WEBVTT


00:00:00.000 --> 00:00:03.100
Holger Klein: Willkommen zu „Aus Politik und Zeitgeschichte“,

00:00:03.100 --> 00:00:05.700
einem Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung.

00:00:05.700 --> 00:00:10.400
Ich bin Holger Klein, und wir sprechen heute über Ökologie und Demokratie.

00:00:10.400 --> 00:00:13.500
Wenn Sie sich nach dem Hören tiefer mit dem Thema befassen wollen,

00:00:13.500 --> 00:00:18.000
finden Sie die Zeitschrift zum Thema auf bpb.de/apuz.

00:00:18.000 --> 00:00:20.600
Mojib Latif: Die Ergebnisse liegen ja schon lange auf dem Tisch.

00:00:20.600 --> 00:00:24.600
Der erste Bericht des Weltklimarats ist 1990 erschienen.

00:00:24.600 --> 00:00:25.800
Im Prinzip steht da alles drin.

00:00:25.800 --> 00:00:28.600
Und seit da weiß die Politik auch was Sache ist.

00:00:28.600 --> 00:00:31.100
Das Problem ist nur, dass wir nicht vom Wissen zum Handeln kommen.

00:00:31.100 --> 00:00:32.200
Holger Klein: Das sagt Mojib Latif.

00:00:32.200 --> 00:00:35.000
Er ist Meteorologe und Klimaforscher.

00:00:35.000 --> 00:00:39.300
Der Weltklimarat, den er anspricht, hat auch 2023 einen Bericht vorgelegt,

00:00:39.300 --> 00:00:42.200
und der macht deutlich: Die Zeit wird knapp.

00:00:42.200 --> 00:00:45.300
Das 1,5 Grad Ziel scheint außer Reichweite,

00:00:45.300 --> 00:00:49.200
der Planet steuert vielmehr auf eine Erwärmung um 3 Grad Celsius zu.

00:00:49.200 --> 00:00:53.200
Um diese Entwicklung noch abzumildern, bräuchte es drastische Klimaschutzmaßnahmen,

00:00:53.200 --> 00:00:59.500
doch demokratische Prozesse leben von Kompromissen und dem Austarieren verschiedener Interessen.

00:00:59.500 --> 00:01:04.000
Ob die Demokratie mit der Klimakrise überfordert ist und welche Mittel es gibt,

00:01:04.000 --> 00:01:09.500
um demokratisch und schnell zu mehr Klimaschutz zu kommen, darum geht’s in dieser Folge.

00:01:09.500 --> 00:01:12.000
Den Klimaforscher Mojib Latif werden wir noch ein paar Mal hören.

00:01:12.000 --> 00:01:18.200
Außerdem erklärt der Sozialphilosoph Robin Celikates, welche Rolle Klima-Proteste für die Demokratie spielen.

00:01:18.200 --> 00:01:21.900
Robin Celikates: Es geht ja nicht darum, dass jetzt die Protestierenden die Entscheidungen treffen,

00:01:21.900 --> 00:01:26.000
sondern die versuchen eben auf diese Art und Weise Druck aufzubauen,

00:01:26.000 --> 00:01:28.000
dass bestimmte Dinge umgesetzt werden.

00:01:28.000 --> 00:01:33.200
Holger Klein: Die Soziologin Nicole Doerr erweitert die Perspektive auf andere partizipative Handlungsräume.

00:01:33.200 --> 00:01:37.200
Nicole Doerr: Wenn Sie fragen: „Hat Demokratie ein Problem Lösungen zu finden?“

00:01:37.200 --> 00:01:41.000
Dann liegt es daran, dass wir eben nicht immer rational entscheiden,

00:01:41.000 --> 00:01:46.000
sondern dass Emotionen und andere Entscheidungsmotive eine Rolle spielen.

00:01:46.000 --> 00:01:48.500
Holger Klein: Und der Jurist Jens Kersten findet:

00:01:48.500 --> 00:01:52.200
Auch unser Grundgesetz müsste weiterentwickelt werden, um der Klimakrise zu begegnen.

00:01:52.200 --> 00:01:55.700
Er schlägt eine ökologische Verfassungsordnung vor,

00:01:55.700 --> 00:01:58.000
in der die Natur selbst Grundrechte hat.

00:01:58.000 --> 00:02:00.200
Jens Kersten: Die Natur wird nicht mit uns verhandeln.

00:02:00.200 --> 00:02:01.900
Das Klima wird nicht mit uns verhandeln.

00:02:01.900 --> 00:02:05.700
Und vor dem Hintergrund, denke ich, geht es um gesellschaftliches Umdenken.

00:02:05.700 --> 00:02:20.500
*Musik*

00:02:20.500 --> 00:02:23.000
Mojib Latif: Man muss einfach zuallererst anerkennen,

00:02:23.000 --> 00:02:26.400
dass wir jetzt schon in einem anderen Klima leben.

00:02:26.400 --> 00:02:30.600
Das heißt also, wenn es mal eine Dürre gegeben hat, dass es nicht heißt:

00:02:30.600 --> 00:02:32.900
Okay, jetzt kommt 100 Jahre lang keine Dürre mehr.

00:02:32.900 --> 00:02:35.000
Das Gleiche gilt für Starkniederschläge.

00:02:35.000 --> 00:02:38.000
Ich glaube, wir müssen uns immer wieder vergegenwärtigen,

00:02:38.000 --> 00:02:41.100
dass wir auf einer exponentiellen Kurve sind,

00:02:41.100 --> 00:02:44.500
dass sich die Dinge immer weiter beschleunigen, je wärmer es wird,

00:02:44.500 --> 00:02:46.000
und dass es eben kein Zurück mehr gibt.

00:02:46.000 --> 00:02:49.800
Holger Klein: Das war noch mal Mojib Latif, der seit Jahrzehnten das Klima erforscht

00:02:49.800 --> 00:02:54.000
und unter anderem Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome ist.

00:02:54.000 --> 00:02:58.100
Im Club of Rome haben sich internationale Expertinnen und Wissenschaftler zusammengeschlossen,

00:02:58.100 --> 00:03:02.000
um sich für nachhaltige Entwicklung und Umweltschutz einzusetzen.

00:03:02.000 --> 00:03:05.500
Schon 1972 hat der Club of Rome vor dem Klimawandel gewarnt.

00:03:05.500 --> 00:03:08.500
Seitdem ist nicht genug passiert.

00:03:08.500 --> 00:03:12.600
Mojib Latif blickt mit Sorge auf die Trägheit der internationalen Klimapolitik:

00:03:12.600 --> 00:03:15.900
Mojib Latif: Wir könnten schnell handeln - das haben wir bei Corona gesehen,

00:03:15.900 --> 00:03:19.500
wir haben es jetzt infolge des Krieges gesehen.

00:03:19.500 --> 00:03:24.000
Umwelt hat irgendwie keine Lobby, und Umwelt scheint auch keinen Wert zu haben,

00:03:24.000 --> 00:03:26.500
und deswegen bleibt sie immer auf der Strecke.

00:03:26.500 --> 00:03:31.600
Aber der Club of Rome hat damals schon 72 die ganze Sache gesagt:

00:03:31.600 --> 00:03:36.300
Wenn die Belastungen und Zwänge offen zutage treten, haben wir zu lange gewartet.

00:03:36.300 --> 00:03:39.000
Und in der Situation sind wir allmählich angekommen.

00:03:39.000 --> 00:03:41.500
Holger Klein: Der Klimawandel ist da, und um ihn zu bekämpfen,

00:03:41.500 --> 00:03:43.600
braucht es eigentlich ein beherzteres Vorgehen,

00:03:43.600 --> 00:03:45.900
um die CO2-Emissionen deutlich zu senken.

00:03:45.900 --> 00:03:49.800
Und weil das bisher nicht passiert, gibt es immer mehr Protest.

00:03:49.800 --> 00:03:55.500
Robin Celikates ist Professor für Sozialphilosophie und Anthropologie an der Freien Universität Berlin.

00:03:55.500 --> 00:04:01.000
Wir haben mit ihm darüber gesprochen, welche Rolle Protest dabei spielt, Krisen demokratisch zu lösen.

00:04:01.000 --> 00:04:03.300
Robin Celikates: Krisen haben ja immer zwei Seiten.

00:04:03.300 --> 00:04:07.000
Das eine ist gewissermaßen die objektive Seite der Krise.

00:04:07.000 --> 00:04:11.400
Irgendwas funktioniert nicht, erstmal auch relativ unabhängig davon,

00:04:11.400 --> 00:04:15.500
ob die Betroffenen oder Menschen das jetzt so wahrnehmen oder ob sie noch glauben,

00:04:15.500 --> 00:04:20.600
dass eigentlich alles in Ordnung ist und auch normal so weiter funktionieren wird.

00:04:20.600 --> 00:04:25.100
Also, manchmal passiert das ja, dass man irgendwie in einer Situation drin ist

00:04:25.100 --> 00:04:28.500
und noch gar nicht merkt, dass sie eigentlich schon dysfunktional geworden ist.

00:04:28.500 --> 00:04:32.300
Aber eigentlich gehört zur Krise eben neben dieser objektiven Dysfunktionalität,

00:04:32.300 --> 00:04:37.500
neben dem objektiven also Zusammenbruch, sage ich jetzt mal,

00:04:37.500 --> 00:04:42.100
auch das Bewusstsein dafür, dass es hier eine Herausforderung gibt,

00:04:42.100 --> 00:04:45.300
die eben nicht ein „Weiter so“ erlaubt.

00:04:45.300 --> 00:04:49.300
Ja, also auch ein subjektives Krisenbewusstsein oder ein gesellschaftliches Krisenbewusstsein.

00:04:49.300 --> 00:04:52.000
Holger Klein: Robin Celikates forscht zu Protestbewegungen.

00:04:52.000 --> 00:04:55.100
Und die kommen schon hier, beim Krisenbewusstsein, ins Spiel.

00:04:55.100 --> 00:04:56.600
Robin Celikates: Also, es gibt immer bestimmte Gruppen,

00:04:56.600 --> 00:05:00.000
die Krisen direkter ausgeliefert sind als andere,

00:05:00.000 --> 00:05:03.100
die sich ein „Weiter so“ auch noch ein Stück weit erlauben können.

00:05:03.100 --> 00:05:06.100
Man kann sich auch von der Klimakrise ein Stück weit freikaufen,

00:05:06.100 --> 00:05:08.600
wenn man über die entsprechenden Ressourcen verfügt.

00:05:08.600 --> 00:05:14.800
Und deswegen haben soziale Bewegungen vor allem bei einem noch nicht ganz ausgebildeten Krisenbewusstsein

00:05:14.800 --> 00:05:17.600
auf Seiten der Gesellschaft eine sehr wichtige Rolle,

00:05:17.600 --> 00:05:20.500
die Krise gewissermaßen auf eine Art und Weise auch zuzuspitzen,

00:05:20.500 --> 00:05:25.300
die sie eben ins Bewusstsein der großen Mehrheit und vielleicht auch der politischen Akteure trägt.

00:05:25.300 --> 00:05:28.600
Holger Klein: Die Klimabewegung bekommt in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit

00:05:28.600 --> 00:05:32.800
und schafft damit ein größeres öffentliches Bewusstsein für die Klimakrise.

00:05:32.800 --> 00:05:37.000
Sie beruft sich dabei auch auf ihre Grundrechte – so auch bei den Verfassungsbeschwerden,

00:05:37.000 --> 00:05:40.500
die 2021 gegen das Klimaschutzgesetz vorgebracht wurden.

00:05:40.500 --> 00:05:47.100
Das Bundesverfassungsgericht entschied, dass der Staat mit dem Klimaschutzgesetz bislang nicht genug unternehme,

00:05:47.100 --> 00:05:51.500
um künftige Generationen vor den Folgen des Klimawandels zu schützen.

00:05:51.500 --> 00:05:55.800
Dieses bahnbrechende Urteil wird auch als Erfolg der Proteste gesehen.

00:05:55.800 --> 00:05:59.100
Aber die zahlreichen Aktionen polarisieren auch:

00:05:59.100 --> 00:06:03.600
Nach den Schulstreiks von „Fridays for Future“ oder den Anti-Kohle-Protesten von „Ende Gelände“

00:06:03.600 --> 00:06:08.100
wurde zuletzt vor allem über die Aktionen der „Letzten Generation“ gestritten.

00:06:08.100 --> 00:06:11.800
Die Gruppe leistet zivilen Ungehorsam – sie übertritt also rechtliche Grenzen,

00:06:11.800 --> 00:06:13.600
um ein Zeichen zu setzen.

00:06:13.600 --> 00:06:16.000
Im Falle der Letzten Generation heißt das:

00:06:16.000 --> 00:06:19.300
Die Aktivistinnen und Aktivisten blockieren unter anderem Straßen,

00:06:19.300 --> 00:06:22.000
um mehr Klimaschutz einzufordern.

00:06:22.000 --> 00:06:24.300
Vor Gericht wird das zum Teil als Nötigung bestraft.

00:06:24.300 --> 00:06:27.800
Ziviler Ungehorsam hat allerdings eine lange Geschichte:

00:06:27.800 --> 00:06:30.600
Robin Celikates: Ziviler Ungehorsam war schon auch in diesem Beispiel der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung

00:06:30.600 --> 00:06:37.300
eine sehr wichtige Form des Protests, einfach weil der Eindruck natürlich damals schon entstand,

00:06:37.300 --> 00:06:42.800
eben noch heute entsteht, dass normaler Protest, rechtlich anerkannter Protest,

00:06:42.800 --> 00:06:48.500
noch eine Demonstration, noch eine Petition, dass das nicht hinreichend ist.

00:06:48.500 --> 00:06:50.300
Dass es also mehr Druck braucht auf die politische Institutionen,

00:06:50.300 --> 00:06:52.100
auch auf den gesellschaftlichen Diskurs,

00:06:52.100 --> 00:06:58.100
um eben den objektiven Krisendruck politisch adäquater aufzugreifen,

00:06:58.100 --> 00:07:02.600
auch wenn es heute eben sehr schnell – das galt damals übrigens auch schon –

00:07:02.600 --> 00:07:07.500
eben als reine Kriminalität oder eben gar als Terrorismus delegitimiert wird,

00:07:07.500 --> 00:07:09.100
muss man eigentlich ein Stück weit auch davon ausgehen,

00:07:09.100 --> 00:07:13.000
dass ziviler Ungehorsam genauso wie legale Demonstrationen,

00:07:13.000 --> 00:07:15.600
genauso wie das Engagement in Parteien, eben auch zu Demokratie gehört,

00:07:15.600 --> 00:07:19.600
zur Geschichte der Demokratie, dazu zu all den Praktiken,

00:07:19.600 --> 00:07:24.000
die Demokratie mit ausmachen über das formale politische System hinaus.

00:07:24.000 --> 00:07:27.800
Holger Klein: Dabei gibt es natürlich Grenzen. Ziviler Ungehorsam muss gerechtfertigt sein,

00:07:27.800 --> 00:07:30.000
damit er auch demokratisch legitim ist.

00:07:30.000 --> 00:07:33.100
Dabei spielen unterschiedliche Aspekte eine Rolle:

00:07:33.100 --> 00:07:36.600
Robin Celikates: Eine wichtige Rolle spielt natürlich die Ausgangsdiagnose.

00:07:36.600 --> 00:07:39.500
Ja, also jetzt wird von der Letzten Generation zum Beispiel gesagt,

00:07:39.500 --> 00:07:45.300
es gibt wissenschaftlichen Konsens darüber, dass die Klimakrise ein Ausmaß annimmt,

00:07:45.300 --> 00:07:51.100
das eben viel umfassendere politische Maßnahmen nötig macht.

00:07:51.100 --> 00:07:53.300
Ja, das kann man empirisch überprüfen und das stimmt auch.

00:07:53.300 --> 00:07:57.100
Also das Bundesverfassungsgericht sieht das so, sogar die Regierung sieht es eigentlich so.

00:07:57.100 --> 00:08:01.800
Und das heißt, das ist schon mal sehr anders als jetzt der Ungehorsam vielleicht von einer Gruppe,

00:08:01.800 --> 00:08:07.600
die behauptet, keine Ahnung, weiße Männer sind die heute am stärksten unterdrückte Gruppe in unserer Gesellschaft.

00:08:07.600 --> 00:08:12.000
Diese Annahme gibt es auch, aber die kann man eben relativ gut empirisch widerlegen.

00:08:12.000 --> 00:08:15.100
Dann spielt natürlich eine Rolle, welche Ziele werden verfolgt.

00:08:15.100 --> 00:08:19.500
Und dafür ist es natürlich dann entscheidend, ob eben die Protestbewegung sagen kann:

00:08:19.500 --> 00:08:26.100
Na ja, uns geht es darum, dass zum Beispiel, die Prinzipien und Grundrechte des Grundgesetzes

00:08:26.100 --> 00:08:33.000
eben auch die Verpflichtung darauf, die Lebensgrundlagen auch für zukünftige Generationen zu schützen,

00:08:33.000 --> 00:08:35.200
dass wir diesem Anspruch gerechter werden.

00:08:35.200 --> 00:08:40.700
Ja, dass wir also ein Ziel verfolgen, das eigentlich schon von der politischen Gemeinschaft geteilt wird

00:08:40.700 --> 00:08:42.700
und sogar einen Verfassungsrang hat.

00:08:42.700 --> 00:08:48.300
Das ist also auch sehr anders, als wenn man jetzt zum Beispiel zivilen Ungehorsam übt, um,

00:08:48.300 --> 00:08:54.700
keine Ahnung, zu verhindern, dass Geflüchtete angesiedelt werden in der eigenen Gegend oder so.

00:08:54.700 --> 00:08:57.800
Und schließlich kommt es natürlich auf die Durchführung an,

00:08:57.800 --> 00:09:00.100
also darauf welche Mittel eingesetzt werden.

00:09:00.100 --> 00:09:05.200
Zivil heißt normalerweise, dass man also keine Gewalt gegen Personen zum Beispiel einsetzt,

00:09:05.200 --> 00:09:09.100
dass die Aktionen also auch selbst begrenzend sind ein Stück weit.

00:09:09.100 --> 00:09:12.700
Holger Klein: Die Protestaktionen der Letzten Generation werden auch dafür kritisiert,

00:09:12.700 --> 00:09:16.700
dass sie schlicht die falschen Personen treffen, dass sie eher spaltend wirken,

00:09:16.700 --> 00:09:21.000
und auch Menschen abschrecken, die eigentlich nicht gegen Klimaschutzmaßnahmen sind.

00:09:21.000 --> 00:09:25.200
Der Protest sei also kontraproduktiv, findet auch Mojib Latif:

00:09:25.200 --> 00:09:28.000
Mojib Latif: Es wird nur noch über die Form des Protests geredet,

00:09:28.000 --> 00:09:32.100
aber es wird nicht mehr darüber geredet, wie erreichen wir denn unsere Klimaziele eigentlich.

00:09:32.100 --> 00:09:35.800
In jeder Talkshow sitzt dann jemand von der "Letzten Generation", sitzt da,

00:09:35.800 --> 00:09:41.300
was weiß ich, Dobrindt, und sagt: "Hier, Vorstufe zur Klima-RAF …“, nicht zielführend das Ganze,

00:09:41.300 --> 00:09:43.800
sondern lenkt einfach nur ab.

00:09:43.800 --> 00:09:46.800
Holger Klein: Robin Celikates findet: Man kann zwar über die Form streiten,

00:09:46.800 --> 00:09:51.300
aber solcher Protest erfüllt eigentlich genau seine Aufgabe im politischen System.

00:09:51.300 --> 00:09:56.500
Robin Celikates: Also, wenn jemand wie Robert Habeck als Minister sagt:

00:09:56.500 --> 00:10:01.600
Dieser Protest ist nicht hilfreich, damit kann man keine gesellschaftlichen Mehrheiten organisieren,

00:10:01.600 --> 00:10:04.200
dann ist dieser Vorwurf meines Erachtens fehladressiert.

00:10:04.200 --> 00:10:09.100
Das ist die Aufgabe der Regierung, gesellschaftliche und politische Mehrheiten zu organisieren,

00:10:09.100 --> 00:10:12.700
und nur weil die Grünen in einer Koalition zum Beispiel mit der FDP sind

00:10:12.700 --> 00:10:16.100
und jetzt Schwierigkeiten haben, ihr Programm und selbst das,

00:10:16.100 --> 00:10:19.300
was im Regierungsvertrag, im Koalitionsvertrag drinsteht, umzusetzen,

00:10:19.300 --> 00:10:22.700
kann man jetzt nicht das der Klimabewegung, den Protesten in die Schuhe schieben.

00:10:22.700 --> 00:10:25.100
Das hat sogar eine gewisse Ironie, weil wir ja alle wissen,

00:10:25.100 --> 00:10:29.000
dass die Grünen selbst aus der Protestbewegung entstanden sind,

00:10:29.000 --> 00:10:34.500
die damals von Kanzler Schmidt zum Beispiel auch als weniger hilfreich natürlich angesehen worden ist.

00:10:34.500 --> 00:10:37.700
Also, das ist eigentlich ein Vorwurf, den kann man Protestbewegungen nicht machen.

00:10:37.700 --> 00:10:41.600
Holger Klein: Aber Demokratie funktioniert über Mehrheiten und über Repräsentation.

00:10:41.600 --> 00:10:44.200
Wie demokratisch wäre es dann überhaupt,

00:10:44.200 --> 00:10:48.100
auf die Forderungen einer so verhältnismäßig kleinen Protestbewegung einzugehen?

00:10:48.100 --> 00:10:53.200
Robin Celikates: Protest ist ja Teil eines viel größeren, komplexen Ökosystems der Demokratie.

00:10:53.200 --> 00:10:56.500
Und es geht ja nicht darum, dass jetzt die Protestierenden die Entscheidungen treffen,

00:10:56.500 --> 00:11:00.700
sondern die versuchen eben auf diese Art und Weise, Druck aufzubauen,

00:11:00.700 --> 00:11:02.800
dass bestimmte Dinge umgesetzt werden.

00:11:02.800 --> 00:11:07.000
Übrigens auch solche Dinge, für die es ja eine sehr breite öffentliche Mehrheit gibt,

00:11:07.000 --> 00:11:10.000
wie zum Beispiel das Tempolimit, die aber einfach aus Gründen der Parteipolitik

00:11:10.000 --> 00:11:12.300
und des Lobbyismus nicht umgesetzt werden.

00:11:12.300 --> 00:11:15.700
Da könnte man auch sagen, es ist doch sehr demokratisch und demokratisierend,

00:11:15.700 --> 00:11:18.100
wenn Protestierende den Druck in diese Richtung aufbauen.

00:11:18.100 --> 00:11:24.200
Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass Protest auch dahingehend demokratisierend ist,

00:11:24.200 --> 00:11:29.700
dass die Stimmen von denjenigen, die eben nicht hinreichend repräsentiert sind

00:11:29.700 --> 00:11:35.000
in der parlamentarischen Demokratie auf diese Weise ins System sozusagen eingespeist werden.

00:11:35.000 --> 00:11:37.500
Gerade bei der Klimakrise ist es doch extrem wichtig,

00:11:37.500 --> 00:11:43.100
dass eben die vor allem Betroffenen, also diejenigen, die jetzt Kinder sind oder Jugendliche,

00:11:43.100 --> 00:11:46.600
die sogenannten zukünftigen Generationen, die aber ja schon hier sind,

00:11:46.600 --> 00:11:49.200
dass die eben innerhalb des politischen Systems, wenn überhaupt,

00:11:49.200 --> 00:11:51.800
dann nur mangelhaft repräsentiert sind.

00:11:51.800 --> 00:11:56.600
Das ist ein genuin demokratischer und demokratisierender Effekt von Protest.

00:11:56.600 --> 00:12:01.600
Holger Klein: Stattdessen, so Celikates, gefährdet gerade die Klimakrise selbst demokratische Strukturen.

00:12:01.600 --> 00:12:04.700
Robin Celikates: Ja, also die Klimakrise ist vor allem deshalb eine Gefahr für Demokratie,

00:12:04.700 --> 00:12:09.100
weil das Verschleppen einer adäquateren Reaktion auf die Krise,

00:12:09.100 --> 00:12:11.600
dieses Verschleppen wird einfach dazu führen,

00:12:11.600 --> 00:12:15.200
dass auf die Dauer der objektive Problemdruck zunimmt,

00:12:15.200 --> 00:12:16.500
die Krisentendenzen zunehmen werden,

00:12:16.500 --> 00:12:19.100
die Dysfunktionalität offener zutage tritt,

00:12:19.100 --> 00:12:22.100
und das führt zu gesellschaftlicher Polarisierung,

00:12:22.100 --> 00:12:25.600
das führt zu einer stärkeren autoritären Versuchung.

00:12:25.600 --> 00:12:29.700
Das wird auch zu einer stärkeren Spaltung zwischen arm und reich noch führen.

00:12:29.700 --> 00:12:32.200
Wir sehen jetzt schon, dass in auch ärmeren Ländern zum Beispiel

00:12:32.200 --> 00:12:34.500
sich die reichen Bevölkerungsteile versuchen abzukapseln.

00:12:34.500 --> 00:12:40.000
Das wird über kurz oder lang noch zu einer Zuspitzung der politischen Konflikte führen.

00:12:40.000 --> 00:12:43.800
Darin sehe ich eigentlich das größte Gefahrenpotential für die Demokratie,

00:12:43.800 --> 00:12:47.700
überhaupt nicht von den Protesten jetzt aus ausgehend, die heute stattfinden,

00:12:47.700 --> 00:12:50.100
genau um so etwas zu verhindern.

00:12:50.100 --> 00:12:52.600
*Musik*

00:12:52.600 --> 00:12:55.200
Holger Klein: Der menschengemachte Klimawandel ist wissenschaftlich gut belegt,

00:12:55.200 --> 00:12:58.200
nur die wenigsten Menschen bestreiten diese Tatsache.

00:12:58.200 --> 00:13:02.200
Und knapp die Hälfte der Menschen in Deutschland wünscht sich mehr Tempo beim Klimaschutz,

00:13:02.200 --> 00:13:08.300
das gaben 44 Prozent beim DeutschlandTrend von infratest dimap im April 2023 an.

00:13:08.300 --> 00:13:13.200
Trotzdem gehen die wenigsten deshalb aktiv auf die Straße oder kleben sich darauf fest.

00:13:13.200 --> 00:13:15.700
Die meisten bleiben eher passiv.

00:13:15.700 --> 00:13:17.600
Nicole Doerr: Die Klimagerechtigkeitsbewegung sagt jetzt:

00:13:17.600 --> 00:13:20.600
„Mobilisiert euch, protestiert, verändert etwas“

00:13:20.600 --> 00:13:29.100
Und das Gefühl seitens dieser nicht-aktiven Bevölkerungsgruppen ist eben möglicherweise,

00:13:29.100 --> 00:13:35.700
dass sie eh nichts ändern können, dass ihr Votum als Wähler:innen nichts verändert

00:13:35.700 --> 00:13:40.300
und dass jetzt von der Politik von oben, so „von oben“ in Anführungsstrichen

00:13:40.300 --> 00:13:45.200
wieder was Neues indoktriniert wird, was wieder sie treffen wird.

00:13:45.200 --> 00:13:49.200
Und das ist eine Situation, in der wir alle gehemmt sind.

00:13:49.200 --> 00:13:51.100
Holger Klein: Das sagt Nicole Doerr.

00:13:51.100 --> 00:13:55.200
Sie ist assoziierte Professorin am Institut für Soziologie der Universität Kopenhagen

00:13:55.200 --> 00:14:00.200
und forscht zu Demokratie und Zivilgesellschaft – auch in Bezug auf die Klimakrise.

00:14:00.200 --> 00:14:03.300
Nicole Doerr analysiert gerade in einem großen Forschungsprojekt,

00:14:03.300 --> 00:14:06.300
wie die Klimadebatte Gesellschaften polarisiert

00:14:06.300 --> 00:14:10.300
und wie sich Deutschland dabei von anderen EU-Ländern und Lateinamerika unterscheidet.

00:14:10.300 --> 00:14:13.800
Nicole Doerr: Und wir finden, dass der Diskurs hier in Deutschland sehr eingeschränkt ist,

00:14:13.800 --> 00:14:19.200
also dass ganz oft eine angeblich faktenbasierte Argumentationslinie gefahren wird.

00:14:19.200 --> 00:14:24.000
Das bedeutet, dass es eigentlich einen Konsens gibt zu Rationalität,

00:14:24.000 --> 00:14:30.600
aber Rationalität würde bedeuten, dass jetzt schnellere Schritte unternommen werden.

00:14:30.600 --> 00:14:33.200
Und zwar nicht nur in Deutschland, sondern global,

00:14:33.200 --> 00:14:36.300
aber das ist dann wieder zu radikal für eine Demokratie.

00:14:36.300 --> 00:14:41.200
Also wenn Sie fragen, hat Demokratie ein Problem Lösungen zu finden?

00:14:41.200 --> 00:14:45.100
Dann liegt es daran, dass wir eben nicht immer rational entscheiden,

00:14:45.100 --> 00:14:50.200
sondern dass Emotionen und andere Entscheidungsmotive eine Rolle spielen.

00:14:50.200 --> 00:14:52.800
Und die sich anzuschauen, darum geht es.

00:14:52.800 --> 00:14:55.800
Holger Klein: Im Vergleich einzelner Länder im Umgang mit der Klimakrise wird deutlich,

00:14:55.800 --> 00:14:59.500
dass mehr demokratische Beteiligung nicht hinderlich ist,

00:14:59.500 --> 00:15:01.700
sondern im Gegenteil eher dazu beiträgt,

00:15:01.700 --> 00:15:04.600
verschiedene Interessen mit dem Klimaschutz in Einklang zu bringen

00:15:04.600 --> 00:15:07.500
und Lösungen für konkrete Probleme zu finden.

00:15:07.500 --> 00:15:09.300
Vor allem auf lokaler Ebene.

00:15:09.300 --> 00:15:12.200
Nicole Doerr: Ich sehe das beispielsweise in Dänemark, das Land,

00:15:12.200 --> 00:15:15.700
in dem ich auch unterrichte und über das ich auch unter anderem forsche,

00:15:15.700 --> 00:15:21.500
dass es dort einen viel größeren Konsens in Bezug auf klimafreundliche Politik gibt.

00:15:21.500 --> 00:15:29.200
Also einzelne Städte, auch Großstädte, die arbeiten schon lange auf CO2-Neutralität hin

00:15:29.200 --> 00:15:35.000
und haben auch schon die Pariser Klimaziele erreicht und die sehen das als Branding.

00:15:35.000 --> 00:15:38.700
Holger Klein: Denn Dänemark hat sich schon viel früher, schon seit den 1970er Jahren,

00:15:38.700 --> 00:15:42.100
auf eine klimafreundliche Lebensweise ausgerichtet.

00:15:42.100 --> 00:15:47.200
Dänische Verwaltungen arbeiten zum Teil sogar gezielt mit Klimaaktivistinnen und -Aktivisten zusammen.

00:15:47.200 --> 00:15:53.800
Nicole Doerr: Progressive Bürgermeister, also sozialdemokratische und grüne Bürgermeister:innen in Dänemark

00:15:53.800 --> 00:16:01.200
haben in den vergangenen 20 Jahren Menschen aus der Umweltbewegung angestellt,

00:16:01.200 --> 00:16:06.800
die sie als consense brokers sehen, um in der Stadt Politik zu machen,

00:16:06.800 --> 00:16:13.200
um in der Administration in einzelnen Abteilungen, Zivilgesellschaft, Firmen

00:16:13.200 --> 00:16:20.800
und die Stadt zu vernetzen und auf allen Ebenen in Richtung CO2-Neutralität zu arbeiten.

00:16:20.800 --> 00:16:24.300
Und daher auch Themen, Konzepte politisch zu übersetzen.

00:16:24.300 --> 00:16:28.800
Holger Klein: In Dänemark gibt es einerseits mehr Gelder für Projekte, die Klimaschutz lokal unterstützen,

00:16:28.800 --> 00:16:32.600
und andererseits den Versuch, die gemeinsame Arbeit an Klimaschutzprojekten

00:16:32.600 --> 00:16:34.800
für mehr Menschen zugänglich zu machen,

00:16:34.800 --> 00:16:38.500
unter anderem auch durch diese sogenannten Klima-Übersetzerinnen.

00:16:38.500 --> 00:16:40.300
Bei uns ist das anders, meint Nicole Doerr.

00:16:40.300 --> 00:16:44.600
Nicole Doerr: Also im Moment haben wir in Deutschland immer wieder die Politik des Mangels.

00:16:44.600 --> 00:16:46.800
Also wenn ich zum Beispiel in meine Stadt gehe

00:16:46.800 --> 00:16:51.200
und ich möchte mit einer Umweltbeauftragten sprechen,

00:16:51.200 --> 00:16:56.300
dann kann es sein, dass ich abgewimmelt werde, auch wenn Gelder da sind,

00:16:56.300 --> 00:16:59.200
die eigentlich abgerufen werden können,

00:16:59.200 --> 00:17:03.800
dass versucht wird, das zu bürokratisieren oder es macht so viel Arbeit oder:

00:17:03.800 --> 00:17:07.500
„Oh nein das wollen wir nicht, Hilfe. Schreibt uns nicht.“

00:17:07.500 --> 00:17:12.700
Holger Klein: Stattdessen sollten Bürgerinnen und Bürger aber viel mehr mit Politikerinnen und Politikern in Kontakt kommen,

00:17:12.700 --> 00:17:14.700
gerade im lokalen Kontext.

00:17:14.700 --> 00:17:17.400
Zum Beispiel durch sogenannte Klimaversammlungen.

00:17:17.400 --> 00:17:20.700
Nicole Doerr: Was wir in unserer Forschung zu Dänemark herausgefunden haben, ist,

00:17:20.700 --> 00:17:27.700
dass Klimaversammlungen einen sehr positiven Effekt haben können auf Stadtpolitik.

00:17:27.700 --> 00:17:32.400
Sie erlauben nämlich der Politik, den unterschiedlichen politischen Fraktionen,

00:17:32.400 --> 00:17:37.700
stärker auf Bürger:innenwünsche einzugehen und durch die Versammlung selbst,

00:17:37.700 --> 00:17:40.700
durch die Menschen, die sie dort treffen, deren Anliegen sie kennenlernen,

00:17:40.700 --> 00:17:45.200
einen Aha-Effekt zu bekommen, wo sie sagen, ha, wir können das ja machen.

00:17:45.200 --> 00:17:47.400
Wir dachten, wir können es nicht.

00:17:47.400 --> 00:17:49.000
Wir dachten, wir hätten keine Mehrheit.

00:17:49.000 --> 00:17:54.200
Und diejenigen, die sich wagen, diese Klimaversammlung einzuführen, machen gute Effekte.

00:17:54.200 --> 00:17:58.000
Das Problem ist, Klimaversammlungen kosten Geld, es ist Organisation, Zeit.

00:17:58.000 --> 00:18:03.200
Und es braucht Insider, in den Administrationen der Städte, der Bürokratie,

00:18:03.200 --> 00:18:05.500
die sich dafür engagieren.

00:18:05.500 --> 00:18:12.200
*Musik*

00:18:12.200 --> 00:18:14.500
Holger Klein: Ob bei den Protestaktionen der „Letzten Generation“

00:18:14.500 --> 00:18:18.200
oder in Klimaversammlungen, dort, wo aktiv Klimaschutz eingefordert

00:18:18.200 --> 00:18:22.500
oder Maßnahmen umgesetzt werden, setzen sich Menschen in irgendeiner Form für die Natur

00:18:22.500 --> 00:18:25.700
und den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen ein.

00:18:25.700 --> 00:18:28.000
Sie berufen sich dabei auch auf ihre Grundrechte,

00:18:28.000 --> 00:18:33.700
so auch bei den Verfassungsbeschwerden, die 2021 gegen das Klimaschutzgesetz vorgebracht wurden.

00:18:33.700 --> 00:18:38.000
Doch was wäre, wenn die Natur selbst Grundrechte hätte?

00:18:38.000 --> 00:18:40.500
Darüber habe ich mit Jens Kersten gesprochen.

00:18:40.500 --> 00:18:43.000
Er ist Professor für Öffentliches Recht an der LMU München.

00:18:43.000 --> 00:18:47.500
Und schlägt nicht weniger als eine ökologische Revolution des Rechts vor.

00:18:47.500 --> 00:18:50.200
*Musik*

00:18:50.200 --> 00:18:51.000
Holger Klein: Hallo Herr Kersten.

00:18:51.000 --> 00:18:53.200
Jens Kersten: Hallo, schön Sie zu hören.

00:18:53.200 --> 00:18:56.500
Holger Klein: Taugt unser Rechtssystem oder wie man es, unsere Rechtslage,

00:18:56.500 --> 00:19:00.200
unser Gemeinwesen, die Demokratie, wie wir sie haben, ganz großer Wurf jetzt.

00:19:00.200 --> 00:19:04.700
Taugen die überhaupt, um die Klimakrise anzugehen?

00:19:04.700 --> 00:19:06.700
Jens Kersten: Nee, das glaube ich im Augenblick nicht.

00:19:06.700 --> 00:19:10.000
Also wenn man auf das Grundgesetz schaut, steht da ja zwar drin,

00:19:10.000 --> 00:19:15.700
dass wir das Staatsziel des Umweltschutzes haben, also in Artikel 20a steht drin,

00:19:15.700 --> 00:19:18.400
dass auch in Verantwortung vor künftigen Generationen

00:19:18.400 --> 00:19:22.000
die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere zu schützen sind,

00:19:22.000 --> 00:19:25.200
aber das reicht überhaupt nicht aus, um die Herausforderungen anzunehmen,

00:19:25.200 --> 00:19:30.200
die der Klimawandel, aber auch das Artensterben oder die Globalvermüllung für uns darstellen.

00:19:30.200 --> 00:19:32.000
Holger Klein: Woran mangelt es denn?

00:19:32.000 --> 00:19:35.700
Jens Kersten: Also mit Blick auf jetzt schlicht und ergreifend die Verfassungsordnung

00:19:35.700 --> 00:19:38.000
kann man das eigentlich ganz klar benennen, woran es mangelt.

00:19:38.000 --> 00:19:41.500
Erstens, der Umweltschutz kommt praktisch nur an einer Stelle vor,

00:19:41.500 --> 00:19:44.400
nämlich in diesem Staatsziel Umweltschutz, und der zweite Punkt ist:

00:19:44.400 --> 00:19:50.000
Der einzige, der darüber entscheidet, ob wir angemessen Umweltschutz betreiben, ist der Staat selbst.

00:19:50.000 --> 00:19:53.000
Das heißt, der Staat sagt: wir betreiben Umweltschutz,

00:19:53.000 --> 00:19:55.200
aber die Bürgerinnen und Bürger haben nicht die Möglichkeit,

00:19:55.200 --> 00:19:58.000
den Staat dazu, ja, zum Jagen zu tragen.

00:19:58.000 --> 00:20:02.200
Also praktisch ihn zu zwingen, rechtlich Umweltschutz zu betreiben.

00:20:02.200 --> 00:20:06.200
Holger Klein: Was müssten wir denn genau ändern, um den Staat zum Jagen zu tragen,

00:20:06.200 --> 00:20:06.900
wie Sie so schön gesagt haben?

00:20:06.900 --> 00:20:10.700
Sie schreiben ja in der APuZ „die Natur als Rechtssubjekt begreifen“?

00:20:10.700 --> 00:20:14.700
Jens Kersten: Ja, also prinzipiell verstehen wir die Natur als Objekt,

00:20:14.700 --> 00:20:19.500
also das heißt wir Menschen, wir sind Subjekte und wir behandeln die Natur wie ein Objekt.

00:20:19.500 --> 00:20:25.200
Und wenn man das ändern will, dann muss man hingehen und beispielsweise der Natur auch Rechte geben.

00:20:25.200 --> 00:20:29.200
Das ist durchaus möglich, das Land Ecuador hat das in seiner Verfassung gemacht,

00:20:29.200 --> 00:20:31.700
und wir sollten das auch tun.

00:20:31.700 --> 00:20:35.700
Wenn man das versucht einzuordnen, kann man praktisch sagen, es ist total unfair,

00:20:35.700 --> 00:20:39.500
dass die Natur keine Rechte hat, denn Rechte haben wir Menschen,

00:20:39.500 --> 00:20:43.000
um unsere individuellen Bedürfnisse und Interessen durchzusetzen

00:20:43.000 --> 00:20:48.700
und unsere sozialen Rechte hat beispielsweise die Wirtschaft, die eben auch einklagen kann,

00:20:48.700 --> 00:20:53.700
auch über Grundrechte verfügt, um ihre Interessen durchzusetzen, nur die Natur hat es nicht.

00:20:53.700 --> 00:20:56.900
Und wenn sie den Dreiklang sich anschauen der Nachhaltigkeit,

00:20:56.900 --> 00:21:01.200
also einen Ausgleich zu schaffen zwischen sozialen Interessen, zwischen ökonomischen,

00:21:01.200 --> 00:21:04.200
also wirtschaftlichen Interessen und ökologischen Interessen,

00:21:04.200 --> 00:21:08.200
da fällt die Natur mit Blick auf diese subjektiven Rechte einfach hinten runter.

00:21:08.200 --> 00:21:11.700
Holger Klein: Aber wie kann die Natur denn ein Subjekt werden,

00:21:11.700 --> 00:21:15.700
weil die Natur ist ja nicht in der Lage ihren Willen zu äußern

00:21:15.700 --> 00:21:18.700
und dann diesen Willen dann irgendwie zu verfolgen und ihre Rechte einzuklagen.

00:21:18.700 --> 00:21:23.200
Also Unternehmen können das ja, die können ja dann immerhin per Vorstandsbeschluss das irgendwie machen oder so.

00:21:23.200 --> 00:21:27.700
Jens Kersten: Ja, aber ich finde, man kann da sehr gut anknüpfen an diese wirtschaftlichen Unternehmen,

00:21:27.700 --> 00:21:34.000
denn so eine GmbH oder so eine Aktiengesellschaft ist ja auch nicht aus der Natur heraus mit Rechten begabt,

00:21:34.000 --> 00:21:37.700
sondern die Rechtsordnung misst sie dieser Aktiengesellschaft zu

00:21:37.700 --> 00:21:42.500
und vor dem Hintergrund wird die dann vertreten mit Blick auf diese wirtschaftlichen Interessen.

00:21:42.500 --> 00:21:45.500
Aber genau das Gleiche können wir mit der Natur auch machen.

00:21:45.500 --> 00:21:49.400
Was mit totem Kapital funktioniert, das funktioniert auch mit der lebendigen Natur.

00:21:49.400 --> 00:21:51.000
Holger: Wer wäre dann der Vertreter der Natur?

00:21:51.000 --> 00:21:54.000
Also wer dürfte sich anmaßen für die Natur zu sprechen?

00:21:54.000 --> 00:21:55.000
Weil kann ja jeder kommen.

00:21:55.000 --> 00:21:58.400
Jens Kersten: Ja, das ist genau richtig und Ecuador hat es ja auch genau so gemacht.

00:21:58.400 --> 00:22:00.700
Da kann sogar jeder und jede kommen.

00:22:00.700 --> 00:22:04.700
Das bedeutet in Ecuador ist es so, dass dort in der Verfassung anerkannt ist,

00:22:04.700 --> 00:22:09.900
dass große Ökosysteme prinzipiell über Rechte verfügen und dann sogar eine Popularklage,

00:22:09.900 --> 00:22:17.000
und zwar eine globale Popularklagemöglichkeit besteht, diese Rechte der Natur dann auch einzuklagen.

00:22:17.000 --> 00:22:20.700
Also, diesen Weg hat Ecuador gewählt, und der wird auch für das Grundgesetz vorgeschlagen,

00:22:20.700 --> 00:22:27.000
sodass wir praktisch reinschreiben, dass große Ökosysteme, Landschaften, Flüsse über Rechte verfügen,

00:22:27.000 --> 00:22:32.000
und dann könnte man sagen, die können wahrgenommen werden etwa in Form der Popularklage

00:22:32.000 --> 00:22:36.200
und eingeklagt werden, deren Rechte, von allen Bürgerinnen und Bürgern.

00:22:36.200 --> 00:22:38.200
Holger Klein: Aber wenn ich jetzt so was ins Grundgesetz schreibe:

00:22:38.200 --> 00:22:41.500
Die Natur ist ein Rechtssubjekt, das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

00:22:41.500 --> 00:22:44.700
Wo steht denn, welche Rechte genau ich einklage?

00:22:44.700 --> 00:22:50.200
Also, wenn Sie da reinschreiben, große Ökosysteme sind geschützt, wo fängt das an, wo hört das auf, dieser Schutz?

00:22:50.200 --> 00:22:54.000
Jens Kersten: Also wenn man den Weg mit Blick auf Ecuador geht, dann ist da relativ klar gesagt,

00:22:54.000 --> 00:23:00.700
wie die Einbindung dieser Rechtssubjekte der Natur in die Gesellschafts- und die Rechtsordnung erfolgen soll.

00:23:00.700 --> 00:23:03.000
Ich persönlich würde ja einen anderen Weg gehen.

00:23:03.000 --> 00:23:07.200
Ich würde es nämlich genau so ausgestalten oder parallel ausgestalten im Grundgesetz,

00:23:07.200 --> 00:23:11.000
wie wir das mit der Wirtschaft getan haben und das ist der Artikel 19, Absatz 3,

00:23:11.000 --> 00:23:15.700
da steht drin, dass sogenannte juristische Personen das Recht haben,

00:23:15.700 --> 00:23:20.400
sich auf Grundrechte zu berufen, soweit die ihrem Wesen nach auf sie anwendbar sind.

00:23:20.400 --> 00:23:26.700
Und das geht beispielsweise für soziale Vereine, aber auch für, ja, juristische Personen des Wirtschaftsrechts,

00:23:26.700 --> 00:23:31.500
die gerade erwähnte GmbH oder die Aktiengesellschaft und ich würde jetzt sagen,

00:23:31.500 --> 00:23:33.500
wir schreiben in diese Regelung einfach rein,

00:23:33.500 --> 00:23:38.000
auch ökologische Personen können sich auf die Grundrechte berufen,

00:23:38.000 --> 00:23:40.200
die ihrem Wesen auch auf sie anwendbar sind.

00:23:40.200 --> 00:23:46.200
Und dann stellt sich die Frage, für welche Formen von juristischen ökologischen Personen gelten welche Grundrechte.

00:23:46.200 --> 00:23:48.000
Nehmen wir mal Tiere.

00:23:48.000 --> 00:23:52.200
Bei Tieren wäre es so, die hätten auf jeden Fall die Bewegungsfreiheit,

00:23:52.200 --> 00:23:55.900
die wir geregelt haben im Artikel 2 Absatz 1 des Grundgesetz,

00:23:55.900 --> 00:24:00.700
das Recht auf Leben im Artikel 2 Absatz 2, Satz 1 des Grundgesetzes

00:24:00.700 --> 00:24:02.200
und auch auf Gesundheit.

00:24:02.200 --> 00:24:05.000
Sie hätten auch ein Recht auf eine Wohnung, nämlich auf ihr Ökosystem.

00:24:05.000 --> 00:24:07.700
Und insofern kann man das schlicht und ergreifend übertragen.

00:24:07.700 --> 00:24:11.000
Jetzt merke ich schon an ihrem Durchatmen, ist das wirklich sinnvoll?

00:24:11.000 --> 00:24:14.700
Aber wir haben's ja mit der Wirtschaft gemacht, warum soll das nicht mit der Natur verstehen?

00:24:14.700 --> 00:24:20.200
Und wer das anzweifelt, der bleibt halt hängen in diesem anthropozentrischen Denken,

00:24:20.200 --> 00:24:24.400
das uns eigentlich dorthin geführt hat, wo wir gerade stehen mit Blick auf Globalvermüllung,

00:24:24.400 --> 00:24:26.500
Artensterben und Klimakatastrophen.

00:24:26.500 --> 00:24:27.000
Wir müssen da umdenken.

00:24:27.000 --> 00:24:28.900
Das ist eine reine Frage der Gewöhnung.

00:24:28.900 --> 00:24:30.700
Wir werden uns schnell dran gewöhnen.

00:24:30.700 --> 00:24:34.200
Holger Klein: Ich versuche noch, „ihrem Wesen nach auf sie anwendbar“ zu verstehen.

00:24:34.200 --> 00:24:37.000
Das heißt, Tiere, weil sie sich bewegen können, haben bestimmte Rechte.

00:24:37.000 --> 00:24:40.500
Steine haben dann wieder andere Rechte, jetzt als absurdes Gegenbeispiel zum Beispiel.

00:24:40.500 --> 00:24:46.200
Jens Kersten: Ja, also sagen wir so, ich glaube, der Gesetzgeber, der wäre dann dazu aufgerufen,

00:24:46.200 --> 00:24:50.500
diese Rechte der Natur auszugestalten und das differenziert zu tun.

00:24:50.500 --> 00:24:54.500
Also ich würde jetzt sagen, bei Tieren könnte man, jedenfalls wenn sie höher entwickelt sind,

00:24:54.500 --> 00:24:56.900
einen individuellen Ansatz wählen.

00:24:56.900 --> 00:25:02.000
Das würde ich auch sagen bei charismatischen Pflanzen oder bei Pflanzen, die vom Aussterben bedroht sind.

00:25:02.000 --> 00:25:06.700
Demgegenüber könnte man dann wiederum kleinere Tierarten oder man könnte Pflanzen,

00:25:06.700 --> 00:25:11.400
nehmen Sie mal einfach den Rasen oder Gras, wiederum einem Ökosystem zurechnen,

00:25:11.400 --> 00:25:15.200
Landschaften oder Flüssen, die selbst wieder über Rechte verfügen.

00:25:15.200 --> 00:25:18.700
Wir bekommen eine relativ komplexe Gesellschaftsordnung dadurch,

00:25:18.700 --> 00:25:22.200
aber damit sind wir Juristinnen und Juristen umzugehen gewöhnt.

00:25:22.200 --> 00:25:24.400
Das machen wir die ganze Zeit.

00:25:24.400 --> 00:25:26.000
Vielleicht kann man noch sagen, wer vertritt die dann?

00:25:26.000 --> 00:25:30.700
Der Gesetzgeber könnte in einem Umweltgesetzbuch oder in einem ökologischen Gesetzbuch

00:25:30.700 --> 00:25:36.700
dann relativ klar ausgestalten, welche individuellen Vertretungsmöglichkeiten von Menschen

00:25:36.700 --> 00:25:41.500
für bestimmte ökologische Personen es gibt, aber auch Vereinigungen,

00:25:41.500 --> 00:25:43.700
welche, die dann klagen können, oder die Popularklage.

00:25:43.700 --> 00:25:47.000
Beispielsweise beim Tier könnte man das individuell gestalten.

00:25:47.000 --> 00:25:51.200
Bei einem Fluss oder bei einer Landschaft könnte man hingehen und sagen,

00:25:51.200 --> 00:25:53.500
das machen wir über eine Popularklage.

00:25:53.500 --> 00:25:57.700
Da sind wir Juristinnen und Juristen sehr viel phantasievoller als die Gesellschaft immer glaubt.

00:25:57.700 --> 00:26:00.700
Holger Klein: Dann brauchen so Grundgesetzänderungen ja immer sehr viel Zeit

00:26:00.700 --> 00:26:03.500
und sehr große Mehrheiten, die müssen erstmal beschafft werden.

00:26:03.500 --> 00:26:08.500
Wir erleben gerade einen Kulturkampf von rechts, der Klimaschutz als linke Spinnerei irgendwie abzutun versucht.

00:26:08.500 --> 00:26:12.500
Wie würden Sie denn versuchen, passende Mehrheiten zu gewinnen?

00:26:12.500 --> 00:26:17.000
Jens Kersten: Dass man von rechts dann Kulturkampf gegen die Ökologie führt, das ist sicherlich richtig.

00:26:17.000 --> 00:26:21.200
Ich glaube insgesamt, wenn Sie sich die aktuelle Debatte in Deutschland anschauen,

00:26:21.200 --> 00:26:26.500
die Frage, wie auf Fridays for Future, wie auf die Letzte Generation reagiert wird,

00:26:26.500 --> 00:26:29.900
dann ist das nicht nur seitens der Politik schlicht und ergreifend hysterisch,

00:26:29.900 --> 00:26:32.500
sondern es ist eigentlich eine klare Botschaft.

00:26:32.500 --> 00:26:36.500
Und die klare Botschaft ist: Wir wollen diese Probleme der nächsten Generation

00:26:36.500 --> 00:26:38.700
und vielleicht der letzten Generation überhaupt nicht sehen.

00:26:38.700 --> 00:26:41.200
Vor dem Hintergrund muss man einfach diese Vorschläge machen.

00:26:41.200 --> 00:26:45.000
Man muss für sie werben, aber im Augenblick haben sie vollkommen Recht.

00:26:45.000 --> 00:26:49.400
Wir ziehen uns konservativ auf das zurück, was wir haben und hoffen, dass es vorbeigeht,

00:26:49.400 --> 00:26:50.000
aber das wird nicht der Fall sein.

00:26:50.000 --> 00:26:52.500
Die Natur wird nicht mit uns verhandeln.

00:26:52.500 --> 00:26:57.400
Wenn man sich auch die politische Landschaft heute, vor allem auch im demokratischen Spektrum anschaut,

00:26:57.400 --> 00:27:02.000
habe ich da, das sage ich ganz offen, im Augenblick relativ wenig Hoffnung, denn Sie sehen ja:

00:27:02.000 --> 00:27:06.900
Niemand im Parlament, selbst die Grünen, greifen ja die Forderungen von denjenigen auf,

00:27:06.900 --> 00:27:12.200
die heute eigentlich für neue öffentliche Güter streiten, nämlich für neue ökologische öffentliche Güter.

00:27:12.200 --> 00:27:15.000
Holger Klein: Können Sie angesichts dessen trotzdem optimistisch bleiben?

00:27:15.000 --> 00:27:19.400
Jens Kersten: Ja, sagen wir mal so: Optimistisch gehört zur Demokratie, ja,

00:27:19.400 --> 00:27:21.500
denn mit Pessimisten kann man keine Demokratie machen.

00:27:21.500 --> 00:27:24.900
Dann kann man gerade aufhören und das ist ja dieser Kulturkampf von rechts.

00:27:24.900 --> 00:27:27.700
Also optimistisch bleibe ich auf jeden Fall,

00:27:27.700 --> 00:27:30.400
aber in der gegenwärtigen Lage bräuchte es eigentlich schon ein großes Umdenken,

00:27:30.400 --> 00:27:33.000
damit es eigentlich hier gelingen kann.

00:27:33.000 --> 00:27:36.500
Holger Klein: Wenn wir der Natur Rechte einräumen, die sie bisher nicht hat,

00:27:36.500 --> 00:27:40.400
dann müssen wir, die diese Rechte einfach in Anspruch nehmen jetzt gerade,

00:27:40.400 --> 00:27:42.500
wir müssen ein paar Privilegien abgeben.

00:27:42.500 --> 00:27:46.200
Das heißt, wir werden auch irgendwann, sollte es zu so einem Gesetzgebungsprozess kommen,

00:27:46.200 --> 00:27:48.900
Verteilungsfragen diskutieren müssen.

00:27:48.900 --> 00:27:51.500
Würden wir das schaffen, alle mitzunehmen?

00:27:51.500 --> 00:27:53.700
Können wir das überhaupt schaffen?

00:27:53.700 --> 00:27:58.400
Jens Kersten: Also die Frage von rechtlichen Entscheidungen ist ja nie: Wir wollen alle mitnehmen.

00:27:58.400 --> 00:28:02.500
Sondern dann haben wir einzelne Konflikte, die Natur hat Rechte, wir haben Rechte,

00:28:02.500 --> 00:28:04.700
die müssen dann abgewogen werden.

00:28:04.700 --> 00:28:07.500
Wir gehen immer so ein bisschen - und das ist so ein bisschen ein deutsches Missverständnis,

00:28:07.500 --> 00:28:10.900
davon aus, zu sagen, wer ein Recht hat, bekommt auch das Recht.

00:28:10.900 --> 00:28:13.500
Das ist aber ja juristisch überhaupt nicht der Fall.

00:28:13.500 --> 00:28:19.500
In komplexen Abwägungsentscheidungen ist es so, stellen sich die Rechte von verschiedenen Leuten gegenüber.

00:28:19.500 --> 00:28:23.200
Wir erzeugen Konflikte und lösen die dann durch Abwägung,

00:28:23.200 --> 00:28:25.500
entweder weil der Gesetzgeber das macht oder weil Gerichte das entscheiden,

00:28:25.500 --> 00:28:28.200
und dadurch entwickeln wir die Rechtsordnung weiter.

00:28:28.200 --> 00:28:30.500
Holger Klein: Warum müssen wir das überhaupt alles machen?

00:28:30.500 --> 00:28:34.000
Wir hatten doch neulich das Klimaschutzgesetz-Urteil vom Bundesverfassungsgericht

00:28:34.000 --> 00:28:36.000
und da ging es sogar um den Menschen.

00:28:36.000 --> 00:28:38.900
Das heißt, es gibt eine Instanz, die kann das doch schon regeln.

00:28:38.900 --> 00:28:41.500
Warum lassen wir die das nicht regeln?

00:28:41.500 --> 00:28:44.200
Jens Kersten: Ja, das ist ja auch richtig und es ist ja auch eine revolutionäre Entscheidung,

00:28:44.200 --> 00:28:48.000
die Klimaentscheidung des Bundesverfassungsgerichts, denn sie macht ja genau das,

00:28:48.000 --> 00:28:52.700
für was eigentlich viele, die sich um die Ökologie kümmern und die Verfassung sehen, werben.

00:28:52.700 --> 00:28:58.400
Sie sagt, die Bürgerinnen und Bürger können jetzt in dem Fall der intertemporalen Freiheitssicherung doch klagen,

00:28:58.400 --> 00:29:03.500
aus dem Grundrecht, Artikel 2, Absatz 1, also der allgemeinen Handlungsfreiheit

00:29:03.500 --> 00:29:06.900
in Verbindung mit Staatsziel Umweltschutz, in Artikel 20a.

00:29:06.900 --> 00:29:09.200
Aber man muss auch der Ehrlichkeit dazu sagen:

00:29:09.200 --> 00:29:14.200
Das ist die einzige wirklich ökologisch taugliche Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts.

00:29:14.200 --> 00:29:18.000
Wenn man sich das Gericht anschaut, hat das Gericht eigentlich eine ökologische Unterbilanz.

00:29:18.000 --> 00:29:20.200
Und vor dem Hintergrund muss man sagen,

00:29:20.200 --> 00:29:26.500
das Klimaurteil oder die Klimaentscheidung des Bundesverfassungsgerichts ist auch nur ein Schritt in die richtige Richtung.

00:29:26.500 --> 00:29:30.900
Wenn man sich die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Klimaschutz anschaut,

00:29:30.900 --> 00:29:34.000
dann ist das ja eine Entscheidung, die das Klima nur indirekt schützt.

00:29:34.000 --> 00:29:38.000
Es geht in der Tat um Generationskonflikte mit Blick auf die Frage,

00:29:38.000 --> 00:29:41.000
wie viel Freiheit bleibt denn übrig, wenn wir so weiterleben wie bisher,

00:29:41.000 --> 00:29:46.500
und da sagt das Bundesverfassungsgericht, wir müssen hier einen intergenerationellen Ausgleich schaffen

00:29:46.500 --> 00:29:49.900
durch dieses Recht auf intertemporale Freiheitssicherung.

00:29:49.900 --> 00:29:53.500
Aber das zeigt, wir sind hier schon längst auf der Schadensabwicklungsebene

00:29:53.500 --> 00:29:57.000
und gar nicht auf der Ebene, dass wir den Klimaschutz aktiv gestalten.

00:29:57.000 --> 00:30:00.400
Holger Klein: Und da ist dann auch die Natur auch wieder nur Objekt,

00:30:00.400 --> 00:30:03.900
weil am Ende geht es darum, wie geht es denn den Menschen in der Zukunft.

00:30:03.900 --> 00:30:09.700
Wir kommen also anscheinend nicht drum rum eine Grundgesetzänderung irgendwie anzustoßen.

00:30:09.700 --> 00:30:12.000
Wie wollen Sie das machen?

00:30:12.000 --> 00:30:14.200
In der Politik hört Ihnen niemand zu, wenn Sie es öffentlich sagen,

00:30:14.200 --> 00:30:17.700
kommt irgendjemand um die Ecke und sagt, ja, aber ich bin auf mein Auto angewiesen.

00:30:17.700 --> 00:30:22.700
Und die arme Oma in dem schlecht isolierten Haus muss ja auch mit irgendwas ihre Heizung betreiben.

00:30:22.700 --> 00:30:26.200
Jens Kersten: Ja, da haben Sie vollkommen Recht, aber man muss ja im Augenblick auch sehen,

00:30:26.200 --> 00:30:30.900
dass ja die soziale Frage und die ökologische Frage gegeneinander ausgespielt werden.

00:30:30.900 --> 00:30:34.200
Um die soziale Frage hat sich lange in Deutschland überhaupt keiner gekümmert,

00:30:34.200 --> 00:30:36.200
jedenfalls nicht in der Bundesregierung.

00:30:36.200 --> 00:30:39.200
Aber seitdem die ökologischen Fragen auf der Tagesordnung stehen,

00:30:39.200 --> 00:30:43.200
werden die sozialen Fragen aufgerufen, um sie gegen die ökologischen auszuspielen.

00:30:43.200 --> 00:30:46.500
Und da muss man sagen: Ne, man muss ja beides gestalten.

00:30:46.500 --> 00:30:51.500
Also ein weiterer Punkt, der ja für eine ökologische Verfassungsordnung wahrscheinlich mit auch der zentralste ist,

00:30:51.500 --> 00:30:57.000
ist die Frage einer sozialen und gleichzeitig ökologische Gestaltung unseres Eigentums.

00:30:57.000 --> 00:30:59.200
Das zeigt, wir haben so lange nichts gemacht,

00:30:59.200 --> 00:31:04.200
dass jetzt die Lösungen schon zu einer Transformation unserer Verfassungsordnung führen müssen.

00:31:04.200 --> 00:31:06.500
Holger Klein: Denken Sie, wir werden das zu unseren Lebzeiten noch sehen?

00:31:06.500 --> 00:31:09.900
Jens Kersten: Ja, da sind wir wieder bei der Frage des Optimismus.

00:31:09.900 --> 00:31:13.000
Also ich denke, es sind so viele Menschen, die sich dafür einsetzen

00:31:13.000 --> 00:31:15.500
und wir werden da auch nicht einer Meinung sein.

00:31:15.500 --> 00:31:17.900
Das ist ja das Wesen der pluralistischen Demokratie.

00:31:17.900 --> 00:31:24.200
Nur eins ist klar, wir können nicht so weitermachen, wie bisher, wenn wir nicht uns um unsere eigene Zukunft bringen wollen

00:31:24.200 --> 00:31:29.500
Das heißt, wir müssen uns hier einfach auf den Weg machen und zu einer neuen Verfassungsordnung finden.

00:31:29.500 --> 00:31:32.500
Vielleicht kann man das auch nochmal vergleichen mit dem 19. Jahrhundert.

00:31:32.500 --> 00:31:34.500
Wenn Sie da den Menschen gesagt haben:

00:31:34.500 --> 00:31:38.200
Aufgrund der sozialen Frage werden wir einen Sozialstaat haben

00:31:38.200 --> 00:31:41.400
und dann einen Wohlfahrtstaat entwickeln, die hätten nur mit den Schultern gezuckt.

00:31:41.400 --> 00:31:45.200
Aber das ist ja dann genauso gekommen,

00:31:45.200 --> 00:31:50.000
und wir haben unsere Verfassungsordnung von der bürgerlichen Ordnung entwickelt zu einer sozialen Ordnung

00:31:50.000 --> 00:31:52.900
und nun müssen wir sie halt zu einer ökologischen Ordnung entwickeln.

00:31:52.900 --> 00:31:57.200
Und vielleicht kann man da anstatt defensiv ignorant zu sein, doch einfach sagen,

00:31:57.200 --> 00:31:59.400
das packen wir an, das machen wir und fühlen uns danach auch besser.

00:31:59.400 --> 00:32:01.200
Holger Klein: Jens Kersten, vielen Dank.

00:32:01.200 --> 00:32:02.200
Jens Kersten: Ich bedanke mich.

00:32:02.200 --> 00:32:09.200
*Musik*

00:32:09.200 --> 00:32:12.000
Holger Klein: Und dann kann man den Blick zum Ende hin auch nochmal weiten:

00:32:12.000 --> 00:32:15.000
Denn natürlich wäre es wichtig, dass sich in Deutschland viel tut,

00:32:15.000 --> 00:32:18.500
auch weil wir als Industrienation große Verantwortung für den Klimawandel tragen.

00:32:18.500 --> 00:32:21.700
Aber dabei gibt es auch ein Problem, wie Robin Celikates sagt.

00:32:21.700 --> 00:32:26.500
Robin Celikates: Weil wir alle auch wissen, dass die Klimakrise natürlich eigentlich nur transnational

00:32:26.500 --> 00:32:30.200
oder global beantwortet werden kann und dass es grundsätzlich darum geht,

00:32:30.200 --> 00:32:35.200
wie wir diese Krise, sagen wir mal, solidarisch auf sie antworten,

00:32:35.200 --> 00:32:38.500
weil eigentlich - wie auch schon in der Coronakrise - klar ist,

00:32:38.500 --> 00:32:41.000
man kann sich da nicht rausziehen und einfach sagen:

00:32:41.000 --> 00:32:46.000
Wir suchen jetzt nach einer Lösung nur für unsere Gruppe, nur für unser Land, nur für unsere soziale Gruppe oder Klasse.

00:32:46.000 --> 00:32:51.000
Das funktioniert nicht, also in gewisser Hinsicht ist das ein weiterer Punkt, der, glaube ich,

00:32:51.000 --> 00:32:55.700
vor allem auch durch Protestbewegungen stärker ins Bewusstsein gehoben werden muss:

00:32:55.700 --> 00:32:58.900
dass es auf Dauer eben nicht funktionieren wird,

00:32:58.900 --> 00:33:04.200
wenn wir einfach nach einer Lösung für den reicheren oder wohlhabenderen Teil der Bevölkerung

00:33:04.200 --> 00:33:06.500
oder eben der Weltbevölkerung suchen.

00:33:06.500 --> 00:33:07.900
Holger Klein: Das sieht auch Mojib Latif so:

00:33:07.900 --> 00:33:11.700
Mojib Latif: Über diese Globalität wird extrem wenig gesprochen.

00:33:11.700 --> 00:33:16.700
Es nutzt ja nichts, wenn China weiterhin so einen gigantischen Ausstoß hat,

00:33:16.700 --> 00:33:21.500
die haben einen Anteil von 30 Prozent im Moment schon an den weltweiten Emissionen

00:33:21.500 --> 00:33:28.200
und die haben gesagt: Wir wollen den Höhepunkt unserer Emissionen erst 2030 erreichen.

00:33:28.200 --> 00:33:30.500
Die Weltgemeinschaft muss gemeinsam handeln.

00:33:30.500 --> 00:33:36.200
Weil CO2 lebt eben so unendlich lange in der Atmosphäre, für Jahrhunderte, Jahrtausende,

00:33:36.200 --> 00:33:38.400
und deswegen ist der Ort des Ausschusses irrelevant.

00:33:38.400 --> 00:33:43.900
Insofern kann man tatsächlich das Klima nicht national schützen.

00:33:43.900 --> 00:33:47.200
Holger Klein: Neben dieser internationalen Vernetzung ist noch etwas anderes wichtig,

00:33:47.200 --> 00:33:50.500
um Mehrheiten für Klimaschutz zu finden, betont Robin Celikates:

00:33:50.500 --> 00:33:54.500
Robin Celikates: Es muss noch viel stärker auch in der politischen Diskussion, auch in den Debatten,

00:33:54.500 --> 00:33:57.900
in den Aktionsformen vielleicht sich niederschlagen,

00:33:57.900 --> 00:34:03.400
dass eben die Klimabewegung nicht nur eine Bewegung ist für verängstigte Kinder aus dem Mittelstand,

00:34:03.400 --> 00:34:07.700
sage ich jetzt mal, sondern eben eine Bewegung, die genuin auch eine soziale Gerechtigkeitsbewegung ist

00:34:07.700 --> 00:34:11.300
und die Klimakrise ist eben eine, auf die wir nur eine Antwort finden werden,

00:34:11.300 --> 00:34:13.500
die eben auch sozial gerecht und solidarisch ist.

00:34:13.500 --> 00:34:20.800
*Musik*

00:34:20.800 --> 00:34:22.300
Holger Klein: Was wir also mitnehmen können:

00:34:22.300 --> 00:34:27.600
1. Protest, aber auch ziviler Ungehorsam, erfüllen eine wichtige demokratische Funktion,

00:34:27.600 --> 00:34:32.500
weil sie mehr Aufmerksamkeit für Herausforderungen wie die Klimakrise herstellen.

00:34:32.500 --> 00:34:35.100
Das hat Robin Celikates deutlich gemacht.

00:34:35.100 --> 00:34:40.000
Eine Gefahr für die Demokratie sieht er vielmehr in den Folgen der Klimakrise selbst.

00:34:40.000 --> 00:34:46.000
2. Das demokratische Ringen um Lösungen steht nicht im Widerspruch zu konsequenten Klimaschutzmaßnahmen.

00:34:46.000 --> 00:34:52.000
Das machen Länder wie Dänemark mit vielen lokalen Beteiligungsformaten vor, wie Nicole Doerr gezeigt hat.

00:34:52.000 --> 00:34:57.900
3. Im Moment hat der Schutz des Klimas nicht genug rechtliche Absicherung, meint Jens Kersten.

00:34:57.900 --> 00:35:01.100
Angesichts der massiven Bedrohung durch den Klimawandel

00:35:01.100 --> 00:35:06.300
fordert er deshalb eine ökologische Rechtsordnung, in der die Natur selbst Rechte erhält.

00:35:06.300 --> 00:35:09.600
*Musik*

00:35:09.600 --> 00:35:11.400
Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“

00:35:11.400 --> 00:35:16.600
In der APuZ zum Thema „Ökologie und Demokratie“ finden Sie Texte von Robin Celikates und Nicole Doerr,

00:35:16.600 --> 00:35:23.300
sowie von Beate Küpper, Jörg Radtke, Fritz Reusswig, Elke Seefried, Frank Uekötter und Johannes Varwick.

00:35:23.300 --> 00:35:27.800
Jens Kersten hat in der APuZ zum Thema „Natur und Artenschutz“ einen Beitrag geschrieben.

00:35:27.800 --> 00:35:32.800
Und das ganze Interview mit Mojib Latif können Sie in der Ausgabe „Hitze, Dürre, Anpassung“ lesen,

00:35:32.800 --> 00:35:34.800
die im Juli erscheint.

00:35:34.800 --> 00:35:38.400
Den Link zu den beiden bereits erschienenen Ausgaben finden Sie in den Shownotes.

00:35:38.400 --> 00:35:42.000
Und natürlich freuen wir uns über Feedback zu diesem Podcast.

00:35:42.000 --> 00:35:46.600
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de.

00:35:46.600 --> 00:35:49.600
In vier Wochen erscheint die nächste Folge.

00:35:49.600 --> 00:35:51.800
Dann sprechen wir über Rechte Gewalt.

00:35:51.800 --> 00:35:55.500
Ich bin Holger Klein, und danke für die Aufmerksamkeit.

00:35:55.500 --> 00:36:09.300
*Musik*

00:36:09.300 --> 00:36:14.500
Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:36:14.500 --> 00:36:19.800
Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Julia Günther, Sascha Kneip und Johannes Piepenbrink.

00:36:19.800 --> 00:36:25.000
Schnitt: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald. Produktion: hauseins. Am Mikrofon war Holger Klein.

00:36:25.000 --> 00:36:27.800
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:36:27.800 --> 00:36:31.800
und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.

