WEBVTT
00:00:00.000 --> 00:00:02.500
Holger Klein: Willkommen zu „Aus Politik und Zeitgeschichte“,

00:00:02.500 --> 00:00:05.500
einem Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung.

00:00:05.500 --> 00:00:10.000
Ich bin Holger Klein und wir sprechen heute über zwei Jahre Corona-Pandemie.

00:00:10.000 --> 00:00:13.300
Wenn Sie sich nach dem Hören tiefer mit dem Thema befassen wollen,

00:00:13.300 --> 00:00:17.300
finden Sie auf bpb.de/apuz verschieden Ausgaben zum Thema,

00:00:17.300 --> 00:00:20.100
zum Beispiel „Medizin und Ethik in der Pandemie“,

00:00:20.100 --> 00:00:24.100
oder die APuZ-Edition „Corona. Pandemie und Krise“.

00:00:24.100 --> 00:00:26.600
Christian Drosten: Es wird schlimm werden.

00:00:26.600 --> 00:00:33.200
Und wir werden alle auf eine gewisse Art und Weise gemeinsam hieran improvisieren müssen.

00:00:33.200 --> 00:00:36.600
Jens Spahn: Es ist - Stand heute - eben noch nicht absehbar,

00:00:36.600 --> 00:00:41.500
ob aus einer Epidemie eine weltweite Pandemie wird oder nicht.

00:00:41.500 --> 00:00:45.500
Es könnte auch noch schlechter werden bevor es besser wird.

00:00:45.500 --> 00:00:48.800
Angela Merkel: Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.

00:00:48.800 --> 00:00:51.800
Jens Spahn: Das will ich auch grundsätzlich zu anderen Debatten sagen,

00:00:51.800 --> 00:00:56.800
dass wir wahrscheinlich viel werden verzeihen müssen in ein paar Monaten.

00:00:56.800 --> 00:00:59.000
Holger Klein: Erinnern Sie sich noch an diese Aussagen?

00:00:59.000 --> 00:01:05.000
So haben Christian Drosten, Jens Spahn und Angela Merkel im Frühjahr 2020 über die Corona-Pandemie gesprochen.

00:01:05.000 --> 00:01:11.200
Mittlerweile – zwei Jahre später – haben wir uns in vieler Hinsicht an das Leben mit der Pandemie gewöhnt.

00:01:11.200 --> 00:01:15.400
Wir versuchen seitdem immer wieder einzuschätzen, wie es kurzfristig weitergeht:

00:01:15.400 --> 00:01:17.500
Kann ich im nächsten Monat in den Urlaub fliegen?

00:01:17.500 --> 00:01:19.500
Werde ich mich bei der Arbeit anstecken?

00:01:19.500 --> 00:01:22.700
Wie gefährdet sind meine Großeltern oder meine Kinder?

00:01:22.700 --> 00:01:25.900
In dieser Folge wollen wir die Pandemie in einen größeren Kontext stellen.

00:01:25.900 --> 00:01:29.900
Wie kann man historisch einordnen, was wir in den letzten zwei Jahren erlebt haben

00:01:29.900 --> 00:01:34.200
– und was davon wird langfristig ins kollektive Gedächtnis eingehen?

00:01:34.200 --> 00:01:38.000
Dafür habe ich mich mit einer Expertin und einem Experten zum Gespräch verabredet.

00:01:38.000 --> 00:01:41.200
Mit dem Historiker Malte Thießen habe ich mich darüber unterhalten,

00:01:41.200 --> 00:01:44.200
wie sich sie Coronapandemie historisch einordnen lässt.

00:01:44.200 --> 00:01:46.000
Malte Thießen: Das Virus an sich ist nicht der große Unterschied.

00:01:46.000 --> 00:01:549.500
Der große Unterschied ist unsere Reaktion auf die Pandemie.

00:01:49.500 --> 00:01:51.700
Holger Klein: Und die Erinnerungsforscherin Astrid Erll erklärt,

00:01:51.700 --> 00:01:55.500
wie wir uns als Gesellschaft an die Pandemiejahre erinnern werden.

00:01:55.500 --> 00:01:58.000
Astrid Erll: Ich glaube, dass genau das die große Frage ist,

00:01:58.000 --> 00:02:04.000
ob aus der Rückschau Corona als ein transformatives Ereignis wahrgenommen wird.

00:02:04.000 --> 00:02:07.400
Das ist die Voraussetzung dafür, dass es kollektiv erinnert wird

00:02:07.400 --> 00:02:12.800
und vor allem über die Generationenschwelle hinweg erinnert wird.

00:02:12.800 --> 00:02:27.300
*Musik*

00:02:27.300 --> 00:02:29.100
Holger Klein: Pest, Cholera oder auch die Spanische Grippe:

00:02:29.100 --> 00:02:32.900
Natürlich ist Covid-19 nicht die erste ansteckende Krankheit in der Geschichte,

00:02:32.900 --> 00:02:35.100
die ganze Gesellschaften beeinflusst.

00:02:35.100 --> 00:02:39.300
Aber jede Seuche hat ihre spezifischen Merkmale.

00:02:39.300 --> 00:02:44.500
Der Historiker Malte Thießen leitet das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte

00:02:44.500 --> 00:02:49.100
und lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität in Oldenburg.

00:02:49.100 --> 00:02:52.000
Er forscht zur Geschichte der Gesundheit und des Impfens.

00:02:52.000 --> 00:02:57.400
Und mit ihm habe ich darüber gesprochen, was – historisch betrachtet – das Besondere an der Corona-Pandemie ist.

00:02:57.400 --> 00:02:58.500
Hallo Herr Thießen.

00:02:58.500 --> 00:02:59.500
Malte Thießen: Hallo Herr Klein.

00:02:59.500 --> 00:03:03.600
Holger Klein: Sie sagen, Seuchen sind die sozialsten aller Krankheiten.

00:03:03.600 --> 00:03:05.900
Warum das denn?

00:03:05.900 --> 00:03:08.600
Malte Thießen: In der Tat sind Seuchen ein großes Problem,

00:03:08.600 --> 00:03:11.800
und zwar weil sie nicht nur das Problem des oder der Einzelnen sind,

00:03:11.800 --> 00:03:14.800
sondern eben immer ein potenzielles Problem für alle.

00:03:14.800 --> 00:03:16.900
Und das macht sie zu den sozialsten aller Krankheiten.

00:03:16.900 --> 00:03:20.800
Das heißt, obwohl andere Krankheiten genauso schlimm sind für den Einzelnen,

00:03:20.800 --> 00:03:25.600
sind Seuchen immer ein Problem, weil die oder der Einzelne eine Bedrohung für andere sein kann.

00:03:25.600 --> 00:03:31.500
Und deshalb geht's bei Seuchen immer ganz schnell ans Eingemachte und um die Grundsätze der Gesellschaft.

00:03:31.500 --> 00:03:37.500
Holger Klein: Wenn Sie so auf alle Pandemien gucken, so historisch, sehen Sie ein Muster über alle Pandemien?

00:03:37.500 --> 00:03:40.100
Malte Thießen: Also, es gibt tatsächlich zwei Muster.

00:03:40.100 --> 00:03:43.800
Das eine ist erstmal ganz trivial für uns heute:

00:03:43.800 --> 00:03:46.500
Pandemien haben etwas mit unserem Leben zu tun.

00:03:46.500 --> 00:03:49.600
Und zwar wie wir leben und zwar wie wir global leben.

00:03:49.600 --> 00:03:55.500
Das heißt, Pandemien sind jetzt nicht, oder Viren sind jetzt nicht irgendwie an sich bösartige Tierchen,

00:03:55.500 --> 00:03:59.500
die sich sozusagen verbreiten, sondern wir Menschen verbreiten Viren

00:03:59.500 --> 00:04:03.500
und das heißt, Pandemien haben immer mit unseren globalen Lebensweisen zu tun,

00:04:03.500 --> 00:04:08.000
mit Wertschöpfungsketten, mit Tourismus, mit Handelswegen und Ähnlichem.

00:04:08.000 --> 00:04:12.300
Und das ist ein Problem, was schon auch schon in der frühen Neuzeit als großes Problem erkannt wird.

00:04:12.300 --> 00:04:15.900
Die Pandemie sind wir und unsere globalen Lebensweisen.

00:04:15.900 --> 00:04:19.100
Das zweite Muster, was tatsächlich auch immer wieder auftaucht, ist,

00:04:19.100 --> 00:04:24.300
dass Pandemien, insbesondere neue, unbekannte Bedrohungen, Ängste schüren

00:04:24.300 --> 00:04:28.500
und damit Stereotype und Ausgrenzungen befördern.

00:04:28.500 --> 00:04:31.000
Das ist etwas, was leider auch erschreckend aktuell ist.

00:04:31.000 --> 00:04:36.000
So Vorstellungen vom - die es früher im Mittelalter gab - sozusagen die Juden,

00:04:36.000 --> 00:04:40.600
wie es dann hieß, als Brunnenvergifter, also ganz ähnliche Muster haben wir leider auch noch im 21. Jahrhundert,

00:04:40.600 --> 00:04:43.100
auch da gibt es gewisse Traditionen.

00:04:43.100 --> 00:04:44.600
Also in Deutschland sind plötzlich…

00:04:44.600 --> 00:04:50.600
im Februar 2020 werden asiatisch aussehende Menschen aus der U-Bahn geworfen, beschimpft, getreten.

00:04:50.600 --> 00:04:56.300
Also, da gibt es plötzlich diese Vorstellung, dass die Seuchenträger die Infektionsbringer unter uns seien

00:04:56.300 --> 00:05:01.000
und da gibt's entsprechende Ausgrenzungen, Anklagen und das ist natürlich erschreckend,

00:05:01.000 --> 00:05:04.000
dass noch im 21. Jahrhundert sowas auftaucht.

00:05:04.000 --> 00:05:08.100
Holger Klein: Hat sich das trotzdem gebessert oder haben wir überhaupt nichts dazugelernt über die Jahrhunderte?

00:05:08.100 --> 00:05:10.100
Malte Thießen: Also sagen wir mal so, „gebessert“ vielleicht insofern,

00:05:10.100 --> 00:05:13.600
als dass wir heutzutage keine Menschen mehr verbrennen oder umbringen,

00:05:13.600 --> 00:05:15.800
also Pogrome, wie es sie noch in der frühen Neuzeit gab,

00:05:15.800 --> 00:05:20.000
gegen jüdische Mitmenschen im Falle der Pestzüge beispielsweise

00:05:20.000 --> 00:05:21.300
- da sind wir Gott sei Dank drüber hinweg.

00:05:21.300 --> 00:05:27.000
Aber insgesamt ist tatsächlich der Trend, dass man bei einer Pandemie das andere,

00:05:27.000 --> 00:05:30.100
das scheinbar Fremde sozusagen ausgrenzt als Bedrohung,

00:05:30.100 --> 00:05:34.600
das ist tatsächlich doch relativ verbreitet und vielleicht auch deshalb nachvollziehbar

00:05:34.600 --> 00:05:40.300
- ich will das nicht relativieren - weil es erstmal, na ja, so eine Art Kontrolle suggeriert.

00:05:40.300 --> 00:05:44.300
Das heißt, diese Ausgrenzungen geben uns das Gefühl, dass wir die Bedrohung sehen,

00:05:44.300 --> 00:05:46.500
an etwas festmachen oder verorten können

00:05:46.500 --> 00:05:50.300
und deshalb sind solche Ausgrenzungsstereotypen nach wie vor beliebt,

00:05:50.300 --> 00:05:53.100
weil wir das Gefühl haben, die Pandemie kontrollieren zu können.

00:05:53.100 --> 00:05:56.100
Und das ist insofern eine Bedrohung nicht nur für die Betroffenen selbst,

00:05:56.100 --> 00:05:58.600
für die am allermeisten, die haben mit Anfeindungen zu kämpfen,

00:05:58.600 --> 00:06:00.600
sondern es ist auch eine Bedrohung für uns alle,

00:06:00.600 --> 00:06:04.000
weil wir blind werden gegenüber den Gefahren bei uns im Nahbereich.

00:06:04.000 --> 00:06:06.300
Also, wenn die Seuche sozusagen scheinbar immer nur die anderen sind,

00:06:06.300 --> 00:06:11.300
dann sind wir ja nicht das Problem und genau diese Einstellung ist natürlich dann ein ganz großes Problem.

00:06:11.300 --> 00:06:16.600
Holger Klein: Diese Kontrollillusion war ja auch das Klopapier-Horten damals.

00:06:16.600 --> 00:06:19.500
Haben die Leute früher auch so einen Irrwitz gemacht?

00:06:19.500 --> 00:06:22.600
Malte Thießen: Also das Klopapier ist glaube ich ein ganz schönes Beispiel

00:06:22.600 --> 00:06:26.800
für doch ein neues Phänomen in der Coronapandemie.

00:06:26.800 --> 00:06:32.500
Und zwar weil in der Coronapandemie Distanz zu einer neuen Lebensform wurde.

00:06:32.500 --> 00:06:36.600
Dass die Kontaktbeschränkungen - Isolationsmaßnahmen, Quarantänemaßnahmen gab's früher auch schon,

00:06:36.600 --> 00:06:41.500
aber dass eine ganze Gesellschaft auf Pause gestellt wird, auf Abstand geht,

00:06:41.500 --> 00:06:44.600
das ist tatsächlich in diesem Ausmaß etwas anderes.

00:06:44.600 --> 00:06:47.500
In früheren Zeiten war das mal regional oder für einzelne Städte verbreitet,

00:06:47.500 --> 00:06:51.600
aber in unserem Fall jetzt ganz Deutschland auf Pause stellen, ist etwas anderes.

00:06:51.600 --> 00:06:56.100
Und das sorgt tatsächlich dann für ganz neue Formen, unter anderem eben das Hamstern.

00:06:56.100 --> 00:07:00.600
Holger Klein: Dieses „Distanz als neue Lebensform“ - warum ist das plötzlich da?

00:07:00.600 --> 00:07:02.600
Was hat sich geändert?

00:07:02.600 --> 00:07:04.800
Malte Thießen: Also, das Virus an sich ist nicht der große Unterschied.

00:07:04.800 --> 00:07:07.800
Der große Unterschied ist unsere Reaktion auf die Pandemie.

00:07:07.800 --> 00:07:17.000
Wir sind nämlich 2020/21 mit einem neuen Risikobewusstsein in diese Pandemie erstmal gestolpert, möchte ich sagen.

00:07:17.000 --> 00:07:21.300
Und zwar ein Risikobewusstsein, weil wir das erste Mal - und ich finde, Gott sei Dank -

00:07:21.300 --> 00:07:27.100
die Bedrohung von Kranken, von Vorerkrankten und von Alten, also dieser vulnerablen Gruppen,

00:07:27.100 --> 00:07:30.800
weil wir das als großes Problem gesehen haben und weil das die Grundlage dafür war,

00:07:30.800 --> 00:07:34.300
dass wir weitgehende Lockdowns in Kauf genommen haben,

00:07:34.300 --> 00:07:38.600
dass es einen großen Konsens gab für Schutzmaßnahmen, die früher undenkbar gewesen wären.

00:07:38.600 --> 00:07:39.800
Holger Klein: Haben wir es deshalb auch übertrieben?

00:07:39.800 --> 00:07:44.100
Malte Thießen: In der Tat muss man mal genauer zurückblicken, was 2020 da alles möglich war.

00:07:44.100 --> 00:07:48.300
Bei den Kontaktbeschränkungen, da würde ich sagen, das war eigentlich eine sinnvolle Maßnahme

00:07:48.300 --> 00:07:53.600
und das war jetzt noch nicht der totale Ausnahmezustand, der dann manchmal beschrien wurde.

00:07:53.600 --> 00:07:57.800
Bei den Grenzziehungen selbst, da bin ich skeptisch, ob der Nutzen da so groß war.

00:07:57.800 --> 00:08:00.600
Wir haben tatsächlich ja ganz absurde Formen gesehen.

00:08:00.600 --> 00:08:05.100
Zum Beispiel: die Grenzen die dann zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein aufgezogen wurden.

00:08:05.100 --> 00:08:08.500
Da durften dann Sonntagsspaziergänger nicht mehr über die Schleswig-Holsteinische Landesgrenze,

00:08:08.500 --> 00:08:15.000
obwohl parallel jeden Tag hunderttausende Berufspendler zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg hin und herzogen

00:08:15.000 --> 00:08:17.100
und diese zum Teil doch absurden Grenzziehungen,

00:08:17.100 --> 00:08:22.000
die lassen sich nicht so sehr mit medizinischen Erkenntnissen erklären, sondern mit Symbolpolitik.

00:08:22.000 --> 00:08:25.600
Die Seuche fordert den Staat heraus und deshalb will man natürlich auch demonstrieren,

00:08:25.600 --> 00:08:31.000
dass man handlungsfähig ist, dass man handelt und da sind Grenzziehungen dann oft eben auch ein Symbol für:

00:08:31.000 --> 00:08:36.200
Seht her, wir tun was, also Symbolpolitik und das hat sich 2020 zum Teil dann gezeigt.

00:08:36.200 --> 00:08:39.300
Holger Klein: Das heißt, aus diesem Spannungsverhältnis: neues Risikobewusstsein,

00:08:39.300 --> 00:08:43.000
was dann zur Symbolpolitik führt, die ja eigentlich unsinnig war

00:08:43.000 --> 00:08:44.600
- denken Sie, wir haben für die Zukunft was daraus gelernt,

00:08:44.600 --> 00:08:47.700
für die nächste Pandemie, dass wir uns dann nicht so kopflos verhalten werden?

00:08:47.700 --> 00:08:52.200
Malte Thießen: Also erst einmal, glaube ich, ist tatsächlich das Aufmerksamkeitsfenster für Pandemien geöffnet

00:08:52.200 --> 00:08:55.500
nach der Coronapandemie und das ist gar nicht so trivial wie es jetzt klingt,

00:08:55.500 --> 00:08:58.200
denn am Anfang der Pandemie war es nicht geöffnet.

00:08:58.200 --> 00:09:01.800
Das hängt damit zusammen, dass wir Opfer unserer medizinischen Erfolge geworden sind.

00:09:01.800 --> 00:09:05.300
Wir haben eigentlich Infektionskrankheiten vergessen in Westeuropa.

00:09:05.300 --> 00:09:10.500
Zum Beispiel weil Antibiotika und Impfprogramme so erfolgreich sind bei uns seit den 70er Jahren.

00:09:10.500 --> 00:09:12.600
Seitdem leben wir im Zeitalter der Immunität,

00:09:12.600 --> 00:09:18.200
und deshalb waren Seuchen für uns etwas ja quasi Altertümliches oder geographisch ganz weit weg.

00:09:18.200 --> 00:09:23.800
Und deshalb ist am Anfang der Pandemie für uns das – ja, haben die Alarmglocken erstmal nicht geläutet.

00:09:23.800 --> 00:09:26.500
Das ist glaube ich in Zukunft anders.

00:09:26.500 --> 00:09:30.300
Holger Klein: Wir haben ja jetzt wahrscheinlich auch die erste wirklich große Pandemie mit einem,

00:09:30.300 --> 00:09:33.200
ja, mit einer medialen, weltweiten Dauerbegleitung gehabt.

00:09:33.200 --> 00:09:36.100
Denken Sie, das hat uns eher geschadet oder eher genutzt?

00:09:36.100 --> 00:09:38.200
Malte Thießen: Natürlich wünscht man sich keine Pandemie herbei,

00:09:38.200 --> 00:09:41.200
um sozusagen dann aus der Pandemie lernen zu können.

00:09:41.200 --> 00:09:45.100
Ich glaube aber tatsächlich, dass zwei Dinge zumindest für die Zukunft uns helfen könnten

00:09:45.100 --> 00:09:46.000
oder wir mitnehmen können.

00:09:46.000 --> 00:09:49.700
Zwei Dinge, die übrigens in der Geschichte eigentlich auch schon mal

00:09:49.700 --> 00:09:52.200
– ja, da waren wir schon mal weiter.

00:09:52.200 --> 00:09:55.300
Das eine ist, dass wir tatsächlich global denken müssen.

00:09:55.300 --> 00:09:58.800
In der Pandemie ist immer schnell der Trend, dass man sich in nationale Grenzen zurückzieht.

00:09:58.800 --> 00:10:03.600
Zum einen, weil das Sicherheit suggeriert und weil man eben natürlich auch nur begrenzt sonst handlungsfähig ist.

00:10:03.600 --> 00:10:07.700
Aber was wir jetzt momentan diskutieren, dass wir zum Beispiel Immunität global denken müssen,

00:10:07.700 --> 00:10:10.100
das ist eine Lehre, die wir unbedingt beherzigen sollten:

00:10:10.100 --> 00:10:12.500
Wir sind nur sicher, wenn alle sicher sind.

00:10:12.500 --> 00:10:16.500
Das ist etwas, was zum Beispiel in den 1960er Jahren durchaus schon mal vorgelebt wurde,

00:10:16.500 --> 00:10:20.000
nämlich bei der Pocken-Impfkampagne weltweit durch die WHO,

00:10:20.000 --> 00:10:22.200
da hat das schon mal ganz gut geklappt.

00:10:22.200 --> 00:10:25.300
Wir können leider Corona wahrscheinlich nicht so leicht ausrotten wie die Pocken,

00:10:25.300 --> 00:10:28.500
aber global zu denken, sozusagen nicht nur an uns zu denken, sondern an andere,

00:10:28.500 --> 00:10:30.200
weil damit letztlich auch nur wir wieder geschützt sind,

00:10:30.200 --> 00:10:32.700
das ist, glaube ich, eine Sache, die uns helfen kann.

00:10:32.700 --> 00:10:36.500
Das Zweite ist, dass der internationale Austausch doch bei allen Problemen,

00:10:36.500 --> 00:10:38.500
die es auch immer gibt, doch sehr gut lief.

00:10:38.500 --> 00:10:43.000
Also insbesondere die Wissenschaft, die sehr schnell große Daten ausgetauscht hat,

00:10:43.000 --> 00:10:47.000
die schnell zu einer rasanten Impfstoffentwicklung beigetragen hat,

00:10:47.000 --> 00:10:51.600
wirklich mit einem beachtlichen Erfolg, innerhalb eines Jahres den Impfstoff marktreif einzuführen.

00:10:51.600 --> 00:10:54.200
Das ist etwas, was es in historischer Perspektive so noch nie gegeben hat.

00:10:54.200 --> 00:11:01.100
Auch das kann, glaube ich, Mut geben und uns vielleicht so ein paar Silberstreifen am Horizont dann schon mal erkennen lassen.

00:11:01.100 --> 00:11:04.200
Holger Klein: Gleichzeitig ist die Wissenschaftskommunikation aber nicht so ganz hinterher gekommen.

00:11:04.200 --> 00:11:05.800
Wie haben die das früher gemacht eigentlich?

00:11:05.800 --> 00:11:09.000
Da wurde einfach nur angeordnet, jetzt wird geimpft oder wie?

00:11:09.000 --> 00:11:10.200
Malte Thießen: Man kann nicht 1 zu 1 aus der Geschichte lernen.

00:11:10.200 --> 00:11:12.800
So einfach will ich's mir nicht machen, auch wenn ich Historiker bin und das gerne hätte.

00:11:12.800 --> 00:11:16.200
Und trotzdem wundert's mich manchmal, dass wir doch früher schon mal weiter waren.

00:11:16.200 --> 00:11:21.000
Beispielsweise die Kommunikation von Impfprogrammen, da ist, nur ein Beispiel,

00:11:21.000 --> 00:11:25.500
die Polio-Impfung in den sechziger Jahren, die Schluckimpfung mit einem Riesen-Medienaufwand

00:11:25.500 --> 00:11:30.000
und auch mit einem Riesen-Aufklärungsaufwand unters Volk gebracht worden.

00:11:30.000 --> 00:11:34.300
Viele erinnern sich heute noch an den Slogan „Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“.

00:11:34.300 --> 00:11:37.200
Und das selbst heute, das wird – seit Jahrzehnten gibt‘s diese Kampagnen nicht mehr,

00:11:37.200 --> 00:11:41.200
dass selbst heute noch sich Menschen daran erinnern, zeigt den Erfolg der damaligen Kampagne.

00:11:41.200 --> 00:11:45.800
Es zeigt auch den Erfolg, dass damals sehr niedrigschwellig das Impfen an den Mann oder an die Frau gebracht wurde.

00:11:45.800 --> 00:11:52.700
Das sind tatsächlich Vermittlungswege, die man auch 2021, glaube ich, schon hätte gehen können,

00:11:52.700 --> 00:11:55.800
um dann die Impfquote noch höher zu bringen.

00:11:55.800 --> 00:11:58.700
Holger Klein: Gab‘s diese Impfgegnerschaft eigentlich damals auch schon?

00:11:58.700 --> 00:12:00.600
Waren die damals auch schon so laut?

00:12:00.600 --> 00:12:03.800
Malte Thießen: Also Impfgegnerschaft ist tatsächlich etwas, was genauso alt ist wie das Impfen selbst.

00:12:03.800 --> 00:12:07.800
Mit der ersten Impfung gab‘s dann auch schon den ersten Impfgegner, möchte ich sagen.

00:12:07.800 --> 00:12:12.700
Und zwar weil das Impfen eben nie nur eine Sache ist, die nur den Einzelnen oder nur die Einzelne betrifft,

00:12:12.700 --> 00:12:17.100
es geht nie nur um den Pieks, sondern eben immer um Grundsätze, um Weltbilder.

00:12:17.100 --> 00:12:20.700
Und zwar deshalb, weil es beim Impfen ja nicht nur darum geht, dass ich mich selbst schützte,

00:12:20.700 --> 00:12:23.700
sondern eben auch andere mit schütze.

00:12:23.700 --> 00:12:25.300
Und deshalb geht‘s beim Impfen auch immer um die Frage,

00:12:25.300 --> 00:12:29.100
was die oder der Einzelne bereit ist für die Allgemeinheit zu tun,

00:12:29.100 --> 00:12:31.700
zu leisten sozusagen an Solidarität.

00:12:31.700 --> 00:12:33.200
Auch um die Frage, wem der Körper gehört.

00:12:33.200 --> 00:12:39.100
Zum Beispiel beim Beispiel der Impfpflicht, darf der Staat über den Körper bestimmen oder die oder der Einzelne?

00:12:39.100 --> 00:12:40.600
Das heißt, es geht beim Impfen immer um Grundsatzfragen

00:12:40.600 --> 00:12:45.100
und deshalb wird auch schon immer über das Impfen so intensiv gestritten, wie wir es jetzt erleben.

00:12:45.100 --> 00:12:49.800
Das Zweite ist, dass die Corona-Impfung eben ein neues Verfahren ist,

00:12:49.800 --> 00:12:56.800
das MRNA-Verfahren, das weckt Ängste und zwar weckt es die Urängste des 20. und 21. Jahrhunderts,

00:12:56.800 --> 00:13:00.000
nämlich die Ängste vor einer Veränderung der Gene.

00:13:00.000 --> 00:13:05.000
Eigentlich ist diese Impfung ja relativ -  also das ist sozusagen sehr viel eigentlich sicherer - nicht nur eigentlich,

00:13:05.000 --> 00:13:09.300
sie ist sicherer als alle früheren insbesondere Lebendimpfungen, die ein viel höheres Risiko haben.

00:13:09.300 --> 00:13:14.000
Aber sobald es bei Medikamenten oder bei solchen Vorsorgemaßnahmen um Gene geht,

00:13:14.000 --> 00:13:16.100
da schrillen dann gleich die Alarmglocken.

00:13:16.100 --> 00:13:20.700
Das hat mit Ängsten aus den 80er Jahren zu tun, vor Radioaktivität, vor Genveränderung,

00:13:20.700 --> 00:13:24.700
also das ist tief eingeschrieben als Urangst des 20., 21. Jahrhunderts

00:13:24.700 --> 00:13:30.100
und deshalb sind die Ängste vor Nebenwirkungen der Impfung momentan größer als bei anderen Impfungen.

00:13:30.100 --> 00:13:33.800
Und das mag uns erstmal nicht passen und auch irritieren, aber es bringt nichts,

00:13:33.800 --> 00:13:39.100
das einfach abzutun als irrationale Ängste, sondern wir müssen da im Gespräch bleiben, wir müssen damit umgehen.

00:13:39.100 --> 00:13:43.100
Holger Klein:  Wenn die Impfgegnerschaft eigentlich was ganz anderes meint,

00:13:43.100 --> 00:13:48.200
dann wäre die Impfpflicht doch eigentlich ein prima Hebel, die Menschen dazu zu zwingen,

00:13:48.200 --> 00:13:51.500
das echte Problem auch zu adressieren, oder?

00:13:51.500 --> 00:13:54.200
Malte Thießen: Das wäre tatsächlich ein ganz guter Kniff,

00:13:54.200 --> 00:13:57.200
so habe ich noch gar nicht über die Impfpflicht nachgedacht,

00:13:57.200 --> 00:14:01.600
weil dann sozusagen wirklich - dann liegen sozusagen die Karten mal auf dem Tisch.

00:14:01.600 --> 00:14:02.000
Das stimmt schon.

00:14:02.000 --> 00:14:07.000
Insgesamt bin ich in historischer Perspektive immer skeptisch, ob die Impfpflicht so der Königsweg ist.

00:14:07.000 --> 00:14:09.500
Die Impfpflicht hat durchaus einige Vorteile.

00:14:09.500 --> 00:14:13.200
Also der größte Vorteil, den ich sehe, dass eine Impfpflicht immer doppeldeutig ist.

00:14:13.200 --> 00:14:16.700
Sie verpflichtet nämlich nicht nur den Menschen zu einer Impfung,

00:14:16.700 --> 00:14:21.600
sondern sie verpflichtet eben auch den Staat, ein flächendeckendes Angebot zu schaffen.

00:14:21.600 --> 00:14:23.200
Das heißt, das Impfen in die Fläche zu bringen.

00:14:23.200 --> 00:14:26.100
Und das ist zum Beispiel etwas, was im 19. Jahrhundert großartig ist.

00:14:26.100 --> 00:14:29.100
Das Impfen, die erste Impfpflicht gegen Pocken im 19. Jahrhundert

00:14:29.100 --> 00:14:33.000
ist letztlich die Geburtsstunde des Gesundheitswesens und sorgt dafür,

00:14:33.000 --> 00:14:34.500
dass Gesundheit in die Fläche kommt.

00:14:34.500 --> 00:14:35.300
Das ist großartig.

00:14:35.300 --> 00:14:37.500
Zweiter Vorteil der Impfpflicht:

00:14:37.500 --> 00:14:40.700
Die Bequemen und die Müden, die sozusagen einfach noch nicht so richtig sicher sind,

00:14:40.700 --> 00:14:44.500
die lassen sich von so einer verbindlichen Ansage dann doch noch mal auch umstimmen.

00:14:44.500 --> 00:14:49.500
Insgesamt aber, das macht die Geschichte deutlich, überwiegen dann meiner Wahrnehmung nach eher die Nachteile.

00:14:49.500 --> 00:14:53.700
Man mobilisiert nicht nur die Impfkritiker, die sowieso dagegen sind

00:14:53.700 --> 00:14:56.600
– da könnte man ja sagen, gut ist egal, da ist Hopfen und Malz verloren,

00:14:56.600 --> 00:14:59.500
aber man mobilisiert auch die, die noch zweifeln,

00:14:59.500 --> 00:15:01.500
die vielleicht gar nicht unbedingt nur Sorgen vor dem Impfen haben,

00:15:01.500 --> 00:15:05.200
sondern plötzlich dann ganz andere Sorgen, die dann eine Rolle spielen,

00:15:05.200 --> 00:15:10.300
der Eingriff in die Privatsphäre, der starke Staat, der plötzlich über mich bestimmt, solche Dinge spielen eine Rolle.

00:15:10.300 --> 00:15:14.200
Und noch etwas: Die Impfpflicht ist auch ein stumpfes Schwert,

00:15:14.200 --> 00:15:17.000
denn Sanktionen bringen verhältnismäßig wenig.

00:15:17.000 --> 00:15:20.700
Das merkt man schon im 19. Jahrhundert, da kann man sogar noch mit Zwang agieren.

00:15:20.700 --> 00:15:23.600
Da gibt's die Zwangsimpfung, aber man merkt, das ist eine ganz schlechte Idee.

00:15:23.600 --> 00:15:27.500
Das macht wirklich schlechte Presse und das lässt man deshalb auch relativ schnell,

00:15:27.500 --> 00:15:31.700
aber Geldstrafen, da zahlen sich dann Impfgegner sozusagen, die kaufen sich frei.

00:15:31.700 --> 00:15:34.200
Das bringt die Impfquote auch nur bedingt höher.

00:15:34.200 --> 00:15:37.800
Und letzter Punkt, die Impfpflicht ist eine unglaubliche Ressourcenverschwendung.

00:15:37.800 --> 00:15:41.200
Auch das ist schon im 19. Jahrhundert, Ende des 19. Jahrhunderts ein Thema.

00:15:41.200 --> 00:15:44.100
Da schimpft die Polizei, dass sie wirklich Besseres zu tun hat

00:15:44.100 --> 00:15:47.500
als Müttern und Kindern hinterherzulaufen und einige Mediziner sagen auch schon:

00:15:47.500 --> 00:15:51.600
Also die massiven Personalmittel zur Umsetzung der Impfpflicht

00:15:51.600 --> 00:15:53.700
- die muss ja nicht nur ausgerufen, sondern auch umgesetzt werden –

00:15:53.700 --> 00:15:56.100
also, die massiven Personalmittel und die Geldressourcen,

00:15:56.100 --> 00:16:00.800
die sind doch eigentlich sinnvoller in niedrigschwellige Angebote und in Aufklärung investiert.

00:16:00.800 --> 00:16:06.500
Holger Klein: Ein Ding fehlt uns noch bei dieser Coronapandemie notwendigerweise, und zwar das Ende?

00:16:06.500 --> 00:16:07.300
Wie wird das hier enden?

00:16:07.300 --> 00:16:11.700
Wie haben Pandemien in der Vergangenheit geendet und sieht diese Coronapandemie jetzt so aus,

00:16:11.700 --> 00:16:12.800
als würde sie auch so enden?

00:16:12.800 --> 00:16:16.600
Malte Thießen: Es gibt so drei Modelle letztlich wie Pandemien enden.

00:16:16.600 --> 00:16:19.500
Das eine ist das Pockenmodell, das ist das Schönste.

00:16:19.500 --> 00:16:22.800
Das ist nämlich die Ausrottung tatsächlich eines Virus.

00:16:22.800 --> 00:16:28.200
Die Pocken bekommt man dank eines weltweiten Impfprogrammes dann so in Schach,

00:16:28.200 --> 00:16:30.200
dass sie tatsächlich von der Erde verschwinden.

00:16:30.200 --> 00:16:34.600
Und seitdem gibt's auch keine Pockenimpfungen mehr und die Pocken sind tatsächlich für immer vorbei.

00:16:34.600 --> 00:16:40.300
Großartig, leider bei Corona unter anderem auch dank der vielen Mutationen nicht sehr wahrscheinlich.

00:16:40.300 --> 00:16:44.100
Das zweite Modell, und das ist für Corona wahrscheinlicher, ist das Influenzamodell.

00:16:44.100 --> 00:16:49.700
Das heißt, man schafft es mit Impfprogrammen und leider auch mit einer natürlichen Immunisierung,

00:16:49.700 --> 00:16:53.800
das heißt, die Leute infizieren sich, die Grundimmunität immer höher in der Bevölkerung zu halten

00:16:53.800 --> 00:16:58.000
und dadurch wird sozusagen Corona dann nicht mehr die große Bedrohung,

00:16:58.000 --> 00:17:01.200
sondern in Wellen immer wieder kommen, aber ähnlich wie die Grippe,

00:17:01.200 --> 00:17:04.700
die Influenza, sozusagen nur alle fünf bis zehn Jahre dann etwas höher

00:17:04.700 --> 00:17:08.500
und ansonsten sozusagen alle Jahre wieder, aber nicht in dem Ausmaß.

00:17:08.500 --> 00:17:10.000
Holger Klein: Die berühmte Endemie.

00:17:10.000 --> 00:17:13.200
Malte Thießen: Richtig und da ist natürlich jetzt die Frage, es ist immer noch sinnvoller,

00:17:13.200 --> 00:17:17.000
natürlich, auch wenn Impfungen nicht perfekt sind, trotzdem sich impfen zu lassen,

00:17:17.000 --> 00:17:21.000
weil man eben das Risiko der Erkrankung deutlich niedriger hat

00:17:21.000 --> 00:17:23.500
und eben auch natürlich jene schützt, die sich zum Beispiel nicht impfen lassen können,

00:17:23.500 --> 00:17:25.700
aber ein hohes Erkrankungsrisiko haben.

00:17:25.700 --> 00:17:29.500
Also auf natürliche Durchseuchung zu setzen, wie manche dann fordern,

00:17:29.500 --> 00:17:31.500
das scheint mir doch sehr altertümlich zu sein.

00:17:31.500 --> 00:17:36.000
Wir haben die Möglichkeiten zur Impfung und das sollte eigentlich dann auch unser Ziel sein.

00:17:36.000 --> 00:17:38.000
Holger Klein: Sie sagten, drei Modelle, wir hatten erst zwei.

00:17:38.000 --> 00:17:42.000
Malte Thießen: Das dritte Modell ist so pragmatisch, rustikal, dass ich's kaum wage.

00:17:42.000 --> 00:17:44.200
Das ist einfach Abstumpfung und Gewöhnung.

00:17:44.200 --> 00:17:48.200
Man merkt auch, dass Menschen nicht auf Dauer in Angst leben können.

00:17:48.200 --> 00:17:51.200
Und das heißt, man macht irgendwann seinen Frieden mit der Pandemie,

00:17:51.200 --> 00:17:53.000
auch damit, dass sie immer wiederkehrt.

00:17:53.000 --> 00:17:55.500
Man lernt, sozusagen mit den Toten zu leben.

00:17:55.500 --> 00:17:58.200
Aber das ist etwas, was ich uns allen nicht wünsche,

00:17:58.200 --> 00:18:00.700
sondern ich hoffe, dass wir eine hohe Impfquote bekommen

00:18:00.700 --> 00:18:06.500
und dann endemisch einigermaßen gut mit Corona und mit möglichst wenig Corona leben können.

00:18:06.500 --> 00:18:08.000
Holger Klein: Jetzt ist Februar '22.

00:18:08.000 --> 00:18:11.200
Die Coronapandemie, über die wir reden, ist zwei Jahre alt.

00:18:11.200 --> 00:18:15.500
Kann man da überhaupt schon historisch drauf - darf man da überhaupt schon historisch drauf gucken?

00:18:15.500 --> 00:18:19.700
Malte Thießen: Ich habe das tatsächlich versucht in meinem Buch „Auf Abstand“,

00:18:19.700 --> 00:18:25.500
und habe das als ein Experiment verstanden, dass wir Geschichte in Echtzeit jetzt schon schreiben müssen.

00:18:25.500 --> 00:18:31.400
Natürlich kann man einwenden: Als Zeitzeuge dann noch historisch zu schreiben, das ist eigentlich Selbstmord.

00:18:31.400 --> 00:18:34.000
Der Zeitzeuge ist der größte Feind des Zeithistorikers,

00:18:34.000 --> 00:18:38.000
so ein geflügeltes Wort und beides in einer Person, das kann nur schiefgehen.

00:18:38.000 --> 00:18:41.500
Ich glaube trotzdem, dass es sich lohnt, jetzt schon die Geschichte der Coronapandemie zu schreiben,

00:18:41.500 --> 00:18:44.400
und zwar aus zwei Gründen.

00:18:44.400 --> 00:18:48.700
Das eine ist, wir haben schon wieder viele Dinge aus der Frühphase der Pandemie vergessen.

00:18:48.700 --> 00:18:54.000
Das was Sie eben angesprochen haben, zum Beispiel die Ausgrenzung 2020, die Klopapierkäufe,

00:18:54.000 --> 00:18:58.700
all solche Dinge geraten mittlerweile schon wieder in Vergessenheit und da lohnt es sich jetzt schon,

00:18:58.700 --> 00:19:01.900
die Frühgeschichte der Coronapandemie aufzuarbeiten.

00:19:01.900 --> 00:19:06.500
Das Zweite ist, dass das Ende einer Pandemie immer dazu dann verleitet,

00:19:06.500 --> 00:19:10.000
dann doch letztlich zu sagen, ist ja alles gut gegangen.

00:19:10.000 --> 00:19:12.500
Man macht sozusagen seinen Frieden mit der Pandemie, was einerseits verständlich ist,

00:19:12.500 --> 00:19:16.000
aber andererseits einen davor scheuen lässt, dann doch gewisse Lehren zu ziehen.

00:19:16.000 --> 00:19:19.500
Und eine Geschichte der Coronapandemie heute schon zu schreiben ist wichtig,

00:19:19.500 --> 00:19:23.000
weil wir all die Widersprüche, all die Probleme uns vor Augen halten müssen,

00:19:23.000 --> 00:19:25.700
um dann eben aus dieser Pandemie lernen zu können,

00:19:25.700 --> 00:19:29.700
um beim nächsten Mal dann vielleicht besser dem begegnen zu können.

00:19:29.700 --> 00:19:31.200
Holger Klein: Malte Thießen, vielen Dank.

00:19:31.200 --> 00:19:33.700
Malte Thießen: Danke ihnen, Herr Klein.

00:19:33.700 --> 00:19:36.200
*Musik*

00:19:36.200 --> 00:19:39.200
Holger Klein: Schon jetzt beginnen wir, den Anfang der Pandemie zu vergessen.

00:19:39.200 --> 00:19:43.200
Das sagt jedenfalls Malte Thießen und findet, dass es gerade deshalb wichtig ist,

00:19:43.200 --> 00:19:46.700
schon jetzt die Geschichte der Coronapandemie zu schreiben.

00:19:46.700 --> 00:19:49.500
Trotzdem: Im Moment kann man sich schwer vorstellen,

00:19:49.500 --> 00:19:53.200
dass die Pandemie keine Spuren in unseren Leben hinterlässt, wenn sie vorbei ist.

00:19:53.200 --> 00:19:56.511
Aber wie genau werden wir uns an Corona erinnern?

00:19:56.511 --> 00:19:58.507
Darüber habe ich mit Astrid Erll gesprochen.

00:19:58.507 --> 00:20:03.620
Sie ist Professorin für Anglophone Literaturen und Kulturen an der Goethe-Universität Frankfurt

00:20:03.620 --> 00:20:06.200
und forscht zu Erinnerungskulturen.

00:20:06.200 --> 00:20:08.200
Guten Tag, Frau Erll.

00:20:08.200 --> 00:20:09.200
Astrid Erll: Guten Tag.

00:20:09.200 --> 00:20:10.500
Holger Klein: Zwei Jahre Pandemie.

00:20:10.500 --> 00:20:14.400
Wenn ich mir angucke, wie wir im letzten Sommer unterwegs waren, wo alles noch viel unsicherer war,

00:20:14.400 --> 00:20:19.000
wir hatten da ja schon irgendwie vergessen gehabt, was im Jahr vorher, also 2020 passiert war.

00:20:19.000 --> 00:20:22.900
Heißt das wir haben die ganze Geschichte über kurz oder lang vergessen?

00:20:22.900 --> 00:20:26.700
Astrid Erll: Ja, ob wir die Coronavirus-Pandemie vergessen oder nicht vergessen,

00:20:26.700 --> 00:20:32.700
ist so eine der großen Fragen, die gerade diskutiert wird in den sogenannten Memory-Studies,

00:20:32.700 --> 00:20:38.700
also der Gedächtnisforschung, die sich nicht nur dem individuellen Gedächtnis widmet,

00:20:38.700 --> 00:20:44.500
also, das ist ja eine Frage, ob Sie und ich das als ein Teil unseres Lebens als zwei Jahre,

00:20:44.500 --> 00:20:48.000
die wir gerne vergessen möchten, möglichst vergessen oder verdrängen

00:20:48.000 --> 00:20:52.000
oder man kann aber auch über gesellschaftliche Erinnerungen sprechen,

00:20:52.000 --> 00:20:55.000
wird die Pandemie in Erinnerung gehalten werden,

00:20:55.000 --> 00:20:59.000
zum Beispiel durch jährliche Gedenktage und davon gehe ich fast aus,

00:20:59.000 --> 00:21:05.000
dass es sozusagen Formen der offiziellen Kommemoration geben wird,

00:21:05.000 --> 00:21:10.700
die vielleicht erstmal jährlich daran erinnern, an die Coronavirusepidemie und an all ihre Opfer.

00:21:10.700 --> 00:21:16.000
Wenn Sie sich gerade mal die Lokalnachrichten ansehen, dann werden Sie aber auch merken,

00:21:16.000 --> 00:21:20.200
dass es ganz viele Erinnerungsaktivitäten von unten gibt,

00:21:20.200 --> 00:21:26.900
also an ganz vielen Orten wird gerade jetzt, weil sich's langsam wieder jährt, der Opfer gedacht.

00:21:26.900 --> 00:21:31.200
Holger Klein: Ist das denn schon kollektive Erinnerung oder ist das noch individuelle Erinnerung?

00:21:31.200 --> 00:21:33.000
Astrid Erll: Also, die beiden gehören zusammen.

00:21:33.000 --> 00:21:35.700
Eigentlich könnte man sogar nur von Erinnerung sprechen.

00:21:35.700 --> 00:21:41.500
Individuell und kollektiv zu trennen, ist das, was wir Wissenschaftler heuristisch nennen,

00:21:41.500 --> 00:21:44.200
also vorläufig, um das Feld zu sortieren.

00:21:44.200 --> 00:21:49.500
Unsere individuelle Erinnerung ist total kollektiv geprägt.

00:21:49.500 --> 00:21:51.500
Wir sprechen mit anderen Menschen.

00:21:51.500 --> 00:21:53.700
Wir nehmen soziale Medien wahr.

00:21:53.700 --> 00:21:56.500
Wir lesen Zeitungen, wir schauen Kinofilme, all das.

00:21:56.500 --> 00:22:01.000
Es sind sozusagen die kollektiven Einflüsse auf das individuelle Gedächtnis.

00:22:01.000 --> 00:22:04.500
Holger Klein: Was denken Sie, wie wir uns an die Pandemie wohl erinnern werden?

00:22:04.500 --> 00:22:08.000
Irgendwann so als starker Einschnitt mit so einer Zeitrechnung vor Corona, nach Corona

00:22:08.000 --> 00:22:11.200
oder eher so eine kurzfristige Störung im System und weiter wie gehabt?

00:22:11.200 --> 00:22:13.500
Astrid Erll: Ich glaube, dass genau das die große Frage ist,

00:22:13.500 --> 00:22:19.500
ob aus der Rückschau Corona als ein transformatives Ereignis wahrgenommen wird.

00:22:19.500 --> 00:22:23.900
Also ist es ein Ereignis oder war es dann ein Ereignis,

00:22:23.900 --> 00:22:27.000
das etwas ganz Grundlegendes in der Gesellschaft verändert hat?

00:22:27.000 --> 00:22:29.500
Ich glaube, das ist die Voraussetzung dafür,

00:22:29.500 --> 00:22:36.200
dass es kollektiv erinnert wird und vor allem über die Generationenschwelle hinweg erinnert wird.

00:22:36.200 --> 00:22:41.900
Ich glaube, das passiert nur, wenn wenn es sich wirklich als ganz transformativ erweist

00:22:41.900 --> 00:22:44.400
und da bin ich mir im Moment nicht sicher.

00:22:44.400 --> 00:22:48.400
Holger Klein: Wie sähe Sie die Transformation dann aus, was würde transformiert?

00:22:48.400 --> 00:22:53.000
Astrid Erll: Also die Kognitionspsychologen nennen das Benefit of Hindsight-Effekte,

00:22:53.000 --> 00:22:55.000
also das hat alles was mit der Rückschau zu tun.

00:22:55.000 --> 00:23:03.200
Vielleicht fällt in der Rückschau auf, dass in den Corona-Jahren Black Lives Matter zum Beispiel hervorgetreten ist

00:23:03.200 --> 00:23:06.400
und weltweit über Anti-Rassismus gesprochen wurde.

00:23:06.400 --> 00:23:12.000
Vielleicht fällt auf, dass die Corona-Virus-Pandemie der eine große Moment war,

00:23:12.000 --> 00:23:19.500
wo klar war, dass wir und unsere Umwelt zusammenleben in etwas, was man Sympoiesis nennen kann,

00:23:19.500 --> 00:23:26.000
also dass eine Virus-RNA uns als globale Gesellschaft nachhaltig verändern kann.

00:23:26.000 --> 00:23:30.200
Vielleicht wird das mal konstruiert in 50 Jahren, in hundert Jahren:

00:23:30.200 --> 00:23:34.200
Das war der Moment, wo die Weltgesellschaft sozusagen gemerkt hat,

00:23:34.200 --> 00:23:37.400
dass der Mensch eben nicht alleine auf der Welt ist.

00:23:37.400 --> 00:23:42.400
Aber das ist alles Spekulation, aber das wäre die Art von Transformation,

00:23:42.400 --> 00:23:49.500
die dem Ereignis oder transformativen Gehalt, die dem Ereignis retrospektiv aus der Rückschau zugeschrieben werden muss,

00:23:49.500 --> 00:23:53.500
damit es wirklich erinnerbar ist über eine lange Zeit.

00:23:53.500 --> 00:23:57.500
Holger Klein: Also, wir brauchen ein transformatives Ereignis als Voraussetzung dafür,

00:23:57.500 --> 00:24:01.500
dass überhaupt etwas so ins kollektive Gedächtnis eingeht.

00:24:01.500 --> 00:24:04.400
Wie erinnern wir uns denn dann aber?

00:24:04.400 --> 00:24:07.000
Also dass es im Geschichtsbuch steht, reicht doch nicht.

00:24:07.000 --> 00:24:10.200
Astrid Erll: Genau, dass etwas im Geschichtsbuch steht, reicht nicht,

00:24:10.200 --> 00:24:14.500
dass etwas in ein Denkmal eingraviert ist, reicht nicht,

00:24:14.500 --> 00:24:16.900
es reicht noch nicht mal ein Hollywood-Film.

00:24:16.900 --> 00:24:21.500
Die Voraussetzung ist immer, dass Leute hingehen, dass Leute sich das anschauen,

00:24:21.500 --> 00:24:29.500
dass Leute sich das lesen und individuell verarbeiten, verstehen und ihren eigenen Sinn daraus machen.

00:24:29.500 --> 00:24:32.200
Jede Generation macht auch ihren neuen Sinn,

00:24:32.200 --> 00:24:36.500
stattet die historischen Ereignisse mit neuer Bedeutung aus.

00:24:36.500 --> 00:24:41.700
Die klassischen Beispiele sind wie die Holocaust-Erinnerung oder auch die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg

00:24:41.700 --> 00:24:48.000
über die Generationen hinweg immer noch mal neu anders mit anderen Akzenten erinnert wurde.

00:24:48.000 --> 00:24:53.000
Das ist sozusagen der ganz grundlegende Erinnerungsprozess.

00:24:53.000 --> 00:24:58.500
Holger Klein: Holocaust, Erster Weltkrieg, also diese Erinnerungskultur, die ja Kriege, Völkermorde und so,

00:24:58.500 --> 00:25:01.200
da gibt's Täter und Opfer, das ist jetzt bei so einer Pandemie aber schwieriger,

00:25:01.200 --> 00:25:04.200
weil ja letztlich alle Schuld und Opfer gleichzeitig sind.

00:25:04.200 --> 00:25:06.200
Wie gehen wir damit um?

00:25:06.200 --> 00:25:07.400
Astrid Erll: Ja, ganz genau.

00:25:07.400 --> 00:25:16.500
Deshalb nehme ich an, dass die Pandemie schwieriger zu erinnern sein wird als der klassische Krieg, der klassische Terrorangriff.

00:25:16.500 --> 00:25:25.200
Also, unsere westlichen Erinnerungskulturen sind relativ gut darin, sagen wir mal, trainiert,

00:25:25.200 --> 00:25:28.500
solche von Menschen gemachte Ereignisse zu erinnern.

00:25:28.500 --> 00:25:31.700
Also man fragt da, wo sind die Verantwortlichkeiten?

00:25:31.700 --> 00:25:34.200
Wer sind die Täter? Was ist mit den Opfern?

00:25:34.200 --> 00:25:41.500
Also wir haben auch bestimmte Sprachen oder Formen der Erinnerung, die Schweigeminute beispielsweise.

00:25:41.500 --> 00:25:45.900
Das hat sich alles seit dem Zweiten Weltkrieg insbesondere herausgebildet.

00:25:45.900 --> 00:25:54.000
Und Pandemien funktionieren anders und sind deshalb eine Herausforderung an das kollektive Gedächtnis.

00:25:54.000 --> 00:26:01.000
Das ist auch der Grund dafür, dass beispielsweise die Spanische Grippe mehr oder weniger vergessen war.

00:26:01.000 --> 00:26:10.000
Die haben wir ja jetzt erst wieder erinnert, weil der Coronavirus eine Art Abrufhinweis, Auslösereiz dafür war,

00:26:10.000 --> 00:26:13.000
dass man plötzlich zurückgeblickt hat und geschaut hat:

00:26:13.000 --> 00:26:18.200
Gab's Pandemien vorher und wie haben unsere Gesellschaften darauf reagiert?

00:26:18.200 --> 00:26:25.700
Aber die Spanische Grippe hat mehr Opfer gefordert als der Erste und der Zweite Weltkrieg zusammen,

00:26:25.700 --> 00:26:32.200
je nachdem wie man rechnet und war mehr oder weniger vergessen in der in der gesellschaftlichen Erinnerung.

00:26:32.200 --> 00:26:38.700
Und der Grund ist, dass Krankheiten, Epidemien, Pandemien schwerer zu erinnern sind.

00:26:38.700 --> 00:26:43.500
Man hat keinen Täter, wenn man da nach Verantwortlichkeiten schauen müsste,

00:26:43.500 --> 00:26:47.500
dann müsste man am Ende des Tages auf jeden Einzelnen schauen,

00:26:47.500 --> 00:26:52.200
denn wir sind alle das, was Michael Rothberg implizierte Subjekte nennt.

00:26:52.200 --> 00:27:00.500
Wir haben alle Anteil am Klimawandel, an der Art, wie der Mensch in die Wildnis der Arten sozusagen vordringt

00:27:00.500 --> 00:27:04.000
und das ist etwas, was Pandemien auslöst.

00:27:04.000 --> 00:27:09.000
Nicht in einer ganz einfachen Kausalkette, das ist ja auch so schwierig zu verstehen dann.

00:27:09.000 --> 00:27:15.200
Aber, ja das sagt ja Frank Snowden, ein ganz wichtiger Historiker von Pandemien:

00:27:15.200 --> 00:27:18.000
Dass Pandemien keine zufälligen Ereignisse sind,

00:27:18.000 --> 00:27:24.700
sondern dass die sich ausbreiten entlang von Umweltzerstörung, Überbevölkerung, Armut

00:27:24.700 --> 00:27:30.200
und auch entlang der Tendenz des Menschen in den Lebensraum von Wildtieren einzudringen,

00:27:30.200 --> 00:27:36.000
denn dann haben sie einfach die Möglichkeit erhöht, das Virus-RNA mutiert

00:27:36.000 --> 00:27:38.500
und überspringt vom Tier auf den Menschen.

00:27:38.500 --> 00:27:44.200
Also es ist eine global gesellschaftlich selbstgemachte Pandemie sicherlich, ja.

00:27:44.200 --> 00:27:50.500
Holger Klein: Wie verarbeiten, wie archivieren wir überhaupt diese Pandemie?

00:27:50.500 --> 00:27:54.000
Was sammeln Sie? Was was packen Sie ins Archiv?

00:27:54.000 --> 00:27:59.500
Astrid Erll: Im Moment habe ich das Gefühl, dass beinahe alles ins Archiv gepackt wird.

00:27:59.500 --> 00:28:01.500
Das hat vor allem zwei Gründe.

00:28:01.500 --> 00:28:06.700
Das eine ist, wir sind heute eine sehr selbstreflexive Erinnerungskultur.

00:28:06.700 --> 00:28:12.700
Gerade auch geschult an dem Holocaustgedenken antizipieren wir sozusagen jetzt schon,

00:28:12.700 --> 00:28:16.200
was werden spätere Generationen über uns denken.

00:28:16.200 --> 00:28:20.500
Was werden Sie vielleicht wissen wollen, auch von der Erfahrungswirklichkeit heute?

00:28:20.500 --> 00:28:24.200
Also man hat schon diesen erinnerungskulturellen Impetus.

00:28:24.200 --> 00:28:30.700
Und das Zweite ist, es ist einfach die erste globale Pandemie im digitalen Zeitalter.

00:28:30.700 --> 00:28:35.400
Das heißt, wir können alles aufnehmen und es wird ja auch getan.

00:28:35.400 --> 00:28:40.000
Einerseits auf Social Media: Erfahrungswirklichkeit, viele digitale Fotos.

00:28:40.000 --> 00:28:45.500
Und andererseits können wir natürlich mit digitalen Methoden sehr genau nachvollziehen,

00:28:45.500 --> 00:28:50.200
wie Inzidenzen weltweit in irgendeinem Moment dieser zwei Jahre sind.

00:28:50.200 --> 00:28:52.900
Das ist ein globales Megaarchiv.

00:28:52.900 --> 00:28:57.900
Holger Klein: Wenn Sie auswählen müssten, was würden Sie behalten, was würden Sie wirklich archivieren?

00:28:57.900 --> 00:29:03.900
Astrid Erll: Was ich persönlich behalten möchte, das ist vielleicht schon mal das Erste,

00:29:03.900 --> 00:29:07.500
ist etwas, was man sich heute schon gar nicht mehr so gut vorstellen kann

00:29:07.500 --> 00:29:09.500
oder woran man sich nicht mehr gut erinnern kann,

00:29:09.500 --> 00:29:14.500
weil wir heute in einem new normal des pandemischen Alltags angekommen sind.

00:29:14.500 --> 00:29:24.200
Aber ich möchte mich persönlich daran erinnern, wie das war, als sich die Welt im Frühjahr 2020 grundlegend geändert hat,

00:29:24.200 --> 00:29:29.500
als man wirklich einen Moment hatte, wo all die Regeln, die man kannte, nicht mehr zutrafen.

00:29:29.500 --> 00:29:33.500
Und ich glaube, dass das, um jetzt über die Gesellschaft zu sprechen,

00:29:33.500 --> 00:29:40.700
vielleicht ist das das Gute an Corona oder das, was das Gedächtnis beeinflusst, ohne dass wir es wissen.

00:29:40.700 --> 00:29:45.000
Wir haben einmal gelernt, dass die Welt auch ganz anders sein kann

00:29:45.000 --> 00:29:49.000
und dass wir in der Welt ganz anders funktionieren können.

00:29:49.000 --> 00:29:56.000
Und ich glaube, das ist ein wichtiger Lerneffekt für das, was uns allen heute noch bevorsteht mit Klimawandel,

00:29:56.000 --> 00:29:59.200
mit weltweiter Migration und so weiter.

00:29:59.200 --> 00:30:04.500
Die Welt wird sich verändern und es ist gut, wenn man ein Training dafür genossen hat

00:30:04.500 --> 00:30:07.000
und das hat uns Corona gegeben.

00:30:07.000 --> 00:30:10.200
Holger Klein: Werden diese Coronaleugner, diese Impfgegner, die da unterwegs sind,

00:30:10.200 --> 00:30:13.200
werden die überhaupt irgendeine Rolle bei der Erinnerung spielen?

00:30:13.200 --> 00:30:14.900
Astrid Erll: Das ist eine gute Frage.

00:30:14.900 --> 00:30:19.400
Also, als rational denkender Mensch würde ich natürlich sagen wollen,

00:30:19.400 --> 00:30:23.000
dass die sogleich dem Vergessen anheim gegeben werden.

00:30:23.000 --> 00:30:26.500
Aber man muss sagen, dass die ein starkes Instrument auf ihrer Seite haben

00:30:26.500 --> 00:30:28.700
und das sind Verschwörungsmythen.

00:30:28.700 --> 00:30:35.200
Das sind natürlich sehr, sehr einfach gestrickte, eingängige Erzählungen,

00:30:35.200 --> 00:30:41.200
die viel einfacher weiterzugeben sind als die sehr komplizierte Erzählung davon,

00:30:41.200 --> 00:30:46.400
wie Corona in die Welt kam - wissen wir bis heute nicht ganz genau -,

00:30:46.400 --> 00:30:53.000
was dann passierte, wer könnte das schon von den letzten zwei Jahren genau rekonstruieren?

00:30:53.000 --> 00:30:55.700
Und welchen Ausgang das eigentlich nahm.

00:30:55.700 --> 00:31:02.000
Also die Verschwörungsmythen werden vielleicht sich leichter durchs kollektive Gedächtnis bewegen

00:31:02.000 --> 00:31:08.200
als die sehr viel adäquatere Variante der Corona-Erzählung.

00:31:08.200 --> 00:31:10.400
Holger Klein: Wir reden die ganze Zeit übers Erinnern.

00:31:10.400 --> 00:31:14.200
Darf ich das eigentlich das alles auch einfach vergessen?

00:31:14.200 --> 00:31:15.200
Astrid Erll: Auf jeden Fall.

00:31:15.200 --> 00:31:21.000
Also wir sprechen ja hier nur über Prozesse des kollektiven Gedächtnisses.

00:31:21.000 --> 00:31:23.200
Wir sprechen gar nicht über das Normative.

00:31:23.200 --> 00:31:30.200
Also, bei der Holocaust-Erinnerung ist klar, wir haben einen normativen Appell an die Erinnerung,

00:31:30.200 --> 00:31:34.700
das müssen wir erinnern, auch als NS-Nachfolgestaat.

00:31:34.700 --> 00:31:42.500
Bei Corona, glaube ich, darf jeder aussuchen, was er erinnern und was er vergessen möchte.

00:31:42.500 --> 00:31:47.200
Das ist für viele ein Abschnitt ihres Lebens, mehr als zwei Jahre wird's irgendwann sein,

00:31:47.200 --> 00:31:54.500
der wahrscheinlich schmerzhaft, unklar zu erinnern, dunkel, langweilig war

00:31:54.500 --> 00:31:58.500
und ich glaube, da besteht tatsächlich die Gefahr oder die Chance,

00:31:58.500 --> 00:32:02.200
dass viele Leute das nicht stark erinnern wollen.

00:32:02.200 --> 00:32:04.000
Und das ist auch in Ordnung.

00:32:04.000 --> 00:32:06.200
Holger Klein: Ist es mehr Gefahr oder ist es mehr Chance?

00:32:06.200 --> 00:32:10.000
Astrid Erll: Sagen wir mal so, alles jedes Ereignis, das Opfer fordert,

00:32:10.000 --> 00:32:14.500
fordert vielleicht zugleich von der kollektiven Erinnerung, dass man der Opfer gedenkt.

00:32:14.500 --> 00:32:16.700
Das ist das eine.

00:32:16.700 --> 00:32:19.500
Das Zweite ist: Gibt es Lessons Learned?

00:32:19.500 --> 00:32:24.700
Also, sollten wir Dinge im Kopf behalten für zukünftige Pandemien?

00:32:24.700 --> 00:32:29.200
Ich denke ja, das ist ja der Vorteil der asiatischen Staaten gewesen,

00:32:29.200 --> 00:32:34.700
die so viele Pandemien in letzter Zeit hatten und sich noch besser an die Spanische Grippe erinnern konnten,

00:32:34.700 --> 00:32:40.700
dass sie in viel größeren Grad an Vorbereitetheit hatten für die neue Pandemie.

00:32:40.700 --> 00:32:43.200
Das ist also sozusagen pragmatisch.

00:32:43.200 --> 00:32:46.200
Dafür ist das kollektive Gedächtnis pragmatisch wichtig.

00:32:46.200 --> 00:32:50.200
Und auf der anderen Seite muss man sagen, ja,

00:32:50.200 --> 00:32:53.700
vergessen ist natürlich auch immer ein Segen.

00:32:53.700 --> 00:32:57.200
Man sollte, man kann nicht und man sollte auch gar nicht alles erinnern,

00:32:57.200 --> 00:33:00.200
weil man dann nicht vorwärts denken und weitermachen kann.

00:33:00.200 --> 00:33:02.500
Holger Klein: Das war das Erinnern.

00:33:02.500 --> 00:33:09.000
Der damalige Bundesgesundheitsminister hatte gesagt, wir würden einander viel verzeihen müssen.

00:33:09.000 --> 00:33:11.500
Was denn eigentlich?

00:33:11.500 --> 00:33:15.700
Astrid Erll: Das kommt wieder drauf an, welche welche Auswahl Sie aus dem Gedächtnis greifen.

00:33:15.700 --> 00:33:20.000
Wenn Sie also auswählen, dass irgendjemand seine Maske im Zug nicht aufhatte,

00:33:20.000 --> 00:33:27.700
dass es Querdenker gab, dass es Impfgegner gab, dass es vielleicht sogar Leute gab, die Impfende bedroht haben.

00:33:27.700 --> 00:33:34.000
Das sind Sachen, die muss man dann aufarbeiten, verzeihen können und hoffentlich, das ist es,

00:33:34.000 --> 00:33:39.700
dafür sorgen, dass eine nächste Generation schon gebildeter heranwächst,

00:33:39.700 --> 00:33:42.200
damit sich solche Auswüchse nicht wiederholen.

00:33:42.200 --> 00:33:46.900
Aber vielleicht müssen wir nicht nur verzeihen, vielleicht müssen wir auch wirklich  anerkennen.

00:33:46.900 --> 00:33:50.000
Das scheint mir viel wichtiger zu sein, also anzuerkennen,

00:33:50.000 --> 00:33:55.200
wer hier während der Coronaviruspandemie zwei Jahre lang durchgearbeitet hat,

00:33:55.200 --> 00:34:05.000
in Krankenhäusern, in Supermärkten, bei den Paketauslieferdiensten, bei Lehrerinnen, die Schülerinnen.

00:34:05.000 --> 00:34:09.600
Also die Masse der Menschen, denen man gar nicht verzeihen muss, sondern ganz im Gegenteil,

00:34:09.600 --> 00:34:15.800
bei denen man anerkennen muss, dass das eine große Leistung war, dass die den Betrieb sozusagen am Laufen gehalten haben.

00:34:15.800 --> 00:34:19.900
Das, denke ich, ist eine Aufgabe des Erinnerns.

00:34:19.900 --> 00:34:24.300
Positiv erinnern können, aber sehr genau auswählen, was sind denn die Dinge,

00:34:24.300 --> 00:34:26.800
die wir erinnern und für die Zukunft fördern möchten?

00:34:26.800 --> 00:34:30.400
Holger Klein: Und damit komme ich wieder an den Anfang unseres Gesprächs.

00:34:30.400 --> 00:34:33.000
Wer hat diese Auswahl zu treffen?

00:34:33.000 --> 00:34:35.500
Müssen das die Historikerinnen, die Historiker machen?

00:34:35.500 --> 00:34:37.500
Die Bevölkerung?

00:34:37.500 --> 00:34:38.500
Astrid Erll: Das müssen alle zusammen machen.

00:34:38.500 --> 00:34:43.800
Also kollektives Gedächtnis ist ein hochgradig, ko-konstruktiver Prozess,

00:34:43.800 --> 00:34:51.000
da gehören alle mit dazu, die Zivilgesellschaft, die Politikerinnen, die Historikerinnen, die Archivisten,

00:34:51.000 --> 00:34:56.500
die Leute, die Museum machen, ganz wichtig, diejenigen, die die Schulpläne schreiben

00:34:56.500 --> 00:35:03.300
und Projekte mit Kindern machen, denn die neue Generation ist immer ganz ganz wichtig für das kollektive Gedächtnis.

00:35:03.300 --> 00:35:13.900
Eine einseitige Gedächtnisvariante nur von einer Gruppe von Akteuren ist meistens nicht erfolgreich.

00:35:13.900 --> 00:35:17.900
Holger Klein: Das ist ziemlich viel Arbeit für die paar Monate, an die wir uns erinnern sollten.

00:35:17.900 --> 00:35:19.900
Astrid Erll: Und vielleicht wird die Arbeit keiner unternehmen.

00:35:19.900 --> 00:35:26.500
Wer weiß, vielleicht wird die Pandemie und es gibt Kollegen, die sagen das voraus,

00:35:26.500 --> 00:35:30.000
ganz, ganz schnell vergessen sein und man wird sich anderen Dingen zuwenden.

00:35:30.000 --> 00:35:31.500
Holger Klein: Astrid Erll, vielen Dank.

00:35:31.500 --> 00:35:32.500
Astrid Erll: Ich danke Ihnen.

00:35:32.500 --> 00:35:34.500
*Musik*

00:35:34.500 --> 00:35:39.300
Holger Klein: Auch wenn Corona schon seit zwei Jahren unser Leben maßgeblich mitbestimmt,

00:35:39.300 --> 00:35:45.000
ob davon wirklich so viel bleibt, da sind sich Malte Thießen und Astrid Erll nicht sicher.

00:35:45.000 --> 00:35:47.000
Drei Punkte können wir mitnehmen:

00:35:47.000 --> 00:35:51.500
1. Seuchen sind „soziale Krankheiten“, sagt Malte Thießen,

00:35:51.500 --> 00:35:55.000
und zwar weil sie immer die Gesellschaft als Ganze betreffen.

00:35:55.000 --> 00:35:59.300
Corona unterscheidet sich von früheren Pandemien vor allem durch unsere Reaktion darauf,

00:35:59.300 --> 00:36:02.900
zum Beispiel weil wir vulnerable Gruppen stärker im Blick hatten.

00:36:02.900 --> 00:36:08.900
2. In der Corona-Pandemie haben wir stark von der internationalen Zusammenarbeit der Wissenschaft profitiert.

00:36:08.900 --> 00:36:12.000
Aber in manchen Dingen waren wir historisch gesehen trotzdem schonmal weiter:

00:36:12.000 --> 00:36:18.100
zum Beispiel, wenn man sich die erfolgreiche Impfkampagne gegen Polio in den 1960er Jahren ansieht.

00:36:18.100 --> 00:36:23.500
3. Gesellschaftliches Erinnern und Gedenken bezieht sich meist auf historische Verbrechen.

00:36:23.500 --> 00:36:29.300
Aber bei Pandemien gibt es keine eindeutigen Täter und das macht das Erinnern schwieriger.

00:36:29.300 --> 00:36:34.400
Deshalb vermutet Astrid Erll: Nur wenn Corona unsere Gesellschaft grundlegend verändert,

00:36:34.400 --> 00:36:37.900
werden sich nachfolgende Generationen daran erinnern.

00:36:37.900 --> 00:36:41.500
Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

00:36:41.500 --> 00:36:44.600
Die Links zu den Ausgaben der APuZ, die sich mit der Corona-Pandemie beschäftigt haben,

00:36:44.600 --> 00:36:47.000
finden Sie in den Shownotes.

00:36:47.000 --> 00:36:49.400
Und natürlich freuen wir uns, wenn Sie Feedback zu dieser Folge haben.

00:36:49.400 --> 00:36:54.500
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de .

00:36:54.500 --> 00:36:56.500
In vier Wochen erscheint die nächste Folge.

00:36:56.500 --> 00:37:01.100
Dann sprechen wir über das Ende der Sowjetunion und Umbrüche in Osteuropa.

00:37:01.100 --> 00:37:03.500
Ich bin Holger Klein und danke für die Aufmerksamkeit.

00:37:03.500 --> 00:37:20.400
*Musik*

00:37:20.400 --> 00:37:25.000
Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:37:25.000 --> 00:37:29.400
Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Julia Günther und Anne Seibring.

00:37:29.400 --> 00:37:35.000
Schnitt: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald. Produktion: hauseins. Am Mikrofon war Holger Klein.

00:37:35.000 --> 00:37:47.600
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:37:47.600 --> 00:37:41.600
und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.
