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1
00:00:05.809 --> 00:00:10.460
Guten Tag, ich möchte mich kurz
vorstellen. Ich bin die Kreuzung Elsen

2
00:00:10.560 --> 00:00:15.679
Straße, Ecke Heidelberger Straße.
Ich liege heute genau auf der Grenze

3
00:00:15.779 --> 00:00:19.739
zwischen dem Bezirk Treptow-Köpenick
im Osten und dem Bezirk Neukölln im Westen.

4
00:00:20.659 --> 00:00:26.690
Früher verlief hier die Berliner
Mauer. Und in dem rechten Eckhaus, wo jetzt

5
00:00:26.790 --> 00:00:31.289
der Trödelladen ist, war früher
eine typische Berliner Eckkneipe. Mich,

6
00:00:31.389 --> 00:00:36.440
die Kreuzung, gibt es schon seit
1904. Doch damals lag ich noch weit

7
00:00:36.540 --> 00:00:44.349
vor der Stadtgrenze Berlins. Erst
1920 wurde ich eine Berliner Kreuzung. Am 13.

8
00:00:44.470 --> 00:00:50.430
August 1961 war hier richtig was los.
Die Machthaber in der DDR fingen an,

9
00:00:50.529 --> 00:00:54.750
Westberlin, also den Teil der Stadt,
der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs

10
00:00:54.849 --> 00:01:00.300
im Mai 1945 von den Westalliierten,
den US-Amerikanern, den Briten

11
00:01:00.400 --> 00:01:05.050
und den Franzosen besetzt war,
vom Ostteil, der sowjetisch besetzt war,

12
00:01:05.169 --> 00:01:09.090
abzuriegeln. Bis zu diesem Tag konnte
man sich zwischen beiden Stadthälften noch

13
00:01:09.190 --> 00:01:15.220
relativ frei hin und her bewegen.
Knapp zwei Monate vorher, am 15. Juni 1961,

14
00:01:15.339 --> 00:01:21.910
hatte Partei- und Staatschef Walter
Ulbricht vollmundig erklärt: "Niemand hat

15
00:01:22.010 --> 00:01:29.760
-die Absicht eine Mauer zu errichten."
-Doch er hatte anderes im Sinn und den

16
00:01:29.860 --> 00:01:33.459
sowjetischen Parteichef Nikita
Chruschtschow schließlich davon überzeugt,

17
00:01:33.580 --> 00:01:37.779
dass es eine militärisch gesicherte
Grenze zwischen Ost und Westberlin geben müsse.

18
00:01:38.319 --> 00:01:42.540
Denn immer mehr Menschen flüchteten
in den Westen der DDR, liefen damit gut

19
00:01:42.639 --> 00:01:45.900
ausgebildete Arbeitskräfte
in Scharen davon. Sie stand kurz

20
00:01:46.000 --> 00:01:50.340
vor dem Zusammenbruch. Da die Sowjetunion
die DDR nicht verlieren wollte,

21
00:01:50.440 --> 00:01:55.080
-stimmte sie der Abriegelungsaktion zu.
-Für mich, so wie die West und die

22
00:01:55.180 --> 00:01:59.709
Ostberliner Bevölkerung, änderte
sich am 13. August schlagartig alles.

23
00:02:00.129 --> 00:02:04.239
Zunächst wurde ein provisorischer Zaun
aus Maschendraht und Stacheldraht aufgebaut.

24
00:02:04.660 --> 00:02:09.039
Die Baubrigaden wurden dabei von der Volkspolizei
den "Vopos" beaufsichtigt.

25
00:02:09.399 --> 00:02:13.019
Die Stasi nahm die Bevölkerung in den Blick.
Im Hintergrund hielten sich

26
00:02:13.119 --> 00:02:16.539
die Nationale Volksarmee und sowjetische
Armeeeinheiten bereit.

27
00:02:17.649 --> 00:02:22.029
Westberliner Jugendliche schauten zu.
Hier passte die Westberliner Polizei auf,

28
00:02:22.210 --> 00:02:25.949
dass es nicht zu Ausschreitungen
gegen Vopos und Baubrigaden kam. Aber

29
00:02:26.050 --> 00:02:29.459
auch die Westalliierten griffen
nicht ein. Denn niemand hatte Interesse

30
00:02:29.559 --> 00:02:35.459
-an einer militärischen Eskalation.
-Die SED-Führung konnte so ungehindert

31
00:02:35.559 --> 00:02:39.389
Stärke demonstrieren und ließ die anfänglich
noch provisorischen Sperren

32
00:02:39.490 --> 00:02:43.829
bald ausbauen. Nun wurde mit Hohlblocksteinen
eine Mauer errichtet

33
00:02:43.929 --> 00:02:48.360
und es wurden Betonsperren auf dem Boden
aufgeschichtet, natürlich wieder

34
00:02:48.460 --> 00:02:52.229
unter den wachsamen Augen der Volkspolizei.
Und auch die Westberliner

35
00:02:52.330 --> 00:02:56.849
Polizei sowie die Kräfte der Alliierten
beobachteten die Vorgänge an der Berliner

36
00:02:56.949 --> 00:03:02.909
Mauer ganz genau. Die Enge an der Kreuzung
und der ungewöhnliche Mauerverlauf waren

37
00:03:03.009 --> 00:03:07.529
eine Einladung an alle, die im Osten
mit Fluchtgedanken spielten und für Leute

38
00:03:07.630 --> 00:03:12.629
aus dem Westen, die den Fluchtwilligen
helfen wollten. So dauerte es nicht lange,

39
00:03:12.729 --> 00:03:16.529
bis es zur ersten Fluchtversuchen
kam, von denen einige glückten und andere

40
00:03:16.630 --> 00:03:20.220
scheiterten. Was teilweise lange
Haftstrafen und, im schlimmsten Fall,

41
00:03:20.320 --> 00:03:24.839
-auch den Tod von Menschen bedeuten konnte.
-Der erste Tunnel, der unter mir hindurch

42
00:03:24.940 --> 00:03:31.049
gegraben wurde, entstand ab dem 6. Juni
1962. Es war eine Gruppe von Fluchthelfern

43
00:03:31.149 --> 00:03:35.220
um den Radsportler Harry Seidel und den Fleischer
Fritz Wagner, die im Keller

44
00:03:35.320 --> 00:03:38.909
der Eckkneipe Heidelberger Krug
auf Neuköllner Seite in der Heidelberger

45
00:03:39.009 --> 00:03:44.819
Straße 28 loslegte. Dafür
zahlten sie dem Kneipenwirt 4 000 D-Mark.

46
00:03:44.919 --> 00:03:50.259
Am Pfingstsamstag gelang ihnen gegen 16
Uhr der Durchbruch. Zwei Fluchthelfer

47
00:03:50.470 --> 00:03:54.750
kamen auf Ostberliner Gebiet unterhalb
des Fotoladen Boss in der Heidelberger Straße

48
00:03:54.850 --> 00:03:59.639
Nr. 81 A heraus. Das Geschäft war
am Wochenende geschlossen und so konnte

49
00:03:59.740 --> 00:04:03.569
die Fluchtaktion durch Keller und Tunnel
beginnen. Obwohl sie ein Spitzel

50
00:04:03.669 --> 00:04:06.629
der Staatssicherheit bei ihren
Vorbereitungen beobachtete, gelang

51
00:04:06.729 --> 00:04:12.119
es der Gruppe an diesem Pfingstwochenende
mindestens 18, maximal 55 Flüchtlinge

52
00:04:12.220 --> 00:04:16.290
in den Westen zu bringen. Der Durchbruch
im Keller wurde auf der Ostseite erst

53
00:04:16.390 --> 00:04:23.699
-am Dienstag nach Pfingsten entdeckt.
-1962 wurde noch ein zweiter Tunnel vom

54
00:04:23.799 --> 00:04:28.600
Heidelberger Krug aus gegraben. Ab
dem 10. September begannen Harry Seidel,

55
00:04:28.809 --> 00:04:33.720
Fritz Wagner und ihre Gruppe die Arbeiten
am neuen Tunnel und der Kneipenwirt bekam

56
00:04:33.820 --> 00:04:39.369
dieses Mal 3000 D-Mark. 20 Meter
konnten vom alten Pfingsttunnel genutzt werden.

57
00:04:39.640 --> 00:04:45.149
Vom Keller der Kneipe bis zur Mauer. Ab
da musste neu gebaut werden. Zunächst sollte

58
00:04:45.250 --> 00:04:49.390
der Tunnel in den Keller der Fleischerei
Vollmer in der Elsenstraße 40 führen.

59
00:04:51.600 --> 00:04:55.260
Doch der Fleischer, brachte die Gruppe
in Erfahrung, wollte nicht flüchten.

60
00:04:55.920 --> 00:04:59.570
Anders das Schneider-Ehepaar
Castillon, das deshalb seinen Keller

61
00:04:59.670 --> 00:05:03.709
auf der gegenüberliegenden
Straßenseite bereitstellte, weshalb der Tunnel anders

62
00:05:03.809 --> 00:05:08.239
verlaufen musste. Am 5. Oktober
erfuhr der Westberliner Stasi-Spitzel

63
00:05:08.339 --> 00:05:13.519
mit dem Decknamen Hardy, den die Stasi
als bezahlten Agenten in die Fluchthelferszene

64
00:05:13.619 --> 00:05:18.139
eingeschleust hatte, dass der Tunnel
am Tag darauf fertig sein sollte. Noch

65
00:05:18.239 --> 00:05:22.880
in der Nacht suchte Spitzel Hardy
seinen Stasi-Führungsoffizier auf, um ihn

66
00:05:22.980 --> 00:05:27.410
zu informieren. Um vier Uhr früh
durchbrach Harry Seidel die Grundmauer.

67
00:05:27.510 --> 00:05:31.399
Mindestens drei weitere
Fluchthelfer waren dabei, zwei zur Absicherung

68
00:05:31.500 --> 00:05:35.989
mit Maschinenpistolen bewaffnet.
Gegen 5 Uhr gelangten sie in den Keller

69
00:05:36.089 --> 00:05:40.820
der Castillons. Das Schneider-Ehepaar
flüchtete noch in Schlafanzügen durch

70
00:05:40.920 --> 00:05:46.339
den Tunnel. Gegen 6 Uhr wurden die vier
durch zwei weitere Fluchthelfer abgelöst,

71
00:05:46.440 --> 00:05:51.649
die die MPs übernahmen. Doch kurz
vor 7 Uhr flog die Aktion auf. Statt

72
00:05:51.750 --> 00:05:55.829
der erwarteten Flüchtlinge
standen vier Stasi-Mitarbeiter vor der Tür.

73
00:05:56.160 --> 00:06:00.799
Maschinenpistolen im Anschlag. Einer der Fluchthelfer
konnte sich unverletzt

74
00:06:00.899 --> 00:06:04.940
nach West-Berlin retten und dort
die Polizei informieren. Der zweite wurde

75
00:06:05.040 --> 00:06:11.419
angeschossen und von der Stasi
verhaftet. Am 9. Oktober 1962 wurde der Tunnel

76
00:06:11.519 --> 00:06:15.769
-zugeschüttet.
-Durch die Tunnelfluchten wurde ich als

77
00:06:15.869 --> 00:06:19.579
kleine Kreuzung richtig
bekannt. Die Westberliner Presse berichtete

78
00:06:19.679 --> 00:06:30.649
in dramatischen Aufmachung von den Vorfällen.
Und auch das SED-Organ Neues

79
00:06:30.750 --> 00:06:36.600
Deutschland hat über mich
geschrieben. Auf Westberliner Seite wurden Schilder

80
00:06:36.700 --> 00:06:45.910
mit Parolen für die Ostberliner
Bevölkerung aufgestellt. Damit die Parolen

81
00:06:46.010 --> 00:06:51.100
nicht gelesen werden konnten,
stellte die Ostseite Sichtblenden auf. Bei mir

82
00:06:51.200 --> 00:06:55.100
an der Kreuzung entwickelte sich
auf der Westseite eine gewisse Normalität.

83
00:06:55.489 --> 00:06:59.290
Die Neuköllner arrangierten sich
mit der zugemauert Straße, die nur schmale

84
00:06:59.390 --> 00:07:09.720
Durchgänge nach links und nach rechts
an der Eckkneipe vorbei ermöglichte. Aber

85
00:07:09.820 --> 00:07:13.350
es dauerte nicht lange, bis eine spektakuläre
Flucht in den Westteil

86
00:07:13.450 --> 00:07:17.579
für neue Schlagzeilen sorgte.
Dazu findet sich folgendes In den Akten

87
00:07:17.679 --> 00:07:25.470
-der Westberliner Polizei.
-Am 17. 4. 1963 gegen 19.45 Uhr versuchte

88
00:07:25.570 --> 00:07:28.889
der 19-jährige Angestellte
Wolfgang Engels, Autoschlosser

89
00:07:28.989 --> 00:07:32.669
einer Kraftfahreinheit der sogenannten
Volksarmee mit einem leichten

90
00:07:32.769 --> 00:07:36.989
Schützenpanzerwagen, die Mauer an der Sektorgrenze
Elsen-, Ecke Heidelberger

91
00:07:37.089 --> 00:07:42.329
Straße zu durchbrechen, indem er frontal
mit Vollgas auf die Mauer zufuhr. Das KFZ

92
00:07:42.429 --> 00:07:47.070
rammte dabei zunächst eine der Mauer
vorgelagerte Betonsperre, verlor an Fahrt

93
00:07:47.170 --> 00:07:51.000
und blieb unmittelbar in der Mauer,
nachdem in diese ein Loch von circa 5

94
00:07:51.100 --> 00:07:56.290
Quadratmetern gerissen worden war,
auf sowjetisch-sektoralem Gebiet stecken.

95
00:07:56.390 --> 00:08:01.350
Die DDR-Grenzer eröffneten das Feuer.
Von mehreren Schüssen getroffen, gelang

96
00:08:01.450 --> 00:08:05.130
es Wolfgang Engels mit letzter
Kraft, unter Feuerschutz eines Westberliner

97
00:08:05.230 --> 00:08:10.229
Polizisten von der Motorhaube aus über
die Mauer zu klettern. Schwer verletzt wurde

98
00:08:10.329 --> 00:08:13.119
er auf der Westberliner
Seite geborgen und überlebte.

99
00:08:14.730 --> 00:08:18.799
Der Schützenpanzerwagen wurde noch
um 20.30 Uhr von der DDR-Grenzpolizei

100
00:08:18.899 --> 00:08:22.699
aus der Mauer entfernt. Mit einem
Wasserwerfer, hier im Bild, gingen

101
00:08:22.799 --> 00:08:26.329
die DDR-Grenzer laut
Westberliner Polizeiakten gegen die Journalisten

102
00:08:26.429 --> 00:08:31.079
und Fotografen auf der Westseite
vor. Selbst am Tag danach, als die Lücke

103
00:08:31.179 --> 00:08:49.990
in der Mauer wieder zugemauert
wurde. In den 1960er Jahren wurde die Mauer

104
00:08:50.090 --> 00:08:55.360
verstärkt. Seit Ende Mai 1963 zog sich
ein zweieinhalb Meter tiefer Graben durch

105
00:08:55.460 --> 00:08:59.619
die Heidelberger Straße. Jeder
Fluchttunnel musste zwangsläufig darin

106
00:08:59.719 --> 00:09:04.340
enden. Ihn zu untergraben, war wegen des
hohen Grundwasserspiegels nicht möglich.

107
00:09:04.789 --> 00:09:08.530
Der sogenannte "Auffanggraben"
bestand bis zum Mauerfall und wurde ständig

108
00:09:08.630 --> 00:09:13.400
kontrolliert. Lange Zeit existierten
verschiedene Sperrmaßnahmen nebeneinander.

109
00:09:14.179 --> 00:09:19.180
Erst seit Mitte der 1960er Jahre
erfolgte der Ausbau der Sperranlagen nicht mehr

110
00:09:19.280 --> 00:09:22.609
behelfsmäßig, sondern nach einheitlichen
militärischen Plänen.

111
00:09:24.429 --> 00:09:28.419
Weil auch die Bäume, die an der Kreuzung
und entlang der Straße standen,

112
00:09:28.539 --> 00:09:32.430
für die Flucht von Ost nach West
hätten genutzt werden können, entschloss sich

113
00:09:32.530 --> 00:09:39.910
die DDR 1978 zu einer Baumfällaktion.
Die Bäume standen zwar auf westlicher Seite

114
00:09:40.010 --> 00:09:43.429
direkt an der Mauer, aber der schmale
Streifen, auf dem sie standen,

115
00:09:43.640 --> 00:09:50.860
gehörte noch zu Ostberlin.
Die Anwohnerinnen und Anwohner

116
00:09:50.960 --> 00:09:55.030
der Heidelberger Straße mussten
tatenlos zusehen, wie sämtliche Bäume

117
00:09:55.130 --> 00:09:59.380
in der Heidelberger Straße
entlang der Mauer gefällt und mit Kränen

118
00:09:59.479 --> 00:10:06.340
auf die Ostberliner Seite gezogen
wurden. Für die Aktion wurde sogar ein Durchlass

119
00:10:06.440 --> 00:10:10.300
in der Mauer geöffnet, um notwendige
Gerätschaften auf die Westseite

120
00:10:10.400 --> 00:10:16.600
zu schaffen. Er wurde nach Abschluss
dieser Fällarbeiten sofort wieder

121
00:10:16.700 --> 00:10:22.590
-verschlossen.
-Ich wurde aber weiterhin umgebaut und die

122
00:10:22.690 --> 00:10:27.450
Grenzsicherung immer weiter
perfektioniert. Ab Ende der 1960er Jahre

123
00:10:27.549 --> 00:10:31.770
konnte von einer Normierung der Grenzanlagen
gesprochen werden. Seit Mitte

124
00:10:31.869 --> 00:10:37.140
der 1970er Jahre wurde die Mauer
der vierten Generation errichtet. Mitte

125
00:10:37.239 --> 00:10:41.520
der 1980er Jahre wurden schließlich
noch einige Wohnhäuser auf meiner Treptower

126
00:10:41.619 --> 00:10:45.429
Seite abgerissen, wodurch der Grenzstreifen
deutlich verbreitert wurde.

127
00:10:46.150 --> 00:10:50.160
Von Ost nach West begann der Todesstreifen,
der zwischen 15 und 150

128
00:10:50.260 --> 00:10:55.530
Meter breit sein konnte. Und hier bei mir
eher schmal ausfiel mit einer 2 bis 3

129
00:10:55.630 --> 00:10:58.960
Meter hohen Hinterlandmauer
oder einem Hinterlandsperrzaun.

130
00:10:59.440 --> 00:11:03.420
Der kurz dahinter liegende
Kontaktsignalzaun oder Alarmzaun war

131
00:11:03.520 --> 00:11:07.800
mit mehreren elektrischen
Drahtreien versehen, die bei Berührung akustische

132
00:11:07.900 --> 00:11:12.630
und optische Signale
aussendeten. Technisch ausgereiftere Varianten

133
00:11:12.729 --> 00:11:18.000
dieses Zauns wurden 50 Zentimeter tief
ins Erdreich eingelassen, um ein Unterkriechen

134
00:11:18.099 --> 00:11:23.309
zu verhindern. An den moderneren
Anlagen wurde der Kontakt still ausgelöst,

135
00:11:23.409 --> 00:11:27.119
sodass sich Flüchtende in Sicherheit
wähnten, obwohl die Grenzsoldaten

136
00:11:27.219 --> 00:11:31.860
die Person längst lokalisiert
hatten. Dahinter folgte ein Bereich,

137
00:11:31.960 --> 00:11:36.390
in dem zum Teil an unübersichtlichen
Stellen eine Laufanlage für Kettenhunde

138
00:11:36.489 --> 00:11:41.140
installiert war. Vielfach gab es auf dem Todesstreifen
auch Panzersperren,

139
00:11:41.289 --> 00:11:44.530
die einen Durchbruch mit Fahrzeugen
unmöglich machen sollten.

140
00:11:46.510 --> 00:11:50.280
Darauf folgte der Abschnitt, in dem Beobachtungstürme
und Erdbunker

141
00:11:50.380 --> 00:11:53.760
der Grenzsoldaten standen, sowie
ein Kolonnenweg für die motorisierten

142
00:11:53.859 --> 00:11:58.320
Streifendienste. Am Kolonnenweg
verlief zumeist auch der Kabelschacht

143
00:11:58.419 --> 00:12:03.510
für das Grenzmeldenetz. Eine Lichttrasse
sorgte dafür, dass auf dem Todesstreifen

144
00:12:03.609 --> 00:12:07.710
auch nachts günstige Sicht und Schussverhältnisse
herrschten. Das letzte

145
00:12:07.809 --> 00:12:12.159
Hindernis war der Kfz-Sperrgraben,
der von der DDR-Seite schräg abfiel

146
00:12:12.400 --> 00:12:16.359
und zur Grenzseite senkrecht
ausgehoben und mit Betonplatten verstärkt war.

147
00:12:16.900 --> 00:12:21.070
Hier war es der sogenannte
"Auffanggraben", der 2,50 Meter tiefer

148
00:12:21.190 --> 00:12:23.559
und auch unterirdische
Fluchten verhindern sollte.

149
00:12:24.280 --> 00:12:29.490
Den Abschluss dieser Sperranlagen
bildete eine 3,50 Meter bis 4 Meter hohe und 10

150
00:12:29.590 --> 00:12:34.619
Zentimeter dicke Betonmauer,
die industriell gefertigt wurde. Oben

151
00:12:34.719 --> 00:12:39.369
auf dieser Mauer befand sich
eine Rohrauflage. Sie sollte erschweren,

152
00:12:39.549 --> 00:12:45.500
dass Flüchtende mit ihren Händen Halt
fanden. Es gab in den 1980er Jahren sogar

153
00:12:45.599 --> 00:12:51.050
Pläne, die Berliner Mauer technisch
noch weiter aufzurüsten. Doch dazu kam es nicht

154
00:12:51.150 --> 00:12:59.040
mehr. Die Mauer hatte nur noch wenige
Jahre Bestand. Im Herbst 1989 überschlugen

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00:12:59.140 --> 00:13:04.719
sich die Ereignisse. Der Reformkurs
von KPdSU-Chef Michail Gorbatschow,

156
00:13:04.840 --> 00:13:09.990
die Öffnung der ungarisch-österreichischen
Grenze, die Ausreisebewegung aus der DDR

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00:13:10.090 --> 00:13:14.880
und schließlich die Demonstrationen
gegen die SED-Herrschaft überall im Land trugen

158
00:13:14.979 --> 00:13:22.299
dazu bei, dass die Mauer am 9.
November 1989 fiel. Für kurze Zeit wurden danach

159
00:13:22.450 --> 00:13:27.480
sogar noch Abfertigungshäuschen für die Ein-
und Ausreise aufgestellt. Überall

160
00:13:27.580 --> 00:13:31.710
in Berlin baute man
schließlich die Grenzsicherung ab. Direkt

161
00:13:31.809 --> 00:13:36.720
neben den Mauerelementen konnte man nun
im ehemaligen Todesstreifen mit Kinderwagen

162
00:13:36.820 --> 00:13:41.760
-spazieren gehen.
-In meiner mehr als 100-jährigen Geschichte

163
00:13:42.030 --> 00:13:49.340
war die Zeit von 1961 bis 1989 sicher
die Ereignisreichste. Bei mir blieb kein Stein

164
00:13:49.440 --> 00:13:54.080
auf dem anderen. Ziemlich aufregend,
wenn man sich anschaut, wie gemütlich es hier

165
00:13:54.179 --> 00:13:58.430
heute ist. An die Mauer
erinnert eine doppelte Pflastersteinreihe

166
00:13:58.530 --> 00:14:05.360
mit gusseisernen Tafeln mit der Aufschrift
"Berliner Mauer 1961 bis 1989", die ihren

167
00:14:05.460 --> 00:14:08.669
Verlauf in der Innenstadt auf einigen
Kilometern nachzeichnet.

168
00:14:09.090 --> 00:14:13.070
Und in der Elsenstraße gibt es eine Gedenktafel
für die Tunnelfluchten.

169
00:14:13.169 --> 00:14:17.000
Ansonsten sind kaum noch Spuren davon
zu finden, welche dramatischen Ereignisse

170
00:14:17.099 --> 00:14:21.780
hier stattfanden. Ein Blick auf die Straßenschilder
verrät jedoch noch heute,

171
00:14:21.900 --> 00:14:24.440
wo einmal der Osten und wo der Westen war.

