WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:05.700
Holger Klein: Willkommen zu „Aus Politik und Zeitgeschichte“, einem Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung.

00:00:05.700 --> 00:00:09.300
Ich bin Holger Klein und wir sprechen heute über die Verkehrswende.

00:00:09.300 --> 00:00:12.900
Wenn Sie sich nach dem Hören tiefer mit dem Thema befassen wollen,

00:00:12.900 --> 00:00:17.500
finden Sie die Zeitschrift zum Thema auf bpb.de/apuz .

00:00:17.500 --> 00:00:20.000
*Musik*

00:00:20.000 --> 00:00:25.000
Deutschland hat sich gesetzlich verpflichtet, bis 2045 klimaneutral zu werden.

00:00:25.000 --> 00:00:29.600
Aber der Verkehrssektor verfehlt Jahr um Jahr die Klimaziele der Bundesregierung.

00:00:29.600 --> 00:00:32.000
Das liegt vor allem am Straßenverkehr.

00:00:32.000 --> 00:00:36.200
Hier wird mit Abstand das meiste CO2 ausgestoßen.

00:00:36.200 --> 00:00:41.000
Die Probleme sind vielfältig: Zu viele Verbrenner, marode Fahrradwege, die Bahn zu spät,

00:00:41.000 --> 00:00:44.100
der ÖPNV auf dem Land schlecht ausgebaut.

00:00:44.100 --> 00:00:47.400
Dass sich im Verkehrssektor einiges verändern muss, ist klar.

00:00:47.400 --> 00:00:53.700
Doch darüber, wie eine Mobilitätswende wirklich gelingen kann, wird auf verschiedensten Ebenen gestritten

00:00:53.700 --> 00:00:57.700
und die Fronten scheinen häufig ziemlich verhärtet.

00:00:57.700 --> 00:01:02.500
Welche Herausforderungen sich in der Stadt und auf dem Land stellen und wie sie sich demokratisch lösen lassen,

00:01:02.500 --> 00:01:04.900
darum geht es in dieser Folge.

00:01:04.900 --> 00:01:07.600
Wir schauen uns einen Verkehrsversuch in München genauer an

00:01:07.600 --> 00:01:11.900
O-Ton: Das Ganze hier ist eigentlich nur, um die Parkplätze wegzumachen.

00:01:11.900 --> 00:01:14.200
Wir sind nie gefragt worden, ob wir das wollen.

00:01:14.200 --> 00:01:20.300
Holger Klein: Die Sozialwissenschaftlerin Lisa Ruhrort erklärt, mit welchen Fragen sich Städte angesichts der Verkehrswende befassen müssen.

00:01:20.300 --> 00:01:23.300
Lisa Ruhrort: Was machen wir eigentlich mit diesen öffentlichen Räumen, die wir in den Städten haben?

00:01:23.300 --> 00:01:26.700
Wie wollen wir die aufteilen, wie wollen wir die nutzen in Zukunft?

00:01:26.700 --> 00:01:32.000
Holger Klein: Der Historiker Dieter Schott beschreibt, wie sich die Rolle des Autos im Verkehr historisch entwickelt hat.

00:01:32.000 --> 00:01:36.500
Dieter Schott: Das Auto ist zunächst natürlich ein Fremdkörper in der Stadt

00:01:36.500 --> 00:01:42.100
er ersetzt anfänglich Kutschen von sehr wohlhabenden städtischen Bürgern.

00:01:42.100 --> 00:01:45.600
Holger Klein: Und wie die Verkehrswende auch auf dem Land funktionieren könnte,

00:01:45.600 --> 00:01:49.100
darüber habe ich mit der Umweltwissenschaftlerin Melanie Herget gesprochen.

00:01:49.100 --> 00:01:55.800
Melanie Herget: Man muss genau schauen, dass man möglichst die einzelnen Verkehrsmittel so wie ein Puzzle gut zusammenfügt,

00:01:55.800 --> 00:02:00.300
damit die jeweiligen Stärken der einzelnen Angebote sich gut ergänzen können.

00:02:00.300 --> 00:02:16.100
*Musik*

00:02:16.100 --> 00:02:20.100
Holger Klein: Fangen wir mit einem Beispiel an, mit einem sogenannten Verkehrsversuch.

00:02:20.100 --> 00:02:25.800
Bei einem Verkehrsversuch wird ein bestimmter Verkehrsbereich experimentell umgestaltet.

00:02:25.800 --> 00:02:32.800
Das Ganze ist lokal und zeitlich begrenzt, so können Anwohnerinnen und Anwohner die kurzfristigen Effekte einer Verkehrswende,

00:02:32.800 --> 00:02:36.200
positiv wie negativ, ganz unmittelbar erfahren.

00:02:36.200 --> 00:02:39.900
In München gab es im Sommer 2023 einen solchen Versuch.

00:02:39.900 --> 00:02:44.400
Dort wurde die Kolumbusstraße autofrei umgestaltet.

00:02:44.400 --> 00:02:49.700
Die einen haben sich über Spielmöglichkeiten für Kinder gefreut und über Freiraum zum Entspannen,

00:02:49.700 --> 00:02:54.200
die anderen waren sauer, vor allem über fehlende Parkplätze.

00:02:54.200 --> 00:03:00.800
Der Journalist Tobias Krone aus München war mehrmals vor Ort und hat die Entwicklungen in der Kolumbusstraße beobachtet.

00:03:00.800 --> 00:03:05.500
Tobias Krone: Die ruhige Kolumbusstraße im innenstadtnahen Münchner Stadtteil Au.

00:03:05.500 --> 00:03:10.900
Den Sommer 2023 über ist sie in einen langgezogenen Grünstreifen verwandelt worden.

00:03:10.900 --> 00:03:13.500
Rollrasen auf dem Asphalt.

00:03:13.500 --> 00:03:16.500
Nur ein kleiner Streifen bleibt frei für Fahrräder.

00:03:16.500 --> 00:03:20.300
Dort, wo normalerweise die Parkplätze sind, wachsen jetzt Gemüse in Hochbeeten.

00:03:20.300 --> 00:03:25.500
Neben einem langgezogenen Sandkasten mit Spielgeräten und Liegestühlen.

00:03:25.500 --> 00:03:28.000
O-Ton: Mega gut. Wir finden es total toll.

00:03:28.000 --> 00:03:30.800
Tobias Krone: Sagt eine junge Mutter an diesem Augustnachmittag.

00:03:30.800 --> 00:03:33.700
O-Ton: Ist ein bisschen Abwechslung auch für die Kleinen, auch dass alles hier ein bisschen abgesperrt ist,

00:03:33.700 --> 00:03:37.400
dass die Autos nicht durchfahren und ich finde, das wird echt gut genutzt auch,

00:03:37.400 --> 00:03:40.000
ja, es kommt gut an bei den Leuten.

00:03:40.000 --> 00:03:41.600
Tobias Krone: Und damit ist diese Mutter nicht allein.

00:03:41.600 --> 00:03:46.500
Das Experiment von der technischen Universität und der Stadt München, gefördert vom Bund,

00:03:46.500 --> 00:03:52.900
wird am Ende laut einer Umfrage der TU in der näheren Bevölkerung 60 Prozent Zustimmung erhalten,

00:03:52.900 --> 00:03:56.100
allerdings auch 32 Prozent Ablehnung.

00:03:56.100 --> 00:04:02.100
Die Gegnerinnen trifft man ebenfalls am Sommerabend auf dem Grün der Kolumbusstraße.

00:04:02.100 --> 00:04:05.400
O-Ton: Man kann einen Sandkasten, einen 40 Meter Sandkasten,

00:04:05.400 --> 00:04:07.900
den Leuten nicht einen Meter vor das Schlafzimmer setzen

00:04:07.900 --> 00:04:09.800
mit den ganzen spielenden Kindern.

00:04:09.800 --> 00:04:13.500
Es hallt nach oben, im . Stock ist es teilweise lauter als hier unten.

00:04:13.500 --> 00:04:20.200
Die Leute, die behindert sind, denen muss man die Möglichkeit geben, vor der Haustür einzusteigen.

00:04:20.200 --> 00:04:23.500
Und das wurde hier überhaupt nicht bedacht.

00:04:23.500 --> 00:04:27.100
Das Ganze hier ist eigentlich nur, um die Parkplätze wegzumachen.

00:04:27.100 --> 00:04:31.500
Ja, um zu testen, wie funktioniert das, wie macht man am besten Parkplätze weg.

00:04:31.500 --> 00:04:34.100
Wir sind nie gefragt worden, ob wir das wollen.

00:04:34.100 --> 00:04:37.100
Tobias Krone: Entschieden über den Standort hatte der Bezirksausschuss,

00:04:37.100 --> 00:04:40.700
also das Stadtteilparlament, und zwar einstimmig.

00:04:40.700 --> 00:04:46.700
Dass die BewohnerInnen nie gefragt worden seien, diese Behauptung weist Oliver Mai-Beckmann(?) zurück.

00:04:46.700 --> 00:04:51.300
Er koordiniert und begleitet das Projekt wissenschaftlich und betont

00:04:51.300 --> 00:04:54.600
Oliver Mai-Beckmann: Dass das nicht aus dem Nichts heraus entstanden ist,

00:04:54.600 --> 00:05:01.100
sondern in einem intensiven Austausch mit den gewählten Vertreterinnen und Vertretern vor Ort als auch den Bürgern und Bürgerinnen.

00:05:01.100 --> 00:05:05.100
Tobias Krone: Diese hätten sich auf einem Workshop vor Ort zum Beispiel einen Strand gewünscht,

00:05:05.100 --> 00:05:08.600
daher der lange Sandkasten mit den Liegestühlen.

00:05:08.600 --> 00:05:12.600
Als Ersatz für die weggefallenen Parkplätze, so erfährt man im Bezirksausschuss,

00:05:12.600 --> 00:05:18.600
seien in Nebenstraßen einige allgemeine Parkplätze zu Anwohnerparkplätzen umgewidmet

00:05:18.600 --> 00:05:22.800
und zusätzliche Flächen für Carsharing-Anbieter geschaffen worden.

00:05:22.800 --> 00:05:26.100
Oliver Mai-Beckmann: Aber, muss man selbstkritisch natürlich sagen,

00:05:26.100 --> 00:05:28.600
mit solchen Aktivitäten erreicht man nie alle.

00:05:28.600 --> 00:05:30.700
Tobias Krone: Manche AnwohnerInnen waren sehr unzufrieden.

00:05:30.700 --> 00:05:35.600
Einer von ihnen, Steffen Winkels, strengte zusammen mit anderen sogar einen Klage an,

00:05:35.600 --> 00:05:38.800
obwohl er selbst gar nicht in der Kolumbusstraße wohnt.

00:05:38.800 --> 00:05:41.600
Steffen Winkels: Hier in der Kolumbusstraße werden 40 Parkplätze entfernt,

00:05:41.600 --> 00:05:44.100
die parken natürlich dann bei mir in der Nebenstraße.

00:05:44.100 --> 00:05:45.600
Tobias Krone: Erzählt Winkels im Sommer.

00:05:45.600 --> 00:05:49.200
Eine Klage, das klingt nach verhärteten Fronten.

00:05:49.200 --> 00:05:52.300
Doch der Projektleiter Oliver Mai-Beckmann widerspricht,

00:05:52.300 --> 00:05:56.400
er und sein Team hätten im Sommer zwar Diskussionen,

00:05:56.400 --> 00:05:58.800
aber keine Spaltung der Nachbarschaft erlebt,

00:05:58.800 --> 00:06:03.400
sondern vielmehr ein Aufeinanderzugehen von BefürworterInnen und GegnerInnen,

00:06:03.400 --> 00:06:07.000
die sich in einer gemeinsamen WhatsApp-Gruppe zusammenfanden.

00:06:07.000 --> 00:06:08.800
Oliver Mai-Beckamnn: Wo sich die Nachbarschaft ausgetauscht hat

00:06:08.800 --> 00:06:11.300
und dann eigenverantwortlich geworden ist.

00:06:11.300 --> 00:06:15.400
Die haben so Schilder selber gemalt, bitte ab 20 Uhr bisschen mehr Ruhe in der Stadt.

00:06:15.400 --> 00:06:20.800
Tobias Krone: Die Initiatorin dieser WhatsApp-Gruppe, die Anwohnerin Eva Goroll, befürwortete das Projekt,

00:06:20.800 --> 00:06:23.500
blieb aber auch mit GegnerInnen im Gespräch.

00:06:23.500 --> 00:06:26.300
Eva Goroll: Es bringt ja nix, wenn wir alle immer nur vor uns hinschimpfen.

00:06:26.300 --> 00:06:26.900
Das bringt ja nichts.

00:06:26.900 --> 00:06:30.700
Und so gab es dann auch ein Gespräch, wo die Leute einander zugehört haben

00:06:30.700 --> 00:06:33.700
und nicht immer wieder alles neu wiederholen mussten.

00:06:33.700 --> 00:06:38.100
Tobias Krone: Letztlich baute die Stadt ihren Versuch eine Woche früher wieder ab als geplant,

00:06:38.100 --> 00:06:40.500
das war Teil eines Vergleichs vor Gericht.

00:06:40.500 --> 00:06:45.000
Das rechtliche Argument der Kläger steht in der Straßenverkehrsordnung.

00:06:45.000 --> 00:06:50.000
Derzufolge darf Verkehrsraum nur eingeschränkt werden, um eine Gefahr zu verringern.

00:06:50.000 --> 00:06:54.300
Pilotprojekte zum Verringern von Parkplätzen sieht die StVO nicht vor,

00:06:54.300 --> 00:06:57.100
selbst wenn Stadtparlamente darüber entscheiden.

00:06:57.100 --> 00:07:03.200
Eine Gesetzesänderung, um auch Umwelt- und Gesundheitsschutz als Gründe für eine Verkehrsberuhigung zu berücksichtigen,

00:07:03.200 --> 00:07:06.900
scheiterte im Herbst 2023 im Bundesrat.

00:07:06.900 --> 00:07:11.700
Im Winter danach sieht in der Kolumbusstraße nahezu alles so aus wie zuvor.

00:07:11.700 --> 00:07:14.700
Aus dem Mobilitätsreferat der Stadt erfährt man

00:07:14.700 --> 00:07:18.700
Dauerhafte Straßensperrungen seien erst einmal nicht geplant.

00:07:18.700 --> 00:07:21.600
*Musik*

00:07:21.600 --> 00:07:26.400
Holger Klein: Am Beispiel der Kolumbusstraße zeigen sich im Kleinen ein paar der Probleme,

00:07:26.400 --> 00:07:30.100
die insgesamt für die Verkehrswende in Städten typisch sind.

00:07:30.100 --> 00:07:36.400
Lisa Ruhrort ist Sozialwissenschaftlerin und forscht am Deutschen Institut für Urbanistik zu Mobilitätsthemen.

00:07:36.400 --> 00:07:41.300
Sie erklärt, welche Rolle Städte ganz grundsätzlich in diesem Transformationsprozess spielen.

00:07:41.300 --> 00:07:45.000
Lisa Ruhrort: Wir können einerseits die Städte sehen, als ganz, ganz wichtige Player

00:07:45.000 --> 00:07:49.300
in einem globalen Problem, was wir haben, in einem globalen ökologischen Problem,

00:07:49.300 --> 00:07:50.900
nämlich der der Klimakrise.

00:07:50.900 --> 00:07:56.300
Und in gewisser Weise, ja, sind die Städte natürlich sowohl betroffen von den Folgen des Klimawandels,

00:07:56.300 --> 00:07:59.300
das merken wir auch in Deutschland immer mehr, als auch

00:07:59.300 --> 00:08:01.700
sie hätten sozusagen Stellschrauben in der Hand,

00:08:01.700 --> 00:08:03.800
um auch Emissionen stark zu reduzieren.

00:08:03.800 --> 00:08:08.500
Das ist sozusagen das eine zentrale Problem, warum die Städte vor einer Transformation stehen.

00:08:08.500 --> 00:08:11.000
Gleichzeitig wenn wir aus der städtischen Perspektive selbst gucken,

00:08:11.000 --> 00:08:14.800
dann haben natürlich sehr viele Städte große Verkehrsprobleme,

00:08:14.800 --> 00:08:20.200
also Stichwort Stau, Stichwort einfach Überlastung, auch der Straßeninfrastruktur an vielen Stellen.

00:08:20.200 --> 00:08:25.600
Holger Klein: Ob es temporäre Radwege in Paris oder autofreie Blocks in Barcelona sind

00:08:25.600 --> 00:08:30.000
Viele Großstädte weltweit haben in den letzten Jahren Verkehrsversuche gemacht.

00:08:30.000 --> 00:08:34.000
Auch in Deutschland gibt es diverse Experimente wie in der Kolumbusstraße.

00:08:34.000 --> 00:08:37.300
Die Erfahrungen sind gemischt, sagt Lisa Ruhrort.

00:08:37.300 --> 00:08:40.300
Lisa Ruhrort: Vor allem hat man immer wieder festgestellt,

00:08:40.400 --> 00:08:43.100
dass fast immer ein großer Widerstand natürlich auftritt,

00:08:43.100 --> 00:08:46.600
wenn man im Straßenraum, im öffentlichen Raum, Veränderungen vornimmt

00:08:46.600 --> 00:08:49.500
und zwar deswegen, weil diese Verkehrsversuche natürlich in der Regel

00:08:49.500 --> 00:08:52.800
in hochverdichteten Innenstadtquartieren durchgeführt werden,

00:08:52.800 --> 00:08:54.800
wo ja ohnehin es schwer ist einen Parkplatz zu finden.

00:08:54.800 --> 00:08:59.300
Und das steigert natürlich die Sensibilität der Menschen, wenn das dann heißt,

00:08:59.300 --> 00:09:01.700
okay, wir nehmen jetzt sei es sechs Parkplätze, seien es zehn Parkplätze,

00:09:01.700 --> 00:09:06.300
schon das kann sozusagen ein starker Trigger sein, dass die Menschen das Gefühl haben,

00:09:06.300 --> 00:09:08.600
hier wird ihnen etwas weggenommen oder nicht „die Menschen“,

00:09:08.600 --> 00:09:11.500
sondern die, die davon betroffen sind, nämlich die, die Auto fahren.

00:09:11.500 --> 00:09:16.000
Gleichzeitig haben wir in ganz vielen Fällen von diesen Versuchen gesehen,

00:09:16.000 --> 00:09:20.100
in diesen Quartieren gibt es oftmals eine überwiegende Mehrheit der Menschen,

00:09:20.100 --> 00:09:21.800
die nicht Auto fahren, die kein Auto haben,

00:09:21.800 --> 00:09:25.500
und die haben natürlich oftmals auch ein Interesse an diesen Umgestaltungen,

00:09:25.500 --> 00:09:28.100
weil die wollen die öffentlichen Räume nutzen, die wollen,

00:09:28.100 --> 00:09:31.200
dass auch ihre Form der Mobilität, also zum Beispiel mit dem Fahrrad unterwegs sein,

00:09:31.200 --> 00:09:32.600
dadurch sicherer wird.

00:09:32.600 --> 00:09:35.200
Holger Klein: Damit solche Experimente möglichst viele Menschen überzeugen,

00:09:35.200 --> 00:09:39.300
sollte darauf geachtet werden, dass nicht nur etwas „weggenommen“

00:09:39.300 --> 00:09:44.600
oder teurer gemacht wird, sondern verschiedene Interessen berücksichtigt werden, sagt Lisa Ruhrort.

00:09:44.600 --> 00:09:50.300
Das können Car-Sharing-Angebote sein oder auch ein kostengünstiger Parkplatz in einem nahegelegenen Parkhaus.

00:09:50.300 --> 00:09:56.100
Zugleich sei es wichtig, empirische Daten zum Mobilitätsverhalten der Menschen vor Ort zu erheben.

00:09:56.100 --> 00:09:58.700
Lisa Ruhrort: Weil sie natürlich eine Legitimität schaffen

00:09:58.700 --> 00:10:01.300
und weil sie so ein bisschen ein Gegengewicht darstellen zu bestimmten Gruppen,

00:10:01.300 --> 00:10:04.600
die oftmals sehr laut sind und sich sehr gut gegen solche Versuche aussprechen können,

00:10:04.600 --> 00:10:06.500
dann ist es eben sehr wichtig zu zeigen,

00:10:06.500 --> 00:10:09.500
dass es möglicherweise dort vor Ort eine Mehrheit gibt,

00:10:09.500 --> 00:10:13.700
die sagt, doch wir wollen das aber, weil wir davon eigentlich mehrheitlich profitieren.

00:10:13.700 --> 00:10:17.100
Holger Klein: Es muss aber nicht nur zwischen unterschiedlichen Interessen vermittelt werden.

00:10:17.100 --> 00:10:20.700
Eine weitere Hürde ist die deutsche  Straßenverkehrsordnung,

00:10:20.700 --> 00:10:22.900
wie auch das Beispiel aus München gezeigt hat.

00:10:22.900 --> 00:10:26.300
Lisa Ruhrort erklärt das genauer.

00:10:26.300 --> 00:10:28.900
Lisa Ruhrort: Also man muss eigentlich die meisten verkehrlichen Maßnahmen damit begründen,

00:10:28.900 --> 00:10:32.300
dass man sagt, das erhöht die Sicherheit des Verkehrs.

00:10:32.300 --> 00:10:35.300
Klingt erstmal ja auch ganz logisch,

00:10:35.300 --> 00:10:38.300
weil unter Sicherheit könnte man ja auch zum Beispiel die Sicherheit von kleinen Kindern verstehen,

00:10:38.300 --> 00:10:40.400
die da vielleicht spielen wollen oder sowas.

00:10:40.400 --> 00:10:43.000
Aber gemeint ist damit, da müssen praktisch Unfälle passiert sein,

00:10:43.000 --> 00:10:46.900
die dann behoben werden sozusagen oder die Unfallquellen könnten da behoben werden

00:10:46.900 --> 00:10:48.800
durch diese Maßnahmen.

00:10:48.800 --> 00:10:52.500
Und das ist eine, wie man sich vorstellen kann, sehr restriktive Herangehensweise

00:10:52.500 --> 00:10:55.900
an die Umgestaltung von Verkehrsräumen,

00:10:55.900 --> 00:10:58.700
weil die Beweislast liegt dann in dem Moment bei der Kommune,

00:10:58.700 --> 00:11:04.800
die zeigen muss zum Beispiel, hier wurden bereits dreimal im letzten Jahr Radfahrer angefahren

00:11:04.800 --> 00:11:09.700
oder hier gab es Unfälle mit Beteiligung von Radfahrenden oder Fußgängern et cetera.

00:11:09.700 --> 00:11:13.800
Damit man dann bestimmte Arten von Maßnahmen rechtfertigen kann.

00:11:13.800 --> 00:11:16.300
Holger Klein: Wenn die Verkehrswende in Städten gelingen soll,

00:11:16.300 --> 00:11:19.200
müssten aber auch Umweltaspekte, Gesundheitsfragen

00:11:19.200 --> 00:11:23.000
oder der Faktor Lebensqualität berücksichtigt werden, findet Lisa Ruhrort.

00:11:23.000 --> 00:11:25.900
Dazu gehört in ihren Augen auch, stärker zu betonen,

00:11:25.900 --> 00:11:28.800
was wir im Zuge einer Verkehrswende gewinnen können

00:11:28.800 --> 00:11:31.400
statt sich auf Einschränkungen zu konzentrieren.

00:11:31.400 --> 00:11:34.500
Und wir sollten viel grundlegender darüber diskutieren,

00:11:34.500 --> 00:11:37.800
wie wir öffentliche Räume umgestalten können.

00:11:37.800 --> 00:11:39.600
Lisa Ruhrort: Also, was machen wir eigentlich mit diesen öffentlichen Räumen,

00:11:39.600 --> 00:11:41.500
die wir in den Städten haben?

00:11:41.500 --> 00:11:43.500
Wie wollen wir die aufteilen?

00:11:43.500 --> 00:11:45.500
Wie wollen wir die nutzen in Zukunft?

00:11:45.500 --> 00:11:50.300
Wollen wir die immer noch so stark für das Abstellen von privaten PKW reservieren?

00:11:50.300 --> 00:11:53.600
Oder wollen wir da auch andere Nutzungen stärker zulassen?

00:11:53.600 --> 00:11:56.100
Und nicht zuletzt das Thema Klimaanpassung.

00:11:56.100 --> 00:12:03.300
Das heißt zum Beispiel, die Städte stärker auf Extremwetterereignisse hin auszurüsten.

00:12:03.300 --> 00:12:07.100
Und auch da spielen wieder diese Räume eine ganz zentrale Rolle,

00:12:07.100 --> 00:12:11.100
denn die müssen zum Teil entsiegelt werden, um Regen besser aufnehmen zu können.

00:12:11.100 --> 00:12:13.900
Die müssen begrünt werden, um Hitzewellen besser abzufangen.

00:12:13.900 --> 00:12:17.000
Also, auch da haben wir sozusagen ganz viele neue Nutzungsansprüche,

00:12:17.000 --> 00:12:19.900
über die wir uns verständigen müssen.

00:12:19.900 --> 00:12:22.900
*Musik*

00:12:22.900 --> 00:12:24.800
Holger Klein: Auch wenn die Aushandlungen schwierig sind,

00:12:24.800 --> 00:12:27.100
im Rahmen der Mobilitätswende muss neuverteilt werden,

00:12:27.100 --> 00:12:31.300
wieviel Platz verschiedene Verkehrsteilnehmer im öffentlichen Raum bekommen.

00:12:31.300 --> 00:12:36.200
Die Dominanz des Autos wird dabei zunehmend infrage gestellt.

00:12:36.200 --> 00:12:40.900
Wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass das Auto so eine zentrale Rolle im Verkehrssystem einnimmt,

00:12:40.900 --> 00:12:44.500
das erklärt der Historiker Dieter Schott.

00:12:44.500 --> 00:12:47.000
Denn unsere Städte sahen ja nicht immer so aus wie heute.

00:12:47.000 --> 00:12:51.300
Dieter Schott: Wenn Sie Bilder, Fotografien der europäischen Städte um 1900 anschauen,

00:12:51.300 --> 00:12:54.500
werden Sie kaum Autos feststellen und Sie werden feststellen,

00:12:54.500 --> 00:13:00.300
dass die Leute kreuz und quer über die Straße gehen, ohne irgendwelche erkennbaren Regeln.

00:13:00.300 --> 00:13:03.100
Holger Klein: Heute sieht das Straßenbild ganz anders aus.

00:13:03.100 --> 00:13:07.500
Im vergangenen Jahr waren in Deutschland knapp 49 Millionen Autos zugelassen.

00:13:07.500 --> 00:13:09.000
So viele wie nie zuvor.

00:13:09.000 --> 00:13:15.100
Dieter Schott erklärt, wie das Auto nach und nach immer mehr Platz in den Städten eingenommen hat.

00:13:15.100 --> 00:13:19.300
Es fing damit an, dass mit der Industrialisierung die Städte immer größer wurden.

00:13:19.300 --> 00:13:21.600
Dieter Schott: Die Städte waren historisch

00:13:21.600 --> 00:13:26.600
bis in die zweite Hälfte des . Jahrhunderts in der Regel Fußgängerstädte.

00:13:26.000 --> 00:13:29.900
Das heißt, in einer guten Stunde konnte man eine Stadt eigentlich durchqueren.

00:13:29.900 --> 00:13:35.300
Das geht dann natürlich nicht mehr in dem Maß wie die Städte wachsen, Großstädte werden.

00:13:35.300 --> 00:13:38.300
Und es kommt dann zu einer starken Verkehrsnot,

00:13:38.300 --> 00:13:41.300
also einen starken Verkehrsverdichtung auf den Hauptstraßen

00:13:41.300 --> 00:13:44.700
und dann auch der Einführung von öffentlichen Verkehrsmitteln.

00:13:44.700 --> 00:13:48.500
Zunächst mal sind es Pferdebusse, Pferdebahnen,

00:13:48.500 --> 00:13:52.700
dann seit den 1890er Jahren die elektrischen Straßenbahnen.

00:13:52.700 --> 00:13:56.400
Holger Klein: Der Verkehr war damals für heutige Verhältnisse noch ziemlich langsam.

00:13:56.400 --> 00:14:00.600
Straßenbahnen fuhren damals mit höchstens 15 Stundenkilometern.

00:14:00.600 --> 00:14:04.900
Im frühen . Jahrhundert tauchten dann die ersten Autos im Straßenbild auf.

00:14:04.900 --> 00:14:09.800
Dieter Schott: Das Auto ist zunächst natürlich ein Fremdkörper in der Stadt.

00:14:09.800 --> 00:14:14.600
Es ersetzt anfänglich Kutschen von sehr wohlhabenden, städtischen Bürgern,

00:14:14.600 --> 00:14:18.700
es ist natürlich auch ein absolutes Luxusgut.

00:14:18.700 --> 00:14:21.600
Es konnten sich nur sehr wenige Menschen vorm Ersten Weltkrieg ein Auto leisten.

00:14:21.600 --> 00:14:23.100
Man brauchte auch einen Fahrer.

00:14:23.100 --> 00:14:25.400
Dazu kommt eine gewisse politische Beschränkung.

00:14:25.400 --> 00:14:29.300
In Deutschland zum Beispiel war die Reichsregierung angewiesen auf die Gewinne,

00:14:29.300 --> 00:14:31.200
die die Reichsbahn eingefahren hat,

00:14:31.200 --> 00:14:33.200
damals hat die Bahn tatsächlich noch Gewinne gemacht,

00:14:33.200 --> 00:14:38.600
für die Reparationen und man hat also das Auto eigentlich etwas klein gehalten, niedergehalten.

00:14:38.600 --> 00:14:41.600
Es ändert sich dann erst in den 30er Jahren mit der NS-Regierung,

00:14:41.600 --> 00:14:44.800
die diese Steuerbremsen dann aufhebt.

00:14:44.800 --> 00:14:48.900
Und auch natürlich durch den Autobahnbau, der schon vorher angedacht war,

00:14:48.900 --> 00:14:51.100
aber dann von den Nazis eben realisiert wird.

00:14:51.100 --> 00:14:53.700
Da werden dann die Weichen für eine Massenmotorisierung gestellt.

00:14:53.700 --> 00:14:57.800
Aber tatsächlich kommt die eigentlich erst in den in den 50er Jahren.

00:14:57.800 --> 00:15:03.600
Holger Klein: Zwischen Ende der 1940er Jahre und Mitte der 50er nimmt die Anzahl der Autos sprunghaft zu.

00:15:03.600 --> 00:15:07.700
Gleichzeitig müssen viele Städte nach dem . Weltkrieg wiederaufgebaut werden,

00:15:07.700 --> 00:15:11.700
nach neuen Maßstäben, die die Möglichkeiten des Autos berücksichtigen.

00:15:11.700 --> 00:15:16.300
Man versucht, die Lebensbereiche Arbeiten, Wohnen und Freizeit

00:15:16.300 --> 00:15:19.000
jetzt viel klarer voneinander zu trennen.

00:15:19.000 --> 00:15:21.700
Dieter Schott: Der Hintergrund ist natürlich der, dass insbesondere die Industrie,

00:15:21.700 --> 00:15:25.600
also der Arbeitssektor, so stark Umweltverschmutzung macht,

00:15:25.600 --> 00:15:28.200
dass man zu dem Zeitpunkt sich nicht vorstellen könnte,

00:15:28.200 --> 00:15:31.100
dass man neben einer Fabrik gesund wohnen kann.

00:15:31.100 --> 00:15:33.700
Das heißt also, die räumliche Trennung ist die Voraussetzung

00:15:33.700 --> 00:15:36.100
und dann braucht man natürlich Verkehr, um das wieder zusammenzubinden.

00:15:36.100 --> 00:15:40.600
Holger Klein: Räumliche und politische Veränderungen kommen in dieser Zeit zusammen, erklärt Dieter Schott.

00:15:40.600 --> 00:15:44.000
Dieter Schott: Im Unterschied zur Straßenbahn, die ja eine sehr spurgebundene,

00:15:44.000 --> 00:15:46.700
eine sehr bündelnde Wirkung hat,

00:15:46.700 --> 00:15:49.600
zerstreut das Auto die Menschen in der Landschaft.

00:15:49.600 --> 00:15:52.600
Und dann kommen noch so steuerpolitische Dinge hinzu.

00:15:52.600 --> 00:15:58.400
Die Adenauer-Regierung fördert steuerlich den Bau von Einfamilienhäusern

00:15:58.400 --> 00:16:04.400
oder von Wohnungen und dergleichen massiv und erlaubt eine sehr günstige Abschreibung.

00:16:04.400 --> 00:16:08.500
Und dazu kommt dann ab Mitte der 50er Jahre die Pendlerpauschale,

00:16:08.500 --> 00:16:14.500
das heißt, man kann die Kosten für den Weg zwischen Wohnort und Arbeitsort steuerlich absetzen.

00:16:14.500 --> 00:16:18.000
Das heißt also im Prinzip, derjenige der rauszieht,

00:16:18.000 --> 00:16:20.100
der sich ein Häuschen im Grünen baut,

00:16:20.100 --> 00:16:23.000
und das Ganze aber dann weil es zu weit weg ist von den öffentlichen Verkehrsmitteln,

00:16:23.000 --> 00:16:29.200
nur mit dem Auto erreichen kann, bekommt seine Autokosten zu erheblichem Teil durch die Steuer wieder ersetzt.

00:16:29.200 --> 00:16:33.800
Holger Klein: Ein Auto zu haben wird also ab Mitte der 1950er politisch gefördert

00:16:33.800 --> 00:16:35.800
und so für viel mehr Menschen zugänglich.

00:16:35.800 --> 00:16:40.100
Und gleichzeitig entwickelt das eigene Auto auch eine symbolische Bedeutung.

00:16:40.100 --> 00:16:42.400
Dieter Schott: Also, wenn man sozusagen voraussetzen,

00:16:42.400 --> 00:16:45.100
wir leben in einer kapitalistischen Marktgesellschaft,

00:16:45.100 --> 00:16:50.200
in der ja sozusagen eines der obersten Prinzipien so die freie Entfaltung des Individuums ist,

00:16:50.200 --> 00:16:52.700
dann ist das Auto natürlich zunächst mal,

00:16:52.700 --> 00:16:54.900
wenn man von den ökologischen Problem absieht,

00:16:54.900 --> 00:16:58.300
die perfekte Maschine, perfektes Instrument, um dieses auszuleben.

00:16:58.300 --> 00:17:00.500
Also, ich kann sozusagen selber entscheiden,

00:17:00.500 --> 00:17:04.600
wohin ich fahre, wann ich fahre, wen ich mitnehme und so weiter und so fort,

00:17:04.600 --> 00:17:08.900
und von daher gibt es sozusagen so eine inhaltliche Kongruenz

00:17:08.900 --> 00:17:13.700
zwischen dem Auto und dieser liberalkapitalistischen Gesellschaft.

00:17:13.700 --> 00:17:17.100
Holger Klein: Die Autoindustrie wird zu einem wichtigen deutschen Wirtschaftszweig

00:17:17.100 --> 00:17:20.100
und die gesellschaftliche Zustimmung zum Auto ist groß.

00:17:20.100 --> 00:17:23.900
Daran ändert sich erst ab 1970 langsam etwas.

00:17:23.900 --> 00:17:27.600
Dieter Schott: 1970 ist so ein Wendepunkt.

00:17:27.600 --> 00:17:30.200
Das ist zufällig auch der Höhepunkt der Zahl der Verkehrstoten.

00:17:30.200 --> 00:17:37.800
Wir haben .000 Verkehrstote 1970, also eine Kleinstadt jedes Jahr stirbt im Straßenverkehr

00:17:37.800 --> 00:17:40.800
und etwa eine halbe Million wird verletzt

00:17:40.800 --> 00:17:43.900
und danach werden dann doch recht wirksame Maßnahmen ergriffen

00:17:43.900 --> 00:17:47.700
zur Verbesserung der Verkehrssicherheit, die dann zum Rückgang führen.

00:17:47.700 --> 00:17:51.900
Heute liegen wir bei etwa zweieinhalbtausend Verkehrstoten pro Jahr

00:17:51.900 --> 00:17:56.900
bei einer deutlich höheren Bevölkerung und natürlich auch einer sehr viel höheren Zahl von PKWs.

00:17:56.900 --> 00:18:02.000
Und mit der ökologischen Wende und mit dem Aufstieg der Grünen

00:18:02.000 --> 00:18:05.000
ist erstmals dann auch eine politische Kraft, die sagt,

00:18:05.000 --> 00:18:06.500
wir müssen hier dem aber Grenzen ziehen

00:18:06.500 --> 00:18:10.500
und wir müssen eine Förderung von alternativen Verkehrsmitteln entsprechend beginnen,

00:18:10.500 --> 00:18:13.100
so dass der Bürger eine Wahlmöglichkeit hat.

00:18:13.100 --> 00:18:17.000
Holger Klein: Heute haben wir in Deutschland so viele Autos wie nie zuvor.

00:18:17.000 --> 00:18:20.000
Dieter Schott sieht in den letzten Jahrzehnten trotzdem Veränderungen.

00:18:20.000 --> 00:18:22.900
In Städten sei das Auto nicht mehr für alle so wichtig.

00:18:22.900 --> 00:18:25.200
Weiter Schott: Wenn Sie heute eine Stadt wie Berlin anschauen,

00:18:25.200 --> 00:18:29.200
da gibt es ja eine erhebliche Zahlen von jüngeren Einwohnern in Berlin,

00:18:29.200 --> 00:18:32.700
die sagen, ich brauch kein Auto, ich schaff mir das erst gar nicht an,

00:18:32.700 --> 00:18:37.300
es ist so, solche großen Möglichkeiten mit dem öffentlichen Nahverkehr,

00:18:37.300 --> 00:18:41.200
die das dann unwirtschaftlich erscheinen lassen.

00:18:41.200 --> 00:18:46.500
Aber in einer Kleinstadt oder auf dem Land ist diese Option wohl kaum in gleicher Weise vorhanden.

00:18:46.500 --> 00:18:48.400
*Musik*

00:18:48.400 --> 00:18:54.300
Holger Klein: Genau darüber, über die Frage, wie die Verkehrswende auf dem Land funktionieren könnte,

00:18:54.300 --> 00:18:57.200
habe ich mit der Umweltwissenschaftlerin Melanie Herget gesprochen.

00:18:57.200 --> 00:19:01.500
Denn das Auto steht nicht nur symbolisch für Freiheit und Individualisierung.

00:19:01.500 --> 00:19:05.100
Für viele Menschen ist es einfach ein wichtiger Bestandteil davon,

00:19:05.100 --> 00:19:09.600
wie sie ihren Alltag organisieren, gerade auf dem Land, wo die Wege weiter sind.

00:19:09.600 --> 00:19:11.300
Hallo Frau Herget.

00:19:11.300 --> 00:19:12.500
Melanie Herget: Ja, hallo.

00:19:12.500 --> 00:19:16.200
Holger Klein: Gibt es eigentlich gute Argumente gegen eine Verkehrswende?

00:19:16.200 --> 00:19:20.100
Melanie Herget: Also aus meiner Sicht überwiegen die Argumente dafür.

00:19:20.100 --> 00:19:25.400
Aber natürlich, was einem immer wieder begegnet, sind große Sorgen,

00:19:25.400 --> 00:19:29.000
gerade von Menschen, die in ländlichen Räumen leben,

00:19:29.000 --> 00:19:32.700
die wenig Alternativen zur PKW-Nutzung haben.

00:19:32.700 --> 00:19:36.300
Die haben natürlich große Sorgen, dass die Verkehrswende dazu führt,

00:19:36.300 --> 00:19:44.000
dass ihre Mobilitätskosten steigen, dass sie gegebenenfalls dann auf andere Dinge verzichten müssen,

00:19:44.000 --> 00:19:49.200
um das auszugleichen oder schlimmstenfalls sogar einen Umzug erwägen müssten.

00:19:49.200 --> 00:19:55.400
Holger Klein: Das wäre dann, was es tatsächlich auch zu verlieren gäbe an der Verkehrswende, richtig?

00:19:55.400 --> 00:19:58.800
Melanie Herget: Ja, die privaten Kosten werden steigen.

00:19:58.800 --> 00:20:00.600
Davon kann man ausgehen.

00:20:00.600 --> 00:20:04.700
Und das ist Aufgabe der Politik, sehr gut zu gucken,

00:20:04.700 --> 00:20:09.200
dass dort nicht, sage ich mal, wirklich Härtefälle neu erzeugt werden.

00:20:09.200 --> 00:20:12.000
Das ist allerdings durchaus möglich,

00:20:12.000 --> 00:20:20.400
weil wir auf der anderen Seite sehr hohe Summen bislang auch in Form von klimaschädlichen Subventionen haben.

00:20:20.400 --> 00:20:25.900
Wenn man diese Kosten abbauen würde und dafür nutzt, genau um, ja,

00:20:25.900 --> 00:20:29.000
Härtefälle zu vermeiden, Nachteilsausgleiche zu machen

00:20:29.000 --> 00:20:33.600
und ein besseres, öffentliches Verkehrsangebot bereitzuhalten,

00:20:33.600 --> 00:20:37.600
zum Beispiel in Form von Mindestbedienstandards,

00:20:37.600 --> 00:20:43.700
dass wir also eine vergleichbare Qualität an ÖPNV-Verbindungen in den gleichen Siedlungstypen haben,

00:20:43.700 --> 00:20:47.800
statt wie bislang, sage ich mal, einen bunten Flickenteppich,

00:20:47.800 --> 00:20:50.600
dann kann man da natürlich eher was umgestalten

00:20:50.600 --> 00:20:55.000
als nur einseitig Kostensteigerung zu verursachen.

00:20:55.000 --> 00:20:59.200
Holger Klein: Als ich eingangs gefragt habe, ob es gute Argumente gegen eine Verkehrswende gibt,

00:20:59.200 --> 00:21:03.400
haben wir überhaupt eine Wahl, könnten wir es auch lassen?

00:21:03.400 --> 00:21:05.500
Melanie Herget: Nein, das ist eigentlich ausgeschlossen,

00:21:05.500 --> 00:21:08.300
dass wir die Verkehrswende lassen können.

00:21:08.300 --> 00:21:14.300
Denn die Klimaschutzerfordernisse sind bereits in internationale Vereinbarungen geflossen.

00:21:14.300 --> 00:21:21.400
Es drohen auch Ausgleichs-, Strafzahlungen und ähnliches in nicht gerade geringer Höhe

00:21:21.400 --> 00:21:27.200
und ja, wir wollen ja verhindern, dass es nachher zu sogenannten Kipppunkten kommt.

00:21:27.200 --> 00:21:32.500
Also der Umstieg auf eine viel, viel stärker postfossile Mobilität,

00:21:32.500 --> 00:21:38.800
auf energieeffizientere Nutzung von weniger Fahrzeugen durch geteiltere Nutzung,

00:21:38.800 --> 00:21:41.300
das ist eigentlich unabänderlich.

00:21:41.300 --> 00:21:44.700
Was wir allerdings beobachten seit Jahrzehnten,

00:21:44.700 --> 00:21:48.500
ist eigentlich eine Verzögerungstaktik seitens der Verkehrspolitik.

00:21:48.500 --> 00:21:52.900
Das ist, weil die Maßnahmen, die eigentlich dieser Umgestaltung,

00:21:52.900 --> 00:21:56.500
dieser Transformation im Verkehrsbereich entsprechen müssten,

00:21:56.500 --> 00:22:00.200
sind natürlich unbeliebt, können dazu führen,

00:22:00.200 --> 00:22:02.800
dass die Wählerinnen und Wähler einen nicht mehr weiter wählen

00:22:02.800 --> 00:22:09.000
und deswegen sind das so sensible Themen, die ungern angefasst werden,

00:22:09.000 --> 00:22:13.000
nur das Verzögern macht die Problematik eben leider immer noch gravierender.

00:22:13.000 --> 00:22:16.600
Holger Klein: Also in der Stadt ist Verkehrswende eigentlich eine Binse.

00:22:16.600 --> 00:22:19.500
Guten ÖPNV machen, gute Fahrradinfrastruktur machen,

00:22:19.500 --> 00:22:22.900
Carsharing machen und kaum jemand wird noch ein eigenes Auto brauchen,

00:22:22.900 --> 00:22:25.600
aber auf dem Land da funktioniert das doch alles nicht.

00:22:25.600 --> 00:22:26.900
Melanie Herget: Das stimmt nicht.

00:22:26.900 --> 00:22:30.200
Genau die gleichen Instrumente können auch im ländlichen Raum funktionieren.

00:22:30.200 --> 00:22:32.800
Also gerade in in ländlichen Räumen, muss man sagen,

00:22:32.800 --> 00:22:38.700
ist natürlich der Schienenverkehr sehr stark reduziert worden in den vergangenen Jahrzehnten.

00:22:38.700 --> 00:22:42.600
Und auch das Busangebot ist längst nicht so, wie es sein könnte,

00:22:42.600 --> 00:22:47.000
weil wir haben auch in ländlichen Räumen durchaus verkehrsstarke Achsen.

00:22:47.000 --> 00:22:49.000
Und wenn die sehr gut bedient werden, das heißt,

00:22:49.000 --> 00:22:54.200
in einem engen Takt mit eher geringer Anzahl an Ausstiegspunkten,

00:22:54.200 --> 00:22:57.800
damit die Reisezeit auch schnell ist, vergleichbar zum PKW,

00:22:57.800 --> 00:23:02.700
dann kann man hier durchaus nennenswerte Umstiegeffekte auch erzielen.

00:23:02.700 --> 00:23:07.300
Und auch die Radwege sind natürlich noch längst nicht so flächendeckend,

00:23:07.300 --> 00:23:09.700
dass sie auch als sicher empfunden werden

00:23:09.700 --> 00:23:13.800
und keine Lücken sozusagen im Netz mehr vorhanden wären.

00:23:13.800 --> 00:23:17.500
Also, da ist durchaus noch sehr viel Luft nach oben,

00:23:17.500 --> 00:23:21.700
weil auch in der Verkehrspolitik diese Bereiche, sage ich mal,

00:23:21.700 --> 00:23:25.700
nicht so stringent vorangetrieben wurden in der Vergangenheit.

00:23:25.700 --> 00:23:30.500
Und gerade der Bereich des Carsharing ist auch sehr interessant,

00:23:30.500 --> 00:23:36.500
weil natürlich, Sie haben schon Recht, bei manchen schlecht bündelbaren,

00:23:36.500 --> 00:23:43.000
sehr verteilten Verkehrsbedarfen, da macht auch ein Bus, ein Linienbus keinen Sinn.

00:23:43.000 --> 00:23:46.200
Sondern man muss genau schauen, dass man möglichst, sag ich mal,

00:23:46.200 --> 00:23:50.700
die einzelnen Verkehrsmittel so wie ein Puzzle gut zusammenfügt,

00:23:50.700 --> 00:23:54.800
damit die jeweiligen Stärken der einzelnen Angebote sich gut ergänzen können.

00:23:54.800 --> 00:23:58.400
Das setzt aber voraus, dass man Abstand nimmt von dem Gedanken,

00:23:58.400 --> 00:24:04.100
ich habe ein Auto sofort jederzeit verfügbar vor meiner Haustür stehen.

00:24:04.100 --> 00:24:05.900
Holger Klein: Aber dazu habe ich es doch.

00:24:05.900 --> 00:24:09.600
Melanie Herget: Das ist der große Vorteil dieses „Jederzeit verfügbar haben“

00:24:09.600 --> 00:24:14.400
und natürlich können auch Carsharing, auch Bikesharing-Angebote nur funktionieren,

00:24:14.400 --> 00:24:20.500
wenn ich, sage ich mal, da nicht nur ein einziges Auto für ein ganzes Dorf stehen habe,

00:24:20.500 --> 00:24:24.600
weil wenn das weg ist, dann ist da gar nichts mehr

00:24:24.600 --> 00:24:28.000
und gerade, sage ich mal, in einem Notfall möchte man natürlich eine Rückfallebene haben.

00:24:28.000 --> 00:24:30.700
Aber auch dafür gibt es schon interessante Ansätze.

00:24:30.700 --> 00:24:35.300
Dass man eben sagt, man kann eigentlich nur mit einem Pool an Fahrzeugen starten.

00:24:35.300 --> 00:24:38.700
Holger Klein: Aber den Geschwindigkeitsvorteil des Autos, in ländlichen Regionen jetzt,

00:24:38.700 --> 00:24:41.200
also in der Stadt bin ich ohne Auto in der Regel schneller als mit Auto,

00:24:41.200 --> 00:24:44.600
aber den Geschwindigkeitsvorteil auf dem Land, bekommen wir den in den Griff

00:24:44.600 --> 00:24:49.500
oder wird das das Ding sein, an dem es hängen bleibt am Ende?

00:24:49.500 --> 00:24:54.100
Melanie Herget: Das hängt natürlich auch da sehr von den konkreten betrachteten Strecken ab.

00:24:54.100 --> 00:24:58.300
Handelt es sich um die häufigen Stadt-Umland-Verflechtungen?

00:24:58.300 --> 00:25:04.100
Dann endet der Reisezeitvorteil eben genau oft bei der Einfahrt in das Stadtgebiet.

00:25:04.100 --> 00:25:09.100
Und da können zum Beispiel auch Park and Ride-Anreize eine gute Möglichkeit sein,

00:25:09.100 --> 00:25:13.500
dass die Vorteile des Autos eben auf die Strecken auch begrenzt bleiben,

00:25:13.500 --> 00:25:15.800
wo es diese Reisezeitvorteile gibt.

00:25:15.800 --> 00:25:17.600
Aber Sie haben schon Recht, gerade bei so,

00:25:17.600 --> 00:25:20.500
wir nennen das in der Verkehrsplanung, Tangentialverkehren,

00:25:20.500 --> 00:25:25.400
also wenn man sozusagen quer zu den sternförmigen Hauptachsen,

00:25:25.400 --> 00:25:29.000
die so in die Zentren führen, unterwegs ist,

00:25:29.000 --> 00:25:31.700
dann ist das Auto von der Reisezeit her unschlagbar.

00:25:31.700 --> 00:25:35.900
Und das wird man sicherlich jetzt auch nicht finanzieren können,

00:25:35.900 --> 00:25:40.000
dass man überall Schnellbusse anbietet.

00:25:40.000 --> 00:25:44.200
Natürlich muss man auch da gucken, dass öffentliche Gelder sinnvoll eingesetzt werden,

00:25:44.200 --> 00:25:47.600
aber die Kombination zum Beispiel aus so Sammelverkehren,

00:25:47.600 --> 00:25:50.500
also Rufbussen oder zum Teil auch Bürgerbussen,

00:25:50.500 --> 00:25:53.500
die dann zu diesen Schnellbusachsen hinführen,

00:25:53.500 --> 00:25:55.800
diese Kombination kann durchaus attraktiv sein.

00:25:55.800 --> 00:26:00.900
Aber insgesamt, solange die PKW-Nutzung, so wie heute,

00:26:00.900 --> 00:26:07.200
noch vergleichsweise erschwinglich ist und vor allem auch als erschwinglich wahrgenommen wird,

00:26:07.200 --> 00:26:16.200
solange werden ja nicht große Anteile der Bevölkerung das Verkehrsmittel verlagern auf Bus und Fahrrad.

00:26:16.200 --> 00:26:17.900
Das ist nicht zu erwarten.

00:26:17.900 --> 00:26:23.000
Also, diese größeren Verkehrsverlagerungen im ländlichen Raum sind nur zu erwarten,

00:26:23.000 --> 00:26:29.100
wenn wirklich strukturelle Veränderungen in dem gesamten verkehrsrechtlichen Rahmen eigentlich passieren.

00:26:29.100 --> 00:26:32.300
Das heißt, man nennt das ja auch Push- und Pull-Strategie,

00:26:32.300 --> 00:26:37.200
dass die PKW-Nutzung realistischer wird,

00:26:37.200 --> 00:26:42.800
dass also die ganzen externen Kosten für mich als Endverbraucher auch überhaupt spürbar werden,

00:26:42.800 --> 00:26:46.400
dass ich die merke, das wird ja im Moment sozusagen unsichtbar sozialisiert,

00:26:46.400 --> 00:26:51.900
die ganzen Schäden an der Umwelt und an der Gesundheit werden von der Allgemeinheit getragen,

00:26:51.900 --> 00:26:55.800
auch von denjenigen, die gar nicht Auto fahren, wohingegen eben diejenigen,

00:26:55.800 --> 00:26:59.100
die Auto fahren, diese Kosten nicht merken.

00:26:59.100 --> 00:27:02.800
Holger Klein: Wir haben da ja zwei Probleme, also wenn es uns ans Geld geht,

00:27:02.800 --> 00:27:05.800
werden wir echt ungemütlich und wenn es den Deutschen ans Auto geht,

00:27:05.800 --> 00:27:07.800
dann werden wir erst recht ungemütlich.

00:27:07.800 --> 00:27:14.700
Trotzdem muss das alles ja irgendwann irgendwie demokratisch mal ausgehandelt werden.

00:27:14.700 --> 00:27:17.300
Wie lassen sich denn da Fronten aufbrechen?

00:27:17.300 --> 00:27:19.700
Melanie Herget: Ja, also was ich persönlich ganz spannend finde,

00:27:19.700 --> 00:27:25.300
sind wirklich solche Bürgerforen, wo man auch von Anfang an überlegt,

00:27:25.300 --> 00:27:31.400
wie kann man einen guten Querschnitt der Bevölkerung einbinden,

00:27:31.400 --> 00:27:41.300
indem diejenigen auch wirklich sozusagen für den Arbeitszeitausfall entsprechend einen Ausgleich erhalten.

00:27:41.300 --> 00:27:45.700
Also, das heißt, dass wirklich Personen aus der Bevölkerung, ich nenn es mal,

00:27:45.700 --> 00:27:53.900
wie abgeordnet werden, um eine lokale oder regionale Klimaschutzstrategie

00:27:53.900 --> 00:27:58.000
im Bereich Mobilität zu entwerfen und mit zu diskutieren,

00:27:58.000 --> 00:28:03.000
das kann und sollte durchaus auch mit Expertinnen und Experten begleitet werden,

00:28:03.000 --> 00:28:07.200
die das Ganze moderieren, die zum Beispiel Verkehrsmodelle präsentieren,

00:28:07.200 --> 00:28:11.600
bestimmte Maßnahmenbündel dann durchrechnen, dass man sieht,

00:28:11.600 --> 00:28:15.100
ah ja, welche Effekte hätte das denn so hier bei uns vor Ort?

00:28:15.100 --> 00:28:18.400
Weil viele unterschätzen, wie schwierig das eigentlich ist,

00:28:18.400 --> 00:28:23.900
diese internationalen Vereinbarungen wirklich zu erreichen im Bereich Verkehr.

00:28:23.900 --> 00:28:27.200
Es reicht eben nicht, wenn man da zwei Fahrradwege baut,

00:28:27.200 --> 00:28:32.400
weil das sind die Kurzstrecken, da wird wenig CO2 verlagert oder vermieden durch,

00:28:32.400 --> 00:28:35.500
sondern es geht wirklich an die langen Strecken.

00:28:35.500 --> 00:28:38.000
Und das ist dann wirklich ein Lernprozess.

00:28:38.000 --> 00:28:42.200
Ein anderer Ansatz ist, mit so Experimenten zu arbeiten,

00:28:42.200 --> 00:28:48.700
dass man also für einen befristeten Zeitraum mal öffentliche Räume umgestaltet.

00:28:48.700 --> 00:28:53.500
Das kann man eben nicht nur in der Stadt, sondern tatsächlich ja auch in einem Dorf praktizieren

00:28:53.500 --> 00:28:57.400
oder auch in einem Mittelzentrum, also ländliche Räume bestehen ja auch nicht nur aus,

00:28:57.400 --> 00:29:03.300
sage ich mal, Einzelgehöften, sondern durchaus auch aus diesen kleinen und mittleren Zentren.

00:29:03.300 --> 00:29:09.000
Und wenn man dort, sage ich mal, über so einen Zeitraum von ein, zwei Monaten zeigt,

00:29:09.000 --> 00:29:13.200
wie der öffentliche Raum anders verteilt werden könnte,

00:29:13.200 --> 00:29:17.200
wie dann vielleicht Mobilität auch anders aussehen könnte,

00:29:17.200 --> 00:29:22.600
dann wird eventuell auch das Thema Lebensqualität anders mitbespielt,

00:29:22.600 --> 00:29:27.600
Es ist natürlich viel einfacher zu sagen, hier fällt was weg,

00:29:27.600 --> 00:29:30.300
Untergang des Abendlandes, als zu sagen,

00:29:30.300 --> 00:29:34.200
ja, hier fällt was weg und dafür gibt es aber das, das, das und das.

00:29:34.200 --> 00:29:37.500
Also, diese Doppelstrategie ist, glaube ich, enorm wichtig.

00:29:37.500 --> 00:29:41.000
Holger Klein: All diese Sachen kosten im Zweifelsfall alle unfassbar viel Geld,

00:29:41.000 --> 00:29:45.400
weil ich brauche ein neues Auto, ich brauche neue Energieversorgungsinfrastrukturen

00:29:45.400 --> 00:29:47.800
für dieses Fahrzeug und so was alles.

00:29:47.800 --> 00:29:51.800
Rufbusse, Taxiunternehmen, Carsharing, gerade in ländlichen Räumen.

00:29:51.800 --> 00:29:54.100
Wer soll das alles bezahlen?

00:29:54.100 --> 00:29:57.900
Melanie Herget: Es geht ja gar nicht darum, dass wir noch mehr Fahrzeuge brauchen

00:29:57.900 --> 00:30:04.400
oder nur die neuesten Fahrzeuge, sondern eigentlich geht es ja erst mal darum,

00:30:04.400 --> 00:30:06.800
Wie viele Fahrzeuge brauchen wir eigentlich wirklich?

00:30:06.800 --> 00:30:10.300
Wer kann sich gut zusammentun und was spare ich eigentlich dadurch,

00:30:10.300 --> 00:30:14.000
wenn ich nicht meinen Zweit- oder Drittwagen hier rumstehen habe,

00:30:14.000 --> 00:30:20.500
sondern es einen Pool an Nachbarschaftsautos gibt, die gemeinsam genutzt werden.

00:30:20.500 --> 00:30:21.900
Dadurch lässt sich Geld sparen.

00:30:21.900 --> 00:30:28.000
Und also diese Frage danach, wieviel ist wirklich nötig,

00:30:28.000 --> 00:30:35.400
um unsere Bedürfnisse tatsächlich alle zu erfüllen und nicht, auf Bedürfnisse zu verzichten,

00:30:35.400 --> 00:30:37.800
das ist eigentlich, finde ich, die spannende Frage, weil wir sind ein Wohlstandsland.

00:30:37.800 --> 00:30:41.800
Wir haben eigentlich von allem genug und noch können wir es uns eben leisten,

00:30:41.800 --> 00:30:47.700
diese wenig genutzten Notfallfahrzeuge noch mit durchzufüttern, sage ich mal.

00:30:47.700 --> 00:30:51.600
Und die sind aber der Ansatzpunkt, wo man was verändern kann.

00:30:51.600 --> 00:30:55.000
Mir geht es nicht darum, gerade Personen in ländlichen Räumen, sage ich mal,

00:30:55.000 --> 00:30:59.500
ihren Erstwagen irgendwie madig zu machen, wegzunehmen, auf gar keinen Fall,

00:30:59.500 --> 00:31:02.600
aber wir haben eine hohe Mehrfachmotorisierung.

00:31:02.600 --> 00:31:04.800
Und da ist sicherlich noch Spielraum.

00:31:04.800 --> 00:31:07.400
Holger Klein: Was mir auffällt, ist, immer, wenn man dieses Thema Verkehrswende,

00:31:07.400 --> 00:31:13.700
Mobilitätswende diskutiert, kommt jemand vom Land und sagt,

00:31:13.700 --> 00:31:15.300
bei euch in der Stadt funktioniert das ja alles ganz toll,

00:31:15.300 --> 00:31:17.200
aber für uns ist das nichts, darum lassen wir das.

00:31:17.200 --> 00:31:19.500
Und jemand aus der Stadt kommt und sagt,

00:31:19.500 --> 00:31:21.400
ihr auf dem Land, mit euch kann man ja überhaupt nicht diskutieren.

00:31:21.400 --> 00:31:25.700
Müssen wir aufhören, den einen großen Wurf zu versuchen?

00:31:25.700 --> 00:31:31.800
Melanie Herget: Also was wir auf jeden Fall brauchen, ist viel stärkere Stadt-Umlandkooperationen,

00:31:31.800 --> 00:31:35.400
weil es bringt gar nichts, sage ich mal, wenn die Kernstädte versuchen,

00:31:35.400 --> 00:31:39.900
ihre CO2-Bilanz zu schönen und zu optimieren, indem sie sagen,

00:31:39.900 --> 00:31:45.900
guck mal, wie viel PKW-Verkehr, wir hier verlagert bekommen haben in unserem Stadtgebiet,

00:31:45.900 --> 00:31:49.900
wenn einfach, sage ich mal, die Umlandverflechtungen ausgeblendet werden.

00:31:49.900 --> 00:31:54.000
Das führt zu Unmut, weil wir haben nun mal nicht einfach getrennte Räume,

00:31:54.000 --> 00:31:59.600
die man getrennt voneinander optimieren kann, sondern da gibt es vielfältige Wechselwirkungen

00:31:59.600 --> 00:32:06.700
und das müsste sich eigentlich auch in der interkommunalen Zusammenarbeit stärker ausdrücken.

00:32:06.700 --> 00:32:11.600
Da sind wir wieder bei den strukturellen Änderungen, über die wir schon gesprochen haben.

00:32:11.600 --> 00:32:16.000
Aber ein Umbau ist möglich, er müsste eigentlich bereits heute angegangen werden,

00:32:16.000 --> 00:32:22.800
weil es natürlich auch Jahre braucht, bis alles läuft und so angenommen wird, umgestaltet wird.

00:32:22.800 --> 00:32:31.600
Aber leider zum jetzigen Zeitpunkt gibt es also nicht annähernd so eine große Lobby für ÖPNV wie für Autonutzung.

00:32:31.600 --> 00:32:36.200
Also das Image des ÖPNV ist leider schon so schlecht in einigen Räumen,

00:32:36.200 --> 00:32:40.100
dass es nicht dazu führt, dass die Leute sagen, wir wollen mehr, wir wollen besser,

00:32:40.100 --> 00:32:43.700
sondern dass sie sagen, das geht eh nicht, bleiben wir beim PKW

00:32:43.700 --> 00:32:46.900
und sorgen dafür, dass der wenigstens machbar bleibt.

00:32:46.900 --> 00:32:53.200
Und wie gesagt, der PKW als solcher ist, finde ich, auch überhaupt nicht zu verteufeln,

00:32:53.200 --> 00:32:58.100
weil zum Teil ist es genau die richtige Verkehrsgröße, Verkehrsmittelgröße,

00:32:58.100 --> 00:33:03.100
sage ich mal, ne, für ländliche Räume, aber die spannende Frage ist,

00:33:03.100 --> 00:33:06.500
ob nicht genau dieses Verkehrsmittel in Zukunft,

00:33:06.500 --> 00:33:09.600
gerade wenn es stärker automatisiert fahren kann,

00:33:09.600 --> 00:33:17.900
durch eine geteilte Nutzung sehr viel effizienter und umweltfreundlicher eigentlich diese Stärke auch ausfahren kann.

00:33:17.900 --> 00:33:18.900
Holger Klein: Melanie Herget, vielen Dank.

00:33:18.900 --> 00:33:21.700
Danke für das Gespräch.

00:33:21.700 --> 00:33:29.100
*Musik*

00:33:29.100 --> 00:33:30.500
Was wir also mitnehmen können.

00:33:30.500 --> 00:33:34.400
. Verkehrsversuche können neue Wege aufzeigen,

00:33:34.400 --> 00:33:38.400
wie öffentlicher Raum und Mobilität in Zukunft gestaltet sein könnten.

00:33:38.400 --> 00:33:41.900
Dabei allen Interessen gerecht zu werden, ist kaum möglich.

00:33:41.900 --> 00:33:45.100
Es gibt Push und Pull Faktoren, die eine Wende beschleunigen,

00:33:45.100 --> 00:33:49.500
doch auch Gesetze wie die StVO, die sie eher ausbremsen.

00:33:49.500 --> 00:33:51.600
Das hat Lisa Ruhrort erklärt.

00:33:51.600 --> 00:33:56.400
. Mit dem Wachstum der Städte und der Trennung von Arbeits- und Wohnorten

00:33:56.400 --> 00:34:00.300
sind Verkehrsmittel im . Jahrhundert immer wichtiger geworden.

00:34:00.300 --> 00:34:04.200
Das Auto versprach dabei Geschwindigkeit und individuelle Unabhängigkeit

00:34:04.200 --> 00:34:06.600
und wurde politisch lange gefördert.

00:34:06.600 --> 00:34:10.900
Dementsprechend wurde unser Verkehrssystem jahrzehntelang auf Autos ausgerichtet.

00:34:10.900 --> 00:34:12.700
Das hat Dieter Schott beschrieben.

00:34:12.700 --> 00:34:16.300
. Auch im ländlichen Raum kann die Verkehrswende gelingen,

00:34:16.300 --> 00:34:19.500
wenn der ÖPNV und der Radverkehr gestärkt werden.

00:34:19.500 --> 00:34:22.800
Trotzdem wird das Auto hier weiterhin eine große Rolle spielen.

00:34:22.800 --> 00:34:27.200
Im besten Fall über neue und gut funktionierende Carsharing-Modelle.

00:34:27.200 --> 00:34:31.200
Vor allem müssen die verschiedenen Angebote gut aufeinander abgestimmt sein.

00:34:31.200 --> 00:34:34.100
Das betont Melanie Herget.

00:34:34.100 --> 00:34:36.000
*Musik*

00:34:36.000 --> 00:34:39.900
Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

00:34:39.900 --> 00:34:42.900
In der APuZ zum Thema „Lokale Verkehrswende“ finden Sie Texte von

00:34:42.900 --> 00:34:47.500
Melanie Herget, Lisa Ruhrort und Anne-Klein Hitpaß,

00:34:47.500 --> 00:34:50.700
von Katharina Götting und Anke Kläver, von Patricia Feiertag,

00:34:50.700 --> 00:34:55.000
Christian Holz-Rau, Joachim Scheiner, Isabelle Wachter und Karsten Zimmermann

00:34:55.000 --> 00:34:57.900
sowie von Andreas Knie und Gerhard Matzig.

00:34:57.900 --> 00:35:00.500
Die Links zur APuZ finden Sie in den Shownotes.

00:35:00.500 --> 00:35:03.300
Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast.

00:35:03.300 --> 00:35:08.700
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de.

00:35:08.700 --> 00:35:11.400
Im März erscheint die nächste Folge.

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Dann sprechen wir über den Nahost-Konflikt.

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Ich bin Holger Klein und danke für die Aufmerksamkeit.

00:35:16.800 --> 00:35:33.600
*Musik*

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Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

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Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Julia Günther und Johannes Piepenbrink.

00:35:44.000 --> 00:35:48.200
Reportage: Tobias Krone. Schnitt: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald.

00:35:48.200 --> 00:35:51.600
Produktion: hauseins. Am Mikrofon war Holger Klein.

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Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

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und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.

