WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:07.600
*Vogelstimmen*

00:00:08.000 --> 00:00:10.600
Sarah Zerback: Was Sie gerade gehört haben, ist richtig gesund

00:00:11.000 --> 00:00:14.600
Denn Vogelstimmen zu hören, verbessert unser psychisches Wohlbefinden,

00:00:15.000 --> 00:00:19.600
das haben Forschende am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung festgestellt.

00:00:20.000 --> 00:00:21.600
Je mehr Vögel, umso besser also.

00:00:22.000 --> 00:00:24.600
Allerdings werden die Vögel immer weniger.

00:00:25.000 --> 00:00:26.600
*Musik*

00:00:27.000 --> 00:00:29.600
Rund eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht,

00:00:30.000 --> 00:00:31.600
das schätzt der Weltbiodiversitätsrat.

00:00:32.000 --> 00:00:36.600
Das sind mehr als je zuvor und es ist nicht nur für die betroffenen Arten ein Problem,

00:00:37.000 --> 00:00:39.600
sondern für die Funktionsweisen ganzer Ökosysteme

00:00:40.000 --> 00:00:41.600
und damit auch für uns.

00:00:42.000 --> 00:00:44.600
Wie es um die Biodiversität steht,

00:00:45.000 --> 00:00:46.600
welche Bedeutung sie für unser Leben hat

00:00:47.000 --> 00:00:47.600
und wie sie besser geschützt werden kann,

00:00:48.000 --> 00:00:51.600
darum geht es in dieser Folge von „Aus Politik und Zeitgeschichte“

00:00:52.000 --> 00:00:53.600
und ich bin Sarah Zerback.

00:00:54.000 --> 00:00:57.600
Der Biologe Sebastian Meyer erklärt, warum wir Biodiversität brauchen.

00:00:58.000 --> 00:00:59.600
Die Biologin Kathrin Böhning-Gaese beschreibt,

00:01:00.000 --> 00:01:03.600
was wir tun können, um Biodiversität besser zu schützen.

00:01:04.000 --> 00:01:06.600
Und die Mediatorin Gisela Wachinger berichtet von ihren Erfahrungen

00:01:07.000 --> 00:01:10.600
in Konflikten rund um Naturschutz und Biodiversität.

00:01:11.000 --> 00:01:13.600
Die Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“

00:01:14.000 --> 00:01:18.600
zum Thema „Biodiversität“ finden Sie auf bpb.de/apuz.

00:01:19.000 --> 00:01:21.600
Wie immer gibt es auch zu dieser Folge ein Transkript.

00:01:22.000 --> 00:01:25.600
Sie finden es in der bpb-Mediathek oder als Link in den Shownotes.

00:01:26.000 --> 00:01:42.600
*Musik*

00:01:43.000 --> 00:01:48.600
Die Vielfalt der Lebewesen auf unserem Planeten, von Regenwald bis Arktis, scheint grenzenlos,

00:01:49.000 --> 00:01:50.600
tatsächlich wird sie aber immer kleiner.

00:01:51.000 --> 00:01:54.600
Die Weltnaturschutzunion gibt jedes Jahr eine Liste heraus, in der sie festhält,

00:01:55.000 --> 00:01:58.600
welche Arten aktuell bedroht sind oder als ausgestorben gelten.

00:01:59.000 --> 00:02:01.600
2025 sind noch einige dazugekommen:

00:02:02.000 --> 00:02:06.600
Auch der Dünnschnabel-Brachvogel, die Weihnachtsinsel-Spitzmaus und die Kegelschnecke gelten jetzt als ausgestorben.

00:02:07.000 --> 00:02:09.600
Sie gibt es einfach nicht mehr.

00:02:10.000 --> 00:02:13.600
Biodiversität ist aber mehr als Artenvielfalt.

00:02:14.000 --> 00:02:17.600
Was genau heißt Biodiversität, und was bedeutet ihr Verlust für uns?

00:02:18.000 --> 00:02:20.600
Darüber habe ich mit Sebastian Meyer gesprochen.

00:02:21.000 --> 00:02:24.600
Er ist Professor am Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie an der TU München.

00:02:25.000 --> 00:02:25.600
Schönen guten Tag Herr Meyer.

00:02:26.000 --> 00:02:29.600
Sebastian Meyer: Guten Tag Frau Zerback und vielen Dank für die Einladung.

00:02:30.000 --> 00:02:33.600
Sarah Zerback: Ja, also Biodiversität, Vielfalt des Lebens, wenn man es mal übersetzt,

00:02:34.000 --> 00:02:35.600
da kann ja irgendwie jeder und jede was mit anfangen,

00:02:36.000 --> 00:02:39.600
aber so richtig definieren können das wohl die wenigsten.

00:02:40.000 --> 00:02:43.600
Fangen wir vielleicht damit an, was also ist Biodiversität?

00:02:44.000 --> 00:02:47.600
Sebastian Meyer: Tatsächlich ganz grob gefasst, ganz weit gefasst

00:02:48.000 --> 00:02:53.600
ist es diese gesamte Vielfalt von Biologie auf der Welt, angefangen bei Arten.

00:02:54.000 --> 00:02:55.600
Das ist vielleicht das, wo die meisten dran denken.

00:02:56.000 --> 00:02:59.600
Wie viele Vögel, wie viele Pflanzen, wie viele Fische gibt es irgendwo.

00:03:00.000 --> 00:03:01.600
Aber selbst innerhalb der Arten gibt es Diversität.

00:03:02.000 --> 00:03:05.600
Also die genetische Vielfalt innerhalb einer Art,

00:03:06.000 --> 00:03:09.600
kann man sich vielleicht am besten vorstellen mit gezüchteter Vielfalt,

00:03:10.000 --> 00:03:14.600
irgendwie Kultursorten von Kohl, von Äpfeln, von Hunderassen.

00:03:15.000 --> 00:03:18.600
Das ist alles eine Art, aber unglaublich divers innerhalb der Art.

00:03:19.000 --> 00:03:22.600
Und über den Arten gibt es dann noch die Vielfalt der Ökosysteme,

00:03:23.000 --> 00:03:25.600
die unterschiedlichst ausgeprägt sind auf der Welt

00:03:26.000 --> 00:03:31.600
von Wäldern, Savannen, polare Gebiete, alles, was Sie sich vorstellen können.

00:03:32.000 --> 00:03:35.600
Sarah Zerback: Das klingt schon sehr divers und irgendwie auch schwer greifbar

00:03:36.000 --> 00:03:39.600
und was ich bei der Recherche gehört habe eben auch nicht leicht messbar, oder?

00:03:40.000 --> 00:03:40.600
Sebastian Meyer: Tatsächlich schon.

00:03:41.000 --> 00:03:44.600
Also dieses Bild, was man vielleicht im Kopf hat,

00:03:45.000 --> 00:03:48.600
was Biologen machen, was Naturforscher machen,

00:03:49.000 --> 00:03:51.600
mit dem Insektenkescher durch die Welt laufen, Individuen fangen

00:03:52.000 --> 00:03:56.600
und dann hinterher beschreiben, zeichnen und ihnen Namen geben,

00:03:57.000 --> 00:04:00.600
das ist tatsächlich immer noch wie viel Diversitätsmessen funktioniert.

00:04:01.000 --> 00:04:06.600
Also wir müssen die einzelnen Individuen sehen, beschreiben und ihnen Namen geben und zählen.

00:04:07.000 --> 00:04:07.600
Sarah Zerback: Richtig Handarbeit.

00:04:08.000 --> 00:04:08.600
Sebastian Meyer: Auf jeden Fall.

00:04:09.000 --> 00:04:13.600
Also das ist wirlich ein langwieriger Prozess natürlich für ein Gebiet,

00:04:14.000 --> 00:04:15.600
weil das alles dann auch noch variabel ist.

00:04:16.000 --> 00:04:18.600
Nicht jede Art ist zu jedem Zeitpunkt da.

00:04:19.000 --> 00:04:19.600
Das hängt mit Jahreszeiten zusammen,

00:04:20.000 --> 00:04:25.600
das hängt mit unterschiedlichen Umweltbedingungen, Wetterfluktuationen zusammen.

00:04:26.000 --> 00:04:27.600
Das heißt, es reicht auch nicht nur einmal zu messen,

00:04:28.000 --> 00:04:30.600
man muss dann wiederholt häufig messen.

00:04:31.000 --> 00:04:34.600
Und es ist einfach eine sehr große Aufgabe, weil es so divers ist,

00:04:35.000 --> 00:04:37.600
weil es so viele unterschiedliche Dinge gibt, die wir alle beschreiben müssten,

00:04:38.000 --> 00:04:40.600
um die gesamte Diversität von der Fläche zu beschreiben.

00:04:41.000 --> 00:04:42.600
Sarah Zerback: Man kennt das jetzt vom Klimawandel,

00:04:43.000 --> 00:04:48.600
da arbeiten und kommunizieren ja viele mit dem CO2-Gehalt in der Atmosphäre.

00:04:49.000 --> 00:04:49.600
Wie ist das bei der Biodiversität?

00:04:50.000 --> 00:04:52.600
Gibt es da auch so einen Marker oder so einen Fühler?

00:04:53.000 --> 00:04:55.600
Sebastian Meyer: Also die Zahl, die vermutlich am häufigsten verwendet wird,

00:04:56.000 --> 00:04:58.600
Ist tatsächlich die Anzahl Arten, die vorkommen.

00:04:59.000 --> 00:05:00.600
Insofern wäre das unser Indikator.

00:05:01.000 --> 00:05:02.600
Der Unterschied zum CO2-Gehalt ist:

00:05:03.000 --> 00:05:04.600
Wir können einen Sensor irgendwo hinhängen

00:05:05.000 --> 00:05:08.600
und der kann uns kontinuierlich den CO2-Gehalt messen.

00:05:09.000 --> 00:05:09.600
Mit Diversität können wir das eben nicht.

00:05:10.000 --> 00:05:12.600
Mit Diversität steckt da all diese Handarbeit hintendran

00:05:13.000 --> 00:05:16.600
und tatsächlich ist es auch Teil von aktueller Forschung,

00:05:17.000 --> 00:05:20.600
so was wie einen Biodiversitätsfühler zu entwickeln.

00:05:21.000 --> 00:05:24.600
Also es gibt neuere Methoden, environmental DNA,

00:05:25.000 --> 00:05:27.600
es werden quasi DNA-Proben aus der Umwelt gewonnen

00:05:28.000 --> 00:05:31.600
und dann werden die sequenziert und dann kann man gucken, was da drin ist.

00:05:32.000 --> 00:05:35.600
Es gibt Forschung unter Einsatz von künstlicher Intelligenz,

00:05:36.000 --> 00:05:39.600
Fotos zu machen, akustische Signale aufzunehmen

00:05:40.000 --> 00:05:40.600
und die hinterher zu bestimmen.

00:05:41.000 --> 00:05:44.600
Das werden alles Prozesse sein, die mal helfen können,

00:05:45.000 --> 00:05:47.600
vielleicht zu so einem Diversitätsfühler zu kommen.

00:05:48.000 --> 00:05:49.600
Bislang sind wir da einfach noch nicht so weit.

00:05:50.000 --> 00:05:54.600
Bislang müssen wir es tatsächlich einfach händisch fangen und beschreiben.

00:05:55.000 --> 00:05:58.600
Sarah Zerback: Wo ist denn die Biodiversität am größten

00:05:59.000 --> 00:06:00.600
oder ist die gleichmäßig über die Erde verteilt?

00:06:01.000 --> 00:06:02.600
Sebastian Meyer: Nein, die ist sehr ungleichmäßig verteilt.

00:06:03.000 --> 00:06:04.600
Also, wenn man an große globale Muster denkt,

00:06:05.000 --> 00:06:10.600
ist ganz definitiv, die Tropen sind der Hotspot der Biodiversität.

00:06:11.000 --> 00:06:16.600
Artenreichtum pro Fläche ist da um ein Vielfaches höher als es zum Beispiel bei uns ist.

00:06:17.000 --> 00:06:20.600
Also ein Hektar tropischer Wald enthält mehr Baumarten als irgendwie ganz Europa.

00:06:21.000 --> 00:06:24.600
Also unglaubliche Vielfalt.

00:06:25.000 --> 00:06:28.600
Also wir schätzen, und weil es Schätzungen sind, gibt es da so eine Range,

00:06:29.000 --> 00:06:33.600
irgendwas zwischen 8 Komma paar Millionen, 10 Millionen,

00:06:34.000 --> 00:06:35.600
manche Schätzungen gehen noch deutlich viel höher,

00:06:36.000 --> 00:06:40.600
Arten gibt es auf der Welt, beschrieben davon sind ein bisschen mehr als eine Million.

00:06:41.000 --> 00:06:43.600
Das heißt, wir kennen vielleicht ein Zehntel

00:06:44.000 --> 00:06:45.600
und den Rest kennen wir noch gar nicht.

00:06:46.000 --> 00:06:48.600
Ein ganz großer Teil dieser Diversität sind Insekten

00:06:49.000 --> 00:06:52.600
und ganz viele eben in den Tropen, in den Kronräumen.

00:06:53.000 --> 00:06:55.600
Und die andere große Unerforschte ist der Boden.

00:06:56.000 --> 00:06:57.600
Der Boden ist unglaublich divers,

00:06:58.000 --> 00:07:01.600
aber auch viel schwieriger zugänglich und dadurch schlechter beschrieben.

00:07:02.000 --> 00:07:05.600
Sarah Zerback: Wenn das so ist, also noch so viele Fragezeichen eigentlich da sind

00:07:06.000 --> 00:07:09.600
und es keinen Biodiversitätsfühler, wie Sie es genannt haben, gibt,

00:07:10.000 --> 00:07:13.600
stelle ich mir das auch wahnsinnig schwierig vor in der Wissenschaftskommunikation,

00:07:14.000 --> 00:07:16.600
also auch in der Kommunikation nach außen.

00:07:17.000 --> 00:07:19.600
Ist das ein Problem, um auch die Dringlichkeit

00:07:20.000 --> 00:07:23.600
und die Wichtigkeit von Biodiversität nach außen hin zu kommunizieren?

00:07:24.000 --> 00:07:24.600
Sebastian Meyer: Definitiv.

00:07:25.000 --> 00:07:28.600
Also es ist natürlich ein Thema, warum brauchen wir Diversität überhaupt?

00:07:29.000 --> 00:07:32.600
Da werden wir im weiteren Verlauf sicher noch drauf kommen.

00:07:33.000 --> 00:07:35.600
Aber um bei diesem Kommunikationsthema speziell zu bleiben,

00:07:36.000 --> 00:07:38.600
es gibt – also ich bin an der TU München,

00:07:39.000 --> 00:07:44.600
und Bayern ist relativ berühmt geworden für dieses Volksbegehren zur Artenvielfalt,

00:07:45.000 --> 00:07:48.600
ausgelöst durch diese Krefeld-Studie, die gezeigt hat,

00:07:49.000 --> 00:07:52.600
75 Prozent Rückgang in der Biomasse von Insekten in Deutschland,

00:07:53.000 --> 00:07:56.600
und zwar nicht irgendwo, sondern in bereits geschützten Gebieten.

00:07:57.000 --> 00:07:59.600
Selbst da geht die Biomasse der Insekten so drastisch zurück.

00:08:00.000 --> 00:08:03.600
Und das hat berechtigterweise zu einem großen Aufschrei geführt

00:08:04.000 --> 00:08:05.600
und auch zu einem großen medialen Interesse geführt.

00:08:06.000 --> 00:08:09.600
Dann gab es dieses Volksbegehren in Bayern, das sehr erfolgreich war,

00:08:10.000 --> 00:08:13.600
das dann unter dem griffigen Slogan lief „Rettet die Bienen“.

00:08:14.000 --> 00:08:20.600
Und das funktionierte, weil jeder sich mit Bienen irgendwie identifizieren kann.

00:08:21.000 --> 00:08:23.600
Jeder hat irgendwie mal Biene Maja gesehen oder so was.

00:08:24.000 --> 00:08:30.600
Das hat dann aber im Nachgang dazu geführt, dass es jetzt ganz viele neue Hobbyimker gibt.

00:08:31.000 --> 00:08:33.600
Die argumentieren, dass sie da was für Biodiversität tun.

00:08:34.000 --> 00:08:37.600
Und ich finde es toll, wenn Leute sich für Natur interessieren.

00:08:38.000 --> 00:08:40.600
Ich finde es auch toll, wenn Leute imkern,

00:08:41.000 --> 00:08:43.600
aber das löst nicht die Biodiversitätskrise, eher im Gegenteil.

00:08:44.000 --> 00:08:48.600
Wir tragen dazu bei, dass wir ein domestiziertes Insekt,

00:08:49.000 --> 00:08:51.600
ein Nutztier in noch größeren Mengen halten

00:08:52.000 --> 00:08:56.600
und dieses Nutztier konkurriert dann mit Wildarten um Ressourcen

00:08:57.000 --> 00:08:59.600
und verstärkt vielleicht sogar noch den Rückgang in den Wildbienen.

00:09:00.000 --> 00:09:02.600
Das heißt, man muss sehr, sehr aufpassen,

00:09:03.000 --> 00:09:06.600
wie solche Aussagen dann interpretiert werden

00:09:07.000 --> 00:09:08.600
und was Leute darunter verstehen

00:09:09.000 --> 00:09:11.600
und dann eben auch für Schutzintentionen

00:09:12.000 --> 00:09:14.600
und auch für Handlungsdirektiven daraus ableiten.

00:09:15.000 --> 00:09:16.600
Sarah Zerback: Man muss es irgendwie griffig machen,

00:09:17.000 --> 00:09:20.600
aber es zu sehr runterbrechen ist eben dann auch kontraproduktiv.

00:09:21.000 --> 00:09:23.600
Wozu ist Biodiversität denn eigentlich wichtig?

00:09:24.000 --> 00:09:31.600
Sebastian Meyer: Biodiversität ist wichtig, weil all diese Arten in Ökosystemen Sachen machen.

00:09:32.000 --> 00:09:34.600
Die fressen, die werden gefressen.

00:09:35.000 --> 00:09:39.600
Ökosysteme sind nach außen offene, aber in sich extrem vernetzte Systeme,

00:09:40.000 --> 00:09:43.600
in denen Energie transportiert wird, in denen Ressourcen transportiert werden,

00:09:44.000 --> 00:09:45.600
in denen Informationen transportiert werden.

00:09:46.000 --> 00:09:50.600
Und all diese, wir nennen es biogeochemischen Kreisläufe,

00:09:51.000 --> 00:09:55.600
all dieses Umsetzen von Kohlenstoff, von Stickstoff, von Phosphor,

00:09:56.000 --> 00:09:58.600
all der Elemente, die in organischem Material vorkommen,

00:09:59.000 --> 00:10:01.600
ist darauf angewiesen, dass diese Prozesse laufen.

00:10:02.000 --> 00:10:04.600
Vielleicht einfacheres Beispiel

00:10:05.000 --> 00:10:08.600
Wenn wir eine Wiese haben und wir wollen ernten,

00:10:09.000 --> 00:10:10.600
um damit unsere Kühe zu füttern oder sowas,

00:10:11.000 --> 00:10:12.600
sind wir darauf angewiesen, dass da eine Menge Ertrag entsteht,

00:10:13.000 --> 00:10:14.600
eine Menge Biomasse wächst.

00:10:15.000 --> 00:10:18.600
Und wie viel Biomasse da wächst, hängt davon ab,

00:10:19.000 --> 00:10:21.600
welche Arten vorkommen und wie viele Arten da vorkommen.

00:10:22.000 --> 00:10:25.600
Es gibt Arten, die unter unterschiedlichen Bedingungen besser wachsen.

00:10:26.000 --> 00:10:28.600
Wir haben ein feuchtes Jahr, wir haben ein trockenes Jahr.

00:10:29.000 --> 00:10:29.600
In dem einen Jahr wächst die eine Art besser,

00:10:30.000 --> 00:10:31.600
in dem anderen Jahr wächst die andere Art besser.

00:10:32.000 --> 00:10:38.600
Aber dann ist dieses System mit zwei Arten stabiler bei wechselnden Umweltbedingungen.

00:10:39.000 --> 00:10:41.600
Jetzt haben wir nicht nur Feuchtigkeit, sondern wir haben ganz viele Umweltbedingungen.

00:10:42.000 --> 00:10:48.600
Wir haben Interaktionen mit Pathogenen, mit Mikroorganismen, positive wie negative.

00:10:49.000 --> 00:10:53.600
Wir haben Interaktionen zwischen den Arten untereinander, die konkurrieren um Ressourcen

00:10:54.000 --> 00:10:56.600
und unterschiedliche Arten nehmen dann aus dem Boden unterschiedliche Ressourcen

00:10:57.000 --> 00:10:59.600
aus unterschiedlichen Wurzeltiefen auf

00:11:00.000 --> 00:11:03.600
und können insgesamt mehr produzieren als wenn nur eine Art da steht,

00:11:04.000 --> 00:11:07.600
wo alle Individuen gleich tief wurzeln und alle untereinander konkurrieren.

00:11:08.000 --> 00:11:12.600
Diese Art von Teamarbeit, wenn man so will, das nennen wir Komplementarität.

00:11:13.000 --> 00:11:17.600
Arten unterscheiden sich in ihren Eigenschaften und damit in ihren Beiträgen zu Ökosystemen.

00:11:18.000 --> 00:11:19.600
Und deswegen ist Biodiversität wichtig.

00:11:20.000 --> 00:11:23.600
Sarah Zerback: bei einigen Tier- und Pflanzenarten gibt es ja Beispiele,

00:11:24.000 --> 00:11:24.600
die Biene haben wir schon angesprochen,

00:11:25.000 --> 00:11:29.600
aber die sind sehr griffig und fast schon weltweit bekannt,

00:11:30.000 --> 00:11:35.600
also der Eisbär, fast schon ikonisch ja auch für die Umwelt- und Klimabewegung, das Korallensterben.

00:11:36.000 --> 00:11:40.600
Können Sie quantifizieren, wie viele Arten weltweit tatsächlich bedroht sind?

00:11:41.000 --> 00:11:44.600
Sebastian Meyer: Es ist natürlich eine Herausforderung zu quantifizieren, wie viel bedroht ist,

00:11:45.000 --> 00:11:46.600
wenn wir gar nicht wissen, was es alles gibt.

00:11:47.000 --> 00:11:51.600
Insofern arbeitet man quasi mit Schätzungen von dem Teil,

00:11:52.000 --> 00:11:54.600
den wir kennen, wie viel davon ist bedroht.

00:11:55.000 --> 00:11:59.600
Das machen international die YUCN, eine NGO,

00:12:00.000 --> 00:12:05.600
die eben den Gefährdungsstatus von Arten betrachtet.

00:12:06.000 --> 00:12:11.600
Und von den Arten, die wir kennen, fokussiert man dann häufig noch mal auf die Wirbeltiere,

00:12:12.000 --> 00:12:15.600
also Vögel, Säugetiere, Amphibien, Reptilien,

00:12:16.000 --> 00:12:18.600
weil das die am besten beschriebenen Gruppen sind

00:12:19.000 --> 00:12:22.600
und auch die Gruppen, wo man über die Populationen,

00:12:23.000 --> 00:12:26.600
über das Vorkommen von Individuen am besten Bescheid weiß.

00:12:27.000 --> 00:12:32.600
Das wird dann zusammengefasst in zum Beispiel dem IPBES-Bericht,

00:12:33.000 --> 00:12:35.600
IPBES ist quasi die von der UN eingerichtete Organisation

00:12:36.000 --> 00:12:39.600
zur Bewertung der Biodiversitätssituation

00:12:40.000 --> 00:12:44.600
und damit eigentlich auch die international anerkannteste Referenz.

00:12:45.000 --> 00:12:49.600
Und die fassen dann in großen Assessments

00:12:50.000 --> 00:12:53.600
unter Beteiligung einer großen Vielzahl von Expertinnen und Experten

00:12:54.000 --> 00:12:59.600
global die Evidenz zusammen und deren Schlussfolgerung ist,

00:13:00.000 --> 00:13:03.600
von den maximal 10 Millionen Arten, die wir vermutlich haben,

00:13:04.000 --> 00:13:07.600
sind eine Million, zehn Prozent, existenziell bedroht.

00:13:08.000 --> 00:13:11.600
Sarah Zerback: Wenn ich Ihnen so zuhöre und Sie beschreiben das in ihrer ganzen Komplexität,

00:13:12.000 --> 00:13:14.600
dann könnte ich mir vorstellen, macht es ja auch einen Unterschied,

00:13:15.000 --> 00:13:17.600
wenn man noch mal in die Historie blickt

00:13:18.000 --> 00:13:20.600
und was man sozusagen auch als Nullpunkt definiert.

00:13:21.000 --> 00:13:25.600
Ob man sagt, ich gucke von jetzt oder ich gucke aus den 70ern.

00:13:26.000 --> 00:13:26.010
Das spielt auch eine Rolle?

00:13:26.000 --> 00:13:27.600
Sebastian Meyer: Das spielt eine sehr große Rolle.

00:13:28.000 --> 00:13:35.600
Es gab vor ein paar Jahren mal in der Wissenschafts-Community relativ hitzige Debatten darüber,

00:13:36.000 --> 00:13:39.600
weil es Studien gab, globale Synthesen gab,

00:13:40.000 --> 00:13:44.600
die sich lokale Artenanzahlveränderungen angeguckt haben

00:13:45.000 --> 00:13:47.600
und die dann entweder keine Evidenz für einen Artenverlust gefunden haben

00:13:48.000 --> 00:13:53.600
oder sogar positive Effekte, ansteigende Artenzahlen.

00:13:54.000 --> 00:13:59.600
Und die beste Erklärung dafür ist tatsächlich, was wir ein Shifting Baseline Bias nennen.

00:14:00.000 --> 00:14:03.600
Dass wir, wenn wir die Entwicklung, sagen wir, über die letzten 10,

00:14:04.000 --> 00:14:07.600
über die letzten 15 Jahre messen können oder gemessen haben

00:14:08.000 --> 00:14:12.600
und das dann vergleichen mit einem Referenzwert aus,

00:14:13.000 --> 00:14:16.600
sagen wir, 1970 oder so was, dann kann es sein,

00:14:17.000 --> 00:14:19.600
dass wir über die letzten 10-15 Jahre positive Effekte sehen.

00:14:20.000 --> 00:14:24.600
Natürlich findet Naturschutz statt, natürlich findet Renaturierung statt

00:14:25.000 --> 00:14:27.600
und die kann lokal die Artenzahlen verbessern.

00:14:28.000 --> 00:14:32.600
Aber dieser Zustand 1970 ist vielleicht schon komplett reduziert

00:14:33.000 --> 00:14:40.600
im Vergleich zu einer natürlichen Bedingung, sagen wir, um 1900 oder 1800.

00:14:41.000 --> 00:14:45.600
Nur haben wir für diese weit zurückliegenden Zeitpunkte meistens keine Daten.

00:14:46.000 --> 00:14:49.600
Das ist tatsächlich ein großes Problem, um zu zeigen,

00:14:50.000 --> 00:14:52.600
wo stehen wir denn eigentlich gerade aktuell.

00:14:53.000 --> 00:14:55.600
Sarah Zerback: Und die Ursache für diese Krise,

00:14:56.000 --> 00:14:59.600
die aktuelle der Biodiversität, ist das platt gesagt der Mensch?

00:15:00.000 --> 00:15:00.600
Sind wir das?

00:15:01.000 --> 00:15:02.600
Sebastian Meyer: Also, das ist die kürzeste denkbare Antwort,

00:15:03.000 --> 00:15:03.600
ja, das sind wir.

00:15:04.000 --> 00:15:06.600
Es ist die Art, wie wir die Erde transformieren,

00:15:07.000 --> 00:15:12.600
wie wir Boden bearbeiten, Boden verändern, Boden bebauen.

00:15:13.000 --> 00:15:19.600
Ganz klar, Landnutzung ist der große Treiber des Biodiversitätsverlusts.

00:15:20.000 --> 00:15:24.600
Neben, und das ist dann meistens für individuelle Arten, der direkten Nutzung,

00:15:25.000 --> 00:15:27.600
also der direkten Ausrottung durch Bejagung

00:15:28.000 --> 00:15:32.600
oder durch das Roden von Primärwäldern,

00:15:33.000 --> 00:15:35.600
vernichten wir natürlich die Baumarten selbst,

00:15:36.000 --> 00:15:41.600
die wir da fällen, aber auch den Lebensraum für all diese Vielfalt, die in diesem Wald mal gelebt hat.

00:15:42.000 --> 00:15:44.600
Also direkte Übernutzung und dann ist es Landnutzung.

00:15:45.000 --> 00:15:48.600
Sarah Zerback: Löst dann Kettenreaktionen aus, weil alles vernetzt ist.

00:15:49.000 --> 00:15:51.600
Was ist denn da in Deutschland der größte Treiber?

00:15:52.000 --> 00:15:54.600
Sebastian Meyer: Genau das Gleiche wie global mit dem Unterschied,

00:15:55.000 --> 00:16:01.600
dass es hier nicht mehr viel natürliche primäre Umwelt gibt,

00:16:02.000 --> 00:16:05.600
die man direkt zerstören könnte, sondern Europa ist ein Zentrum,

00:16:06.000 --> 00:16:10.600
was schon seit Jahrtausenden menschlich besiedelt und menschlich verändert ist.

00:16:11.000 --> 00:16:16.600
Und das muss nicht mal notwendigerweise sofort zu einer Reduktion von Diversität führen.

00:16:17.000 --> 00:16:22.600
Die Vorstellung für Zentraleuropa ist, dass ohne menschliches Zutun wir vermutlich,

00:16:23.000 --> 00:16:26.600
auch das wird diskutiert, wie sehr das stimmt,

00:16:27.000 --> 00:16:29.600
aber vermutlich einen relativ geschlossenen Buchenwald hätten.

00:16:30.000 --> 00:16:38.600
Und Buchenwald ist wichtig, natürlich, aber es ist nicht das diverseste Ökosystem, was wir haben.

00:16:39.000 --> 00:16:42.600
Sondern die Offenlandsysteme sind eigentlich artenreicher.

00:16:43.000 --> 00:16:46.600
Also extensive Wiesen, die klassische Kulturlandschaft,

00:16:47.000 --> 00:16:55.600
die wir irgendwie vielleicht noch so im Kopf haben aus sehr alten Filmen oder alten Gemälden.

00:16:56.000 --> 00:16:59.600
Diese Kulturlandschaft ist entstanden, weil der Mensch Wald gerodet hat

00:17:00.000 --> 00:17:03.600
und dann die Flächen sehr extensiv bewirtschaftet hat

00:17:04.000 --> 00:17:08.600
und damit Lebensraum für ganz viele Arten geschaffen hat.

00:17:09.000 --> 00:17:13.600
Das heißt, eine sehr extensive Form von Landwirtschaft hat überhaupt erst mal dazu geführt,

00:17:14.000 --> 00:17:19.600
großflächiger eine sehr biodiverse Landschaft zu erzeugen.

00:17:20.000 --> 00:17:24.600
Und dann haben wir aber Landwirtschaft sehr stark intensiviert.

00:17:25.000 --> 00:17:31.600
Wir haben Zugang zu Kunstdünger, haben Zugang zu Maschinenparks,

00:17:32.000 --> 00:17:37.600
wir konnten Flächen intensiver bewirtschaften und damit natürlich auch den Ertrag steigern,

00:17:38.000 --> 00:17:42.600
ganz klar, mit aber negativen Effekten auf die Biodiversität.

00:17:43.000 --> 00:17:48.600
Das hat die Deutsche Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina, auch sehr eindrücklich zusammengefasst.

00:17:49.000 --> 00:17:55.600
Landwirtschaft ist – einfach weil es auch flächenmäßig – die Hälfte der Fläche Deutschlands ist landwirtschaftlich genutzt,

00:17:56.000 --> 00:18:00.600
ackerbaulich genutzt oder ackerbaulich und Grünlandbewirtschaftung genutzt.

00:18:01.000 --> 00:18:02.600
Das hat einfach einen sehr großen Einfluss.

00:18:03.000 --> 00:18:05.600
Sarah Zerback: Könnten Sie das vielleicht noch mal beispielhaft an Deutschland schildern,

00:18:06.000 --> 00:18:07.600
welche sichtbaren Folgen das jetzt schon hat?

00:18:08.000 --> 00:18:12.600
Sebastian Meyer: Zum Beispiel diese Krefeld-Studie, die wir eben schon kurz erwähnt haben.

00:18:13.000 --> 00:18:15.600
Wir haben diesen massiven Rückgang in Insekten-Biomasse.

00:18:16.000 --> 00:18:19.600
Wir haben alarmierende Zahlen, was Vögel angeht.

00:18:20.000 --> 00:18:26.600
Das ist die beststudierte Gruppe, weil es einfach sehr viele Fachornithologen,

00:18:27.000 --> 00:18:27.600
aber auch sehr viele Hobbyornithologen gibt,

00:18:28.000 --> 00:18:30.600
die sehr klare Zählungen machen.

00:18:31.000 --> 00:18:33.600
Und das ist Zentraleuropa, Deutschland, das ist Nordamerika.

00:18:34.000 --> 00:18:38.600
Massive Rückgänge in Individuenzahlen und in Artenzahlen.

00:18:39.000 --> 00:18:41.600
Und auch da sind es insbesondere die Offenlandarten.

00:18:42.000 --> 00:18:45.600
Das sind die Arten, die mit Menschen assoziiert

00:18:46.000 --> 00:18:52.600
sich entwickelt haben, ausgebreitet haben, die jetzt massiv leiden.

00:18:53.000 --> 00:18:54.600
Es sind nicht mehr nur die seltenen Arten.

00:18:55.000 --> 00:18:58.600
Es sind nicht mehr nur die Spezialisten, die Reliktarten

00:18:59.000 --> 00:19:02.600
in irgendwelchen natürlichen Gebieten, Habitaten,

00:19:03.000 --> 00:19:04.600
wenn die zerstört werden, verlieren wir diese Arten,

00:19:05.000 --> 00:19:08.600
aber wir verlieren mittlerweile selbst die häufigen Arten, selbst die Generalisten.

00:19:09.000 --> 00:19:10.600
Sarah Zerback: Sebastian Meyer, Professor an der TU München.

00:19:11.000 --> 00:19:13.600
Herr Meyer, ich danke Ihnen für Ihre Expertise hier in unserem Podcast.

00:19:14.000 --> 00:19:14.600
Sebastian Meyer: Sehr gerne, vielen Dank.

00:19:15.000 --> 00:19:17.600
*Musik*

00:19:18.000 --> 00:19:21.600
Sarah Zerback: Das Problem ist also erkannt, und es tritt immer deutlicher zutage:

00:19:22.000 --> 00:19:24.600
Dadurch, dass Biodiversität weltweit zurückgeht,

00:19:25.000 --> 00:19:27.600
gehen wichtige Ökosystemleistungen verloren,

00:19:28.000 --> 00:19:29.600
auf die wir als Menschen angewiesen sind.

00:19:30.000 --> 00:19:31.600
Aber was wird politisch dagegen unternommen?

00:19:32.000 --> 00:19:34.600
Montreal, Dezember 2022:

00:19:35.000 --> 00:19:39.600
Zwei Wochen lang haben Vertreterinnen und Vertreter von rund 200 Staaten hier verhandelt.

00:19:40.000 --> 00:19:42.600
Beim Weltnaturgipfel haben sie sich schließlich darauf geeinigt,

00:19:43.000 --> 00:19:46.600
30 Prozent der Land- und Meeresflächen auf der Welt unter Schutz zu stellen.

00:19:47.000 --> 00:19:48.600
Bis 2030 soll das passieren.

00:19:49.000 --> 00:19:53.600
Außerdem sollen bis dahin auch 30 Prozent der geschädigten Ökosysteme wiederhergestellt werden.

00:19:54.000 --> 00:19:58.600
Es ist zwar eine freiwillige Vereinbarung – wichtig ist sie trotzdem.

00:19:59.000 --> 00:20:01.600
Warum, das erklärt die Biologin und Ornithologin Kathrin Böhning-Gaese.

00:20:02.000 --> 00:20:05.600
Sie leitet das das Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Leipzig.

00:20:06.000 --> 00:20:09.600
Kathrin Böhning-Gaese: Diese weltweiten Vereinbarungen sind unglaublich wichtig,

00:20:10.000 --> 00:20:13.600
weil die immer wieder aufs Neue das Thema auf die Agenda setzen

00:20:14.000 --> 00:20:16.600
und man in den einzelnen Ländern, auch in Deutschland, darüber diskutiert,

00:20:17.000 --> 00:20:18.600
wo man da steht und wo man hin möchte

00:20:19.000 --> 00:20:23.600
und weil das ein gemeinsamer Entschluss von Hunderten von Ländern ist.

00:20:24.000 --> 00:20:28.600
Und da müssen dann die einzelnen Länder das in ihren nationalen Zielen übersetzen

00:20:29.000 --> 00:20:30.600
und müssen da regelmäßig berichten.

00:20:31.000 --> 00:20:33.600
Und das macht jetzt keinen Druck im Sinne von,

00:20:34.000 --> 00:20:36.600
dass dann die Polizei vor der Tür steht, wenn man das nicht einhält,

00:20:37.000 --> 00:20:39.600
aber es übt eben einen ethisch-moralischen Druck,

00:20:40.000 --> 00:20:42.600
dem sich die Länder schon verpflichtet fühlen.

00:20:43.000 --> 00:20:45.600
Und bei den Gipfeln, wenn dann da berichtet wird,

00:20:46.000 --> 00:20:48.600
wir haben hier Vorreiterländer, die haben das geschafft

00:20:49.000 --> 00:20:50.600
und andere Länder, die haben noch nicht mal angefangen,

00:20:51.000 --> 00:20:53.600
dann fällt es negativ auf diese Länder zurück.

00:20:54.000 --> 00:20:55.600
Und in diesem globalen Ringen um Aufmerksamkeit

00:20:56.000 --> 00:21:00.600
möchte dann kein Land so ganz hinten anstehen in der Regel.

00:21:01.000 --> 00:21:03.600
Sarah Zerback: Neben diesem indirekten Druck auf internationaler Ebene

00:21:04.000 --> 00:21:06.600
gibt es natürlich auch bindende Vereinbarungen.

00:21:07.000 --> 00:21:08.600
Für uns in Deutschland sind Beschlüsse der EU besonders wichtig,

00:21:09.000 --> 00:21:13.600
wie zum Beispiel die Flora-Fauna-Habitat Richtlinie von 1992

00:21:14.000 --> 00:21:17.600
oder die Wiederherstellungsverordnung von .

00:21:18.000 --> 00:21:21.600
Sie regeln, dass geschädigte Ökosysteme renaturiert werden

00:21:22.000 --> 00:21:24.600
und Schutzgebiete ausgewiesen werden.

00:21:25.000 --> 00:21:26.600
Bis zum Jahr 2030 sollen mindestens 30 Prozent

00:21:27.000 --> 00:21:29.600
der europäischen Land- und Meeresflächen unter Schutz stehen.

00:21:30.000 --> 00:21:32.600
Zumindest auf dem Papier steht Deutschland nicht schlecht da.

00:21:33.000 --> 00:21:36.600
Kathrin Böhning-Gaese: Also Deutschland ist bei den Flächenzielen sogar relativ gut dabei.

00:21:37.000 --> 00:21:38.600
Wenn man alles in Deutschland zusammenrechnet,

00:21:39.000 --> 00:21:43.600
vom Nationalpark bis zum Landschaftsschutzgebiet und womöglich Naturpark,

00:21:44.000 --> 00:21:47.600
kann es gut sein, dass wir bei den 30 Prozent schon sind,

00:21:48.000 --> 00:21:50.600
aber die einzelnen Flächen sind nicht gut geschützt.

00:21:51.000 --> 00:21:52.600
Man sieht es daran auch beim Meeresnaturschutz,

00:21:53.000 --> 00:21:57.600
gerade das Wattenmeer ist eine unserer wertvollsten Regionen

00:21:58.000 --> 00:22:01.600
und selbst da ist es in Nationalparks über weite Gebiete erlaubt,

00:22:02.000 --> 00:22:05.600
Fischerei zu betreiben bis hin zur Grundschleppnetzfischerei.

00:22:06.000 --> 00:22:08.600
Und da kann man sich schon fragen,

00:22:09.000 --> 00:22:11.600
wie gut die Qualität des Schutzes in Deutschland ist

00:22:12.000 --> 00:22:13.600
und ob man da nicht besser werden sollte.

00:22:14.000 --> 00:22:18.600
Sarah Zerback: Zumal manche Gesetze den Schutz der Biodiversität geradezu unterlaufen.

00:22:19.000 --> 00:22:20.600
Wenn zum Beispiel Baugenehmigungen gelockert werden,

00:22:21.000 --> 00:22:23.600
damit der so genannte Bauturbo zünden kann.

00:22:24.000 --> 00:22:25.600
Das erleichtert dann zwar die Bebauung von Flächen,

00:22:26.000 --> 00:22:28.600
kann aber auf Kosten des Schutzes von Biodiversität gehen,

00:22:29.000 --> 00:22:30.600
kritisiert Kathrin Böhning-Gaese.

00:22:31.000 --> 00:22:31.600
Kathrin Böhning-Gaese: Das ist super gefährlich.

00:22:32.000 --> 00:22:36.600
Man muss dann eben bei diesem Bauthema ehrlich gesagt auch genau hinschauen,

00:22:37.000 --> 00:22:39.600
weil es steht ja auch unglaublich viel Wohnraum leer

00:22:40.000 --> 00:22:46.600
und auch die Ansprüche an Wohnfläche sind ja über die letzten Jahrzehnte immens gewachsen.

00:22:47.000 --> 00:22:52.600
Da ist schon die Frage, warum Sanieren im Bestand nicht auch eine Lösung sein könnte

00:22:53.000 --> 00:22:56.600
und ob man eben auch durch weitere Stockwerke auf den Häusern

00:22:57.000 --> 00:23:01.600
den Biodiversitätsfußabdruck des Bauens reduzieren könnte.

00:23:02.000 --> 00:23:04.600
Ich denke, die Frage wird nicht hinreichend diskutiert.

00:23:05.000 --> 00:23:09.600
Sarah Zerback: Auch im Bereich der Agrarsubventionen gibt es Regelungen, die der Biodiversität schaden.

00:23:10.000 --> 00:23:14.600
Kathrin Böhning-Gaese: Immer noch gibt es sieben Milliarden Agrarsubventionen in Deutschland pro Jahr,

00:23:15.000 --> 00:23:17.600
die im Wesentlichen nach der Fläche ausgeschüttet werden.

00:23:18.000 --> 00:23:21.600
Und eine Vielzahl von Kommissionen hat sich dafür eingesetzt,

00:23:22.000 --> 00:23:26.600
dass diese Flächenförderung reduziert bis komplett beendet wird

00:23:27.000 --> 00:23:32.600
und dass eine Förderung nach den Gemeinwohlleistungen der landwirtschaftlichen Betriebe laufen.

00:23:33.000 --> 00:23:36.600
Also wie viel tun die Betriebe für Biodiversitätsschutz, Wasserschutz, Klimaschutz,

00:23:37.000 --> 00:23:39.600
sodass es die Subventionen danach gibt,

00:23:40.000 --> 00:23:43.600
welchen Einsatz für das Gemeinwohl leistet der Betrieb.

00:23:44.000 --> 00:23:47.600
Da haben die Kommission und auch die Zukunftskommission Landwirtschaft

00:23:48.000 --> 00:23:51.600
über Jahre diese Politik versucht zu verfolgen,

00:23:52.000 --> 00:23:53.600
derzeit haben wir einen Riesenrollback,

00:23:54.000 --> 00:23:56.600
wo alles nur noch über Flächenförderung gehen soll.

00:23:57.000 --> 00:24:01.600
Also ganz dramatische und sehr besorgniserweckende Rückentwicklungen.

00:24:02.000 --> 00:24:06.600
Sarah Zerback: Aber was ist denn eigentlich wichtig, um Biodiversität sinnvoll zu schützen?

00:24:07.000 --> 00:24:09.600
Katrin Böhning-Gaese hält drei Aspekte für zentral

00:24:10.000 --> 00:24:12.600
Kathrin Böhning-Gaese: Das erste ist, große Schutzgebiete

00:24:13.000 --> 00:24:15.600
und ein besserer Schutz in den Schutzgebieten

00:24:16.000 --> 00:24:17.600
plus Renaturierung, also Wiederherstellung der Natur.

00:24:18.000 --> 00:24:22.600
Das zweite ist eine produktive, aber nachhaltige Landwirtschaft.

00:24:23.000 --> 00:24:25.600
Und das dritte ist ein nachhaltiger Konsum,

00:24:26.000 --> 00:24:32.600
konkret eine geringere Lebensmittelverschwendung und eine pflanzenbasiertere Ernährung.

00:24:33.000 --> 00:24:33.600
Warum ist das letzte wichtig?

00:24:34.000 --> 00:24:37.600
Unser Konsum hat Folgen für den Flächenverbrauch

00:24:38.000 --> 00:24:42.600
und Fleisch hat einen ganz anderen Flächenfußabdruck als pflanzliche Ernährung.

00:24:43.000 --> 00:24:45.600
Wenn man es extrem zugespitzt gegenüberstellen möchte,

00:24:46.000 --> 00:24:52.600
braucht man für ein Kilogramm Rindfleisch 160-fach die Fläche wie für ein Kilogramm Kartoffeln.

00:24:53.000 --> 00:24:56.600
Und das zeigt, dass man auch schon mit einer Reduzierung des Fleischkonsums

00:24:57.000 --> 00:25:02.600
unglaublich viel Fläche frei bekommen könnte für eine biodiversitätsfreundlichere,

00:25:03.000 --> 00:25:07.600
nachhaltigere Landwirtschaft und für größere und besser gemanagte Schutzgebiete.

00:25:08.000 --> 00:25:12.600
Sarah Zerback: Auch unabhängig von Konsumfragen kann man selber was für die Biodiversität tun.

00:25:13.000 --> 00:25:15.600
Eine Möglichkeit ist es, sich im Bereich der Citizen Science zu engagieren

00:25:16.000 --> 00:25:21.600
als „Bürgerwissenschaftler“, also dabei zu helfen, Biodiversität überhaupt erstmal zu erfassen.

00:25:22.000 --> 00:25:25.600
Denn das ist ja, wie Sebastian Meyer vorhin erklärt hat, gar nicht so leicht.

00:25:26.000 --> 00:25:28.600
Kathrin Böhning-Gaese: Eigentlich sind fast alle Daten,

00:25:29.000 --> 00:25:31.600
die wir in der Biodiversität so nutzen, unser ganzes Wissen,

00:25:32.000 --> 00:25:34.600
wie sich Bestände an Tieren und Pflanzen verändern,

00:25:35.000 --> 00:25:37.600
das kommt alles aus Citizen-Science-Daten.

00:25:38.000 --> 00:25:41.600
Und da haben wir natürlich die, es ist dann etwas schwieriger und professioneller,

00:25:42.000 --> 00:25:45.600
die ornithologischen Erfassungen, das Tagfalter-Monitoring

00:25:46.000 --> 00:25:50.600
und ganz viele lokale Initiativen für blühende Wiesen, für Schmetterlinge,

00:25:51.000 --> 00:25:56.600
wo man eben auch als Bürgerwissenschaftlerin, Bürgerwissenschaftler einen Unterschied machen kann.

00:25:57.000 --> 00:25:58.600
Sarah Zerback: Und es geht sogar noch niedrigschwelliger.

00:25:59.000 --> 00:26:02.600
Kathrin Böhning-Gaese: Man kann sogar auf dem eigenen Balkon anfangen.

00:26:03.000 --> 00:26:05.600
Wenn man da als Balkonpflanzen zum Beispiel Lavendel und Salbei hat,

00:26:06.000 --> 00:26:11.600
der bienenfreundlich ist, dann hat man schon auf dem Balkon was für Biodiversität getan.

00:26:12.000 --> 00:26:16.600
Noch mehr im eigenen Garten, wenn man den eben wild und naturnah hat,

00:26:17.000 --> 00:26:22.600
statt Rollrasen, lieber eine diverse Wiese, wo viele verschiedene Arten blühen.

00:26:23.000 --> 00:26:26.600
Da kommen die Vögel, da kommen die Insekten, die Schmetterlinge.

00:26:27.000 --> 00:26:32.600
Und wenn man dann noch Büsche hat, die einheimische Arten sind und Beeren haben,

00:26:33.000 --> 00:26:36.600
wo dann die Vögel im Winter was zu fressen haben,

00:26:37.000 --> 00:26:38.600
da kann man sehr, sehr viel machen.

00:26:39.000 --> 00:26:40.600
Oder Holzhaufen für Igel und so weiter.

00:26:41.000 --> 00:26:44.600
Oder man setzt sich auch in der Stadt dafür ein,

00:26:45.000 --> 00:26:46.600
dass es eben blühende Wiesen gibt, statt Parkanlagen,

00:26:47.000 --> 00:26:49.600
die nur aus Rasenflächen bestehen, einheimische Baumarten pflanzen.

00:26:50.000 --> 00:26:53.600
Und dann kann man sehr viel über den eigenen Konsum machen.

00:26:54.000 --> 00:26:56.600
Sarah Zerback: Das alles sind kleine Schritte.

00:26:57.000 --> 00:26:59.600
Und wenn man sich die großen Herausforderungen im Bereich Biodiversität anschaut,

00:27:00.000 --> 00:27:03.600
dann kann man schon mal pessimistisch werden.

00:27:04.000 --> 00:27:04.600
Wie schafft man es also bei dem Thema,

00:27:05.000 --> 00:27:07.600
sich nicht ohnmächtig zu fühlen, nicht zu resignieren?

00:27:08.000 --> 00:27:11.600
Kathrin Böhning-Gaese: Jetzt ist die Frage, auf was man sich konzentriert.

00:27:12.000 --> 00:27:13.600
Und ich denke, sowohl in der Wissenschaft als auch persönlich,

00:27:14.000 --> 00:27:18.600
sich auf die positiven Nachrichten zu konzentrieren, das ist wesentlich.

00:27:19.000 --> 00:27:22.600
Weil die Zeit ist gerade durchaus düster und zu sehen,

00:27:23.000 --> 00:27:26.600
dass eben auch positive Geschichten existieren,

00:27:27.000 --> 00:27:30.600
dass Renaturierung ein Erfolgsmodell ist

00:27:31.000 --> 00:27:32.600
und dass es eigentlich eine andere Frage ist,

00:27:33.000 --> 00:27:33.600
die wir jetzt verfolgen müssen.

00:27:34.000 --> 00:27:38.600
Gar nicht so, warum funktioniert das alles nicht, sondern eher, es funktioniert,

00:27:39.000 --> 00:27:41.600
aber vielleicht noch nicht in dem Ausmaß, wie wir es bräuchten.

00:27:42.000 --> 00:27:45.600
Also eher zu gucken, wo haben wir solche Modellstudien, die funktionieren,

00:27:46.000 --> 00:27:49.600
und wie können wir die in die Fläche tragen, das wäre der Ansatz,

00:27:50.000 --> 00:27:52.600
den wir in Zukunft viel mehr verfolgen sollten.

00:27:53.000 --> 00:27:55.600
Also von den Erfolgsgeschichten lernen und die zu skalieren.

00:27:56.000 --> 00:27:59.600
*Musik*

00:28:00.000 --> 00:28:01.600
Sarah Zerback: Je konkreter es mit dem Schutz der Biodiversität wird,

00:28:02.000 --> 00:28:03.600
umso komplizierter kann es sein.

00:28:04.000 --> 00:28:09.600
Ob es zum Beispiel darum geht, wo neue Windräder, Straßen oder Baugrundstücke entstehen

00:28:10.000 --> 00:28:12.600
oder wie man sich richtig um ein Waldstück kümmert.

00:28:13.000 --> 00:28:15.600
Bei der Frage, wie ein bestimmtes Fleckchen Erde genutzt werden sollte,

00:28:16.000 --> 00:28:18.600
treffen dann oft ganz unterschiedliche Interessen aufeinander,

00:28:19.000 --> 00:28:21.600
verschiedene Perspektiven, was für diese Fläche am besten wäre.

00:28:22.000 --> 00:28:24.600
In solchen Fällen kann eine Mediation helfen,

00:28:25.000 --> 00:28:29.600
damit alle Interessen, auch die der Biodiversität, miteinander in Einklang gebracht werden.

00:28:30.000 --> 00:28:34.600
Dann kommen Menschen wie Gisela Wachinger vom Mediationsbüro pro re ins Spiel.

00:28:35.000 --> 00:28:40.600
Sie ist Biologin und vermittelt als Mediatorinin Konflikten rund um Naturschutz und Landschaftsnutzung.

00:28:41.000 --> 00:28:42.600
Das geht aber nur in bestimmten Fällen.

00:28:43.000 --> 00:28:44.600
Gisela Wachinger: Es gibt so verschiedene Kriterien,

00:28:45.000 --> 00:28:47.600
die für eine Mediation wichtig sind

00:28:48.000 --> 00:28:51.600
und auch nur unter den Bedingungen würde man die Mediation wirklich beginnen.

00:28:52.000 --> 00:28:56.600
Also zum Beispiel die Entscheidungsfähigkeit der Parteien,

00:28:57.000 --> 00:28:59.600
dass alle Interessen am Tisch sind,

00:29:00.000 --> 00:29:05.600
die freiwillige Teilnahme der Parteien und dass es vor allem so einen Lösungsspielraum gibt.

00:29:06.000 --> 00:29:07.600
Sarah Zerback: Und ab dann geht es vor allem darum,

00:29:08.000 --> 00:29:11.600
sich genauer über die Positionen der verschiedenen Parteien klar zu werden.

00:29:12.000 --> 00:29:15.600
Gisela Wachinger: Das ist eigentlich so ein bisschen der Zaubertrick bei der Mediation,

00:29:16.000 --> 00:29:20.600
dass man eben einander zuhört und so ausgiebig darüber sprechen kann,

00:29:21.000 --> 00:29:25.600
wie man eine konkrete Sache, ein konkretes Problem sieht.

00:29:26.000 --> 00:29:29.600
Also was ist der einen Partei wichtig, was ist der anderen Partei wichtig.

00:29:30.000 --> 00:29:32.600
Und dann findet sich oft eine neue Lösung,

00:29:33.000 --> 00:29:34.600
mit der man so ein konkretes Problem lösen kann.

00:29:35.000 --> 00:29:36.600
Sarah Zerback: Dafür braucht es vor allem Zeit,

00:29:37.000 --> 00:29:39.600
um gegenseitiges Vertrauen aufbauen zu können.

00:29:40.000 --> 00:29:43.600
Erst dadurch zeigen sich manchmal die wichtigen Themen und Lösungsmöglichkeiten.

00:29:44.000 --> 00:29:45.600
Gisela Wachinger beschreibt ein Beispiel aus ihrer Arbeit

00:29:46.000 --> 00:29:50.600
Gisela Wachinger: An diesem runden Tisch gab es viele Verbände von Bürgerinnen und Bürgern,

00:29:51.000 --> 00:29:55.600
die sich auch um bestimmte Bodendenkmäler gekümmert haben

00:29:56.000 --> 00:29:59.600
und es gab Naturschutzverbände, die dort sehr aktiv waren.

00:30:00.000 --> 00:30:04.600
Da war dann ein Thema: der Forst, die Mitarbeiter der Gemeinde,

00:30:05.000 --> 00:30:08.600
die pflügen ja einfach durch den Wald durch mit ihren großen Maschinen

00:30:09.000 --> 00:30:11.600
und sehen überhaupt nicht mehr rechts und links,

00:30:12.000 --> 00:30:12.600
wie sehr das alles da kaputt geht.

00:30:13.000 --> 00:30:20.600
Und da hätten eben solche Waldarbeiter dann ein Quellgebiet und einen Bach zerstört,

00:30:21.000 --> 00:30:23.600
in dem Steinkrebse vorkommen.

00:30:24.000 --> 00:30:26.600
Und Steinkrebse sind besonders geschützte Arten.

00:30:27.000 --> 00:30:31.600
Die sind auch vom Gesetz so geschützt, dass das nicht passieren darf.

00:30:32.000 --> 00:30:33.600
Es passiert aber doch.

00:30:34.000 --> 00:30:38.600
Und zunächst waren da wirklich sehr starke Fronten zwischen den Parteien,

00:30:39.000 --> 00:30:42.600
die haben sich gegenseitig die schlimmsten Sachen unterstellt.

00:30:43.000 --> 00:30:46.600
Also, dass das mit Absicht gemacht wurde auf der einen Seite

00:30:47.000 --> 00:30:48.600
und auf der anderen Seite, dass es vielleicht gar keine Steinkrebse dort gibt

00:30:49.000 --> 00:30:53.600
und die nur erfunden werden, damit man den Waldarbeitern sagen kann,

00:30:54.000 --> 00:30:56.600
dass sie doch nicht die Wege kaputt machen sollen oder so.

00:30:57.000 --> 00:30:58.600
Sarah Zerback: Es braucht mehrere Mediationssitzungen,

00:30:59.000 --> 00:31:01.600
bis die Gruppe am Tisch zum eigentlichen Problem

00:31:02.000 --> 00:31:03.600
und damit auch zu einem Lösungsansatz kommt,

00:31:04.000 --> 00:31:06.600
um den Steinkrebs und damit die Biodiversität zu schützen.

00:31:07.000 --> 00:31:09.600
Gisela Wachinger: Und dann kam raus, dass das Problem eigentlich ist,

00:31:10.000 --> 00:31:14.600
dass die Information nicht zu den Mitarbeitern gelangt ist,

00:31:15.000 --> 00:31:17.600
die dann da wirklich mit den großen Maschinen rausfahren.

00:31:18.000 --> 00:31:22.600
Und zwar einerseits, weil die gar nicht den Zugang zu den Karten und so hatten,

00:31:23.000 --> 00:31:24.600
um zu wissen, wo ist dieses Quellgebiet.

00:31:25.000 --> 00:31:29.600
Und andererseits, weil die auch keine Zeit hatten und es auch keine Vorgespräche gab,

00:31:30.000 --> 00:31:33.600
wo das vielleicht noch mal besprochen hätte werden können,

00:31:34.000 --> 00:31:39.600
weil eine Kommune immer den billigsten Anbieter nehmen muss für solche Arbeiten.

00:31:40.000 --> 00:31:43.600
Und das heißt, man musste, um die Lösung dann wirklich zu finden für so ein Problem,

00:31:44.000 --> 00:31:49.600
so weit reingehen, dass man sagt, ja, vielleicht muss man die Leitlinien der Kommune ändern,

00:31:50.000 --> 00:31:57.600
dass eben Aufträge auch vergeben werden können an Waldarbeiten, die das alles berücksichtigen.

00:31:58.000 --> 00:32:00.600
Also, dass Waldarbeiten nach Qualität vergeben werden

00:32:01.000 --> 00:32:05.600
und nicht so sehr nur an den günstigen Anbieter.

00:32:06.000 --> 00:32:10.600
Und man denkt zunächst wahrscheinlich nicht, dass das so viel mit Biodiversität zu tun hat,

00:32:11.000 --> 00:32:15.600
aber das sind die konkreten Lösungsmöglichkeiten, um bestimmte Arten zu schützen.

00:32:16.000 --> 00:32:21.600
Sarah Zerback: Häufig stehen bei Naturschutzkonflikten einzelne Arten im Mittelpunkt, sagt Gisela Wachinger.

00:32:22.000 --> 00:32:23.600
Ein prominentes Beispiel ist der Juchtenkäfer.

00:32:24.000 --> 00:32:30.600
Weil der stark gefährdet ist, musste das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 damals kurzzeitig gestoppt werden.

00:32:31.000 --> 00:32:33.600
In der Mediation soll es jedoch auch um Argumente gehen,

00:32:34.000 --> 00:32:35.600
die vor Gericht weniger Bestand hätten.

00:32:36.000 --> 00:32:38.600
Gisela Wachinger: Das Problem bei den Naturschutz- und Biodiversitätskonflikten ist oft,

00:32:39.000 --> 00:32:43.600
dass einzelne Arten herausgehoben werden als Streitfaktor,

00:32:44.000 --> 00:32:48.600
nur deswegen, weil man weiß, diese Arten haben eine rechtliche Relevanz.

00:32:49.000 --> 00:32:53.600
Und dass dann gleichzeitig aber die Parteien sich gegenseitig vorwerfen,

00:32:54.000 --> 00:32:56.600
dir geht es ja gar nicht um die Art, dir geht es ja um was anderes.

00:32:57.000 --> 00:33:00.600
Und das muss man dann in der Mediation einfach herausarbeiten,

00:33:01.000 --> 00:33:05.600
dass es alles berechtigt ist, also sowohl wenn man sagt,

00:33:06.000 --> 00:33:08.600
es geht einem tatsächlich um die Art, wie diesen Steinkrebs zum Beispiel,

00:33:09.000 --> 00:33:11.600
aber auch wenn es einem um die Landschaft an sich geht

00:33:12.000 --> 00:33:16.600
oder den Erholungsfaktor oder dass Flächen nicht versiegelt werden

00:33:17.000 --> 00:33:18.600
oder dass bestimmte Projekte ermöglicht werden.

00:33:19.000 --> 00:33:22.600
Das sind ja Interessen, die man auch gegenseitig verstehen kann.

00:33:23.000 --> 00:33:25.600
Sarah Zerback: Oft gibt es auch Konflikte mit Bereichen,

00:33:26.000 --> 00:33:29.600
die ganz nah beieinander liegen und eigentlich etwas Ähnliches wollen.

00:33:30.000 --> 00:33:33.600
Zum Beispiel wenn Wald für den Bau von Windrädern gerodet werden soll,

00:33:34.000 --> 00:33:36.600
und damit Klimaschutz in Konflikt mit Naturschutz gerät.

00:33:37.000 --> 00:33:40.600
Und es kann auch schwierig werden, mehrere Arten gleichzeitig zu schützen.

00:33:41.000 --> 00:33:44.600
Ein typisches Beispiel dafür: das Thema Deichrückverlegung.

00:33:45.000 --> 00:33:50.600
Gisela Wachinger: Dass Deiche, die das Gebiet um Flüsse schützen sollen vor Überflutung,

00:33:51.000 --> 00:33:54.600
dass die zurückverlegt werden, mehr ins Landesinnere,

00:33:55.000 --> 00:33:58.600
damit größere Bereiche entstehen, wo der Fluss frei fließen kann

00:33:59.000 --> 00:34:02.600
und wo vielleicht dann auch wieder so eine Art Auwald entstehen kann

00:34:03.000 --> 00:34:08.600
oder eben vernässte Flächen, was die Biodiversität sehr stark erhöhen würde

00:34:09.000 --> 00:34:14.600
und eben besonders die Arten wieder fördern würde,

00:34:15.000 --> 00:34:18.600
die in solchen Gebieten leben, die manchmal überflutet sind und manchmal nicht,

00:34:19.000 --> 00:34:20.600
also Pflanzen- und Tierarten.

00:34:21.000 --> 00:34:27.600
Gleichzeitig sind aber diese Deiche jetzt mittlerweile oft von besonderen Magerwiesen bewachsen.

00:34:28.000 --> 00:34:31.600
Weil wenn diese Deiche auf eine besondere Art gepflegt werden, selten gemäht werden oder so,

00:34:32.000 --> 00:34:37.600
dann entstehen auf diesen oft kiesigen Deichen wirklich ganz besondere Magerwiesen,

00:34:38.000 --> 00:34:40.600
also ganz besondere Blumenzusammensetzungen auch.

00:34:41.000 --> 00:34:46.600
In dem Moment, wo man die Deiche wegnimmt und nach hinten verlegt, zerstört man diese Magerwiesen.

00:34:47.000 --> 00:34:47.600
Das ist eigentlich verboten.

00:34:48.000 --> 00:34:51.600
Und die Frage ist, wie findet man da eine Möglichkeit,

00:34:52.000 --> 00:34:54.600
um diese Magerwiesen vielleicht zu erhalten,

00:34:55.000 --> 00:35:00.600
gleichzeitig auch diese Überflutung wieder neu zu ermöglichen, das Gewässer zu schützen.

00:35:01.000 --> 00:35:05.600
Und es gibt da Projekte, aber diese Projekte sind wirklich dadurch ausgezeichnet,

00:35:06.000 --> 00:35:10.600
dass diese unterschiedlichen Behörden und Verbände und Interessengruppen sich ganz eng abstimmen

00:35:11.000 --> 00:35:15.600
und sich überlegen, an welcher Stelle ist es jetzt sinnvoll, an welcher Stelle nicht,

00:35:16.000 --> 00:35:22.600
wie kann man Orchideen umpflanzen oder Mähgut transportieren,

00:35:23.000 --> 00:35:25.600
dass sie trotzdem woanders noch wachsen können,

00:35:26.000 --> 00:35:29.600
um da beide Aspekte von Biodiversität fördern zu können.

00:35:30.000 --> 00:35:30.600
Sarah Zerback: Es geht bei der Mediation darum,

00:35:31.000 --> 00:35:33.600
einen Konsens und eine gemeinsame Lösung zu finden.

00:35:34.000 --> 00:35:35.600
Das Aushandeln ist wichtig.

00:35:36.000 --> 00:35:41.600
Aber es gibt beim Thema Biodiversität auch sowas wie eine natürliche Grenze des Verhandelbaren.

00:35:42.000 --> 00:35:45.600
Gisela Wachinger: Das Problem ist, die Ressource Fläche ist auf jeden Fall endlich

00:35:46.000 --> 00:35:48.600
und die Biodiversität hängt von der Fläche ab.

00:35:49.000 --> 00:35:53.600
Und wir können nicht zu viele Kompromisse machen oder auch Konsense formulieren,

00:35:54.000 --> 00:35:59.600
indem man eine Fläche aufteilt oder nach verschiedenen Interessen belegt und noch mal belegt.

00:36:00.000 --> 00:36:05.600
Die größte Gefahr für den Erhalt der Biodiversität ist der Verlust von Flächen.

00:36:06.000 --> 00:36:11.600
Und die Fläche als Ressource ist eben deswegen nicht ohne Ende aushandelbar.

00:36:12.000 --> 00:36:13.600
Sarah Zerback: Gisela Wachinger betont allerdings auch:

00:36:14.000 --> 00:36:15.600
Man muss sich nicht um jeden Preis verstehen

00:36:16.000 --> 00:36:19.600
und Mediation ist immer eingebunden in demokratische Prozesse.

00:36:20.000 --> 00:36:22.600
Gisela Wachinger: Mediation ist ein Konfliktlösungsverfahren,

00:36:23.000 --> 00:36:26.600
was auf Argumenten beruht und wo man einen gemeinsamen Konsens findet.

00:36:27.000 --> 00:36:33.600
Es steht deswegen nicht, überhaupt nicht, entgegen der repräsentativen Demokratie,

00:36:34.000 --> 00:36:37.600
sondern es muss in demokratische Prozesse einbezogen werden.

00:36:38.000 --> 00:36:40.600
Zum Beispiel eben, indem wir sagen,

00:36:41.000 --> 00:36:42.600
wenn ein Gemeinderat darüber zu entscheiden hat,

00:36:43.000 --> 00:36:45.600
wie der Wald in Zukunft bewirtschaftet wird,

00:36:46.000 --> 00:36:48.600
dann ist es auch klar, dass er mit einbezogen sein muss

00:36:49.000 --> 00:36:51.600
und dass am Ende vielleicht ein runder Tisch kann einen Vorschlag erarbeiten,

00:36:52.000 --> 00:36:53.600
Wie der Wald bewirtschaftet werden muss

00:36:54.000 --> 00:36:58.600
und dass muss dann von dem repräsentativen Gremium verabschiedet werden.

00:36:59.000 --> 00:37:01.600
Also in den ganz normalen demokratischen Prozess eingehen.

00:37:02.000 --> 00:37:04.600
Es steht nicht außerhalb davon.

00:37:05.000 --> 00:37:09.600
Und auf der anderen Seite eben, wenn man dann nicht mehr an Demokratie glaubt

00:37:10.000 --> 00:37:12.600
und nicht mehr an wissenschaftsbasierte Fakten glaubt,

00:37:13.000 --> 00:37:15.600
dann hat Mediation auch keinen Sinn mehr.

00:37:16.000 --> 00:37:18.600
*Musik*

00:37:19.000 --> 00:37:19.600
Sarah Zerback: Was wir also mitnehmen können

00:37:20.000 --> 00:37:23.600
. Eine vielfältige Natur erfüllt viele Funktionen,

00:37:24.000 --> 00:37:25.600
die auch für den Menschen unverzichtbar sind.

00:37:26.000 --> 00:37:30.600
Insbesondere durch intensive Landnutzung gefährden wir aber immer mehr Ökosysteme.

00:37:31.000 --> 00:37:31.600
Das betont Sebastian Meyer.

00:37:32.000 --> 00:37:37.600
. Für den Schutz der Biodiversität kann auf allen Ebenen etwas getan werden:

00:37:38.000 --> 00:37:42.600
durch internationale Abkommen, nationale Gesetzgebung und auch durch individuelles Handeln.

00:37:43.000 --> 00:37:44.600
Das hat Kathrin Böhning-Gaese erklärt.

00:37:45.000 --> 00:37:51.600
. Um mit Zielkonflikten rund um Biodiversität umzugehen,kann eine Mediation hilfreich sein,

00:37:52.000 --> 00:37:54.600
damit Konfliktparteien zum Kern ihres Problems durchdringen,

00:37:55.000 --> 00:37:57.600
wie Gisela Wachinger berichtet hat.

00:37:58.000 --> 00:37:59.600
Allerdings gibt es auch Grenzen des Verhandelbaren,

00:38:00.000 --> 00:38:03.600
und manches Dilemma besteht sogar innerhalb des Artenschutzes.

00:38:04.000 --> 00:38:07.600
*Musik*

00:38:08.000 --> 00:38:08.600
Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

00:38:09.000 --> 00:38:13.600
In unserem Heft mit dem Titel „Biodiversität“ können Sie noch mehr zum Thema lesen.

00:38:14.000 --> 00:38:15.600
Den Link dazu finden Sie in den Shownotes.

00:38:16.000 --> 00:38:18.600
Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast.

00:38:19.000 --> 00:38:23.600
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de.

00:38:24.000 --> 00:38:25.600
In vier Wochen erscheint die nächste Folge.

00:38:26.000 --> 00:38:28.600
Dann sprechen wir über Propaganda und Desinformation.

00:38:29.000 --> 00:38:30.600
Mein Name ist Sarah Zerback – bis zum nächsten Mal.

00:38:31.000 --> 00:38:44.600
*Musik*

00:38:45.000 --> 00:38:47.600
Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion

00:38:48.000 --> 00:38:50.600
in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:38:51.000 --> 00:38:55.600
Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Johannes Piepenbrink und Isabel Röder.

00:38:56.000 --> 00:38:58.600
Produktion: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald.

00:38:59.000 --> 00:39:00.600
Am Mikrofon war Sarah Zerback.

00:39:01.000 --> 00:39:03.600
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:39:04.000 --> 00:39:08.000
und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.

WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:07.600
*Vogelstimmen*

00:00:08.000 --> 00:00:10.600
Sarah Zerback: Was Sie gerade gehört haben, ist richtig gesund

00:00:11.000 --> 00:00:14.600
Denn Vogelstimmen zu hören, verbessert unser psychisches Wohlbefinden,

00:00:15.000 --> 00:00:19.600
das haben Forschende am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung festgestellt.

00:00:20.000 --> 00:00:21.600
Je mehr Vögel, umso besser also.

00:00:22.000 --> 00:00:24.600
Allerdings werden die Vögel immer weniger.

00:00:25.000 --> 00:00:26.600
*Musik*

00:00:27.000 --> 00:00:29.600
Rund eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht,

00:00:30.000 --> 00:00:31.600
das schätzt der Weltbiodiversitätsrat.

00:00:32.000 --> 00:00:36.600
Das sind mehr als je zuvor und es ist nicht nur für die betroffenen Arten ein Problem,

00:00:37.000 --> 00:00:39.600
sondern für die Funktionsweisen ganzer Ökosysteme

00:00:40.000 --> 00:00:41.600
und damit auch für uns.

00:00:42.000 --> 00:00:44.600
Wie es um die Biodiversität steht,

00:00:45.000 --> 00:00:46.600
welche Bedeutung sie für unser Leben hat

00:00:47.000 --> 00:00:47.600
und wie sie besser geschützt werden kann,

00:00:48.000 --> 00:00:51.600
darum geht es in dieser Folge von „Aus Politik und Zeitgeschichte“

00:00:52.000 --> 00:00:53.600
und ich bin Sarah Zerback.

00:00:54.000 --> 00:00:57.600
Der Biologe Sebastian Meyer erklärt, warum wir Biodiversität brauchen.

00:00:58.000 --> 00:00:59.600
Die Biologin Kathrin Böhning-Gaese beschreibt,

00:01:00.000 --> 00:01:03.600
was wir tun können, um Biodiversität besser zu schützen.

00:01:04.000 --> 00:01:06.600
Und die Mediatorin Gisela Wachinger berichtet von ihren Erfahrungen

00:01:07.000 --> 00:01:10.600
in Konflikten rund um Naturschutz und Biodiversität.

00:01:11.000 --> 00:01:13.600
Die Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“

00:01:14.000 --> 00:01:18.600
zum Thema „Biodiversität“ finden Sie auf bpb.de/apuz.

00:01:19.000 --> 00:01:21.600
Wie immer gibt es auch zu dieser Folge ein Transkript.

00:01:22.000 --> 00:01:25.600
Sie finden es in der bpb-Mediathek oder als Link in den Shownotes.

00:01:26.000 --> 00:01:42.600
*Musik*

00:01:43.000 --> 00:01:48.600
Die Vielfalt der Lebewesen auf unserem Planeten, von Regenwald bis Arktis, scheint grenzenlos,

00:01:49.000 --> 00:01:50.600
tatsächlich wird sie aber immer kleiner.

00:01:51.000 --> 00:01:54.600
Die Weltnaturschutzunion gibt jedes Jahr eine Liste heraus, in der sie festhält,

00:01:55.000 --> 00:01:58.600
welche Arten aktuell bedroht sind oder als ausgestorben gelten.

00:01:59.000 --> 00:02:01.600
2025 sind noch einige dazugekommen:

00:02:02.000 --> 00:02:06.600
Auch der Dünnschnabel-Brachvogel, die Weihnachtsinsel-Spitzmaus und die Kegelschnecke gelten jetzt als ausgestorben.

00:02:07.000 --> 00:02:09.600
Sie gibt es einfach nicht mehr.

00:02:10.000 --> 00:02:13.600
Biodiversität ist aber mehr als Artenvielfalt.

00:02:14.000 --> 00:02:17.600
Was genau heißt Biodiversität, und was bedeutet ihr Verlust für uns?

00:02:18.000 --> 00:02:20.600
Darüber habe ich mit Sebastian Meyer gesprochen.

00:02:21.000 --> 00:02:24.600
Er ist Professor am Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie an der TU München.

00:02:25.000 --> 00:02:25.600
Schönen guten Tag Herr Meyer.

00:02:26.000 --> 00:02:29.600
Sebastian Meyer: Guten Tag Frau Zerback und vielen Dank für die Einladung.

00:02:30.000 --> 00:02:33.600
Sarah Zerback: Ja, also Biodiversität, Vielfalt des Lebens, wenn man es mal übersetzt,

00:02:34.000 --> 00:02:35.600
da kann ja irgendwie jeder und jede was mit anfangen,

00:02:36.000 --> 00:02:39.600
aber so richtig definieren können das wohl die wenigsten.

00:02:40.000 --> 00:02:43.600
Fangen wir vielleicht damit an, was also ist Biodiversität?

00:02:44.000 --> 00:02:47.600
Sebastian Meyer: Tatsächlich ganz grob gefasst, ganz weit gefasst

00:02:48.000 --> 00:02:53.600
ist es diese gesamte Vielfalt von Biologie auf der Welt, angefangen bei Arten.

00:02:54.000 --> 00:02:55.600
Das ist vielleicht das, wo die meisten dran denken.

00:02:56.000 --> 00:02:59.600
Wie viele Vögel, wie viele Pflanzen, wie viele Fische gibt es irgendwo.

00:03:00.000 --> 00:03:01.600
Aber selbst innerhalb der Arten gibt es Diversität.

00:03:02.000 --> 00:03:05.600
Also die genetische Vielfalt innerhalb einer Art,

00:03:06.000 --> 00:03:09.600
kann man sich vielleicht am besten vorstellen mit gezüchteter Vielfalt,

00:03:10.000 --> 00:03:14.600
irgendwie Kultursorten von Kohl, von Äpfeln, von Hunderassen.

00:03:15.000 --> 00:03:18.600
Das ist alles eine Art, aber unglaublich divers innerhalb der Art.

00:03:19.000 --> 00:03:22.600
Und über den Arten gibt es dann noch die Vielfalt der Ökosysteme,

00:03:23.000 --> 00:03:25.600
die unterschiedlichst ausgeprägt sind auf der Welt

00:03:26.000 --> 00:03:31.600
von Wäldern, Savannen, polare Gebiete, alles, was Sie sich vorstellen können.

00:03:32.000 --> 00:03:35.600
Sarah Zerback: Das klingt schon sehr divers und irgendwie auch schwer greifbar

00:03:36.000 --> 00:03:39.600
und was ich bei der Recherche gehört habe eben auch nicht leicht messbar, oder?

00:03:40.000 --> 00:03:40.600
Sebastian Meyer: Tatsächlich schon.

00:03:41.000 --> 00:03:44.600
Also dieses Bild, was man vielleicht im Kopf hat,

00:03:45.000 --> 00:03:48.600
was Biologen machen, was Naturforscher machen,

00:03:49.000 --> 00:03:51.600
mit dem Insektenkescher durch die Welt laufen, Individuen fangen

00:03:52.000 --> 00:03:56.600
und dann hinterher beschreiben, zeichnen und ihnen Namen geben,

00:03:57.000 --> 00:04:00.600
das ist tatsächlich immer noch wie viel Diversitätsmessen funktioniert.

00:04:01.000 --> 00:04:06.600
Also wir müssen die einzelnen Individuen sehen, beschreiben und ihnen Namen geben und zählen.

00:04:07.000 --> 00:04:07.600
Sarah Zerback: Richtig Handarbeit.

00:04:08.000 --> 00:04:08.600
Sebastian Meyer: Auf jeden Fall.

00:04:09.000 --> 00:04:13.600
Also das ist wirlich ein langwieriger Prozess natürlich für ein Gebiet,

00:04:14.000 --> 00:04:15.600
weil das alles dann auch noch variabel ist.

00:04:16.000 --> 00:04:18.600
Nicht jede Art ist zu jedem Zeitpunkt da.

00:04:19.000 --> 00:04:19.600
Das hängt mit Jahreszeiten zusammen,

00:04:20.000 --> 00:04:25.600
das hängt mit unterschiedlichen Umweltbedingungen, Wetterfluktuationen zusammen.

00:04:26.000 --> 00:04:27.600
Das heißt, es reicht auch nicht nur einmal zu messen,

00:04:28.000 --> 00:04:30.600
man muss dann wiederholt häufig messen.

00:04:31.000 --> 00:04:34.600
Und es ist einfach eine sehr große Aufgabe, weil es so divers ist,

00:04:35.000 --> 00:04:37.600
weil es so viele unterschiedliche Dinge gibt, die wir alle beschreiben müssten,

00:04:38.000 --> 00:04:40.600
um die gesamte Diversität von der Fläche zu beschreiben.

00:04:41.000 --> 00:04:42.600
Sarah Zerback: Man kennt das jetzt vom Klimawandel,

00:04:43.000 --> 00:04:48.600
da arbeiten und kommunizieren ja viele mit dem CO2-Gehalt in der Atmosphäre.

00:04:49.000 --> 00:04:49.600
Wie ist das bei der Biodiversität?

00:04:50.000 --> 00:04:52.600
Gibt es da auch so einen Marker oder so einen Fühler?

00:04:53.000 --> 00:04:55.600
Sebastian Meyer: Also die Zahl, die vermutlich am häufigsten verwendet wird,

00:04:56.000 --> 00:04:58.600
Ist tatsächlich die Anzahl Arten, die vorkommen.

00:04:59.000 --> 00:05:00.600
Insofern wäre das unser Indikator.

00:05:01.000 --> 00:05:02.600
Der Unterschied zum CO2-Gehalt ist:

00:05:03.000 --> 00:05:04.600
Wir können einen Sensor irgendwo hinhängen

00:05:05.000 --> 00:05:08.600
und der kann uns kontinuierlich den CO2-Gehalt messen.

00:05:09.000 --> 00:05:09.600
Mit Diversität können wir das eben nicht.

00:05:10.000 --> 00:05:12.600
Mit Diversität steckt da all diese Handarbeit hintendran

00:05:13.000 --> 00:05:16.600
und tatsächlich ist es auch Teil von aktueller Forschung,

00:05:17.000 --> 00:05:20.600
so was wie einen Biodiversitätsfühler zu entwickeln.

00:05:21.000 --> 00:05:24.600
Also es gibt neuere Methoden, environmental DNA,

00:05:25.000 --> 00:05:27.600
es werden quasi DNA-Proben aus der Umwelt gewonnen

00:05:28.000 --> 00:05:31.600
und dann werden die sequenziert und dann kann man gucken, was da drin ist.

00:05:32.000 --> 00:05:35.600
Es gibt Forschung unter Einsatz von künstlicher Intelligenz,

00:05:36.000 --> 00:05:39.600
Fotos zu machen, akustische Signale aufzunehmen

00:05:40.000 --> 00:05:40.600
und die hinterher zu bestimmen.

00:05:41.000 --> 00:05:44.600
Das werden alles Prozesse sein, die mal helfen können,

00:05:45.000 --> 00:05:47.600
vielleicht zu so einem Diversitätsfühler zu kommen.

00:05:48.000 --> 00:05:49.600
Bislang sind wir da einfach noch nicht so weit.

00:05:50.000 --> 00:05:54.600
Bislang müssen wir es tatsächlich einfach händisch fangen und beschreiben.

00:05:55.000 --> 00:05:58.600
Sarah Zerback: Wo ist denn die Biodiversität am größten

00:05:59.000 --> 00:06:00.600
oder ist die gleichmäßig über die Erde verteilt?

00:06:01.000 --> 00:06:02.600
Sebastian Meyer: Nein, die ist sehr ungleichmäßig verteilt.

00:06:03.000 --> 00:06:04.600
Also, wenn man an große globale Muster denkt,

00:06:05.000 --> 00:06:10.600
ist ganz definitiv, die Tropen sind der Hotspot der Biodiversität.

00:06:11.000 --> 00:06:16.600
Artenreichtum pro Fläche ist da um ein Vielfaches höher als es zum Beispiel bei uns ist.

00:06:17.000 --> 00:06:20.600
Also ein Hektar tropischer Wald enthält mehr Baumarten als irgendwie ganz Europa.

00:06:21.000 --> 00:06:24.600
Also unglaubliche Vielfalt.

00:06:25.000 --> 00:06:28.600
Also wir schätzen, und weil es Schätzungen sind, gibt es da so eine Range,

00:06:29.000 --> 00:06:33.600
irgendwas zwischen 8 Komma paar Millionen, 10 Millionen,

00:06:34.000 --> 00:06:35.600
manche Schätzungen gehen noch deutlich viel höher,

00:06:36.000 --> 00:06:40.600
Arten gibt es auf der Welt, beschrieben davon sind ein bisschen mehr als eine Million.

00:06:41.000 --> 00:06:43.600
Das heißt, wir kennen vielleicht ein Zehntel

00:06:44.000 --> 00:06:45.600
und den Rest kennen wir noch gar nicht.

00:06:46.000 --> 00:06:48.600
Ein ganz großer Teil dieser Diversität sind Insekten

00:06:49.000 --> 00:06:52.600
und ganz viele eben in den Tropen, in den Kronräumen.

00:06:53.000 --> 00:06:55.600
Und die andere große Unerforschte ist der Boden.

00:06:56.000 --> 00:06:57.600
Der Boden ist unglaublich divers,

00:06:58.000 --> 00:07:01.600
aber auch viel schwieriger zugänglich und dadurch schlechter beschrieben.

00:07:02.000 --> 00:07:05.600
Sarah Zerback: Wenn das so ist, also noch so viele Fragezeichen eigentlich da sind

00:07:06.000 --> 00:07:09.600
und es keinen Biodiversitätsfühler, wie Sie es genannt haben, gibt,

00:07:10.000 --> 00:07:13.600
stelle ich mir das auch wahnsinnig schwierig vor in der Wissenschaftskommunikation,

00:07:14.000 --> 00:07:16.600
also auch in der Kommunikation nach außen.

00:07:17.000 --> 00:07:19.600
Ist das ein Problem, um auch die Dringlichkeit

00:07:20.000 --> 00:07:23.600
und die Wichtigkeit von Biodiversität nach außen hin zu kommunizieren?

00:07:24.000 --> 00:07:24.600
Sebastian Meyer: Definitiv.

00:07:25.000 --> 00:07:28.600
Also es ist natürlich ein Thema, warum brauchen wir Diversität überhaupt?

00:07:29.000 --> 00:07:32.600
Da werden wir im weiteren Verlauf sicher noch drauf kommen.

00:07:33.000 --> 00:07:35.600
Aber um bei diesem Kommunikationsthema speziell zu bleiben,

00:07:36.000 --> 00:07:38.600
es gibt – also ich bin an der TU München,

00:07:39.000 --> 00:07:44.600
und Bayern ist relativ berühmt geworden für dieses Volksbegehren zur Artenvielfalt,

00:07:45.000 --> 00:07:48.600
ausgelöst durch diese Krefeld-Studie, die gezeigt hat,

00:07:49.000 --> 00:07:52.600
75 Prozent Rückgang in der Biomasse von Insekten in Deutschland,

00:07:53.000 --> 00:07:56.600
und zwar nicht irgendwo, sondern in bereits geschützten Gebieten.

00:07:57.000 --> 00:07:59.600
Selbst da geht die Biomasse der Insekten so drastisch zurück.

00:08:00.000 --> 00:08:03.600
Und das hat berechtigterweise zu einem großen Aufschrei geführt

00:08:04.000 --> 00:08:05.600
und auch zu einem großen medialen Interesse geführt.

00:08:06.000 --> 00:08:09.600
Dann gab es dieses Volksbegehren in Bayern, das sehr erfolgreich war,

00:08:10.000 --> 00:08:13.600
das dann unter dem griffigen Slogan lief „Rettet die Bienen“.

00:08:14.000 --> 00:08:20.600
Und das funktionierte, weil jeder sich mit Bienen irgendwie identifizieren kann.

00:08:21.000 --> 00:08:23.600
Jeder hat irgendwie mal Biene Maja gesehen oder so was.

00:08:24.000 --> 00:08:30.600
Das hat dann aber im Nachgang dazu geführt, dass es jetzt ganz viele neue Hobbyimker gibt.

00:08:31.000 --> 00:08:33.600
Die argumentieren, dass sie da was für Biodiversität tun.

00:08:34.000 --> 00:08:37.600
Und ich finde es toll, wenn Leute sich für Natur interessieren.

00:08:38.000 --> 00:08:40.600
Ich finde es auch toll, wenn Leute imkern,

00:08:41.000 --> 00:08:43.600
aber das löst nicht die Biodiversitätskrise, eher im Gegenteil.

00:08:44.000 --> 00:08:48.600
Wir tragen dazu bei, dass wir ein domestiziertes Insekt,

00:08:49.000 --> 00:08:51.600
ein Nutztier in noch größeren Mengen halten

00:08:52.000 --> 00:08:56.600
und dieses Nutztier konkurriert dann mit Wildarten um Ressourcen

00:08:57.000 --> 00:08:59.600
und verstärkt vielleicht sogar noch den Rückgang in den Wildbienen.

00:09:00.000 --> 00:09:02.600
Das heißt, man muss sehr, sehr aufpassen,

00:09:03.000 --> 00:09:06.600
wie solche Aussagen dann interpretiert werden

00:09:07.000 --> 00:09:08.600
und was Leute darunter verstehen

00:09:09.000 --> 00:09:11.600
und dann eben auch für Schutzintentionen

00:09:12.000 --> 00:09:14.600
und auch für Handlungsdirektiven daraus ableiten.

00:09:15.000 --> 00:09:16.600
Sarah Zerback: Man muss es irgendwie griffig machen,

00:09:17.000 --> 00:09:20.600
aber es zu sehr runterbrechen ist eben dann auch kontraproduktiv.

00:09:21.000 --> 00:09:23.600
Wozu ist Biodiversität denn eigentlich wichtig?

00:09:24.000 --> 00:09:31.600
Sebastian Meyer: Biodiversität ist wichtig, weil all diese Arten in Ökosystemen Sachen machen.

00:09:32.000 --> 00:09:34.600
Die fressen, die werden gefressen.

00:09:35.000 --> 00:09:39.600
Ökosysteme sind nach außen offene, aber in sich extrem vernetzte Systeme,

00:09:40.000 --> 00:09:43.600
in denen Energie transportiert wird, in denen Ressourcen transportiert werden,

00:09:44.000 --> 00:09:45.600
in denen Informationen transportiert werden.

00:09:46.000 --> 00:09:50.600
Und all diese, wir nennen es biogeochemischen Kreisläufe,

00:09:51.000 --> 00:09:55.600
all dieses Umsetzen von Kohlenstoff, von Stickstoff, von Phosphor,

00:09:56.000 --> 00:09:58.600
all der Elemente, die in organischem Material vorkommen,

00:09:59.000 --> 00:10:01.600
ist darauf angewiesen, dass diese Prozesse laufen.

00:10:02.000 --> 00:10:04.600
Vielleicht einfacheres Beispiel

00:10:05.000 --> 00:10:08.600
Wenn wir eine Wiese haben und wir wollen ernten,

00:10:09.000 --> 00:10:10.600
um damit unsere Kühe zu füttern oder sowas,

00:10:11.000 --> 00:10:12.600
sind wir darauf angewiesen, dass da eine Menge Ertrag entsteht,

00:10:13.000 --> 00:10:14.600
eine Menge Biomasse wächst.

00:10:15.000 --> 00:10:18.600
Und wie viel Biomasse da wächst, hängt davon ab,

00:10:19.000 --> 00:10:21.600
welche Arten vorkommen und wie viele Arten da vorkommen.

00:10:22.000 --> 00:10:25.600
Es gibt Arten, die unter unterschiedlichen Bedingungen besser wachsen.

00:10:26.000 --> 00:10:28.600
Wir haben ein feuchtes Jahr, wir haben ein trockenes Jahr.

00:10:29.000 --> 00:10:29.600
In dem einen Jahr wächst die eine Art besser,

00:10:30.000 --> 00:10:31.600
in dem anderen Jahr wächst die andere Art besser.

00:10:32.000 --> 00:10:38.600
Aber dann ist dieses System mit zwei Arten stabiler bei wechselnden Umweltbedingungen.

00:10:39.000 --> 00:10:41.600
Jetzt haben wir nicht nur Feuchtigkeit, sondern wir haben ganz viele Umweltbedingungen.

00:10:42.000 --> 00:10:48.600
Wir haben Interaktionen mit Pathogenen, mit Mikroorganismen, positive wie negative.

00:10:49.000 --> 00:10:53.600
Wir haben Interaktionen zwischen den Arten untereinander, die konkurrieren um Ressourcen

00:10:54.000 --> 00:10:56.600
und unterschiedliche Arten nehmen dann aus dem Boden unterschiedliche Ressourcen

00:10:57.000 --> 00:10:59.600
aus unterschiedlichen Wurzeltiefen auf

00:11:00.000 --> 00:11:03.600
und können insgesamt mehr produzieren als wenn nur eine Art da steht,

00:11:04.000 --> 00:11:07.600
wo alle Individuen gleich tief wurzeln und alle untereinander konkurrieren.

00:11:08.000 --> 00:11:12.600
Diese Art von Teamarbeit, wenn man so will, das nennen wir Komplementarität.

00:11:13.000 --> 00:11:17.600
Arten unterscheiden sich in ihren Eigenschaften und damit in ihren Beiträgen zu Ökosystemen.

00:11:18.000 --> 00:11:19.600
Und deswegen ist Biodiversität wichtig.

00:11:20.000 --> 00:11:23.600
Sarah Zerback: bei einigen Tier- und Pflanzenarten gibt es ja Beispiele,

00:11:24.000 --> 00:11:24.600
die Biene haben wir schon angesprochen,

00:11:25.000 --> 00:11:29.600
aber die sind sehr griffig und fast schon weltweit bekannt,

00:11:30.000 --> 00:11:35.600
also der Eisbär, fast schon ikonisch ja auch für die Umwelt- und Klimabewegung, das Korallensterben.

00:11:36.000 --> 00:11:40.600
Können Sie quantifizieren, wie viele Arten weltweit tatsächlich bedroht sind?

00:11:41.000 --> 00:11:44.600
Sebastian Meyer: Es ist natürlich eine Herausforderung zu quantifizieren, wie viel bedroht ist,

00:11:45.000 --> 00:11:46.600
wenn wir gar nicht wissen, was es alles gibt.

00:11:47.000 --> 00:11:51.600
Insofern arbeitet man quasi mit Schätzungen von dem Teil,

00:11:52.000 --> 00:11:54.600
den wir kennen, wie viel davon ist bedroht.

00:11:55.000 --> 00:11:59.600
Das machen international die YUCN, eine NGO,

00:12:00.000 --> 00:12:05.600
die eben den Gefährdungsstatus von Arten betrachtet.

00:12:06.000 --> 00:12:11.600
Und von den Arten, die wir kennen, fokussiert man dann häufig noch mal auf die Wirbeltiere,

00:12:12.000 --> 00:12:15.600
also Vögel, Säugetiere, Amphibien, Reptilien,

00:12:16.000 --> 00:12:18.600
weil das die am besten beschriebenen Gruppen sind

00:12:19.000 --> 00:12:22.600
und auch die Gruppen, wo man über die Populationen,

00:12:23.000 --> 00:12:26.600
über das Vorkommen von Individuen am besten Bescheid weiß.

00:12:27.000 --> 00:12:32.600
Das wird dann zusammengefasst in zum Beispiel dem IPBES-Bericht,

00:12:33.000 --> 00:12:35.600
IPBES ist quasi die von der UN eingerichtete Organisation

00:12:36.000 --> 00:12:39.600
zur Bewertung der Biodiversitätssituation

00:12:40.000 --> 00:12:44.600
und damit eigentlich auch die international anerkannteste Referenz.

00:12:45.000 --> 00:12:49.600
Und die fassen dann in großen Assessments

00:12:50.000 --> 00:12:53.600
unter Beteiligung einer großen Vielzahl von Expertinnen und Experten

00:12:54.000 --> 00:12:59.600
global die Evidenz zusammen und deren Schlussfolgerung ist,

00:13:00.000 --> 00:13:03.600
von den maximal 10 Millionen Arten, die wir vermutlich haben,

00:13:04.000 --> 00:13:07.600
sind eine Million, zehn Prozent, existenziell bedroht.

00:13:08.000 --> 00:13:11.600
Sarah Zerback: Wenn ich Ihnen so zuhöre und Sie beschreiben das in ihrer ganzen Komplexität,

00:13:12.000 --> 00:13:14.600
dann könnte ich mir vorstellen, macht es ja auch einen Unterschied,

00:13:15.000 --> 00:13:17.600
wenn man noch mal in die Historie blickt

00:13:18.000 --> 00:13:20.600
und was man sozusagen auch als Nullpunkt definiert.

00:13:21.000 --> 00:13:25.600
Ob man sagt, ich gucke von jetzt oder ich gucke aus den 70ern.

00:13:26.000 --> 00:13:26.010
Das spielt auch eine Rolle?

00:13:26.000 --> 00:13:27.600
Sebastian Meyer: Das spielt eine sehr große Rolle.

00:13:28.000 --> 00:13:35.600
Es gab vor ein paar Jahren mal in der Wissenschafts-Community relativ hitzige Debatten darüber,

00:13:36.000 --> 00:13:39.600
weil es Studien gab, globale Synthesen gab,

00:13:40.000 --> 00:13:44.600
die sich lokale Artenanzahlveränderungen angeguckt haben

00:13:45.000 --> 00:13:47.600
und die dann entweder keine Evidenz für einen Artenverlust gefunden haben

00:13:48.000 --> 00:13:53.600
oder sogar positive Effekte, ansteigende Artenzahlen.

00:13:54.000 --> 00:13:59.600
Und die beste Erklärung dafür ist tatsächlich, was wir ein Shifting Baseline Bias nennen.

00:14:00.000 --> 00:14:03.600
Dass wir, wenn wir die Entwicklung, sagen wir, über die letzten 10,

00:14:04.000 --> 00:14:07.600
über die letzten 15 Jahre messen können oder gemessen haben

00:14:08.000 --> 00:14:12.600
und das dann vergleichen mit einem Referenzwert aus,

00:14:13.000 --> 00:14:16.600
sagen wir, 1970 oder so was, dann kann es sein,

00:14:17.000 --> 00:14:19.600
dass wir über die letzten 10-15 Jahre positive Effekte sehen.

00:14:20.000 --> 00:14:24.600
Natürlich findet Naturschutz statt, natürlich findet Renaturierung statt

00:14:25.000 --> 00:14:27.600
und die kann lokal die Artenzahlen verbessern.

00:14:28.000 --> 00:14:32.600
Aber dieser Zustand 1970 ist vielleicht schon komplett reduziert

00:14:33.000 --> 00:14:40.600
im Vergleich zu einer natürlichen Bedingung, sagen wir, um 1900 oder 1800.

00:14:41.000 --> 00:14:45.600
Nur haben wir für diese weit zurückliegenden Zeitpunkte meistens keine Daten.

00:14:46.000 --> 00:14:49.600
Das ist tatsächlich ein großes Problem, um zu zeigen,

00:14:50.000 --> 00:14:52.600
wo stehen wir denn eigentlich gerade aktuell.

00:14:53.000 --> 00:14:55.600
Sarah Zerback: Und die Ursache für diese Krise,

00:14:56.000 --> 00:14:59.600
die aktuelle der Biodiversität, ist das platt gesagt der Mensch?

00:15:00.000 --> 00:15:00.600
Sind wir das?

00:15:01.000 --> 00:15:02.600
Sebastian Meyer: Also, das ist die kürzeste denkbare Antwort,

00:15:03.000 --> 00:15:03.600
ja, das sind wir.

00:15:04.000 --> 00:15:06.600
Es ist die Art, wie wir die Erde transformieren,

00:15:07.000 --> 00:15:12.600
wie wir Boden bearbeiten, Boden verändern, Boden bebauen.

00:15:13.000 --> 00:15:19.600
Ganz klar, Landnutzung ist der große Treiber des Biodiversitätsverlusts.

00:15:20.000 --> 00:15:24.600
Neben, und das ist dann meistens für individuelle Arten, der direkten Nutzung,

00:15:25.000 --> 00:15:27.600
also der direkten Ausrottung durch Bejagung

00:15:28.000 --> 00:15:32.600
oder durch das Roden von Primärwäldern,

00:15:33.000 --> 00:15:35.600
vernichten wir natürlich die Baumarten selbst,

00:15:36.000 --> 00:15:41.600
die wir da fällen, aber auch den Lebensraum für all diese Vielfalt, die in diesem Wald mal gelebt hat.

00:15:42.000 --> 00:15:44.600
Also direkte Übernutzung und dann ist es Landnutzung.

00:15:45.000 --> 00:15:48.600
Sarah Zerback: Löst dann Kettenreaktionen aus, weil alles vernetzt ist.

00:15:49.000 --> 00:15:51.600
Was ist denn da in Deutschland der größte Treiber?

00:15:52.000 --> 00:15:54.600
Sebastian Meyer: Genau das Gleiche wie global mit dem Unterschied,

00:15:55.000 --> 00:16:01.600
dass es hier nicht mehr viel natürliche primäre Umwelt gibt,

00:16:02.000 --> 00:16:05.600
die man direkt zerstören könnte, sondern Europa ist ein Zentrum,

00:16:06.000 --> 00:16:10.600
was schon seit Jahrtausenden menschlich besiedelt und menschlich verändert ist.

00:16:11.000 --> 00:16:16.600
Und das muss nicht mal notwendigerweise sofort zu einer Reduktion von Diversität führen.

00:16:17.000 --> 00:16:22.600
Die Vorstellung für Zentraleuropa ist, dass ohne menschliches Zutun wir vermutlich,

00:16:23.000 --> 00:16:26.600
auch das wird diskutiert, wie sehr das stimmt,

00:16:27.000 --> 00:16:29.600
aber vermutlich einen relativ geschlossenen Buchenwald hätten.

00:16:30.000 --> 00:16:38.600
Und Buchenwald ist wichtig, natürlich, aber es ist nicht das diverseste Ökosystem, was wir haben.

00:16:39.000 --> 00:16:42.600
Sondern die Offenlandsysteme sind eigentlich artenreicher.

00:16:43.000 --> 00:16:46.600
Also extensive Wiesen, die klassische Kulturlandschaft,

00:16:47.000 --> 00:16:55.600
die wir irgendwie vielleicht noch so im Kopf haben aus sehr alten Filmen oder alten Gemälden.

00:16:56.000 --> 00:16:59.600
Diese Kulturlandschaft ist entstanden, weil der Mensch Wald gerodet hat

00:17:00.000 --> 00:17:03.600
und dann die Flächen sehr extensiv bewirtschaftet hat

00:17:04.000 --> 00:17:08.600
und damit Lebensraum für ganz viele Arten geschaffen hat.

00:17:09.000 --> 00:17:13.600
Das heißt, eine sehr extensive Form von Landwirtschaft hat überhaupt erst mal dazu geführt,

00:17:14.000 --> 00:17:19.600
großflächiger eine sehr biodiverse Landschaft zu erzeugen.

00:17:20.000 --> 00:17:24.600
Und dann haben wir aber Landwirtschaft sehr stark intensiviert.

00:17:25.000 --> 00:17:31.600
Wir haben Zugang zu Kunstdünger, haben Zugang zu Maschinenparks,

00:17:32.000 --> 00:17:37.600
wir konnten Flächen intensiver bewirtschaften und damit natürlich auch den Ertrag steigern,

00:17:38.000 --> 00:17:42.600
ganz klar, mit aber negativen Effekten auf die Biodiversität.

00:17:43.000 --> 00:17:48.600
Das hat die Deutsche Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina, auch sehr eindrücklich zusammengefasst.

00:17:49.000 --> 00:17:55.600
Landwirtschaft ist – einfach weil es auch flächenmäßig – die Hälfte der Fläche Deutschlands ist landwirtschaftlich genutzt,

00:17:56.000 --> 00:18:00.600
ackerbaulich genutzt oder ackerbaulich und Grünlandbewirtschaftung genutzt.

00:18:01.000 --> 00:18:02.600
Das hat einfach einen sehr großen Einfluss.

00:18:03.000 --> 00:18:05.600
Sarah Zerback: Könnten Sie das vielleicht noch mal beispielhaft an Deutschland schildern,

00:18:06.000 --> 00:18:07.600
welche sichtbaren Folgen das jetzt schon hat?

00:18:08.000 --> 00:18:12.600
Sebastian Meyer: Zum Beispiel diese Krefeld-Studie, die wir eben schon kurz erwähnt haben.

00:18:13.000 --> 00:18:15.600
Wir haben diesen massiven Rückgang in Insekten-Biomasse.

00:18:16.000 --> 00:18:19.600
Wir haben alarmierende Zahlen, was Vögel angeht.

00:18:20.000 --> 00:18:26.600
Das ist die beststudierte Gruppe, weil es einfach sehr viele Fachornithologen,

00:18:27.000 --> 00:18:27.600
aber auch sehr viele Hobbyornithologen gibt,

00:18:28.000 --> 00:18:30.600
die sehr klare Zählungen machen.

00:18:31.000 --> 00:18:33.600
Und das ist Zentraleuropa, Deutschland, das ist Nordamerika.

00:18:34.000 --> 00:18:38.600
Massive Rückgänge in Individuenzahlen und in Artenzahlen.

00:18:39.000 --> 00:18:41.600
Und auch da sind es insbesondere die Offenlandarten.

00:18:42.000 --> 00:18:45.600
Das sind die Arten, die mit Menschen assoziiert

00:18:46.000 --> 00:18:52.600
sich entwickelt haben, ausgebreitet haben, die jetzt massiv leiden.

00:18:53.000 --> 00:18:54.600
Es sind nicht mehr nur die seltenen Arten.

00:18:55.000 --> 00:18:58.600
Es sind nicht mehr nur die Spezialisten, die Reliktarten

00:18:59.000 --> 00:19:02.600
in irgendwelchen natürlichen Gebieten, Habitaten,

00:19:03.000 --> 00:19:04.600
wenn die zerstört werden, verlieren wir diese Arten,

00:19:05.000 --> 00:19:08.600
aber wir verlieren mittlerweile selbst die häufigen Arten, selbst die Generalisten.

00:19:09.000 --> 00:19:10.600
Sarah Zerback: Sebastian Meyer, Professor an der TU München.

00:19:11.000 --> 00:19:13.600
Herr Meyer, ich danke Ihnen für Ihre Expertise hier in unserem Podcast.

00:19:14.000 --> 00:19:14.600
Sebastian Meyer: Sehr gerne, vielen Dank.

00:19:15.000 --> 00:19:17.600
*Musik*

00:19:18.000 --> 00:19:21.600
Sarah Zerback: Das Problem ist also erkannt, und es tritt immer deutlicher zutage:

00:19:22.000 --> 00:19:24.600
Dadurch, dass Biodiversität weltweit zurückgeht,

00:19:25.000 --> 00:19:27.600
gehen wichtige Ökosystemleistungen verloren,

00:19:28.000 --> 00:19:29.600
auf die wir als Menschen angewiesen sind.

00:19:30.000 --> 00:19:31.600
Aber was wird politisch dagegen unternommen?

00:19:32.000 --> 00:19:34.600
Montreal, Dezember 2022:

00:19:35.000 --> 00:19:39.600
Zwei Wochen lang haben Vertreterinnen und Vertreter von rund 200 Staaten hier verhandelt.

00:19:40.000 --> 00:19:42.600
Beim Weltnaturgipfel haben sie sich schließlich darauf geeinigt,

00:19:43.000 --> 00:19:46.600
30 Prozent der Land- und Meeresflächen auf der Welt unter Schutz zu stellen.

00:19:47.000 --> 00:19:48.600
Bis 2030 soll das passieren.

00:19:49.000 --> 00:19:53.600
Außerdem sollen bis dahin auch 30 Prozent der geschädigten Ökosysteme wiederhergestellt werden.

00:19:54.000 --> 00:19:58.600
Es ist zwar eine freiwillige Vereinbarung – wichtig ist sie trotzdem.

00:19:59.000 --> 00:20:01.600
Warum, das erklärt die Biologin und Ornithologin Kathrin Böhning-Gaese.

00:20:02.000 --> 00:20:05.600
Sie leitet das das Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Leipzig.

00:20:06.000 --> 00:20:09.600
Kathrin Böhning-Gaese: Diese weltweiten Vereinbarungen sind unglaublich wichtig,

00:20:10.000 --> 00:20:13.600
weil die immer wieder aufs Neue das Thema auf die Agenda setzen

00:20:14.000 --> 00:20:16.600
und man in den einzelnen Ländern, auch in Deutschland, darüber diskutiert,

00:20:17.000 --> 00:20:18.600
wo man da steht und wo man hin möchte

00:20:19.000 --> 00:20:23.600
und weil das ein gemeinsamer Entschluss von Hunderten von Ländern ist.

00:20:24.000 --> 00:20:28.600
Und da müssen dann die einzelnen Länder das in ihren nationalen Zielen übersetzen

00:20:29.000 --> 00:20:30.600
und müssen da regelmäßig berichten.

00:20:31.000 --> 00:20:33.600
Und das macht jetzt keinen Druck im Sinne von,

00:20:34.000 --> 00:20:36.600
dass dann die Polizei vor der Tür steht, wenn man das nicht einhält,

00:20:37.000 --> 00:20:39.600
aber es übt eben einen ethisch-moralischen Druck,

00:20:40.000 --> 00:20:42.600
dem sich die Länder schon verpflichtet fühlen.

00:20:43.000 --> 00:20:45.600
Und bei den Gipfeln, wenn dann da berichtet wird,

00:20:46.000 --> 00:20:48.600
wir haben hier Vorreiterländer, die haben das geschafft

00:20:49.000 --> 00:20:50.600
und andere Länder, die haben noch nicht mal angefangen,

00:20:51.000 --> 00:20:53.600
dann fällt es negativ auf diese Länder zurück.

00:20:54.000 --> 00:20:55.600
Und in diesem globalen Ringen um Aufmerksamkeit

00:20:56.000 --> 00:21:00.600
möchte dann kein Land so ganz hinten anstehen in der Regel.

00:21:01.000 --> 00:21:03.600
Sarah Zerback: Neben diesem indirekten Druck auf internationaler Ebene

00:21:04.000 --> 00:21:06.600
gibt es natürlich auch bindende Vereinbarungen.

00:21:07.000 --> 00:21:08.600
Für uns in Deutschland sind Beschlüsse der EU besonders wichtig,

00:21:09.000 --> 00:21:13.600
wie zum Beispiel die Flora-Fauna-Habitat Richtlinie von 1992

00:21:14.000 --> 00:21:17.600
oder die Wiederherstellungsverordnung von 2024.

00:21:18.000 --> 00:21:21.600
Sie regeln, dass geschädigte Ökosysteme renaturiert werden

00:21:22.000 --> 00:21:24.600
und Schutzgebiete ausgewiesen werden.

00:21:25.000 --> 00:21:26.600
Bis zum Jahr 2030 sollen mindestens 30 Prozent

00:21:27.000 --> 00:21:29.600
der europäischen Land- und Meeresflächen unter Schutz stehen.

00:21:30.000 --> 00:21:32.600
Zumindest auf dem Papier steht Deutschland nicht schlecht da.

00:21:33.000 --> 00:21:36.600
Kathrin Böhning-Gaese: Also Deutschland ist bei den Flächenzielen sogar relativ gut dabei.

00:21:37.000 --> 00:21:38.600
Wenn man alles in Deutschland zusammenrechnet,

00:21:39.000 --> 00:21:43.600
vom Nationalpark bis zum Landschaftsschutzgebiet und womöglich Naturpark,

00:21:44.000 --> 00:21:47.600
kann es gut sein, dass wir bei den 30 Prozent schon sind,

00:21:48.000 --> 00:21:50.600
aber die einzelnen Flächen sind nicht gut geschützt.

00:21:51.000 --> 00:21:52.600
Man sieht es daran auch beim Meeresnaturschutz,

00:21:53.000 --> 00:21:57.600
gerade das Wattenmeer ist eine unserer wertvollsten Regionen

00:21:58.000 --> 00:22:01.600
und selbst da ist es in Nationalparks über weite Gebiete erlaubt,

00:22:02.000 --> 00:22:05.600
Fischerei zu betreiben bis hin zur Grundschleppnetzfischerei.

00:22:06.000 --> 00:22:08.600
Und da kann man sich schon fragen,

00:22:09.000 --> 00:22:11.600
wie gut die Qualität des Schutzes in Deutschland ist

00:22:12.000 --> 00:22:13.600
und ob man da nicht besser werden sollte.

00:22:14.000 --> 00:22:18.600
Sarah Zerback: Zumal manche Gesetze den Schutz der Biodiversität geradezu unterlaufen.

00:22:19.000 --> 00:22:20.600
Wenn zum Beispiel Baugenehmigungen gelockert werden,

00:22:21.000 --> 00:22:23.600
damit der so genannte Bauturbo zünden kann.

00:22:24.000 --> 00:22:25.600
Das erleichtert dann zwar die Bebauung von Flächen,

00:22:26.000 --> 00:22:28.600
kann aber auf Kosten des Schutzes von Biodiversität gehen,

00:22:29.000 --> 00:22:30.600
kritisiert Kathrin Böhning-Gaese.

00:22:31.000 --> 00:22:31.600
Kathrin Böhning-Gaese: Das ist super gefährlich.

00:22:32.000 --> 00:22:36.600
Man muss dann eben bei diesem Bauthema ehrlich gesagt auch genau hinschauen,

00:22:37.000 --> 00:22:39.600
weil es steht ja auch unglaublich viel Wohnraum leer

00:22:40.000 --> 00:22:46.600
und auch die Ansprüche an Wohnfläche sind ja über die letzten Jahrzehnte immens gewachsen.

00:22:47.000 --> 00:22:52.600
Da ist schon die Frage, warum Sanieren im Bestand nicht auch eine Lösung sein könnte

00:22:53.000 --> 00:22:56.600
und ob man eben auch durch weitere Stockwerke auf den Häusern

00:22:57.000 --> 00:23:01.600
den Biodiversitätsfußabdruck des Bauens reduzieren könnte.

00:23:02.000 --> 00:23:04.600
Ich denke, die Frage wird nicht hinreichend diskutiert.

00:23:05.000 --> 00:23:09.600
Sarah Zerback: Auch im Bereich der Agrarsubventionen gibt es Regelungen, die der Biodiversität schaden.

00:23:10.000 --> 00:23:14.600
Kathrin Böhning-Gaese: Immer noch gibt es sieben Milliarden Agrarsubventionen in Deutschland pro Jahr,

00:23:15.000 --> 00:23:17.600
die im Wesentlichen nach der Fläche ausgeschüttet werden.

00:23:18.000 --> 00:23:21.600
Und eine Vielzahl von Kommissionen hat sich dafür eingesetzt,

00:23:22.000 --> 00:23:26.600
dass diese Flächenförderung reduziert bis komplett beendet wird

00:23:27.000 --> 00:23:32.600
und dass eine Förderung nach den Gemeinwohlleistungen der landwirtschaftlichen Betriebe laufen.

00:23:33.000 --> 00:23:36.600
Also wie viel tun die Betriebe für Biodiversitätsschutz, Wasserschutz, Klimaschutz,

00:23:37.000 --> 00:23:39.600
sodass es die Subventionen danach gibt,

00:23:40.000 --> 00:23:43.600
welchen Einsatz für das Gemeinwohl leistet der Betrieb.

00:23:44.000 --> 00:23:47.600
Da haben die Kommission und auch die Zukunftskommission Landwirtschaft

00:23:48.000 --> 00:23:51.600
über Jahre diese Politik versucht zu verfolgen,

00:23:52.000 --> 00:23:53.600
derzeit haben wir einen Riesenrollback,

00:23:54.000 --> 00:23:56.600
wo alles nur noch über Flächenförderung gehen soll.

00:23:57.000 --> 00:24:01.600
Also ganz dramatische und sehr besorgniserweckende Rückentwicklungen.

00:24:02.000 --> 00:24:06.600
Sarah Zerback: Aber was ist denn eigentlich wichtig, um Biodiversität sinnvoll zu schützen?

00:24:07.000 --> 00:24:09.600
Katrin Böhning-Gaese hält drei Aspekte für zentral

00:24:10.000 --> 00:24:12.600
Kathrin Böhning-Gaese: Das erste ist, große Schutzgebiete

00:24:13.000 --> 00:24:15.600
und ein besserer Schutz in den Schutzgebieten

00:24:16.000 --> 00:24:17.600
plus Renaturierung, also Wiederherstellung der Natur.

00:24:18.000 --> 00:24:22.600
Das zweite ist eine produktive, aber nachhaltige Landwirtschaft.

00:24:23.000 --> 00:24:25.600
Und das dritte ist ein nachhaltiger Konsum,

00:24:26.000 --> 00:24:32.600
konkret eine geringere Lebensmittelverschwendung und eine pflanzenbasiertere Ernährung.

00:24:33.000 --> 00:24:33.600
Warum ist das letzte wichtig?

00:24:34.000 --> 00:24:37.600
Unser Konsum hat Folgen für den Flächenverbrauch

00:24:38.000 --> 00:24:42.600
und Fleisch hat einen ganz anderen Flächenfußabdruck als pflanzliche Ernährung.

00:24:43.000 --> 00:24:45.600
Wenn man es extrem zugespitzt gegenüberstellen möchte,

00:24:46.000 --> 00:24:52.600
braucht man für ein Kilogramm Rindfleisch 160-fach die Fläche wie für ein Kilogramm Kartoffeln.

00:24:53.000 --> 00:24:56.600
Und das zeigt, dass man auch schon mit einer Reduzierung des Fleischkonsums

00:24:57.000 --> 00:25:02.600
unglaublich viel Fläche frei bekommen könnte für eine biodiversitätsfreundlichere,

00:25:03.000 --> 00:25:07.600
nachhaltigere Landwirtschaft und für größere und besser gemanagte Schutzgebiete.

00:25:08.000 --> 00:25:12.600
Sarah Zerback: Auch unabhängig von Konsumfragen kann man selber was für die Biodiversität tun.

00:25:13.000 --> 00:25:15.600
Eine Möglichkeit ist es, sich im Bereich der Citizen Science zu engagieren

00:25:16.000 --> 00:25:21.600
als „Bürgerwissenschaftler“, also dabei zu helfen, Biodiversität überhaupt erstmal zu erfassen.

00:25:22.000 --> 00:25:25.600
Denn das ist ja, wie Sebastian Meyer vorhin erklärt hat, gar nicht so leicht.

00:25:26.000 --> 00:25:28.600
Kathrin Böhning-Gaese: Eigentlich sind fast alle Daten,

00:25:29.000 --> 00:25:31.600
die wir in der Biodiversität so nutzen, unser ganzes Wissen,

00:25:32.000 --> 00:25:34.600
wie sich Bestände an Tieren und Pflanzen verändern,

00:25:35.000 --> 00:25:37.600
das kommt alles aus Citizen-Science-Daten.

00:25:38.000 --> 00:25:41.600
Und da haben wir natürlich die, es ist dann etwas schwieriger und professioneller,

00:25:42.000 --> 00:25:45.600
die ornithologischen Erfassungen, das Tagfalter-Monitoring

00:25:46.000 --> 00:25:50.600
und ganz viele lokale Initiativen für blühende Wiesen, für Schmetterlinge,

00:25:51.000 --> 00:25:56.600
wo man eben auch als Bürgerwissenschaftlerin, Bürgerwissenschaftler einen Unterschied machen kann.

00:25:57.000 --> 00:25:58.600
Sarah Zerback: Und es geht sogar noch niedrigschwelliger.

00:25:59.000 --> 00:26:02.600
Kathrin Böhning-Gaese: Man kann sogar auf dem eigenen Balkon anfangen.

00:26:03.000 --> 00:26:05.600
Wenn man da als Balkonpflanzen zum Beispiel Lavendel und Salbei hat,

00:26:06.000 --> 00:26:11.600
der bienenfreundlich ist, dann hat man schon auf dem Balkon was für Biodiversität getan.

00:26:12.000 --> 00:26:16.600
Noch mehr im eigenen Garten, wenn man den eben wild und naturnah hat,

00:26:17.000 --> 00:26:22.600
statt Rollrasen, lieber eine diverse Wiese, wo viele verschiedene Arten blühen.

00:26:23.000 --> 00:26:26.600
Da kommen die Vögel, da kommen die Insekten, die Schmetterlinge.

00:26:27.000 --> 00:26:32.600
Und wenn man dann noch Büsche hat, die einheimische Arten sind und Beeren haben,

00:26:33.000 --> 00:26:36.600
wo dann die Vögel im Winter was zu fressen haben,

00:26:37.000 --> 00:26:38.600
da kann man sehr, sehr viel machen.

00:26:39.000 --> 00:26:40.600
Oder Holzhaufen für Igel und so weiter.

00:26:41.000 --> 00:26:44.600
Oder man setzt sich auch in der Stadt dafür ein,

00:26:45.000 --> 00:26:46.600
dass es eben blühende Wiesen gibt, statt Parkanlagen,

00:26:47.000 --> 00:26:49.600
die nur aus Rasenflächen bestehen, einheimische Baumarten pflanzen.

00:26:50.000 --> 00:26:53.600
Und dann kann man sehr viel über den eigenen Konsum machen.

00:26:54.000 --> 00:26:56.600
Sarah Zerback: Das alles sind kleine Schritte.

00:26:57.000 --> 00:26:59.600
Und wenn man sich die großen Herausforderungen im Bereich Biodiversität anschaut,

00:27:00.000 --> 00:27:03.600
dann kann man schon mal pessimistisch werden.

00:27:04.000 --> 00:27:04.600
Wie schafft man es also bei dem Thema,

00:27:05.000 --> 00:27:07.600
sich nicht ohnmächtig zu fühlen, nicht zu resignieren?

00:27:08.000 --> 00:27:11.600
Kathrin Böhning-Gaese: Jetzt ist die Frage, auf was man sich konzentriert.

00:27:12.000 --> 00:27:13.600
Und ich denke, sowohl in der Wissenschaft als auch persönlich,

00:27:14.000 --> 00:27:18.600
sich auf die positiven Nachrichten zu konzentrieren, das ist wesentlich.

00:27:19.000 --> 00:27:22.600
Weil die Zeit ist gerade durchaus düster und zu sehen,

00:27:23.000 --> 00:27:26.600
dass eben auch positive Geschichten existieren,

00:27:27.000 --> 00:27:30.600
dass Renaturierung ein Erfolgsmodell ist

00:27:31.000 --> 00:27:32.600
und dass es eigentlich eine andere Frage ist,

00:27:33.000 --> 00:27:33.600
die wir jetzt verfolgen müssen.

00:27:34.000 --> 00:27:38.600
Gar nicht so, warum funktioniert das alles nicht, sondern eher, es funktioniert,

00:27:39.000 --> 00:27:41.600
aber vielleicht noch nicht in dem Ausmaß, wie wir es bräuchten.

00:27:42.000 --> 00:27:45.600
Also eher zu gucken, wo haben wir solche Modellstudien, die funktionieren,

00:27:46.000 --> 00:27:49.600
und wie können wir die in die Fläche tragen, das wäre der Ansatz,

00:27:50.000 --> 00:27:52.600
den wir in Zukunft viel mehr verfolgen sollten.

00:27:53.000 --> 00:27:55.600
Also von den Erfolgsgeschichten lernen und die zu skalieren.

00:27:56.000 --> 00:27:59.600
*Musik*

00:28:00.000 --> 00:28:01.600
Sarah Zerback: Je konkreter es mit dem Schutz der Biodiversität wird,

00:28:02.000 --> 00:28:03.600
umso komplizierter kann es sein.

00:28:04.000 --> 00:28:09.600
Ob es zum Beispiel darum geht, wo neue Windräder, Straßen oder Baugrundstücke entstehen

00:28:10.000 --> 00:28:12.600
oder wie man sich richtig um ein Waldstück kümmert.

00:28:13.000 --> 00:28:15.600
Bei der Frage, wie ein bestimmtes Fleckchen Erde genutzt werden sollte,

00:28:16.000 --> 00:28:18.600
treffen dann oft ganz unterschiedliche Interessen aufeinander,

00:28:19.000 --> 00:28:21.600
verschiedene Perspektiven, was für diese Fläche am besten wäre.

00:28:22.000 --> 00:28:24.600
In solchen Fällen kann eine Mediation helfen,

00:28:25.000 --> 00:28:29.600
damit alle Interessen, auch die der Biodiversität, miteinander in Einklang gebracht werden.

00:28:30.000 --> 00:28:34.600
Dann kommen Menschen wie Gisela Wachinger vom Mediationsbüro pro re ins Spiel.

00:28:35.000 --> 00:28:40.600
Sie ist Biologin und vermittelt als Mediatorinin Konflikten rund um Naturschutz und Landschaftsnutzung.

00:28:41.000 --> 00:28:42.600
Das geht aber nur in bestimmten Fällen.

00:28:43.000 --> 00:28:44.600
Gisela Wachinger: Es gibt so verschiedene Kriterien,

00:28:45.000 --> 00:28:47.600
die für eine Mediation wichtig sind

00:28:48.000 --> 00:28:51.600
und auch nur unter den Bedingungen würde man die Mediation wirklich beginnen.

00:28:52.000 --> 00:28:56.600
Also zum Beispiel die Entscheidungsfähigkeit der Parteien,

00:28:57.000 --> 00:28:59.600
dass alle Interessen am Tisch sind,

00:29:00.000 --> 00:29:05.600
die freiwillige Teilnahme der Parteien und dass es vor allem so einen Lösungsspielraum gibt.

00:29:06.000 --> 00:29:07.600
Sarah Zerback: Und ab dann geht es vor allem darum,

00:29:08.000 --> 00:29:11.600
sich genauer über die Positionen der verschiedenen Parteien klar zu werden.

00:29:12.000 --> 00:29:15.600
Gisela Wachinger: Das ist eigentlich so ein bisschen der Zaubertrick bei der Mediation,

00:29:16.000 --> 00:29:20.600
dass man eben einander zuhört und so ausgiebig darüber sprechen kann,

00:29:21.000 --> 00:29:25.600
wie man eine konkrete Sache, ein konkretes Problem sieht.

00:29:26.000 --> 00:29:29.600
Also was ist der einen Partei wichtig, was ist der anderen Partei wichtig.

00:29:30.000 --> 00:29:32.600
Und dann findet sich oft eine neue Lösung,

00:29:33.000 --> 00:29:34.600
mit der man so ein konkretes Problem lösen kann.

00:29:35.000 --> 00:29:36.600
Sarah Zerback: Dafür braucht es vor allem Zeit,

00:29:37.000 --> 00:29:39.600
um gegenseitiges Vertrauen aufbauen zu können.

00:29:40.000 --> 00:29:43.600
Erst dadurch zeigen sich manchmal die wichtigen Themen und Lösungsmöglichkeiten.

00:29:44.000 --> 00:29:45.600
Gisela Wachinger beschreibt ein Beispiel aus ihrer Arbeit

00:29:46.000 --> 00:29:50.600
Gisela Wachinger: An diesem runden Tisch gab es viele Verbände von Bürgerinnen und Bürgern,

00:29:51.000 --> 00:29:55.600
die sich auch um bestimmte Bodendenkmäler gekümmert haben

00:29:56.000 --> 00:29:59.600
und es gab Naturschutzverbände, die dort sehr aktiv waren.

00:30:00.000 --> 00:30:04.600
Da war dann ein Thema: der Forst, die Mitarbeiter der Gemeinde,

00:30:05.000 --> 00:30:08.600
die pflügen ja einfach durch den Wald durch mit ihren großen Maschinen

00:30:09.000 --> 00:30:11.600
und sehen überhaupt nicht mehr rechts und links,

00:30:12.000 --> 00:30:12.600
wie sehr das alles da kaputt geht.

00:30:13.000 --> 00:30:20.600
Und da hätten eben solche Waldarbeiter dann ein Quellgebiet und einen Bach zerstört,

00:30:21.000 --> 00:30:23.600
in dem Steinkrebse vorkommen.

00:30:24.000 --> 00:30:26.600
Und Steinkrebse sind besonders geschützte Arten.

00:30:27.000 --> 00:30:31.600
Die sind auch vom Gesetz so geschützt, dass das nicht passieren darf.

00:30:32.000 --> 00:30:33.600
Es passiert aber doch.

00:30:34.000 --> 00:30:38.600
Und zunächst waren da wirklich sehr starke Fronten zwischen den Parteien,

00:30:39.000 --> 00:30:42.600
die haben sich gegenseitig die schlimmsten Sachen unterstellt.

00:30:43.000 --> 00:30:46.600
Also, dass das mit Absicht gemacht wurde auf der einen Seite

00:30:47.000 --> 00:30:48.600
und auf der anderen Seite, dass es vielleicht gar keine Steinkrebse dort gibt

00:30:49.000 --> 00:30:53.600
und die nur erfunden werden, damit man den Waldarbeitern sagen kann,

00:30:54.000 --> 00:30:56.600
dass sie doch nicht die Wege kaputt machen sollen oder so.

00:30:57.000 --> 00:30:58.600
Sarah Zerback: Es braucht mehrere Mediationssitzungen,

00:30:59.000 --> 00:31:01.600
bis die Gruppe am Tisch zum eigentlichen Problem

00:31:02.000 --> 00:31:03.600
und damit auch zu einem Lösungsansatz kommt,

00:31:04.000 --> 00:31:06.600
um den Steinkrebs und damit die Biodiversität zu schützen.

00:31:07.000 --> 00:31:09.600
Gisela Wachinger: Und dann kam raus, dass das Problem eigentlich ist,

00:31:10.000 --> 00:31:14.600
dass die Information nicht zu den Mitarbeitern gelangt ist,

00:31:15.000 --> 00:31:17.600
die dann da wirklich mit den großen Maschinen rausfahren.

00:31:18.000 --> 00:31:22.600
Und zwar einerseits, weil die gar nicht den Zugang zu den Karten und so hatten,

00:31:23.000 --> 00:31:24.600
um zu wissen, wo ist dieses Quellgebiet.

00:31:25.000 --> 00:31:29.600
Und andererseits, weil die auch keine Zeit hatten und es auch keine Vorgespräche gab,

00:31:30.000 --> 00:31:33.600
wo das vielleicht noch mal besprochen hätte werden können,

00:31:34.000 --> 00:31:39.600
weil eine Kommune immer den billigsten Anbieter nehmen muss für solche Arbeiten.

00:31:40.000 --> 00:31:43.600
Und das heißt, man musste, um die Lösung dann wirklich zu finden für so ein Problem,

00:31:44.000 --> 00:31:49.600
so weit reingehen, dass man sagt, ja, vielleicht muss man die Leitlinien der Kommune ändern,

00:31:50.000 --> 00:31:57.600
dass eben Aufträge auch vergeben werden können an Waldarbeiten, die das alles berücksichtigen.

00:31:58.000 --> 00:32:00.600
Also, dass Waldarbeiten nach Qualität vergeben werden

00:32:01.000 --> 00:32:05.600
und nicht so sehr nur an den günstigen Anbieter.

00:32:06.000 --> 00:32:10.600
Und man denkt zunächst wahrscheinlich nicht, dass das so viel mit Biodiversität zu tun hat,

00:32:11.000 --> 00:32:15.600
aber das sind die konkreten Lösungsmöglichkeiten, um bestimmte Arten zu schützen.

00:32:16.000 --> 00:32:21.600
Sarah Zerback: Häufig stehen bei Naturschutzkonflikten einzelne Arten im Mittelpunkt, sagt Gisela Wachinger.

00:32:22.000 --> 00:32:23.600
Ein prominentes Beispiel ist der Juchtenkäfer.

00:32:24.000 --> 00:32:30.600
Weil der stark gefährdet ist, musste das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 damals kurzzeitig gestoppt werden.

00:32:31.000 --> 00:32:33.600
In der Mediation soll es jedoch auch um Argumente gehen,

00:32:34.000 --> 00:32:35.600
die vor Gericht weniger Bestand hätten.

00:32:36.000 --> 00:32:38.600
Gisela Wachinger: Das Problem bei den Naturschutz- und Biodiversitätskonflikten ist oft,

00:32:39.000 --> 00:32:43.600
dass einzelne Arten herausgehoben werden als Streitfaktor,

00:32:44.000 --> 00:32:48.600
nur deswegen, weil man weiß, diese Arten haben eine rechtliche Relevanz.

00:32:49.000 --> 00:32:53.600
Und dass dann gleichzeitig aber die Parteien sich gegenseitig vorwerfen,

00:32:54.000 --> 00:32:56.600
dir geht es ja gar nicht um die Art, dir geht es ja um was anderes.

00:32:57.000 --> 00:33:00.600
Und das muss man dann in der Mediation einfach herausarbeiten,

00:33:01.000 --> 00:33:05.600
dass es alles berechtigt ist, also sowohl wenn man sagt,

00:33:06.000 --> 00:33:08.600
es geht einem tatsächlich um die Art, wie diesen Steinkrebs zum Beispiel,

00:33:09.000 --> 00:33:11.600
aber auch wenn es einem um die Landschaft an sich geht

00:33:12.000 --> 00:33:16.600
oder den Erholungsfaktor oder dass Flächen nicht versiegelt werden

00:33:17.000 --> 00:33:18.600
oder dass bestimmte Projekte ermöglicht werden.

00:33:19.000 --> 00:33:22.600
Das sind ja Interessen, die man auch gegenseitig verstehen kann.

00:33:23.000 --> 00:33:25.600
Sarah Zerback: Oft gibt es auch Konflikte mit Bereichen,

00:33:26.000 --> 00:33:29.600
die ganz nah beieinander liegen und eigentlich etwas Ähnliches wollen.

00:33:30.000 --> 00:33:33.600
Zum Beispiel wenn Wald für den Bau von Windrädern gerodet werden soll,

00:33:34.000 --> 00:33:36.600
und damit Klimaschutz in Konflikt mit Naturschutz gerät.

00:33:37.000 --> 00:33:40.600
Und es kann auch schwierig werden, mehrere Arten gleichzeitig zu schützen.

00:33:41.000 --> 00:33:44.600
Ein typisches Beispiel dafür: das Thema Deichrückverlegung.

00:33:45.000 --> 00:33:50.600
Gisela Wachinger: Dass Deiche, die das Gebiet um Flüsse schützen sollen vor Überflutung,

00:33:51.000 --> 00:33:54.600
dass die zurückverlegt werden, mehr ins Landesinnere,

00:33:55.000 --> 00:33:58.600
damit größere Bereiche entstehen, wo der Fluss frei fließen kann

00:33:59.000 --> 00:34:02.600
und wo vielleicht dann auch wieder so eine Art Auwald entstehen kann

00:34:03.000 --> 00:34:08.600
oder eben vernässte Flächen, was die Biodiversität sehr stark erhöhen würde

00:34:09.000 --> 00:34:14.600
und eben besonders die Arten wieder fördern würde,

00:34:15.000 --> 00:34:18.600
die in solchen Gebieten leben, die manchmal überflutet sind und manchmal nicht,

00:34:19.000 --> 00:34:20.600
also Pflanzen- und Tierarten.

00:34:21.000 --> 00:34:27.600
Gleichzeitig sind aber diese Deiche jetzt mittlerweile oft von besonderen Magerwiesen bewachsen.

00:34:28.000 --> 00:34:31.600
Weil wenn diese Deiche auf eine besondere Art gepflegt werden, selten gemäht werden oder so,

00:34:32.000 --> 00:34:37.600
dann entstehen auf diesen oft kiesigen Deichen wirklich ganz besondere Magerwiesen,

00:34:38.000 --> 00:34:40.600
also ganz besondere Blumenzusammensetzungen auch.

00:34:41.000 --> 00:34:46.600
In dem Moment, wo man die Deiche wegnimmt und nach hinten verlegt, zerstört man diese Magerwiesen.

00:34:47.000 --> 00:34:47.600
Das ist eigentlich verboten.

00:34:48.000 --> 00:34:51.600
Und die Frage ist, wie findet man da eine Möglichkeit,

00:34:52.000 --> 00:34:54.600
um diese Magerwiesen vielleicht zu erhalten,

00:34:55.000 --> 00:35:00.600
gleichzeitig auch diese Überflutung wieder neu zu ermöglichen, das Gewässer zu schützen.

00:35:01.000 --> 00:35:05.600
Und es gibt da Projekte, aber diese Projekte sind wirklich dadurch ausgezeichnet,

00:35:06.000 --> 00:35:10.600
dass diese unterschiedlichen Behörden und Verbände und Interessengruppen sich ganz eng abstimmen

00:35:11.000 --> 00:35:15.600
und sich überlegen, an welcher Stelle ist es jetzt sinnvoll, an welcher Stelle nicht,

00:35:16.000 --> 00:35:22.600
wie kann man Orchideen umpflanzen oder Mähgut transportieren,

00:35:23.000 --> 00:35:25.600
dass sie trotzdem woanders noch wachsen können,

00:35:26.000 --> 00:35:29.600
um da beide Aspekte von Biodiversität fördern zu können.

00:35:30.000 --> 00:35:30.600
Sarah Zerback: Es geht bei der Mediation darum,

00:35:31.000 --> 00:35:33.600
einen Konsens und eine gemeinsame Lösung zu finden.

00:35:34.000 --> 00:35:35.600
Das Aushandeln ist wichtig.

00:35:36.000 --> 00:35:41.600
Aber es gibt beim Thema Biodiversität auch sowas wie eine natürliche Grenze des Verhandelbaren.

00:35:42.000 --> 00:35:45.600
Gisela Wachinger: Das Problem ist, die Ressource Fläche ist auf jeden Fall endlich

00:35:46.000 --> 00:35:48.600
und die Biodiversität hängt von der Fläche ab.

00:35:49.000 --> 00:35:53.600
Und wir können nicht zu viele Kompromisse machen oder auch Konsense formulieren,

00:35:54.000 --> 00:35:59.600
indem man eine Fläche aufteilt oder nach verschiedenen Interessen belegt und noch mal belegt.

00:36:00.000 --> 00:36:05.600
Die größte Gefahr für den Erhalt der Biodiversität ist der Verlust von Flächen.

00:36:06.000 --> 00:36:11.600
Und die Fläche als Ressource ist eben deswegen nicht ohne Ende aushandelbar.

00:36:12.000 --> 00:36:13.600
Sarah Zerback: Gisela Wachinger betont allerdings auch:

00:36:14.000 --> 00:36:15.600
Man muss sich nicht um jeden Preis verstehen

00:36:16.000 --> 00:36:19.600
und Mediation ist immer eingebunden in demokratische Prozesse.

00:36:20.000 --> 00:36:22.600
Gisela Wachinger: Mediation ist ein Konfliktlösungsverfahren,

00:36:23.000 --> 00:36:26.600
was auf Argumenten beruht und wo man einen gemeinsamen Konsens findet.

00:36:27.000 --> 00:36:33.600
Es steht deswegen nicht, überhaupt nicht, entgegen der repräsentativen Demokratie,

00:36:34.000 --> 00:36:37.600
sondern es muss in demokratische Prozesse einbezogen werden.

00:36:38.000 --> 00:36:40.600
Zum Beispiel eben, indem wir sagen,

00:36:41.000 --> 00:36:42.600
wenn ein Gemeinderat darüber zu entscheiden hat,

00:36:43.000 --> 00:36:45.600
wie der Wald in Zukunft bewirtschaftet wird,

00:36:46.000 --> 00:36:48.600
dann ist es auch klar, dass er mit einbezogen sein muss

00:36:49.000 --> 00:36:51.600
und dass am Ende vielleicht ein runder Tisch kann einen Vorschlag erarbeiten,

00:36:52.000 --> 00:36:53.600
Wie der Wald bewirtschaftet werden muss

00:36:54.000 --> 00:36:58.600
und dass muss dann von dem repräsentativen Gremium verabschiedet werden.

00:36:59.000 --> 00:37:01.600
Also in den ganz normalen demokratischen Prozess eingehen.

00:37:02.000 --> 00:37:04.600
Es steht nicht außerhalb davon.

00:37:05.000 --> 00:37:09.600
Und auf der anderen Seite eben, wenn man dann nicht mehr an Demokratie glaubt

00:37:10.000 --> 00:37:12.600
und nicht mehr an wissenschaftsbasierte Fakten glaubt,

00:37:13.000 --> 00:37:15.600
dann hat Mediation auch keinen Sinn mehr.

00:37:16.000 --> 00:37:18.600
*Musik*

00:37:19.000 --> 00:37:19.600
Sarah Zerback: Was wir also mitnehmen können:

00:37:20.000 --> 00:37:23.600
1. Eine vielfältige Natur erfüllt viele Funktionen,

00:37:24.000 --> 00:37:25.600
die auch für den Menschen unverzichtbar sind.

00:37:26.000 --> 00:37:30.600
Insbesondere durch intensive Landnutzung gefährden wir aber immer mehr Ökosysteme.

00:37:31.000 --> 00:37:31.600
Das betont Sebastian Meyer.

00:37:32.000 --> 00:37:37.600
2. Für den Schutz der Biodiversität kann auf allen Ebenen etwas getan werden:

00:37:38.000 --> 00:37:42.600
durch internationale Abkommen, nationale Gesetzgebung und auch durch individuelles Handeln.

00:37:43.000 --> 00:37:44.600
Das hat Kathrin Böhning-Gaese erklärt.

00:37:45.000 --> 00:37:51.600
3. Um mit Zielkonflikten rund um Biodiversität umzugehen,kann eine Mediation hilfreich sein,

00:37:52.000 --> 00:37:54.600
damit Konfliktparteien zum Kern ihres Problems durchdringen,

00:37:55.000 --> 00:37:57.600
wie Gisela Wachinger berichtet hat.

00:37:58.000 --> 00:37:59.600
Allerdings gibt es auch Grenzen des Verhandelbaren,

00:38:00.000 --> 00:38:03.600
und manches Dilemma besteht sogar innerhalb des Artenschutzes.

00:38:04.000 --> 00:38:07.600
*Musik*

00:38:08.000 --> 00:38:08.600
Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

00:38:09.000 --> 00:38:13.600
In unserem Heft mit dem Titel „Biodiversität“ können Sie noch mehr zum Thema lesen.

00:38:14.000 --> 00:38:15.600
Den Link dazu finden Sie in den Shownotes.

00:38:16.000 --> 00:38:18.600
Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast.

00:38:19.000 --> 00:38:23.600
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de.

00:38:24.000 --> 00:38:25.600
In vier Wochen erscheint die nächste Folge.

00:38:26.000 --> 00:38:28.600
Dann sprechen wir über Propaganda und Desinformation.

00:38:29.000 --> 00:38:30.600
Mein Name ist Sarah Zerback – bis zum nächsten Mal.

00:38:31.000 --> 00:38:44.600
*Musik*

00:38:45.000 --> 00:38:47.600
Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion

00:38:48.000 --> 00:38:50.600
in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:38:51.000 --> 00:38:55.600
Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Johannes Piepenbrink und Isabel Röder.

00:38:56.000 --> 00:38:58.600
Produktion: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald.

00:38:59.000 --> 00:39:00.600
Am Mikrofon war Sarah Zerback.

00:39:01.000 --> 00:39:03.600
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:39:04.000 --> 00:39:08.000
und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.


