WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:03.300
Holger Klein: Willkommen zur vierten Folge von „Aus Politik und Zeitgeschichte“,

00:00:03.300 --> 00:00:06.700
einem Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung.

00:00:06.700 --> 00:00:10.900
Ich bin Holger Klein und wir sprechen heute über Reisen und Tourismus.

00:00:10.900 --> 00:00:14.400
Wenn Sie sich nach dem Hören tiefer mit dem Thema befassen wollen,

00:00:14.400 --> 00:00:17.600
dann empfehle ich Ihnen die Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“

00:00:17.600 --> 00:00:19.600
zum Thema Reisen und Tourismus.

00:00:19.600 --> 00:00:24.100
Die finden Sie auf bpb.de/apuz

00:00:24.100 --> 00:00:26.300
*Musik*

00:00:26.300 --> 00:00:30.600
Holger Klein: Ein Kaffee auf der Piazza in Venedig.

00:00:30.600 --> 00:00:33.200
Im Bus unterwegs durch Thailand.

00:00:33.200 --> 00:00:38.000
Beim Wandern in den Alpen den Ausblick genießen.

00:00:38.000 --> 00:00:41.200
Wir haben wohl alle unsere liebsten Reisemomente.

00:00:41.200 --> 00:00:43.000
Wir reisen aus verschiedensten Motiven:

00:00:43.000 --> 00:00:45.800
Neugier und Abenteuerlust ziehen uns an andere Orte.

00:00:45.800 --> 00:00:49.500
Gleichzeitig sorgt der Stress im Alltag dafür, dass wir aufbrechen wollen.

00:00:49.500 --> 00:00:53.500
All das ging in den letzten zwei Jahren nicht – oder nur sehr eingeschränkt.

00:00:53.500 --> 00:00:58.200
Und so hoffen viele, dass 2022 wieder Urlaub wie vor Corona möglich ist.

00:00:58.200 --> 00:01:01.700
Ob wir allerdings zum ungebremsten Massentourismus zurückkehren wollen

00:01:01.700 --> 00:01:04.700
oder sollten, steht auf einem anderen Blatt.

00:01:04.700 --> 00:01:08.400
Abgesehen von der Situation in der Corona-Pandemie

00:01:08.400 --> 00:01:11.700
war das Reisen in der Geschichte nie so einfach wie heute.

00:01:11.700 --> 00:01:15.200
Wir schauen uns in dieser Folge zusammen mit dem Historiker Christian Bunnenberg an,

00:01:15.200 --> 00:01:17.000
wie sich der Tourismus historisch entwickelt hat.

00:01:17.000 --> 00:01:20.000
und wie er zu einem Massenphänomen werden konnte.

00:01:20.000 --> 00:01:24.000
Und bei zwei Aspekten haben wir uns zusätzlich die Einschätzungen von Expertinnen eingeholt:

00:01:24.000 --> 00:01:29.200
Die Ethnologin Gabriele Habinger erzählt uns, wie Reisen und koloniales Erobern zusammenhängen.

00:01:29.200 --> 00:01:33.200
Gabriele Habinger: Wichtig ist halt, dass wir bestimmte Verhaltensweisen auch uns aneigenen,

00:01:33.200 --> 00:01:38.400
damit in irgendeiner From auch eine gewisse Fairness im Tourismus hergestellt wird.

00:01:38.400 --> 00:01:41.500
Holger Klein: Und Dagmar Lund-Durlacher, Professorin für Tourismusforschung, erklärt,

00:01:41.500 --> 00:01:44.700
was der Klimawandel für die Zukunft der Tourismusbranche bedeutet.

00:01:44.700 --> 00:01:46.700
Dagmar Lund-Durlacher: Verbraucherinnen sind eben gefordert,

00:01:46.700 --> 00:01:51.000
hier wirklich klimabewusste Reiseentscheidungen zu treffen

00:01:51.000 --> 00:01:54.000
und das fängt wirklich an bei der Reiseplanung.

00:01:54.000 --> 00:02:09.900
*Musik*

00:02:09.900 --> 00:02:11.300
Holger Klein: Bevor wir zur Reiseplanung kommen,

00:02:11.300 --> 00:02:14.900
blicken wir aber erst mal weit zurück in der Geschichte des Tourismus.

00:02:14.900 --> 00:02:17.000
Darüber habe ich mit Christian Bunnenberg gesprochen.

00:02:17.000 --> 00:02:22.000
Er ist Professor für Didaktik der Geschichte und Public History an der Ruhr-Universität Bochum.

00:02:22.000 --> 00:02:24.100
Hallo Herr Bunnenberg.

00:02:24.100 --> 00:02:25.500
Christian Bunnenberg: Hallo Herr Klein.

00:02:25.500 --> 00:02:28.500
Holger Klein: Wann hat das mit dem Reisen eigentlich angefangen?

00:02:28.500 --> 00:02:32.900
Christian Bunnenberg: Also man kann unterscheiden in das zweckgebundene Reisen und in das zweckfreie Reisen.

00:02:32.900 --> 00:02:37.500
Und das zweckgebundene Reisen ist eine Grundkonstante menschlichen Lebens,

00:02:37.500 --> 00:02:42.000
dass Menschen auf Handelsrouten unterwegs waren, dass Handwerker gereist sind,

00:02:42.000 --> 00:02:45.000
dass Händler gereist sind, dass Soldaten unterwegs waren

00:02:45.000 --> 00:02:49.500
und das zieht sich von der Antike übers Mittelalter bis in die frühe Neuzeit.

00:02:49.500 --> 00:02:55.000
Und dann zu Beginn der Moderne kommt dann etwas hinzu, was das zweckfreie Reisen wäre.

00:02:55.000 --> 00:03:01.000
Also, das Reisen um das Reisen Willens und das taucht ja so im späten 18. Jahrhundert auf,

00:03:01.000 --> 00:03:06.500
1770er, 1780er Jahre, dass Zeitgenossinnen und Zeitgenossen plötzlich feststellen,

00:03:06.500 --> 00:03:10.100
dass es Menschen gibt, die zweckfrei unterwegs sind

00:03:10.100 --> 00:03:13.500
und das hat dann eine ganz neue Qualität als das Reisen,

00:03:13.500 --> 00:03:18.900
was Jahrhunderte und eigentlich Jahrtausende lang vorher von Menschen durchgeführt wurde.

00:03:18.900 --> 00:03:19.900
Holger Klein: Warum machen wir das?

00:03:19.900 --> 00:03:21.400
Warum reisen wir zweckfrei?

00:03:21.400 --> 00:03:25.400
Also direkt vor der Haustür gibt‘s ja eigentlich auch schon genug zu erleben.

00:03:25.500 --> 00:03:26.900
Christian Bunnenberg: Ja, warum reisen wir zweckfrei?

00:03:26.900 --> 00:03:28.400
Vor allen Dingen, weil man ja eben sagen kann,

00:03:28.400 --> 00:03:31.400
dass dieses zweckfreie Reisen in der Moderne kommt,

00:03:31.400 --> 00:03:36.300
das heißt, Menschen, die vorher unterwegs waren, das war ja immer eine Belastung.

00:03:36.300 --> 00:03:39.600
Also schlechte Wege, schlechte Versorgung, wo konnte ich hin?

00:03:39.600 --> 00:03:42.300
Wie kann ich übernachten und das war alles anstrengend.

00:03:42.300 --> 00:03:46.000
Und deswegen könnte man ja eigentlich sagen, dass ab dem Zeitpunkt,

00:03:46.000 --> 00:03:50.500
wo Menschen nicht diese Belastung auf sich nehmen mussten,

00:03:50.500 --> 00:03:51.600
hätten sie das ja einfach bleiben lassen können.

00:03:51.600 --> 00:03:55.500
Dann kann man eben drüber reden, ob das zweckfreie Reisen nicht vielleicht doch mit einem Zweck verbunden ist,

00:03:55.500 --> 00:04:00.600
nämlich dass man etwas ja sehen möchte, dass man vielleicht eine gute Zeit verbringen möchte,

00:04:00.600 --> 00:04:03.900
aber nicht an dem Ort, den man kennt, sondern an einem anderen Ort.

00:04:03.900 --> 00:04:09.000
Und da hat sehr viel die Romantik mit zu tun, also diese Strömung,

00:04:09.000 --> 00:04:11.900
die auch zeitgleich einsetzt, also spätes 18. Jahrhundert

00:04:11.900 --> 00:04:15.000
und sich dann bis ins frühe 19. Jahrhundert zieht

00:04:15.000 --> 00:04:22.300
und da geht es eben darum, dass die Romantik ja Natur und Geschichte noch mal neu entdeckt,

00:04:22.300 --> 00:04:25.000
Landschaften werden neu entdeckt, die man vorher gemieden hat,

00:04:25.000 --> 00:04:26.600
zum Beispiel das Meer und das Gebirge.

00:04:26.600 --> 00:04:32.800
Also, dass man an den Strand geht, weil jahrhundertelang einfach, also das war ein Nicht-Ort,

00:04:32.800 --> 00:04:35.600
ein Ort des Übergangs vom Meer zum Land, da hat man sich einfach nicht aufgehalten,

00:04:35.600 --> 00:04:39.600
da gab es auch nichts und zum Teil waren diese Strände sogar gefährlich

00:04:39.600 --> 00:04:41.500
und dasselbe galt für das Gebirge

00:04:41.500 --> 00:04:47.000
Und jetzt wird plötzlich die Natur, der Strand mit dem Meer und dem Gebirge wird etwas Erhabenes zugewiesen

00:04:47.000 --> 00:04:50.300
und dass Menschen plötzlich beginnen, in diese Natur zu reisen

00:04:50.300 --> 00:04:53.600
und sich eben dieser Natur auch ein Stück weit genießend hinzugeben.

00:04:53.600 --> 00:04:58.100
Holger Klein: Machen das eigentlich alle Menschen oder ist das wieder so ein Ding des weißen Mannes?

00:04:58.100 --> 00:05:00.100
Christian Bunnenberg: Also es ist vor allen Dingen ein europäisches Phänomen.

00:05:00.100 --> 00:05:03.600
Also, wenn man jetzt von dieser Reise des späten 18. Jahrhunderts spricht

00:05:03.600 --> 00:05:06.600
und der Entwicklung dessen, was wir heute Tourismus nennen, dann ist das etwas,

00:05:06.600 --> 00:05:11.300
was im späten 18. Jahrhundert beginnt und es beginnt vor allen Dingen in England.

00:05:11.300 --> 00:05:17.000
Also, dort gibt es Menschen, die, da dort die industrielle Revolution schon etwas früher eingesetzt hat,

00:05:17.000 --> 00:05:19.100
die jetzt in der Lage sind, zu reisen.

00:05:19.100 --> 00:05:23.300
Das sind nicht alle, sondern es geht erstmal um die sogenannte bessere Gesellschaft,

00:05:23.300 --> 00:05:26.300
also der Adel, der hat sich ohnehin schon bewegt.

00:05:26.300 --> 00:05:28.800
Im 17., 18. Jahrhundert gibt‘s die sogenannte Grand Tour,

00:05:28.800 --> 00:05:30.600
also wenn wir jetzt für den englischen Raum sprechen,

00:05:30.600 --> 00:05:33.100
für den europäischen Raum ist das die sogenannte Kavaliers-Tour,

00:05:33.100 --> 00:05:37.500
also wo junge Männer, quasi der Nachwuchs, dann durch Europa geschickt wurden,

00:05:37.500 --> 00:05:38.100
vor allen Dingen nach Italien.

00:05:38.100 --> 00:05:41.300
Das ist aber schon, wenn man möchte, noch eigentlich eine Bildungsreise

00:05:41.300 --> 00:05:44.100
und ebenfalls im 18. Jahrhundert sucht man dann

00:05:44.100 --> 00:05:48.300
– das geht dann eben zurück auf diese Entwicklung in der Romantik,

00:05:48.300 --> 00:05:51.100
dass man Kurorte aufsucht, Badeorte.

00:05:51.100 --> 00:05:54.300
Und das Bürgertum, das gehobene Bürgertum, was sich jetzt herausbildet

00:05:54.300 --> 00:05:57.800
seit der französischen Revolution und seit der Industrialisierung,

00:05:57.800 --> 00:06:00.600
das dann auch über die entsprechenden Mittel verfügt, das zieht jetzt nach.

00:06:00.600 --> 00:06:04.600
Also, man imitiert den Adel, man möchte sich an ähnlichen Orten aufhalten

00:06:04.600 --> 00:06:08.500
und der Adel, der sucht sich dann eben, um sich wieder abgrenzen zu können,

00:06:08.500 --> 00:06:12.000
neue Orte und zieht dann zum Beispiel Mitte des 19. Jahrhunderts ins Mittelmeer,

00:06:12.000 --> 00:06:16.100
wenn man im Winter unterwegs ist und es wird die Rhein-Reise unternommen

00:06:16.100 --> 00:06:19.800
und das Bürgertum zieht dann dementsprechend dann wenige Jahrzehnte nach.

00:06:19.800 --> 00:06:24.300
Und man kann eben sagen, dass man so ab den 1830er, 1840er Jahren im Rhein

00:06:24.300 --> 00:06:28.600
oder im Rheintal schon einen Tourismus hat und das sind vor allen Dingen auch englische Touristen,

00:06:28.600 --> 00:06:34.100
die dort unterwegs sind und das ist der Alleinreisende, männliche, mittelalte Mann,

00:06:34.100 --> 00:06:39.100
der über Geld verfügt und sich dort dann eben bewegt.

00:06:39.100 --> 00:06:41.600
Holger Klein: Ist also ein Wohlstandsphänomen, das Reisen.

00:06:41.600 --> 00:06:42.300
Christian Bunnenberg: Ja, im Endeffekt schon.

00:06:42.300 --> 00:06:44.800
Also, es ist etwas, was sich von oben her entwickelt

00:06:44.800 --> 00:06:46.300
und zwar von der wohlhabenden Gesellschaft.

00:06:46.300 --> 00:06:50.100
Es gibt einen sehr interessanten Text von Theodor Fontane,

00:06:50.100 --> 00:06:52.800
der ja nicht nur literarisch tätig war, sondern eben auch als Journalist

00:06:52.800 --> 00:06:56.100
und der hat in 1873 einen Essay geschrieben, das nennt er „Modernes Reisen“,

00:06:56.100 --> 00:07:00.300
und er teilt interessanterweise auf in die sogenannte Sommerfrische,

00:07:00.300 --> 00:07:05.300
also dass Menschen an einen anderen Ort fahren, zum Beispiel an einen Küstenort

00:07:05.300 --> 00:07:09.300
und sich dort dann für drei oder vier Wochen irgendwo einmieten

00:07:09.300 --> 00:07:10.600
und dann vor Ort Ruhe suchen.

00:07:10.600 --> 00:07:14.800
Und dann gibt es eben noch die andere Reise und die bezeichnet er als touristische Reise.

00:07:14.800 --> 00:07:18.500
Das sind diejenigen, die eben nicht diese Ruhe suchen, sondern unterwegs sind

00:07:18.500 --> 00:07:21.300
und immer in wechselnden Hotels und von dort dann eben versuchen,

00:07:21.300 --> 00:07:25.000
möglichst viel zu entdecken und er sagt, das eine ist so was Halbnomadisches

00:07:25.000 --> 00:07:28.600
und das andere ist das Nomadische und spricht diesen nomadischen Reisen,

00:07:28.600 --> 00:07:32.600
den touristischen Reisen, im Endeffekt auch das ab, was er sagt, was alle suchen,

00:07:32.600 --> 00:07:36.600
nämlich Erholung von dem Stress, den sie unter dem Jahr haben.

00:07:36.600 --> 00:07:39.100
Also, im Endeffekt ist das dieselbe Argumentation wie heute

00:07:39.100 --> 00:07:42.800
Und das Spannende an dem Text ist, dass er sowohl Tourismus beschreibt,

00:07:42.800 --> 00:07:49.600
als auch gleichzeitig Tourismuskritik übt und Tourismuskritik ist eben fast so alt wie die Beschreibung des Tourismus.

00:07:49.600 --> 00:07:54.600
Das heißt, es ist immer nicht mehr ein Reisen, sondern ein

00:07:54.600 --> 00:07:58.300
- ja, also das Wort Tourist kommt eben auch aus dieser Bezeichnung her.

00:07:58.300 --> 00:07:59.600
Das leitet sich von der Grand-Tour ab,

00:07:59.600 --> 00:08:05.000
bezeichnet aber im späten 18. Jahrhundert in England vor allen Dingen Menschen, die sinnlos umherziehen.

00:08:05.000 --> 00:08:10.100
Und diese Sinnlosigkeit haben diejenigen, die umhergezogen sind, wahrscheinlich anders gesehen.

00:08:10.100 --> 00:08:13.600
Es ist eine Außenwahrnehmung und Tourismuskritik ist ja auch immer eine Außenwahrnehmung.

00:08:13.600 --> 00:08:15.600
Also, man selber reist und genießt und alle anderen, die Touristen,

00:08:15.600 --> 00:08:20.300
die stehen im Weg und das zieht sich ja eigentlich auch durch bis in unsere Gegenwart.

00:08:20.300 --> 00:08:23.800
Holger Klein: Genau, und selber aussehen wie ein Tourist will man ja nie, selbst wenn man Tourist ist.

00:08:23.800 --> 00:08:27.100
Christian Bunnenberg: Ja, genau, also man grenzt sich grundsätzlich ab von „dem Touristen“,

00:08:27.100 --> 00:08:31.100
wenn man darüber eben reflektiert und ist eigentlich derjenige, der jetzt reisen möchte

00:08:31.100 --> 00:08:35.700
und da auch ein besonderes Ziel mit verbunden hat,sei es jetzt Erholung oder dass man sagt,

00:08:35.700 --> 00:08:38.600
also ich schaue mir in dieser Stadt eben nicht nur die Fußgängerzone an,

00:08:38.600 --> 00:08:42.800
sondern eben auch noch, was weiß ich, die historischen Bauwerke und so weiter,

00:08:42.800 --> 00:08:47.300
möchte etwas lernen und damit grenze ich mich jetzt wieder ab gegenüber „den Touristen“.

00:08:47.300 --> 00:08:53.300
Also, die werden dann auch im 19. Jahrhundert schon als billiger Reisepöbel bezeichnet oder als Sightseeing-Volk.

00:08:53.300 --> 00:08:56.500
Holger Klein: Das klingt nach Billigflieger im 20. Jahrhundert.

00:08:56.500 --> 00:09:00.200
Christian Bunnenberg: Ja genau, also es ist im Endeffekt dann immer eine neue Entwicklung, die einsetzt.

00:09:00.200 --> 00:09:04.200
Also, man reist ja erst mit der Eisenbahn, dann mit dem Dampfschiff

00:09:04.200 --> 00:09:07.700
und dann ist es dann später irgendwann das Flugzeug, dass das Dampfschiff ablöst,

00:09:07.700 --> 00:09:10.800
wenn man zum Beispiel eine Transatlantikreise unternimmt.

00:09:10.800 --> 00:09:13.200
Also es geht auch um Geschwindigkeit und eben darum,

00:09:13.200 --> 00:09:18.700
dass man mit modernen Transportmitteln ihrer Zeit dann jeweils versucht,

00:09:18.700 --> 00:09:22.100
Raum und Zeit zu verkleinern und zu verkürzen,

00:09:22.100 --> 00:09:25.100
und dann gibt es immer eine Entwicklung, dass das dann zu einem Massenphänomen wird,

00:09:25.100 --> 00:09:30.700
also die touristische Flugreise so ab Mitte des 20. Jahrhunderts ist ja auch etwas eher für die gehobene Klasse,

00:09:30.700 --> 00:09:33.700
also diejenigen, die sich das leisten können und dann geht es eben runter,

00:09:33.700 --> 00:09:36.800
quasi bis jetzt man zu den Billigfliegern kam

00:09:36.800 --> 00:09:40.300
und genauso hat man das ja eben auch im Schiffsverkehr und so weiter.

00:09:40.300 --> 00:09:44.500
Also, dass das auch erst etwas war, was sich so die gehobene Klasse leisten konnte

00:09:44.500 --> 00:09:46.100
oder was man sich leisten wollen musste.

00:09:46.100 --> 00:09:53.500
Und dass man dann eben jetzt ja auch Kreuzfahrtreisen im Endeffekt also überall beworben bekommt

00:09:53.500 --> 00:09:55.200
und dass es dort entsprechende Rabatte gibt und so weiter,

00:09:55.200 --> 00:09:57.800
dass das auch zu einem Massenphänomen geworden ist.

00:09:57.800 --> 00:10:00.600
Holger Klein: Ja, in der APuZ richten sie ihren Blick besonders auf Kreuzfahrten.

00:10:00.600 --> 00:10:01.300
Warum eigentlich?

00:10:01.300 --> 00:10:02.300
Christian Bunnenberg: Das kann ich Ihnen sagen,

00:10:02.300 --> 00:10:07.700
weil ich 2014 aus Versehen auf ein Kreuzfahrtschiff geraten bin und beobachtet habe,

00:10:07.700 --> 00:10:10.800
wie alle an Bord genau wussten, was sie wann zu tun hatten, nur ich nicht

00:10:10.800 --> 00:10:13.600
und meine Begleitung auch nicht und ich an Deck gesessen habe

00:10:13.600 --> 00:10:16.700
und darüber nachgedacht habe, wie lange gibt es eigentlich dieses Format des Reisens?

00:10:16.700 --> 00:10:19.800
Und dann habe ich mir vorgenommen, dass ich zu Hause in der Universitätsbibliothek

00:10:19.800 --> 00:10:23.000
mir das entsprechende Buch ausleihe und musste dann feststellen,

00:10:23.000 --> 00:10:24.100
dass es dieses Buch nicht gab.

00:10:24.100 --> 00:10:26.600
Man bekommt aber relativ schnell Hinweise darauf,

00:10:26.600 --> 00:10:32.700
dass diese Reise ins Mittelmeer mit der Augusta Viktoria 1891, das gilt als erste Kreuzfahrtreise.

00:10:32.700 --> 00:10:35.100
Holger Klein: Die sogenannte Orientfahrt ist das, ne?

00:10:35.100 --> 00:10:37.000
Christian Bunnenberg: Genau. Eine Vergnügungsreise, es heißt das dann immer,

00:10:37.000 --> 00:10:40.600
eine Exkursion nach dem Mittelmeer und dem Orient.

00:10:40.600 --> 00:10:45.500
Also es geht darum, dass im Endeffekt alle wichtigen Häfen

00:10:45.500 --> 00:10:49.700
rund um das Mittelmeer bereist wurden oder angefahren wurden.

00:10:49.700 --> 00:10:53.500
Also die Reise startet, sollte eigentlich in Hamburg starten, wegen Eisgang ging das nicht,

00:10:53.500 --> 00:10:58.000
man ist dann ab Cuxhaven abgefahren, dann über Southampton, Lissabon, Genua

00:10:58.000 --> 00:11:01.700
und dann nach Alexandria, wo man mehrere Tage gelegen hat,

00:11:01.700 --> 00:11:07.200
damit sich die die Anwesenden an Bord dann Kairo und die Pyramiden und so weiter anschauen konnten.

00:11:07.200 --> 00:11:10.500
Dann geht es weiter nach Jaffa für Jerusalem, nach Beirut für Damaskus

00:11:10.500 --> 00:11:16.200
und über Konstantinopel, Athen, Malta, Neapel und Lissabon

00:11:16.200 --> 00:11:19.500
dann wieder zurück nach Cuxhaven beziehungsweise Hamburg.

00:11:19.500 --> 00:11:23.200
Holger Klein: Wer war denn da alles so an Bord auf dieser ersten Kreuzfahrt?

00:11:23.200 --> 00:11:27.000
Christian Bunnenberg: Also, an Bord war der Begründer oder der Ideengeber zu dieser Reise,

00:11:27.000 --> 00:11:31.000
das ist Albert Ballin, der war damals ein junger Mann in 30ern

00:11:31.000 --> 00:11:33.500
und hatte einen steilen Aufstieg bei der Hapag,

00:11:33.500 --> 00:11:36.800
also bei der Hamburg amerikanischen Paketfahrtaktiengesellschaft, hingelegt.

00:11:36.800 --> 00:11:38.500
Das war eine große Reederei aus Hamburg,

00:11:38.500 --> 00:11:43.100
die vor allen Dingen im Transatlantikverkehr tätig war

00:11:43.100 --> 00:11:46.800
und Auswandererinnen und Auswanderer in die Vereinigten Staaten gebracht hat.

00:11:46.800 --> 00:11:51.200
Das Problem an der Sache war, dass der Transatlantikverkehr ein Saisongeschäft war

00:11:51.200 --> 00:11:55.100
und jetzt haben diese teuren Schiffe im Herbst, Winter haben die auf Reede gelegen

00:11:55.100 --> 00:11:58.100
und vor allen Dingen Kosten verursacht und dann kamen die auf die Idee

00:11:58.100 --> 00:12:02.200
oder Albert Ballin kam auf die Idee, dass man eben eines dieser Schiffe herauslöst

00:12:02.200 --> 00:12:06.200
aus dem Linienverkehr und dann diese Kreuzfahrtreise anbietet.

00:12:06.200 --> 00:12:08.200
An Bord waren knapp 250 Passagiere.

00:12:08.200 --> 00:12:12.000
Und die setzen sich zusammen in der Mehrzahl aus Deutschen,

00:12:12.000 --> 00:12:14.600
da dann in der Mehrzahl wieder die Männer,

00:12:14.600 --> 00:12:20.700
die alleinreisend unterwegs waren, es waren keine Kinder an Bord, ganz wenige Jugendliche,

00:12:20.700 --> 00:12:26.100
eine Kombination war Vater und Tochter im heiratsfähigen Alter und wenige Paare.

00:12:26.100 --> 00:12:28.200
Dann meistens aber in älteren Jahren.

00:12:28.200 --> 00:12:34.000
Und ungefähr ein Viertel der Reisegesellschaft war internationales Publikum.

00:12:34.000 --> 00:12:37.200
Also es waren vor allen Dingen Briten an Bord, Skandinavier, Amerikaner,

00:12:37.200 --> 00:12:43.200
Menschen aus den Benelux-Staaten, Franzosen, die dann eben diese Reise auch mitgemacht haben.

00:12:43.200 --> 00:12:48.000
Und diese 250 Personen, die nach und nach zugestiegen sind, die haben dann diese Reise durchgeführt

00:12:48.000 --> 00:12:54.100
und man hatte dabei und das ist das Interessante, wenn man sich Fontane noch mal in den Hinterkopf ruft,

00:12:54.100 --> 00:12:58.100
der ja sagt: „Also, es gibt zum einen die Sommerfrische und zum anderen diesen Eskapismus“

00:12:58.100 --> 00:13:01.600
und das Kreuzfahrtschiff verbindet das und das schreiben auch die Mitreisenden,

00:13:01.600 --> 00:13:03.800
dass sie sagen, wir waren immer mit einem Stück Deutschland unterwegs,

00:13:03.800 --> 00:13:07.000
wir hatten unser Hotel dabei, also dass man diese Ruhe hat,

00:13:07.000 --> 00:13:10.500
weil man weiß, man hat seinen Rückzugsort und gleichzeitig konnte man,

00:13:10.500 --> 00:13:15.700
wie die dann schreiben, so einfach und so bequem die gesamte Welt am Mittelmeer entdecken

00:13:15.700 --> 00:13:20.000
und das ist im Endeffekt auch das Konzept, was dann in den Folgejahren Früchte trägt.

00:13:20.000 --> 00:13:22.600
Das Interessante ist, dass Albert Ballin diese Reise, wenn man so möchte,

00:13:22.600 --> 00:13:25.200
von vornherein zum Erfolg verdammt hat.

00:13:25.200 --> 00:13:30.200
Also, es war ein Fotograf an Bord, der großformatige Bilder von dieser Reise angefertigt hat.

00:13:30.200 --> 00:13:33.200
Man hatte einen Zeichner an Bord, der in Deutschland sehr bekannt war.

00:13:33.200 --> 00:13:36.100
Es waren vier Journalisten an Bord, die in fünf großen deutschen Zeitungen

00:13:36.100 --> 00:13:39.100
quasi in Echtzeit über diese Reise berichtet haben,

00:13:39.100 --> 00:13:44.700
sodass diese ganze Geschichte von vornherein auch schon als Erfolg verbucht werden sollte.

00:13:44.700 --> 00:13:50.200
Diese Reise ist die erste Reise, die dieses Genre begründet oder diese Tourismusgattung,

00:13:50.200 --> 00:13:56.500
wenn man so möchte, und dieses Reisegenre, dass man dann ab da jedes Jahr ein entsprechendes Angebot hatte.

00:13:56.500 --> 00:14:03.600
Holger Klein: Bis Ende des 19. Jahrhunderts ist die touristische Reise zu einem Massenprodukt geworden.

00:14:03.600 --> 00:14:07.300
Thomas Cook erfand 1841 die Pauschalreise

00:14:07.300 --> 00:14:11.200
– damals noch ein Eisenbahnausflug mit Verpflegung zum Festpreis.

00:14:11.200 --> 00:14:16.700
Auch Kreuzfahrten wie die auf der Augusta Victoria entwickelten sich schon bald zum Mainstreamprodukt.

00:14:16.700 --> 00:14:20.000
Doch die Infrastruktur, die den Ferntourismus erst möglich gemacht hat,

00:14:20.000 --> 00:14:23.200
die entstand im 18. Jahrhundert aus einem anderen Grund:

00:14:23.200 --> 00:14:27.200
Es ging zunächst um die koloniale Expansion und den Warenverkehr.

00:14:27.200 --> 00:14:32.800
Von den neuen Reisemöglichkeiten und Verkehrsnetzen haben damals nur Europäerinnen und Europäer profitiert.

00:14:32.800 --> 00:14:37.300
Die machten sich auf den Weg in aus ihrer Sicht „exotische“ Gebiete

00:14:37.300 --> 00:14:41.200
und gingen dann zum Beispiel auf sogenannte Orientfahrt.

00:14:41.200 --> 00:14:47.500
Gabriele Habinger ist Ethnologin und Lektorin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien.

00:14:47.500 --> 00:14:54.000
Sie erklärt, dass der Kolonialismus nicht nur Infrastruktur und Handlungsspielräume geprägt hat, sondern auch das Denken:

00:14:54.000 --> 00:14:58.200
Gabriele Habinger: Ein wesentlicher Faktor im Kontext des Kolonialismus ist,

00:14:58.200 --> 00:15:03.200
dass es sich hier nicht nur um ein Herrschaftsverhältnis handelt,

00:15:03.200 --> 00:15:11.600
sondern dass dieses Herrschaftsverhältnis auch mit der Herausbildung spezifischer Vorstellungen und Ideen verknüpft ist.

00:15:11.600 --> 00:15:19.500
Also diese koloniale Beherrschung resultierte letztlich auch in der Überzeugung der Europäer

00:15:19.500 --> 00:15:24.200
und der Europäerinnen ihrer eigenen kulturellen Überlegenheit.

00:15:24.200 --> 00:15:30.700
Der Westen ist modern, fortschrittlich zivilisiert,oder Europa auch, je nachdem wie man es sieht,

00:15:30.700 --> 00:15:36.800
und die außereuropäischen Regionen, der Orient und so weiter, die sind rückständig, wild,

00:15:36.800 --> 00:15:43.200
barbarisch bis hin zu Vorstellungen, dass hier keine Kultur, keine Religion

00:15:43.200 --> 00:15:45.300
und so weiter zu finden sei ja.

00:15:45.300 --> 00:15:54.100
Und diese Vorstellungen und Praxen finden wir auch im Rahmen von Reisen und bis hin zum modernen Tourismus.

00:15:54.100 --> 00:15:59.800
Holger Klein: Seien wir ehrlich: Als Touristen haben wir oftmals auch heute noch ein Gefühl der Überlegenheit im Gepäck

00:15:59.800 --> 00:16:03.500
– indem wir als Reisende zum Beispiel unsere Ansprüche und Vorstellungen überbewerten.

00:16:03.500 --> 00:16:05.800
Daran kann man aber arbeiten.

00:16:05.800 --> 00:16:09.300
Gabriele Habinger: Das ist auch, was viele Touristen vielleicht immer wieder ankreiden,

00:16:09.300 --> 00:16:14.200
dass die Qualität des Essens nicht passt oder die Unterkunft oder die Sauberkeit

00:16:14.200 --> 00:16:16.100
oder der Umgang mit Pünktlichkeit und so weiter.

00:16:16.100 --> 00:16:19.700
Also sozusagen, ich denke mir, dann da wär's halt auch wichtig,

00:16:19.700 --> 00:16:23.200
einmal von den eigenen Vorstellungen ein bisschen abzugehen,

00:16:23.200 --> 00:16:27.100
wenn man sich in vollkommen ungewohnte Räume begibt

00:16:27.100 --> 00:16:32.200
und wo Menschen leben, die halt andere Vorstellungen, Werte, Normen, Verhaltensweisen haben.

00:16:32.200 --> 00:16:37.100
Wichtig ist halt, dass wir bestimmte ja Verhaltensweisen auch uns aneignen,

00:16:37.100 --> 00:16:43.200
damit in irgendeiner Form auch eine gewisse Fairness im Tourismus hergestellt wird, ja.

00:16:43.200 --> 00:16:48.700
Einen All Inclusive Tourismus sich zu machen ist natürlich etwas,

00:16:48.700 --> 00:16:53.200
was für die lokale Bevölkerung relativ wenig Vorteile bringt,

00:16:53.200 --> 00:16:58.200
außer für diejenigen, die eben vielleicht in so einem Resort angestellt sind.

00:16:58.200 --> 00:17:01.200
Holger Klein: Andererseits kann Tourismus auch einen positiven Einfluss haben,

00:17:01.200 --> 00:17:03.700
zum Beispiel als wirtschaftlicher Faktor.

00:17:03.700 --> 00:17:09.500
Man sollte das Phänomen Tourismus deshalb differenziert betrachten, findet Gabriele Habinger.

00:17:09.500 --> 00:17:15.000
Gabriele Habinger: Lange Jahre wurde ja der Tourismus sowohl in der Wissenschaft in den Kultur- und Sozialwissenschaften

00:17:15.000 --> 00:17:22.400
als auch von aufgeklärten Reisenden als ausschließlich problematischer Faktor gesehen,

00:17:22.400 --> 00:17:25.900
weil er eben vor Ort Veränderungen mit sich bringen würde,

00:17:25.900 --> 00:17:30.700
die vielleicht nicht gewünscht sind, weil er traditionelle Gesellschaften beeinflusst.

00:17:30.700 --> 00:17:36.500
Aber das ist mittlerweile eine Zugangsweise, die meines Erachtens obsolet ist.

00:17:36.500 --> 00:17:44.500
Gesellschaften ändern sich immer und natürlich wirkt sich auch der Tourismus als ein Faktor der Veränderung aus,

00:17:44.500 --> 00:17:50.700
und die Vorstellung, dass traditionelle oder indigene Gesellschaften wie unter einem Glassturz leben würden,

00:17:50.700 --> 00:17:55.500
unbeeinflusst von Faktoren von außen, das ist einfach ja nicht gegeben, ja.

00:17:55.500 --> 00:17:58.000
Holger Klein: Während sich Gesellschaften natürlich wandeln,

00:17:58.000 --> 00:18:02.900
sind manche Strukturen seit der Kolonialzeit aber doch sehr ähnlich geblieben.

00:18:02.900 --> 00:18:07.200
Gabriele Habinger: Es ist so, dass natürlich Zugänglichkeit zum Reisen sehr ungleich verteilt ist

00:18:07.200 --> 00:18:11.400
und ich denke, es ist schon angebracht so bissel ein schlechtes Gewissen zu haben.

00:18:11.400 --> 00:18:17.500
Weil es natürlich auch fördert, dass wir reflektiert mit dieser Situation umgehen,

00:18:17.500 --> 00:18:20.400
uns Gedanken machen und das ist auch notwendig.

00:18:20.400 --> 00:18:25.500
Wir sind privilegiert, wir aus dem globalen Norden sind privilegiert.

00:18:25.500 --> 00:18:29.900
Es ist nicht nur so, dass wir die zeitlichen Ressourcen, die ökonomischen Ressourcen haben,

00:18:29.900 --> 00:18:35.500
sondern wir können auch in die verschiedensten Länder prinzipiell reisen,

00:18:35.500 --> 00:18:38.700
das ist aus dem globalen Süden nicht der Fall.

00:18:38.700 --> 00:18:44.200
Holger Klein: Kommen wir zurück zur Geschichte des Tourismus und damit zu Christian Bunnenberg

00:18:44.200 --> 00:18:47.500
– wir befinden uns mittlerweile im 20. Jahrhundert.

00:18:47.500 --> 00:18:51.500
Ich habe ihn gefragt, wie der Erste Weltkrieg den Tourismus veränderte.

00:18:51.500 --> 00:18:53.700
Christian Bunnenberg: Also, mit dem Ersten Weltkrieg bricht dieses System

00:18:53.700 --> 00:18:58.000
oder dieser frühe Massentourismus des 19. Jahrhunderts in sich zusammen

00:18:58.000 --> 00:18:59.000
und das hat vor allen Dingen damit zu tun,

00:18:59.000 --> 00:19:02.500
dass grenzüberschreitender Verkehr nicht mehr so einfach möglich war

00:19:02.500 --> 00:19:08.900
und eben auch durch den Krieg die entsprechende wirtschaftliche Leistung nicht mehr so vorhanden war,

00:19:08.900 --> 00:19:12.900
dass Menschen so in der Größe auf Reise gegangen sind.

00:19:12.900 --> 00:19:16.500
Also, das war in der Zwischenkriegszeit, sage ich mal, mit größeren Hürden wieder verbunden zu reisen,

00:19:16.500 --> 00:19:19.000
als das noch vor dem Ersten Weltkrieg war.

00:19:19.000 --> 00:19:21.200
Das hat vor allen Dingen auch mit der Ausbildung der Nationalstaaten

00:19:21.200 --> 00:19:23.500
und mit der neuen Grenzziehung von Nationalstaaten zu tun.

00:19:23.500 --> 00:19:28.200
Und dann kommt man ja dann eben sehr schnell in die Zeit des Nationalsozialismus,

00:19:28.200 --> 00:19:31.900
wo dann eben Reisen zwar wieder populär gemacht wurden,

00:19:31.900 --> 00:19:34.000
aber die Frage, wer reisen konnte.

00:19:34.000 --> 00:19:36.500
Also, es gibt ja die sogenannten KDF-Reisen, die ja gerne angebracht werden.

00:19:36.500 --> 00:19:39.400
Das Interessante ist aber, dass über die Propaganda,

00:19:39.400 --> 00:19:45.000
die man mit diesen Reisen gemacht hat, im Endeffekt Sehnsuchtsorte geschaffen hat.

00:19:45.000 --> 00:19:47.900
Also, dass das Reisen dann zu einem neuen Sehnsuchtsort wurde

00:19:47.900 --> 00:19:50.900
und das Gleiche findet dann nach dem Zweiten Weltkrieg auch in der DDR statt.

00:19:50.900 --> 00:19:55.200
Also auch da gab es ja Kreuzfahrtschiffe, die eben auch von ausgewählten

00:19:55.200 --> 00:19:57.500
und kleinen Gruppen dann genutzt werden konnten

00:19:57.500 --> 00:20:03.000
und auch da hat man aber mit der entsprechenden Visualisierung dann eben Sehnsuchtsorte geschaffen,

00:20:03.000 --> 00:20:06.500
was man dann in den 80er Jahren in Westdeutschland dann eben mit solchen Serien

00:20:06.500 --> 00:20:09.000
wie dem „Traumschiff“ dann noch mal untermauert.

00:20:09.000 --> 00:20:12.000
Holger Klein: Dieses Schaffen von Sehnsuchtsorten, also Kraft durch Freude

00:20:12.000 --> 00:20:16.000
oder was ist dann in der DDR auch gab, ist das der Beginn des Massentourismus?

00:20:16.000 --> 00:20:21.400
Christian Bunnenberg: Ja, da ist die Frage, ab wann man Massentourismus wirklich als Massentourismus bezeichnen möchte.

00:20:21.400 --> 00:20:26.500
Also Theodor Fontane hat 1873 schon davon gesprochen, dass alle Welt reist.

00:20:26.500 --> 00:20:30.200
Alle sind unterwegs, es ist eine neue Form von Massenreisen.

00:20:30.200 --> 00:20:34.400
Aber das sind natürlich nicht die Massen, die wir heute unter Massentourismus verstehen.

00:20:34.400 --> 00:20:39.200
Also, das ist immer noch eine eine kleine Gruppe, vielleicht zehn bis fünfzehn Prozent der Gesellschaft,

00:20:39.200 --> 00:20:43.400
für die es überhaupt möglich ist, so zu verreisen, Tendenz steigend im 19. Jahrhundert.

00:20:43.400 --> 00:20:46.700
Das hat eben auch damit zu tun, dass man dann Urlaubsregelungen eingeführt hat.

00:20:46.700 --> 00:20:49.700
Das ist dann nicht der 30tägige Urlaub, wie wir ihn heute kennen,

00:20:49.700 --> 00:20:53.000
sondern im geringeren Maße, aber es gab zum ersten Mal Regelungen,

00:20:53.000 --> 00:20:55.500
also dass man dann in bezahlten Urlaub gehen konnte

00:20:55.500 --> 00:20:58.700
und wenn man das eigentliche Massenreisen nimmt,

00:20:58.700 --> 00:21:01.200
das steigt also in Europa und dann auch vielleicht für Deutschland,

00:21:01.200 --> 00:21:05.700
also da steigt man vor allen Dingen in den 1950er, 1960er Jahren ein.

00:21:05.700 --> 00:21:07.900
Das hat dann eben auch mit der Motorisierung zu tun,

00:21:07.900 --> 00:21:10.500
also dass man dann diese klassische Fahrt nach Italien,

00:21:10.500 --> 00:21:14.700
die man dann plötzlich im eigenen Auto dann selber in Angriff nehmen konnte

00:21:14.700 --> 00:21:21.700
und dann an der Mittelmeerküste oder an der Adria dann im Zelt noch vergleichsweise günstig Urlaub verbracht hat,

00:21:21.700 --> 00:21:25.200
aber es war einfach dann eben auch durch das Auto erreichbar geworden.

00:21:25.200 --> 00:21:31.000
Und inzwischen ist es eben so, dass die Tourismusindustrie ja zu auch den großen Industriezweigen gehört,

00:21:31.000 --> 00:21:34.500
mit einem enormen Umsatz, der dort dann ermöglicht wird.

00:21:34.500 --> 00:21:37.700
Holger Klein: Und gleichzeitig auch einen enormen Schaden anrichtet.

00:21:37.700 --> 00:21:45.000
Denken Sie, das wird immer so weitergehen, bis auch der letzte Mensch mal die Reisfelder Balis besucht hat?

00:21:45.000 --> 00:21:48.000
Christian Bunnenberg: Ja, das ist ja genau das Problem, was der Tourismus bringt.

00:21:48.000 --> 00:21:50.900
Im Endeffekt zerstört er ja die eigenen Sehnsuchtsorte.

00:21:50.900 --> 00:21:54.500
Also wenn man das jetzt drastisch formulieren will,

00:21:54.500 --> 00:21:58.200
also wenn's zum Beispiel heißt, ich möchte das Nordkap besuchen in Norwegen,

00:21:58.200 --> 00:22:05.700
das war ja vor 50, 60, 70 Jahren oder eben vor 120 Jahren war man eben dort eine Ausnahmeerscheinung,

00:22:05.700 --> 00:22:08.900
dann wurden die Leute angelandet am Fuß des Nordkaps

00:22:08.900 --> 00:22:12.700
und mussten dann über den sogenannten Zickzackweg den Felsen selbst erklimmen.

00:22:12.700 --> 00:22:17.400
Heute werden sie da eben mit dem Kreuzfahrtschiff bis nach Honningsvåg in den Hafen gefahren

00:22:17.400 --> 00:22:20.700
und dann mit dem Bus die 30 Kilometer bis zum Nordkap gebracht

00:22:20.700 --> 00:22:21.700
und dann wieder abgeholt.

00:22:21.700 --> 00:22:27.000
Also, wenn die Infrastruktur vor Ort ausgebaut wird und das Erreichen dieser Orte einfacher wird,

00:22:27.000 --> 00:22:31.400
dann kommen eben auch Menschen und man ist dann eben sehr schnell in diesem Bereich des Overtourism,

00:22:31.400 --> 00:22:34.700
wo man sich fragen muss, ab wann ist das, was dort vor Ort passiert

00:22:34.700 --> 00:22:40.200
- Stichwort Venedig zum Beispiel - eigentlich schädlich für den Ort an sich,

00:22:40.200 --> 00:22:43.900
den man besucht und jetzt eben Ort nicht als Siedlung und so weiter,

00:22:43.900 --> 00:22:48.700
sondern jeglicher Ort, der besucht wird und dass man dann das, was man dort vor Ort sucht,

00:22:48.700 --> 00:22:53.000
vielleicht die Abgeschiedenheit, der schöne Blick und so weiter, dass man genau das nicht findet,

00:22:53.000 --> 00:22:56.700
wenn die malerische Altstadt plötzlich vollgepfropft ist mit Souvenirläden

00:22:56.700 --> 00:23:00.500
und man dann plötzlich, weil dort drei oder vier Kreuzfahrtschiffe angelangt sind,

00:23:00.500 --> 00:23:06.700
mit  Touristen aus aller Herren Länder durch die Altstadt auf Korfu stapft zum Beispiel.

00:23:06.700 --> 00:23:08.900
Also, das kann dann auch ganz schnell zu einem Problem werden

00:23:08.900 --> 00:23:13.500
und sowohl für die Industrie an sich als auch eben für die Menschen, die vor Ort davon betroffen sind.

00:23:13.500 --> 00:23:19.500
Und ganz zu schweigen jetzt von diesen ganzen Dingen, die dort auch noch mit Umweltschädigungen und so weiter verbunden sind.

00:23:19.500 --> 00:23:24.700
Holger Klein: Und hier kommen wir zu einem anderen, wichtigen Punkt:

00:23:24.700 --> 00:23:27.500
Tourismus schädigt Klima und Natur.

00:23:27.500 --> 00:23:32.000
Im Urlaub verbrauchen wir pro Kopf mehr Ressourcen als zu Hause und, klar:

00:23:32.000 --> 00:23:35.700
die Transportemissionen, vor allem durch Flugreisen, sind enorm.

00:23:35.700 --> 00:23:39.400
Dagmar Lund-Durlacher ist Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin

00:23:39.400 --> 00:23:44.000
und lehrt am Zentrum für nachhaltigen Tourismus an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde.

00:23:44.000 --> 00:23:48.500
Sie erklärt, wie sich der Klimawandel auf den Tourismus schon heute auswirkt.

00:23:48.500 --> 00:23:52.200
Dagmar Lund-Durchlacher: Wir sehen heute schon veränderte Niederschlagsmuster,

00:23:52.200 --> 00:23:58.700
vor allem häufigere und intensivere Extremwetterlagen, Hitzewellen, Starkregen,

00:23:58.700 --> 00:24:02.200
Stürme, Dürren, auch in unseren Breitengraden.

00:24:02.200 --> 00:24:09.000
Und das gefährdet natürlich Destinationen wie Wintersportdestinationen in den Bergen,

00:24:09.000 --> 00:24:13.900
die nicht mehr diese Schneesicherheit aufweisen wie in vergangenen Tagen

00:24:13.900 --> 00:24:17.200
oder auch im Städtetourismus vermehrte Hitzetage,

00:24:17.200 --> 00:24:22.200
die es nicht mehr so angenehm im Sommer machen in den Städten zu urlauben.

00:24:22.200 --> 00:24:29.400
Indirekt sind die Wirkungen, dass der steigende Meeresspiegel natürlich Küstenregionen gefährdet

00:24:29.400 --> 00:24:36.900
und die steigenden Wassertemperaturen zu Algenblüten oder zu Quallenplagen führen können.

00:24:36.900 --> 00:24:44.200
Wir erleben fast in jedem Sommer ja Brände durch die Trockenheit in den Wäldern.

00:24:44.200 --> 00:24:48.900
Viele Regionen passen sich auch an den Klimawandel an.

00:24:48.900 --> 00:24:58.000
Das heißt, es werden Maßnahmen durchgeführt, wie Deiche verstärken oder Verbau von Wildbächen.

00:24:58.000 --> 00:25:02.000
Also auch hier sind negative Auswirkungen festzustellen.

00:25:02.000 --> 00:25:04.700
Holger Klein: Was die Folgen des Klimawandels betrifft:

00:25:04.700 --> 00:25:07.500
Auch die sind global nicht gerade gerecht verteilt.

00:25:07.500 --> 00:25:11.700
Das belegt zum Beispiel der Climate Change Vulnerability Index for Tourism.

00:25:11.700 --> 00:25:15.400
Dagmar Lund-Durchlacher: Dieser Climate Change Vulnerability Index for Tourism,

00:25:15.400 --> 00:25:19.900
der misst eben anhand von konkret siebenundzwanzig Indikatoren,

00:25:19.900 --> 00:25:27.000
wie stark die Klimawandelfolgen den Tourismus in einem Land beeinträchtigen können.

00:25:27.000 --> 00:25:32.000
Und zwar dabei werden nicht nur erwartete Klimawirkungen auf den Tourismus gemessen,

00:25:32.000 --> 00:25:38.000
wie zum Beispiel welche, Wirkung hat Biodiversitätsverlust auf dem Ökotourismus,

00:25:38.000 --> 00:25:44.700
sondern es werden auch in diesen Index mit einberechnet die volkswirtschaftliche Bedeutung des Tourismus.

00:25:44.700 --> 00:25:49.700
Aber auch mit einberechnet werden die Kapazitäten, die in dem Land vorhanden sind,

00:25:49.700 --> 00:25:54.000
um überhaupt sich an diese Klimawandelfolgen anzupassen.

00:25:54.000 --> 00:26:00.700
Und in einer sehr aktuellen Studie wurde dieser Index für 181 Länder berechnet

00:26:00.700 --> 00:26:08.700
und daraus lässt sich erkennen, dass die gefährdetsten Regionen im globalen Süden sind,

00:26:08.700 --> 00:26:12.700
in denen der Tourismus auch eine große Rolle spielt.

00:26:12.700 --> 00:26:16.500
Holger Klein: Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, müssten Emissionen verringert werden,

00:26:16.500 --> 00:26:20.700
vor allem im Bereich Transport, aber auch in der Hotellerie und Gastronomie.

00:26:20.700 --> 00:26:24.700
Das scheint eigentlich auch im Sinne der Urlauberinnen und Urlauber zu sein:

00:26:24.700 --> 00:26:31.500
Dagmar Lund-Durchlacher: Wir wissen aus vielen Studien, dass die Verbraucher eigentlich sehr nachhaltig orientiert sind

00:26:31.500 --> 00:26:40.200
und immer wieder äußern, dass sie Interesse haben an klimafreundlichen Angeboten, an nachhaltigen Angeboten.

00:26:40.200 --> 00:26:45.500
Das Problembewusstsein ist da, aber das Reiseverhalten hat sich noch nicht dementsprechend geändert.

00:26:45.500 --> 00:26:52.900
Sehr häufig wird ja argumentiert, „ja, aber klimafreundliche, nachhaltige Reisen sind ja teurer.“

00:26:52.900 --> 00:26:59.400
Besteuerung von Flugbenzin und so weiter, das verteuert ja natürlich auch die Reise.

00:26:59.400 --> 00:27:07.500
Aber sehr viele energiereduzierende Maßnahmen machen die Reise auch günstiger.

00:27:07.500 --> 00:27:09.200
Holger Klein: Dagmar Lund-Durlacher beschreibt auch,

00:27:09.200 --> 00:27:12.400
was man als Reisende oder Reisender denn nun ganz konkret tun kann.

00:27:12.400 --> 00:27:15.200
Dagmar Lund-Durchlacher: Das fängt wirklich an bei der Reiseplanung.

00:27:15.200 --> 00:27:17.700
Welchen Urlaubsort wähle ich aus?

00:27:17.700 --> 00:27:24.700
Muss ich einen Flug dazu buchen, ja oder ist das eine Urlaubsdestination in der Nähe,

00:27:24.700 --> 00:27:29.200
die ich relativ problemlos mit dem öffentlichen Verkehr erreichen kann, ja?

00:27:29.200 --> 00:27:34.000
Dann kann ich mich sehr bewusst für klimafreundliche Unterkünfte entscheiden,

00:27:34.000 --> 00:27:40.700
die zertifiziert sind, Zertifizierungen bieten hier eine gute Orientierung.

00:27:40.700 --> 00:27:44.700
Holger Klein: Nun hat die Pandemie unser Reiseverhalten – zumindest kurzfristig – stark verändert.

00:27:44.700 --> 00:27:47.400
Ob davon in Zukunft etwas hängen bleibt:

00:27:47.400 --> 00:27:51.700
Dazu bieten Studien noch keine eindeutigen Aussagen, sagt Dagmar Lund-Durlacher.

00:27:51.700 --> 00:27:56.700
Dagmar Lund-Durchlacher: Zum einen lechzen die Leute danach wieder reisen zu können,

00:27:56.700 --> 00:28:07.400
zum anderen sieht man schon, dass Nachhaltigkeit und das Bewusstsein für den Klimawandel stärker geworden sind.

00:28:07.400 --> 00:28:16.500
Und ich denke, dass je länger diese Pandemie dauert, desto länger wir eingeschränkt werden,

00:28:16.500 --> 00:28:20.500
desto eher wird etwas bleiben.

00:28:20.500 --> 00:28:29.500
Aus Sicht des Klimas ist es eigentlich ein Muss, dass sich ein klimafreundlicher Tourismus etablieren muss,

00:28:29.500 --> 00:28:40.000
denn die Attraktivität der Landschaft, diese Natur ist einfach der Boden für diese touristische Aktivität.

00:28:40.000 --> 00:28:45.700
Holger Klein: Trotz Overtourism und Klimawandel

00:28:45.700 --> 00:28:50.000
– ob die Menschen in Zukunft wirklich weniger Reisen werden, das wissen wir nicht.

00:28:50.000 --> 00:28:52.700
Vielleicht werden auch neue Sehnsuchtsorte entstehen:

00:28:52.700 --> 00:28:55.500
die ersten Privatflüge in den Weltraum hat es ja schon gegeben.

00:28:55.500 --> 00:28:57.400
Können wir daraus jetzt also ableiten,

00:28:57.400 --> 00:29:01.200
dass sich der Massentourismus in einigen Jahrzehnten ins All verlagern könnte?

00:29:01.200 --> 00:29:03.700
Das habe ich Christian Bunnenberg gefragt.

00:29:03.700 --> 00:29:05.000
Christian Bunnenberg: Also jetzt bin ich ja als Historiker jemand,

00:29:05.000 --> 00:29:08.700
der gerne den Blick in die Vergangenheit wirft und weniger nach vorne.

00:29:08.700 --> 00:29:12.200
Also deswegen bin ich da so ein bisschen zögerlich, was Prognosen angeht.

00:29:12.200 --> 00:29:14.400
Aber es ist natürlich genauso wie sie gesagt haben

00:29:14.400 --> 00:29:17.500
und wenn wir das jetzt eben aus der Vergangenheit versuchen zu übertragen,

00:29:17.500 --> 00:29:22.200
dann zeigt sich, dass die Erreichbarkeit sehr viel damit zu tun hat,

00:29:22.200 --> 00:29:24.000
dass dann eben Hürden fallen.

00:29:24.000 --> 00:29:26.500
Also die Erreichbarkeit ist eine der wesentlichen Hürden,

00:29:26.500 --> 00:29:29.000
dann diese Erreichbarkeit finanzieren zu können,

00:29:29.000 --> 00:29:32.900
das sinkt ja meistens eben dann auch mit dem Angebot.

00:29:32.900 --> 00:29:36.900
Also je mehr Angebot bereitgestellt wird, dann kann man das eben auch wirtschaftlicher gestalten

00:29:36.900 --> 00:29:41.200
und ob jetzt der Weltraum das nächste große Reiseziel ist, das weiß ich nicht,

00:29:41.200 --> 00:29:43.900
auch wenn es ja eben jetzt Unternehmen gibt, die jetzt jenseits von,

00:29:43.900 --> 00:29:47.700
ich sage mal, staatlichen Raumfahrtprogrammen in diesem Bereich schon tätig sind.

00:29:47.700 --> 00:29:49.000
Aber auch da haben wir ja wieder das Problem,

00:29:49.000 --> 00:29:54.200
inwiefern lässt sich das zum Beispiel vereinbaren mit Maßnahmen des Klimaschutzes.

00:29:54.200 --> 00:29:59.000
Also das könnte jetzt eben eine Stellschraube sein oder ein Phänomen sein,

00:29:59.000 --> 00:30:01.200
auf das der Tourismus auch reagieren muss,

00:30:01.200 --> 00:30:05.700
also dass man jetzt weiterhin alles und jeden Ort erreichen kann und muss

00:30:05.700 --> 00:30:09.500
und auch mit Massen, das ist eben die Frage, ob das Zukunft hat.

00:30:09.500 --> 00:30:14.700
Was man aber sieht, ist, dass zum Beispiel China einer der größten Märkte für die Tourismusindustrie ist

00:30:14.700 --> 00:30:19.000
und immer mehr Menschen eben auch in Ländern wie China

00:30:19.000 --> 00:30:22.200
oder vielleicht auch Indien jetzt das auch nachfragen.

00:30:22.200 --> 00:30:27.000
Also, je mehr der Wohlstand wächst, desto mehr Menschen fragen ja auch dann eben Dinge nach,

00:30:27.000 --> 00:30:28.400
die mit Wohlstand verbunden werden

00:30:28.400 --> 00:30:32.000
Und eines dieser Dinge ist eben das touristische Reisen.

00:30:32.000 --> 00:30:34.000
Holger Klein: Was denken Sie, auch wenn Sie nicht in die Zukunft gucken wollen:

00:30:34.000 --> 00:30:38.000
Wie werden künftige Historiker auf uns gucken, also auf uns heutige Touristen?

00:30:38.000 --> 00:30:42.500
Christian Bunnenberg: Also, was auf jeden Fall spannend wird für zukünftige Historikerinnen und Historiker,

00:30:42.500 --> 00:30:46.200
also glaube ich jetzt aus meiner Perspektive, könnte natürlich jetzt dieser abrupte Bruch sein.

00:30:46.200 --> 00:30:52.500
Also dass durch die Coronapandemie der Tourismus ja ganz stark eingebrochen ist für ein bis zwei Jahre

00:30:52.500 --> 00:30:56.200
und das kann natürlich sehr spannend sein für die Kolleginnen und Kollegen zu schauen,

00:30:56.200 --> 00:31:00.000
also gibt es dann Kontinuitätslinien, also was vorher gelaufen ist,

00:31:00.000 --> 00:31:04.900
wird das nachher dann unverändert fortgesetzt oder verändern sich auch bestimmte touristische Angebote.

00:31:04.900 --> 00:31:08.500
Also was sind massentouristische Angebote, wie verändern sie sich?

00:31:08.500 --> 00:31:10.400
Was ist zum Beispiel mit dem mit dem Ski-Tourismus?

00:31:10.400 --> 00:31:17.000
Lässt sich das in den nächsten, weiß ich nicht, 50 bis 100 Jahren angesichts globaler Erwärmungsphänomene,

00:31:17.000 --> 00:31:18.400
lässt sich das noch weiter so durchführen?

00:31:18.400 --> 00:31:23.400
Oder wie zum Beispiel der komplette Alpenraum, muss der jetzt anders touristisch erschlossen werden.

00:31:23.400 --> 00:31:27.700
Aber die gesamte Infrastruktur, was Hotels und so weiter angeht, bleibt ja weiterhin vorhanden.

00:31:27.700 --> 00:31:33.000
Also ich glaube, dass da in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Entscheidungen und Entwicklungen anstehen werden,

00:31:33.000 --> 00:31:36.200
die wir auch ein Stück weit noch gar nicht abschätzen können.

00:31:36.200 --> 00:31:38.200
Holger Klein: Christian Brunnenberg, vielen Dank.

00:31:38.200 --> 00:31:39.700
Christian Bunnenberg: Sehr gerne.

00:31:39.700 --> 00:31:43.500
Holger Klein: Der Tourismus wächst und wächst.

00:31:43.500 --> 00:31:46.700
Denn das Reisen wird weltweit für immer mehr Menschen zugänglich.

00:31:46.700 --> 00:31:49.500
Dennoch steht der Tourismus heute vor neuen Hürden:

00:31:49.500 --> 00:31:55.000
der Klimawandel, eine globale Pandemie – es dürfte spannend bleiben, wie der Mainstream in fünfzig Jahren reisen werden.

00:31:55.000 --> 00:31:58.400
Obwohl mit Tourismus viel Verantwortung verbunden ist

00:31:58.400 --> 00:32:01.000
und wir uns damit wohl noch zu wenig auseinandersetzen:

00:32:01.000 --> 00:32:05.900
Das Reisen ist auch ein Weg, sich zu bilden und etwas über die Welt und sich selbst zu lernen.

00:32:05.900 --> 00:32:09.200
Und letztlich ja auch für viele ein Weg, das Leben zu genießen.

00:32:09.200 --> 00:32:10.700
Drei Punkte können wir vor allem mitnehmen:

00:32:10.700 --> 00:32:16.700
1. Reisen, um zu reisen: Das gibt es eigentlich erst seit dem späten 18. Jahrhundert.

00:32:16.700 --> 00:32:21.200
Angefangen mit der Grand Tour reicher Engländer hat vor allem die Industrialisierung dafür gesorgt,

00:32:21.200 --> 00:32:24.200
dass mehr Menschen reisen konnten und wollten.

00:32:24.200 --> 00:32:28.700
2. Lästige Touristen waren auch in der Geschichte immer die anderen.

00:32:28.700 --> 00:32:31.700
Tourismus wurde schon früh als Massenphänomen beschrieben.

00:32:31.700 --> 00:32:34.900
Durch Anbieter wie Thomas Cook wurden Reisen zum bezahlbaren Produkt

00:32:34.900 --> 00:32:38.700
und die Branche konnte bis zuletzt extrem schnell wachsen.

00:32:38.700 --> 00:32:42.700
3. Reisen zu können ist noch immer ein Privileg, und das sollte man sich bewusst machen.

00:32:42.700 --> 00:32:46.900
Verantwortlich zu reisen, das heißt sowohl eigene Denkmuster zu überprüfen

00:32:46.900 --> 00:32:49.700
als auch sich für nachhaltige Angebote zu entscheiden.

00:32:49.700 --> 00:32:55.500
Das war die vierte Folge des Podcasts „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

00:32:55.500 --> 00:32:57.700
Den Link zur APuZ finden Sie in den Shownotes.

00:32:57.700 --> 00:33:00.900
Darin gibt es zum Thema „Reisen und Tourismus“ viele weitere Beiträge,

00:33:00.900 --> 00:33:05.200
unter anderem von Christian Bunnenberg, Gabriele Habinger und Dagmar Lund-Durlacher,

00:33:05.200 --> 00:33:06.500
die wir eben im Podcast gehört haben.

00:33:06.500 --> 00:33:10.200
Weitere Autorinnen und Autoren waren Martina Zschocke, Hasso Spode,

00:33:10.200 --> 00:33:14.200
Andreas Kagermeier, Frank Bajohr und Wolfgang Strasdas.

00:33:14.200 --> 00:33:17.700
Und natürlich freuen wir uns, wenn Sie Feedback zu dieser Folge haben.

00:33:17.700 --> 00:33:22.900
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de

00:33:22.900 --> 00:33:26.900
In vier Wochen erscheint die nächste Folge, in der wir auf 2 Jahre Pandemie zurückblicken.

00:33:26.900 --> 00:33:30.500
Ich bin Holger Klein und danke für die Aufmerksamkeit

00:33:30.500 --> 00:33:45.200
*Musik*

00:33:45.200 --> 00:33:49.700
Holger Klein: Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:33:49.700 --> 00:33:54.000
Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Julia Günther und Johannes Piepenbrink.

00:33:54.000 --> 00:33:57.500
Schnitt: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald. Produktion: hauseins.

00:33:57.500 --> 00:33:59.700
Am Mikrofon war Holger Klein.

00:33:59.700 --> 00:34:01.700
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:34:01.700 --> 00:34:05.700
und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.

