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Die Folgen des demografischen Wandels

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Informationen zur politischen Bildung Nr. 350/2022

Die Folgen des demografischen Wandels

Martin Bujard

/ 19 Minuten zu lesen

In der Bundesrepublik Deutschland hat der demografische Wandel Auswirkungen auf verschiedene Bereiche, wie etwa die Sozialsysteme, den Arbeitsmarkt, den politischen Wettbewerb und die Umwelt.

(© Thomas Plaßmann / Baaske Cartoons Müllheim )

Folgen von Alterung oder Schrumpfung?

Bei den Folgen des demografischen Wandels muss wie bereits angerissen zwischen den beiden Prozessen Alterung und Schrumpfung unterscheiden werden. Die Alterung – also eine Verschiebung in der Altersstruktur, durch die es mehr ältere Menschen und weniger jüngere gibt – wirkt sich unter anderem auf die sozialen Sicherungssysteme und den politischen Wettbewerb in der Demokratie aus. Eine Schrumpfung der Bevölkerungszahl hat einen Einfluss auf die Rolle und Bedeutung Deutschlands in der EU und in internationalen Beziehungen. Schrumpfung und Alterung haben unterschiedliche Folgen für die Wirtschaft und die Gesellschaft.

Eigene Darstellung (© Eigene Darstellung)

Für die Einschätzung der Folgen ist es von zentraler Bedeutung zu schauen, wie stark die Prozesse von Alterung und Schrumpfung verlaufen, wie wahrscheinlich sie sind und zu welchem Zeitpunkt sie eintreten (siehe Kapitel "Interner Link: Warum der demografische Wandel uns alle betrifft"). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Alterung der deutschen Bevölkerung bereits seit einigen Jahrzehnten stattfindet und eine weitere Alterungsdynamik in der heutigen Bevölkerungsstruktur angelegt ist. 2050 wird es in Deutschland etwa 5 Millionen mehr Seniorinnen und Senioren – also über 67-Jährige – geben und 7 Millionen weniger im mittleren Alter bzw. Erwerbsalter von 20 bis 66 Jahren. Im Vergleich zu 2000 wird sich 2035 der Anteil der Seniorinnen und Senioren gegenüber der Bevölkerung im mittleren Alter etwa verdoppelt haben. Eine Schrumpfung der deutschen Bevölkerung fand in den vergangenen Jahrzehnten nicht statt, obwohl es seit 1972 weniger Geburten als Sterbefälle gibt. Allerdings wurde das Geburtendefizit durch die Zuwanderung bisher ausgeglichen. Folgen einer Schrumpfung Deutschlands sind daher nur hypothetisch benennbar. Folgen von einer dauerhaft hohen Einwanderung sind bereits heute deutlich zu sehen und mit dem demografischen Wandel eng verbunden.

Folgen für die Sozialsysteme und die öffentlichen Finanzen

Besonders gravierend sind die Folgen des demografischen Wandels für die Sozialsysteme, insbesondere Rente, Pflege und Gesundheit. Diese Systeme basieren auf einem Generationenvertrag (Rente) bzw. einem Ausgleichsmechanismus für im Alter stärker anfallende Ausgaben (Gesundheit, Pflege). Sowohl Alterung als auch Bevölkerungsrückgang wirken sich auf die öffentlichen Finanzen aus: Durch einen Bevölkerungsrückgang steigen die Schuldenlast pro Kopf und die Bereitstellungskosten für unteilbare öffentliche Güter. Durch die Alterung reduziert sich die Zahl der Personen im Erwerbsalter und die damit verbundenen Steuereinnahmen. Gleichzeitig können die Sozialsysteme durch öffentliche Finanzen mitfinanziert werden.

Daher lohnt sich ein genauer Blick auf die gesetzliche Rentenversicherung. Sie folgt dem Prinzip des Umlageverfahrens, dass die gegenwärtig erwerbstätige Bevölkerung von ihrem Einkommen einen Rentenbeitrag bezahlt und damit die Rente der heutigen Rentnerinnen und Rentner finanziert. Der Beitragssatz für die Rentenversicherung lag im Jahr 2021 bei 18,6 Prozent, der von Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden jeweils zur Hälfte bezahlt wird. Das Ausgabevolumen belief sich in 2020 auf 333 Milliarden Euro, überwiegend für Renten, aber auch für die Krankenversicherung der Rentnerinnen und Rentner, für den Wanderungsausgleich und für die Verwaltung.

Die gesetzliche Rentenversicherung unterscheidet sich von der kapitalgedeckten Rentenversicherung, die beispielsweise viele Selbständige nutzen, fundamental: Die gesetzliche Rentenversicherung verteilt das Geld im Umlageverfahren zwischen den arbeitenden und den sich in Rente befindenden Generationen, legt aber kein Geld an. Dieses System konnte ohne Ansparen von Kapital unmittelbar etabliert werden. Zudem konnte es in den 1950er-Jahren den damals rapide ansteigenden Wohlstand direkt an die Rentnergeneration übermitteln, sodass die Rente dynamisiert, das heißt an die Lohnsteigerungen angepasst wurde und deutlich anstieg. Dadurch konnten die damaligen Rentnerinnen und Rentner am Anstieg von Produktivität und Löhnen im "Wirtschaftswunder" teilhaben. Dieses System vertraut darauf, dass zukünftige Generationen die Rente der heute Erwerbstätigen finanzieren, die durch ihre Beitragszahlung quasi Eigentumsansprüche erworben haben. Dies geht allerdings nur, solange diese in entsprechenden Größenordnungen einzahlen. Daher ist die Produktivität und die Zahl zukünftiger Einzahlender maßgeblich. Hier kommt die Demografie ins Spiel: Wenn sich die Zahl der Beitragszahlenden in Relation zu 100 Rentnerinnen und Rentner halbiert, würden sich die Beiträge der Erwerbstätigen verdoppeln, wenn alles andere konstant bliebe – oder das Rentenniveau würde sich halbieren. Diese nur theoretische Option verdeutlicht den demografisch induzierten Handlungsbedarf.

Der Altenquotient lag im Jahr 2000 bei 22,2 (= auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter kommen 22 im Rentenalter von 67 Jahren oder älter) und 2020 bei 31,4 (d. h. ein Anstieg um 42%). Er wird nach der mittleren Variante der 14. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes 2040 bei 46,7 und 2050 bei 46,8 liegen. Das bedeutet, dass er sich zwischen 2000 und 2040 mehr als verdoppeln und in den beiden Jahrzehnten von 2020 bis 2040 die Anzahl der potenziellen Rentnerinnen und Rentner bezogen auf potenziell Erwerbstätige um etwa die Hälfte ansteigen wird. Ohne Reformen oder eine Steigerung der Erwerbstätigen würde die Rente entsprechend fallen und großen Teilen der Bevölkerung würde Altersarmut drohen.

Formel des Rentensystems ...

Werden andere Faktoren zunächst ausgeklammert, entspricht in der umlagefinanzierten gesetzlichen Rentenversicherung das Produkt aus Beitragssatz und Durchschnittslohn dem Produkt aus Altenquotient und Rentenniveau. Hier zeigt sich noch einmal, dass der durch den demografischen Wandel steigende Altenquotient entweder den Beitragssatz erhöht oder das Rentenniveau reduziert.

Allerdings gibt es noch drei weitere Komponenten in der gesetzlichen Rentenversicherung: Nicht alle Personen, die im erwerbstätigen Alter sind, arbeiten auch tatsächlich; manche sind arbeitslos, aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeitsfähig oder sind nicht erwerbstätig, da sie primär Sorgearbeit übernehmen und sich um Haushalt und Kinder kümmern. Daher misst der sogenannte Erwerbstätigen-Koeffizient die Relation der tatsächlich; Erwerbstätigen an der Bevölkerung im erwerbstätigen Alter (also beispielsweise der 20- bis 66-Jährigen). Analog dazu gibt es den Rentner-Koeffizienten, der berücksichtigt, dass manche Menschen im Rentenalter noch erwerbstätig sind. Zudem gibt es einen Steueranteil, womit ein steigender Altenquotient auch ein Stück weit ausgeglichen werden kann. Allerdings kann dies die demografische Unwucht kaum lösen, denn das Volumen der Rentenversicherung war mit 333 Milliarden Euro in 2020 fast so hoch wie der komplette Bundeshaushalt in 2019, der 344 Milliarden Euro betrug. Die vereinfachte Formel bzw. Budgetrestriktion des umlagefinanzierten Rentensystems lautet:

Der Beitragssatz (b), multipliziert mit dem Durchschnittslohn (w), entspricht dem Produkt aus Altenquotient (AQ), Rentenniveau (N), dem Quotienten aus Rentner-Koeffizienten (a (R)) und Erwerbstätigen-Koeffizienten (a (B)) sowie dem Kehrwert des Steueranteils (S).

... und fünf Stellschrauben

Welche Möglichkeiten und "Stellschrauben" bestehen laut der Formel, um die zukünftigen Renten auch bei der stark zunehmenden Alterung der Bevölkerung zu sichern? Die Verdoppelung des Altenquotienten zwischen den Jahren 2000 und 2035 war bereits seit den 1980er- und 1990er-Jahren absehbar. Entsprechend hat die Politik bereits an einigen Stellschrauben des Rentensystems gedreht:

  • Erhöhung des Beitragssatzes: Der Beitragssatz wurde mehrfach angepasst. Er lag im Jahr 2000 bei 19,3 Prozent und ist bis 2007 auf 19,9 Prozent gestiegen. Auch aufgrund der Agenda 2010-Reformen der Regierung Schröder (1998–2005) sank der Beitragssatz bis 2018 auf 18,6 Prozent und blieb einige Jahre auf diesem Niveau. Die dritte Große Koalition der Regierung Merkel (2017–2021) zog 2019 im Rentenpaket eine "Haltelinie" ein, wonach bis 2025 die Beiträge 18,6 Prozent nicht überschreiten dürfen. In der politischen Debatte gilt 20 Prozent als ein Schwellenwert, der nicht überschritten werden sollte, da die Lohnnebenkosten die Arbeit verteuern und somit Wettbewerbsnachteile in der globalisierten Wirtschaft bestehen, die zu höherer Arbeitslosigkeit führen können.

  • Reduzierung des Rentenniveaus: Der Anstieg des Rentenniveaus wurde durch mehrere Reformen gebremst. Die Nettostandardrente vor Steuern lag im Jahr 2000 bei 52,9 Prozent des durchschnittlichen Jahresentgelts, sank bis 2015 auf 47,7 Prozent und lag 2019 bei 48,0 Prozent, was der zweiten "Haltelinie" entspricht, die im Rentenpaket von 2019 eingeführt wurde. Diese Nettostandardrente bezieht sich auf 45 Versicherungsjahre. Die Renten wurden unter anderem durch den "demografischen Faktor" der Regierung Kohl 1997 und den Nachhaltigkeitsfaktor der Regierung Schröder 2004 gebremst, die beide die demografische Entwicklung in der Rentenanpassungsformel zur jährlichen Rentenanpassung einbringen. Aber auch beispielsweise geringere Anrechnungsmöglichkeiten von Ausbildungsjahren reduzieren das Rentenniveau bei den betroffenen Personen. Erhöht werden sie durch versicherungsfremde Leistungen wie die "Mütterrente", die durch Steueranteile kompensiert werden.

  • Anheben des Renteneintrittsalters: Der Rentner-Koeffizient wurde durch das Anheben des formellen Ruhestandsalters von 65 auf 67 Jahre erheblich verändert. Dieses erfolgt schrittweise zwischen den Jahren 2011 und 2031, sodass der Jahrgang 1964 der erste Jahrgang ist, der mit 67 in Rente geht. Dieser Mechanismus wirkt in doppelter Weise entlastend für das Rentensystem: Erwerbstätige arbeiten zwei Jahre länger, sofern sie können, und zahlen in die Rentenkasse ein; gleichzeitig bekommen sie zwei Jahre später erst die Rente. Es steigert also die Einnahmen und reduziert gleichzeitig die Kosten. Es gibt mehrere Forderungen aus der Wissenschaft und vor allem seitens der Arbeitgeberverbände, das Renteneintrittsalter auch nach dem Jahr 2031 weiter zu erhöhen.

  • (© picture-alliance, dieKLEINERT.de / Dietmar Grosse | Dietmar Grosse)

  • Steigerung der Erwerbstätigkeit: Der Erwerbstätigen-Koeffizient verändert sich durch die Entwicklung von Arbeitslosigkeit und der Zahl von Nichterwerbspersonen, wenn beispielsweise die Erwerbstätigkeit von Müttern steigt. Er ist zwar politisch beeinflussbar, hängt aber auch von (internationalen) gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und persönlichen Präferenzen ab. Durch den Rückgang der Arbeitslosenquote von 11,7 in 2005 auf 5,9 in 2020 erhöhte sich der Anteil der Erwerbstätigen deutlich. Dazu ist auch die Anzahl der Erwerbstätigen durch Migration in den Arbeitsmarkt vorwiegend aus der Europäischen Union gestiegen. Gleichzeitig stieg die Müttererwerbstätigkeit deutlich, was vor allem durch den Ausbau der Kinderbetreuung und Ganztagsschulen politisch unterstützt wurde. Auch hat sich die zuvor weit verbreitete Frühverrentung reduziert, der Anteil der Erwerbstätigen im Alter von 55 bis 64 ist erheblich gestiegen und dadurch das effektive Renteneintrittsalter.

  • Steuerzuschüsse: Der Zuschuss aus Steuermitteln an die Rentenversicherung hat im Jahr 2020 mit 101,8 Milliarden Euro erstmals die Schwelle von 100 Milliarden Euro überschritten. Dies beinhaltet auch versicherungsfremde Leistungen, beispielsweise Anrechnung von Kindererziehungszeiten oder Rente nach Mindesteinkommen. In dem durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Pandemie bedingten höheren Haushaltsvolumen entspricht dies einem Anteil von 23,0 Prozent, vor der Pandemie lag der Rentenanteil bei 28,5 Prozent. Der Rentenzuschuss ist mit weitem Abstand der größte Ausgabenposten im Bundeshaushalt – größer als die Bereiche der Bundesministerien Familie, Bildung und Forschung, Inneres und Heimat sowie Verteidigung zusammen. Dazu kommt, dass die Beamtenpensionen, die ebenfalls demografisch bedingt steigen, aus öffentlichen Mitteln bestritten werden müssen. Die sogenannte Ökosteuer ist ein bekanntes Beispiel für die Finanzierung des gestiegenen Steuerzuschusses an die Renten: Das 1999 erlassene Gesetz zum Einstieg in die ökologische Steuerreform hatte keine förmliche Zweckbindung der Einnahmen und wurde so für die wachsenden Rentenbeiträge genutzt.

Durch das Zusammenspiel dieser fünf Stellschrauben des Rentensystems wurde der Anstieg des Altenquotienten bis 2020 ausgeglichen. Die Renten sind dadurch weniger gestiegen als die Lohnentwicklung, erhebliche Steuermittel wurden für Renten verwendet, die Menschen arbeiten länger bis sie in Rente gehen können und weitaus mehr Frauen sind inzwischen erwerbstätig. Der Beitragssatz konnte dadurch, aber auch durch die positive Entwicklung des Arbeitsmarktes, relativ konstant gehalten werden.

Nun liegt Deutschland im Jahr 2020 mitten in der Phase des Anstiegs des Altenquotienten. Der Anstieg bis 2030 ist etwa so hoch wie der zwischen 2000 und 2020. Vieles spricht dafür, dass auch in den nächsten Jahren, wenn die Babyboomer in Rente gehen, an all diesen Stellschrauben gleichzeitig gedreht werden muss. Ein ähnlicher Rückgang der Arbeitslosigkeit ist kaum zu erwarten, da diese bereits relativ niedrig ist. Voraussichtlich werden der Druck auf Rentenhöhe, Lohnnebenkosten und Steuerbelastung zunehmen und das Renteneintrittsalter nach 2029 nicht bei 67 Jahren bleiben. Prognostiziert werden kann, dass sich die gesetzliche Rente trotz der enormen Alterung der Bevölkerung zwischen 2000 und 2040 sichern lässt, allerdings auf einem niedrigeren Niveau und mit enormen makroökonomischen Risiken für Wirtschaft und Staat sowie mit erheblichen Kosten für Beitrags- und Steuerzahlende. Dabei ist das Rentenniveau individuell sehr unterschiedlich verteilt und ein geringeres Niveau hat besonders für sozial Benachteiligte problematische Auswirkungen. Der Rentenpolitik und der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft kommt daher eine zentrale Rolle zu. Schwarzmalerei mit Bildern von massenhaft armen Rentnerinnen und Rentnern oder den Arbeitsmarkt völlig erdrückenden Lohnnebenkosten ist teilweise übertrieben. Hypothetisch wäre allerdings bei einer gleichmäßigeren Altersstruktur – d. h. einem stärkeren Gleichgewicht von jüngeren zu älteren Generationen – ein weitaus größerer Wohlstand für die heutige Rentnergeneration und die heute erwerbstätigen Generationen möglich.

Die Auswirkungen der Alterung der Bevölkerung auf die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) und Pflegeversicherung sind ähnlich wie bei der Rentenentwicklung, da diese ebenfalls nicht kapitalgedeckt, sondern umlagefinanziert sind. Erstens zahlen weniger Menschen im Erwerbsalter in diese Systeme ein. Zweitens sind die Ausgaben bei Kranken- und Pflegeversicherungen insbesondere für ältere Menschen hoch. Allerdings ist die Einnahmesituation etwas anders als bei der Rentenversicherung, da Rentnerinnen und Rentner auch in die GKV einzahlen. Auch der Einfluss der Lebenserwartung unterscheidet sich: Während die Dauer von Rentenzahlungen mit steigender Lebenserwartung ebenfalls steigt, ist dies bei den Gesundheitsausgaben nicht der Fall, da ein längeres Leben nicht mit mehr Krankenjahren gleichzusetzen ist. Die meisten Studien deuten darauf hin, dass die steigende Lebenserwartung vor allem mit einer Zunahme von gesunder Lebenszeit verbunden ist.

Zweifellos trägt die demografische Alterung zu einem Anstieg der Kranken- und Pflegekosten bei, auch bei relativ gesunden Hochbetagten steigen die Ausgaben für Gesundheit im höheren Alter an. Aber auch die steigende Kinderlosigkeit spielt eine Rolle: Die Möglichkeit, Pflege häuslich im familiären Umfeld zu ermöglichen, wird künftig geringer, da die Geburtenjahrgänge ab Mitte der 1960er-Jahre zu einem Fünftel kinderlos sind. Bezüglich familiärer Netzwerke, aber auch hinsichtlich von Gesundheit, Prävention und Lebensstil gibt es dabei erhebliche soziale Ungleichheiten.

Kranken- und Pflegekosten lassen sich weniger gut prognostizieren wie bei den Renten, da Gesundheitsausgaben nicht nur von demografischen Faktoren, sondern auch vom medizinischen Fortschritt abhängen. Ein erheblicher Kostenanstieg in der Pflege ist zu erwarten, da der Anteil Hochbetagter in den nächsten Jahrzehnten erheblich steigen wird. Altersbedingte Krankheiten wie Demenz werden dadurch zunehmen und die Pflege wird nicht nur hinsichtlich der Kosten, sondern auch hinsichtlich des notwendigen, derzeit nicht vorhandenen Personals und der emotionalen und zeitlichen Anforderungen an die Angehörigen ein hochrelevantes Zukunftsthema sein.

Folgen für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt

Alterung und Schrumpfung haben auch für die Wirtschaft Folgen. Bezüglich des Wachstums zeigen Berechnungen der Wirtschaftsforschungsinstitute, dass das Potenzialwachstum infolge des demografischen Wandels zurückgehen wird. Der zugrundeliegende Mechanismus lässt sich anhand der Produktionsfunktion der Ökonomie nachvollziehen, wonach sich die Produktion aus Kapitaleinsatz, technischem Fortschritt und Arbeitseinsatz zusammensetzt. Der Rückgang des Arbeitseinsatzes kann hier einen negativen Einfluss haben, wenn die Zahl der potenziell Erwerbstätigen sowohl durch Alterung als auch durch Schrumpfung abnehmen würde. Allerdings gab es auch historische Phasen mit weitreichenderen Verschiebungen zwischen Kapital und Arbeit, die mit höheren Wachstumsraten verbunden waren. Eine steigende Kapitalintensität, technischer Fortschritt und auch höhere Bildungsinvestitionen könnten einen Rückgang der Erwerbspersonen kompensieren. Es gibt Hinweise auf einen Rückgang der Innovationsfreude alternder Gesellschaften, wonach die größte kognitive Leistungskraft im jüngeren bzw. mittleren Alter erreicht wird. Dafür spricht, dass Patente sich im Alter von Anfang 40 besonders häufen. Neuere Befunde, die die OECD-Länder vergleichen, weisen darauf hin, dass eine ältere Bevölkerung mit geringer Innovationskraft und Wachstum verbunden ist. Allerdings sind verschiedene Fähigkeiten je nach Altersgruppen unterschiedlich stark ausgeprägt und Erfahrungswissen sowie Lernwissen ergänzen sich. Umso wichtiger sind Aus- und Weiterbildung über das ganze Erwerbsalter hinweg.

QuellentextNeuanfang zur Lebensmitte

Sie sind oft älter als ihre Ausbilder und drücken die Schulbank mit Menschen, die ihre Kinder sein könnten: In Deutschland gibt es immer mehr Auszubildende im fortgeschrittenen Alter. Mit 30, 40 oder 50 Jahren beginnen sie mit einer Berufsausbildung. Laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hat sich die Zahl der Ausbildungsanfänger, die 24 Jahre oder älter waren, innerhalb von neun Jahren fast verdoppelt.

[...] Die Auszubildenden in Deutschland werden also älter. Woran liegt das?

"Die Menschen gehen länger zur Schule", sagt Katrin Gutschow, Expertin für Nachqualifizierung am BIBB. "Und es wird Schulabgängern heute nicht leichter gemacht, sich beruflich zu orientieren, weil sie immer hören: Du kannst alles werden." Hinzu kämen mehr Studienabbrecher und Flüchtlinge, die Arbeit suchen. Der Fachkräftemangel spiele ebenfalls eine Rolle.

"Die Betriebe haben sich in den letzten Jahren mehr geöffnet, weil es für sie schwieriger geworden ist, Leute zu finden", sagt Gutschow. Und auch die Arbeitsagenturen hätten erkannt, dass es nachhaltiger ist, Langzeitarbeitslose einen Beruf erlernen zu lassen, "damit sie nicht nach einem halben Jahr wieder vor der Tür stehen". […]

Der Neuanfang zur Lebensmitte – das klingt verlockend, aber die Sache hat einen großen Haken. "Man muss es sich leisten können", sagt die BIBB-Forscherin. Zwar übernimmt das Arbeitsamt in vielen Fällen die Kosten einer Umschulung oder gewährt eine Berufsausbildungsbeihilfe.

Wer aber eine ganz normale Ausbildung machen möchte oder schon eine Umschulung hinter sich hat, der ist überwiegend auf das geringe Ausbildungsgehalt angewiesen. [...]

Was hilft, sind Förderprogramme […] die Aus- und Weiterbildungen älterer Lehrlinge finanziell und ideell unterstützen. […]

Helmut Salvatore Hartwich, 54 Jahre: Vom Matrosen zum Erzieher

„Als ich 15 Jahre alt war, bin ich als Matrose zur See gefahren. Das lag daran, dass mein Stiefvater sagte: Der Junge soll zur See fahren. Ich hätte lieber Abitur gemacht, aber so bekam ich nicht einmal einen Hauptschulabschluss. Mit 18 Jahren hatte ich die Ausbildung beendet und bin wieder zurück nach Berlin.

Dort habe ich mich dort mit allen möglichen Jobs durchgeschlagen. Ich war damals schon viel im pädagogischen Bereich aktiv, in Jugendgruppen und als Betreuer im Zeltlager. Zwischendrin war ich auch arbeitslos gemeldet und habe dem Mitarbeiter auf dem Amt gesagt, dass ich Erzieher werden will. Aber dort hieß es, das sei doch ein Frauenberuf. Ich habe das damals nicht hinterfragt – heute würde ich Widerworte geben.

Dann habe ich mit meiner damaligen Lebensgefährtin eine Familie gegründet und mich als Hausmann um die Kinder gekümmert. Mit 46 Jahren war die Beziehung vorbei, und ich hatte die Chance, einen Neuanfang zu wagen. Mir kam dann wieder die Idee mit dem Erzieher, aber dafür musste ich erst die mittlere Reife nachholen. Das Amt wollte mich dabei nicht unterstützen, weil sich das in meinem Alter ja nicht mehr lohnen würde.

Das kam mir ziemlich merkwürdig vor. Ich bin dann auf den europäischen Sozialfond gestoßen, der mir den Abschluss finanziert hat. Nachdem ich den Abschluss hatte, habe ich wieder ein Programm gefunden, das Projekt 'Chance Quereinstieg/Männer in Kitas' […]. Darüber habe ich einen Ausbildungsplatz bekommen. Im vergangenen Juli bin ich fertig geworden und hatte da schon Stellenangebote von mehreren Kitas.

Wir Erzieher sind gerade wie Goldstaub auf dem Arbeitsmarkt, wir können uns aussuchen, wo wir arbeiten möchten. Die Leiterin meines jetzigen Kindergartens versteht nicht, warum ich das in meinem Alter noch mache, bei dem ganzen Lärm und Stress. Aber ich sehe das anders: Arbeiten Sie mal am Fließband, in einer Fleischerei oder in der Stanzfabrik – das ist auch nicht lustig! Klar, der Beruf ist anstrengend, aber er macht auch viel Spaß, und ich kann den Kindern zusehen, wie sie sich entwickeln. Inzwischen kann ich mir auch vorstellen, irgendwann als Sozialarbeiter oder Pädagoge in einer Behindertenwerkstatt oder Schule zu arbeiten." […]

Bernd Maier, 55 Jahre: Vom Industriemechaniker zum Altenpfleger

"Vor sieben Jahren habe ich den Pflege-Basiskurs abgeschlossen, um als Pflegehelfer arbeiten zu können. Ursprünglich hatte ich nach dem Abitur und einem abgebrochenen Bauingenieurstudium eine Lehre zum Industriemechaniker gemacht. Danach war ich als Leiharbeiter in Berlin tätig. Das war pure Ausbeutung, aber ich fand damals keinen anderen Job. Mit 30 Jahren kam dann die Umschulung zum Kommunikationselektroniker, die wurde mir vom Arbeitsamt bezahlt.

Fünf Jahre später habe ich mich mit einem kleinen Fuhrunternehmen selbständig gemacht. Es lief viele Jahre gut, aber mit der Öffnung des Marktes Richtung Osteuropa kam mehr Konkurrenz, dem Preisdruck konnte ich nicht standhalten. Ich war 47 Jahre alt, als ich die Firma aufgab und mich fragte: Was machst du jetzt? Da kam die Idee mit dem Pflegekurs – das hatte mir als Student schon Spaß gemacht, als ich mal in der ambulanten Pflege aushalf.

Ich war erst als Helfer in einer Demenz-Wohngemeinschaft unterwegs. Das hat mir aber nicht gereicht, ich wollte immer staatlich anerkannter Altenpfleger werden. Im Oktober 2017 habe ich die Ausbildung bei der Caritas begonnen. Die Arbeitsagentur wollte mich dabei nicht mehr unterstützen, weil mich der Pflegehelferjob ja schon vor Arbeitslosigkeit schützte. Das Jobcenter schlug dann vor, Hartz IV zu beantragen als Aufstockung zu meinem Ausbildungsgehalt. Ich bekomme jetzt 35 Euro Hartz IV monatlich – da komme ich mir schon ein bisschen veräppelt vor.

Finanziell ist es für mich schwierig, über die Runden zu kommen. Ich arbeite sieben Tage in der Woche. Am Wochenende habe ich noch einen Job auf 450-Euro-Basis, weil die 750 Euro Ausbildungsvergütung einfach nicht reichen. Ich überlege oft, ob ich mein Auto oder mein Motorrad verkaufen soll oder die Ausbildung hinwerfe. Aber der Beruf macht mir großen Spaß. Man kommt heim und hat das Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben.

In der Berufsschule bin ich als Ältester voll integriert. Ich bin der drittbeste Schüler und wurde sofort zum Klassensprecher gewählt. Dort nennen mich alle nur 'Papabär' Aber so schön es auch ist, wenn mir vorher jemand gesagt hätte, dass sich meine finanzielle Situation so stark ändert, hätte ich die Ausbildung nicht begonnen."

Lea Weinmann, "Berufsausbildung: So alt und wieder Azubi/Senior Azubi", in: Süddeutsche Zeitung online vom 10. Mai 2019, Externer Link: www.sueddeutsche.de/karriere/berufsausbildung-so-alt-und-wieder-azubi-1.4429195

Für die jüngeren Generationen kann es mit speziellen Chancen und Risiken verbunden sein, zu einer zahlenmäßig kleineren Generation zu gehören. Zunächst erhöht es tendenziell die Beschäftigungs- und Einkommenschancen. Wenn ein Jahrgang der Babyboomer mit 1,3 Millionen Personen (z. B. 1960 oder 1961) das Rentenalter erreicht und ein jüngerer Jahrgang mit zwischen 700.000 und 800.000 Personen (z. B. die Jahrgänge 2004–2010) das Erwerbsalter erreicht, entsteht eine Lücke auf dem Arbeitsmarkt. Sie erhöht die Personalnachfrage und damit auch die Chancen für die ins Erwerbsalter kommende Generation auf eine Beschäftigung. Zudem postuliert die "ökonomische Theorie der Familie" um den US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Gary Becker, dass Eltern mit wenigen Kindern die (Bildungs-)Investitionen in diese steigern, was wiederum deren individuellen Lebenschancen zugutekommt.

Bei den wirtschaftlichen Folgen lohnt sich eine Differenzierung nach Effekten der Alterung und eines Bevölkerungsrückgangs, vor allem dann, wenn sich das Wachstum insgesamt und pro Kopf unterscheiden. Ein Gedankenbeispiel: Wenn die Bevölkerung um 10 Prozent schrumpfen und sich auch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und das Vermögen um 10 Prozent verringern würden, wäre der Pro-Kopf-Wert identisch. In Ländern mit einer kleineren Einwohnerzahl wie Luxemburg oder Norwegen lässt es sich durchaus in Wohlstand leben, was verdeutlicht, dass weniger das gesamte Sozialprodukt, sondern die Wertschöpfung Pro-Kopf für den Wohlstand entscheidend ist.

Bei einer Schrumpfung der Bevölkerungszahl gibt es einige wirtschaftlich relevante Veränderungen: Die Nachfrage nach Immobilien würde tendenziell zurückgehen, was den Wert aber auch den Mietpreis in einigen Regionen reduzieren könnte. Das Vermögen an Geld, Aktien und Immobilien, aber auch Erbschaften, würde sich auf weniger Köpfe verteilen, was zu einem höheren jedoch ungleich verteilten Pro-Kopf-Vermögen beitragen würde. Letztlich würde der demografische Wandel so auch bei Fragen der Verteilungsgerechtigkeit und der Besteuerung von Erbschaften eine Rolle spielen.

Der Anstieg der Lohnnebenkosten durch erhöhte Renten- und Gesundheitsausgaben (siehe Kapitel "Interner Link: Die Folgen des demografischen Wandels") verteuert die Arbeit, was sich tendenziell negativ auf die Gewinne von Firmen auswirken oder zu einer Verlagerung von Arbeitsplätzen in andere Länder führen könnte. Dies hängt aber davon ab, wie die Finanzierung von Rente und Gesundheit politisch organisiert wird. In den Jahren 2005 bis 2020 sind die Lohnnebenkosten kaum gestiegen, da andere Stellschrauben bei der Rentenversicherung gedreht wurden. Die zukünftig deutlich geringere Zahl an Erwerbspersonen könnte tendenziell deren Verhandlungsmacht steigern, sodass Arbeitgeber Lohnnebenkosten weniger auf die Arbeitnehmenden abwälzen könnten. Dies könnte für Arbeitgeber Anreize reduzieren, Arbeit (in Deutschland) anzubieten. Jedoch ist eine hohe Erwerbsquote notwendig, um die Kosten der Alterung für die Sozialsysteme und die öffentlichen Finanzen durch Lohnnebenkosten und Steuereinnahmen zu finanzieren.

Eine weitere Folge für die Wirtschaft ist der Fachkräftemangel. In den 2020er-Jahren werden jedes Jahr etwa 300.000 Personen mehr in Rente gehen als junge Jahrgänge nachkommen. Zuwanderung kann dies ein Stück weit ausgleichen, allerdings stehen nicht alle Zugewanderten dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Zudem entspricht, insbesondere bei Geflüchteten, das Qualifikationsniveau nicht immer den Arbeitsmarktanforderungen bzw. werden die ausländischen Abschlüsse oftmals nicht anerkannt.

(© Schneemann u. a. 2021 (siehe Literatur))

Dabei wird der Rückgang der Erwerbsbevölkerung regional höchst unterschiedlich ausfallen: Berechnungen der Qualifikations- und Berufsprojektionen (QuBe) gehen von einem Rückgang der Erwerbsbevölkerung im Alter von 15 bis unter 70 Jahren von insgesamt etwa 8 Prozent zwischen 2020 und 2040 aus. Allerdings würde es in München, Berlin und Stuttgart nur einen minimalen Rückgang geben, während in Göttingen sowie einigen ostdeutschen Regionen die Erwerbsbevölkerung um über ein Fünftel zurückgehen würde. Eine zukünftig stärkere Erwerbsbeteiligung kann den Rückgang zwar etwas abfedern, die QuBe-Prognosen gehen aber auch hier von einem Rückgang in Magdeburg und Chemnitz von über 20 Prozent aus.

Der Fachkräftemangel ist für einige Branchen besonders gravierend – stark betroffen sind unter anderem die Bereiche Informatik, Pflege und Handwerk. Allerdings ist die Wirtschaft nicht statisch und die Zahl der Arbeitsplätze muss nicht zwingend konstant gehalten werden. Hier ist zu differenzieren: Manche Arbeitsplätze können durch technologischen Fortschritt oder Verlagerung eher kompensiert werden, andere – wie beispielsweise Pflegeberufe – sind für die Versorgung vor Ort unentbehrlich. Zudem birgt das Arbeitskräfteangebot Potenziale: So gibt es zum Beispiel nach wie vor einen gewissen Anteil Arbeitssuchende, aber auch das Arbeitsvolumen von Frauen, die häufiger in Teilzeit arbeiten, ist ebenfalls ein noch nicht voll ausgeschöpftes Reservoir. Auch ist der Fachkräftemangel sehr branchenspezifisch, besonders hoch ist der zukünftige Fachkräftemangel gemäß dem Indikator der Suchdauer (aus Perspektive der Arbeitgebenden) unter anderem in folgenden Berufen:

  • IT-Systemanalyse, Anwenderberatung und IT-Vertrieb

  • Softwareentwicklung, Programmierung und Informatik

  • Mechatronik und Automatisierungstechnik

  • Klempnerei, Sanitär, Heizung und Klimatechnik

  • Medizinische Gesundheitsberufe

  • Nichtmedizinischen Gesundheitsberufe (wie Pflege).

Hier sind höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen oder gezielte Ausbildung für gesuchte Berufe sowie Fachkräftezuwanderung wichtige Mechanismen.

Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt

Die gesellschaftlichen Folgen der Alterung wurden intensiv in den Medien diskutiert. Teilweise wird ein Generationenkonflikt für die Zukunft prognostiziert, auch weil sich die Interessen zwischen jungen und alten Generationen hinsichtlich der Renten- und der Klimapolitik sowie bei den Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie teilweise unterscheiden. Allerdings zeigen viele Befunde, dass es eine wechselseitige Solidarität zwischen den Generationen gibt. Dies betrifft den familialen Zusammenhalt, wie die Übernahme von Sorgearbeit der Eltern gegenüber den Kindern, welche später wiederum ihre Eltern pflegen und Sorgearbeit leisten können. Auch fließen viele finanzielle Transfers zwischen den Generationen. Für die ältere Generation, die zahlenmäßig künftig noch größer sein wird, ist Generativität, also das Interesse am Wohlergehen der jüngeren Generationen, eine zentrale Entwicklungsaufgabe des Älterwerdens. Die Solidarität funktioniert besonders gut innerhalb der eigenen Familie. Die Übertragung auf den makroökonomischen Interessenausgleich zwischen den Generationen ist schwieriger, dies zeigt sich auch gelegentlich in medialen Debatten, die kontrovers Generationeninteressen thematisieren. Dies gilt auch für den zunehmenden Anteil an Kinderlosen, wobei eine stärkere Beteiligung dieser Gruppe in der Renten- oder Pflegeversicherung kontrovers diskutiert wird.

Generationen haben zudem unterschiedliche kulturelle Prägungen und Perspektiven, so sind beispielsweise die Themen Klimawandel und Digitalisierung vor allem Jüngeren enorm wichtig. In älteren Gesellschaften ist die Skepsis bzw. Abneigung gegenüber Neuerungen höher, was sich hinsichtlich des technologischen Wandels zeigt.

Bezüglich Alterung existieren negativ konnotierte Begriffe wie "Überalterung" und negative Altersstereotype. Eine Arbeitsgruppe der deutschen Akademie der Wissenschaft Leopoldina hat ein umfassendes interdisziplinäres Forschungsprojekt zur Alterung durchgeführt. Es wendet sich gegen negative Altersbilder und zeigt die Chancen der "gewonnenen Jahre" für die individuelle Lebensqualität, den Generationenzusammenhang und das ehrenamtliche Engagement auf. Letzteres ist bei der älteren Bevölkerung in letzter Zeit deutlich angestiegen. So zeigt der Freiwilligensurvey des Bundesfamilienministeriums, dass der Anteil der freiwillig engagierten Personen im Alter von über 65 Jahren zwischen 1999 und 2019 von 18 auf 31 Prozent angestiegen ist. Die bildliche Vorstellung einer greisen, wenig innovativen Gesellschaft ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar. Während junge Menschen leichter neue Techniken, insbesondere im Bereich der Informationstechnologie, erlernen können, weisen Ältere mehr Erfahrungswissen auf, was beispielsweise bei Menschenkenntnis und der Einschätzung von Prioritäten hilfreich ist.

Allerdings gibt es im Alter erhebliche soziale Ungleichheiten: Ärmere und sozial Benachteiligte haben auch im Alter erheblich geringere Teilhabechancen in den Bereichen Kultur, Reisen und Ehrenamt. Auch sind sie überdurchschnittlich von Krankheiten und sozialer Isolation betroffen und haben eine geringere Lebenserwartung.

Insgesamt ist die Zunahme der Lebenserwartung aber oft mit einer Zunahme gesunder Lebenszeit verbunden. Dies bedeutet, dass die 80-Jährigen der Zukunft weitaus fitter sind als die 80-Jährigen von heute. Auch die Personen, die heute in Rente gehen, sind weitaus mobiler und gesünder als es ihre Eltern beim Renteneintritt waren. Daher muss der Lebensabschnitt nach dem Renteneintritt neu definiert werden, er besteht nicht nur aus Krankheit, Unselbständigkeit und Rückzug, sondern zu einer deutlich längeren Zeit aus Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Reisen, Sport, Kultur und oft einer längeren aktiven Rolle als Großeltern.

Folgen für den politischen Wettbewerb

(© Datenquelle: Statistisches Bundesamt, Berechnungen: BiB)

Die Alterung führt zu einem erheblichen Anstieg des durchschnittlichen Alters von Wahlberechtigten, sodass künftig mehr (angehende) Rentnerinnen und Rentner als jüngere Menschen wählen können. Das Medianalter der Wahlberechtigten lag, seit das Wahlalter 1972 auf 18 Jahre gesenkt wurde, bis 2000 um die 45 Jahre, das heißt, dass die Hälfte von ihnen jünger als 45 und die andere Hälfte älter war. Im Jahr 2020 lag das Medianalter bereits bei 52,2 Jahren und es wird bis 2050 auf 55,2 Jahre steigen. Eine Senkung des Wahlalters auf 16 würde das Medianalter der Wahlbevölkerung gegenwärtig um etwa 0,6 Jahre reduzieren.

Auch wenn die ältere Generation nicht bewusst gegen die Interessen der Jüngeren wählt, so bestimmt doch die jeweilige Lebensrealität die Wahl der Menschen. Diese unterscheiden sich zwischen den Generationen, sodass die Motive und Lebenslagen der Älteren ein überproportionales Gewicht bekommen, was viele Parteien in ihren Strategien berücksichtigen, da sie schließlich ihre Stimmen maximieren wollen. Auch zeigen Themen wie Rente und Klimaschutz, dass zwischen den Generationen unterschiedliche Perspektiven und Prioritäten existieren. Dabei zeigt sich öfters, dass die Politik Rentnerinteressen in besonderem Maße verfolgt. Allerdings haben sich im deutschen Parteiensystem keine expliziten Rentnerparteien etablieren können, was auch an einer Orientierung am Alter des Medianwählers liegen könnte. Alle im Bundestag vertretenen Parteien versuchen, sämtliche Generationen anzusprechen – allerdings mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Häufig wird auch auf das generationenverbindende Interesse in der Politik hingewiesen, da viele Ältere auch das Wohl der Kinder und Enkel im Blick haben. Allerdings zeigen die aktuellsten Wahlen wie die Bundestagswahl 2021, dass jüngere und ältere Wählerinnen und Wähler ein unterschiedliches Wahlverhalten aufweisen, was auch mit einer unterschiedlichen Gewichtung der als relevant angesehenen Themen zusammenhängt.

Folgen für die internationale Politik und die Umwelt

Was bedeutet es, wenn Deutschland einen Bevölkerungsrückgang von heute 83 Millionen auf 75 oder gar 65 Millionen erlebt? Diese Frage wird kontrovers diskutiert. Eine Schrumpfung könnte dazu führen, dass Deutschland in einigen Jahrzehnten eine geringere Bevölkerung als Frankreich oder andere Länder hat, was außenpolitisch, geostrategisch und bei Entscheidungsmehrheiten in der EU erhebliche Konsequenzen für die Rolle Deutschlands auf internationaler Bühne hätte. Deutschlands Einfluss würde sinken und auch die Legitimation einer Mitgliedschaft in weltpolitischen Gremien wie unter anderem der G7 könnte langfristig schwinden. Aber auch mit einer Bevölkerung von 83 Millionen leben in Deutschland nur etwa 1 Prozent der Weltbevölkerung, in wenigen Jahren wird dieser Wert sogar unterschritten, da die Weltbevölkerung deutlich über 8 Milliarden wachsen wird (siehe Kapitel "Interner Link: Weltbevölkerung - stoppt der Anstieg bei 11 Milliarden?"). Durch die Einbettung in die Europäische Union hat Deutschland die Möglichkeit, globale politische Fragen mitzugestalten. Die meisten EU-Länder müssen ähnliche demografische Herausforderungen bewältigen, daher ist eine gemeinsame europäische Perspektive auf die internationale Politik mit Großmächten wie den USA und China sehr wichtig.

Eine Schrumpfung könnte auch zu einer Reduzierung der Zahl der Menschen führen, die die deutsche Sprache und Kultur weitertragen. Dieses Argument ist berechtigt, werden die vielen kulturellen Schätze und die Literatur, die oft an Sprache und Erinnerungsgemeinschaften gebunden sind, betrachtet. Der Erhalt von Kultur und Sprache ist ein legitimes Ziel, das in kleineren Ländern wie beispielsweise Estland eine hohe Relevanz in der demografischen Debatte hat. Nationalistische Argumente, die eine Geltung des eigenen Landes aus demografischer Sicht betonen, sind jedoch fehl am Platz, gerade hinsichtlich der Erfahrungen mit historischen Diskursen (siehe Kapitel "Interner Link: Diskurse über den demografischen Wandel").

Für die Umwelt und den ökologischen Fußabdruck könnte eine Schrumpfung sogar von Vorteil sein, da weniger Menschen auch weniger CO2-Emmisionen durch Heizen, Autos oder (tierische) Nahrungsmittel verursachen. Allerdings gibt es vielversprechende Ansätze beim technologischen Fortschritt, der in der Zukunft eine klimaneutrale Lebensweise ermöglichen könnte. Dazu gehören erneuerbare Energien, Innovationen bei Wärmedämmung, Autos, Industrie und Landwirtschaft sowie Negativemissionen beispielsweise durch Aufforstung und Carbon-Capture-Verfahren. Um diese Technologien (weiter) zu entwickeln und die politischen und wirtschaftlichen Weichenstellungen entsprechend einer nachhaltigen Umwelt- und Klimapolitik zu stellen, sind gut ausgebildete junge und zukünftige Generationen notwendig. Die Bedeutung des umwelttechnischen Fortschritts ist umso größer, je mehr die internationale Perspektive betrachtet wird, die für Klimafragen entscheidend ist. Das Argument, aufgrund von der zusätzlichen Belastung für die Umwelt keine Kinder zu bekommen, ist daher zu kurz gedacht, denn Kinder sind letztendlich die Zukunft einer Gesellschaft.

QuellentextAppell der Jugend

[…] Häufig wird Generationengerechtigkeit […] als etwas betrachte, das erst in Zukunft eintreten kann. Das ist das große Missverständnis unserer Politik. Denn Generationengerechtigkeit betrifft nicht nur das, was die einen den anderen hinterlassen, sondern beschreibt auch eine fortwährende Solidarität zwischen den Generationen innerhalb einer Gesellschaft. […]

Das heißt aber auch, dass die politische Verantwortung für die nachfolgenden Generationen eben nicht auf zukünftige Entscheidungen verschoben werden kann, sondern dass sie jetzt greift. Dass nicht erst die zukünftigen Lebensverhältnisse relevant sind, sondern auch die heutigen. Und dass gerade in einer Gesellschaft, in der Jüngere in der Unterzahl sind, die Älteren umso mehr in der Verantwortung stehen, sie in ihren Entscheidungen mitzuberücksichtigen. […]

Ich gehöre zur Generation der Millennials, also zu denen, die zwischen 1981 und 1998 geboren sind. Viele von uns sind verhältnismäßig privilegiert und behütet aufgewachsen. Wir haben wenig Entbehrungen erlebt, hatten manchmal vielleicht sogar mehr Möglichkeiten, als uns selbst lieb war. Gleichzeitig muss man sich bewusst machen, dass wir die erste Generation sind, bei der das Versprechen auf einen wachsenden Wohlstand nicht mehr so einfach funktionieren wird. […]

Dieses sinkende Wohlstandsniveau steht in Wechselwirkung zu anderen Bereichen: Junge Menschen in Deutschland sind häufig prekär beschäftigt, mit niedrigen Löhnen und Kettenbefristungen. Das wiederum wirkt sich etwa auf Altersvorsorge oder den Wohnungsmarkt aus. So ist es für junge Erwachsene heute unwahrscheinlicher, dass sie sich ein Eigenheim leisten können, als es für ihre Eltern im selben Alter war. Meine Generation wird damit auch zusätzlich stärkere Ungleichheiten innerhalb der Gesellschaft erleben. Denn wenn das Aufstiegsversprechen kaum noch funktioniert, können Elternhaus und Erbe zu wohlstandsbestimmenden Faktoren werden. […]

Nun könnte man natürlich sagen, diese Verhältnisse sind auch eine Folge davon, dass junge Menschen sich nicht genug für ihre Rechte eingesetzt haben. Im Durchschnitt haben junge Altersgruppen eine niedrigere Wahlbeteiligung als ältere – wenn sie sich nicht einbringen, selbst schuld. Dieses Argument funktioniert jedoch aus drei Gründen nicht:

  • Erstens wollen junge Menschen sich sehr wohl beteiligen. Bei der Bundestagswahl […] [2021] gingen im Schnitt über […] [70] Prozent der Menschen unter 30 zur Wahl. Dies ist weniger als in anderen Altersgruppen, heißt aber immer noch, dass zwei Drittel von ihnen mitbestimmen wollten. Hinzu kommen all die jungen Menschen, die sich auf andere Arten politisch engagieren. Tatsächlich sind junge Menschen heute [2021] sogar politisch interessierter. Eine Studie der TUI-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass junge Menschen in Deutschland ein zunehmendes Interesse an Politik haben. 41 Prozent der Befragten gaben an, sich stark für Politik zu interessieren – fünf Prozentpunkte mehr als noch 2019.

  • Zweitens sind junge Menschen, wie beschrieben, in der Unterzahl. Nach der Wahl […] [2021] waren […] [48] der […] [736] Abgeordneten, die in den Bundestag einzogen, unter 30 Jahre alt. Wollte man den ohnehin schon kleinen Anteil junger Menschen an der Bevölkerung abbilden, hätten es […] [viermal] so viele Abgeordnete sein müssen. Auch dann hätten sie im Parlament also längst keine Mehrheit. So oder so sind junge Leute daher auf die Solidarität älterer Generationen angewiesen, die sich mit für ihre Belange einsetzen.

  • Der dritte Grund, warum das Scheitern generationengerechter Politik nicht den jungen Menschen anzukreiden ist, hängt unmittelbar damit zusammen: Wenn man keine politischen Mehrheiten hat, muss man hoffen, dass Forderungen an anderer Stelle gehört und ernst genommen werden. Und gerade wenn es um die Interessen junger Menschen geht, passiert das oft nicht. […]

Wir leben in einer Gesellschaft, in der schon heute ein Ungleichgewicht zwischen den Generationen besteht, das Pandemie und Klimawandel weiter verstärken könnten. Gleichzeitig sehen sich junge Menschen einer politischen Übermacht gegenüber, die ihre Bedürfnisse und Sorgen immer wieder ignoriert. […]

[V]ieles spricht dafür, dass sich Ungerechtigkeiten in der Zukunft verstärken werden. Unserer Welt wird komplexer und mit ihr auch die Folgen unserer Handlungen. Wir sind daher längst über den Punkt hinaus, an dem wir uns zurücklehnen und davon ausgehen können, dass die Zukunft uns in die Hände spielt. Deshalb ist es so wichtig, Generationengerechtigkeit nicht als ein Zukunftskonstrukt zu begreifen, in das wir uns passiv hineintreiben lassen können.

Was sollen die Jüngeren tun? Laut sein und wütend und fordernd? Vielleicht bringt das nicht viel. Da sich in den vergangenen Jahren doch oft gezeigt hat, wie wenig auf junge Menschen gehört wird – egal wie ausufernd sie sich empören – muss man vielleicht eher an die Älteren appellieren. An die, die an der Mehrheit der Entscheidungshebel sitzen.

Das ist die Botschaft an die Älteren: Seid leise, seid solidarisch, hört zu. Denn was ihr heute tut, prägt nicht nur eure eigene Lebensrealität, sondern auch heute schon die der Millionen von Menschen, die nach euch kommen.

"Warum wir den Begriff Generationengerechtigkeit nicht verstanden haben", von Sophie Garbe, aus: SPIEGEL.de, 31.07.2021, Externer Link: www.spiegel.de/politik/deutschland/warum-wir-denbegriff-generationengerechtigkeit-nicht-verstanden-haben-ein-kommentara-eb6f094d-d141-4a84-8b78-c6c287fc21a3

PD Dr. Martin Bujard ist stellvertretender Institutsdirektor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden.

Nach beruflichen Erfahrungen in der Privatwirtschaft und der Politik zog es ihn in die Schnittstelle von Wissenschaft und Politikberatung. Von 2009–2011 war er im Projekt "Zukunft mit Kindern" an der Humboldt Universität zu Berlin tätig. Seit 2011 wirkt er am BiB in Wiesbaden, seit 2015 als Forschungsdirektor des Bereichs "Familie und Fertilität", seit 2020 als stellvertretender Institutsdirektor. Der habilitierte Sozialwissenschaftler hatte Lehraufträge an den Universitäten Berlin, Mainz und Bamberg inne. Er ist Mitgründer des Familiendemografischen Panels FReDA und forscht zu Geburtenentwicklung, Public Health mit Schwerpunkt Familien und Kinder sowie Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Martin Bujard berät die Bundesregierung u. a. als Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen des Bundesfamilienministeriums, bei der Demografiestrategie der Bundesregierung und in der Coronavirus-Pandemie bezüglich der Auswirkungen auf Jugendliche und Familien. Er ist Mitglied in wissenschaftlichen Gremien wie beispielsweise im Consortium Board des EU-weiten Generation and Gender Programme und der Arbeitsgruppe "Fortpflanzungsmedizingesetz" der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Ehrenamtlich setzt er sich als Präsident des evangelischen Familienverbandes eaf für Familien ein.

Danksagung: Der Autor dankt Samira Beringer, Felix Berth, Holger Bonin, Christian Fiedler, Mathias Huebener, Bernhard Köppen, Sandra Krapf, Elke Loichinger, Olga Pötzsch, Kerstin Ruckdeschel, Harun Sulak und Frank Swiaczny für viele wertvolle Kommentare zum Manuskript.