﻿WEBVTT

00:00:36.080 --> 00:00:37.720
Hier im Berliner Landesarchiv

00:00:37.880 --> 00:00:42.480
finden sich faszinierende Geschichten
über die arabische Bevölkerung Berlins

00:00:42.640 --> 00:00:44.360
zu Beginn des 20. Jahrhunderts,

00:00:44.520 --> 00:00:46.560
in den Goldenen Zwanzigern.

00:00:46.720 --> 00:00:49.840
Es ist eine Geschichte
mit vielen Anklängen an die Gegenwart,

00:00:50.040 --> 00:00:53.480
eine Geschichte der Hoffnung
in Zeiten des Hasses.

00:02:06.880 --> 00:02:09.600
Das Berlin der 20er-Jahre
war ein faszinierender Ort

00:02:09.760 --> 00:02:12.240
in Bezug auf Kultur, Kunst und Bildung.

00:02:12.400 --> 00:02:15.760
Das machte die Stadt auch sehr attraktiv
für die muslimische Welt,

00:02:15.920 --> 00:02:18.440
vor allem die arabisch-muslimische Welt.

00:03:31.000 --> 00:03:35.720
Hunderte arabische Studenten aus Ägypten,
dem Jemen, Irak und Syrien

00:03:35.880 --> 00:03:39.080
kamen zeitgleich
mit Mohamed Helmy nach Berlin.

00:03:39.240 --> 00:03:41.800
Das Zentrum
ihrer kleinen muslimischen Gemeinde

00:03:42.000 --> 00:03:45.120
war die Moschee im Stadtteil Wilmersdorf,

00:03:45.280 --> 00:03:46.760
die 1925 eröffnet wurde.

00:03:46.920 --> 00:03:50.800
Sie bot Platz für 400 Gläubige,

00:03:51.000 --> 00:03:52.720
die sich freitags dort versammelten.

00:03:52.880 --> 00:03:57.040
Männer und Frauen saßen zusammen,
teilweise sogar mit Schuhen.

00:03:57.200 --> 00:04:00.600
Eine der ersten Predigten des Imams

00:04:00.760 --> 00:04:04.120
war ein Aufruf zur Toleranz gegenüber Juden.

00:04:04.280 --> 00:04:05.320
Er sagte,

00:04:05.480 --> 00:04:09.160
es gebe eine furchtbare Tradition
des Antisemitismus

00:04:09.320 --> 00:04:11.040
innerhalb der christlichen Welt,

00:04:11.200 --> 00:04:12.560
und er rief dazu auf,

00:04:12.720 --> 00:04:16.760
dieser Form von Barbarei
ein Ende zu setzen.

00:04:38.400 --> 00:04:40.320
Es war ein ärmlicher Stadtteil.

00:04:40.480 --> 00:04:45.640
Es war kein jüdisches Krankenhaus,
doch 70% der Ärzte waren Juden.

00:04:45.800 --> 00:04:48.440
Der berühmte Professor Klemperer
praktizierte dort,

00:04:48.600 --> 00:04:51.840
ein weltbekannter Internist.

00:04:52.040 --> 00:04:56.520
Die Ärzte, die er einstellte,
waren allesamt jüdisch.

00:04:56.800 --> 00:05:00.520
Professor Klemperer war derjenige,
der Helmy eine Chance gab.

00:05:00.680 --> 00:05:04.000
Er nahm den jungen, talentierten Muslim,

00:05:04.160 --> 00:05:07.040
der Probleme hatte,
anderswo eine Anstellung zu finden,

00:05:07.200 --> 00:05:08.720
in sein Team auf.

00:05:31.840 --> 00:05:33.920
Am 1. April 1933 fuhr die SA,

00:05:34.120 --> 00:05:41.120
die Braunhemden,
die brutale Kampforganisation der NSDAP,

00:05:41.280 --> 00:05:44.800
frühmorgens mit einem Lastwagen
am Krankenhaus vor.

00:05:45.160 --> 00:05:47.600
Sie hatten Listen
mit den Namen jüdischer Ärzte.

00:05:47.760 --> 00:05:52.280
Sie zerrten sie aus dem Gebäude
und scheuchten sie auf den Lastwagen.

00:05:52.440 --> 00:05:55.880
Sie brachten sie in ein Gefängnis,
wo sie sie brutal misshandelten.

00:05:56.080 --> 00:05:58.320
Einige wurden
noch am selben Abend ermordet.

00:06:01.240 --> 00:06:06.280
Einer von Helmys engsten Kollegen
war Dr. Max Leffkowitz,

00:06:06.440 --> 00:06:10.040
ein jüdischer Arzt,
mit dem er auch privat gut befreundet war.

00:06:10.200 --> 00:06:13.520
Er war einer der Ärzte,
die im Gefängnis misshandelt wurden.

00:06:13.680 --> 00:06:15.600
Die SA-Leute stellten ihn an eine Wand

00:06:15.760 --> 00:06:18.600
und schossen mit einer Pistole
rund um seine Silhouette.

00:06:20.320 --> 00:06:25.240
Einige Tage später
kam Dr. Leffkowitz in die Klinik,

00:06:25.400 --> 00:06:27.080
um seine Papiere zu holen.

00:06:27.240 --> 00:06:30.800
Zu seiner Überraschung war Dr. Helmy,
der ebenfalls kein Arier war,

00:06:31.000 --> 00:06:34.160
ja nicht einmal Deutscher,
nicht entlassen worden.

00:06:34.320 --> 00:06:38.560
Im Gegenteil, man hatte ihn befördert,
und zwar auf den Posten,

00:06:38.720 --> 00:06:42.120
den Dr. Leffkowitz
bis dahin innegehabt hatte.

00:06:42.280 --> 00:06:46.440
Dr. Helmy war der Einzige,
der am Krankenhaus bleiben konnte

00:06:46.600 --> 00:06:51.400
und der in gewisser Weise sogar
von dem brutalen Überfall profitierte.

00:07:30.560 --> 00:07:34.480
Dr. Helmy ist der bis dato
einzige Mensch arabischer Herkunft,

00:07:34.640 --> 00:07:38.080
dem der Titel "Gerechter unter den Völkern"
verliehen wurde.

00:07:38.240 --> 00:07:44.560
Wir haben hier
Mohamed Helmys Ehrenauszeichnung.

00:07:44.720 --> 00:07:46.040
Es war das erste Mal,

00:07:46.200 --> 00:07:49.160
dass Israel einem Ägypter
eine solche Ehrung zukommen ließ.

00:07:49.320 --> 00:07:54.720
Dr. Helmy ließ sich in Deutschland nieder,

00:07:54.880 --> 00:07:58.880
wo er von den Nazis
wegen seiner nicht-arischen Herkunft

00:07:59.080 --> 00:08:00.280
diskriminiert wurde.

00:08:00.440 --> 00:08:03.760
Man erlaubte ihm nicht,
seine deutsche Verlobte zu heiraten.

00:08:03.920 --> 00:08:06.680
Dennoch fand er die innere Kraft,

00:08:06.880 --> 00:08:11.880
zu erkennen, dass andere
noch viel schlimmer dran waren,

00:08:12.200 --> 00:08:15.080
so wie die Jüdin Anna Boros
und ihre Familie.

00:08:15.240 --> 00:08:18.080
Diese Menschen
schwebten in Lebensgefahr,

00:08:18.240 --> 00:08:20.240
und er entschloss sich zu handeln.

00:08:27.800 --> 00:08:29.920
Nach einiger Zeit

00:08:30.120 --> 00:08:34.400
schockierte ihn das Verhalten
der neuen Ärzte am Krankenhaus zusehends.

00:08:34.560 --> 00:08:36.600
Sie waren allesamt linientreue Nazis,

00:08:36.760 --> 00:08:39.040
Mitglieder der SA oder der SS.

00:08:39.200 --> 00:08:42.760
Sie trugen ihre Uniformhemden
unter ihren weißen Arztkitteln.

00:08:50.600 --> 00:08:55.120
Hunderte von Frauen
wurden in der Klinik zwangssterilisiert,

00:08:55.280 --> 00:08:58.400
weil man sie
als genetisch minderwertig erachtete.

00:08:58.720 --> 00:09:02.440
Alkoholiker wurden
nicht mehr medizinisch behandelt,

00:09:02.600 --> 00:09:05.120
sondern auf brutalste Weise misshandelt.

00:09:05.280 --> 00:09:10.320
Dr. Kurt Strauss, einer der neuen SS-Ärzte
und der ranghöchste Arzt in der Klinik,

00:09:10.480 --> 00:09:15.240
schnitt Patienten
ohne jede Betäubung den Bauch auf,

00:09:15.400 --> 00:09:18.840
wenn sie als Gegner des Nazi-Regimes
bekannt waren.

00:09:50.400 --> 00:09:53.480
Helmy machte sich
über die anderen Ärzte lustig.

00:09:53.640 --> 00:09:57.400
Und er machte nicht nur über sie Witze,
sondern auch über die Nazi-Größen.

00:09:57.560 --> 00:10:02.320
Er bezeichnete Hitler als Paralytiker
und Göring als Großmaul.

00:10:02.480 --> 00:10:08.080
Wenn ihn jemand mit "Heil Hitler" grüßte,
erwiderte er einfach "Guten Morgen",

00:10:08.240 --> 00:10:11.200
es sei denn, er ging auf die Toilette.

00:10:11.360 --> 00:10:13.160
Dann sagte er immer "Heil Hitler".

00:10:17.720 --> 00:10:21.000
An dem Punkt begann er wieder,
jüdische Patienten zu behandeln.

00:10:21.160 --> 00:10:26.040
Er verließ die Klinik im Laufe des Tages
und fuhr mit seinem Wagen zu ihnen.

00:10:30.840 --> 00:10:34.440
Die Juden waren für die meisten Deutschen
nicht mehr existent.

00:10:34.600 --> 00:10:38.080
Es war ihnen verboten,
sich ärztlich behandeln zu lassen,

00:10:38.240 --> 00:10:40.000
aber Helmy war kein Arier.

00:10:40.240 --> 00:10:44.800
Es erforderte Mut, Beziehungen
zu jüdischen Bürgern aufrechtzuerhalten.

00:10:45.000 --> 00:10:48.120
Gesellschaftlich gesehen war es riskant

00:10:48.280 --> 00:10:52.000
und wenig vorteilhaft für ihn,

00:10:52.160 --> 00:10:56.240
der er ja selbst
in einer benachteiligten Lage war,

00:10:56.400 --> 00:11:01.840
sich demonstrativ
gegen die Regierung zu stellen.

00:11:02.040 --> 00:11:05.360
Einige der hochrangigen Nazi-Ärzte

00:11:05.520 --> 00:11:08.600
schrieben Beschwerdebriefe
an die Ministerien.

00:11:08.760 --> 00:11:15.400
Sie sagten, "der Orientale"
sei ungehobelt und aufsässig,

00:11:15.600 --> 00:11:20.480
und es sei nicht länger akzeptabel,
dass er deutsche Frauen behandle.

00:11:20.680 --> 00:11:27.280
Einer der Ärzte sammelte Unterschriften
für eine Petition für Helmys Entlassung.

00:11:27.440 --> 00:11:31.720
Es hieß jedoch, es sei
aus politischen Gründen erforderlich,

00:11:31.880 --> 00:11:34.280
gute Beziehungen
zur arabische Welt zu pflegen,

00:11:34.440 --> 00:11:36.280
und er solle an der Klinik bleiben.

00:11:36.440 --> 00:11:40.400
Helmy hörte davon, und sobald er erkannte,
dass er politischen Schutz genoss,

00:11:40.560 --> 00:11:44.080
nahm er sich noch mehr Freiheiten heraus.

00:12:06.400 --> 00:12:08.800
Er war ein gezeichneter Mann.

00:12:09.000 --> 00:12:11.120
Er stand ständig unter Generalverdacht,

00:12:11.280 --> 00:12:13.280
nur wegen seiner Hautfarbe.

00:12:13.440 --> 00:12:17.680
Er war Araber. Er war anders.

00:12:17.840 --> 00:12:21.080
Und sie duldeten niemanden,
der anders war.

00:12:21.240 --> 00:12:23.920
Sie duldeten ausschließlich Arier.

00:12:30.880 --> 00:12:35.080
Ab 1936 durften sich jüdische Mediziner
nicht mehr als Ärzte bezeichnen.

00:12:35.240 --> 00:12:37.360
Sie wurden nun "Krankenbehandler" genannt.

00:12:37.520 --> 00:12:39.720
Helmy war nun der einzige Arzt,

00:12:39.880 --> 00:12:43.000
der weiterhin jüdische Patienten behandelte

00:12:43.160 --> 00:12:47.520
und Zugang zu Arzneimitteln
und medizinischer Ausrüstung hatte.

00:12:48.000 --> 00:12:52.000
Das kam unter anderem
Cecilia Rudnik zu Ohren,

00:12:52.160 --> 00:12:54.440
einer sehr wohlhabenden Geschäftsfrau.

00:12:54.600 --> 00:12:57.520
Sie hatte einen großen Obst- und Gemüseladen,

00:12:57.800 --> 00:13:00.280
wo es Ananas, Pfirsiche und Walnüsse gab,

00:13:00.440 --> 00:13:03.920
teure Importprodukte zur damaligen Zeit.

00:13:04.120 --> 00:13:08.400
Sie lud Helmy in ihre Wohnung
am Alexanderplatz ein.

00:13:08.560 --> 00:13:12.400
Dort traf ein kleines Mädchen namens Anna,

00:13:12.560 --> 00:13:18.160
die Enkelin dieser Geschäftsfrau,
zum ersten Mal auf Helmy.

00:13:18.880 --> 00:13:21.200
Anna war damals elf Jahre alt.

00:13:21.360 --> 00:13:24.720
Als Dr. Helmy hereinkam,
war sie zunächst sehr überrascht.

00:13:24.880 --> 00:13:28.080
Sie verstand nicht,
warum ihre Großmutter und ihre Mutter,

00:13:28.240 --> 00:13:33.160
beide jüdische Geschäftsfrauen,
so nett zu diesem arabischen Herrn waren.

00:13:33.600 --> 00:13:35.440
Ihr wurde erst nach dem Krieg klar,

00:13:35.600 --> 00:13:40.320
dass die Situation für jüdische Patienten
so verzweifelt war,

00:13:40.480 --> 00:13:45.520
dass dieser nicht-jüdische Arzt
quasi ein Geschenk des Himmels war,

00:13:45.680 --> 00:13:48.280
weil er jüdische Patienten weiter behandelte.

00:13:48.440 --> 00:13:51.040
Helmy behandelte die Familie regelmäßig

00:13:51.200 --> 00:13:53.400
und wurde ein guter Freund des Hauses.

00:14:00.600 --> 00:14:02.800
Anna war ein kluges Mädchen.

00:14:03.600 --> 00:14:04.800
Sie beklagte sich nie.

00:14:05.000 --> 00:14:07.320
Sie war stets interessiert und wissbegierig.

00:14:07.480 --> 00:14:11.600
Helmy hörte, dass sie daran dachte,
Krankenschwester zu werden.

00:14:14.520 --> 00:14:18.760
Für ein jüdisches Mädchen
in den 1930ern war das ein Traum,

00:14:18.920 --> 00:14:20.960
der in immer weitere Ferne rückte.

00:14:21.120 --> 00:14:24.280
Jüdische Kinder wie Anna,

00:14:24.440 --> 00:14:27.640
Jungen wie Mädchen,

00:14:28.600 --> 00:14:31.480
die damals in Berlin lebten,

00:14:31.640 --> 00:14:33.640
waren in einer unerträglichen Lage.

00:14:33.800 --> 00:14:35.720
Plötzlich waren alle Lehrer Nazis.

00:14:35.880 --> 00:14:41.440
Zehn- oder zwölfjährige Schulkinder

00:14:41.600 --> 00:14:46.880
wurden auf dem Heimweg
plötzlich von ihren Mitschülern gejagt.

00:14:47.080 --> 00:14:49.600
Sie wurden beschimpft und geschubst.

00:14:49.760 --> 00:14:53.200
Denn was machen Kinder?
Sie schubsen einander.

00:14:53.360 --> 00:14:58.720
Sie schlugen und schubsten uns,
klauten uns die Mützen und Taschen.

00:14:58.880 --> 00:15:01.400
Manchmal warfen sie
unsere Schultaschen weg.

00:15:01.560 --> 00:15:04.360
Und es wurde immer schlimmer.

00:15:38.160 --> 00:15:41.880
Wir sind hier in der Krefelder Straße 7,
in der Nähe des Krankenhauses.

00:15:42.080 --> 00:15:46.520
Hier wohnte Dr. Helmy während seiner
Anstellung dort sowie auch danach.

00:15:46.680 --> 00:15:49.200
Das Haus gehörte
einem jüdischen Weinhändler.

00:15:49.360 --> 00:15:53.320
Hier unten war ein jüdischer Tabakladen,
darüber wohnten jüdische Familien.

00:15:53.480 --> 00:15:55.720
Dr. Helmy war
der einzige Nicht-Jude im Haus.

00:15:55.880 --> 00:15:58.320
Und dank seiner jüdischen Nachbarn

00:15:58.480 --> 00:16:01.720
war er gut vertraut
mit der jüdischen Gemeinde in Berlin.

00:16:14.240 --> 00:16:19.320
Ab 1937 behandelte Dr. Helmy
hier Patienten in einer Privatpraxis,

00:16:19.480 --> 00:16:23.680
unter Mithilfe
seiner Verlobten Emmy und Anna.

00:16:24.400 --> 00:16:29.320
Er lehrte sie unter anderem,
am Mikroskop Blutproben zu untersuchen.

00:16:29.480 --> 00:16:35.320
Anna war bodenständig,
ausgeglichen und praktisch veranlagt.

00:16:47.920 --> 00:16:51.280
Am Krankenhaus machte sich Helmy
nicht nur über Hitler und Göring,

00:16:51.440 --> 00:16:55.880
sondern auch über Rudolf Hess lustig,
der damals Hitlers Stellvertreter war.

00:16:56.080 --> 00:16:59.120
Rudolf Hess' jüngerer Bruder Alfred Hess

00:16:59.280 --> 00:17:05.400
lebte damals als Quasi-Botschafter
des NS-Regimes in Kairo.

00:17:05.560 --> 00:17:08.560
Nach Kriegsausbruch im September 1939

00:17:08.720 --> 00:17:12.080
verhafteten die Ägypter
und die britischen Kolonialherrscher

00:17:12.240 --> 00:17:14.560
vorübergehend
alle dort lebenden Deutschen,

00:17:14.720 --> 00:17:16.720
darunter auch Hess' Bruder.

00:17:16.880 --> 00:17:20.640
Nach einigen Tagen ließ man ihn frei,
und er floh nach Berlin.

00:17:20.800 --> 00:17:26.600
Irgendwann traf er dort
auf der Straße zufällig auf Helmy,

00:17:26.760 --> 00:17:29.240
der mit einem ägyptischen Freund
unterwegs war

00:17:29.400 --> 00:17:31.400
und sich auf Arabisch unterhielt.

00:17:31.560 --> 00:17:33.840
Hess' Bruder geriet in Rage.

00:17:34.040 --> 00:17:37.680
"Anständige Deutsche
werden in Ägypten verhaftet,

00:17:37.840 --> 00:17:42.240
aber hier dürfen diese Orientalen
frei herumlaufen!"

00:17:42.920 --> 00:17:46.040
Er beschwerte sich
beim stellvertretenden Außenminister.

00:17:46.200 --> 00:17:48.360
Innerhalb von 15 Minuten beschlossen sie,

00:17:48.520 --> 00:17:52.360
zehn Ägypter in Berlin verhaften zu lassen,

00:17:52.680 --> 00:17:57.520
um einen Austausch mit deutschen
Häftlingen in Kairo zu erzwingen.

00:17:57.680 --> 00:18:01.640
Diese zehn Personen
sollten natürlich einflussreiche,

00:18:02.160 --> 00:18:03.640
wohlhabende Muslime sein,

00:18:03.800 --> 00:18:06.320
Als Erstes setzten sie Helmy auf die Liste.

00:18:06.480 --> 00:18:09.120
Er wurde am Alexanderplatz inhaftiert.

00:18:09.280 --> 00:18:14.640
Die Zellen der zehn ägyptischen Häftlinge
befanden sich im Keller des Gebäudes.

00:18:14.800 --> 00:18:16.840
Unter ihnen waren der Sohn eines Prinzen,

00:18:17.040 --> 00:18:19.640
das Oberhaupt der muslimischen Gemeinde.

00:18:19.800 --> 00:18:22.880
In der gemeinsamen Haft
wuchs ihr Widerstand gegen die Nazis.

00:18:23.040 --> 00:18:26.840
Sie erkannten die Unmenschlichkeit
und Brutalität des Regimes.

00:18:27.640 --> 00:18:30.720
Zugleich ersannen sie
Strategien für ihre Freilassung.

00:18:30.880 --> 00:18:33.800
Sie wussten,
und sie sahen es auch im Gefängnis,

00:18:34.000 --> 00:18:37.520
dass das Regime verzweifelt Freunde
in der arabischen Welt suchte.

00:18:37.680 --> 00:18:41.760
Sie erkannten: Wenn man den Nazis
den Eindruck vermittelte,

00:18:41.920 --> 00:18:44.320
dass man sich fügte,
ihnen zu helfen versuchte,

00:18:44.480 --> 00:18:47.200
würden sie dies schätzen
und sich erkenntlich zeigen.

00:19:14.760 --> 00:19:18.080
Das ist kompletter Unsinn.
Es ist frei erfunden.

00:19:18.760 --> 00:19:23.400
Helmy hat keine Angst davor,
zu lügen und Geschichten zu erfinden,

00:19:23.560 --> 00:19:27.040
weil er weiß,
dass es die Nazis erfreuen wird.

00:19:27.200 --> 00:19:29.040
Sie prüfen es nicht mal nach.

00:20:06.240 --> 00:20:07.720
Acht Monate vergingen,

00:20:07.880 --> 00:20:12.880
ohne dass das Außenministerium
den Gefangenenaustausch zuwege brachte.

00:20:13.080 --> 00:20:17.160
Ägypten und Großbritannien
hatten kein Interesse an einem Deal,

00:20:17.320 --> 00:20:18.920
aber die Nazis waren überzeugt,

00:20:19.120 --> 00:20:23.520
dass die zehn Ägypter im Keller
des Gefängnisses am Alexanderplatz

00:20:23.760 --> 00:20:27.320
wertvolle Freunde waren, die man
zu Propagandazwecken einsetzen konnte.

00:20:27.480 --> 00:20:30.480
Sie hielten es daher für besser,
sie auf freien Fuß zu setzen

00:20:30.640 --> 00:20:32.200
und sie zu Freunden zu machen.

00:20:32.360 --> 00:20:35.920
Im Mai 1940 wurde Dr. Helmy
aus dem Gefängnis entlassen.

00:20:36.120 --> 00:20:40.720
Seine Briefe hatten die Nazis überzeugt,
dass er einer von ihnen war.

00:20:45.880 --> 00:20:50.040
Dr. Helmy wurde unter der Bedingung
entlassen, dass er Deutschland nicht verließ.

00:20:50.200 --> 00:20:52.800
Er musste sich zweimal am Tag
bei der Polizei melden.

00:20:53.000 --> 00:20:57.280
Doch als Zeichen des guten Willens
erhielt er eine Praxis in Charlottenburg.

00:20:57.440 --> 00:21:00.640
Helmy wurde praktisch
wieder in die Gesellschaft aufgenommen.

00:21:00.800 --> 00:21:03.280
Er konnte wieder arbeiten,
er hatte Patienten.

00:21:03.440 --> 00:21:05.800
Und er war
in einer einflussreichen Position.

00:21:06.000 --> 00:21:09.280
Er konnte Atteste ausstellen,
die Leute vor der Einberufung bewahrten.

00:21:09.440 --> 00:21:13.280
Und er begann, diesen Einfluss zu nutzen,
um anderen zu helfen.

00:21:43.080 --> 00:21:48.520
Im März 1942 wurde Helmy
erneut zu Annas Familie gerufen,

00:21:48.680 --> 00:21:51.880
zu ihrer Großmutter,
aber die Wohnung hatte sich sehr verändert.

00:21:52.080 --> 00:21:54.440
Die teuren Möbel waren verkauft worden,

00:21:54.600 --> 00:21:58.800
um Geld für Essen
und andere Notwendigkeiten aufzubringen.

00:21:59.000 --> 00:22:02.760
Das Geschäft im Erdgeschoss
existierte nicht mehr.

00:22:03.440 --> 00:22:05.800
Annas Großmutter stand unter Schock.

00:22:06.000 --> 00:22:09.280
Sie zeigte Helmy
einen Brief von der Gestapo.

00:22:09.920 --> 00:22:13.160
Sie sollte sich zur Deportation melden
und bat um seinen Rat.

00:22:13.320 --> 00:22:14.840
Helmy hatte keinen Zweifel.

00:22:15.000 --> 00:22:18.080
Er riet ihr, unbedingt unterzutauchen.

00:22:22.360 --> 00:22:26.480
Es war eine Entscheidung,
die großen Mut erforderte.

00:22:27.000 --> 00:22:30.440
Sobald man sich entschied,
in den Untergrund zu gehen,

00:22:30.600 --> 00:22:34.360
war man ein Flüchtiger.

00:22:34.520 --> 00:22:38.440
Man besaß keine Identität mehr,
keine Lebensmittelmarken.

00:22:38.880 --> 00:22:40.200
Man konnte nirgends hin.

00:22:40.360 --> 00:22:47.080
Cecilia Rudnik war eine ältere Dame,
die immer in Deutschland gelebt hatte.

00:22:47.240 --> 00:22:50.880
Und nun wurde sie plötzlich
von ihrer Heimat verraten,

00:22:51.080 --> 00:22:54.160
im Stich gelassen,
sodass sie sich verstecken musste.

00:22:54.320 --> 00:22:58.920
Sie hatte keine besonderen Fähigkeiten,

00:22:59.120 --> 00:23:02.080
die es ihr ermöglicht hätten,
im Untergrund zu überleben.

00:23:02.520 --> 00:23:08.920
Die Juden in Berlin
versteckten sich in Wohnungen

00:23:09.120 --> 00:23:11.000
und verließen sie nur ab und an.

00:23:11.160 --> 00:23:15.680
Aber jedes Verlassen des Verstecks
war mit einer riesigen Angst verbunden,

00:23:16.600 --> 00:23:20.040
da jeder, der sie sah, Verdacht schöpfen
und die Polizei rufen konnte.

00:23:41.120 --> 00:23:45.480
Helmy hatte eine Patientin
namens Frieda Szturmann.

00:23:45.640 --> 00:23:47.880
Er vertraute ihr,
obwohl sie keine Jüdin war.

00:23:48.080 --> 00:23:54.800
Er veranlasste, dass sich Annas Großmutter
bei Frieda Szturmann verstecken konnte,

00:23:55.000 --> 00:23:56.920
am Rande von Berlin.

00:23:57.120 --> 00:23:58.520
Es ging sehr schnell.

00:23:58.960 --> 00:24:02.600
Innerhalb von zwei Stunden
nach Helmys Ankunft in der Wohnung

00:24:02.760 --> 00:24:05.200
war Annas Großmutter untergetaucht.

00:24:06.640 --> 00:24:11.280
Nur wenige Tage später erhielt auch Anna
einen Brief von der Gestapo.

00:24:27.520 --> 00:24:33.360
Man muss auch
die emotionale Seite berücksichtigen.

00:24:34.680 --> 00:24:37.440
Man führt ein normales Leben.

00:24:39.280 --> 00:24:41.640
Und plötzlich, quasi über Nacht,

00:24:41.800 --> 00:24:44.920
ist man gezwungen, sein Leben aufzugeben,

00:24:45.120 --> 00:24:48.520
sich zu verstecken.

00:24:49.480 --> 00:24:53.720
Dauerhaft im Untergrund zu leben.

00:24:54.880 --> 00:24:59.160
In ständiger Angst, entdeckt zu werden,

00:25:00.400 --> 00:25:04.040
immer abhängig
von der Gunst anderer Leute.

00:25:04.200 --> 00:25:08.440
Man lebt Tag und Nacht in Angst,

00:25:08.600 --> 00:25:10.040
und dann findet man heraus,

00:25:10.200 --> 00:25:12.760
dass sie jeden ermorden,
den sie fortbringen.

00:25:12.920 --> 00:25:16.560
Man weiß also, was passiert,
wenn man entdeckt wird.

00:25:33.520 --> 00:25:35.640
Annas Mutter konnte nicht helfen.

00:25:35.800 --> 00:25:40.120
Sie wusste kein Versteck,
und sie hatte nicht die nötigen Kontakte.

00:25:41.120 --> 00:25:44.560
Ihr Stiefvater war
ebenfalls wenig hilfreich.

00:25:44.720 --> 00:25:47.000
Der Einzige,
an den sie sich wenden konnte,

00:25:47.160 --> 00:25:51.080
war Dr. Helmy, den sie kannte und mochte
und dem sie vertraute.

00:25:51.240 --> 00:25:56.840
Für ihn gab es nur eine Lösung:
Anna mit Hilfe eines Tricks zu verstecken.

00:25:57.040 --> 00:25:59.920
Und hierbei kam sein Genie
voll zur Geltung.

00:26:00.360 --> 00:26:02.640
Sein Plan war,
sie vor aller Augen zu verstecken,

00:26:02.800 --> 00:26:06.160
so zu tun, als gebe es kein Geheimnis,
als ginge nichts Verbotenes vor sich.

00:26:06.320 --> 00:26:11.440
Er wollte sie als Verwandte ausgeben,
als seine in Dresden lebende Nichte,

00:26:11.600 --> 00:26:14.560
als Muslimin und Araberin.

00:26:14.720 --> 00:26:17.440
Sie hatte schwarzes Haar,
was die Sache erleichterte.

00:26:17.600 --> 00:26:20.560
Er gab ihr einen Namen,
der für Deutsche leicht auszusprechen war,

00:26:20.720 --> 00:26:22.440
aber dennoch orientalisch klang:

00:26:22.600 --> 00:26:24.400
Er nannte sie Nadya.

00:26:28.520 --> 00:26:32.800
Von nun an gab sie sich als Nadya aus,

00:26:33.000 --> 00:26:37.040
grüßte mit "Heil Hitler"
und gab vor, Arabisch zu sprechen.

00:26:37.720 --> 00:26:40.720
Wer Juden versteckte,

00:26:42.160 --> 00:26:45.800
wusste, dass er sich in große Gefahr begab.

00:26:46.560 --> 00:26:49.200
Niemand wusste,
wie lange es dauern würde.

00:26:49.360 --> 00:26:51.920
Fünf oder sechs Jahre waren unvorstellbar.

00:26:52.120 --> 00:26:56.520
Manche Leute nahmen Juden
für ein oder zwei Monate auf.

00:26:57.160 --> 00:27:00.560
Das war eine enorme Belastung.

00:27:00.920 --> 00:27:04.200
Denn nicht nur die Personen,
die sie bei sich versteckten,

00:27:04.360 --> 00:27:09.120
sondern auch sie selbst lebten
in ständiger Angst vor Entdeckung.

00:27:09.280 --> 00:27:11.760
Sie hatten Angst vor jedem Nachbarn,

00:27:11.920 --> 00:27:14.080
vor jedem, den sie sahen,

00:27:14.240 --> 00:27:17.040
sogar vor ihrer eigenen Familie.

00:27:21.880 --> 00:27:23.680
Zusammen mit Helmys Verlobter Emmy

00:27:23.840 --> 00:27:27.880
spielten sie
die deutsch-muslimische Familie.

00:27:28.080 --> 00:27:30.920
Sie achteten darauf,
nicht den Eindruck zu erwecken,

00:27:31.120 --> 00:27:32.680
als hätten sie Geheimnisse.

00:27:32.840 --> 00:27:36.640
Die Situation der Juden in Deutschland
und insbesondere in Berlin

00:27:36.800 --> 00:27:39.400
wurde mit den Jahren immer schlimmer.

00:27:39.560 --> 00:27:41.880
Viele hatten finanzielle Probleme.

00:27:42.080 --> 00:27:43.880
Ihr Besitz war beschlagnahmt worden,

00:27:44.040 --> 00:27:48.440
sie durften nur zu bestimmten Zeiten
einkaufen gehen

00:27:48.640 --> 00:27:51.360
und mussten Zwangsarbeit verrichten.

00:27:51.520 --> 00:27:55.600
Zugleich wurden sie von den Deutschen
immer weniger als Menschen behandelt,

00:27:55.760 --> 00:27:59.000
denen gegenüber man irgendwelche
Verpflichtungen hatte.

00:27:59.160 --> 00:28:01.640
Mit Annas Mutter verhielt es sich anders.

00:28:01.800 --> 00:28:05.040
Sie war zwar Jüdin,
aber mit einem Nicht-Juden verheiratet.

00:28:05.200 --> 00:28:09.960
Das NS-Regime war in Bezug
auf Ehen dieser Art vorerst vorsichtig.

00:28:10.120 --> 00:28:14.080
Zunächst wagten sie sich nicht
an "Mischehen" heran,

00:28:14.240 --> 00:28:18.240
weil die Maßnahmen auch
den eigenen Schwager oder Neffen,

00:28:18.400 --> 00:28:20.360
die eigene Verwandtschaft betrafen.

00:28:20.920 --> 00:28:26.880
Darum war Annas Mutter
für eine Weile in Sicherheit.

00:28:27.080 --> 00:28:31.800
Ab September 1941 mussten Juden
den gelben Stern tragen.

00:28:31.960 --> 00:28:33.720
Es war eine furchtbare Demütigung.

00:28:33.880 --> 00:28:35.840
Bisher war es Juden möglich gewesen,

00:28:36.040 --> 00:28:40.280
in der Menge unterzutauchen,
zumindest unter Fremden.

00:28:40.440 --> 00:28:45.520
Doch nun mussten sie den gelben Stern
für alle sichtbar tragen.

00:28:50.520 --> 00:28:55.440
Nadya sah von ihrem Zimmer
im zweiten Stock regelmäßig,

00:28:55.600 --> 00:29:01.320
wie Leute um 6 Uhr früh von der Gestapo
aus dem Haus gezerrt wurden.

00:29:02.520 --> 00:29:07.640
Sie sah, wie Nachbarn und Freunde,
in Konzentrationslager verschleppt wurden.

00:29:07.800 --> 00:29:12.200
Die Familie Kornitzer,
die gleich neben Helmy wohnte,

00:29:12.360 --> 00:29:16.160
wurde direkt aus ihrer Wohnung
nach Auschwitz deportiert.

00:29:16.320 --> 00:29:20.000
Das Einzige, was Anna davor bewahrte,

00:29:20.160 --> 00:29:23.280
war die Tatsache,
dass sie sich als Muslimin ausgab.

00:29:24.600 --> 00:29:29.040
Auf diese Weise versteckte Helmy sie,
mit klugen Tricks und Lügen.

00:29:52.560 --> 00:29:56.320
Man kann jemanden jahrelang
in seinem Haus verstecken.

00:29:56.480 --> 00:29:58.920
Wenn man es ganz offen tut,

00:29:59.120 --> 00:30:04.400
muss man aber irgendwann
eine Erklärung anbieten.

00:30:04.560 --> 00:30:07.760
Wenn diese Erklärung
"Sie ist meine Nichte" lautet,

00:30:07.920 --> 00:30:09.760
wird man gefragt:

00:30:09.920 --> 00:30:12.240
"Warum bleibt sie so lange bei dir?"

00:30:12.400 --> 00:30:15.160
Die Freunde fangen an, Fragen zu stellen.

00:30:15.760 --> 00:30:20.280
Für jemanden wie Anna,
die ohne Ausweis in Berlin unterwegs war,

00:30:20.440 --> 00:30:23.240
waren Probleme vorprogrammiert.

00:30:23.400 --> 00:30:28.760
Sie war viel unterwegs,
was jedes Mal ein hohes Risiko darstellte.

00:30:28.920 --> 00:30:30.680
Wenn man als Jude hinausging,

00:30:30.840 --> 00:30:33.400
wusste man nie,
ob man zurückkehren würde.

00:30:33.600 --> 00:30:37.200
Man dachte immer:
"Hoffentlich werde ich nicht erwischt.

00:30:37.360 --> 00:30:38.920
Hoffentlich passiert nichts."

00:30:45.680 --> 00:30:48.360
Hinter mir stand
das ehemalige Gestapo-Hauptquartier.

00:30:48.520 --> 00:30:52.000
Hier wurden politische Gegner
inhaftiert und gefoltert,

00:30:52.160 --> 00:30:53.840
Leute, die Juden halfen.

00:30:54.040 --> 00:30:56.560
Man sperrte sie in Zellen
und dämpfte ihre Schreie,

00:30:56.720 --> 00:30:59.120
damit sie draußen auf der Straße
niemand hörte.

00:30:59.360 --> 00:31:01.920
Dies war das Zentrum des Terror-Regimes.

00:31:02.720 --> 00:31:05.120
Das SS-Hauptquartier war nebenan.

00:31:05.280 --> 00:31:08.440
Und nur ein paar Häuserblocks weiter,
in der Wilhelmstraße,

00:31:08.600 --> 00:31:10.400
waren die Amtsräume Hitlers.

00:31:10.560 --> 00:31:13.160
Diese Straßen wimmelten von Uniformierten.

00:31:13.440 --> 00:31:14.720
Dies waren die Leute,

00:31:14.880 --> 00:31:17.520
die Anna und Dr. Helmy
tagtäglich fürchten mussten.

00:31:17.680 --> 00:31:20.840
Sie mussten jeden Tag durch Berlin fahren.

00:31:21.000 --> 00:31:25.680
Sie verließen jeden Tag ihre Wohnung
in der Krefelder Straße in Moabit

00:31:25.840 --> 00:31:28.200
und fuhren mit dem Auto
nach Charlottenburg.

00:31:28.480 --> 00:31:33.480
Unterwegs wurden sie häufig angehalten
und nach ihren Papieren gefragt.

00:31:33.640 --> 00:31:37.840
Helmy sah für Deutsche sehr fremd aus,
sehr arabisch.

00:31:38.040 --> 00:31:41.120
Wenn er nach seinem Ausweis gefragt wurde,

00:31:41.280 --> 00:31:45.400
zeigte er ihn auf stolze
und womöglich arrogante Art vor.

00:31:45.560 --> 00:31:47.720
"Ich bin ein Freund des Außenministers.

00:31:47.880 --> 00:31:50.840
Sie erkennen mich nicht?
Sie halten mich schon wieder an?"

00:31:51.040 --> 00:31:54.400
Anna saß neben ihm und versuchte,
keine Aufmerksamkeit zu erregen.

00:31:54.560 --> 00:31:57.520
Helmy hatte einen
gefälschten Ausweis für sie.

00:32:18.320 --> 00:32:22.200
Eines Tages wurden die beiden
ins SS-Hauptquartier zitiert.

00:32:22.360 --> 00:32:23.880
Helmy sagte man lediglich,

00:32:24.080 --> 00:32:28.040
er solle seine Arzttasche und
seine muslimische Assistentin mitbringen.

00:32:28.200 --> 00:32:32.480
Sie wussten nicht, was sie erwartete.
Sie müssen furchtbare Angst gehabt haben.

00:32:32.640 --> 00:32:34.800
Dorthin wollte man als Letztes gehen,

00:32:35.000 --> 00:32:38.560
wenn man sich als Jüdin versteckte
oder wenn man eine Jüdin versteckte.

00:32:38.720 --> 00:32:39.880
Sie fuhren hin,

00:32:40.760 --> 00:32:45.280
vorbei an den Reihen
uniformierter, bewaffneter Männer.

00:32:45.440 --> 00:32:49.520
Sie hatten sicher furchtbare Angst,
mussten aber den Schein wahren

00:32:49.680 --> 00:32:52.120
und sich als stolze Anhänger
des Regimes ausgeben,

00:32:52.280 --> 00:32:54.320
die der SS gerne halfen.

00:32:54.480 --> 00:32:56.520
Als sie das Gebäude betraten,

00:32:56.680 --> 00:32:59.600
trafen sie Leute an,
die sich auf Arabisch unterhielten,

00:32:59.760 --> 00:33:01.400
im Hauptquartier der SS.

00:33:03.240 --> 00:33:06.920
Sie sahen einen klein gewachsenen Mann
mit einem weißen Bart und einem Fez,

00:33:07.120 --> 00:33:10.520
der sich mit mehreren Dutzend Begleitern
auf Arabisch unterhielt.

00:33:13.280 --> 00:33:19.720
Hitler hatte den Großmufti von Jerusalem
nach Berlin eingeladen.

00:33:19.880 --> 00:33:22.560
Er war ein extremer Antisemit,

00:33:22.720 --> 00:33:26.960
der in der arabischen Welt
für die NS-Ideologie geworben hat.

00:33:27.120 --> 00:33:31.320
Im Gegenzug wurde er
vom NS-Regime bevorzugt behandelt.

00:33:31.480 --> 00:33:35.800
Dazu gehörte unter anderem
eine medizinische Behandlung

00:33:36.000 --> 00:33:38.840
durch einen in Berlin tätigen
arabischen Arzt

00:33:39.040 --> 00:33:41.680
und seine junge arabische Assistentin.

00:33:41.840 --> 00:33:45.120
Für Helmy und Anna
war die Begegnung mit dem Großmufti

00:33:45.280 --> 00:33:48.160
extrem schwierig und hochgradig gefährlich.

00:33:48.320 --> 00:33:51.680
Es muss sehr schwer gewesen sein,
den Schein zu wahren,

00:33:51.840 --> 00:33:54.720
das Rollenspiel aufrechtzuerhalten

00:33:54.880 --> 00:33:58.320
und sich vor dieser arabischen Gruppe
beide als Araber auszugeben.

00:33:58.480 --> 00:34:02.240
Hätte jemand Anna
auf Arabisch angesprochen,

00:34:02.400 --> 00:34:05.600
dann hätte sie sich ein paar
schlaue Tricks einfallen lassen müssen,

00:34:05.760 --> 00:34:09.440
um zu überspielen,
dass sie die Sprache nicht beherrschte.

00:34:11.600 --> 00:34:13.840
Sie behandelten den Mufti und sein Gefolge,

00:34:14.040 --> 00:34:18.480
und zum Glück konnten sie
das SS-Hauptquartier

00:34:18.640 --> 00:34:22.280
auf freiem Fuß
und mit intakter Tarnung verlassen.

00:34:44.600 --> 00:34:47.640
Helmy musste seinen geheimen Plan

00:34:47.800 --> 00:34:49.640
mit einem Freund namens Galal teilen.

00:34:49.800 --> 00:34:52.600
Er war ebenfalls Ägypter
und arbeitete als Journalist.

00:34:52.760 --> 00:34:55.240
Er war für das Propagandaministerium tätig.

00:34:55.400 --> 00:34:58.040
Als der Mufti 1941 nach Berlin kam,

00:34:58.200 --> 00:35:03.120
baten die Nazis Galal,
als dessen rechte Hand zu fungieren.

00:35:03.320 --> 00:35:06.120
Helmy kannte Galal gut und vertraute ihm.

00:35:06.280 --> 00:35:08.760
Sie präparierten ein Dokument,

00:35:08.920 --> 00:35:12.680
das Galal dem Mufti
heimlich entwendet hatte.

00:35:12.840 --> 00:35:14.680
Es trug den Briefkopf des Mufti

00:35:14.840 --> 00:35:18.600
und bestätigte mit Galas Unterschrift,

00:35:18.760 --> 00:35:21.600
dass Nadya Muslimin geworden war.

00:35:22.560 --> 00:35:25.480
Nadya, die bis dahin eine Erfindung
von Helmy gewesen war,

00:35:25.640 --> 00:35:29.240
existierte nun also erstmals auf dem Papier.

00:35:29.400 --> 00:35:32.120
Sie wurde nach und nach real.

00:35:41.880 --> 00:35:44.040
In schwierigen Zeiten

00:35:44.200 --> 00:35:46.920
tun Menschen wie Anna und ich,

00:35:47.120 --> 00:35:49.520
oder wer auch immer,

00:35:49.720 --> 00:35:53.880
alles für ihre Rettung.

00:35:54.080 --> 00:35:57.440
Sie konvertieren,

00:35:57.600 --> 00:35:59.600
sie stehlen vielleicht sogar.

00:35:59.760 --> 00:36:01.560
Sie tun Dinge,

00:36:01.720 --> 00:36:05.960
die sie unter normalen Umständen
niemals täten.

00:36:06.520 --> 00:36:12.280
Viele Leute konvertierten,
doch die Nazis sagten:

00:36:12.440 --> 00:36:13.680
"Für uns seid ihr Juden.

00:36:13.840 --> 00:36:16.720
Ihr seid als Juden geboren,
und ihr seid auch jetzt Juden.

00:36:16.880 --> 00:36:19.760
Und ihr müsst als Juden leben."

00:36:19.920 --> 00:36:22.200
Und dann schickten sie uns nach Auschwitz.

00:36:22.360 --> 00:36:24.080
Der zweite Schritt bestand darin,

00:36:24.240 --> 00:36:27.360
Anna mit einem muslimischen Freund
von Helmy zu verheiraten.

00:36:27.520 --> 00:36:30.960
Mit der Eheschließung
erhielten Frauen damals automatisch

00:36:31.120 --> 00:36:33.160
den Pass ihres Ehemanns.

00:36:33.320 --> 00:36:37.440
Mit einem ägyptischen Pass
konnte Anna in den Nahen Osten reisen,

00:36:37.600 --> 00:36:40.440
zum Beispiel über Ägypten nach Palästina.

00:36:40.600 --> 00:36:44.680
Helmy schlüpfte in die Rolle eines Qadis,
der die Urkunde ausstellte.

00:36:44.840 --> 00:36:47.320
Er schrieb sie
nach offizieller Art auf Arabisch.

00:36:47.480 --> 00:36:52.240
Es sollte wie eine formelle Eheschließung
nach dem Gesetz der Scharia aussehen.

00:36:53.560 --> 00:36:57.240
Helmy und Anna hofften,

00:36:57.400 --> 00:37:01.000
dass die deutschen Behörden
die Heirat akzeptieren würden.

00:37:01.160 --> 00:37:02.640
Bis sie einen Brief bekamen.

00:37:15.440 --> 00:37:20.000
Es war ein Zeichen für Anna und Helmy,
dass man Verdacht geschöpft hatte

00:37:20.160 --> 00:37:23.040
und dass ihr Plan Gefahr lief,
entlarvt zu werden.

00:37:35.680 --> 00:37:40.360
Als Berlin bombardiert wurde,
hielten wir uns jedes Mal woanders auf

00:37:40.520 --> 00:37:46.120
und musste in irgendwelchen
Gebäuden Schutz suchen.

00:37:46.280 --> 00:37:49.560
Die Leute hatten Angst,
und am Ende war es so,

00:37:49.720 --> 00:37:54.640
dass man permanent auf dem Weg
in einen Schutzraum war,

00:37:54.800 --> 00:37:58.400
weil die Luftangriffe
nicht mehr aufhörten.

00:37:58.560 --> 00:38:03.160
Es waren sehr schwere Angriffe,
bei denen es viele Tote gab.

00:38:03.320 --> 00:38:05.280
Überall brannte es.

00:38:26.320 --> 00:38:29.360
Anna musste
in einer Gartenlaube schlafen.

00:38:29.520 --> 00:38:33.480
Sie hatte Frostbeulen an den Beinen.

00:38:33.640 --> 00:38:37.720
Im Winter 1944 erkrankte sie ernstlich.

00:38:37.880 --> 00:38:43.040
Sie fuhren jeden Morgen mit dem Auto
aus dem Berliner Vorort Buch

00:38:43.200 --> 00:38:45.440
in die Arztpraxis von Dr. Helmy

00:38:45.600 --> 00:38:47.760
und dann nachmittags wieder zurück.

00:38:55.640 --> 00:39:00.360
Anna wusste, dass ihre Mutter
nicht sonderlich zurückhaltend war.

00:39:01.440 --> 00:39:02.480
Sie merkte,

00:39:02.640 --> 00:39:07.240
dass ihre Mutter anderen bei der Arbeit
Teile der Geschichte erzählte.

00:39:07.400 --> 00:39:09.080
Bei der Zwangsarbeit.

00:39:09.240 --> 00:39:12.000
Gegen Ende des Krieges
fand die Gestapo heraus,

00:39:12.200 --> 00:39:15.680
dass Anna sich als Muslimin tarnte.

00:39:15.840 --> 00:39:20.920
Als Dr. Helmy erkannte, was passiert war,
schmiedete er einen Notfallplan.

00:39:42.840 --> 00:39:46.200
Der Notfallplan war ein neuer Trick,
eine neue Lüge,

00:39:46.440 --> 00:39:48.400
die die alten Lügen verdecken sollte.

00:39:48.560 --> 00:39:51.560
Er diktierte Anna einen Brief,

00:39:51.720 --> 00:39:55.600
und mit diesem Schreiben ging er zur Gestapo.

00:39:55.760 --> 00:39:58.360
Er zeigte den Brief vor und sagte:

00:39:58.520 --> 00:40:00.800
"Diese Jüdin hat mich
jahrelang hintergangen.

00:40:01.000 --> 00:40:04.760
Ich hielt sie für meine Nichte,
aber in Wahrheit ist sie eine Jüdin.

00:40:04.920 --> 00:40:07.800
Hier in diesem Brief sagt sie,
dass sie nach Dessau gefahren sei.

00:40:08.000 --> 00:40:09.720
Sie sollten sie verfolgen. Suchen Sie sie."

00:40:16.040 --> 00:40:18.480
Einige Rettungsversuche schlugen fehl.

00:40:18.640 --> 00:40:19.760
Es gab Fälle,

00:40:19.920 --> 00:40:24.920
in denen sowohl die Retter als auch
die Personen in Not ermordet wurden.

00:40:25.160 --> 00:40:27.840
Letztlich zählt aber nicht der Erfolg,

00:40:28.040 --> 00:40:31.040
sondern der Wille, die Handlung an sich.

00:40:31.280 --> 00:40:34.240
Der Mann hat Großes vollbracht,
um sie zu retten.

00:40:34.400 --> 00:40:36.800
Er war stark.

00:40:37.600 --> 00:40:41.440
Er zeigte ihnen,
dass er keine Angst hatte,

00:40:41.600 --> 00:40:43.080
dass er einer von ihnen war.

00:40:43.600 --> 00:40:46.920
Er hatte zwar eine andere Hautfarbe,
aber er war einer von ihnen.

00:40:47.120 --> 00:40:51.360
Das beeindruckte sie, zweifellos.

00:40:55.680 --> 00:41:00.280
Die Leute fragen oft,
was "Gerechte unter den Völkern" ausmacht.

00:41:00.440 --> 00:41:04.720
Ich habe allerdings den Eindruck,

00:41:04.880 --> 00:41:07.640
dass sie nichts
miteinander gemeinsam haben.

00:41:07.880 --> 00:41:10.040
Sie kamen aus allen sozialen Schichten.

00:41:10.200 --> 00:41:14.800
Einige Retter waren Adelige,
andere waren Prostituierte.

00:41:15.000 --> 00:41:16.760
Sie hatten nur eins gemeinsam:

00:41:17.000 --> 00:41:21.040
dass sie sich irgendwann entschlossen,
gegen das vorzugehen,

00:41:21.200 --> 00:41:25.320
was die Gesellschaft um sie herum tat.

00:41:28.240 --> 00:41:30.720
Jeder Mensch hat die Wahl.

00:41:30.880 --> 00:41:34.040
Wenn man ein Unrecht sieht,
wie reagiert man, was tut man?

00:41:34.200 --> 00:41:36.480
Möchte man etwas tun?

00:41:36.640 --> 00:41:39.080
"Gerechte unter den Völkern"
sind einzigartig,

00:41:39.240 --> 00:41:42.240
weil sie bereit sind,
den Preis für ihr Handeln zu bezahlen.

00:41:44.520 --> 00:41:49.680
Die Gestapo war in den letzten Wochen
des Krieges anderweitig beschäftigt.

00:41:49.840 --> 00:41:54.560
Die Rote Armee rückte näher,
Osteuropa wurde Stück um Stück befreit.

00:41:54.720 --> 00:41:56.840
Berlin stand jede Nacht in Flammen.

00:41:57.040 --> 00:41:59.520
Sie hatten einfach
nicht mehr die Ressourcen,

00:41:59.680 --> 00:42:01.760
um ernsthaft nach Anna zu suchen.

00:42:02.440 --> 00:42:07.160
Zudem hatte Helmy die Spur
geschickt nach Ostdeutschland gelenkt,

00:42:07.320 --> 00:42:10.880
wo die Russen noch näher waren.

00:42:11.080 --> 00:42:15.320
In den letzten Kriegswochen versteckte er
Anna an verschiedenen Orten.

00:42:15.480 --> 00:42:17.640
Er bat frühere Patienten um Hilfe

00:42:17.800 --> 00:42:21.920
und nutzte alte Kontakte, um sie
für ein oder zwei Wochen unterzubringen.

00:42:22.760 --> 00:42:29.480
Als er sicher war, dass die Gestapo
kein Interesse mehr an dem Fall hatte,

00:42:29.640 --> 00:42:31.200
holte er sie wieder zu sich.

00:42:31.360 --> 00:42:37.360
Am 21. April befreiten die Russen
den Berliner Stadtteil Buch.

00:42:38.200 --> 00:42:41.080
An dem Tag konnte Anna
wieder stolz und offen sagen,

00:42:41.240 --> 00:42:43.400
dass sie keine Araberin war,

00:42:43.560 --> 00:42:47.040
sondern eine Jüdin, die sich
die ganze Zeit über versteckt hatte.

00:42:47.200 --> 00:42:50.200
Und dass sie von Dr. Helmy
gerettet worden war.

00:42:51.880 --> 00:42:54.560
NACH DEM KRIEG
WANDERTE ANNA NACH NEW YORK AUS

00:42:54.720 --> 00:42:56.400
UND GRÜNDETE EINE FAMILIE

00:42:56.560 --> 00:42:58.160
SIE STARB 1986

00:43:08.040 --> 00:43:11.680
MOHAMED HELMY
HEIRATETE SEINE VERLOBTE EMMY

00:43:11.840 --> 00:43:15.800
SIE LEBTEN BIS ZU SEINEM TOD
IM JAHR 1982 IN BERLIN

00:43:25.560 --> 00:43:32.800
MOHAMED UND ANNA BLIEBEN ZEIT IHRES
LEBENS IN ENGER FREUNDSCHAFT VERBUNDEN

00:45:18.400 --> 00:45:20.560
Untertitel:
www.subtext-berlin.com