfen haben. […]

Außer mir sind in den 90er Jahren auch meine Brüder Arno und Hilmar und meine Schwester Erika nach Deutschland gezogen, so dass jetzt vier der fünf noch lebenden Geschwister hier beisammen sind. Wir waren alle schon pensioniert und mussten uns darum um unser Auskommen wenig Sorgen machen. Anders ging es unseren Kindern, die sich in der Bundesrepublik beruflich erst etablieren mussten, aber fast ohne Deutschkenntnisse herkamen. […]

Wir Menschen aus dem ehemaligen Ostblock schauen aus einem anderen Blickwinkel auf Deutschland, und, wie es im Russischen heißt, im schrägen Licht ist der Schatten länger. Der Kommunismus hat sich als Unsinn erwiesen und nicht funktioniert, und trotzdem halte ich den Kapitalismus, wie ich ihn in Deutschland erlebe, nicht für die bessere Alternative. Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist hierzulande viel zu groß. […] Der Kommunismus hingegen war viel sozialer. Als Beispiel fällt mir als Erstes die staatliche Kinderbetreuung ein, die in der Sowjetunion flächendeckend und kostenlos angeboten wurde und einen hohen Stellenwert hatte, galt sie doch als Schule für die Jüngsten. Auch das Gesundheitssystem war aus meiner Sicht viel gerechter, so stand jedem kostenlos medizinische Hilfe offen, wenn auch die Qualität niedriger war. […]

Auch wenn ich eine Rente bekomme und mein Sohn Arbeit hat, fällt es mir nicht so leicht, mich in Deutschland zu Hause zu fühlen. Ich bin dem deutschen Volk für die Aufnahme dankbar, muss aber dennoch anmerken, dass die Gesetze, die nach 1993 für Deutsche aus Russland erlassen wurden, aus meiner Sicht nicht gerecht sind. Mehrfach wurden die Renten gekürzt, so dass viele meiner Landsleute nur noch Renten in Sozialhilfehöhe erhalten. Das macht mich traurig, ganz besonders bei den wenigen, die den Gulag überlebt haben.

Wir Deutsche aus Russland sehen uns von der hiesigen Gesellschaft nicht immer akzeptiert, sondern zuweilen abgelehnt. Das liegt daran, dass man uns hier pauschal als Russen betrachtet, nur weil wir aus Russland hierher gekommen sind. […]

Aufgeschrieben von Eva Weikert

Dorothee Wierling (Hg.), Heimat finden. Lebenswege von Deutschen, die aus Russland kommen, edition Körber Stiftung, Hamburg 2004, S. 15 ff.

Hinzu kam, dass sich die Situation in den Herkunftsorten in Sibirien, Kasachstan und Kirgistan durch den politischen und wirtschaftlichen Umbruch nach 1991 drastisch verschlechterte. Russlanddeutsche, die in dieser Zeit auswanderten, konnten sich oftmals kaum vorstellen, jemals wieder zurückzukehren. Sie verkauften ihre Häuser und verabschiedeten sich für immer von ihren Verwandten und Freunden. Vielerorts kam es darüber hinaus zu großen infrastrukturellen Einschränkungen, sodass auch Telefon- und Postverbindungen eingestellt wurden. Dass sich soziale Kontakte mit der Verbreitung von Internet und Mobilfunknetzen innerhalb nur weniger Jahre ändern würden, ließ sich damals noch nicht ahnen.

Vielfach gestalteten sich die transnationalen Beziehungen von Beginn an schwierig: In den 1990er-Jahren brach das Wirtschaftssystem in den Nachfolgestaaten der UdSSR zusammen. Für die überwiegende Zahl der Menschen verringerte sich der Lebensstandard spürbar. Viele erwarteten materielle und auch emotionale Unterstützung von ihren in Deutschland lebenden Angehörigen, die dann jedoch zumeist ausblieb. Den russlanddeutschen Migranten war es auf der anderen Seite häufig unangenehm, zugeben zu müssen, dass sie noch keinen Arbeitsplatz gefunden hatten und sich die Integration in Deutschland zunächst schwieriger darstellte als gedacht, auch weil ihre gefühlte deutsche Identität von den Einheimischen oft nicht akzeptiert wurde.

QuellentextLebenswege: Viktor Petri, geb. 1950

[…] Meine wichtigen Kinder- und Jugendjahre verbrachte ich […] in Krasnojarsk. Ich lebte dort gern. Mir ging es in der Schule gut, und im Gegensatz zu anderen Ausbildungsstätten gab es in meiner Schule keine Übergriffe, keine Hänseleien Deutschen gegenüber. […] Als ich 19 war, zogen wir nach Moskau. […] In Moskau eröffneten sich für mich neue Horizonte. Das Studium begann. […]
Mir tat es weh zu sehen, wie sich die Sowjetunion auflöste. […] Stärker als zu anderen Zeiten in der Sowjetunion fühlte ich mich als Deutscher von der politischen Macht nicht gewollt. Wir wurden nicht wirklich rehabilitiert, trotz des im April 1991 vom Obersten Sowjet verabschiedeten "Gesetzes zur Rehabilitierung der repressierten Völker". […]

Ab Anfang der 1990er Jahre veränderte sich die Lage auch im Institut dramatisch. Mit der Perestroika ging es wirtschaftlich bergab. In der sowjetischen Zeit hatte mein Institut eineinhalbtausend Mitarbeiter, und Mitte der 1990er Jahre waren es nur noch 300. Es blieben die Alten; die Jungen, die Dynamischen suchten schneller nach Alternativen. […]

1994 gingen […] meine Eltern mit meiner Tochter, die damals 18 war und schon angefangen hatte, Informationstechnik zu studieren, nach Deutschland. Sie gehen zu lassen, war für uns Eltern natürlich nicht leicht. Aber trotz aller Sehnsucht, die wir beide immer nach ihr hatten, empfanden wir es als Glück, dass sie es nun schon geschafft hatte, sich in Deutschland eine Zukunft aufzubauen.

Es dauerte dann noch zwei Jahre, bis auch meine Frau, mein Sohn und ich ausreisen konnten. […] [Dabei] sind wir den Weg gegangen, den vor uns meine Eltern und meine Tochter bewältigt hatten und von dem wir schon unzählige Male von anderen Aussiedlern gehört hatten. Zuerst waren wir ungefähr eine Woche in Friedland, dem zentralen Aufnahmelager. Danach ging es nach Hamburg, wo wir zehn Tage auf einem der Schiffe für Asylbewerber und Aussiedler lebten, danach in eins der Containerdörfer. Weil wir möglichst nah bei meinen Eltern sein wollten, kamen wir nach Bergedorf in die Rothenhauschaussee. Dort blieben wir länger als zunächst erhofft. Elf Monate waren wir dort, dann erst zogen wir in eine Dreizimmerwohnung in Nettelnburg. […]

Schon im Containerdorf konnte ich mit einem vom Arbeitsamt finanzierten Sprachkurs beginnen. Ich hatte den Status des § 7 des Bundesvertriebenengesetzes bekommen und damit auch die Berechtigung für Eingliederungshilfen. Erst machte ich einen sechsmonatigen allgemeinen Sprachkurs, nach einer kurzen Pause den aufbauenden dreimonatigen Kurs Fachsprache. Danach kam für mich das Berufsintegrationsprogramm, der BIP-Kurs. […] Schließlich sollte ein siebenmonatiges Praktikum folgen. […] Ich fühlte enormen Druck. Wird es klappen? Werde ich den Aufgaben gewachsen sein? Was sollen wir machen, wenn ich keinen Platz finde? […]

Dann aber bot man mir […] eine feste Anstellung [an]. Ich war glücklich und erleichtert. Auch mit den Kollegen […] bin ich sehr zufrieden. […] Wir treffen uns auch privat. Nie habe ich das Gefühl, dass mich die Kollegen als einzigen Russlanddeutschen in der Abteilung anders behandeln. Ich spüre überhaupt keinen Unterschied, was die Nationalität betrifft. Das ist immer wieder ein sehr schönes Gefühl.

Meiner Frau ging es weniger gut. Sie, als Russin, und unser Sohn, der als Minderjähriger noch keinen eigenen Pass mit dem Eintrag "deutsch" hatte, erhielten einen anderen – schlechteren – Rechtsstatus. Damit verbunden war, dass sie weniger Eingliederungshilfen erhielten. Für meine Frau war das dramatisch und ist es noch immer. […]

Natascha fühlt sich diskriminiert. Trotz zahlreicher Sprachkurse ist es ihr noch nicht gelungen, einen Arbeitsplatz zu finden, der ihrer Qualifikation entspricht. Sie ist Energieingenieurin und machte ein Praktikum als Möbelverkäuferin. Als geringfügig Beschäftigte arbeitet sie zurzeit in einer Apotheke in Eppendorf. Das ist besser, als zu Hause zu sitzen, aber nichts, was sie befriedigt. […]

Ihre hoch qualifizierte Ausbildung und ihr Wissen sind hier nichts wert, sie sieht keine Chancen. Wir sind gemeinsam als Familie gekommen, als Gleiche. Nun sind wir in Deutschland, aber in der Familie sehr ungleiche Deutsche. Es gibt viele, denen es so geht wie Natascha, denn gemischte Ehen und Familien sind ja nichts Ungewöhnliches. Sich von diesen Ungleichbehandlungen als Familie nicht unterkriegen zu lassen, ist wirklich nicht leicht. Es gibt viele Russlanddeutsche, die mit dem Zwiespalt leben, mit dem Vermerk "deutsch" aus Russland abgefahren und nun mit dem Etikett "russisch" angekommen zu sein.

Meine Tochter und mein Sohn sind ihre Wege gegangen. Ich bin wirklich stolz auf sie. […] Eine gute Ausbildung für die Kinder ist das A und O. Man kann sagen, was man will: In Russland habe ich eine wirklich gute Ausbildung erhalten. Ich kann nicht verstehen, wenn in Deutschland die Meinung herrscht, dass das sowjetische System überhaupt nicht gut gewesen sei. Es war nicht alles schlecht. Die Schwarz-Weiß-Malerei, die oft betrieben wird, kann und will ich nicht akzeptieren. Auch heute denke ich, dass die technisch-mathematische Ausbildung in Russland besser ist. […]

Ich werde immer mit Russland und der russischen Sprache und Kultur in Verbindung bleiben. Ich liebe die russische Literatur und Poesie. […] Ich wünsche mir, dass auch meine Enkelkinder, von denen ich hoffentlich viele haben werde, später diese Sprache lernen und diese Kultur lieben. Russische Sprache gehört zu unserem Familienalltag, aber auch zum Alltag in dem Wohngebiet, in dem ich lebe. […]

Nach Moskau zieht es uns dennoch selten […]. Unsere Verwandten haben dort alle kleine Wohnungen, im doppelten Sinne finden wir dort keinen Platz mehr. […]

Sicher, ich wundere mich noch heute, nach acht Jahren in Hamburg, über manche Denk- und Verhaltensweisen der Einheimischen. Dennoch fühle ich mich als Dazugekommener gleich, gleichberechtigt. Dass ich hier gleiche Rechte habe und diese auch einfordern kann und darf, ist ein großartiges Gefühl. Das hatte ich in der Sowjetunion nicht. In Deutschland muss ich nicht mehr Mensch zweiter Klasse sein. Hier gibt es Recht und Gesetz. Sie stehen mir zu, ich kann sogar darum kämpfen, wenn es nötig ist. Allein dieses Gefühl macht Deutschland jetzt zu meiner Heimat. Oft fühle ich mich wie heimgekommen. Ich bin in ein Land gereist, das sehr anders, mir aber nicht fremd ist. In Deutschland mit seinen klaren Regeln fühle ich mich seelisch zu Hause. Es passt zu mir. Dennoch gibt es die Heimat, die Kindheit in Krasnojarsk, wo ich geboren bin. Es ist schön, beides zu haben.

Aufgeschrieben von Susanne Kutz

Dorothee Wierling (Hg.), Heimat finden. Lebenswege von Deutschen, die aus Russland kommen, edition Körber Stiftung, Hamburg 2004, S. 79 ff.

Für sehr viele Russlanddeutsche ist familiäre Unterstützung ein besonders wichtiger Wert, sodass die abgebrochenen transnationalen Beziehungen oft mit Scham verbunden sind. Das erschwert eine Wiederbelebung des Kontakts, auch wenn diese dank des Internets heute einfacher ist. Nicht selten bringen die jüngeren Generationen, die als Kinder nach Deutschland gekommen und mit den sozialen Netzwerken vertraut sind, auch die älteren Generationen wieder transnational in Kontakt.

Es sind heute insbesondere diejenigen transnational aktiv, die erst später nach Deutschland migriert sind. Etwa ab dem Jahr 2000 verbesserte sich die wirtschaftliche Lage in Russland und Zentralasien und viele zögerten ihre Migrationsentscheidung oft jahrelang hinaus. Derweil gründeten nicht wenige Russlanddeutsche ihr eigenes Unternehmen beispielsweise in der damals boomenden Bauwirtschaft in der Russischen Föderation und Kasachstan. Von Deutschland aus bleiben sie nun häufig mit dem Unternehmen in Russland oder Zentralasien in Kontakt.

QuellentextLebenswege: Nikolaj Kuzelev, geb. 1986

Ich bin 1986 in Kirgisien geboren. An das Land habe ich aber keine Erinnerung, denn meine Eltern sind schon als ich acht Monate alt war, nach Kasachstan umgezogen. Dort haben wir in Aktybinsk gelebt, im Westen von Kasachstan, ungefähr 200 Kilometer von der russischen Grenze. In Deutschland bin ich erst seit drei Jahren, genau seit dem 15. Juni 2001. Deutsch habe ich erst hier gelernt. […]
Die Deutschen in unserer Familie sind die Vorfahren meines Vaters. Sie haben seit dem Krieg in Martuk gelebt, einem Dorf in der Nähe von Aktybinsk. So nach und nach sind sie dann in den letzten Jahren nach Deutschland gekommen. Die Ersten waren meine Urgroßmutter und ihr Sohn – also der Onkel meines Vaters – mit seiner Familie. Das war 1993. Sie sind seitdem in Hamburg. […]

Ich wusste schon länger, dass wir Dokumente für die Ausreise nach Deutschland geschickt haben. Das war ungefähr 1995. Wir haben sie unseren Verwandten in Hamburg geschickt, damit sie sich um unsere Ausreise kümmern können. Von Kasachstan aus konnte man eigentlich nichts machen. Aber in Deutschland, da sind sie immer wieder zu den Behörden gegangen und haben dafür gesorgt, dass die Papiere auch bearbeitet worden sind.[…]

Als es dann losging, bin ich nicht gefragt worden, ob ich nach Deutschland will. Ich hatte kein Entscheidungsrecht. Bei uns war es eindeutig die Oma, die Mutter meines Vaters, die eigentlich die Entscheidung getroffen hat. Sie ist ja auch die Deutsche. Und sie war die treibende Kraft, sozusagen. Ohne sie konnten wir gar nicht nach Deutschland fahren. Und wenn sie ohne uns gefahren wäre, dann hätten wir wahrscheinlich nie mehr eine Genehmigung bekommen. Deswegen hat meine Oma gesagt, dass wir alle zusammen fahren oder alle in Kasachstan bleiben. Die Eltern meiner Mutter hatten nichts dagegen. […] Sie waren davon überzeugt, dass es in Kasachstan weder für Deutsche noch für Russen eine Zukunft gibt. Meine Eltern haben gesagt, sie tun das vor allem für uns Kinder […]. […]

Fünf Jahre lang haben wir insgesamt auf die Genehmigung für die Ausreise gewartet. Und zum Schluss hing alles an meiner Oma. Sie musste den Sprachtest bestehen, in Karaganda, einer Stadt, die so ungefähr zwölf Autostunden von Aktybinsk entfernt ist. Dorthin war eine Kommission aus Deutschland gekommen, um die Sprachprüfungen abzunehmen. […] Das war im September. Und im Februar haben wir dann den Bescheid bekommen, dass meine Oma den Test bestanden hat – zusammen mit der Einladung nach Deutschland. Da war ich in der neunten Klasse. […]

Aus Kasachstan wären wir sicherlich sowieso weggegangen. Es wurde dort immer schwieriger. Man musste zum Beispiel seit einiger Zeit Kasachisch lernen. Seit 1991 ist das die offizielle Sprache. Man stell sich das vor: Meine Eltern sind ja zur Zeit der Sowjetunion in die Schule gegangen. Sie haben nie Kasachisch gelernt. Bei mir war es schon anders, ich hatte Kasachisch seit der ersten Klasse, also insgesamt neun Jahre lang. Aber plötzlich sollten alle, die schon lange aus der Schule waren, auch kasachisch sprechen. Nur dann durften sie ihre Arbeitsplätze behalten. […]

Ja, als es dann losging, bin ich mit meiner Familie zusammen mit dem Bus nach Orenburg gefahren. Das liegt schon in Russland, so 300 Kilometer von Aktybinsk entfernt. Von Orenburg gab es eine direkte Flugverbindung nach Hannover. […] Wir wurden am Flughafen von unseren Verwandten aus Hamburg abgeholt. Sie haben uns nach Friedland gebracht, wohin alle Aussiedler zur Anmeldung müssen. […]

Schon am Montag darauf sind wir nach Hamburg gefahren, und dort haben wir einen Transfer zu diesem Schiff in Altona bekommen, wo wir drei Monate geblieben sind. […] Dann haben wir endlich einen weiteren Transfer bekommen nach Bergedorf, hierher in das Asylantenheim in der Rothenhauschaussee. […] Wir haben dort zwei Jahre gesessen und sind erst im letzten August nach Rahlstedt umgezogen. […]

Es gibt eigentlich zwei große Anfangsprobleme: die Sprache und die Arbeit. Am schnellsten hat meine Schwester Deutsch gelernt. Sie ist jünger als ich, sie ist heute fünfzehn. Ich habe mich aber auch ziemlich schnell umgestellt. Nur für meine Eltern, die beide 40 Jahre alt sind, war es ungeheuer schwer, Deutsch in dieser kurzen Zeit zu lernen. […]

Auch mit der Arbeit hat es immer noch nicht geklappt. Mein Vater war in Kasachstan KfZ-Mechaniker. […] Aber hier haben sie ihn nur als KfZ-Schlosser anerkannt. Das ist viel weniger und dafür wird auch niemand gesucht. Und meine Mutter war Einzelhandelskauffrau. Der Abschluss gilt hier auch nicht. […]

Als wir in Hamburg angekommen sind, habe ich mich auch gleich um die Schule gekümmert. Ich bin zusammen mit meiner Oma in das Schulinformationszentrum in der Hamburger Straße gegangen. […] Sie hat verhandelt und verhandelt, und ich habe erklärt, dass ich auf das Gymnasium will, um später etwas Richtiges zu werden. Und am Ende hat sich der Berater tatsächlich von uns überzeugen lassen. […]

Eigentlich kann man sagen, dass ich ziemlich schnell erwachsen geworden bin – oder werden musste. Einfach deshalb, weil mein Eltern nicht so schnell Deutsch gelernt haben und sich deshalb auch hier nicht so zurechtfinden konnten. Also bin ich bald zum Familiendolmetscher geworden. […]

Ich bin schon anders als die meisten hier. Ich war 15 Jahre alt, als ich nach Deutschland kam. Ich habe also vom Leben in Kasachstan etwas mitbekommen. […] Die Kultur, die Politik, die Erziehung. Für mich ist klar, dass ich immer ein Russe bleibe. […] Ich möchte von beiden Kulturen etwas behalten. […] Manchmal habe ich richtig Heimweh nach Kasachstan. Weil da immer noch so viele von meinen Freunden wohnen, mit denen ich zehn Jahre und länger zusammen war. […]

Meine Zukunftspläne? Ich will zuerst einmal mein Abitur machen. […] Ich würde gerne was machen im Bereich der Kriminalpolizei. Das Abitur reicht eigentlich für den gehobenen Dienst. Ob das klappt, weiß ich natürlich nicht. […] Ich weiß nach den drei Jahren in Deutschland, dass es kein Zurück mehr gibt. […] Mir wird das immer besonders klar, wenn ich mit meinen Großeltern – den Eltern meiner Mutter – telefoniere. […] Sie sind […] zum Bruder meiner Mutter in eine Stadt an der Grenze zwischen Russland und Kasachstan gezogen, aber auf der russischen Seite. Das ist nicht schlechter als in Kasachstan, aber eben auch nicht besser. […] Im Vergleich dazu ist es hier immer noch ziemlich perfekt.

Aufgeschrieben von Lothar Dittmer

Dorothee Wierling (Hg.), Heimat finden. Lebenswege von Deutschen, die aus Russland kommen, edition Körber Stiftung, Hamburg 2004, S. 169 ff.

In seltenen Fällen kommt es dabei auch zu Remigration, das heißt zur Rückkehr in das Herkunftsland. Häufig kehren Russlanddeutsche aber nicht an ihren Heimatort im zumeist ländlichen Kasachstan oder Sibirien zurück, sondern ziehen in die russischen Zentren wie Moskau, Jekaterinburg oder Kaliningrad. Dies hängt auch damit zusammen, dass die in Kasachstan oder Russland verbliebenen Russlanddeutschen zumeist nicht mehr auf dem Land, sondern in den Städten leben. Migration und Integration können somit nicht auf ein Land beschränkt betrachtet werden, sondern stehen mit vielen Faktoren in Zusammenhang, zum Beispiel mit den Migrationsbewegungen in anderen Ländern.

Auch wenn viele Russlanddeutsche, die nun seit etwa 30 Jahren in Deutschland leben, zunächst ihre Beziehungen ins Herkunftsland abbrachen, heißt dies noch lange nicht, dass dieses dadurch unwichtig ist. Häufig steht die "alte Heimat" sinnbildhaft für die Kindheit. Ihre Landschaften verkörpern für viele Freiheit und die Sehnsucht nach einem "einfachen Leben" in der Natur. Auch wenn also eher wenige Russlanddeutsche im engeren Sinne transnational leben, empfinden doch viele eine Verbundenheit mit Orten und Menschen jenseits der staatlichen Grenzen.

Jüdische Kontingentflüchtlinge und andere postsowjetische Migranten

Jannis Panagiotidis

Die Russlanddeutschen waren nicht die Einzigen, die in der Umbruchzeit der 1980er- und 1990er-Jahre aus der (ehemaligen) Sowjetunion in die Bundesrepublik Deutschland kamen. Eine weitere, viel beachtete Gruppe sind die sogenannten jüdischen Kontingentflüchtlinge. Anders als die Russlanddeutschen, die meist aus ländlichen Regionen Russlands jenseits des Urals und aus den asiatischen Sowjetrepubliken kamen, stammten diese jüdischen Immigranten überwiegend aus den europäischen Republiken der ehemaligen UdSSR und dort insbesondere aus den gebildeten Mittelschichten der großen Städte wie Moskau, Sankt Petersburg, Riga, Kiew, Dnepropetrowsk und Odessa. Ihre Aufnahme in Deutschland war aber ein ähnlicher Fall von "Wiedergutmachung durch Migration", legitimiert durch eine Mischung von historischen und ethnischen Argumenten. Auch bei den "jüdischen Kontingentflüchtlingen" wurde aus ihrer ethnischen Zugehörigkeit auf ein von Deutschland zu verantwortendes Kriegsfolgenschicksal geschlossen, welches zur Rechtfertigung ihrer Aufnahme diente.

Auf dieser Grundlage erhielten seit 1990 rund 220.000 Juden oder Menschen jüdischer Abstammung mit ihren Angehörigen Aufnahme in der Bundesrepublik. Komplikationen ergaben sich dabei aus unterschiedlichen Definitionen dessen, wer ein Jude sei. Die Bundesbehörden orientierten sich an den sowjetischen Dokumenten der Antragsteller, in denen die jüdische Nationalität vermerkt war. Diese konnte in der Sowjetunion in väterlicher oder mütterlicher Linie vererbt werden, während nach dem jüdischem Religionsgesetz allein die mütterliche Linie zählt. Deshalb fanden nur gut 85.000 der Kontingentflüchtlinge Aufnahme in den jüdischen Gemeinden in Deutschland. Trotzdem sorgten die Neuankömmlinge für große Veränderungen in den überalterten Gemeinden. Inzwischen sind 90 Prozent aller Gemeindeangehörigen postsowjetischer Herkunft. Das Russische wurde so zu einer wichtigen Sprache des Judentums in Deutschland.

Ein scharfes Sozialprofil der jüdischen Zugewanderten in Deutschland lässt sich nicht zeichnen. Qualitative Studien verweisen auf ein hohes mitgebrachtes Bildungsniveau, welches sich allerdings in der ersten Einwanderergeneration oft nicht in beruflichen Erfolg übersetzen ließ. Entsprechend hoch ist die Abhängigkeit von Sozialleistungen. Weit verbreitet ist auch Altersarmut, da den jüdischen Zuwandererinnen und Zuwanderern ihre Arbeitsjahre im Ausland, anders als bei den Spätaussiedlern, nicht einmal teilweise angerechnet werden. Bestrebungen aus der jüdischen Gemeinschaft, den Rentenstatus von Kontingentflüchtlingen und Spätaussiedlern anzupassen, blieben bisher erfolglos.

Die postsowjetischen jüdischen Zuwanderer gehören zum breiteren Spektrum russischsprachiger Migration in Deutschland. Allerdings sind sie tendenziell in anderen Sozialräumen als russlanddeutsche Spätaussiedler anzutreffen, wie zum Beispiel eine Studie zu russischsprachigen Jugendclubs in Berlin zeigte. Gleichzeitig sind sie stark in transnationale Netzwerke eingebunden, da viele Familienangehörige in der ehemaligen Sowjetunion, in Israel und in den USA heimisch sind.

Weiterhin leben in Deutschland wohl einige zehntausend Migrantinnen und Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion, die durch andere Kanäle in die Bundesrepublik kamen, etwa als Arbeits-, Bildungs- oder Heiratsmigranten. Ihre genaue Anzahl lässt sich aus vorhandenen Statistiken nicht bestimmen. In den letzten Jahren ist auch die Zahl der Schutzsuchenden aus der Russischen Föderation (dort oft aus Tschetschenien), der Ukraine und den Transkaukasus-Staaten (Armenien, Aserbaidschan, Georgien) angestiegen; Ende 2017 waren dies gut 140.000 Personen.

Prof. Dr. Jannis Panagiotidis ist Historiker und Juniorprofessor fürMigration und Integration der Russlanddeutschen am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der transnationalen und vergleichenden Geschichte Deutschlands und Israels, der Globalgeschichte der Deutschen aus dem östlichen Europa, sowie im Themenfeld der postsowjetischen Migration.

Dr. Robert Kindler ist Osteuropahistoriker und arbeitet an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des Stalinismus, Russland am Nordpazifik sowie ethnische Minderheiten in der späten Sowjetunion.

ist Stadtforscher an der Freien Universität Berlin und der Vrije Universiteit Brussel mit Tätigkeiten als Gastwissenschaftler an der City University of New York und an der Rutgers University – Newark. Er forscht zur Genese städtischer Asylpolitiken in europäischen und nordamerikanischen Städten. Weiterhin zählen Methoden kritischer und vergleichender Stadtforschung, sozialräumliche Polarisierungsprozesse, migrantisches Wohnen sowie Dynamiken städtischer Transformationen zu seinen Forschungsschwerpunkten.

Dr. Laura Sūna ist wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) am Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin. Derzeit arbeitet sie im Sonderforschungsbereich 1171 "Affective Societies" der Freien Universität Berlin.

ist Doktorandin in politischer Soziologie an der Universität Sciences Po Paris (Frankreich). Ihre Dissertation beschäftigt sich mit ethnischer Zugehörigkeit im Kontext der Aufnahme und des Vereinsengagements von russlanddeutschen Spätaussiedlern in der bundesdeutschen Migrationsgesellschaft. Derzeit ist sie als Mitarbeiterin in der Abteilung für interkulturelle Kommunikation und Mehrsprachigkeitsforschung an der Universität Bonn tätig.

ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Remigration und Nichtmigration von Russlanddeutschen, Ernährung und Zugehörigkeiten.

M. A. ist Historiker und evangelischer Theologe. Er ist Lehrbeauftragter am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS), Universität Osnabrück, und Leiter des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold.

Dr. Viktor Krieger, geboren 1959 in Kasachstan, studierte in Nowosibirsk und arbeitete anschließend als Hochschullehrer. Seit 1991 in Deutschland. Langjähriger Lehrbeauftragter der Universität Heidelberg. Seit April 2019 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland in Nürnberg. Er forscht und lehrt zur Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen im Kontext des multikulturellen Vielvölkerstaates Russland bzw. UdSSR. Besondere Schwerpunkte: Wolgadeutsche; Stalinismus; Germanophobie; Anpassung, Nonkonformität und Widerstand; Bildungsgeschichte; Identität und Erinnerungskultur.

hat an der Universität Wien und der Université Paris V-Sorbonne Kultur- und Sozialanthropologie sowie Kunstgeschichte studiert. Anschließend schloss sie ein zweijähriges wissenschaftliches Volontariat am Institut Mathildenhöhe in Darmstadt ab. Derzeit promoviert sie im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollegs "Kulturtransfer und ‚kulturelle Identität‘ – Deutsch-russische Kontakte im europäischen Kontext" an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg zum Thema "Musealisierung kultureller Identität. Dokumentation und Präsentation russlanddeutscher Kulturgeschichte im binationalen Museumskontext".

Dr. Rita Sanders arbeitet zu Migrationsprozessen, Identitätskonstruktionen und transnationalen Netzwerken zwischen Russland, Kasachstan und Deutschland. Zurzeit ist sie am Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION in Frankfurt/Oder assoziiert und entwickelt dort ein Projekt zu unterschiedlichen Grenzräumen in Osteuropa.