WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:03.100
Holger Klein: Willkommen zu „Aus Politik und Zeitgeschichte“,

00:00:03.100 --> 00:00:06.200
einem Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung.

00:00:06.200 --> 00:00:11.000
Ich bin Holger Klein, und wir sprechen heute über die Olympischen Spiele in München

00:00:11.000 --> 00:00:15.100
und das Attentat auf israelische Sportler, das damals dort verübt wurde.

00:00:15.100 --> 00:00:18.100
Wenn Sie sich nach dem Hören tiefer mit dem Thema befassen wollen,

00:00:18.100 --> 00:00:22.600
finden Sie die APuZ zum Thema auf bpb.de/apuz

00:00:22.600 --> 00:00:24.100
*Musik*

00:00:24.100 --> 00:00:31.500
O-Ton: Die Stunde, auf die wir uns vorbereitet und gefreut haben, ist da.

00:00:31.500 --> 00:00:39.100
Mögen uns nun die Spiele Fröhlichkeit schenken, großen Sport, Spannung,

00:00:39.100 --> 00:00:45.700
vielleicht dann und wann ein wenig Rührung und Würde.

00:00:45.700 --> 00:00:46.800
*Applaus*

00:00:46.800 --> 00:00:50.200
Holger Klein: Das war Willy Daume, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees,

00:00:50.200 --> 00:00:54.700
und zwar bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 1972 in München.

00:00:54.700 --> 00:00:58.200
Wie man sich die Spiele vorgestellt hat, das haben wir gerade gehört.

00:00:58.200 --> 00:01:03.800
Doch ein anderes Ereignis hat diese Vision von Olympia 72 dann komplett überschattet.

00:01:03.800 --> 00:01:06.900
Denn während der Spiele haben palästinensische Terroristen im Olympischen Dorf

00:01:06.900 --> 00:01:12.200
zwei Mitglieder der israelischen Mannschaft erschossen und neun als Geiseln genommen.

00:01:12.200 --> 00:01:17.700
Die deutsche Polizei konnte keine der Geiseln befreien. Keine von ihnen überlebte.

00:01:17.700 --> 00:01:21.500
Was damals in München passiert ist, was das Attentat für die Olympischen Spiele bedeutet hat

00:01:21.500 --> 00:01:26.900
und wie es bis heute nicht wirklich aufgearbeitet wurde, darum geht’s in dieser Folge.

00:01:26.900 --> 00:01:30.900
Ich habe mit dem Journalisten Uwe Ritzer über das Attentat und seine Folgen gesprochen.

00:01:30.900 --> 00:01:35.500
Uwe Ritzer: Die Polizei war auf so einen Zwischenfall überhaupt nicht vorbereitet

00:01:35.500 --> 00:01:38.700
und dementsprechend dilettantisch lief dann auch die Aktion ab.

00:01:38.700 --> 00:01:43.700
Holger Klein: Und wir hören die Journalistin Patrizia Schlosser dazu, wie es um die Aufarbeitung des Attentats steht.

00:01:43.700 --> 00:01:47.400
Patrizia Schlosser: Man hat sich offenbar einfach vorgestellt von deutscher Seite her, dass die jetzt trauern.

00:01:47.400 --> 00:01:51.900
Das ist halt eine Tragödie, man konnte nichts machen, eine menschliche Katastrophe

00:01:51.900 --> 00:01:56.400
und dann ist das halt auch sozusagen abgeschlossen von deutscher Seite gewesen.

00:01:56.400 --> 00:01:59.700
Aber für viele Hinterbliebene natürlich nicht.

00:01:59.700 --> 00:02:03.700
Holger Klein: Der Vater von Patrizia Schlosser war damals beim Attentat als Polizist im Einsatz.

00:02:03.700 --> 00:02:09.100
Jetzt hat sie mit ihm zusammen für den Bayerischen Rundfunk einen ganzen Podcast zum Olympiaattentat gemacht.

00:02:09.100 --> 00:02:14.100
Der heißt „Himmelfahrtskommando“ und daraus hören wir in dieser Folge auch ein paar Ausschnitte.

00:02:14.100 --> 00:02:30.300
*Musik*

00:02:30.300 --> 00:02:32.800
Holger Klein: Olympia in München im Jahr.

00:02:32.800 --> 00:02:37.000
Das Maskottchen ist ein bunter Dackel - Olympia-Waldi heißt der.

00:02:37.000 --> 00:02:43.400
Fröhliche Farben, möglichst wenig Uniformen, es sollten „heitere Spiele“ werden, und das sind sie zunächst auch.

00:02:43.400 --> 00:02:45.900
Aber dann erschüttert ein Attentat die Spiele.

00:02:45.900 --> 00:02:50.300
Elf israelische Sportler und ein deutscher Polizist kommen dabei ums Leben.

00:02:50.300 --> 00:02:55.600
Das Ganze beginnt am Morgen des 5. September 1972 im Olympischen Dorf in München.

00:02:55.600 --> 00:03:00.300
In ihrem Podcast beschreibt die Journalistin Patrizia Schlosser den Beginn des Attentats so:

00:03:00.300 --> 00:03:06.500
Patrizia Schlosser: Am Morgen des 5. September klettern die acht Palästinenser mit ihren Sporttaschen

00:03:06.500 --> 00:03:10.500
um kurz nach 4 Uhr über den Zaun des olympischen Dorfs.

00:03:10.500 --> 00:03:14.500
Postboten beobachten sie dabei, denken sich aber nichts weiter.

00:03:14.500 --> 00:03:16.500
Sportler, die feiern waren eben.

00:03:16.800 --> 00:03:22.500
Die Palästinenser suchen den Apartment-Block der israelischen Olympiamannschaft.

00:03:22.500 --> 00:03:24.500
Laufen erstmal vorbei.

00:03:24.500 --> 00:03:27.500
Dann stehen sie an der richtigen Adresse:

00:03:27.500 --> 00:03:29.800
Konnollistraße.

00:03:29.800 --> 00:03:36.400
Die Haustür des Gebäudes mit den 24 Apartments ist wie überall im olympischen Dorf nicht verschlossen.

00:03:36.400 --> 00:03:43.000
Es ist etwa halb fünf, als die Terroristen ihre Kalaschnikows im Treppenhaus auspacken.

00:03:43.000 --> 00:03:51.000
Dann klopfen sie an eines der Apartments.

00:03:51.000 --> 00:03:54.500
Der israelische Ringer-Trainer Mosche Weinberg liegt da im Bett.

00:03:54.500 --> 00:03:58.100
Er steht auf und öffnet die Tür einen Spalt.

00:03:58.100 --> 00:04:02.300
Als er die Männer mit den Kalaschnikows sieht, will er die Tür wieder zumachen.

00:04:02.300 --> 00:04:04.400
Er wirft sich von innen dagegen.

00:04:04.400 --> 00:04:06.800
Da treffen ihn Kugeln durch die Tür hindurch.

00:04:06.800 --> 00:04:08.900
Er sinkt zu Boden.

00:04:08.900 --> 00:04:14.600
Aufgeweckt vom Lärm gelingt einigen anderen Sportlern die Flucht über Fenster und Balkone.

00:04:14.600 --> 00:04.20.100
Die Terroristen bringen zehn Israelis in ihre Gewalt und treiben sie im ersten Stock zusammen.

00:04:20.100 --> 00:04:24.600
Im Zimmer des Fechtrainers Andre Spitzer.

00:04:24.600 --> 00:04:30.500
Die Terroristen fesseln ihre Geiseln, dann werfen sie ein Bekennerschreiben nach draußen.

00:04:30.500 --> 00:04:36.600
Ansagerstimme: Guten Morgen Herr /unverständlich/, der olympische Friede scheint tatsächlich gebrochen zu sein.

00:04:36.600 --> 00:04:42.800
Man kann wirklich hier nur bruchstückhaft versuchen, sich ein Bild zu machen über die Ereignisse der letzten Nacht zu machen.

00:04:42.800 --> 00:04:45.600
*Musik*

00:04:45.600 --> 00:04:49.800
Holger Klein: In dem Bekennerschreiben, von dem wir gerade gehört haben, steht auch die Forderung der Terroristen.

00:04:49.800 --> 00:04:52.100
Welche das war, das erklärt gleich Uwe Ritzer.

00:04:52.100 --> 00:04:55.300
Er ist Investigativreporter bei der Süddeutschen Zeitung

00:04:55.300 --> 00:05:02.100
und hat zusammen mit seinem Kollegen Roman Deininger 2021 ein Buch über das Olympia-Attentat veröffentlicht.

00:05:02.100 --> 00:05:03.000
Hallo Herr Ritzer.

00:05:03.000 --> 00:05:03.800
Uwe Ritzer: Hallo, grüße Sie.

00:05:03.800 --> 00:05:09.100
Holger Klein: In jeder Doku über die Spiele von 1972 hört man, es sollen heitere Spiele werden.

00:05:09.100 --> 00:05:11.100
Was genau bedeutet heiter?

00:05:11.100 --> 00:05:16.000
Uwe Ritzer: Es war eine unglaubliche Fröhlichkeit, eine Aufbruchstimmung, eine Lockerheit in München zu spüren,

00:05:16.600 --> 00:05:23.300
Kultur, Politik, Sport, alles verband sich zu einem fröhlichen Konglomerat.

00:05:23.300 --> 00:05:25.600
Das hatte natürlich auch Strategie.

00:05:25.600 --> 00:05:31.800
Die Deutschen, die Verantwortlichen damals, vor allem Willi Daume, der höchste deutsche Sportfunktionär

00:05:31.800 --> 00:05:37.600
und der junge Münchener Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel haben von Anfang an das Ziel verfolgt,

00:05:37.600 --> 00:05:45.500
dass diese Spiele 1972 die Hitlerspiele in Berlin 1936 vergessen machen sollen

00:05:45.500 --> 00:05:50.600
und überhaupt der Welt zeigen sollten, dass man es mit einem neuen Deutschland zu tun hat,

00:05:50.600 --> 00:05:55.500
einem weltoffenen Land, einem demokratischen Land, einem fröhlichen Land,

00:05:55.500 --> 00:06:01.000
in dem keine Minderheiten verfolgt werden, in dem jeder willkommen ist, indem es transparent zugeht

00:06:01.000 --> 00:06:04.300
und das sollten diese Spiele zeigen.

00:06:04.300 --> 00:06:09.000
Holger Klein: Zehn Tage nach der Eröffnung der Spiele gab es dann den Angriff, das sogenannte Olympia-Attentat.

00:06:09.000 --> 00:06:10.600
Wer waren die Terroristen eigentlich?

00:06:10.600 --> 00:06:14.800
Schwarzer September war so ein Name, den man dann häufiger gehört hat.

00:06:14.800 --> 00:06:19.600
Uwe Ritzer: Das ist eine Organisation, eine Terrororganisation der Palästinenser gewesen.

00:06:19.600 --> 00:06:24.600
Sie wurde auch vom palästinensischen Geheimdienst gesteuert und geführt.

00:06:24.600 --> 00:06:30.500
Die Männer selbst waren, ja, die deutsche Seite hat dann hinterher alles versucht so darzustellen,

00:06:30.500 --> 00:06:35.800
als wären das hoch professionelle, durchorganisierte Killer-Terroristen gewesen.

00:06:35.800 --> 00:06:40.300
Tatsächlich war es wohl so, dass das einfach junge Fanatiker waren,

00:06:40.300 --> 00:06:44.600
die man zusammengesammelt hatte, kurz auf diesen Einsatz trainiert hatte,

00:06:44.600 --> 00:06:48.000
vielleicht den einen auch ein bisschen länger und die man dann losgeschickt hat.

00:06:48.000 --> 00:06:51.800
Also die total professionellen Terroristen waren das nicht.

00:06:51.800 --> 00:06:57.800
Man muss wissen, der schwarze September hat in den Jahren vor den Spielen in München

00:06:57.800 --> 00:07:02.300
gefühlt irgendwie jedes Monat irgendwo auf der Welt ein Flugzeug entführt,

00:07:02.300 --> 00:07:06.500
einem Bombenanschlag verübt, irgendwo in Menschenmengen geschossen.

00:07:06.500 --> 00:07:13.100
Also der Terrorismus und der schwarze September waren zu diesem Zeitpunkt bereits weltbekannt.

00:07:13.100 --> 00:07:18.100
Also man hätte darauf vorbereitet sein können, dass auch in München etwas passiert.

00:07:18.100 --> 00:07:20.000
Holger Klein: Was genau wollten die denn eigentlich?

00:07:20.000 --> 00:07:27.000
Uwe Ritzer: Kurz nachdem sie die Konnollystraße 31 gestürmt und ihre Geiseln in ihre Gewalt gebracht hatten,

00:07:27.000 --> 00:07:32.100
haben sie aus einem Fenster ein Papier nach unten geworfen.

00:07:32.100 --> 00:07:38.500
Zwei Polizisten, den ersten beiden Kriminalbeamten, die auftauchten, haben sie dieses Papier vor die Füße geworfen

00:07:38.500 --> 00:07:52.300
und darin gab es ein Kommuniké und sie forderten die Freilassung von 328 in Israel inhaftierten Gesinnungsgenossen, also anderen Terroristen.

00:07:52.300 --> 00:07:56.800
Streng genommen waren es nur 327, denn es stand auch ein deutscher Name drauf,

00:07:56.800 --> 00:08:03.300
man forderte auch die Freilassung der zu diesem Zeitpunkt seit kurzem in Deutschland inhaftierten Ulrike Meinhoff.

00:08:03.300 --> 00:08:05.100
Holger Klein: Jetzt ist der Anschlag ja noch lange nicht vorbei.

00:08:05.100 --> 00:08:08.600
In meinem Kopf ist immer dieses Bild vom explodierten Hubschrauber, wenn ich dran denke.

00:08:08.600 --> 00:08:11.500
Es gab ja Befreiungsversuche.

00:08:11.500 --> 00:08:14.600
Wie sollten die ablaufen und wie sind sie dann tatsächlich gelaufen?

00:08:14.600 --> 00:08:21.300
Uwe Ritzer: Also zunächst mal wollten die Attentäter die Freilassung ihrer 328 Gesinnungsgenossen erzwingen.

00:08:21.300 --> 00:08:22.300
Da gab es Ultimaten.

00:08:22.300 --> 00:08:25.800
Das Erste lief bereits um 9 Uhr morgens ab.

00:08:25.800 --> 00:08:30.100
Den Deutschen ist es zumindest gelungen, den deutschen Verhandlungsführern,

00:08:30.100 --> 00:08:34.500
um den bayrischen Innenminister Bruno Merck, den Münchener Polizeipräsidenten Manfred Schreiber

00:08:34.500 --> 00:08:39.800
und den damaligen deutschen Innenminister Hans Dietrich Genscher, denen ist es gelungen,

00:08:39.800 --> 00:08:44.200
dieses Ultimatum im Lauf des Tages immer weiter hinauszuzögern.

00:08:44.200 --> 00:08:49.200
Es gab bei diesem Sturm auf Konnolliestraße 31 auch bereits den ersten Toten

00:08:49.200 --> 00:08:52.700
und ein zweiter Israeli wurde lebensgefährlich verletzt.

00:08:52.700 --> 00:08:58.700
Den hat man dann mitten in dieses Zimmer gelegt zwischen seine israelischen Mannschaftskameraden,

00:08:58.700 --> 00:09:05.200
die mussten dann stundenlang tatenlos zusehen, wie der arme Kerl da qualvoll gestorben ist,

00:09:05.200 --> 00:09:10.700
weil die Terroristen das abgelehnt haben, einen Arzt zu ihnen zu lassen oder ihn vor die Haustür zu legen,

00:09:10.700 --> 00:09:13.700
dass man ihn versorgen konnte.

00:09:13.700 --> 00:09:17.800
Also als dieser Anschlag geschah, gab es bereits die ersten beiden Todesopfer.

00:09:17.800 --> 00:09:20.500
Gleichzeitig hat man überlegt, was könnte man machen?

00:09:20.500 --> 00:09:26.600
Und da wurden natürlich auch Pläne entworfen, man könnte ja Polizisten als Sportler verkleiden

00:09:26.600 --> 00:09:32.800
und dieses Quartier, Konnollistraße 31 stürmen lassen und die Geiseln befreien.

00:09:32.800 --> 00:09:39.200
Dann hat man sogar Polizisten dafür ausgesucht und in einem Shop der Sportartikelhändlers Puma,

00:09:39.200 --> 00:09:46.200
der in der Nähe war im olympischen Dorf mussten die sich dann Trainingsanzüge und T-Shirts und Schuhe abholen.

00:09:46.200 --> 00:09:49.100
Natürlich gegen Empfangsquittung, wir sind ja in Deutschland.

00:09:49.100 --> 00:09:51.600
Und dann sind die da losgezogen mit Gewehren in der Hand.

00:09:51.600 --> 00:09:57.500
Dummerweise hatten die deutschen Krisenstäbler aber es nicht geschafft,

00:09:57.500 --> 00:10:01.700
diesen Tatort weiträumig abzusperren mit der Konsequenz,

00:10:01.700 --> 00:10:07.800
dass ein amerikanisches Fernsehteam aus dem Haus gegenüber pausenlos live berichtete.

00:10:07.800 --> 00:10:14.300
Und so sahen die Terroristen im Fernsehen, wie diese als Sportler verkleideten Polizisten anfingen,

00:10:14.300 --> 00:10:17.700
um dieses Haus da in Stellung zu gehen und da rumzukraxeln.

00:10:17.700 --> 00:10:23.000
Das fanden die natürlich wenig witzig und daraufhin wurde die Aktion abgebrochen.

00:10:23.000 --> 00:10:29.100
Am Nachmittag, am späten Nachmittag änderten die Terroristen plötzlich ihre Strategie

00:10:29.100 --> 00:10:31.200
und änderten auch ihre Forderungen.

00:10:31.200 --> 00:10:38.600
Plötzlich war davon die Rede, sie wollen mit ihren Geiseln ausgeflogen werden in ein arabisches Land, Ägypten wurde genannt.

00:10:38.600 --> 00:10:46.000
Was die Terroristen nicht wussten, nahezu alle arabischen Länder haben die Aufnahme des Kommandos an der Geiseln verweigert.

00:10:46.000 --> 00:10:51.500
Und der ägyptische Ministerpräsident sagte zu Willy Brandt, dem deutschen Kanzler, am Telefon,

00:10:51.500 --> 00:10:53.800
we do not get involved.

00:10:53.800 --> 00:10:56.100
Wir wollen da nicht reingezogen werden.

00:10:56.100 --> 00:11:00.700
Damit war natürlich den Deutschen klar, wir müssen es irgendwie auf deutschem Boden beenden.

00:11:00.700 --> 00:11:08.700
Und man hat den Terroristen dann weisgemacht, dass sie mit einer Lufthansa Maschine tatsächlich nach Ägypten ausfliegen dürfen.

00:11:08.700 --> 00:11:14.300
Und hat ihnen zwei Hubschrauber zur Verfügung gestellt, zwei Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes,

00:11:14.300 --> 00:11:20.700
in denen Terroristen und ihre Geiseln nach Fürstenfeld Bruck auf den Fliegerhorst flogen.

00:11:20.700 --> 00:11:27.200
Ein Bundeswehrfliegerhorst, den die Polizei als besonders günstig von der Einsehbarkeit her und so weiter

00:11:27.200 --> 00:11:29.600
für eine Befreiungsaktion ansahen.

00:11:29.600 --> 00:11:34.500
Dort landete auch tatsächlich eine Lufthansa Maschine, die normale Crew stieg aus

00:11:34.500 --> 00:11:40.000
und es stiegen als Crew verkleidete deutsche Polizisten ein, die den Auftrag bekamen,

00:11:40.000 --> 00:11:46.000
die Terroristen zu überwältigen, sobald die mit ihren Geiseln die Maschine betreten.

00:11:46.000 --> 00:11:50.300
Nur haben diese Polizisten ziemlich schnell kapiert, dass das ein Himmelfahrtskommando ist,

00:11:50.300 --> 00:11:55.400
weil es gab zu diesem Zeitpunkt in der Münchener Polizei keinen einzigen Beamten,

00:11:55.200 --> 00:11:59.700
der auch nur annähernd für so einen Einsatz ausgebildet war.

00:11:58.700 --> 00:12:05.200
Es gab auch keine vernünftige Waffenausstattung, keine Munition, nichts dergleichen.

00:12:05.200 --> 00:12:08.700
*Musik*

00:12:08.700 --> 00:12:11.500
Holger Klein: Diese deutschen Polizisten, die verkleidet in der Lufthansa Maschine saßen,

00:12:11.500 --> 00:12:14.600
zu denen gehörte auch der Vater von Patrizia Schlosser.

00:12:14.600 --> 00:12:20.100
Er war damals Anfang 20 und ein ganz normaler Streifenpolizist, der sich freiwillig für den Einsatz gemeldet hatte,

00:12:20.100 --> 00:12:23.000
ohne allerdings zu wissen, worum es dabei genau geht.

00:12:23.000 --> 00:12:26.700
Patrizia Schlosser: Mein Vater und seine zehn Kollegen sitzen im Flugzeug.

00:12:26.700 --> 00:12:32.500
In wenigen Minuten werden die Hubschrauber mit den Terroristen und den Geiseln landen.

00:12:32.500 --> 00:12:40.200
Niemand sagt etwas, nur das Brummen der Klimaanlage ist zu hören.

00:12:40.200 --> 00:12:44.500
Es ist schwül und warm im Flugzeug, es riecht nach Schweiß.

00:12:44.500 --> 00:12:51.200
Angstschweiß. Mein Vater sitzt starr auf einem Platz neben dem Notausgang.

00:12:51.200 --> 00:12:54.000
Er fühlt sich wie gelähmt.

00:12:54.000 --> 00:12:58.500
Da sagt der Anführer der Gruppe, Reinhold Reich, auf einmal,

00:12:58.500 --> 00:13:01.200
Herr Schlosser: Kollegen, das ist doch alles ein Schmarrn.

00:13:01.200 --> 00:13:06.000
Das ist doch das ist doch ein Himmelfahrtskommando.

00:13:06.000 --> 00:13:11.200
Wenn das tatsächlich so abläuft, dann gehen wir doch alle drauf.

00:13:11.200 --> 00:13:17.700
Patrizia Schlosser: Und als Reich das ausspricht, da fällt auf einmal die ganze Lähmung von meinem Vater ab.

00:13:17.700 --> 00:13:22.200
Herr Schlosser: Irgendwie war jeder erleichtert oder ich zumindest schon.

00:13:22.200 --> 00:13:24.500
Und das ist relativ schnell dann entschieden worden.

00:13:24.500 --> 00:13:28.700
Na, das machen wir nicht.

00:13:28.700 --> 00:13:33.000
Das ist ein Himmelfahrtskommandos, wo wir überhaupt keine Chance haben.

00:13:33.000 --> 00:13:35.700
Wenn das tatsächlich eintreten sollte.

00:13:35.700 --> 00:13:37.600
Er ist dann gegangen.

00:13:37.600 --> 00:13:42.800
Hat das ein paarmal gesagt und wir sind raus.

00:13:42.800 --> 00:13:45.600
Patrizia Schlosser: Die elf Polizisten verlassen das Flugzeug.

00:13:45.600 --> 00:13:47.600
Jetzt muss alles schnell gehen.

00:13:47.600 --> 00:13:52.000
Sie wissen, dass die zwei Hubschrauber mit den Terroristen gleich angeflogen kommen.

00:13:52.000 --> 00:13:56.000
Reinhold Reich informiert den Vorgesetzten Baumann über den Entschluss,

00:13:56.000 --> 00:13:59.700
dem bleibt nichts anderes übrig, als das abzunicken.

00:13:59.700 --> 00:14:02.800
Alle sollen sich jetzt rasch auf dem Gelände verteilen.

00:14:02.800 --> 00:14:07.800
Einige verstecken sich darauf am Rande des Flugplatzes, sodass sie die Terroristen im Blick haben,

00:14:07.800 --> 00:14:10.600
wenn die zum jetzt leeren Flugzeug gehen.

00:14:10.600 --> 00:14:14.000
Andere rennen zum Tower, auch mein Vater.

00:14:14.000 --> 00:14:17.200
Den Mechanikeranzug behält er einfach an.

00:14:17.200 --> 00:14:19.200
*Musik*

00:14:19.200 --> 00:14:22.100
Holger Klein: Die Polizisten haben damit zumindest ihr eigenes Leben gerettet.

00:14:22.100 --> 00:14:25.200
Wir kommen wieder zurück zu Uwe Ritzer.

00:14:25.200 --> 00:14:28.800
Der hat mir erzählt, wie es mit der Geiselnahme in Fürstenfeld-Bruck weiterging.

00:14:28.800 --> 00:14:33.200
Uwe Ritzer: Kurz darauf landeten die beiden Hubschrauber mit Terroristen und Geiseln,

00:14:33.200 --> 00:14:39.800
die beiden Terroristen, die Kommandoführer, Isar und sein sogenannter Stellvertreter Toni,

00:14:39.800 --> 00:14:44.800
inspizieren die Lufthansa Maschine, finden sie leer vor und stellen fest, das ist hier eine Falle.

00:14:44.800 --> 00:14:49.100
Und beim Rückweg zu den beiden Hubschraubern geht die Ballerei los.

00:14:49.100 --> 00:14:53.200
Deutsche, sogenannte Scharfschützen, das waren aber eigentlich nur Polizisten,

00:14:53.200 --> 00:14:58.600
die besser schießen konnten als andere Polizisten, aber keine Scharfschützen wie man das heute so kennt.

00:14:58.600 --> 00:15:05.100
Und die waren auch noch viel zu wenig und die Terroristen haben sich dann ein Feuergefecht geliefert über Stunden hinweg,

00:15:05.100 --> 00:15:06.500
das immer wieder unterbrochen wurde.

00:15:06.500 --> 00:15:17.100
Und im Zuge dieses Feuergefechts haben die Palästinenser die in den Hubschraubern gefesselten israelischen Geiseln mit Maschinengewehrsalven getötet,

00:15:17.100 --> 00:15:25.700
und in einen Hubschrauber eben auch eine Handgranate geworfen, deswegen kennen sie dieses Bild des ausgebrannten Hubschraubers.

00:15:25.700 --> 00:15:30.700
Holger Klein: Ist das der Grund, warum die Legende von den hochprofessionellen Terroristen erzählt wird,

00:15:30.700 --> 00:15:34.600
weil das Ding eigentlich von vorne bis hinten verpatzt worden ist?

00:15:34.600 --> 00:15:36.600
Uwe Ritzer: Ja eindeutig.

00:15:36.600 --> 00:15:44.200
Wenn Sie sich in den Archiven mal die Akten anschauen aus der Zeit vor den Olympischen Spielen 72,

00:15:44.200 --> 00:15:49.100
werden sie feststellen, die Polizei, die Sicherheitsbehörden die haben sich mit allen möglichen beschäftigt.

00:15:49.100 --> 00:15:53.200
Die Straßenprostitution könnte zunehmen, Taschendiebe könnte es mehr geben,

00:15:53.200 --> 00:15:57.500
es könnte mehr Einbrüche geben und überhaupt mehr Verkehr und alles mögliche

00:15:57.500 --> 00:16:00.800
und für alles hat man sich Szenarien überlegt und drüber nachgedacht,

00:16:00.800 --> 00:16:03.700
was man was man dagegen tun kann, wie man es verhindern kann.

00:16:03.700 --> 00:16:08.600
Nur das Thema Anschlag auf Olympia, das hatte niemand auf dem Schirm

00:16:08.600 --> 00:16:12.700
und das ist insofern umso fataler und umso verheerender,

00:16:12.700 --> 00:16:19.600
weil es mehrere Dutzend Hinweise von befreundeten Geheimdiensten gab, das wurde alles ignoriert.

00:16:19.600 --> 00:16:24.100
Die Polizei war auf so einen Zwischenfall überhaupt nicht vorbereitet

00:16:24.100 --> 00:16:27.700
und dementsprechend dilettantisch lief dann auch die Aktion ab.

00:16:27.700 --> 00:16:32.300
Holger Klein: Aber Sie haben eben selbst gesagt, das war eine Zeit, in der Terrorismus allgegenwärtig war,

00:16:32.300 --> 00:16:36.200
warum waren die ausgerechnet auf Terrorismus nicht vorbereitet?

00:16:36.200 --> 00:16:41.200
Uwe Ritzer: Zum einen hat man sich nicht vorstellen können, dass es irgendjemand auf der Welt wagt,

00:16:41.200 --> 00:16:45.000
diese großen heeren olympischen Spiele anzugreifen.

00:16:45.000 --> 00:16:51.000
Das war jenseits der Vorstellungskraft zumindest der verantwortlichen Sportfunktionäre und auch vieler Politiker.

00:16:51.000 --> 00:16:51.700
Das war das eine.

00:16:51.700 --> 00:16:59.300
Und das andere, man wollte sich in München bewusst abheben von den Hitlerspielen.

00:16:59.300 --> 00:17:08.400
Das bedeutet keine Uniformen, keine Hundeführer mit nervösen Hunden mit Beißkörben, keine Waffen.

00:17:08.400 --> 00:17:12.700
Man wollte ein fröhliches, ein buntes, ein offenes Land zeigen.

00:17:12.700 --> 00:17:17.000
Schauen Sie, es gab mehrere tausend Polizeibeamten, Grenzschützer und so weiter,

00:17:17.000 --> 00:17:21.700
die im olympischen Dorf Sicherheitsdienste übernahmen, von denen war keiner bewaffnet

00:17:21.700 --> 00:17:25.000
und die waren in Fantasieuniformen eingekleidet.

00:17:25.000 --> 00:17:30.500
Wenn da einer ein Problem hatte, sollte er den Arm heben, damit die anderen ihn sehen.

00:17:30.500 --> 00:17:39.700
Also Sie müssen sich vorstellen, man wollte die totale das totale Kontrastprogramm zu diesen waffenstarrenden, uniformstarrenden NS-Zeug von

00:17:39.700 --> 00:17:47.700
und hat natürlich in diesem guten Glauben gehandelt, hat zum Beispiel den Zaun um das olympische Dorf sehr niedrig gemacht

00:17:47.700 --> 00:17:52.900
und oben abgerundet, hat zum Beispiel die Kontrollen sehr lax gehandhabt,

00:17:52.900 --> 00:17:56.700
wer da rein- und rausgeht und und und und und.

00:17:56.700 --> 00:18:06.200
Letztendlich war es eine fahrlässige Naivität, vielleicht aus einer guten Absicht oder ganz sicher aus einer guten Absicht heraus,

00:18:06.200 --> 00:18:09.500
aber doch eben ein gewaltiges Versagen.

00:18:09.500 --> 00:18:11.900
Holger Klein: Ja und bekommen hat man dann eine Geiselnahme mit Toten.

00:18:11.900 --> 00:18:15.200
Da sind die Spiele dann für einen halben Tag unterbrochen worden.

00:18:15.200 --> 00:18:17.000
Danach hat man weitergefeiert im Grunde.

00:18:17.000 --> 00:18:20.000
Warum hat man nicht ganz abgebrochen?

00:18:20.000 --> 00:18:24.700
Uwe Ritzer: Na ja, die Entscheidung nicht abzubrechen, war in erster Linie eine Entscheidung /Name, unverständlich/,

00:18:24.700 --> 00:18:31.700
dem allmächtigen IOC-Präsidenten, der ja auch bei der Gedenkfeier diesen berühmten Satz gesagt hat,

00:18:31.700 --> 00:18:33.200
„the games must go on“.

00:18:33.200 --> 00:18:38.200
Interessant für uns, für Roman Deininger und mich als Buchautoren, war,

00:18:38.200 --> 00:18:41.500
mit wem auch immer wir gesprochen haben von den Beteiligten damals,

00:18:41.500 --> 00:18:47.000
ob das jetzt Leute waren, die im Hintergrund an den Spielen in der Orga oder wo auch immer beteiligt waren

00:18:47.000 --> 00:18:53.200
oder auch Sportlerinnen und Sportler, die haben uns gesagt, sie fanden das eigentlich damals verheerend.

00:18:53.200 --> 00:18:55.000
Einfach weiterzumachen.

00:18:55.000 --> 00:18:58.000
Heute sagen die meisten von denen, es war richtig,

00:18:58.000 --> 00:19:03.900
denn wenn man damals die Spiele abgebrochen hätte, dann hätte es wahrscheinlich nie wieder Olympische Spiele gegeben,

00:19:03.900 --> 00:19:09.200
dann hätte der Terrorismus über ja, lassen Sie es mich mal ein bisschen pathetisch formulieren,

00:19:09.200 --> 00:19:14.500
über die olympische Idee der Weltgemeinschaft gesiegt und das wollte man nicht.

00:19:14.500 --> 00:19:17.700
Die Frage ist natürlich im Nachhinein, wie man weitergemacht hat.

00:19:17.700 --> 00:19:25.000
Man hätte ja zum Beispiel auch vor jeder Sportveranstaltung ein würdiges Gedenken finden können,

00:19:25.000 --> 00:19:27.000
indem man eine Gedenkminute einlegt oder nicht.

00:19:27.000 --> 00:19:30.400
Man hat aber einfach weitergemacht, als wäre da nichts gewesen.

00:19:30.400 --> 00:19:34.200
Holger Klein: Mal ganz grundsätzlich gefragt, die Olympischen Spiele sind derart positiv besetzt

00:19:34.200 --> 00:19:41.500
und wenn die Gaze Welt dabei zuschaut, wie ein derart positives Ereignis von Terror überschattet wird,

00:19:41.500 --> 00:19:45.400
das kann doch überhaupt nicht im Sinne der Palästinenser gewesen sein.

00:19:45.400 --> 00:19:48.200
Hat die Nummer der Sache der Palästinenser genutzt?

00:19:48.200 --> 00:19:53.000
Uwe Ritzer: Also ich glaube, dass die Nummer der Sache der Palästinenser im Westen natürlich nicht genutzt hat,

00:19:53.000 --> 00:19:54.000
aber man darf nicht verkennen

00:19:54.000 --> 00:20:01.000
in den arabischen Ländern wurde dieser Anschlag auf die Spiele ’72 als Heldentat gefeiert.

00:20:01.000 --> 00:20:08.700
Als große Heldentat, da gab es spontane Kundgebungen in vielen arabischen Ländern in den Städten,

00:20:08.700 --> 00:20:11.000
wo die gefeiert, bejubelt wurden.

00:20:11.000 --> 00:20:18.200
Man darf sich nicht dem Trugschluss hingeben, dass dieser Anschlag die ganze Welt gegen die Palästinenser eingenommen hat,

00:20:18.200 --> 00:20:23.000
sondern das war schon so, dass in den Kreisen von militanten Arabern,

00:20:23.000 --> 00:20:28.200
von militanten Palästinensern dieser Anschlag auch eine Sogwirkung hatte.

00:20:28.200 --> 00:20:32.200
So kurios es klingt oder so schlimm, es klingt eine Vorbildwirkung.

00:20:32.200 --> 00:20:35.000
Holger Klein: Wie hat der Rest der Welt reagiert?

00:20:35.000 --> 00:20:37.400
Uwe Ritzer: Der Rest der Welt hat nicht einhellig reagiert.

00:20:37.400 --> 00:20:44.200
Irgendwann ist dieses Ereignis dann auch wieder so langsam aber sicher aus den Schlagzeilen verschwunden.

00:20:44.200 --> 00:20:48.900
Was man sagen kann ist, dass in Deutschland kein Interesse aufkam,

00:20:48.900 --> 00:20:51.900
diese Vorgänge in irgendeiner Form aufzuarbeiten.

00:20:51.900 --> 00:20:56.700
Nach wenigen Wochen hat die Polizeiführung erklärt, wir haben alles richtig gemacht.

00:20:56.700 --> 00:21:03.700
Sowohl München, also der Freistaat Bayern als auch die Bundesregierung als auch der Bundespräsident.

00:21:03.700 --> 00:21:10.500
Alle haben sich im Prinzip der Linie angeschlossen, das war halt nun mal dummerweise ein Anschlag auf deutschem Boden,

00:21:10.500 --> 00:21:16.000
aber eigentlich ist es ja ein Konflikt zwischen den Palästinensern und den Israelis

00:21:16.000 --> 00:21:19.000
und da haben wir ja eigentlich nix damit zu tun.

00:21:19.000 --> 00:21:25.400
Wir waren halt dummerweise nur die Kulisse für diesen Konflikt und im Übrigen haben wir auch nix falsch gemacht.

00:21:25.400 --> 00:21:32.000
Und mit dieser Mentalität hat man die Akten geschlossen, Deckel zu und Schluss. Das war die Devise.

00:21:32.000 --> 00:21:34.200
Holger Klein: Warum hat man die Akten so schnell geschlossen?

00:21:34.200 --> 00:21:37.700
Also man hätte doch ganz normal Aufklärungsarbeit machen können.

00:21:37.700 --> 00:21:41.000
Uwe Ritzer: Nein, das hätte man machen müssen, aber das wollte man ja nicht.

00:21:41.000 --> 00:21:49.700
Letztendlich ist es so, dass weder die Bundesregierung noch die Staatsregierung in München irgendein Interesse daran hatten,

00:21:49.700 --> 00:21:53.200
aufzuarbeiten, was da an Fehlern und Versäumnissen passiert ist.

00:21:53.200 --> 00:21:57.700
Es ist nie jemand zurückgetreten, weder einer der Verantwortlichen Minister,

00:21:57.700 --> 00:22:04.200
noch einer der Verantwortlichen Krisenmanager, kein Polizeiführer, niemand ist zurückgetreten.

00:22:04.200 --> 00:22:09.200
Es hat nie einen Untersuchungsausschuss gegeben, es hat nie eine Historikerkommission gegeben,

00:22:09.200 --> 00:22:12.000
die diese Vorgänge lückenlos aufgearbeitet hat.

00:22:12.000 --> 00:22:15.000
Holger Klein: Bleibt noch Israel, wie hat Israel darauf reagiert?

00:22:15.000 --> 00:22:19.700
Uwe Ritzer: In Israel schlug die Stimmung am 6. September binnen Stunden um.

00:22:19.700 --> 00:22:23.500
Am Anfang am Morgen die Nachricht, alle Geiseln wurden getötet.

00:22:23.500 --> 00:22:29.500
Golda Meir, die Ministerpräsidentin, hat noch auf die Bremse getreten und hat mit Willy Brandt telefoniert,

00:22:29.500 --> 00:22:34.200
dem deutschen Kanzler und ihm danach noch in einem Brief gedankt,

00:22:34.200 --> 00:22:40.200
so nach dem Motto: ich weiß, ja ihr Deutschen habt ja alles getan und hat auch ihre Leute angewiesen,

00:22:40.200 --> 00:22:44.500
man möge jetzt nicht in antideutsche Ressentiments verfallen.

00:22:44.500 --> 00:22:47.000
Aber dann passierte Folgendes.

00:22:47.000 --> 00:22:51.200
Gegen Mittag kam Zvi Samir, der Chef des Geheimdienstes Mossad,

00:22:51.200 --> 00:22:56.400
der den Anschlag in München ab einem gewissen Zeitpunkt vor Ort verfolgt hatte,

00:22:56.400 --> 00:23:01.700
der kam nach Tel Aviv zurück und erzählte, wisst ihr eigentlich, wie diese Deutschen versagt haben

00:23:01.700 --> 00:23:05.700
und er hat dem israelischen Kabinett im Detail erklärt, was da für Fehler gemacht wurden.

00:23:05.700 --> 00:23:10.900
Er hat ihnen erzählt: Ich habe denen angeboten, wir haben eine israelische Antiterroreinheit,

00:23:10.900 --> 00:23:15.000
dass sie die zum Einsatz bringen, das haben sie abgelehnt, die Deutschen

00:23:15.000 --> 00:23:18.500
und dann schlug die Stimmung in Israel sehr schnell um.

00:23:18.500 --> 00:23:26.500
Und die Wut wurde noch größer, als 54 Tage nach diesem Anschlag, nach diesem schrecklichen Massaker in Fürstenfeldbruck

00:23:26.500 --> 00:23:32.200
die drei überlebenden arabischen Terroristen binnen kürzester Zeit von den Deutschen freigelassen wurden,

00:23:32.200 --> 00:23:35.700
aufgrund einer Flugzeugentführung, wo sie freigepresst wurden.

00:23:35.700 --> 00:23:43.700
Da war natürlich politisch das Klima zwischen Tel Aviv und Berlin und zwischen Israel und Deutschland extrem vergiftet.

00:23:43.700 --> 00:23:50.200
Hinzu kam, die Israelis haben dann sich dazu entschlossen, etwas zu tun, was man natürlich moralisch fragwürdig finden kann.

00:23:50.200 --> 00:23:56.400
Sie haben eine geheime Sondereinheit gestartet haben das Operation Caesarea genannt.

00:23:56.400 --> 00:24:02.400
Und dieses Kommando, das man da ausgesucht hat, hatte in den folgenden Jahren alles versucht,

00:24:02.400 --> 00:24:09.200
um die Hintermänner, die Drahtzieher dieses Münchner Olympiaanschlags irgendwo auf der Welt zu jagen und zu töten.

00:24:09.200 --> 00:24:13.200
Das Schlimme daran ist, es hat natürlich auch unschuldige Menschen dann getroffen,

00:24:13.200 --> 00:24:17.200
Holger Klein: Jetzt ist 40 Jahre nach dem Attentat erst rausgekommen,

00:24:17.200 --> 00:24:18.700
dass da auch Rechtsextremisten dran beteiligt waren.

00:24:18.700 --> 00:24:20.900
Warum wussten wir das nicht vorher?

00:24:20.900 --> 00:24:23.200
Warum haben die sich überhaupt beteiligt?

00:24:23.200 --> 00:24:29.700
Uwe Ritzer: Weil sehr viele Akten in Zusammenhang mit dem Attentat 1972 sehr lange gesperrt waren.

00:24:29.700 --> 00:24:34.000
Und ein kleiner Teil von allerdings spannenden Akten ist es ja bis heute.

00:24:34.000 --> 00:24:41.700
Und es war vor zehn Jahren, als Kollegen des Spiegel die Herausgabe eines Teils von Akten juristisch erklagt haben

00:24:41.700 --> 00:24:51.200
und da stellte sich dann heraus, dass ein vor allem ein junger Rechtsextremist dem Drahtzieher des Attentats auf palästinensischer Seite,

00:24:51.200 --> 00:24:57.700
nämlich Abu Daut, einem der einflussreichen, mächtigen, militanten Palästinenserführern,

00:24:57.700 --> 00:25:00.000
bei der Vorbereitung des Attentats geholfen hat.

00:25:00.000 --> 00:25:04.000
Er hat ihn durch Deutschland kutschiert einige Wochen lang, er hat sich um ihn gekümmert,

00:25:04.000 --> 00:25:06.500
er hat Autos für die Palästinenser besorgt.

00:25:06.500 --> 00:25:11.900
Und er reiste dann später im Auftrag der PLO auch nach Paris,

00:25:11.900 --> 00:25:15.200
um einem jungen Mann ein Schreiben zu übergeben.

00:25:15.200 --> 00:25:21.500
Man vermutet, er vermutet das im Übrigen auch bis heute selber, dass dieser junge Mann Issa war,

00:25:21.500 --> 00:25:27.500
der Anführer des Münchner Terrorkommandos und dass es in dem Brief, der auf Arabisch abgefasst war,

00:25:27.500 --> 00:25:30.700
wahrscheinlich um dieses Münchner Attentat ging.

00:25:30.700 --> 00:25:35.400
Holger Klein: Einer Ihrer ersten Sätze hier im Gespräch war, viele erinnern sich an heitere Spiele.

00:25:35.400 --> 00:25:39.000
Die einen erinnern sich an heitere Spiele, die anderen an Terrorismus.

00:25:39.000 --> 00:25:41.200
Was überwiegt da, was denken Sie?

00:25:41.200 --> 00:25:47.200
Uwe Ritzer: Also wenn bei Olympischen Spielen zwölf unschuldige Menschen, elf unschuldige Israelis,

00:25:47.200 --> 00:25:52.900
die niemandem was tun wollten, sondern einfach nur an den Olympischen Spielen als Sportler,

00:25:52.900 --> 00:25:59.400
als Kampfrichter, als Trainer teilnehmen wollten, plus ein deutscher Polizist ums Leben kommen,

00:25:59.400 --> 00:26:03.000
durch einen Terroranschlag, dann überlagert das natürlich alles.

00:26:03.000 --> 00:26:12.200
Ich glaube aber, es wäre unzureichend, wenn man diese Spiele 1972 nur auf dieses Attentat reduzieren würde.

00:26:12.200 --> 00:26:17.500
Denn die Aufbruchstimmung, die bis zu diesem Attentat in Deutschland herrschte,

00:26:17.500 --> 00:26:22.700
dieses Bild eines neuen Deutschland, das man der Welt vermitteln wollte,

00:26:22.700 --> 00:26:28.700
diese Bundesrepublik, die diese dunklen Schatten der Nazizeit abzustreifen versucht.

00:26:28.700 --> 00:26:31.700
Das ist natürlich auch ein Teil der Wahrheit.

00:26:31.700 --> 00:26:38.200
Aber dieses Attentat hat natürlich vieles, vieles, vieles überlagert und überlagert es bis zum heutigen Tag.

00:26:38.200 --> 00:26:49.000
Und dass die Angehörigen der Opfer von damals überhaupt nichts mit dem Jubeln 50 Jahre Jubiläum der Spiele anfangen können,

00:26:48.000 --> 00:26:50.500
das halte ich persönlich für absolut verständlich.

00:26:50.500 --> 00:26:53.000
*Musik*

00:26:53.000 --> 00:26:57.700
Holger Klein: Die Frage ist jetzt, was müsste heute, 50 Jahre später noch passieren?

00:26:57.700 --> 00:27:01.500
Wie könnte Deutschland besser mit dem Attentat von '72 umgehen?

00:27:01.500 --> 00:27:08.200
Uwe Ritzer: Es ist an der Zeit, dass dieses Attentat endlich lückelnlos

00:27:08.200 --> 00:27:14.900
unter Hinzuziehung aller verfügbaren Akten und Informationen historisch sauber aufgearbeitet wird.

00:27:14.900 --> 00:27:16.700
Punkt 1.

00:27:16.700 --> 00:27:20.700
Punkt 2, es ist an der Zeit, dass Deutschland endlich in Gestalt des Bundespräsidenten

00:27:20.700 --> 00:27:28.000
oder eines anderen führenden Repräsentanten unseres Landes Verantwortung übernimmt für diese wahnsinnigen Fehler,

00:27:28.000 --> 00:27:35.000
die dazu beitrugen, dass elf Israelis und ein deutscher Polizist, zwölf Menschen ihr Leben verloren.

00:27:35.000 --> 00:27:37.200
Und das ist ja bis heute auch nicht geschehen.

00:27:37.200 --> 00:27:47.200
Und der dritte Punkt ist, dass natürlich endlich eine angemessene Entschädigung für die Hinterbliebenen der zwölf Opfer gezahlt werden muss,

00:27:47.200 --> 00:27:51.700
so wie das nach Terroranschlägen weltweit üblich ist.

00:27:51.700 --> 00:27:53.700
Holger Klein: Uwe Ritzer, vielen Dank.

00:27:53.700 --> 00:27:54.700
Uwe Ritzer: Ich danke Ihnen.

00:27:54.700 --> 00:27:57.500
*Musik*

00:27:57.500 --> 00:28:01.200
Holger Klein: „Ehrlich und offen“ solle man das Attentat aufarbeiten, hat Uwe Ritzer eben gesagt.

00:28:01.200 --> 00:28:02.900
Bisher war das eher schwierig.

00:28:02.900 --> 00:28:06.500
Sehr viele Akten im Zusammenhang mit dem Attentat waren über lange Zeit gesperrt.

00:28:06.500 --> 00:28:12.000
Und das Attentat hat auch sonst wenig Platz in der öffentlichen Debatte bekommen.

00:28:12.000 --> 00:28:14.700
Patrizia Schlosser: Also es gibt wirklich keine große Erinnerungskultur dazu.

00:28:14.700 --> 00:28:19.700
Also, ich glaube, jeder weiß, dass da irgendwas war, dass es da irgendeine Art von Anschlag gab,

00:28:19.700 --> 00:28:21.000
aber darüber hinaus nichts.

00:28:21.000 --> 00:28:25.900
Also, ich hab nach dem Podcast so viele Zuschriften von Leuten bekommen, die geschrieben haben,

00:28:25.900 --> 00:28:31.700
dass sie entsetzt sind, was damals passiert ist, dass sie das alles nicht wussten.

00:28:31.700 --> 00:28:33.000
Holger Klein: Das sagt Patrizia Schlosser.

00:28:33.000 --> 00:28:37.000
Sie beschäftigt sich in ihrem Podcast auch mit der Aufarbeitung des Attentats

00:28:37.000 --> 00:28:39.000
und mit den Folgen für die Hinterbliebenen.

00:28:39.000 --> 00:28:42.700
Wie Deutschland mit den Hinterbliebenen umgegangen ist, das nimmt sie so wahr.

00:28:42.700 --> 00:28:46.500
Patrizia Schlosser: Man hat sich offenbar einfach vorgestellt von deutscher Seite her, dass die jetzt trauern.

00:28:46.500 --> 00:28:50.000
Man hat ja entsprechend auch Beerdigungen begleitet und so weiter.

00:28:50.000 --> 00:28:55.500
Und danach ist es halt sozusagen vorbei, es ist halt eine Tragödie, man konnte nichts machen,

00:28:55.500 --> 00:29:01.500
eine menschliche Katastrophe und dann ja ist das halt auch sozusagen abgeschlossen von deutscher Seite gewesen.

00:29:01.500 --> 00:29:04.900
Aber für viele Hinterbliebene natürlich nicht.

00:29:04.900 --> 00:29:08.400
Und die haben sich dann eben gefragt, wie konnte das denn so schiefgehen?

00:29:08.400 --> 00:29:11.500
Und dann haben sie eben nachgefragt bei der deutschen Regierung.

00:29:11.500 --> 00:29:16.000
Die wollten, also vor allem Anki Spitzer, die Witwe des ermordeten israelischen Sportlers André Spitzer,

00:29:16.000 --> 00:29:21.500
die wollte Akteneinsicht haben, die wollte wissen, was ist genau passiert, dass mein Mann so zu Tode gekommen ist?

00:29:21.500 --> 00:29:23.900
Wie kann das eigentlich alles sein?

00:29:23.900 --> 00:29:28.900
Und Deutschland hat dann einfach versucht, das zu verhindern, also die haben sich so rauslaviert,

00:29:28.900 --> 00:29:35.400
rausgewunden, weil sie offenbar die Angst hatten, dass sie damit dann schlecht dastehen,

00:29:35.400 --> 00:29:39.200
wenn sie offen machen, was eigentlich alles schiefgelaufen ist.

00:29:39.200 --> 00:29:43.700
Und das ist natürlich fatal, weil das lässt ja Raum für alle möglichen Interpretationen,

00:29:43.700 --> 00:29:49.500
wo irgendwas verheimlicht wird, bildet das halt Raum für alle möglichen Theorien außen rum.

00:29:49.500 --> 00:29:53.000
Und so hat sich Deutschland da auch verhalten. Die haben einfach gemauert.

00:29:53.000 --> 00:29:58.000
Holger Klein: Anki Spitzer, die Witwe von André Spitzer, ist sicherlich die bekannteste Stimme der Hinterbliebenen.

00:29:58.000 --> 00:30:01.700
Sie kämpft seit 50 Jahren für die Aufarbeitung des Attentats.

00:30:01.700 --> 00:30:07.200
Schon in den 70er Jahren hat sie alles dafür getan, zu erfahren, was eigentlich genau passiert ist.

00:30:07.200 --> 00:30:11.500
Hier kommt nochmal ein Ausschnitt aus „Himmelfahrtskommando“ zu Anki Spitzers Anstrengungen,

00:30:11.500 --> 00:30:13.500
überhaupt nur Informationen zu bekommen.

00:30:13.500 --> 00:30:19.700
Patrizia Schlosser: Als Innenminister Genscher 1976 Israel besucht, da soll sie damit gedroht haben,

00:30:19.700 --> 00:30:25.500
sich vor seinen Flieger auf dem Rollfeld zu stellen, wenn er sich nicht endlich mit ihr trifft.

00:30:25.500 --> 00:30:33.200
Er tut es, für ganze 15 Minuten spricht er mit ihr und Elana Romano, der Witwe von Josef Romano,

00:30:33.200 --> 00:30:39.000
der versucht hatte, die Terroristen abzuwehren und angeschossen im Apartment verblutet ist.

00:30:39.000 --> 00:30:47.400
Nach dem Treffen lässt Genscher schriftlich ausrichten, es gäbe keine Dokumente, die er übergeben könnte.

00:30:47.400 --> 00:30:56.700
20 Jahre wird es dauern, dann meldet sich nach einem von Anki Spitzers Fernsehauftritten in Deutschland jemand anonym bei ihr.

00:30:56.700 --> 00:31:03.900
Der Unbekannte lässt ihr heimlich einen Teil der Unterlagen zukommen, die die deutsche Regierung ihr verweigert.

00:31:03.900 --> 00:31:15.200
Unbegreiflich, dass deutsche Politiker einfach 20 Jahre lang gelogen haben und gesagt haben, es gäbe diese Unterlagen nicht.

00:31:15.200 --> 00:31:23.200
Mit den geleakten Akten als Beweis in der Hand bekommen Anki Spitzer und die anderen Hinterbliebenen endlich offiziell Akteneinsicht.

00:31:23.200 --> 00:31:26.500
Erst da erfahren sie das ganze Ausmaß des Versagens.

00:31:26.500 --> 00:31:34.200
O-Ton: After it happened, all they could do, is send each other memos: Don't take responsibility.

00:31:34.200 --> 00:31:40.500
Why not? Eleven people where murdered, and i said, listen, we have to take this to court.

00:31:40.500 --> 00:31:44.700
Because some people are responsible and nobody is taking responsibility.

00:31:44.700 --> 00:31:50.500
Patrizia Schlosser: Dass die Verantwortlichen keine Verantwortung übernehmen, findet Anki Spitzer unbegreiflich.

00:31:50.500 --> 00:31:55.700
Warum eigentlich nicht? Das fragt sie sich. Es wurden schließlich elf Menschen ermordet.

00:31:55.700 --> 00:31:58.700
Holger Klein: Anki Spitzer und andere Hinterbliebene sind dann vor Gericht gegangen

00:31:58.700 --> 00:32:04.400
und haben 30 Jahre nach dem Attentat von Deutschland eine Zahlung über 3 Millionen Euro bekommen.

00:32:04.400 --> 00:32:10.700
Zusammen mit einer Zahlung direkt nach dem Attentat, sind insgesamt circa 4 Millionen Euro Entschädigung gezahlt worden.

00:32:10.700 --> 00:32:14.400
Im Vergleich zu anderen Terroropfern ist das eine ziemlich niedrige Summe.

00:32:14.400 --> 00:32:18.900
Anki Spitzer hat sich seitdem für eine höhere Entschädigungszahlung eingesetzt.

00:32:18.900 --> 00:32:20.700
Dabei geht es ihr auch um Anerkennung.

00:32:20.700 --> 00:32:25.000
Patrizia Schlosser: Als mein Vater und ich Anki Spitzer und ihre Tochter Anouk Spitzer besucht haben,

00:32:25.000 --> 00:32:31.200
hat uns Anki Spitzer gesagt, dass noch nie ein Deutscher, der damals mit dran beteiligt war,

00:32:31.200 --> 00:32:33.500
sich bei ihr entschuldigt hätte.

00:32:33.500 --> 00:32:41.200
Es gibt zwar Frank-Walter Steinmeier, der 2017 bei der Einweihung von dem Olympiadenkmal im Olympiadorf zwar gesagt hat,

00:32:41.200 --> 00:32:45.200
dass Fehler gemacht wurden, so in der Richtung, vom Wortlaut her,

00:32:45.200 --> 00:32:48.700
aber dass sich mal jemand von den Verantwortlichen hingestellt hat und gesagt hätte,

00:32:48.700 --> 00:32:54.400
es tut uns leid, wir haben versagt, dass es nicht einfach nur eine menschliche Katastrophe,

00:32:54.400 --> 00:33:01.000
eine Tragödie gewesen ist, wir sind Schuld, das gab es nie und das wünschen sich die Hinterbliebenen eigentlich

00:33:01.000 --> 00:33:05.500
und entsprechend schön war das dann, also schön in Anführungszeichen,

00:33:05.500 --> 00:33:08.400
dass mein Vater halt dort hingegangen ist und sich entschuldigt hat.

00:33:08.400 --> 00:33:13.500
Er ist zwar nur ein kleiner Polizist gewesen und keiner, der Verantwortung hatte in dem Sinne,

00:33:13.500 --> 00:33:17.900
aber Anki Spitzer hat auf jeden Fall gesagt, dass sie das wahnsinnig zu schätzen weiß,

00:33:17.900 --> 00:33:21.400
dass er sich bei ihr entschuldigen möchte.

00:33:21.400 --> 00:33:27.000
Holger Klein: Jetzt, zum 50. Jubiläum von Olympia in München, liegt der öffentliche Fokus auch auf dem Attentat.

00:33:27.000 --> 00:33:31.200
Und vielleicht kann das für die Aufarbeitung etwas bewirken, meint Patrizia Schlosser.

00:33:31.200 --> 00:33:34.700
Patrizia Schlosser: Das ist für mich so der große Knackpunkt, wenn das jetzt gelingt,

00:33:34.700 --> 00:33:39.700
dort eine Aussöhnung herzustellen mit den Hinterbliebenen, dann wäre das wirklich was,

00:33:39.700 --> 00:33:43.400
was dieses Jubiläum dann geleistet hätte, weil da jetzt so viel drauf zuläuft

00:33:43.400 --> 00:33:47.700
und so eine Spannung jetzt da drin ist durch diese Forderung der Hinterbliebenen,

00:33:47.700 --> 00:33:51.900
dass es echt zu einem Moment werden könnte, ab dem das eine andere Richtung nimmt,

00:33:51.900 --> 00:33:56.000
wie das mit der Aufklärung dieses Attentats vorangegangen ist.

00:33:55.920 --> 00:34:02.160
*Musik*

00:34:02.320 --> 00:34:03.781
Holger Klein: Was wir also mitnehmen können.

00:34:04.003 --> 00:34:12.820
1. Deutschland hatte mit den „heiteren Spielen“ 1972 eigentlich ein positives Bild in der Welt abliefern wollen, wie Uwe Ritzer erklärt hat.

00:34:13.159 --> 00:34:23.217
Auf das Attentat war man überhaupt nicht vorbereitet. Zweitens, Behörden und Politik haben ihr Versagen jahrzehntelang verschleiert. Angehörige belogen und Akten gesperrt.

00:34:23.385 --> 00:34:31.742
Das wird dadurch noch viel brisanter, dass die Attentäter aktiv von deutschen Rechtsextremisten unterstützt wurden. Was aber erst 2012 bekannt wurde.

00:34:32.595 --> 00:34:43.598
Drittens, die Hinterbliebenen der Opfer fühlen sich bis heute von Deutschland nicht angemessen entschädigt und ernst genommen, wie wir von Patrizia Schlosser gehört haben.

00:34:43.598 --> 00:34:47.598
*Musik*

00:34:44.046 --> 00:34:52.168
Holger Klein: Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“. In der APuZ zum Thema „München 1972“ finden Sie einen Text von Uwe Ritzer zusammen mit Roman Deininger.

00:34:52.877 --> 00:35:06.167
In der APuZ finden Sie außerdem Beiträge von Thomas Riegler, Eva Oberloskamp, Juliane Lanz, Eitan M. Mashiah, Joseph Ben Prestel, Ronny Blaschke und Elisabeth Spieker.
Den Link zur Ausgabe finden Sie in den Shownotes.

00:35:06.587 --> 00:35:17.465
Und natürlich freuen wir uns, wenn Sie Feedback zu dieser Folge haben.
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de
Ich bin Holger Klein und danke für die Aufmerksamkeit.

00:35:17.360 --> 00:35:33.200
*Musik*

00:35:33.072 --> 00:35:38.386
Holger Klein: Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:35:38.752 --> 00:35:49.720
Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Julia Günther, Johannes Piepenbrink und Robin Siebert.
Schnitt: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald. Produktion: hauseins.
Am Mikrofon war Holger Klein.

00:35:50.158 --> 00:35:56.871
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.
