WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:06.500
Holger Klein: Willkommen zu „Aus Politik und Zeitgeschichte“, einem Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung

00:00:06.500 --> 00:00:09.900
ich bin Holger Klein und wir sprechen heute über Femizide

00:00:09.900 --> 00:00:18.100
Wenn Sie sich nach dem Hören tiefer mit dem Thema befassen wollen, finden Sie die APuZ zum Thema auf bpb.de/apuz

00:00:18.100 --> 00:00:20.500
An dieser Stelle eine Triggerwarnung

00:00:20.500 --> 00:00:25.300
in dieser Folge sprechen wir über sexuelle Gewalt, Körperverletzung und psychische Gewalt gegen Frauen

00:00:25.300 --> 00:00:30.600
Nancy Faeser: Ein weiteres Thema, das mir als Innenministerin besonders am Herzen liegt,

00:00:30.600 --> 00:00:34.300
das wissen Sie, das ist die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen

00:00:34.300 --> 00:00:40.700
Wir sehen steigende Fallzahlen im Bereich der Vergewaltigungen, der sexuellen Nötigungen und bei sexuellen Übergriffen

00:00:40.700 --> 00:00:48.100
Holger Klein: Das ist Innenministerin Nancy Faeser bei der Vorstellung der polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr

00:00:48.100 --> 00:00:54.200
Nach dieser Statistik sind knapp über 92 Prozent der Opfer von sexueller Gewalt weiblich

00:00:54.200 --> 00:00:58.800
Gewalt gegen Frauen kann außerdem auch Körperverletzung oder psychische Gewalt sein

00:00:58.800 --> 00:01:02.200
und im schlimmsten Fall Mord

00:01:02.200 --> 00:01:05.700
Wie viele andere Innenpolitikerinnen und Politiker fordert Faeser mehr Polizeipräsenz

00:01:05.700 --> 00:01:08.700
und Videoüberwachung an öffentlichen Orten

00:01:08.700 --> 00:01:14.700
Doch Gewalt gegen Frauen findet vor allem im Privaten statt, zu Hause, unter Bekannten und in Beziehungen

00:01:14.700 --> 00:01:21.000
So wird in Deutschland an jedem dritten Tag eine Frau Opfer von Mord oder Totschlag durch ihren Partner oder Ex-Partner

00:01:21.000 --> 00:01:27.500
Wenn diese Frauen getötet werden, weil sie Frauen sind, spricht man von Femizid

00:01:27.500 --> 00:01:31.200
Welche Rolle Gewalt von Männern gegen Frauen in unserer Gesellschaft spielt

00:01:31.200 --> 00:01:37.700
und wie uns der Begriff Femizid in diesem Diskurs weiterhilft, darum geht es in dieser Folge

00:01:37.700 --> 00:01:41.700
Die Sozialwissenschaftlerin Sabine Maier erklärt, warum wir von Femizid sprechen sollten

00:01:41.700 --> 00:01:45.700
Sabine Maier: Hätten wir dieses ungleiche Geschlechterverhältnis nicht

00:01:45.700 --> 00:01:49.900
und würden Frauen oder würde Weiblichkeit als gleichwertig angesehen werden,

00:01:49.900 --> 00:01:51.500
dann würde diese Gewalt nicht geschehen

00:01:51.500 --> 00:01:57.000
Holger Klein: Die Anwältin Asha Hedayati beschreibt ihre Erfahrungen mit Mandantinnen vor Gericht

00:01:57.000 --> 00:02:04.000
Asha Hedayati: Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass die Mandantinnen selber häufig sogar am besten wissen,

00:02:04.000 --> 00:02:05.400
wie bedrohlich diese Situation ist

00:02:05.400 --> 00:02:08.500
Holger Klein: Und Kommunikationswissenschaftlerin Christine Meltzer macht deutlich,

00:02:08.500 --> 00:02:12.500
welchen Einfluss die Darstellung von Gewalt gegen Frauen in den Nachrichten hat

00:02:12.500 --> 00:02:14.400
Christine Meltzer: Gewalt gegen Frauen muss enorm brutal sein,

00:02:14.400 --> 00:02:17.900
um die Schwelle der Berichterstattung überhaupt erst zu überschreiten

00:02:17.900 --> 00:02:22.300
Meistens eben auch tödlich enden, damit sie von den Medien aufgegriffen wird

00:02:22.300 --> 00:02:39.000
*Musik*

00:02:39.000 --> 00:02:42.300
Holger Klein: Ni una menos, auf deutsch, nicht eine weniger

00:02:42.300 --> 00:02:48.500
So heißt die feministische Bewegung, deren Protest im Juni 2015 in Argentinien begonnen hat

00:02:48.500 --> 00:02:51.500
Es war ein Protest gegen die vielen Frauenmorde in der Region,

00:02:51.500 --> 00:02:56.900
der sich von Buenos Aires auf 100 weitere argentinische Städte ausgebreitet hat

00:02:56.900 --> 00:02:59.900
Der Kampfruf „Ni una menos“ ist seitdem international bekannt geworden

00:02:59.900 --> 00:03:02.800
und es hat sich eine weltweite Bewegung gebildet

00:03:02.800 --> 00:03:06.500
Es geht darum, Femizide und jegliche Gewalt gegen Frauen zu beenden,

00:03:06.500 --> 00:03:10.500
aber auch darum, diese Gewalt zu analysieren und deutlich zu machen,

00:03:10.500 --> 00:03:13.500
welche Machtstrukturen ihr zugrunde liegen

00:03:13.500 --> 00:03:15.100
Darüber habe ich mit Sabine Maier gesprochen

00:03:15.100 --> 00:03:20.900
Sie ist Sozialwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kriminologie der Universität Tübingen

00:03:20.900 --> 00:03:22.400
Hallo Frau Maier

00:03:22.400 --> 00:03:23.600
Sabine Maier: Guten Morgen

00:03:23.600 --> 00:03:29.000
Holger Klein: Seit der Bewegung „Ni una menos“ 2015, in Argentinien hat die ihren Anfang genommen,

00:03:29.000 --> 00:03:35.300
seitdem gibt es eine breitere gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Femiziden, das Ganze auch international

00:03:35.300 --> 00:03:40.600
Ist das eigentlich ein speziell lateinamerikanisches Problem, dass es da angefangen hat?

00:03:40.600 --> 00:03:45.500
Sabine Maier: Diese Beschäftigung oder wie der Femizidbegriff nach Lateinamerika gekommen ist,

00:03:45.500 --> 00:03:49.300
das ist letztendlich so Mitte/Ende der 90er Jahre passiert,

00:03:49.300 --> 00:03:55.000
weil in Ciudad Juarez, das ist eine Grenzstadt in Mexiko zu den USA,

00:03:55.000 --> 00:04:02.000
ganz stark geprägt durch Exportindustrie, Migration, also da sind viele auch Frauen hin migriert,

00:04:02.000 --> 00:04:06.000
um Arbeit zu finden in den Fabriken

00:04:06.000 --> 00:04:11.600
Und da sind so etwa seit Anfang der 90er Jahre, aber so Mitte/Ende der 90er Jahre

00:04:11.600 --> 00:04:15.500
ist es sehr viel sichtbarer geworden, immer wieder junge Frauen verschwunden

00:04:15.500 --> 00:04:21.600
und dann sehr brutal ermordet worden, mehrfach vergewaltigt, ganz übel,

00:04:21.600 --> 00:04:24.600
und dann die Leichen im öffentlichen Raum abgelegt worden

00:04:24.600 --> 00:04:28.300
Und das war ein Phänomen, was Proteste hervorgerufen hat,

00:04:28.300 --> 00:04:35.100
vor allem von den Familienangehörigen, die sich sehr alleine gefühlt gelassen haben

00:04:35.100 --> 00:04:39.300
von den Behörden, bis heute sind die meisten von diesen Fällen nicht aufgeklärt

00:04:39.300 --> 00:04:43.500
Und das war so ein Phänomen, was dann plötzlich so eine Sichtbarkeit gebracht hat

00:04:43.500 --> 00:04:47.800
von extremer Gewalt gegen Frauen, weil die eben auch so im öffentlichen Raum war

00:04:47.800 --> 00:04:52.300
Und da haben dann Wissenschaftlerinnen, feministische Wissenschaftlerinnen angefangen

00:04:52.300 --> 00:04:56.500
sich mit zu beschäftigen, irgendwie zu versuchen zu verstehen, was da passiert

00:04:56.500 --> 00:05:05.000
Und sind da dann auf feministische Schriften aus den letztendlich 70er Jahren auch noch mal gestoßen,

00:05:05.000 --> 00:05:08.300
was jetzt eigentlich tödliche Gewalt gegen Frauen ist und wo die herkommt

00:05:08.300 --> 00:05:13.800
und was ein Femizid ist, sein kann, welche Formen das hat, wo sich das findet

00:05:13.800 --> 00:05:18.000
So und da gab es dann einfach letztendlich in den 2000er Jahren schon

00:05:18.000 --> 00:05:24.100
sehr sehr intensive Auseinandersetzung und sehr viele Mobilisierungen auch

00:05:24.100 --> 00:05:26.600
und eben auch sehr transnational, weil die lateinamerikanischen Feministinnen

00:05:26.600 --> 00:05:29.800
einfach auch sehr gut vernetzt sind, auch über die Länder hinweg

00:05:29.800 --> 00:05:33.300
Holger Klein: Sie sagten, was ein Femizid überhaupt ist, was ist das denn überhaupt?

00:05:33.300 --> 00:05:39.100
Also brauchen wir überhaupt ein Konzept Femizid, um über Gewalt gegen Frauen zu sprechen?

00:05:39.100 --> 00:05:42.800
Sabine Maier: Das ist eine ganz schwierige Frage, was ein Femizid ist

00:05:42.800 --> 00:05:45.300
Das ist auch extrem umstritten, sage ich jetzt mal

00:05:45.300 --> 00:05:50.800
Also so von der grundlegenden oder der theoretischen Definition her ist es,

00:05:50.800 --> 00:05:54.100
sagt man immer, es ist die Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist

00:05:54.100 --> 00:05:58.600
Aber wenn man das jetzt irgendwie konkret empirisch festhalten will, ist das ganz schwierig

00:05:58.600 --> 00:06:04.600
Also letztendlich geht es darum zu sagen, diese Gewalt ist jetzt nur passiert,

00:06:04.600 --> 00:06:11.100
weil das Opfer eine Frau war in einem Kontext, in dem wir ein strukturell ungleiches Geschlechterverhältnis haben

00:06:11.100 --> 00:06:16.100
und wo Frauen nicht gleichwertig sind oder wo Weiblichkeit abgewertet wird

00:06:16.100 --> 00:06:22.800
So, und da schwingt quasi immer auch so eine Negativdefinition mit im Sinne von,

00:06:22.800 --> 00:06:27.100
hätten wir dieses ungleiche Geschlechterverhältnis nicht und würden Frauen

00:06:27.100 --> 00:06:32.800
oder würde Weiblichkeit als gleichwertig angesehen werden, dann würde diese Gewalt nicht geschehen

00:06:32.800 --> 00:06:38.300
Holger Klein: Gewalt gegen Frauen, die mit Abwertung einhergeht, ist dann der Femizid letztlich

00:06:38.300 --> 00:06:41.300
Also es geht immer um den Werteunterschied, sage ich mal?

00:06:41.300 --> 00:06:42.500
Sabine Maier: Ja, das könnte man so sagen

00:06:42.500 --> 00:06:46.600
Holger Klein: Inwiefern unterscheidet sich das denn jetzt von Gewalt gegen Männer?

00:06:46.600 --> 00:06:49.500
Also gibt es Gewalt gegen Männer in dieser Form überhaupt?

00:06:49.500 --> 00:06:53.800
Sabine Maier: Letztendlich hat Gewalt grundsätzlich irgendwie auch ganz viel mit Geschlecht zu tun,

00:06:53.800 --> 00:06:56.600
weil die Geschlechter sind nicht gleichmäßig gewalttätig

00:06:56.600 --> 00:07:01.800
Ja, also Gewalttätigkeit ist ja irgendwie was, was sehr stark mit Männlichkeit assoziiert wird,

00:07:01.800 --> 00:07:05.100
was nicht heißt, dass Frauen nicht auch Gewalt ausüben können, ja

00:07:05.100 --> 00:07:08.800
Aber wenn sie das machen, dann passt es irgendwie nicht so ganz zu einem Bild von Weiblichkeit,

00:07:08.800 --> 00:07:12.500
aber wenn es Männer sind, dann schient irgendwie so recht normal

00:07:12.500 --> 00:07:16.500
Und wenn wir jetzt von geschlechtsbezogener Gewalt reden,

00:07:16.500 --> 00:07:20.300
dann geht es irgendwie immer auch darum, welche Funktion jetzt diese Gewalt hat

00:07:20.300 --> 00:07:25.300
für Geschlecht oder für ein Geschlechterverhältnis und dann vielleicht nochmal,

00:07:25.300 --> 00:07:30.300
wie wird Männlichkeit, Weiblichkeit als soziokulturelles Konstrukt im Prinzip eben auch hergestellt

00:07:30.300 --> 00:07:32.800
und was hat das mit Gewalttätigkeit zu tun

00:07:32.800 --> 00:07:36.300
Holger Klein: Ja, wie wird es hergestellt und was hat es mit Gewalttätigkeit zu tun?

00:07:36.300 --> 00:07:40.000
Sabine Maier: Geschlechtsbezogene Gewalt wird im Prinzip definiert als eine Gewalt,

00:07:40.000 --> 00:07:46.300
die dadurch legitimiert wird, dass Männlichkeit und Weiblichkeit quasi hierarchisch

00:07:46.300 --> 00:07:49.300
unterschiedlich bewertet wird, also dass alles, was als männlich gilt,

00:07:49.300 --> 00:07:54.100
gilt irgendwie als besser, sei das jetzt irgendwie Rationalität oder Stärke

00:07:54.100 --> 00:07:58.600
oder Durchsetzungsfähigkeit, ja, also das fängt ja auch schon bei solchen Eigenschaften an

00:07:58.600 --> 00:08:06.100
Oder Schwäche gilt als weiblich und gilt aber als nicht so, wird nicht so, oder Abhängigkeit,

00:08:06.100 --> 00:08:07.800
dem wird nicht so viel Wert zugeschrieben

00:08:07.800 --> 00:08:11.000
Und bei geschlechtsbezogener Gewalt wird im Prinzip argumentiert,

00:08:11.000 --> 00:08:16.000
dass Männlichkeit oder auch dann Männer so einen Überlegenheitsanspruch haben

00:08:16.000 --> 00:08:22.600
und wenn der herausgefordert wird, dann scheint es legitim, da mit Gewalt darauf zu reagieren

00:08:22.600 --> 00:08:26.800
und geschlechtsbezogene Gewalt oder genderbezogene Gewalt wäre dann im Prinzip auch Gewalt,

00:08:26.800 --> 00:08:32.100
die eingesetzt wird, um eine Abweichung von diesen Geschlechterrollen auch zu sanktionieren

00:08:32.100 --> 00:08:36.600
Das heißt, wenn eine Frau sich nicht so verhält wie sie sollte, aus der Sicht von einem Mann,

00:08:36.600 --> 00:08:41.500
dann kann es sein, dass er gewalttätig wird und das quasi gewalttätig sanktioniert

00:08:41.500 --> 00:08:47.300
Und in so einem  breiten Verständnis von geschlechtsbezogener Gewalt kann man natürlich auch sagen,

00:08:47.300 --> 00:08:51.800
auch jede nichtbinäre oder Transperson, die sich allein schon aufgrund ihres Seins

00:08:51.800 --> 00:08:56.000
nicht in Geschlechterrollen einfügt, wenn die deshalb Gewalt erfährt,

00:08:56.000 --> 00:08:59.000
ist das geschlechtsbezogene Gewalt und es lässt sich aber in einem ganz weiten

00:08:59.000 --> 00:09:01.200
Verständnis von geschlechtsbezogener Gewalt auch sagen,

00:09:01.200 --> 00:09:06.700
auch Männer, die sich nicht so verhalten, wie sie sollten als Mann,

00:09:06.700 --> 00:09:09.500
können deshalb geschlechtsbezogene Gewalt erfahren

00:09:09.500 --> 00:09:14.300
Das ist allerdings ein sehr weites Verständnis, was jetzt auch nicht alle unterschreiben,

00:09:14.300 --> 00:09:19.200
sage ich jetzt mal, und tatsächlich ist auch oft das Argument zu sagen,

00:09:19.200 --> 00:09:23.600
okay, wirklich massiv betroffen von geschlechtsbezogener Gewalt

00:09:23.600 --> 00:09:29.200
sind eben tatsächlich auch die Geschlechter, die jetzt nicht hegemoniale Stellung haben

00:09:29.200 --> 00:09:33.700
und das sind dann eben halt Frauen, Mädchen und Transpersonen oder nichtbinäre Personen

00:09:33.700 --> 00:09:40.600
Holger Klein: Ist das Problem in egalitären Gesellschaften kleiner?

00:09:40.600 --> 00:09:44.300
Sabine Maier: Natürlich gibt es, sage ich mal, Gesellschaften, die egalitärer sind als andere,

00:09:44.300 --> 00:09:49.300
aber ich finde auch, in Deutschland natürlich, wir haben irgendwie eine formale Gleichstellung,

00:09:49.300 --> 00:09:53.300
aber wenn es um das Materielle geht oder und das Symbolische,

00:09:53.300 --> 00:09:56.200
da sind wir auch noch nicht so ganz gleichberechtigt

00:09:56.200 --> 00:10:00.700
Das Patriarchat ist einfach subtiler geworden, aber das ist noch nicht weg

00:10:00.700 --> 00:10:05.500
Holger Klein: Sehen wir bei uns trotzdem weniger Femizide als anderswo oder mehr als anderswo?

00:10:05.500 --> 00:10:08.200
Sabine Maier: Also letztendlich wissen wir ja gar nicht so genau,

00:10:08.200 --> 00:10:12.200
wieviele Femizide wir in Deutschland haben, weil das ja auch so eine Frage ist,

00:10:12.200 --> 00:10:17.100
wie die definiert werden und wie man die empirisch messen kann

00:10:17.100 --> 00:10:20.200
und das ist extrem umstritten, das wird sehr unterschiedlich gehandhabt

00:10:20.200 --> 00:10:24.300
Worauf sich die meisten einigen können ist zu sagen, okay alles,

00:10:24.300 --> 00:10:32.000
was in heterosexueller Paarbeziehungen geschieht, kann man eigentlich als sehr starken Indikator nehmen,

00:10:32.000 --> 00:10:36.300
dafür dass es Femizide sind, weil einfach das ein Kontext ist,

00:10:36.300 --> 00:10:39.300
der sehr sehr stark von Geschlechterverhältnis geprägt ist

00:10:39.300 --> 00:10:43.200
Aber andere Formen von Femiziden, da macht man sich, zumindest in Europa,

00:10:43.200 --> 00:10:46.300
jetzt erst seit ein paar Jahren Gedanken darüber, was das überhaupt ist

00:10:46.300 --> 00:10:48.100
und wie man die überhaupt messen könnte

00:10:48.100 --> 00:10:52.800
Holger Klein: Wenn Sie sagen, dass die uns in Lateinamerika um Jahre voraus sind in dieser Diskussion,

00:10:52.800 --> 00:10:57.200
haben die denn schon sich eine Möglichkeit überlegt, wie man es messen kann?

00:10:57.200 --> 00:10:59.200
Sabine Maier: Es gibt halt unterschiedliche Logiken

00:10:59.200 --> 00:11:03.600
Also von der sozialwissenschaftlich feministischen Logik wird oft argumentiert,

00:11:03.600 --> 00:11:08.200
das hat mit der Motivation zu tun, man muss jetzt irgendwie schauen,

00:11:08.200 --> 00:11:12.700
welche Motive haben Täter, wie drückt sich da Sexismus oder Frauenfeindlichkeit aus

00:11:12.700 --> 00:11:16.600
Und das ist irgendwie auch so ein bisschen eine strafrechtliche Logik da manchmal,

00:11:16.600 --> 00:11:21.700
die eben versucht, individuelle Motivationen rauszufinden

00:11:21.700 --> 00:11:27.300
Das Problem ist, dass individuelle Motive extrem schwer rauszufinden sind

00:11:27.300 --> 00:11:30.600
Täter äußern sich gar nicht immer, manchmal hat man auch gar keinen Täter,

00:11:30.600 --> 00:11:35.000
manchmal sagen die gar nichts dazu, manchmal denken die sich irgendwas aus,

00:11:35.000 --> 00:11:40.800
manchmal wissen die das selber gar nicht so genau, warum sie was gemacht haben

00:11:40.800 --> 00:11:44.000
Und dann muss man eben versuchen, das irgendwie anders zu analysieren,

00:11:44.000 --> 00:11:48.500
zu interpretieren, sich den Kontext anzugucken

00:11:48.500 --> 00:11:53.200
Und daraus werden dann so eine Art Hilfskonstrukte, Indikatoren abgeleitet

00:11:53.200 --> 00:11:57.800
und da gibt es tatsächlich in Lateinamerika zum Beispiel so ein Modellprotokoll,

00:11:57.800 --> 00:12:02.500
was von einer UN-Institution dann auch mal zusammengefasst wurde,

00:12:02.500 --> 00:12:05.100
wo irgendwie letztendlich dann empirisch geguckt wurde,

00:12:05.100 --> 00:12:09.700
okay wie unterscheiden sich eigentlich Tötungsdelikte an Frauen und an Männern

00:12:09.700 --> 00:12:13.600
und wo gibt es da Häufungen in der einen oder in der anderen Richtung,

00:12:13.600 --> 00:12:17.800
die darauf hinweisen, das muss irgendwie was mit dem Geschlechterverhältnis zu tun haben

00:12:17.800 --> 00:12:22.500
Und dazu gehören halt natürlich auch so Sachen wie sexualisierte Gewalt,

00:12:22.500 --> 00:12:27.700
das findet sich viel häufiger, wenn die Opfer Frauen sind, zum Beispiel

00:12:27.700 --> 00:12:31.100
Und manchmal auch so Sachen, wie so ein Overkill, dass gesagt wird,

00:12:31.100 --> 00:12:38.200
das war jetzt irgendwie extrem brutal, da wird die Brutalität quasi auch als Ausdruck

00:12:38.200 --> 00:12:41.300
gesehen wird von einem Hass

00:12:41.300 --> 00:12:45.200
Holger Klein: Wie ist denn eigentlich das Verhältnis Gewalt an Frauen im Vergleich zu Gewalt an Männern?

00:12:45.200 --> 00:12:47.600
Also wenn wir jetzt über geschlechterbezogene Gewalt reden

00:12:47.600 --> 00:12:49.500
Ist das überhaupt hinreichend erforscht?

00:12:49.500 --> 00:12:54.200
Sabine Maier: Also Gewalt an Frauen zu Gewalt an Männern gibt es generell,

00:12:54.200 --> 00:12:57.200
muss man sagen, dass die meiste Gewalt zwischen Männern stattfindet, ja,

00:12:57.200 --> 00:12:59.200
oder unter Männern

00:12:59.200 --> 00:13:02.700
Also ich kenne jetzt mich nicht mit allen Gewaltformen aus,

00:13:02.700 --> 00:13:07.300
aber jetzt alleine bei Tötungsdelikten, wenn man da drauf guckt, stellt man fest,

00:13:07.300 --> 00:13:13.600
okay wirklich der überwiegende Teil von Tötungsdelikten sind Männer gegen andere Männer

00:13:13.600 --> 00:13:16.500
Aber der Unterschied, was es ja auch so spannend macht, ist,

00:13:16.500 --> 00:13:19.600
dass, wenn man dann schaut, okay und wieviele Frauen werden denn umgebracht

00:13:19.600 --> 00:13:24.700
und in welchen Kontexten, dann stellt man fest, okay das ist gar nicht gleich verteilt

00:13:24.700 --> 00:13:29.700
Also zum einen sind es sehr viel weniger Frauen, die tödliche Gewalt ausüben

00:13:29.700 --> 00:13:36.000
und zum anderen werden die meisten Frauen einfach auch in anderen Kontexten umgebracht als Männer

00:13:36.000 --> 00:13:42.700
Männer sterben hauptsächlich oder überwiegend im öffentlichen Raum,

00:13:42.700 --> 00:13:45.700
das sind dann bekannte oder oft auch unbekannte Täter

00:13:45.700 --> 00:13:51.200
und Frauen sterben aber eben ganz oft durch die Hände von Männern, die sie kennen

00:13:51.200 --> 00:13:53.700
Also da sind wir dann wieder bei diesem Thema Partnerschaften

00:13:53.700 --> 00:13:55.600
oder andere Familienangehörige

00:13:55.600 --> 00:13:58.100
Und das ist eben so ein starker Bias, dass man sagen muss,

00:13:58.100 --> 00:14:04.500
okay das hat irgendwie was mit Geschlecht zu tun oder auch mit dem Geschlechterverhältnis

00:14:04.500 --> 00:14:09.700
Das hat nicht nur was damit zu tun, dass Männer allgemein gewalttätiger sind,

00:14:09.700 --> 00:14:13.600
sondern irgendwie sind sie gegenüber Frauen anders gewalttätig als gegenüber anderen Männern

00:14:13.600 --> 00:14:17.500
Holger Klein: Angenommen wir würden versuchen, eine Gesellschaft ohne Femizide,

00:14:17.500 --> 00:14:20.800
ohne geschlechtsbezogene Gewalt zu bauen, wie kommen wir dahin?

00:14:20.800 --> 00:14:22.800
Geht das überhaupt?

00:14:22.800 --> 00:14:26.300
Sabine Maier: Ich glaube, wir müssen ganz grundsätzlich irgendwie arbeiten

00:14:26.300 --> 00:14:31.000
an Männlichkeiten, an Weiblichkeiten, wie wird das bewertet

00:14:31.000 --> 00:14:36.700
Wir sind alle unterschiedlich, ja, Differenzen, Diversität, aber letztendlich

00:14:36.700 --> 00:14:38.200
wir müssen gleichwertig werden

00:14:38.200 --> 00:14:42.700
Also nicht nur im Diskurs, nicht nur symbolisch, auch materiell

00:14:42.700 --> 00:14:46.700
Und ich glaube, wenn es jetzt so ganz konkret auch geht um, ich sage mal,

00:14:46.700 --> 00:14:49.300
Gewalt in Paarbeziehungen zum Beispiel, da muss man auch gucken,

00:14:49.300 --> 00:14:52.800
dass man Abhängigkeitsverhältnisse reduziert

00:14:52.800 --> 00:14:59.700
Da kann man dann auch sagen, na letztendlich ist auch eine Sozialpolitik ist Gewaltprävention

00:14:59.700 --> 00:15:03.600
Wenn wir bezahlbaren Wohnraum haben, wenn wir ein Aufenthaltsrecht haben,

00:15:03.600 --> 00:15:07.000
was Frauen nicht abhängig macht von Ehemännern

00:15:07.000 --> 00:15:10.600
Also dass sie nicht Angst haben müssen, abgeschoben zu werden,

00:15:10.600 --> 00:15:13.500
weil sie jetzt nicht die Mindestehedauer eingehalten haben

00:15:13.500 --> 00:15:19.700
Das sind alles so Sachen, wo man vielleicht nicht im ersten Moment an Gewalt denkt,

00:15:19.700 --> 00:15:25.200
die aber auch damit zu tun haben, ob Gewalt möglich ist oder ob die fortgesetzt werden kann

00:15:25.200 --> 00:15:26.700
oder ob man da rauskommt

00:15:26.700 --> 00:15:30.700
*Musik*

00:15:30.700 --> 00:15:33.100
Holger Klein: Die meiste Gewalt gegen Frauen geschieht in Beziehungen

00:15:33.100 --> 00:15:36.800
Wir sprechen also von häuslicher Gewalt oder Partnerschaftsgewalt

00:15:36.800 --> 00:15:41.500
Sabine Maier hat gerade schon auf die Abhängigkeitsverhältnisse in Beziehungen hingewiesen

00:15:41.500 --> 00:15:47.600
Und viele der Probleme, die sie beschrieben hat, die kennt Asha Hedayati aus der Praxis

00:15:47.600 --> 00:15:50.100
Sie ist Anwältin mit Schwerpunkt Familienrecht in Berlin

00:15:50.100 --> 00:15:54.000
Dort berät sie Mandantinnen zum Beispiel vor der Trennung, im Scheidungsprozess,

00:15:54.000 --> 00:15:56.700
oder auch danach

00:15:56.700 --> 00:16:01.300
Asha Hedayati: Ich habe eine Mandantin, die von ihrem gewalttätigen Ex mit drei Kindern

00:16:01.300 --> 00:16:06.200
in ein Frauenhaus geflüchtet ist und die Kinder haben in der familiengerichtlichen Anhörung

00:16:06.200 --> 00:16:10.700
der Richterin und der Verfahrensbeiständin von der Gewalt gegen die Mutter

00:16:10.700 --> 00:16:17.300
und der Gewalt gegen sie selbst berichtet und weder die Mutter noch die Kinder wurden ernst genommen

00:16:17.300 --> 00:16:23.200
Und dann hat der Vater quasi die Mutter mit Verfahren überzogen

00:16:23.200 --> 00:16:28.200
und sie mit Lügen überkippt und keine Stelle, weder das Jugendamt noch das Familiengericht

00:16:28.200 --> 00:16:36.500
haben ihm Grenzen gesetzt oder Einhalt geboten, weil seine Seite müsse ja auch immer angehört werden

00:16:36.500 --> 00:16:40.200
Und diese Frau ist dann, die jahrelang schon von ihrem Mann psychisch und körperlich

00:16:40.200 --> 00:16:45.100
vorher während der Partnerschaft misshandelt wurde, wurde dann quasi nach der Trennung

00:16:45.100 --> 00:16:451.200
mit Hilfe von staatlichen Institutionen weiter Opfer von dieser Nachtrennungsgewalt

00:16:51.200 --> 00:16:56.200
und ist dann im Verfahren irgendwann so zusammengebrochen,

00:16:56.200 --> 00:17:00.300
dass sie quasi wirklich als Betreuungs- und Bezugsperson ausgefallen ist

00:17:00.300 --> 00:17:03.800
Und die Kinder leben seitdem beim Vater

00:17:03.800 --> 00:17:08.500
Und da frage ich mich schon, was das mit Kindern macht

00:17:08.500 --> 00:17:13.000
Wenn sie einerseits sehen, dass der Staat diese männliche Gewalt nicht ernst nimmt

00:17:13.000 --> 00:17:14.200
und keine Grenzen setzt

00:17:14.200 --> 00:17:19.200
Holger Klein: Bei vielen Fällen, die Asha Hedayati begleitet, sind Kinder involviert

00:17:19.200 --> 00:17:23.200
Sie hat die Erfahrung gemacht, dass gerade Mütter es in familiengerichtlichen Verfahren

00:17:23.200 --> 00:17:28.500
sehr schwer haben, denn auch hier werden unterschiedliche stereotype Maßstäbe angelegt

00:17:28.500 --> 00:17:37.500
Asha Hedayati: Das ist gnadenlos, wie unsere Gesellschaft Mütter beurteilt, verurteilt,

00:17:37.500 --> 00:17:44.200
bewertet, von Jugendämtern, Familiengerichten, Verfahrensbeiständen,

00:17:44.200 --> 00:17:48.400
also allen Akteuren in familiengerichtlichen Verfahren

00:17:48.400 --> 00:17:55.000
Während die Gewalt des Vaters oder des Ex-Partners häufig einfach so weggewischt wird

00:17:55.000 --> 00:18:00.400
Die spielt keine Rolle in Kindschaftsverfahren zum Beispiel

00:18:00.400 --> 00:18:10.700
Da heißt es dann, Gewalt des Vaters gegen die Mutter betrifft nicht die Beziehung des Vaters zum Kind

00:18:10.700 --> 00:18:13.400
Oder schlechter Partner ist ja kein schlechter Vater

00:18:13.400 --> 00:18:20.400
Also es gibt wirklich Situationen, da wünschte ich, das Verfahren wäre öffentlich

00:18:20.400 --> 00:18:26.700
Was sich da hinter diesen verschlossenen Sälen abspielt in Deutschland

00:18:26.700 --> 00:18:34.000
ist für Betroffene von häuslicher Gewalt wirklich ganz häufig albtraumartig

00:18:34.000 --> 00:18:38.000
Holger Klein: Und dafür muss man es erst mal vor Gericht geschafft haben

00:18:38.000 --> 00:18:43.000
Davor braucht es aber eine Trennung und auch die birgt in gewaltvollen Beziehungen ein Risiko.

00:18:43.000 --> 00:18:47.500
Die meisten Morde von Männern an Frauen werden nach einer Trennung verübt,

00:18:47.500 --> 00:18:48.500
das ist statistisch belegt

00:18:48.500 --> 00:18:53.000
Auf diese Gefahr muss Asha Hedayati ihre Mandantinnen allerdings meist gar nicht hinweisen

00:18:53.000 --> 00:19:02.400
Asha Hedayati: Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass die Mandantinnen ziemlich gut wissen selber,

00:19:02.400 --> 00:19:08.200
häufig sogar am besten wissen, wie bedrohlich diese Situation ist

00:19:08.200 --> 00:19:10.700
Das ist ja auch mit ein Grund, warum sie die Trennung teilweise verzögern,

00:19:10.700 --> 00:19:13.200
weil sie so eine Angst davor haben

00:19:13.200 --> 00:19:16.400
Auch Angst davor, nicht genügend geschützt werden vor der Rache des Partners,

00:19:16.400 --> 00:19:23.900
vor diesem Gewaltausbruch, sie wissen, was da für Gewaltpotenzial in ihm ist

00:19:23.900 --> 00:19:27.200
Das sind die wahren Expertinnen, die Mandantinnen

00:19:27.200 --> 00:19:32.700
Natürlich versuche ich noch mehr darauf einzuwirken, dass sie dann auch wirklich

00:19:32.700 --> 00:19:38.200
in solchen hocheskalierten Fällen in ein Frauenhaus gehen

00:19:38.200 --> 00:19:42.000
Weil sie manchmal, auch wenn sie wissen, dass die Gefahr groß ist, denken,

00:19:42.000 --> 00:19:45.000
oh Gott, wenn ich da jetzt hinziehe, dann nehme ich meinen Kindern auch ihre Freundinnen weg

00:19:45.000 --> 00:19:50.400
oder ihr soziales Netz und die Trennung ist ja schon schwer genug für die Kinder

00:19:50.400 --> 00:19:53.700
Da kommen solche Schuldgefühle noch dazu

00:19:53.700 --> 00:19:59.200
Aber dann ist es halt eben wichtig, denen zu erklären, so wenn du als Mutter nicht mehr existierst,

00:19:59.200 --> 00:20:01.900
dann ist es für die Kinder halt eben noch schlimmer

00:20:01.900 --> 00:20:05.900
Holger Klein: Aber abgesehen davon, dass es gar nicht genug Frauenhausplätze gibt,

00:20:05.900 --> 00:20:09.000
der Umzug ins Frauenhaus ist kein leichter Schritt

00:20:09.000 --> 00:20:13.000
Asha Hedayati: Das ist mit wahnsinnig viel Verlust verbunden

00:20:13.000 --> 00:20:19.500
Verlust des sozialen Netzwerks, Verlust möglicherweise des Schulplatzes, des Kitaplatzes,

00:20:19.500 --> 00:20:22.500
des Arbeitsplatzes, weil das Frauenhaus nicht um die Ecke ist

00:20:22.500 --> 00:20:26.000
Es soll ja auch gar nicht um die Ecke sein, sonst wäre die Frau ja nicht geschützt

00:20:26.000 --> 00:20:36.000
Das bedeutet, das sind alles Hürden, die die Frauen sehen und die sie auch scheuen verständlicherweise

00:20:36.000 --> 00:20:43.000
Und da müsste man eigentlich strukturell was tun, also eigentlich müsste man sowieso an der Prävention arbeiten,

00:20:43.000 --> 00:20:46.500
dafür sorgen, dass es überhaupt nicht zur Gewalt kommt

00:20:46.500 --> 00:20:51.500
Aber wenn das schon nicht so schnell geschafft wird, müsste man eigentlich den Frauen

00:20:51.500 --> 00:20:56.000
sofort Wohnraum zur Verfügung stellen beispielsweise

00:20:56.000 --> 00:20:59.900
Holger Klein: Bis heute liegt ein gesellschaftliches Schweigen über dem Thema häusliche Gewalt

00:20:59.900 --> 00:21:04.200
und das hat unter anderem mit Scham zu tun, sagt Asha Hedayati

00:21:04.200 --> 00:21:10.500
Asha Hedayati: Frauen, die gewaltbetroffen sind, schämen sich in der Regel für ihre Opferrolle

00:21:10.500 --> 00:21:18.200
Und das tun sie auch, weil ihnen die Gesellschaft und die staatlichen Institutionen

00:21:18.200 --> 00:21:21.700
durch Täter-Opfer-Umkehr, durch Victim-Blaming, durch Sexismus,

00:21:21.700 --> 00:21:27.700
durch misogyne Mythen, immer wieder die Verantwortung für das gewalttätige Verhalten

00:21:27.700 --> 00:21:30.500
ihrer Partner überträgt

00:21:30.500 --> 00:21:35.200
Das heißt, Scham ist sicherlich bei den Opfern ein Thema

00:21:35.200 --> 00:21:40.700
Und bei den Tätern, bei den cis-Männern, die ja in den allermeisten Fällen die Täter sind,

00:21:40.700 --> 00:21:45.700
ist es vielleicht nachvollziehbar, dass sie kein besonders großes Interesse daran haben,

00:21:45.700 --> 00:21:49.700
darüber zu reden, weil sie sich ja mit sich selbst und ihren Privilegien und ihrer Gewalttätigkeit

00:21:49.700 --> 00:21:53.000
auseinandersetzen müssten

00:21:53.000 --> 00:21:58.400
Und die Politik hat kein besonders großes Interesse daran, weil es keine schnellen Lösungen gibt

00:21:58.400 --> 00:22:05.200
Weil eben echte Präventionsmaßnahmen erst Jahrzehnte später sich auszahlen

00:22:05.200 --> 00:22:11.700
Und das führt für die aktuellen Parteien nicht unbedingt zu mehr Wählerstimmen,

00:22:11.700 --> 00:22:14.400
weil sie eben die Ergebnisse nicht liefern können sofort

00:22:14.400 --> 00:22:21.700
Also das führt, glaube ich, zu diesem Schweigen der gesamten Gesellschaft, diese Punkte

00:22:21.700 --> 00:22:26.000
Holger Klein: Oftmals wird Gewalt gegen Frauen nur dann als gesellschaftliches Problem angesprochen,

00:22:26.000 --> 00:22:29.200
wenn die Täter People of Color sind

00:22:29.200 --> 00:22:32.700
Asha Hedayati meint, das hat eine Funktion

00:22:32.700 --> 00:22:38.700
Asha Hedayati: Die Zahlen, die wir ja haben, also die Zahlen zumindest zu den Femiziden,

00:22:38.700 --> 00:22:43.400
die sprechen ja eine ganz andere Sprache

00:22:43.400 --> 00:22:49.000
Und deswegen können wir davon ausgehen, dass wir alle Täter in allen Blasen,

00:22:49.000 --> 00:22:52.700
in allen sozialen Schichten und Milieus haben

00:22:52.700 --> 00:22:57.500
Für die Gesellschaft ist es leichter auszuhalten, wenn dieses gesamtgesellschaftliche Problem

00:22:57.500 --> 00:23:00.000
an den Rand gedrängt werden kann

00:23:00.000 --> 00:23:05.700
Also wenn wir sagen können, also nicht wir jetzt, aber wenn Menschen sagen können,

00:23:05.700 --> 00:23:16.200
ich bin das nicht, ich bin nicht Täter, das ist der sozialbenachteiligte People of Color in Neukölln,

00:23:16.200 --> 00:23:25.500
aber nicht mein Arbeitskollege Thomas oder mein Bruder Markus oder mein Freund Jonas

00:23:25.500 --> 00:23:30.700
Weil sonst müsste man sich ja damit auseinandersetzen, dass man sicher irgendwelche Freunde hat,

00:23:30.700 --> 00:23:37.700
die Täter sind oder dass man vielleicht sogar selber mal Täter war, Grenzen überschritten hat

00:23:37.700 --> 00:23:45.000
*Musik*

00:23:45.000 --> 00:23:47.500
Holger Klein: Asha Hedayati ist auch bei Twitter und Instagram sehr präsent

00:23:47.500 --> 00:23:51.700
und schafft so eine größere Öffentlichkeit für dieses Thema,

00:23:51.700 --> 00:23:54.700
das in den Medien immer noch wenig Aufmerksamkeit bekommt

00:23:54.700 --> 00:23:58.500
Wenn uns Gewalt gegen Frauen in den Nachrichten begegnet,

00:23:58.500 --> 00:24:00.200
dann folgt das oft bestimmten Mustern

00:24:00.200 --> 00:24:04.500
Zu diesem Thema forscht Christine Meltzer, Juniorprofessorin am Institut für Journalistik

00:24:04.500 --> 00:24:09.200
und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

00:24:09.200 --> 00:24:16.000
Sie hat Nachrichten von 2015 bis 2019 aus diversen Medien darauf untersucht,

00:24:16.000 --> 00:24:17.700
wie sie Gewalt gegen Frauen thematisieren

00:24:17.700 --> 00:24:20.200
Christine Meltzer: Grundsätzlich ist es so, dass die Welt, die uns in den Nachrichten,

00:24:20.200 --> 00:24:24.700
in den medialen Nachrichten generell begegnet, sehr negativ ist

00:24:24.700 --> 00:24:29.700
Das, was negativ ist, ist einfach berichtenswert und wenn wir uns jetzt Gewalt gegen Frauen

00:24:29.700 --> 00:24:33.200
oder die Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen in Deutschland anschauen,

00:24:33.200 --> 00:24:37.500
dann ist es eine Welt, die sehr gewalttätig ist

00:24:37.500 --> 00:24:41.400
Also Gewalt gegen Frauen muss enorm brutal sein, um die Schwelle der Berichterstattung

00:24:41.400 --> 00:24:45.000
überhaupt erst zu überschreiten, meistens eben auch tödlich enden,

00:24:45.000 --> 00:24:48.200
damit sie von den Medien aufgegriffen wird

00:24:48.200 --> 00:24:53.500
Und es ist eine gleichzeitig sehr, ich möchte sagen, sehr fragmentierte Welt,

00:24:53.500 --> 00:24:57.400
weil es im Grund eine Aneinanderreihung von vielen Einzelfällen ist,

00:24:57.400 --> 00:25:02.500
die uns dargestellt wird, die aber nicht miteinander in Zusammenhang gesetzt werden

00:25:02.500 --> 00:25:07.400
Holger Klein: Dabei werden Tötungsdelikte von den Medien überproportional häufig aufgegriffen

00:25:07.400 --> 00:25:13.000
Mehr als die Hälfte der Fälle, über die berichtet wird, waren solche Verbrechen

00:25:13.000 --> 00:25:16.500
Dabei machen sie in der Statistik gerade mal ein Prozent der Gewaltverbrechen gegen Frauen aus

00:25:16.500 --> 00:25:20.500
Und die Verhältnismäßigkeit stimmt auch an anderer Stelle nicht

00:25:20.500 --> 00:25:23.500
Christine Meltzer: Dieses Bild, was mir zumindest auch schon in frühester Kindheit vermittelt wurde,

00:25:23.500 --> 00:25:28.500
hüte dich vor dem Fremden im Park, pass auf, dass du nicht alleine nach Haus gehst

00:25:28.500 --> 00:25:35.400
und quasi dabei vernachlässigend, dass ab der eigenen Haustür die statistische Gefahr am größten ist

00:25:35.400 --> 00:25:38.200
Das wird von Medien so nicht beleuchtet

00:25:38.200 --> 00:25:40.900
Also partnerschaftliche Gewalt wird unterproportional, deutlich unterproportional

00:25:40.900 --> 00:25:44.900
zu ihrem realen Vorkommen aufgegriffen

00:25:44.900 --> 00:25:48.000
Holger Klein: Christine Meltzer hat in ihrer Forschung übrigens keine großen Unterschiede

00:25:48.000 --> 00:25:52.900
zwischen Boulevardmedien, lokalen oder überregionalen Medien gefunden

00:25:52.900 --> 00:25:58.000
Die Geschichte, die immer wieder erzählt wird, wenn es um Gewalt in Partnerschaften geht, ist diese

00:25:58.000 --> 00:26:02.700
Christine Meltzer: Es ist eine einzelne Paarkonstellation, da ist etwas passiert,

00:26:02.700 --> 00:26:06.700
im schlimmsten Falle ist es zu einem Tötungsfall gekommen

00:26:05.700 --> 00:26:09.700
und das ist in sich genommen tragisch, manchmal wird das sogar auch noch überschrieben

00:26:09.700 --> 00:26:15.900
mit Vokabular wie „Familiendrama, Familientragödie“, also da ist Beziehungstat,

00:26:15.900 --> 00:26:19.000
das sind ganz oft solche Labels, die wir dazu finden

00:26:19.000 --> 00:26:22.500
Und was wir wissen aus der Forschung, zumindest in anderen Fällen, ist,

00:26:22.500 --> 00:26:26.200
das wenn es bei solchen Einzelfallbeschreibungen bleibt,

00:26:26.200 --> 00:26:29.500
das Publikum auch vermutet, dass die Verantwortung für diese Gewalt

00:26:29.500 --> 00:26:32.700
ganz alleine bei den beteiligten Personen lag

00:26:32.700 --> 00:26:38.900
Also in der Paarkonstellation, beim Mann, im schlimmsten Fall sogar bei der gewaltbetroffenen Frau

00:26:38.900 --> 00:26:43.200
oder beim Opfer von der Gewalt und was dabei aber gar nicht beleuchtet wird, ist,

00:26:43.200 --> 00:26:46.000
dass das eben Fälle sind, die ganz oft ähnlichen Mustern folgen

00:26:46.000 --> 00:26:51.700
Also dass vor allem Tötungsdelikte in Beziehungen sehr oft nach ähnlichen Schemata ablaufen

00:26:51.700 --> 00:26:55.000
Und wenn man diese Abläufe von Gewalt stärker beleuchten würde,

00:26:55.000 --> 00:26:59.000
anstatt auf diesen finalen Tötungsakt zu fokussieren,

00:26:59.000 --> 00:27:01.200
dann könnte man wahrscheinlich das Medium Publikum dazu bringen,

00:27:01.200 --> 00:27:05.500
solche Gewaltbeziehungen, solche toxischen Beziehungen auch früher zu erkennen

00:27:05.500 --> 00:27:10.200
und auch früher einzugreifen, und zwar sowohl Personen, die davon betroffen sind

00:27:10.200 --> 00:27:14.200
als auch Freunde, Familie, soziales Umfeld

00:27:14.200 --> 00:27:18.000
Holger Klein: Wir haben vorhin schon drüber gesprochen, Gewalt gegen Frauen wird nicht nur oft als Einzelfall besprochen,

00:27:18.000 --> 00:27:21.200
sondern auch bestimmten Gruppen zugeschrieben

00:27:21.200 --> 00:27:24.000
Auch das hat Christine Meltzer untersucht

00:27:24.000 --> 00:27:28.500
Christine Meltzer: Meine Vermutung war, dass es da sogar eine Tendenz gibt in Bezug auf überproportionale Nennung

00:27:28.500 --> 00:27:35.400
von nicht deutschen Tätern, das habe ich im Vergleich mit der polizeilichen Kriminalstatistik so nicht gefunden

00:27:35.400 --> 00:27:38.500
Wobei wir hier natürlich nur über das Hellfeld reden, also nur über die angezeigten Fälle

00:27:38.500 --> 00:27:42.000
Nur die landen in der polizeilichen Kriminalstatistik

00:27:42.000 --> 00:27:47.200
Aber tatsächlich ist die Berichterstattung im Kontext von nicht deutschen Tätern

00:27:47.200 --> 00:27:55.200
oder Tatverdächtigen eine andere insofern, als dass stärker Strukturen in den Medien diskutiert werden

00:27:55.200 --> 00:27:59.500
Also mit Strukturen meine ich, es wurden Parallelen gezogen zu anderen ähnlichen Fällen

00:27:59.500 --> 00:28:07.500
oder es wurde ausgewiesen, ob der Täter selbst schon mal in ähnlichen Fällen tatverdächtig geworden ist

00:28:07.500 --> 00:28:09.700
Also ein stärkeres Aufzeigen von, es gibt mehrere dieser Fälle,

00:28:09.700 --> 00:28:11.700
es verbleibt eben nicht bei diesem Einzelfall

00:28:11.700 --> 00:28:16.700
Und es wurden in diesem Kontext auch stärker politische Maßnahmen diskutiert

00:28:16.700 --> 00:28:20.200
Das heißt, es ist vor allen Dingen im Kontext von nicht deutschen Tätern

00:28:20.200 --> 00:28:23.200
quasi politischer Handlungsbedarf in den Medien aufgezeigt worden

00:28:23.200 --> 00:28:26.500
Bei deutschen Tätern oder solchen, wo die Herkunft eben nicht genannt wurde,

00:28:26.500 --> 00:28:29.700
habe ich eine solche Maßnahmendiskussion nicht gefunden

00:28:29.700 --> 00:28:34.200
Holger Klein: Aber Christine Meltzer kann auch ein paar gute Nachrichten aus ihren Forschungsergebnissen ableiten

00:28:34.200 --> 00:28:38.500
Christine Meltzer: Ich habe angefangen, 2015 Daten zu erheben über Berichterstattung

00:28:38.500 --> 00:28:39.700
über Gewalt gegen Frauen

00:28:39.700 --> 00:28:43.900
Und ich habe 2015 das, was ich mir vorgenommen hatte, an Artikeln,

00:28:43.900 --> 00:28:47.200
die ich überhaupt analysieren wollte, überhaupt nicht voll machen können,

00:28:47.200 --> 00:28:52.400
weil einfach gar nicht so stark über Gewalt gegen Frauen 2015 berichtet wurde

00:28:52.400 --> 00:28:53.000
Das hat sich verändert

00:28:53.000 --> 00:28:58.700
Man hat den Eindruck, dass Gewalt gegen Frauen insgesamt ein Thema ist,

00:28:58.700 --> 00:29:01.000
was mehr Aufmerksamkeit in den Nachrichten erfährt

00:29:01.000 --> 00:29:05.200
Und zwar nicht nur, weil es mehr Gewalttaten gegen Frauen gibt,

00:29:05.200 --> 00:29:10.400
sondern die werden einfach häufiger von den Medien aufgegriffen, als sie früher aufgegriffen wurden

00:29:10.400 --> 00:29:15.400
Und der zweite Befund ist, dass sich diese sogenannten verharmlosenden Begriffe wie

00:29:15.400 --> 00:29:20.500
„Familiendrama, Familientragödie, Beziehungstat“, die also verdecken,

00:29:20.500 --> 00:29:23.700
dass es ein Muster gibt, die auch suggerieren, es war plötzlich,

00:29:23.700 --> 00:29:27.900
es war unvorhersehbar, da hätte man gar nichts gegen tun können,

00:29:27.900 --> 00:29:34.200
die finde ich tatsächlich im Verlauf der Zeit seltener

00:29:34.200 --> 00:29:38.000
Und im letzten Jahr, das ich analysiert habe, das war das Jahr 2019,

00:29:38.000 --> 00:29:39.200
habe ich es kaum noch gefunden

00:29:39.200 --> 00:29:42.700
Holger Klein: Den Begriff Femizid hat Christine Meltzer in ihrem Untersuchungszeitraum

00:29:42.700 --> 00:29:44.900
übrigens auch kaum gefunden

00:29:44.900 --> 00:29:47.400
Sie hält den Begriff für die Berichterstattung zwar für sinnvoll,

00:29:47.400 --> 00:29:51.500
um strukturelle Probleme zu verdeutlichen, aber sie sagt auch

00:29:51.500 --> 00:29:58.500
Christine Meltzer: Die Aufklärung ist hier wichtig, also dieses Strukturen mit möglichst vielen Mitteln aufzuzeigen

00:29:58.500 --> 00:30:02.400
Und da wäre für mich zweitrangig, ob das unbedingt der Begriff Femizid ist

00:30:02.400 --> 00:30:06.400
oder ob man diese Strukturen auch mit anderen Mitteln aufzeigt

00:30:06.400 --> 00:30:10.000
Also eine Möglichkeit für Medienschaffende wäre hier zum Beispiel,

00:30:10.000 --> 00:30:15.200
unter so einer Einzelfallmeldung zu schreiben, wieviele Frauen letztes Jahr

00:30:15.200 --> 00:30:19.200
laut polizeilicher Kriminalstatistik in Deutschland zu Tode gekommen sind

00:30:19.200 --> 00:30:25.000
Das würde schon mal helfen, um das schiere Ausmaß der Gewalt in Deutschland aufzuzeigen

00:30:25.000 --> 00:30:28.500
Eine andere Möglichkeit, um diesem Phänomen zu begegnen und eben auch zu zeigen,

00:30:28.500 --> 00:30:32.900
es gibt Möglichkeiten das einzudämmen, ist das ausweisen von Hilfseinrichtungen

00:30:32.900 --> 00:30:37.900
Ich habe in der Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen kaum Verweise

00:30:37.900 --> 00:30:41.900
auf Hilfseinrichtungen jedweder Art gefunden

00:30:41.900 --> 00:30:46.200
So was wäre mit Sicherheit sehr sehr hilfreich für die Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen,

00:30:46.200 --> 00:30:49.700
vor allen Dingen, weil uns die Umfragen zeigen, dass viele Personen,

00:30:49.700 --> 00:30:53.200
die gewaltbetroffen sind, immer noch nicht genau wissen, wo sie sich hinwenden können

00:30:53.200 --> 00:30:57.200
Und das wäre natürlich ein sehr einfacher und niedrigschwelliger Zugang,

00:30:57.200 --> 00:31:00.000
um zu zeigen, wo man Hilfe finden kann

00:31:00.000 --> 00:31:05.500
Holger Klein: Und ganz generell glaubt Christine Meltzer, durch Berichterstattung können Medien zum Wandel beitragen

00:31:05.500 --> 00:31:10.000
Christine Meltzer: Ich bin mir sicher, dass es von Medienschaffenden keine erklärte Absicht ist,

00:31:10.000 --> 00:31:12.700
Gewalt gegen Frauen zu verdecken

00:31:12.700 --> 00:31:15.900
Also der Grund, weswegen Medien zu berichten, liegt nicht darin,

00:31:15.900 --> 00:31:19.900
dass einzelne Journalistinnen und Journalisten das Thema nicht wichtig finden,

00:31:19.900 --> 00:31:26.700
sondern dass sie eben Teil einer Gesellschaft sind, die dieses Thema insgesamt noch stark tabuisiert

00:31:26.700 --> 00:31:30.500
Und das sieht man ja zum Beispiel auch an den großen Dunkelziffern

00:31:30.500 --> 00:31:36.500
Die Dunkelfeldstudien zeigen uns, dass nur ein Bruchteil von der Gewalt von den Frauen betroffen sind,

00:31:36.500 --> 00:31:40.000
sexualisierte Gewalt und partnerschaftliche Gewalt wären da die beiden größten Felder,

00:31:40.000 --> 00:31:42.900
überhaupt jemals zur Anzeige gebracht wird

00:31:42.900 --> 00:31:47.200
Und da sehe ich aber eben auch die große Chance für mediale Berichterstattung,

00:31:47.200 --> 00:31:52.000
hier Dinge tatsächlich ins Licht zu bringen, weil Medien ja mitbestimmen,

00:31:52.000 --> 00:31:57.500
was als privat gilt und was eben auch als öffentliches Thema verhandelt wird

00:31:57.500 --> 00:32:03.000
*Musik*

00:32:03.000 --> 00:32:09.000
Asha Hedayati: Warum ist es so utopisch, sich diese Welt vorzustellen oder dieses Deutschland vorzustellen ohne Frauenhäuser?

00:32:09.000 --> 00:32:14.400
Warum müssen wir dieses ungeschriebene Gesetz hinnehmen,

00:32:14.400 --> 00:32:18.500
dass jeden dritten Tag eine Frau durch Männergewalt stirbt?

00:32:18.500 --> 00:32:21.700
Holger Klein: Das ist noch mal Anwältin Asha Hedayati

00:32:21.700 --> 00:32:25.700
Einige Voraussetzungen für diese heute noch utopische Welt wurden sogar schon geschaffen

00:32:25.700 --> 00:32:27.700
So wie die sogenannte Istanbul-Konvention

00:32:27.700 --> 00:32:31.200
Das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt

00:32:31.200 --> 00:32:34.200
gegen Frauen und häuslicher Gewalt

00:32:34.200 --> 00:32:38.500
Darin ist unter anderem festgelegt, wieviele Frauenhausplätze es im Land geben müsste

00:32:38.500 --> 00:32:42.500
Obwohl Deutschland die Konvention 2017 unterzeichnet hat,

00:32:42.500 --> 00:32:46.000
sind wir noch weit davon entfernt, sie einzuhalten

00:32:46.000 --> 00:32:49.400
Aber neben politischem Handeln braucht es eben auch ein gesellschaftliches Umdenken,

00:32:49.400 --> 00:32:51.400
damit Gewalt gegen Frauen verschwindet

00:32:51.400 --> 00:32:52.500
Asha Hedayati sagt

00:32:52.500 --> 00:32:58.500
Asha Hedayati: Ich denke, es ist wirklich sehr wichtig, an den Geschlechterrollen zu arbeiten,

00:32:58.500 --> 00:33:05.700
das heißt, sehr früh schon mit Kindern in der Kita, in der Schule über Gleichstellung,

00:33:05.700 --> 00:33:13.900
über Feminismus, über problematische Teile der Männlichkeit zu sprechen

00:33:13.900 --> 00:33:16.200
Oder über falsch verstandene Männlichkeit

00:33:16.200 --> 00:33:22.000
Überhaupt eine Sprache für männliche Gewalt zu finden

00:33:22.000 --> 00:33:25.700
und ich denke, wir müssen davon wegkommen, zu denken,

00:33:25.700 --> 00:33:31.000
dass es nur Fraueninitiativen erreichen können und nur Frauen

00:33:31.000 --> 00:33:36.400
Wir brauchen die cis-Männer für eine Veränderung

00:33:36.400 --> 00:33:39.200
Wir werden ohne sie da nicht weiterkommen

00:33:39.200 --> 00:33:44.000
Also auch sie müssen Verantwortung dafür übernehmen

00:33:44.000 --> 00:33:52.200
Und auch sie müssen verstehen, dass eine Gesellschaft nur frei und lebenswert ist,

00:33:52.200 --> 00:33:57.500
wenn alle in ihr frei und ein lebenswertes Leben führen können

00:33:57.500 --> 00:34:04.000
*Musik*

00:34:04.000 --> 00:34:05.900
Holger Klein: Was wir also mitnehmen können

00:34:05.900 --> 00:34:10.400
Erstens: Geschlechtsspezifische Gewalt basiert häufig auf starren Rollenvorstellungen

00:34:10.400 --> 00:34:13.000
und Machtungleichheit zwischen den Geschlechtern

00:34:13.000 --> 00:34:16.000
Wer Gewalt gegen Frauen bekämpfen will, muss hier ansetzen

00:34:16.000 --> 00:34:18.500
Das hat Sabine Maier erklärt

00:34:18.500 --> 00:34:22.500
Zweitens: Welche Rolle Gewalt gegen Frauen in unserer Gesellschaft spielt,

00:34:22.500 --> 00:34:26.000
das bilden Medien noch nicht akkurat ab, aber es tut sich was

00:34:26.000 --> 00:34:28.500
Das hat Christine Meltzer aus ihrer Forschung berichtet

00:34:28.500 --> 00:34:32.100
Drittens: Wir brauchen die Männer, um dieses Problem zu lösen,

00:34:32.100 --> 00:34:34.900
denn sie sind es, die die meiste Gewalt gegen Frauen ausüben

00:34:34.900 --> 00:34:37.000
Das betont Asha Hedayati

00:34:37.000 --> 00:34:40.000
*Musik*

00:34:40.000 --> 00:34:43.000
Betroffene von häuslicher Gewalt können sich zum Beispiel wenden ans

00:34:43.000 --> 00:34:49.800
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen unter

00:34:49.800 --> 00:34:53.100
Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“

00:34:53.100 --> 00:34:56.600
In der APuZ zum Thema Femizid finden Sie ein ausführliches Interview mit Asha Hedayati,

00:34:56.600 --> 00:34:59.300
geführt von der Journalistin Margareta Betoni

00:34:59.300 --> 00:35:03.900
Sowie Texte von Christine Meltzer und von Sabine Maier zusammen mit Paulina Lutz,

00:35:03.900 --> 00:35:07.100
Nora Labarta Greven und Florian Rebmann

00:35:07.100 --> 00:35:10.600
Und es gibt Beiträge von Alyssa Bedrosian, Julia Habermann, Claudia Opitz,

00:35:10.600 --> 00:35:13.500
Bella Kahl und Birgit Sauer

00:35:13.500 --> 00:35:16.300
Den Link zur Ausgabe finden Sie in den Shownotes

00:35:16.300 --> 00:35:19.100
Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast

00:35:19.100 --> 00:35:23.900
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de

00:35:23.900 --> 00:35:28.500
In vier Wochen erscheint die nächste Folge, dann sprechen wir über Ökologie und Demokratie

00:35:28.500 --> 00:35:31.500
Ich bin Holger Klein und danke für die Aufmerksamkeit

00:35:31.500 --> 00:35:47.500
*Musik*

00:35:47.500 --> 00:35:52.300
Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert

00:35:52.300 --> 00:35:57.500
Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Lorenz Abu Ayyash, Anne-Sophie Friedel, Johannes Piepenbrink

00:35:57.500 --> 00:36:00.400
Interview mit Asha Hedayati: Margareta Beton

00:36:00.400 --> 00:36:03.400
Schnitt: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald. Produktion: hauseins

00:36:03.400 --> 00:36:05.500
Am Mikrofon war Holger Klein

00:36:05.500 --> 00:36:08.100
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:36:08.100 --> 00:36:12.100
und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden
