WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:03.000
Was ist ein Konflikt?

00:00:04.000 --> 00:00:11.000
Kriege, politische Proteste, Mobbing, Familienstreitigkeiten sind Erscheinungsformen von Konflikten.

00:00:12.000 --> 00:00:15.000
Um Konflikte bearbeiten und lösen zu können, müssen wir sie zunächst verstehen. 

00:00:16.000 --> 00:00:19.000
Dabei hilft uns die Konfliktforschung. Die Konfliktforschung ist die Wissenschaft von

00:00:20.000 --> 00:00:25.000
den Ursachen, der Dynamik und den Lösungsmöglichkeiten von Konflikten.

00:00:26.000 --> 00:00:29.000
Beginnen wir mit den Ursachen:

00:00:30.000 --> 00:00:37.000
Nach Johan Galtung, einem Mitbegründer der Friedensforschung, setzen sich die Ursachen von Konflikten – vom Familienstreit bis zum Guerillakrieg –

00:00:38.000 --> 00:00:43.000
aus drei grundlegenden Komponenten zusammen. Sie bilden die Eckpunkte des sogenannten Konfliktdreiecks.

00:00:44.000 --> 00:00:50.000
Die erste Ebene sind die Verhaltens- und Handlungsweisen der Parteien, die den Konflikt verursachen oder verschärfen,

00:00:51.000 --> 00:01:02.000
zum Beispiel: Achtlosigkeit, unfaires Konkurrenzverhalten, unsachliche Kommunikation oder Kontaktabbruch, verbale Angriffe und physische Gewalt.

00:01:03.000 --> 00:01:09.000
Die zweite Komponente sind: Interessen und Ziele, die die Konfliktparteien zu Lasten anderer Beteiligter verfolgen,

00:01:10.000 --> 00:01:17.000
wie etwa: materieller Nutzen, Gewinn, Anerkennung Einfluss und Macht.

00:01:18.000 --> 00:01:21.000
Die dritte Komponente bilden die Annahmen und Haltungen der Konfliktbeteiligten in Bezug auf

00:01:22.000 --> 00:01:27.000
den Konflikt, ihre eigene Rolle darin und die anderen Beteiligten.

00:01:28.000 --> 00:01:36.000
Konfliktparteien haben oft nur ein verzerrtes und bruchstückhaftes Bild von den anderen Beteiligten. Daraus können Vorurteileund Feindbilder erwachsen.

00:01:37.000 --> 00:01:40.000
Das Dreiecksmodell kann uns helfen, Konflikte besser zu analysieren und zu verstehen.

00:01:41.000 --> 00:01:47.000
Schauen wir uns eines von unseren vier Konfliktbeispielen genauer an: Mobbing an einer Schule.

00:01:48.000 --> 00:01:56.000
1. Worin bestehen die widerstreitenden Verhaltens- und Handlungsweisen der Konfliktparteien, also zwischen dem Mobbenden und dem Opfer?

00:01:57.000 --> 00:02:05.000
Typische Verhaltens- und Handlungsweisen von Mobbern sind verbale und/oder physische Attacken: Hänseln, Bloßstellen, Abwerten, Drohen. 

00:02:06.000 --> 00:02:12.000
Betroffene lassen sich meist in die Opferrolle drängen und reagieren mit Unsicherheit, Unterwürfigkeit oder hilfloser Wut.

00:02:13.000 --> 00:02:20.000
2. Welche unvereinbar erscheinenden Interessen und Ziele verfolgen die Konfliktparteien in diesem Fall?

00:02:21.000 --> 00:02:29.000
Mobbende haben das Ziel, das Opfer in der Gruppe zu isolieren. Sie verspüren Genugtuung und Stärke, wenn sie das Opfer schwach und leidend sehen.

00:02:30.000 --> 00:02:37.000
Dahinter kann der Wunsch stehen, eigene Verletzungen, Neid oder verborgene Schwächen zu kompensieren und den eigenen Status zu sichern.

00:02:38.000 --> 00:02:46.000
Bei Betroffenen steht das Ziel im Vordergrund, in Ruhe gelassen zu werden. Sie wünschen sich, dass alles wieder so wird, wie es vor den Angriffen gewesen ist.

00:02:47.000 --> 00:02:53.000
3. Welche unterschiedlichen Annahmen und Haltungen der Konfliktparteien liegen dem Konflikt zugrunde? 

00:02:54.000 --> 00:03:02.000
Hinter Mobbingattacken steckt häufig die bewusste oder unbewusste Annahme des Mobbenden, dass von seinem Opfer eine Bedrohung des eigenen Status ausgeht.

00:03:03.000 --> 00:03:08.000
Viele Mobbing-Betroffene reagieren mit Selbstzweifeln: "Irgendetwas stimmt nicht an mir". 

00:03:09.000 --> 00:03:13.000
Oder mit Trotz: "Ich bin moralisch im Recht und das Gute wird siegen."

00:03:14.000 --> 00:03:17.000
Sie erdulden die Angriffe, anstatt sich zu wehren oder Hilfe zu suchen.

00:03:18.000 --> 00:03:22.000
Sichtbare und unsichtbare Anteile eines Konflikts

00:03:23.000 --> 00:03:28.000
Das Vertrackte an Konflikten ist, dass die Beteiligten das Geschehen oft nur ausschnitthaft und verzerrt wahrnehmen.

00:03:29.000 --> 00:03:36.000
Das Verhältnis von bewussten und unbewussten Anteilen im menschlichen Denken und Handeln ist vergleichbar mit einem Eisberg,

00:03:37.000 --> 00:03:40.000
von dessen Masse ebenfalls nur ein kleiner Teil sichtbar ist.

00:03:41.000 --> 00:03:47.000
Wer andere mobbt, ist sich der eigentlichen Motive oft gar nicht bewusst: Geht es um Eifersucht?

00:03:48.000 --> 00:03:49.000
Geht es um die Angst, dass eigene Schwächen entdeckt werden?

00:03:50.000 --> 00:03:56.000
Haben sie instinktiv begriffen, dass sie für verbale und physische Attacken Aufmerksamkeit erhalten?

00:03:57.000 --> 00:04:00.000
Mobbing-Opfer sind oft auf die Person und die Angriffe des Mobbenden fixiert und

00:04:01.000 --> 00:04:06.000
übersehen, dass auch sie einen Anteil am Konflikt und seinen Ursachen haben können.

00:04:07.000 --> 00:04:14.000
Darum ist es oft schwer zu verstehen, warum ein Mobbender mit so viel Aggression und so wenig Empathie auf das Opfer losgeht.

00:04:15.000 --> 00:04:26.000
Die Unterscheidung zwischen sichtbaren / bewussten und nicht-sichtbaren / unbewussten Elementen eines Konflikts wird im Dreiecksmodell - analog zur Wasseroberfläche beim Eisberg - mit einer Trennlinie verdeutlicht.

00:04:27.000 --> 00:04:37.000
Die Neigung der Linie zeigt an, dass in der Regel vor allem Annahmen und Haltungen im Unbewussten verborgen liegen und weniger Interessen und Ziele.

00:04:38.000 --> 00:04:41.000
Wechselwirkungen zwischen Konflikten und ihrem sozialen Umfeld.

00:04:42.000 --> 00:04:52.000
Konflikte finden nicht im luftleeren Raum statt. Sie werden vielmehr in hohem Maße durch das unmittelbare lebensweltliche und durch ihr gesellschaftliches Umfeld geprägt.

00:04:53.000 --> 00:04:59.000
Wenn in einer Schule oder einem Unternehmen gemobbt wird, ist das oft ein Zeichen für Organisationsversagen. 

00:05:00.000 --> 00:05:06.000
Mobbing wird aber auch durch ein gesellschaftliches Klima der Konkurrenz und Diskreditierung von Schwachen begünstigt.

00:05:07.000 --> 00:05:11.000
In der Soziologie spricht man von Ermöglichungsbedingungen oder Gelegenheitsstrukturen:

00:05:12.000 --> 00:05:16.000
Die Mobbenden haben oft selbst psychische und physische Gewalt erlebt.

00:05:17.000 --> 00:05:21.000
Sie fühlen sich durch ein allgemeines Klima der Konkurrenz und Verrohung ermutigt.

00:05:22.000 --> 00:05:27.000
Die starke soziale Polarisierung fördert Abgrenzungs- und Verfeindungsprozesse.

00:05:28.000 --> 00:05:32.000
Die drei Faktoren greifen wie Zahnräder ineinander und verstärken sich gegenseitig.

00:05:33.000 --> 00:05:40.000
Der soziale und kulturelle Kontext spielt eine erhebliche Rolle für die Ursachen und den Verlauf von Konflikten.

00:05:41.000 --> 00:05:50.000
Wer Konflikte verstehen und lösen möchte, muss diese Aspekte in die Analyse einbeziehen.

00:05:47.000 --> 00:05:50.000
Die Dynamik von Konflikten. 

00:05:51.000 --> 00:05:53.000
Hinter dem Rücken der Konfliktparteien entfaltet sich eine Dynamik.

00:05:54.000 --> 00:05:59.000
Mit Dynamik ist das gemeint, was Konflikte antreibt und sie eskalieren lässt.

00:06:00.000 --> 00:06:04.000
Der Konfliktforscher Friedrich Glasl vergleicht sie mit einem reißenden Gebirgsfluss:

00:06:05.000 --> 00:06:19.000
"Wir geraten in den Strudel der Konfliktereignisse und merken plötzlich, wie uns eine Macht mitzureißen droht. Die Parteien müssen all ihre Sinne wachhalten, damit sie nicht weiter in die Dynamik des Konflikts hineingezogen werden."

00:06:20.000 --> 00:06:27.000
Wer mobbt, drückt auf die roten Knöpfe seines Opfers. Das reagiert mit Angst, Wut und Hilflosigkeit. 

00:06:28.000 --> 00:06:30.000
Die Konfliktparteien beginnen nun wie durch eine geheime Choreografie bestimmt zu interagieren

00:06:31.000 --> 00:06:36.000
und "verbeißen" sich zunehmend ineinander:

00:06:37.000 --> 00:06:40.000
Das Opfer reagiert, wie es der Täter erwartet.

00:06:41.000 --> 00:06:46.000
Manche schlagen sich auf die Seite des Mobbenden. Andere sind einfach froh, dass sie in Ruhe gelassen werden.

00:06:47.000 --> 00:06:49.000
Verantwortliche schauen weg.

00:06:50.000 --> 00:06:54.000
Konflikte können auch eine positive Dynamik entwickeln. Und das geschieht öfter, als allgemein angenommen. 

00:06:55.000 --> 00:07:03.000
Die Umsteuerung von einer destruktiven zu einer konstruktiven Konfliktdynamik ist der Kern einer erfolgreichen Konfliktbearbeitung.

00:07:04.000 --> 00:07:10.000
Kann uns das Dreiecksmodell dabei helfen, Konflikte so zu bearbeiten, dass alle Seiten davon profitieren?

00:07:11.000 --> 00:07:16.000
Die Lösung beginnt damit, dass alle Beteiligten darüber nachdenken, welchen Anteil sie selbst an dem Konflikt haben. 

00:07:17.000 --> 00:07:25.000
Dazu überprüfen sie Schritt für Schritt ihre Verhaltens- und Handlungsweisen, ihre Interessen und Ziele sowie ihre Annahmen und Haltungen.

00:07:26.000 --> 00:07:29.000
Es geht darum, an allen drei Ecken Veränderungen zu erreichen.

00:07:30.000 --> 00:07:34.000
Für unser Mobbing-Beispiel bedeutet das:

00:07:35.000 --> 00:07:40.000
Der Mobbende beginnt zu verstehen, dass sein Verhalten nicht akzeptabel ist.

00:07:41.000 --> 00:07:49.000
Das Mobbingopfer erkennt, dass Ausweichversuche und Wohlverhalten, aber auch demonstrative Überlegenheit den Konflikt eher noch verschärfen.

00:07:50.000 --> 00:07:58.000
Ob in der Schule oder zuhause: Niemand schaut mehr weg, alle fühlen sich angesprochen.


00:07:59.000 --> 00:08:04.000
Der mobbende Schüler beginnt zu verstehen, was ihn zu seinem Verhalten antreibt.

00:08:05.000 --> 00:08:12.000
Der Gemobbte merkt, dass er selbst aktiv werden muss, um seinen Interessen und Bedürfnissen Gehör zu verschaffen.

00:08:13.000 --> 00:08:28.000
Mitschüler, Lehrerinnen und Eltern akzeptieren ihre (Mit-)Verantwortung für den Konflikt und unternehmen konkrete Schritte, um die Kommunikation und Organisation an der Schule und der Elternschaft zu verbessern.

00:08:29.000 --> 00:08:35.000
Der Mobbende erfährt, dass es Optionen gibt, sich produktiv in die Klasse einzubringen und dafür Anerkennung zu erfahren. 

00:08:36.000 --> 00:08:41.000
Der gemobbte Schüler erlebt, dass es sich lohnt, um seine Position in der Gruppe zu kämpfen.

00:08:42.000 --> 00:08:48.000
Alle Beteiligten begreifen, dass Mobbing-Situationen auf Defizite in der Organisation der Klasse und der Schule hinweisen.

00:08:49.000 --> 00:08:50.000
Sie verständigen sich auf erste Schritte,

00:08:51.000 --> 00:08:57.000
um die strukturellen und kulturellen Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Lösung zu verbessern:

00:08:58.000 --> 00:09:03.000
Dazu wird von allen ein Vertrag geschlossen über Gewaltfreiheit und transparente Kommunikation

00:09:04.000 --> 00:09:03.000
eine kooperative Schulkultur sowie

00:09:08.000 --> 00:09:14.000
gemeinsame Verantwortung und solidarisches Engagement für den Lernerfolg aller Schüler.