WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:02.300
Holger Klein: Willkommen zu „Aus Politik und Zeitgeschichte“,

00:00:02.300 --> 00:00:05.900
einem Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung.

00:00:05.900 --> 00:00:11.000
Ich bin Holger Klein, und wir sprechen heute darüber, was es bedeutet, Schwarz und Deutsch zu sein.

00:00:11.000 --> 00:00:13.600
Wenn Sie sich nach dem Hören tiefer mit dem Thema befassen wollen,

00:00:13.600 --> 00:00:18.800
finden Sie die APuZ zum Thema auf bpb.de/apuz.

00:00:18.800 --> 00:00:20.300
Und noch ein kurzer Hinweis:

00:00:20.300 --> 00:00:24.100
Wenn wir in dieser Folge von Schwarz und weiß sprechen,

00:00:24.100 --> 00:00:28.100
dann benutzen wir diese Begriffe als Bezeichnungen für politische und soziale Konstrukte,

00:00:28.100 --> 00:00:33.200
die zur Diskriminierung beziehungsweise zur Dominanz einer bestimmten Gruppe führen.

00:00:33.200 --> 00:00:34.600
*Musik*

00:00:34.600 --> 00:00:40.300
O-Ton Protest: „No justice, no peace.“

00:00:40.300 --> 00:00:46.600
Holger Klein: 2020 wurde in Minneapolis der Afroamerikaner George Floyd von einem weißen Polizisten getötet.

00:00:46.600 --> 00:00:50.300
Die Protestwelle, die darauf folgte, schwappte bis nach Deutschland.

00:00:50.300 --> 00:00:55.700
Auch hier bei uns hat die Bewegung „Black Lives Matter“ den Blick auf anti-Schwarzen Rassismus gelenkt,

00:00:55.700 --> 00:00:58.600
eine Auseinandersetzung, die lange ausgeblieben war.

00:00:58.600 --> 00:01:04.400
Und auch die jahrhundertelange Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland wird bis heute oft ausgeblendet.

00:01:04.400 --> 00:01:07.500
Dabei leben in Deutschland rund eine Million Schwarze Menschen,

00:01:07.500 --> 00:01:10.500
und das teilweise seit mehreren Generationen.

00:01:10.500 --> 00:01:15.200
Trotzdem werden sie im Alltag mitunter gefragt, wo sie denn „eigentlich“ herkommen.

00:01:15.200 --> 00:01:20.700
Dabei sollte es inzwischen eine Selbstverständlichkeit sein: Schwarz und Deutsch zu sein.

00:01:20.700 --> 00:01:23.500
Was bedeutet es also Schwarz und Deutsch zu sein?

00:01:23.500 --> 00:01:25.500
Darum geht’s in dieser Folge.

00:01:25.500 --> 00:01:30.200
Zusammen mit der Historikerin Julia Roos schauen wir auf die Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland.

00:01:30.200 --> 00:01:33.200
Roos: Es gibt verschiedene Schichten von Vergessen,

00:01:33.200 --> 00:01:37.500
wir haben die Kolonialverbrechen, den Genozid an den Herero und Nama

00:01:37.500 --> 00:01:42.200
im frühen 20. Jahrhundert lange Zeit nicht wirklich bearbeitet.

00:01:42.200 --> 00:01:49.000
Wir haben die sogenannten farbigen Besatzungskinder des ersten Weltkriegs lange Zeit vergessen gehabt.

00:01:49.000 --> 00:01:53.500
Holger Klein: Und ich habe mich mit der Kulturwissenschaftlerin und politischen Bildnerin Peggy Piesche

00:01:53.500 --> 00:01:56.200
und dem Autor Ijoma Mangold zum Gespräch getroffen,

00:01:56.200 --> 00:01:59.900
um über den deutschen Umgang mit Anti-Schwarzem Rassismus zu sprechen.

00:01:59.900 --> 00:02:03.900
Mangold: Ich selber zumindest glaube nicht, dass ich mein eigenes Leben besser begreife,

00:02:03.900 --> 00:02:08.000
wenn ich es vor allem und in erster Linie unter dem Gesichtspunkt betrachte,

00:02:08.000 --> 00:02:09.900
dass ich Schwarz bin.

00:02:09.900 --> 00:02:14.100
Piesche: Rassismus ist auf einer strukturellen Ebene etwas, was uns alle betrifft,

00:02:14.100 --> 00:02:19.000
und da können wir auch alle, wo wir sind, können wir schauen und können einwirken,

00:02:19.000 --> 00:02:25.000
wie Ungleichheiten strukturiert sind und wie sie sich unterschiedlich auch auswirken.

00:02:25.000 --> 00:02:40.400
*Musik*

00:02:40.400 --> 00:02:44.600
Holger Klein: Die Präsenz Schwarzer Menschen in Deutschland lässt sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen.

00:02:44.600 --> 00:02:49.600
Damals kamen Schwarze Menschen als Sklaven und Bedienstete an europäische Höfe.

00:02:49.600 --> 00:02:55.000
Als Deutschland dann Kolonien in Afrika und Asien eroberte, ab den 1880er Jahren,

00:02:55.000 --> 00:02:59.300
gab es durch die neuen Schiffsverbindungen für Schwarze Menschen aus unterschiedlichen Ländern die Möglichkeit,

00:02:59.300 --> 00:03:03.800
nach Deutschland zu kommen, nicht immer geschah das allerdings freiwillig.

00:03:03.800 --> 00:03:06.100
Es entwickelte sich eine Schwarze Community in Deutschland.

00:03:06.100 --> 00:03:10.600
Die war recht klein, ein paar Tausend Schwarze Menschen, aber doch sichtbar.

00:03:10.600 --> 00:03:15.400
Rassistische Vorurteile gegen die Schwarze Community waren auch damals schon präsent.

00:03:15.400 --> 00:03:22.000
Das sagt Julia Roos, sie ist Professorin für Geschichte an der Indiana University in Bloomington in den USA.

00:03:22.000 --> 00:03:26.500
Roos: Die Tatsache, dass nur eine sehr kleine Anzahl von schwarzen Menschen in Deutschland lebte,

00:03:26.500 --> 00:03:33.800
hatte oft nicht viel damit zu tun, was an rassistischen Ängsten entstand oder virulent wurde.

00:03:33.800 --> 00:03:41.300
Denn leider sind solche Ängste ja, haben mit der Realität und mit Zahlen wenig zu tun.

00:03:41.300 --> 00:03:44.500
Holger Klein: Solche rassistischen Narrative verstärken sich dann mit dem Ersten Weltkrieg.

00:03:44.500 --> 00:03:51.500
Zunächst sind vor allem die Truppen aus den jeweiligen afrikanischen Kolonien mit rassistischen Propagandakampagnen konfrontiert.

00:03:51.500 --> 00:03:53.800
Roos: Der erste Weltkrieg ist ungemein wichtig,

00:03:53.800 --> 00:03:58.500
weil Deutschland verliert die eigenen Kolonien relativ früh im Verlauf des Krieges.

00:03:58.500 --> 00:04:01.900
Und von daher bietet sich für Deutschland gar nicht die Möglichkeit,

00:04:01.900 --> 00:04:06.000
Kolonialtruppen aus Afrika nach Europa zu bringen.

00:04:06.000 --> 00:04:10.600
England tut dies in einem kleineren Umfang, Frankreich tut dies im relativ großen Umfang.

00:04:10.600 --> 00:04:14.000
und da werden ganz früh schon im Verlauf des Ersten Weltkriegs

00:04:14.000 --> 00:04:19.000
Propagandaschriften vom deutschen Militär maßgeblich mit herausgegeben,

00:04:19.000 --> 00:04:24.800
wo es behauptet wird, dass also französische Kolonialsoldaten besonders aus dem Senegal,

00:04:24.800 --> 00:04:28.300
aber auch aus dem Maghreb, also „Barbaren“ sind,

00:04:28.300 --> 00:04:31.600
dass die sich nicht an die Regeln eines zivilisierten Krieges,

00:04:31.600 --> 00:04:35.100
was auch immer das ist, halten.

00:04:35.100 --> 00:04:39.600
Holger Klein: Solche Propaganda wird dann auch in der Besatzungszeit nach dem Krieg fortgesetzt,

00:04:39.600 --> 00:04:42.300
als Schwarze Soldaten in Deutschland weiterhin präsent bleiben.

00:04:42.300 --> 00:04:48.600
Roos: Historikerinnen gehen davon aus, dass in den unmittelbaren Nachkriegszeiten 1919, 1920

00:04:48.600 --> 00:04:53.500
im Schnitt 25.000 französische Kolonialtruppen im Rheinland stationiert sind,

00:04:53.500 --> 00:04:57.600
wobei die senegalesischen Truppen schon ganz früh abgezogen werden,

00:04:57.600 --> 00:05:02.600
also schon nach sechs Monaten sind die nicht mehr da.

00:05:02.600 --> 00:05:08.300
Es entwickelt sich dann aber eine deutsche Propaganda gegen diese französischen Kolonialtruppen,

00:05:08.300 --> 00:05:11.300
die nennt sich „Schwarze Schmach am Rhein“.

00:05:11.300 --> 00:05:16.100
Das ist also das rassistische Wort, das da für diese Kolonialtruppen benutzt wird,

00:05:16.100 --> 00:05:26.000
und diese Propaganda fixiert sich auf angebliche Sexualverbrechen Schwarzer Soldaten gegen Deutsche, weiße Frauen.

00:05:26.000 --> 00:05:31.600
Holger Klein: Diese Propaganda von der sogenannten „Schwarzen Schmach“ hat faktisch keinerlei Grundlage, im Gegenteil.

00:05:31.600 --> 00:05:35.100
Roos: Tatsächlich gibt es Statistiken, die zeigen, dass weiße alliierte Soldaten,

00:05:35.100 --> 00:05:38.300
darunter auch amerikanische alliierte Soldaten,

00:05:38.300 --> 00:05:41.000
sich durchaus weniger zivil verhalten haben,

00:05:41.000 --> 00:05:45.300
aber diese Informationen geraten nicht an die Öffentlichkeit.

00:05:45.300 --> 00:05:48.300
Holger Klein: Dieser Mythos von der sogenannten „Schwarzen Schmach“

00:05:48.300 --> 00:05:53.500
markiert ein neues Level von anti-Schwarzem Rassismus in Deutschland, sagt Julia Roos.

00:05:53.500 --> 00:05:57.500
Denn dieses Narrativ nimmt ein weiteres rassistisches Versatzstück mit auf:

00:05:57.500 --> 00:06:03.300
Roos: Was da auch jetzt kommt, ist, Ängste vor sogenannter biologischer Verseuchung,

00:06:03.300 --> 00:06:05.300
durch sogenannte Rassenmischung.

00:06:05.300 --> 00:06:08.800
Und das hat eine Vorgeschichte in den deutschen Kolonien,

00:06:08.800 --> 00:06:15.500
denn in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg werden in einer Reihe deutscher Kolonien neue Gesetze erlassen.

00:06:15.500 --> 00:06:20.800
Das sind koloniale Gesetze, also die verbieten Ehen zwischen Schwarzen und Weißen,

00:06:20.800 --> 00:06:25.100
also weiße Siedler, sollen indigene Frauen nicht heiraten,

00:06:25.100 --> 00:06:29.100
Kinder aus solchen Verbindungen sollen keine Deutsche sein.

00:06:29.100 --> 00:06:32.300
Mit dieser Kampagne gegen die sogenannte „Schwarze Schmach“

00:06:32.300 --> 00:06:37.600
werden diese kolonialen Ängste und Diskurse auf die deutsche Gesellschaft übertragen.

00:06:37.600 --> 00:06:42.300
Holger Klein: In Deutschland werden während der Besatzungszeit Kinder von alliierten, Schwarzen Soldaten gezeugt,

00:06:42.300 --> 00:06:44.300
sogenannte Besatzungskinder.

00:06:44.300 --> 00:06:47.300
Diese Kinder waren offiziell Schwarz und Deutsch

00:06:47.300 --> 00:06:51.600
und in den folgenden Jahren Opfer extremer rassistischer Zuschreibungen.

00:06:51.600 --> 00:06:55.600
Die Propaganda gegen Schwarze Menschen wirkt hier lange weiter.

00:06:55.600 --> 00:07:03.300
Zur Zeit des Nationalsozialismus werden 1937 zwischen 400 und 600 dieser Besatzungskinder zwangssterilisiert.

00:07:03.300 --> 00:07:08.100
Und im Zweiten Weltkrieg kommt es schon früh zu Massakern an Schwarzen französischen Soldaten.

00:07:08.100 --> 00:07:12.100
Ab Gründung der Bundesrepublik sieht Julia Roos eine Veränderung im Diskurs.

00:07:12.100 --> 00:07:16.800
Das zeigt zum Beispiel eine Studie des Psychologen Klaus Eifert in den 50er Jahren.

00:07:16.800 --> 00:07:22.100
Roos: Sowohl Weiße als auch Schwarze, sogenannte Besatzungskinder, werden untersucht

00:07:22.100 --> 00:07:25.300
und Eifert kommt zu dem Schluss, dass es keinerlei Beweis gibt,

00:07:25.300 --> 00:07:29.600
dass „Rasse“ in Anführungsstrichen überhaupt einen Unterschied macht,

00:07:29.600 --> 00:07:32.100
in Fragen der Intelligenz oder in anderen Hinsichten,

00:07:32.100 --> 00:07:36.000
sondern das ist die Stigmatisierung des sogenannten Besatzungskindes,

00:07:36.000 --> 00:07:40.000
das außerehelich ist, dessen Mütter oft arm sind,

00:07:40.000 --> 00:07:43.100
das sind die Nachteile, die Studie zeigt auch,

00:07:43.100 --> 00:07:46.600
dass viele Lehrer immer noch im Nationalsozialismus verhaftet sind

00:07:46.600 --> 00:07:52.300
in den 50er Jahren und rassistische Vorstellungen haben zu diesen Kindern

00:07:52.300 --> 00:07:54.300
und dass die Kinder darunter leiden.

00:07:54.300 --> 00:07:57.000
Hier wird also Rassismus thematisiert.

00:07:57.000 --> 00:07:59.300
Holger Klein: Es gibt auch erste Anti-Diskriminierungsprogramme.

00:07:59.300 --> 00:08:03.100
Gleichzeitig versucht man aber auch, die Schwarzen Besatzungskinder loszuwerden.

00:08:03.100 --> 00:08:07.300
Roos: Es gibt Zählungen von sogenannten farbigen Besatzungskindern.

00:08:07.300 --> 00:08:15.100
Und zunächst ist das davon motiviert, dass als die westdeutsche Bundesregierung versuchen will,

00:08:15.100 --> 00:08:19.800
möglichst viele dieser Kinder, vor allen Dingen, weil die oft außerehelich sind,

00:08:19.800 --> 00:08:22.800
in die USA zu den Vätern abzuschieben.

00:08:22.800 --> 00:08:26.100
Also das ist ursprünglich ein wichtiger Plan.

00:08:26.100 --> 00:08:28.100
Wie werden wir die Kinder los?

00:08:28.100 --> 00:08:32.300
Wir zählen die, wir lokalisieren die und wenn die Mutter dazu bereit sind,

00:08:32.300 --> 00:08:36.700
dass Kind zur Adoption freizugeben, dann versuchen wir die in die USA zu bringen.

00:08:36.700 --> 00:08:39.000
Und das klappt aber in vielen Fällen nicht,

00:08:39.000 --> 00:08:42.200
die allergrößte Mehrheit der Mütter wollen die Kinder nicht zur Adoption freigeben.

00:08:42.200 --> 00:08:44.800
Holger Klein: Insgesamt steht die Geschichte Schwarzer deutscher Menschen

00:08:44.800 --> 00:08:49.000
und eine kritische Auseinandersetzung damit bis heute kaum im öffentlichen Fokus.

00:08:49.200 --> 00:08:51.000
Julia Roos sagt:

00:08:51.000 --> 00:08:55.200
Roos: Also ich denke, es gibt verschiedene Schichten von Vergessen,

00:08:55.200 --> 00:08:59.800
wir haben die Kolonialverbrechen, den Genozid an den Herero und Nama

00:08:59.800 --> 00:09:04.700
im frühen 20. Jahrhundert lange Zeit nicht wirklich bearbeitet.

00:09:04.700 --> 00:09:12.200
Wir haben die sogenannten farbigen Besatzungskinder des ersten Weltkriegs lange Zeit vergessen gehabt.

00:09:12.200 --> 00:09:16.200
Und dann haben wir die zweite Generation sogenannter „farbiger Besatzungskinder“,

00:09:16.200 --> 00:09:18.200
die nach dem zweiten Weltkrieg geboren wurden

00:09:18.200 --> 00:09:23.700
und die ja dann auch ab den 60er, 70er Jahren als erfolgreich integriert galten

00:09:23.700 --> 00:09:30.100
und da ist auch die Geschichte im Grunde genommen nur sehr unvollkommen lange Zeit bekannt gewesen.

00:09:30.100 --> 00:09:36.100
Holger Klein: Für dieses Vergessen oder Ausblenden Schwarzer Geschichte in Deutschland sieht Julia Roos historisch klare Gründe.

00:09:36.100 --> 00:09:39.100
Roos: In der frühen Bundesrepublik wollte man gerne glauben,

00:09:39.100 --> 00:09:43.200
dass Deutschland ja keine schreckliche Kolonialgeschichte hat,

00:09:43.200 --> 00:09:47.300
denn der Holocaust an den Juden war unbestreitbar

00:09:47.300 --> 00:09:51.200
und hat auch viele Menschen entsetzt innerhalb und außerhalb Deutschlands

00:09:51.200 --> 00:09:56.200
und liberale Deutsche, oft auch durchaus fortschrittliche Deutsche hofften,

00:09:56.200 --> 00:09:59.200
dass man jetzt durch die Integration,

00:09:59.200 --> 00:10:04.200
die erfolgreiche Integration der sogenannten farbigen Besatzungskinder des zweiten Weltkriegs

00:10:04.200 --> 00:10:10.600
Deutsche zu Toleranz erziehen könnte, dass Deutschland also hier eine Chance hatte,

00:10:10.600 --> 00:10:15.000
die Deutsche Gesellschaft zu demokratisieren und der Welt auch zu demonstrieren,

00:10:15.000 --> 00:10:18.200
wir sind nicht nicht mehr alle Nazis.

00:10:18.200 --> 00:10:23.200
Das hieß aber, man man konnte nicht zu genau hingucken, was war im im Kolonialreich passiert

00:10:23.200 --> 00:10:28.000
oder was ist denn mit den farbigen Besatzungskindern des Ersten Weltkriegs passiert?

00:10:28.000 --> 00:10:31.300
*Musik*

00:10:31.300 --> 00:10:35.700
Holger Klein: Schwarze deutsche Geschichte ist offenbar noch immer kein Teil unserer kollektiven Erinnerung

00:10:35.700 --> 00:10:37.000
bis in die Gegenwart.

00:10:37.000 --> 00:10:40.100
Aber wie sieht diese Gegenwart für Schwarze Menschen aus?

00:10:40.100 --> 00:10:43.200
Anti-Schwarzen Rassismus gibt es auf jeden Fall immer noch,

00:10:43.200 --> 00:10:45.300
er ist Teil Schwarzer deutscher Lebensrealität.

00:10:45.300 --> 00:10:48.700
Das wurde vor Kurzem im Afrozensus festgestellt.

00:10:48.700 --> 00:10:53.500
Der Afrozensus ist die erste umfassende Studie, die gezielt die Lebensrealität Schwarzer,

00:10:53.500 --> 00:10:58.100
afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland untersucht.

00:10:58.100 --> 00:11:03.200
97,3 Prozent der Befragten geben an, dass sie Diskriminierung erleben.

00:11:03.200 --> 00:11:07.700
Bei fast der Hälfte der Teilnehmenden passiert das „oft“ oder „sehr häufig“.

00:11:07.700 --> 00:11:10.600
Wie Diskriminierung den Alltag Schwarzer Menschen prägt,

00:11:10.600 --> 00:11:15.200
wie der anti-rassistische Diskurs heute geführt wir und wie er sich entwickeln sollte,

00:11:15.200 --> 00:11:18.200
darüber habe ich mit Peggy Piesche und Ijoma Mangold gesprochen.

00:11:18.200 --> 00:11:22.200
Peggy Piesche arbeitet für die Bundeszentrale für politische Bildung in Gera

00:11:22.200 --> 00:11:26.300
und leitet dort den Fachbereich „Politische Bildung und plurale Demokratie“,

00:11:26.300 --> 00:11:30.600
Ijoma Mangold ist Autor und kulturpolitischer Korrespondent der „Zeit“.

00:11:30.600 --> 00:11:37.300
*Musik*

00:11:37.300 --> 00:11:39.200
Holger Klein: Hallo Frau Piesche. Hallo Herr Mangold.

00:11:39.200 --> 00:11:40.200
Piesche: Hallo, ich grüße Sie.

00:11:40.200 --> 00:11:41.800
Mangold: Ich grüße auch.

00:11:41.800 --> 00:11:46.100
Holger Klein: Wie lebt es sich heutzutage eigentlich als Schwarzer Mensch in Deutschland?

00:11:46.100 --> 00:11:49.600
Mangold: Ich schaue nicht auf mein Leben in Deutschland unter dem Gesichtspunkt

00:11:49.600 --> 00:11:53.000
wie es sich als Schwarzer anfühlt auf Schritt und Tritt.

00:11:53.000 --> 00:11:59.000
Manchmal kommt mir diese Frage, aber mein Normalmodus,

00:11:59.000 --> 00:12:01.700
in meinem normalen Lebensvollzugsmodus merke ich es gar nicht.

00:12:01.700 --> 00:12:10.800
Und ich merke es natürlich heute sowieso viel weniger als sagen wir in meiner Kindheit vor 40 Jahren,

00:12:10.800 --> 00:12:14.100
wo ich einfach noch etwas exotischer war.

00:12:14.100 --> 00:12:18.600
Und jetzt hat sich die Demografie so stark geändert.

00:12:18.600 --> 00:12:22.200
Es wird ja auch immer gesagt, jeder vierte Deutsche hat ein Migrationshintergrund.

00:12:22.200 --> 00:12:25.000
Das fällt überhaupt nicht mehr auf.

00:12:25.000 --> 00:12:30.300
Deswegen kann ich Ihnen jetzt auch nicht irgendwie die Augen öffnen für so ein ganz anderes Lebensgefühl,

00:12:30.300 --> 00:12:33.200
dass man als Schwarzer in Deutschland hat.

00:12:33.200 --> 00:12:36.200
Holger Klein: Trotzdem sagen Sie, manchmal kommt diese Frage,

00:12:36.200 --> 00:12:39.200
wann, also zu welchen Gelegenheiten kommt diese Frage?

00:12:39.200 --> 00:12:44.200
Mangold: Naja, Abweichung ist ja generell in jeder Gesellschaft immer eine Herausforderung,

00:12:44.200 --> 00:12:47.700
auf die man vermutlich mit ein bisschen mehr Energie reagieren muss.

00:12:47.700 --> 00:12:51.700
Und diese Erfahrung, naja klar, die haben bestimmt mein Leben geprägt,

00:12:51.700 --> 00:12:55.200
nicht in einer dramatischen und schon gar nicht in einer traumatisierenden,

00:12:55.200 --> 00:13:00.200
aber in einer meine spezifische Persönlichkeit bildenden Art und Weise.

00:13:00.200 --> 00:13:02.200
Nehmen wir so ein Beispiel.

00:13:02.200 --> 00:13:04.800
Das fiel natürlich meinen Freunden zu Gymnasiumszeiten schon früh auf,

00:13:04.800 --> 00:13:09.600
dass ich so ein bisschen übertrieben artikuliert scharfes Hochdeutsch spreche.

00:13:09.600 --> 00:13:13.100
Ich würde, auch wenn es Küchenpsychologie ist, trotzdem denken,

00:13:13.100 --> 00:13:19.300
dass das eine Reaktion ist, denn wenn sie rein äußerlich physisch erstmal nicht wie ein Deutscher aussehen,

00:13:19.300 --> 00:13:23.300
dann ist ihre einzige Rettungschance, diesen Anspruch trotzdem glaubwürdig zu behaupten,

00:13:23.300 --> 00:13:28.700
indem sie in besonders starker Weise Hochdeutsch sprechen oder Deutsch sprechen.

00:13:28.700 --> 00:13:30.700
Piesche: Da fallen mir ähnliche Dinge ein.

00:13:30.700 --> 00:13:37.200
Vielleicht erstmal im Setting, wir haben einen, denke ich, relativ ähnlichen generationalen Hintergrund.

00:13:37.200 --> 00:13:40.700
Ich bin auch in den 70er Jahren aufgewachsen, allerdings in der DDR,

00:13:40.700 --> 00:13:46.200
also in ostdeutschen Zeiten, was vielleicht nicht unerheblich erstmal ist,

00:13:46.200 --> 00:13:49.700
wenn wir uns über biographische Erfahrungen unterhalten.

00:13:49.700 --> 00:13:53.700
Dann finde ich es total spannend, diese Frage, wie lebt es sich aus einer jeweiligen

00:13:53.700 --> 00:13:55.200
Perspektive,

00:13:55.200 --> 00:13:59.100
die nicht meine ist, und Sie, Herr Mangold, haben das gleich damit verbunden,

00:13:59.100 --> 00:14:05.800
dass es sich hier um eine andere oder von der Norm abweichende Erfahrung handelt.

00:14:05.800 --> 00:14:08.300
Das muss es ja eigentlich nicht sein.

00:14:08.300 --> 00:14:14.200
So wie wir hier zu dritt sitzen, haben wir drei unterschiedliche Perspektiven auf das Leben allgemein

00:14:14.200 --> 00:14:19.200
und natürlich unsere Erfahrungshintergründe sind von unterschiedlichen Dingen geprägt,

00:14:19.200 --> 00:14:22.000
wie unter anderem Generationen, es ist ein Unterschied,

00:14:22.000 --> 00:14:25.600
ob wir in den Siebzigern aufgewachsen sind oder eben in den Neunzigern,

00:14:25.600 --> 00:14:28.600
wie unter anderem auch Gender, Geschlecht.

00:14:28.600 --> 00:14:32.800
Ich bin als kleines Schwarzes Mädchen in einer Kleinstadt in der DDR aufgewachsen.

00:14:32.800 --> 00:14:36.200
Deswegen denke ich, wir sind schon mitten drin in der Diskussion,

00:14:36.200 --> 00:14:41.000
weil bei der Frage, „Wie lebt es sich als Schwarze Person in Deutschland?“,

00:14:41.000 --> 00:14:43.700
können jetzt Antworten kommen in alle Richtungen.

00:14:43.700 --> 00:14:50.200
Sie können eingehen auf die Kontextualisierung, dass es offensichtlich um eine Abweichung sich handelt.

00:14:50.200 --> 00:14:53.700
Oder es könnte einfach auch wirklich sein, dass wir unterschiedliche Perspektiven haben.

00:14:53.700 --> 00:14:57.700
Dann würde ich aber auch ganz gern die unterschiedliche Perspektiven eben wissen,

00:14:57.700 --> 00:15:02.100
wie es sich als weiße Person lebt, weil das kann ich zum Beispiel nicht so sehr sagen.

00:15:02.100 --> 00:15:04.600
Also so viel erst mal zu der Rahmung.

00:15:04.600 --> 00:15:08.200
Jetzt würde ich gerne was genau dazu sagen, weil ich kann schon was dazu sagen,

00:15:08.200 --> 00:15:13.200
wie es sich als Schwarze queere Person heute in dieser Zeit lebt,

00:15:13.200 --> 00:15:18.500
mit meinem Erfahrungshintergrund in der DDR in einer Kleinstadt aufgewachsen zu sein,

00:15:18.500 --> 00:15:23.800
in Berlin beziehungsweise in Gera, wo ich jetzt für die BBP arbeite,

00:15:23.800 --> 00:15:31.000
in der Diversität auch vorhanden ist, aber eben nicht so stark im öffentlichen Raum sichtbar ist.

00:15:31.000 --> 00:15:35.800
Und da erlebe ich's doch sehr oft durch die altbekannten Strategien,

00:15:35.800 --> 00:15:40.700
die man kennt, ob es Blicke sind, ob es Fragen sind oder auch Verunsicherungen,

00:15:40.700 --> 00:15:46.000
also wenn das Gespräch noch gar nicht begonnen hat, erwartet man jetzt,

00:15:46.000 --> 00:15:48.800
dass ich sie nicht verstehe, die Menschen oder die Menschen haben Angst

00:15:48.800 --> 00:15:52.300
und haben schon ein etwas verzerrtes, angestrengtes Gesicht

00:15:52.300 --> 00:15:56.200
und überlegen sich, wenn jetzt meine Antwort kommt und ich sage:

00:15:56.200 --> 00:15:59.200
Guten Tag, ich bin Peggy Piesche, wie sie dann reagieren sollen.

00:15:59.200 --> 00:16:02.700
Und ein letztes, was ich sagen möchte, weil das finde ich sehr, sehr interessant, Herr Mangold,

00:16:02.700 --> 00:16:05.000
was Sie gesagt haben, mit dem Hochdeutsch.

00:16:05.000 --> 00:16:08.800
Ich komme ja nun aus der thüringischen Kleinstadt und mir geht's ganz genauso.

00:16:08.800 --> 00:16:12.300
Bis zu dem Punkt, dass ich mich jetzt mittlerweile anstrengen muss,

00:16:12.300 --> 00:16:16.800
wirklich in das Thüringische wieder hineinzufallen, wenn ich in Gera bin,

00:16:16.800 --> 00:16:20.200
auch dann wiederum glaubhaft zu vermitteln, ich bin aus Thüringen,

00:16:20.200 --> 00:16:24.300
aber weil ich es auch schon von klein auf eher mit dem Hochdeutschen gehalten habe.

00:16:24.300 --> 00:16:33.500
Holger Klein: Ist das Aufwachsen in der DDR als Schwarze Person ein anderes Aufwachsen als in der BRD gewesen?

00:16:33.500 --> 00:16:35.200
Können Sie das gegenseitig beurteilen?

00:16:35.200 --> 00:16:41.600
Piesche: Was ich so recht spannend fand, ich war als junges Kind schon immer sehr auch an Politik interessiert,

00:16:41.600 --> 00:16:49.500
auch sehr an Geschichte interessiert, habe mich damit sehr viel auch über die Schulaufgaben hinaus beschäftigt

00:16:49.500 --> 00:16:52.800
und hatte immer so leicht ein Gefühl, dass meine eigenen Erfahrungen,

00:16:52.800 --> 00:16:57.700
die man natürlich als Kind noch gar nicht so elaboriert auch verbalisieren kann,

00:16:57.700 --> 00:17:01.800
davon ein bisschen abweichen und habe dann später auch festgestellt,

00:17:01.800 --> 00:17:08.500
dass ein Selbstverständnis, also auch ein DDR-Selbstverständnis als ein antifaschistischer Staat,

00:17:08.500 --> 00:17:14.500
als ein antirassistischer Staat, nicht unbedingt hundert Prozent korrelieren muss mit dem,

00:17:14.500 --> 00:17:20.500
was im Alltag auch passiert und wie im Alltag auch das Selbstverständnis ist?

00:17:20.500 --> 00:17:24.900
Holger Klein: Gab es bei Ihnen im Alltag denn so diese ganz normale alltägliche Diskriminierungserfahrung?

00:17:24.900 --> 00:17:26.500
Piesche: Das gab es in der DDR auch so.

00:17:26.500 --> 00:17:31.700
Schon auch in der Zeit muss man nochmals sehen in den 60er, 70er, 80er Jahren

00:17:31.700 --> 00:17:35.000
ist das sicherlich nochmal in einer anderen Verbalisierung passiert,

00:17:35.000 --> 00:17:39.200
als es heute passiert, aber da wir sehen, Sie haben den Afrozensus angesprochen,

00:17:39.200 --> 00:17:43.700
aber auch die Dezim-Studie rassistische Realitäten.

00:17:43.700 --> 00:17:48.500
Da wir sehen, dass es diese Diskriminierungserfahrungen auch immer noch gibt,

00:17:48.500 --> 00:17:52.500
ob es in der Schule ist, ob es im im Alltag ist.

00:17:52.500 --> 00:17:55.500
Daher sprechen wir auch von strukturellen Rassismen,

00:17:55.500 --> 00:18:01.400
weil es nicht nur da drum geht, ob jemand individuell jetzt auch noch willentlich rassistisch ist,

00:18:01.400 --> 00:18:07.200
sondern inwieweit wir als Gesellschaft uns entwickeln, dass wir dahin kommen,

00:18:07.200 --> 00:18:12.400
dass es unerheblich zu sein hat und dass unsere Erfahrungen vielleicht davon gezeichnet sind,

00:18:12.400 --> 00:18:17.000
dass wir unterschiedliches Alter haben und unterschiedliches Geschlecht,

00:18:17.000 --> 00:18:20.000
aber auch das sollte sich verändern, und ansonsten aber eben nicht.

00:18:20.000 --> 00:18:23.200
Mangold: Ich weiß gar nicht, ob das meine Wunschvorstellung ist,

00:18:23.200 --> 00:18:29.000
eine Gesellschaft, in der die Unterschiede gar nicht mehr auffallen oder keine Rolle spielen.

00:18:29.000 --> 00:18:33.000
Ich glaube sowieso, dass Gesellschaft immer nichts anderes als Differenz ist,

00:18:33.000 --> 00:18:37.900
also das ist quasi, ich bin ja eher ein Gegner jedes Identitätsdenkens

00:18:37.900 --> 00:18:42.000
und deswegen würde ich die Differenz so stark machen und habe überhaupt nichts dagegen,

00:18:42.000 --> 00:18:46.000
dass zum Beispiel, wenn jemand exotisch aussieht, das von anderen wahrgenommen wird.

00:18:46.000 --> 00:18:52.200
Also die Unterdrückung eines solchen Reaktionsimpulses erschien mir fast eher wie etwas Künstliches,

00:18:52.200 --> 00:18:56.200
zumal ich mich dann, Sie haben das Stichwort struktureller Rassismus gebraucht,

00:18:56.200 --> 00:18:58.500
ein Begriff, mit dem ich mich tatsächlich viel schwerer tue,

00:18:58.500 --> 00:19:03.200
weil ich mich ja dann selber auch auf die Seite des Rassismus einordnen müsste.

00:19:03.200 --> 00:19:07.200
Denn ich kenne das von mir selber auch, meine erste Reaktion auf Abweichung

00:19:07.200 --> 00:19:09.500
und ich würde jetzt mal ein anderes Wort für Abweichung gebrauchen,

00:19:09.500 --> 00:19:14.000
nämlich Individualität, meine erste Reaktion auf Individualität ist immer Neugier,

00:19:14.000 --> 00:19:15.400
immer Nachfrage, es fällt mir sofort auf.

00:19:15.400 --> 00:19:19.900
Und es würde mir, so wie ich psychisch konditioniert bin, schwerfallen,

00:19:19.900 --> 00:19:24.400
diesem Impuls moralisch infrage zu stellen, um ihn zu unterdrücken.

00:19:24.400 --> 00:19:25.700
Piesche: Das kann ich gut nachvollziehen.

00:19:25.700 --> 00:19:31.200
Ich denke, worum es mir stark geht, ist, dass wir automatisch von der Abweichung ausgehen.

00:19:31.200 --> 00:19:36.500
Wenn wir von einer Abweichung ausgehen, dann sind wir auch sehr, sehr schnell eben bei Ungleichheiten

00:19:36.500 --> 00:19:39.400
und damit auch bei Diskriminierungsstrukturen.

00:19:39.400 --> 00:19:41.500
Und ich bin überhaupt nicht gegen Individualität.

00:19:41.500 --> 00:19:45.500
Ich bin in einer wenig individuellen Gesellschaft groß geworden.

00:19:45.500 --> 00:19:49.500
Ich bin sehr froh, dass wir in einer individualisierteren Gesellschaft leben.

00:19:49.500 --> 00:19:53.500
Das Problem ist, dass es eben nur für bestimmte Menschen,

00:19:53.500 --> 00:19:56.500
die eben in einer bestimmten Form markiert werden,

00:19:56.500 --> 00:19:59.200
zum Beispiel Rechtfertigungsdrang gibt, eine Einordnung.

00:19:59.200 --> 00:20:04.500
Wenn ich Sie nicht kenne, Herr Klein, und ich sehe Sie auf der Straße und spreche Sie an,

00:20:04.500 --> 00:20:07.700
weil ich vielleicht einen Weg wissen will, weiß ich nicht, was mir entgegenkommt.

00:20:07.700 --> 00:20:11.500
Aber ich werde sicherlich nicht den Drang haben,

00:20:11.500 --> 00:20:14.200
mit einem Schmerz verzogenen Gesicht auf Ihre Antwort zu warten,

00:20:14.200 --> 00:20:17.400
weil ich nicht weiß, ob es in einer Sprache passiert, die ich nicht kenne.

00:20:17.400 --> 00:20:18.500
Oder so etwas.

00:20:18.500 --> 00:20:22.000
Und so sind wir konditioniert und mir geht's nur um diese Konditionierungen

00:20:22.000 --> 00:20:25.900
Wenn ich Leute sehe, die sich umgucken, weil sie Hilfe brauchen,

00:20:25.900 --> 00:20:31.200
weil sie irgendwo was wissen wollen und ich sehe es im Gesicht schon wie es läuft.

00:20:31.200 --> 00:20:36.900
Sie schauen an mir vorbei und fragen zielsicher den nächsten weißen Touristen.

00:20:36.900 --> 00:20:39.200
Und dann denke ich mir auch, na das ist ja jetzt gelungen.

00:20:39.200 --> 00:20:44.200
Weil der weiß es sicher nicht, aber ich lebe hier schon.

00:20:44.200 --> 00:20:47.500
Mangold: Nee, absolut, diese Dysfunktionalitäten sind unbedingt gegeben.

00:20:47.500 --> 00:20:52.000
Ich würde trotzdem diesen Begriff der Konditionierung nochmal aufgreifen,

00:20:52.000 --> 00:20:53.500
mit dem Sie natürlich vollkommen recht haben, aber ich glaube,

00:20:53.500 --> 00:21:00.000
es gibt unterschiedliche Formen, welchen Status man dieser Konditionierung zuschreibt.

00:21:00.000 --> 00:21:04.000
Und man kann sie quasi stark moralisieren,

00:21:04.000 --> 00:21:09.000
indem man in der Konditionierung eine moralisch verwerfliche Voreinstellung sieht

00:21:09.000 --> 00:21:11.500
oder das Gewordensein unserer Welt.

00:21:11.500 --> 00:21:13.500
Es ist für mich kein moralischer Skandal,

00:21:13.500 --> 00:21:20.200
dass ich in den 70er Jahren im Rahmen der Bundesrepublik Deutschland die Abweichung war,

00:21:20.200 --> 00:21:23.700
Das ist die Gewordenheit unserer Geschichte.

00:21:23.700 --> 00:21:27.700
Und jetzt ändert sie sich aufgrund von stärkeren Migrationsbewegungen,

00:21:27.700 --> 00:21:32.700
also wird gewissermaßen auch das neue Normmittel irgendwie neu eingenordet,

00:21:32.700 --> 00:21:36.700
das erleben wir alle, das sind aber fast schon allein ablaufende Vorgänge.

00:21:36.700 --> 00:21:40.000
Holger Klein: Aber eine Wohnung kriegen Sie davon trotzdem nicht schneller als ich.

00:21:40.000 --> 00:21:42.400
Piesche: Ganz genau. Das ist ein guter Punkt.

00:21:42.400 --> 00:21:45.400
Mangold: Wir können es ja auf ein Rennen ankommen lassen,

00:21:45.400 --> 00:21:48.700
wer sich am Ende am Wohnungsmarkt schneller durchsetzt, Sie oder ich.

00:21:48.700 --> 00:21:51.900
Es ist ja auch nicht so, dass wir, das mag ich überhaupt nicht an diesem Diskurs,

00:21:51.900 --> 00:21:58.200
wir tun immer so, als sei gewissermaßen Schwarz sein das Hauptkriterium,

00:21:58.200 --> 00:22:03.500
unter dem man leiden könnte oder dass eine Identität bestimmt.

00:22:03.500 --> 00:22:04.500
Und das glaube ich überhaupt nicht.

00:22:04.500 --> 00:22:08.500
Ich glaube, es gibt andere Kriterien, die tatsächlich zum Beispiel beim Kampf auf dem Wohnungsmarkt

00:22:08.500 --> 00:22:13.500
sehr viel ausschlaggebender sind und die haben zum Beispiel etwas mit sozialem Habitus zu tun.

00:22:13.500 --> 00:22:21.500
Wir sind eine Gesellschaft der Unterschiede und diese Unterschiede spielen in jeder sozialen Situation eine Rolle

00:22:21.500 --> 00:22:25.200
und ich würde bezweifeln, dass zum Beispiel die Frage der Hautfarbe,

00:22:25.200 --> 00:22:31.000
die entscheidendere, spielentscheidende Rolle ist gegenüber anderen feineren Unterschieden,

00:22:31.000 --> 00:22:35.700
zum Beispiel Kategorien, die wir unter dem Stichwort Klassismus fassen würden.

00:22:35.700 --> 00:22:40.900
Kurzum, ich selber zumindest glaube nicht, dass ich mein eigenes Leben besser begreife,

00:22:40.900 --> 00:22:46.000
wenn ich es vor allem und in erster Linie unter dem Gesichtspunkt betrachte, dass ich Schwarz bin.

00:22:46.000 --> 00:22:48.500
Ich würde mein Leben auch verkennen,

00:22:48.500 --> 00:22:53.400
wenn ich diesen Gesichtspunkt überhaupt nicht in Erwägung zöge, das wäre auch absurd.

00:22:53.400 --> 00:22:57.500
Aber ich glaube, andere Marker spielen eine größere Rolle.

00:22:57.500 --> 00:23:03.500
Piesche: Ich finde, dass Sie jetzt grade ein unglaublich starkes Plädoyer für Intersektionalität gemacht haben.

00:23:03.500 --> 00:23:10.200
Weil genau das sind die Punkte, dass es eben nicht um eine sogenannte Differenzerfahrung geht.

00:23:10.200 --> 00:23:12.900
Also Differenzerfahrung prägt uns im Übrigen alle.

00:23:12.900 --> 00:23:18.900
Deswegen ist mein Plädoyer so stark eben gegen unser Gepoltsein, unsere Konditionierung,

00:23:18.900 --> 00:23:23.000
dass bestimmte Differenzerfahrung als Abweichung gesehen werden,

00:23:23.000 --> 00:23:25.900
dass wir dafür eine Sensibilität bekommen.

00:23:25.900 --> 00:23:30.700
Was ein intersektionaler Blick auf eben gesellschaftliche Vielfalt uns zeigt,

00:23:30.700 --> 00:23:38.200
ist, dass verschiedene Differenzerfahrungen können sich entweder verstärken oder auch abschwächen.

00:23:38.200 --> 00:23:42.700
Deswegen sagen Sie gegebenenfalls, ist Ihr Habitus ist dann attraktiver

00:23:42.700 --> 00:23:47.200
als vielleicht von einer weißen Person mit einem Arbeiterklassehintergrund

00:23:47.200 --> 00:23:52.700
Das müssen wir jeweils ausloten, verschiedene strukturelle Rassismen,

00:23:52.700 --> 00:23:56.200
die es nun mal gibt, die wir kennen und was die für einen Einfluss haben.

00:23:56.200 --> 00:24:00.000
Und da würde ich dann auch nochmal ansetzen an dem, was Sie gesagt haben,

00:24:00.000 --> 00:24:04.400
Es mag ja alles so sein, dass geschichtlich sich Gesellschaften im Prozess befinden

00:24:04.400 --> 00:24:08.200
und wir heute eine größere gesellschaftliche Vielfalt haben

00:24:08.200 --> 00:24:15.500
als vielleicht in den 1950er Jahren, die Frage ist nur, wie wir diese jeweilige Vielfalt oder Differenz auch werten.

00:24:15.500 --> 00:24:19.400
Dass das aber in Ordnung ist, dass wir uns im Prozess befinden,

00:24:19.400 --> 00:24:20.900
heißt noch lange nicht, dass es in Ordnung ist,

00:24:20.900 --> 00:24:25.700
dass wir halt heute noch, und jetzt eine bestimmte Gruppe, diskriminieren

00:24:25.700 --> 00:24:29.200
und denen halt den Zugang auf dem Arbeitsmarkt, auf dem Wohnungsmarkt

00:24:29.200 --> 00:24:33.700
oder der politischen Teilhabe nicht genügend auch gewährleisten.

00:24:33.700 --> 00:24:38.200
In der Tat kommt es dazu, dass Menschen mehr partizipieren können

00:24:38.200 --> 00:24:42.000
und in diese Diskurse auch mit einsteigen.

00:24:42.000 --> 00:24:46.400
Das heißt, dass wir heute überhaupt über Rassismus reden können.

00:24:46.400 --> 00:24:50.200
Es geht dadrum, dass wir es strukturell besprechen

00:24:50.200 --> 00:24:54.000
und vor allem die Erfahrung von Menschen ernst nehmen.

00:24:54.000 --> 00:24:59.700
Und das machen die Menschen zunehmend selbst und dadurch haben sich Dinge verändert.

00:24:59.700 --> 00:25:03.700
Dass wir es besprechbar machen, dass wir über Racial Profiling sprechen,

00:25:03.700 --> 00:25:07.900
hat es verändert, oder ist es im Prozess sich zu verändern.

00:25:07.900 --> 00:25:12.500
Wir müssen schon davon ausgehen, dass nicht einfach Zeit sich einfach verändert

00:25:12.500 --> 00:25:17.400
und dass wir von strukturellem Rassismus mittlerweile gesellschaftlich sprechen,

00:25:17.400 --> 00:25:24.400
ist seit zweieinhalb Jahren möglich, nämlich durch die internationale Reaktion auch

00:25:24.400 --> 00:25:28.700
und die Wahrnehmbarkeit auf die Ermordung von George Floyd.

00:25:28.700 --> 00:25:32.000
Dadurch ist auch in der Black Lives Matter-Bewegung hier in Deutschland,

00:25:32.000 --> 00:25:37.400
dass gesellschaftlich eine Besprechbarkeit, eine Sprache entwickelt wurde,

00:25:37.400 --> 00:25:40.200
die sich dann auch in der Politik niedergeschlagen hat.

00:25:40.200 --> 00:25:44.500
Nur so wird sich das verändern, dass sich zivilgesellschaftlich,

00:25:44.500 --> 00:25:51.500
aber auch politisch alle beteiligten Akteurinnen gesellschaftlich über Diskriminierungen,

00:25:51.500 --> 00:25:55.900
Ungleichheiten verständigen und wie man diese abbaut

00:25:55.900 --> 00:25:59.700
und da ist der Abbau von anti-Schwarzem Rassismus halt ein Baustein.

00:25:59.700 --> 00:26:04.000
Mangold: Ich selber bin ausdrücklich nicht Teil eines Antirassismus-Diskurses,

00:26:04.000 --> 00:26:07.400
weil ich viel zu viele Fragezeichen hinter ihn zu setzen habe.

00:26:07.400 --> 00:26:12.200
Unter anderem, wenn Sie, Frau Piesche, sagen, es ist so wichtig, dass diese Erfahrungen gehört werden.

00:26:12.200 --> 00:26:16.000
„Es ist so wichtig“, das ist schon wieder aus diesem Tonfall, als wäre das der Wert,

00:26:16.000 --> 00:26:20.000
um den es zu kämpfen gilt gegen wahnsinnig viele Machtwiderstände.

00:26:20.000 --> 00:26:21.500
Die Wahrheit ist anders.

00:26:21.500 --> 00:26:25.900
Die Wahrheit ist, dass der antirassistische Diskurs offizielle Staatsräson ist.

00:26:25.900 --> 00:26:29.700
Die Wahrheit ist, dass der antirassistische Diskurs in den steuerfinanzierten,

00:26:29.700 --> 00:26:33.400
öffentlichen Medien hoch und runter gegeigt wird.

00:26:33.400 --> 00:26:36.500
Die Wahrheit ist, dass der antirassistische Diskurs

00:26:36.500 --> 00:26:41.700
in der privatwirtschaftlich finanzierten Bewusstseinsindustrie absolut hegemonial ist.

00:26:41.700 --> 00:26:46.400
Das heißt, um sich darüber zu verständigen, was heißt eigentlich antirassistischer Diskurs?

00:26:46.400 --> 00:26:50.900
Ist das ein subversiver Diskurs oder ist das der der hegemonialen Macht?

00:26:50.900 --> 00:26:54.500
Fände ich's schon sehr gut, sich darüber klar zu werden, dass er letzteres ist.

00:26:54.500 --> 00:26:59.000
Weshalb die Abweichungsposition, diesen Anspruch würde ich jetzt für mich erheben,

00:26:59.000 --> 00:27:02.500
auf meiner Seite liegt, nicht auf Ihrer, Sie sind auf der Seite der Macht.

00:27:02.500 --> 00:27:05.400
Auch das Medium, für das wir jetzt arbeiten, wird, glaube ich,

00:27:05.400 --> 00:27:09.000
wenn ich das nicht völlig falsch sehe, wird ja aus Steuermitteln bezahlt.

00:27:09.000 --> 00:27:14.500
Das heißt, wir haben, würde ich sagen, nicht ein Defizit in der Bewusstheit

00:27:14.500 --> 00:27:18.400
im antirassistischen Diskurs auf Seiten staatlicher Institutionen.

00:27:18.400 --> 00:27:22.400
Ich finde es nicht hilfreich, dass wir mittlerweile in einem Diskursfeld leben,

00:27:22.400 --> 00:27:28.500
wo Rassismus als die Hauptursache der Ungerechtigkeiten dieser Welt wahrgenommen wird.

00:27:28.500 --> 00:27:31.200
Wir haben eine Menschheitsgeschichte, die ist voll von Ungerechtigkeit.

00:27:31.200 --> 00:27:37.000
Und Rassismus spielt da eine traurige und schlimme Rolle, aber es spielt eine Rolle neben anderen.

00:27:37.000 --> 00:27:43.900
Und ich finde es nicht hilfreich, die gesamte Weltgeschichte nur aus diesem Aspekt zu betrachten und zu erklären.

00:27:43.900 --> 00:27:46.900
Holger Klein: Wenn ich einfach auf die auf die Realität jetzt mal gucke,

00:27:46.900 --> 00:27:49.000
was spielt denn heute die Hauptrolle?

00:27:49.000 --> 00:27:49.900
Mangold: Wir haben jetzt so einen Diskurs,

00:27:49.900 --> 00:27:55.200
weil das finde ich oft sehr sehr ungerecht gegenüber Leuten mit türkischem Migrationshintergrund,

00:27:55.200 --> 00:28:00.000
die gelten schon gar nicht mehr als die Musterbeispiele für Diskriminierungserfahrung,

00:28:00.000 --> 00:28:05.900
Also ich will sagen, klar: Soziale Herkunft ist sehr viel entscheidender aus meiner Sicht als die Frage der Hautfarbe.

00:28:05.900 --> 00:28:07.500
Holger Klein: Ich glaube, Frau Piesche ist da anderer Meinung.

00:28:07.500 --> 00:28:09.000
Piesche: Ja, ganz dezidiert.

00:28:09.000 --> 00:28:11.200
Und hier gehen auch ein paar Sachen durcheinander.

00:28:11.200 --> 00:28:14.500
Also wir haben erstmal von Rassismus gesprochen

00:28:14.500 --> 00:28:20.400
und das ist nicht das Gleiche wie Hautfarbe oder irgendeine vermeintliche Abweichung von Hautfarbe.

00:28:20.400 --> 00:28:23.000
Wir sprechen von Rassismen, strukturellen Rassismen,

00:28:23.000 --> 00:28:27.700
die es natürlich auch gegenüber unterschiedlichsten Zuschreibungen gibt.

00:28:27.700 --> 00:28:30.500
Also da gibt es natürlich auch den antimuslimischen Rassismus.

00:28:30.500 --> 00:28:36.200
Es gibt Rassismus gegen Sinti und Roma und es gibt noch verschiedene andere Rassismen.

00:28:36.200 --> 00:28:41.000
Die im Übrigen auch geschichtlich eingebettet sind, da gibt es wissenschaftliche Arbeiten dazu.

00:28:41.000 --> 00:28:45.700
Da kann man nicht einfach nur von einer gefühlten Wahrnehmung sprechen.

00:28:45.700 --> 00:28:52.700
Es gibt auch nicht einen hegemonialen Diskurs um Antirassismus, das wäre mir neu.

00:28:52.700 --> 00:29:01.700
Es gibt einen Antidiskriminierungsauftrag und es gibt eine diskriminierungs- und rassismuskritische Fürsorgepflicht,

00:29:01.700 --> 00:29:05.700
die wir als Gesellschaft haben, aber auch die wir als Staat haben

00:29:05.700 --> 00:29:08.500
und das ist unter anderem auch im Grundgesetz verankert,

00:29:08.500 --> 00:29:13.200
dass man ein Recht auch auf Gleichbehandlung, Gleichberechtigung hat.

00:29:13.200 --> 00:29:18.700
Inwieweit es unterschiedliche Hierarchien gibt, um Diskriminierungserfahrungen,

00:29:18.700 --> 00:29:23.500
das ist immer wieder ein wichtiger Aushandlungs-, Streitpunkt,

00:29:23.500 --> 00:29:26.500
aber da möchte ich einfach noch mal darauf verweisen, Herr Mangold,

00:29:26.500 --> 00:29:30.700
Sie haben am Anfang ein flammendes Plädoyer genau für Intersektionalität gehalten,

00:29:30.700 --> 00:29:33.500
auch wenn Sie's selber nicht so bezeichnen.

00:29:33.500 --> 00:29:38.500
Ungleichheitskategorien lassen sich nicht alleine voneinander trennen.

00:29:38.500 --> 00:29:44.700
Deswegen: eine soziale Herkunft ist nicht abtrennbar von Geschlecht,

00:29:44.700 --> 00:29:50.200
ist nicht abgrenzbar, trennbar von sexueller Orientierung, von der Frage,

00:29:50.200 --> 00:29:52.000
ob jemand behindert wird oder nicht.

00:29:52.000 --> 00:29:55.400
All diese Dinge wirken gemeinsam zusammen.

00:29:55.400 --> 00:29:57.900
Deswegen ist es auch nicht so leicht zu sagen:

00:29:57.900 --> 00:30:03.700
Na da gibt's was anderes oder was wichtigeres oder mindestens was daneben steht neben Rassismus.

00:30:03.700 --> 00:30:09.400
Weil wenn wir sagen, soziale Herkunft ist ohne Rassismus zu denken,

00:30:09.400 --> 00:30:12.000
dann bedeutet es, wir reden nur über Menschen,

00:30:12.000 --> 00:30:16.700
die keine strukturelle Rassismuserfahrung machen in der sozialen Herkunft.

00:30:16.700 --> 00:30:23.700
Und ein letzter Gedanke dazu, warum uns kritische Wissenschaften das anbieten und sagen,

00:30:23.700 --> 00:30:30.500
wir können über strukturelle Rassismen Ungleichheitserfahrungen in unserer Gesellschaft besser analysieren

00:30:30.500 --> 00:30:36.500
und auch besser verstehen, ist genau das, was Sie sagen, Herr Mangold,

00:30:36.400 --> 00:30:39.200
im strukturellem Rassismus verankert ist.

00:30:39.200 --> 00:30:46.200
Der lässt sich nur verstehen, wenn wir verstehen, wie Feudalismus in Europa fungierte.

00:30:46.200 --> 00:30:51.900
Der lässt sich nur verstehen, wenn wir in den Amerikas, in Nordamerika uns anschauen,

00:30:51.900 --> 00:31:01.200
wie da in der Einwanderungsgeschichte auch genau der Klassenunterschied auch in weißen Gesellschaften stattgefunden hat

00:31:01.200 --> 00:31:06.200
und wie der Auswirkungen auf bestimmte Zuschreibungen auf dem Lande hatte.

00:31:06.200 --> 00:31:09.200
Also, das sind nicht einfach nur Befindlichkeiten,

00:31:09.200 --> 00:31:15.700
sondern das sind einmal wissenschaftliche Arbeiten und zum Zweiten empirische Erfahrungen von 300 Jahren und länger.

00:31:15.700 --> 00:31:20.700
Holger Klein: Was bedeutet das alles, was wir jetzt besprochen haben,

00:31:20.700 --> 00:31:23.200
eigentlich für so jemanden wie mich ganz konkret?

00:31:23.200 --> 00:31:24.700
Folge ich Herrn Mangold, denke ich:

00:31:24.700 --> 00:31:29.200
Na ja, Rassismus, Hautfarbe ist sowieso gar nicht so sehr das Problem.

00:31:29.200 --> 00:31:34.000
Folge ich Frau Piesche, denke ich mir, ja, Hautfarbe ist ein Riesenproblem,

00:31:34.000 --> 00:31:37.200
da muss ich an an mir arbeiten, an der Gesellschaft arbeiten, an was auch immer.

00:31:37.200 --> 00:31:38.500
Wie komme ich jetzt zum Antirassismus?

00:31:38.500 --> 00:31:42.400
Oder noch mal eins vorher gefragt, sollte ich da überhaupt hinkommen?

00:31:42.400 --> 00:31:45.700
Piesche: Na ja, das rundet vielleicht jetzt nochmal unseren Eingang ab.

00:31:45.700 --> 00:31:49.000
Bei Ihrer Eingangsfrage haben Sie sich selber nicht mitgenommen.

00:31:49.000 --> 00:31:55.700
Die Frage, wie ist eigentlich Leben als ein schwarzer Mensch, war bereits eine Zuschreibung.

00:31:55.700 --> 00:32:03.000
Ich glaube, dass eine rassismuskritische Arbeit, eine Arbeit gegen Rassismen, uns alle betrifft

00:32:03.000 --> 00:32:07.000
und das ist nicht nur die Arbeit von Menschen, denen diese Zuschreibungen widerfahren

00:32:07.000 --> 00:32:08.200
und dass die sich dann...

00:32:08.200 --> 00:32:12.500
Die haben das Recht, auch in einem Spektrum auch anderer Meinung zu sein.

00:32:12.500 --> 00:32:18.400
Und hier vertreten wir gerade innerhalb von einem Spektrum relativ stringent die Enden.

00:32:18.400 --> 00:32:25.500
In diesem Spektrum gibt es eine Multiziplität von Auffassungen und Perspektiven da drin.

00:32:25.500 --> 00:32:32.400
Wichtig ist es aber auch, dass es eben in diesem gesamten gesellschaftlichen Konglomerat auch weiße Perspektiven gibt.

00:32:32.400 --> 00:32:36.000
Holger Klein: Ich darf also nicht nur mitreden, ich muss mitreden.

00:32:36.000 --> 00:32:37.000
Piesche: Ja, unbedingt.

00:32:37.000 --> 00:32:40.500
Wir versuchen ja eine gemeinsame Gesellschaft zu sein.

00:32:40.500 --> 00:32:47.200
Gleichzeitig denke ich aber, wie gesagt, und dazu gibt es genügend Arbeiten,

00:32:47.200 --> 00:32:52.000
die uns das verdeutlichen: Rassismus ist keine individuelle Angelegenheit.

00:32:52.000 --> 00:32:54.900
Rassismus ist auch keine Meinung.

00:32:54.900 --> 00:32:57.200
Das heißt, das Mitreden im Sinne von:

00:32:57.200 --> 00:33:00.700
„Ich habe diese und die Befindlichkeit, der Rest interessiert mich nicht“,

00:33:00.700 --> 00:33:03.700
ist vielleicht nicht die beste Herangehensweise.

00:33:03.700 --> 00:33:09.000
Rassismus ist auf einer strukturellen Ebene etwas, was uns alle betrifft

00:33:09.000 --> 00:33:12.000
und da können wir auch alle, wo wir sind, können wir schauen

00:33:12.000 --> 00:33:19.400
und können einwirken, wie Ungleichheiten strukturiert sind und wie sie sich unterschiedlich auch auswirken.

00:33:19.400 --> 00:33:22.000
Holger Klein: Und dann bekomme ich irgendwann aus dem Kopf raus,

00:33:22.000 --> 00:33:25.000
dass Mangold die Wohnung nicht kriegt, aber ich kriege die.

00:33:25.000 --> 00:33:26.900
Piesche: Na ja, es wäre ja schön.

00:33:26.900 --> 00:33:33.700
Ich möchte schon gern in einer Gesellschaft leben, in der es in der Tat genuin möglich ist,

00:33:33.700 --> 00:33:38.500
dass die Wohnung nicht abhängig von bestimmten Ungleichheitserfahrungen,

00:33:38.500 --> 00:33:43.200
Markierungen, bestimmte Menschen nicht bekommen.

00:33:43.200 --> 00:33:45.200
Und damit wär's dann auch aus ihrem Kopf.

00:33:45.200 --> 00:33:46.700
Mangold: Da bin ich mit Frau Piesche einer Meinung.

00:33:46.700 --> 00:33:50.000
Das ist doch schön, dass wir einen Punkt haben, wo wir nicht differieren.

00:33:50.000 --> 00:33:54.200
Ich selber glaube, dass ich so ein Problem mit dem antirassistischen Diskurs habe,

00:33:54.200 --> 00:33:57.500
weil, der Begriff fiel hier noch gar nicht, das Ganze ist er Teil einer Bewegung,

00:33:57.500 --> 00:34:02.700
die wir Identitätspolitik nennen und es geht sehr, sehr stark darin immer um Symbolhandeln,

00:34:02.700 --> 00:34:05.000
beziehungsweise um die symbolische Ordnung.

00:34:05.000 --> 00:34:08.500
Also um das, was man Sprache, was man Worte nennt.

00:34:08.500 --> 00:34:15.900
Also diese Gefahr, dass man durch die falsche Wahl des Wortes gleich eine traumatisierende Reaktion triggern könnte,

00:34:15.900 --> 00:34:22.400
die Vorstellung, dass wir ein diskriminierungsfreies Vokabular quasi from the scratch neu entwerfen,

00:34:22.400 --> 00:34:26.300
all das hat für mich das Gefühl, eine Ausweichbewegung zu sein

00:34:26.300 --> 00:34:31.000
und wenn Sie mich fragen, wie wir dafür sorgen, dass alle die gleiche Chance am Wohnungsmarkt haben,

00:34:31.000 --> 00:34:34.300
dann würde ich einen ganz anderen Weg einschlagen,

00:34:34.300 --> 00:34:37.800
nicht den über die Symbolordnung, nicht den über das Vokabular,

00:34:37.800 --> 00:34:43.000
nicht den Weg, wo wir versuchen, jede Mikroaggression auf die Waage zu legen,

00:34:43.000 --> 00:34:44.900
sondern im Gegenteil zu sagen:

00:34:44.900 --> 00:34:46.500
Wo sind die Bildungschancen?

00:34:46.500 --> 00:34:48.500
Wie können wir die Bildungschancen verstärken?

00:34:48.500 --> 00:34:51.800
Wie können wir Leuten mehr Eigenverantwortung in die Hand geben?

00:34:51.800 --> 00:34:56.400
Wie können wir sie selbst ermächtigen, zu besseren Ausbildung zu kommen,

00:34:56.400 --> 00:34:58.500
Zugänge zu Universitäten oder zum Arbeitsmarkt zu haben,

00:34:58.500 --> 00:35:02.900
denn das sind in Wahrheit die harten Kriterien und die entscheidenden Schlüsselqualifikationen,

00:35:02.900 --> 00:35:07.800
die dann dazu führen, ob jemand eine Wohnung bekommt oder nicht.

00:35:07.800 --> 00:35:12.400
Piesche: Ich stimme Ihnen auch vehement zu, es geht darum,

00:35:12.400 --> 00:35:17.000
Menschen größere Partizipationsmöglichkeiten zu gewährleisten,

00:35:17.000 --> 00:35:20.400
dass sie an Bildungsprozessen besser teilhaben können

00:35:20.400 --> 00:35:22.500
und das liegt ja an unterschiedlichsten Dingen.

00:35:22.500 --> 00:35:27.600
Also dafür gibt es natürlich finanzielle Programme, aber es liegt auch da dran,

00:35:27.600 --> 00:35:33.300
es fängt schon sehr, sehr früh an, dass in der Schule auch alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben,

00:35:33.300 --> 00:35:37.100
was es eben bis jetzt noch oft ist, als Privilegien zu sehen ist.

00:35:37.100 --> 00:35:41.000
Und das hat auch oft mit Fremdzuschreibungen zu tun.

00:35:41.000 --> 00:35:43.400
Das heißt, da müssen wir auch wieder ansetzen.

00:35:43.400 --> 00:35:46.400
Wir haben im Moment leider diesen Trend, dass wir sagen,

00:35:46.400 --> 00:35:51.800
es geht hier um ein ausschließliches, intellektuelles Debattieren.

00:35:51.800 --> 00:35:55.000
Dem würde ich auch nicht so zustimmen wollen.

00:35:55.000 --> 00:35:58.500
Auch hier haben wir einen langen, historischen Prozess.

00:35:58.500 --> 00:36:02.000
Dass wir uns heute so unverbindlich

00:36:02.000 --> 00:36:06.500
und dann aber trotzdem auf Augenhöhe mit unserem Namen ansprechen können,

00:36:06.500 --> 00:36:09.600
eine bestimmte Wertschätzung damit verbinden können

00:36:09.600 --> 00:36:13.500
und auch einen Respekt füreinander haben, dafür haben Menschen gekämpft.

00:36:13.500 --> 00:36:18.500
Ansonsten wären wir bereits in einer bestimmten Markierung miteinander angesprochen worden,

00:36:18.500 --> 00:36:22.500
bestimmte Leute hätten gar keine Ansprache verdient.

00:36:22.500 --> 00:36:24.800
Auch all das ist geschichtlich eingebettet.

00:36:24.800 --> 00:36:28.500
Also insofern denke ich können wir auch bestimmte Kämpfe aushalten.

00:36:28.500 --> 00:36:33.900
Aushandlungskämpfe, die stattfinden und die auch immer Bildungsprozesse sind.

00:36:33.900 --> 00:36:36.000
Dafür brauchen wir Sprache.

00:36:36.000 --> 00:36:39.600
Es ist halt für die Mehrheitsgesellschaft oft nicht so gut aushaltbar,

00:36:39.600 --> 00:36:42.800
dann zu sagen, ups jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich sagen soll.

00:36:42.800 --> 00:36:45.900
Das geht mir am Tag 20, 30 Mal so.

00:36:45.900 --> 00:36:47.500
Wir alle sind davon betroffen.

00:36:47.500 --> 00:36:50.000
Aber es wird stattfinden und es ist auch gut so.

00:36:50.000 --> 00:36:53.900
Holger Klein: Peggy Piesche und Ijoma Mangold, vielen Dank.

00:36:53.900 --> 00:36:57.000
*Musik*

00:37:00.900 --> 00:37:02.000
Was wir also mitnehmen können:

00:37:02.000 --> 00:37:07.800
1. Schwarze Menschen und Communities haben in Deutschland eine jahrhundertelange eigene Geschichte,

00:37:07.800 --> 00:37:12.400
die aber gesellschaftlich noch immer weitgehend unbekannt ist, wie Julia Roos erklärt hat.

00:37:12.400 --> 00:37:16.100
2. Gerade der Blick auf geschichtliche Entwicklungen

00:37:16.100 --> 00:37:20.500
kann uns Erkenntnisse zum gesellschaftlichen Umgang mit Anti-Schwarzem Rassismus liefern.

00:37:20.500 --> 00:37:24.000
Wie zentral der anti-rassistische Diskurs hierbei ist

00:37:24.000 --> 00:37:27.400
und auf welchem Weg wir zu einer weniger diskriminierenden Gesellschaft kommen können,

00:37:27.400 --> 00:37:30.600
da bleiben sich Ijoma Mangold und Peggy Piesche uneinig.

00:37:30.600 --> 00:37:35.500
3. Anti-Schwarzer Rassismus prägt nach wie vor den Alltag vieler Betroffener.

00:37:35.500 --> 00:37:41.900
Laut Afrozensus erlebt fast jeder zweite Befragte oft oder sehr oft rassistische Diskriminierung.

00:37:41.900 --> 00:37:48.000
Bis Schwarz und deutsch zu sein nicht nur tatsächliche, sondern auch gefühlte Normalität sein kann,

00:37:48.000 --> 00:37:50.000
ist es also noch ein weiter Weg.

00:37:50.000 --> 00:37:54.400
Das anzuerkennen und darüber zu sprechen, kann nur ein erster Schritt sein.

00:37:54.400 --> 00:37:57.500
*Musik*

00:37:57.500 --> 00:37:59.100
Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

00:37:59.100 --> 00:38:03.000
In der APuZ zum Thema „Schwarz und Deutsch“ finden Sie einen Text von Julia Roos

00:38:03.000 --> 00:38:05.000
und ein Interview mit Ijoma Mangold.

00:38:05.000 --> 00:38:09.000
Außerdem gibt’s darin Beiträge von Robbie Aitken, Mahret Ifeoma Kupka,

00:38:09.000 --> 00:38:13.500
Patrice Potrus und Katharina Warda, und einen Überblick zum Afrozensus.

00:38:13.500 --> 00:38:16.900
Den Link zur Ausgabe finden Sie in den Shownotes.

00:38:16.900 --> 00:38:21.500
Und ebenfalls in den Shownotes verlinkt ist die APuZ zum Thema „Identitätspolitik“.

00:38:21.500 --> 00:38:24.000
Der ApuZ-Podcast geht jetzt erstmal in Staffel-Pause.

00:38:24.000 --> 00:38:27.000
Neue Folgen gibt’s ab März.

00:38:27.000 --> 00:38:29.500
Bis dahin freuen wir uns natürlich über Feedback.

00:38:29.500 --> 00:38:34.300
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie schicken an apuz@bpb.de.

00:38:34.300 --> 00:38:37.800
Ich bin Holger Klein, und ich danke für die Aufmerksamkeit.

00:38:37.800 --> 00:38:53.400
*Musik*

00:38:53.400 --> 00:38:58.000
Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:38:58.000 --> 00:39:02.400
Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Julia Günther, Anne-Sophie Friedel,

00:39:02.400 --> 00:39:04.900
Sascha Kneip und Johannes Piepenbrink.

00:39:04.900 --> 00:39:09.000
Schnitt: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald. Produktion: hauseins.

00:39:09.000 --> 00:39:12.000
Am Mikrofon war Holger Klein.

00:39:12.000 --> 00:39:13.800
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:39:13.800 --> 00:39:17.800
und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.