WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:02.600
O-Ton Donald Trump: In Springfield they're eating the dogs.

00:00:03.000 --> 00:00:05.600
The people, that came in, they're eating the cats,

00:00:06.000 --> 00:00:10.600
they're eating the pets of the people, that live there.

00:00:11.000 --> 00:00:13.600
And this is what's happening in our country.

00:00:14.000 --> 00:00:15.600
Sarah Zerback: Migranten würden Haustiere essen,

00:00:16.000 --> 00:00:22.600
das hat US-Präsident Donald Trump im Wahlkampf 2024 im TV-Duell mit Kamala Harris behauptet.

00:00:23.000 --> 00:00:24.600
Belege gibt es hierfür keine.

00:00:25.000 --> 00:00:27.600
Diese Falschinformation ist nur eine von vielen, die Trump verbreitet hat.

00:00:28.000 --> 00:00:34.600
Und Trum ist nur ein Beispiel für den politischen und gesellschaftlichen Einfluss von Desinformation heute.

00:00:35.000 --> 00:00:36.600
*Musik*

00:00:37.000 --> 00:00:39.600
Ob es darum geht, dass Wahlen beeinflusst werden,

00:00:40.000 --> 00:00:43.600
Fake-Accounts das Internet mit antidemokratischen Kommentaren fluten

00:00:44.000 --> 00:00:46.600
oder schlicht Verschwörungsideologien verbreitet werden:

00:00:47.000 --> 00:00:50.600
Desinformation und Propaganda spielen in politischen

00:00:51.000 --> 00:00:53.600
und gesellschaftlichen Entwicklungen gerade eine sehr präsente Rolle.

00:00:54.000 --> 00:00:55.600
Das wird noch verstärkt durch Social Media

00:00:56.000 --> 00:00:58.600
und den technologischen Fortschritt im Bereich KI.

00:00:59.000 --> 00:01:02.600
Denn Fakes jeder Art herzustellen wird immer leichter.

00:01:03.000 --> 00:01:06.600
Desinformation und Propaganda können gezielt zur politischen Einflussnahme genutzt werden.

00:01:07.000 --> 00:01:09.600
Das tut zum Beispiel Russland.

00:01:10.000 --> 00:01:10.600
Aber wie genau machen die das?

00:01:11.000 --> 00:01:15.600
Welche Rolle spielen Desinformation und Propaganda in unserer Gesellschaft,

00:01:16.000 --> 00:01:19.600
wie können wir damit umgehen und funktionieren Fake News überhaupt?

00:01:20.000 --> 00:01:22.600
Darum geht es in dieser Folge von „Aus Politik und Zeitgeschichte“

00:01:23.000 --> 00:01:24.600
und ich bin Sarah Zerback.

00:01:25.000 --> 00:01:27.600
Der Journalismusprofessor und Publizist Tanjev Schultz

00:01:28.000 --> 00:01:31.600
erklärt die gesellschaftliche und mediale Wirkmacht von Desinformation.

00:01:32.000 --> 00:01:35.600
Die Autoritarismusforscherin Julia Smirnova beschreibt,

00:01:36.000 --> 00:01:39.600
wie Russland Strategien der Desinformation und Propaganda nutzt.

00:01:40.000 --> 00:01:41.600
Und die Philosophin Romy Jaster erklärt,

00:01:42.000 --> 00:01:45.600
ob man gegen Desinformation argumentativ überhaupt ankommen kann.

00:01:46.000 --> 00:01:48.600
Die Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“

00:01:49.000 --> 00:01:53.600
zum Thema „Propaganda und Desinformation“ finden Sie auf bpb.de/apuz.

00:01:54.000 --> 00:01:56.600
Wie immer gibt es auch zu dieser Folge ein Transkript.

00:01:57.000 --> 00:02:01.600
Sie finden es in der bpb-Mediathek oder als Link in den Shownotes.

00:02:02.000 --> 00:02:17.600
*Musik*

00:02:18.000 --> 00:02:21.600
Fake News, alternative Fakten, Propaganda, Desinformation,

00:02:22.000 --> 00:02:24.600
all diese Schlagworte beschreiben Phänomene,

00:02:25.000 --> 00:02:27.600
die Einfluss nehmen auf persönliche Meinungsbildung,

00:02:28.000 --> 00:02:30.600
auf öffentliche Diskurse und Internetkultur.

00:02:31.000 --> 00:02:35.600
Propaganda und Desinformation, die Begriffe auf die wir uns in dieser Folge konzentrieren,

00:02:36.000 --> 00:02:37.600
kann man so voneinander unterscheiden

00:02:38.000 --> 00:02:41.600
Propaganda bedeutet erst mal bloß die systematische Verbreitung von Informationen,

00:02:42.000 --> 00:02:45.600
Ideen, Meinungen zur gezielten Beeinflussung.

00:02:46.000 --> 00:02:48.600
Das Wort ist abgeleitet vom lateinischen „propagare“

00:02:49.000 --> 00:02:50.600
und bedeutet so viel wie „ausdehnen“.

00:02:51.000 --> 00:02:54.600
Propaganda ist nicht autokratischen Regimen vorbehalten

00:02:55.000 --> 00:02:59.600
und ließe sich im Grunde auch durch Worte wie PR oder Öffentlichkeitsarbeit ersetzen.

00:03:00.000 --> 00:03:01.600
Propaganda ist dadurch definiert,

00:03:02.000 --> 00:03:04.600
dass erstens die Informationen systematisch verbreitet werden,

00:03:05.000 --> 00:03:07.600
zum Beispiel durch eine damit beauftragte Pressestelle

00:03:08.000 --> 00:03:10.600
und es spielt noch ein zweiter wichtiger Punkt eine Rolle:

00:03:11.000 --> 00:03:16.600
Es geht auch darum, das eigene Handeln in ein möglichst gutes Licht zu rücken und Kritik zu vermeiden.

00:03:17.000 --> 00:03:20.600
Dass Propaganda massiven Schaden anrichten kann, ist offensichtlich:

00:03:21.000 --> 00:03:22.600
zum Beispiel mit Blick auf die deutsche Geschichte

00:03:23.000 --> 00:03:27.600
und die Rolle von Joseph Goebbels Propagandaministerium in der Zeit des Nationalsozialismus.

00:03:28.000 --> 00:03:31.600
Kommen wir zum zweiten Begriff: Desinformation.

00:03:32.000 --> 00:03:33.600
Die kann ein Teil von Propaganda sein.

00:03:34.000 --> 00:03:38.600
Das Wort beschreibt die gezielte und absichtliche Verbreitung falscher Behauptungen.

00:03:39.000 --> 00:03:42.600
Desinformation hat zwei zentrale Effekte, die sich gegenseitig bedingen:

00:03:43.000 --> 00:03:46.600
Einerseits soll Desinformation die Überzeugungen einer bestimmten Gruppe verändern

00:03:47.000 --> 00:03:50.600
und damit ihre Wahrnehmung der Realität beeinflussen.

00:03:51.000 --> 00:03:52.600
Andererseits sorgt Desinformation dafür,

00:03:53.000 --> 00:03:57.600
dass Menschen das Vertrauen in Medien als verlässliche Informationsquellen verlieren,

00:03:58.000 --> 00:03:59.600
weil sie dort Fake News vermuten.

00:04:00.000 --> 00:04:03.600
Welche Probleme sich daraus ergeben, darüber habe ich mit Tanjev Schultz gesprochen.

00:04:04.000 --> 00:04:07.600
 Er ist Professor am Journalistischen Seminar der Johannes Guttenberg-Universität in Mainz

00:04:08.000 --> 00:04:11.600
und hat vorher selbst viele Jahre als Journalist gearbeitet.

00:04:12.000 --> 00:04:14.600
Mit seinem Team hat er in einer Langzeitstudie untersucht,

00:04:15.000 --> 00:04:17.600
wie sich Medienvertrauen in Deutschland entwickelt

00:04:18.000 --> 00:04:20.600
und welche Rolle Desinformation und Propaganda dabei spielen.

00:04:21.000 --> 00:04:23.600
*Musik*

00:04:24.000 --> 00:04:24.600
Hallo Herr Schultz.

00:04:25.000 --> 00:04:25.010
Tanjev Schultz: Ja, hallo.

00:04:25.000 --> 00:04:27.600
Sarah Zerback: Man kann ja so ein bisschen den Eindruck bekommen,

00:04:28.000 --> 00:04:30.600
dass Fake News einfach allgegenwärtig sind.

00:04:31.000 --> 00:04:35.600
Also, ist das so oder sind die Menschen in Deutschland einfach misstrauischer geworden?

00:04:36.000 --> 00:04:39.600
Tanjev Schultz: Ja, ich glaube, wir sind zu Recht alle sensibilisiert dafür, dass es Fake News gibt.

00:04:40.000 --> 00:04:41.600
Den Begriff selbst finde ich gar nicht mehr so passend,

00:04:42.000 --> 00:04:45.600
aber er ist natürlich in den Sprachgebrauch eingedrungen.

00:04:46.000 --> 00:04:47.600
Sarah Zerback: Was fänden Sie passender?

00:04:48.000 --> 00:04:50.600
Tanjev Schultz: Desinformation ist der Begriff, den wir in der Wissenschaft bevorzugen,

00:04:51.000 --> 00:04:54.600
weil Fake News doch ein bisschen schwammig ist

00:04:55.000 --> 00:04:57.600
und er vor allen Dingen als Begriff besetzt worden ist

00:04:58.000 --> 00:05:01.600
von Donald Trump und anderen Akteuren als Kampfbegriff,

00:05:02.000 --> 00:05:05.600
um andere Akteure, vor allen Dingen auch Medien, die ihm nicht gefallen, zu diskreditieren.

00:05:06.000 --> 00:05:09.600
Sarah Zerback: Und lässt sich das messen,

00:05:10.000 --> 00:05:12.600
wie viel Desinformation Menschen ausgesetzt sind?

00:05:13.000 --> 00:05:13.600
Tanjev Schultz: Das ist sehr schwer.

00:05:14.000 --> 00:05:16.600
Das ist natürlich etwas, was wir gerne in der Wissenschaft machen würden.

00:05:17.000 --> 00:05:18.600
Es gibt durchaus Studien, die versuchen,

00:05:19.000 --> 00:05:19.600
das zu messen und zu sagen,

00:05:20.000 --> 00:05:25.600
wie viel an Falschinformationen verbreitet sich auf der einen oder anderen Plattform.

00:05:26.000 --> 00:05:28.600
Aber man kann natürlich da immer nur einen Ausschnitt auswählen

00:05:29.000 --> 00:05:31.600
und vor allen Dingen diejenigen Informationen versuchen zu prüfen,

00:05:32.000 --> 00:05:35.600
die auch wirklich belastbar dann zu beurteilen sind.

00:05:36.000 --> 00:05:38.600
Also wir haben natürlich auch einen großen Bereich der Desinformation,

00:05:39.000 --> 00:05:39.600
wo es nicht so ganz klar ist,

00:05:40.000 --> 00:05:42.600
was ist da jetzt genau das Problem,

00:05:43.000 --> 00:05:46.600
das ist dann so verpackt, manches stimmt, manches ist so halb verbogen

00:05:47.000 --> 00:05:48.600
und das sind ja gerade die schwierigen Fälle.

00:05:49.000 --> 00:05:50.600
Was aber wir auch messen, ist,

00:05:51.000 --> 00:05:54.600
auch wir in Mainz in einer Langzeitstudie über Medienvertrauen,

00:05:55.000 --> 00:05:58.600
dass sehr viele Menschen in Deutschland schon auch vorsichtig sind

00:05:59.000 --> 00:06:01.600
und auch erst mal gerade was die Internetkommunikation angeht,

00:06:02.000 --> 00:06:04.600
was die Social Media-Plattformen angeht, davon ausgehen,

00:06:05.000 --> 00:06:09.600
dass sie ziemlich vielen falschen Informationen, also Fake News begegnen werden.

00:06:10.000 --> 00:06:12.600
Während sie dann doch, vielleicht mehr als manche glauben,

00:06:13.000 --> 00:06:17.600
den etablierten Medien, Radio, Zeitungen, Fernsehen,

00:06:18.000 --> 00:06:19.600
auch wenn es vielleicht digital konsumiert wird,

00:06:20.000 --> 00:06:23.600
durchaus mehr vertrauen und weniger Fake News dort vermuten.

00:06:24.000 --> 00:06:28.600
Sarah Zerback: Okay und trotzdem ist ja beides auch ziemlich divers,

00:06:29.000 --> 00:06:31.600
also sowohl wenn man jetzt von den Medien redet, der Politik

00:06:32.000 --> 00:06:34.600
oder auch vielleicht den sozialen Medien.

00:06:35.000 --> 00:06:39.600
Wo vermuten Menschen da vielleicht auch zu Recht die meiste Desinformation?

00:06:40.000 --> 00:06:40.600
Tanjev Schultz: Ja, absolut.

00:06:41.000 --> 00:06:43.600
Also das ist natürlich alles das Problem,

00:06:44.000 --> 00:06:45.600
dass wir da nicht pauschalieren können

00:06:46.000 --> 00:06:47.600
oder zu pauschal urteilen dürfen.

00:06:48.000 --> 00:06:50.600
Es ist aber schon so, dass wir ja eigentlich immer schon angewiesen waren darauf,

00:06:51.000 --> 00:06:55.600
Vertrauen zu setzen in bestimmte verlässliche Quellen,

00:06:56.000 --> 00:07:00.600
die sich eben über längere Zeit hinweg für uns als zuverlässig erwiesen haben.

00:07:01.000 --> 00:07:04.600
Und das sind in vielen Fällen bei vielen Bürgerinnen und Bürgern

00:07:05.000 --> 00:07:06.600
immer noch so klassische Nachrichtenmarken auch.

00:07:07.000 --> 00:07:10.600
Also die Tagesschau ist auch in Vertrauensrankings immer noch ziemlich gut abschneidend,

00:07:11.000 --> 00:07:15.600
währenddem auch schon in der Zeit vor der Digitalisierung bestimmte Boulevardmedien,

00:07:16.000 --> 00:07:18.600
obwohl die ja durchaus erfolgreich sind, so etwas wie die Bild-Zeitung,

00:07:19.000 --> 00:07:21.600
als so ein bisschen weniger vertrauenserweckend wirken.

00:07:22.000 --> 00:07:25.600
Und heute ist es dann so, dass man zumindest in Umfragen merkt,

00:07:26.000 --> 00:07:27.600
dass sehr viele Menschen schon sagen, naja,

00:07:28.000 --> 00:07:31.600
was da jetzt auf diesen Telegram- oder Instagram-Kanälen abläuft,

00:07:32.000 --> 00:07:34.600
da muss man schon genau gucken, von wem das jetzt genau stammt.

00:07:35.000 --> 00:07:39.600
Sarah Zerback: Diese Vertrauenskrise in die Medien, die viel zitierte,

00:07:40.000 --> 00:07:42.600
das klingt jetzt so, als sei die vielleicht gar nicht so riesengroß,

00:07:43.000 --> 00:07:43.600
wie man manchmal meinen könnte.

00:07:44.000 --> 00:07:46.600
Tanjev Schultz: Sie ist zumindest in Deutschland nicht so groß,

00:07:47.000 --> 00:07:48.600
wie das, glaube ich, manche denken,

00:07:49.000 --> 00:07:51.600
aufgrund auch der öffentlichen Debatten darüber.

00:07:52.000 --> 00:07:54.600
Zumindest wenn wir das international vergleichen,

00:07:55.000 --> 00:07:58.600
ist das in noch viel stärker polarisierten politischen

00:07:59.000 --> 00:08:02.600
und medialen Systemen wie etwa in den USA sehr viel stärker erodiert,

00:08:03.000 --> 00:08:04.600
das Vertrauen in die großen Nachrichtenmedien,

00:08:05.000 --> 00:08:07.600
auch in Ländern wie Frankreich oder Griechenland beispielsweise.

00:08:08.000 --> 00:08:11.600
In Deutschland gibt es so ein gewisses stabiles Grundvertrauen vieler Menschen,

00:08:12.000 --> 00:08:14.600
aber da muss man auch gleich wieder differenzieren,

00:08:15.000 --> 00:08:16.600
denn wir haben in unseren Studien festgestellt,

00:08:17.000 --> 00:08:18.600
dass sehr wohl ein nicht unerheblicher Teil,

00:08:19.000 --> 00:08:21.600
wenn es auch eine Minderheit ist von Menschen in Deutschland,

00:08:22.000 --> 00:08:25.600
tatsächlich sehr, sehr misstrauisch ist, um nicht zu sagen feindselig.

00:08:26.000 --> 00:08:30.600
Und das sind immerhin teilweise so jeder Vierte, jeder Fünfte in Deutschland.

00:08:31.000 --> 00:08:33.600
Das sind also auch Millionen Menschen, die im Prinzip sagen,

00:08:34.000 --> 00:08:37.600
die großen Medien, die großen Sender, die großen Zeitungen,

00:08:38.000 --> 00:08:41.600
die belügen uns geradezu und manipulieren uns zusammen mit der Politik.

00:08:42.000 --> 00:08:45.600
Und da gibt es schon auch Großteile der Bevölkerung, die misstrauisch sind.

00:08:46.000 --> 00:08:47.600
Aber wir dürfen auch nicht unterschätzen,

00:08:48.000 --> 00:08:49.600
dass es natürlich viele Menschen gibt,

00:08:50.000 --> 00:08:52.600
die vielleicht auch verunsichert sind, teilweise auch zu Recht verunsichert sind,

00:08:53.000 --> 00:08:55.600
auch die zu Recht Kritik haben natürlich an Medien

00:08:56.000 --> 00:08:58.600
und deren Berichterstattung bei bestimmten Themen vielleicht

00:08:59.000 --> 00:09:01.600
oder eben was bestimmte Publikationen angeht.

00:09:02.000 --> 00:09:04.600
Also sicherlich ist es jetzt auch in einer Demokratie

00:09:05.000 --> 00:09:09.600
und in einem vielfältigen Medienumfeld nicht wünschenswert,

00:09:10.000 --> 00:09:12.600
dass alle jetzt blind und naiv allem vertrauen.

00:09:13.000 --> 00:09:13.600
Sarah Zerback: Um das mal griffig zu machen,

00:09:14.000 --> 00:09:17.600
was sind denn die häufigsten Inhalte von Desinformation?

00:09:18.000 --> 00:09:20.600
Tanjev Schultz: Ja, ich bin gar nicht sicher,

00:09:21.000 --> 00:09:23.600
ob man das so leicht quantifizieren kann, was das häufigste ist.

00:09:24.000 --> 00:09:26.600
Also es gibt natürlich die ganz schlichte Botschaft,

00:09:27.000 --> 00:09:30.600
also das, was wir jetzt ja auch immer, ja, so Hass und Hetze,

00:09:31.000 --> 00:09:34.600
das ist ja immer so das Schlagwort, das ist ja in Teilen auch Desinformation.

00:09:35.000 --> 00:09:37.600
Also da wird einfach irgendwas behauptet und wild beschimpft.

00:09:38.000 --> 00:09:40.600
Das ist aber vielleicht, was die Menge angeht,

00:09:41.000 --> 00:09:43.600
gar nicht so sehr das größte Problem,

00:09:44.000 --> 00:09:48.600
sondern es sind eher diese etwas komplizierteren Formen der Falschinformationen,

00:09:49.000 --> 00:09:53.600
wo dann einfach sehr einseitig irgendwas weggelassen wird

00:09:54.000 --> 00:09:56.600
oder irgendetwas hochgespielt wird und übertrieben wird.

00:09:57.000 --> 00:10:02.600
Das ist etwas, was da nicht mehr so ganz so leicht vielleicht zu erkennen ist, auch als Desinformation.

00:10:03.000 --> 00:10:05.600
Und da müssen wir eben auch unterscheiden zwischen dem,

00:10:06.000 --> 00:10:06.600
was wir auch in der Wissenschaft Missinformation

00:10:07.000 --> 00:10:10.600
oder einfach nur Falschinformation nennen und Desinformation.

00:10:11.000 --> 00:10:13.600
Der Unterschied besteht darin, dass Desinformation darauf beruht,

00:10:14.000 --> 00:10:17.600
dass hier Akteure wirklich im Wissen, dass wohl etwas falsch ist,

00:10:18.000 --> 00:10:20.600
wirklich versuchen, andere zu manipulieren und das gezielt zu streuen.

00:10:21.000 --> 00:10:23.600
Hingegen falsche Informationen, die gab es natürlich auch schon immer

00:10:24.000 --> 00:10:26.600
auch von guten und etablierten und eigentlich seriösen Medien,

00:10:27.000 --> 00:10:32.600
die einfach mal Fehler machen oder eben nicht unbedingt immer alles berichten können,

00:10:33.000 --> 00:10:33.600
was vielleicht zur Sache gehört

00:10:34.000 --> 00:10:36.600
und das dann im Laufe der Zeit dann anpassen und hoffentlich verbessern.

00:10:37.000 --> 00:10:39.600
Sarah Zerback: Und um diesen kleinen Exkurs vielleicht noch komplett zu machen,

00:10:40.000 --> 00:10:42.600
was ist dazu dann die Abgrenzung zur Propaganda?

00:10:43.000 --> 00:10:44.600
Tanjev Schultz: Ja, Propaganda ist der weitere Begriff.

00:10:45.000 --> 00:10:50.600
Da geht es um auch eine gezielte systematische Verbreitung von Kommunikation,

00:10:51.000 --> 00:10:53.600
von Informationen, um andere zu beeinflussen

00:10:54.000 --> 00:10:58.600
in ihren Einstellungen, in ihren Gefühlen, auch in ihren Verhaltensweisen.

00:10:59.000 --> 00:11:01.600
Aber das Mittel der Wahl kann dort sehr unterschiedlich aussehen.

00:11:02.000 --> 00:11:05.600
Das können falsche Informationen, das können Desinformationen sein,

00:11:06.000 --> 00:11:08.600
die man gezielt streut, um eben Leute in irgendeine Richtung zu pushen

00:11:09.000 --> 00:11:12.600
oder um sie zum Beispiel zu mobilisieren für irgendeine Partei.

00:11:13.000 --> 00:11:15.600
Das können aber auch beispielsweise fiktionale Angebote sein.

00:11:16.000 --> 00:11:19.600
Das können irgendwelche Schlagersongs sein, die man irgendwie massiv produziert.

00:11:20.000 --> 00:11:22.600
Wenn wir jetzt an die Zeit des Nationalsozialismus denken,

00:11:23.000 --> 00:11:24.600
gehörte all das ja auch alles dazu.

00:11:25.000 --> 00:11:28.600
Da ging es dann nicht immer nur darum, falsche Informationen zu verbreiten,

00:11:29.000 --> 00:11:32.600
sondern einfach auch eine bestimmte Stimmung durch Bilder, durch Musik

00:11:33.000 --> 00:11:33.600
und so weiter zu erzeugen.

00:11:34.000 --> 00:11:38.600
Wir verbinden heute Propaganda sehr stark mit dem politischen Raum,

00:11:39.000 --> 00:11:44.600
aber in der Geschichte des Begriffs war das ursprünglich bezogen auf die Religion

00:11:45.000 --> 00:11:50.600
und entstand so als populärer Ausdruck in der Zeit der Gegenreformation,

00:11:51.000 --> 00:11:55.600
als die katholische Kirche versuchte, eben den Protestantismus wieder zurückzudrängen.

00:11:56.000 --> 00:12:00.600
Und damals war das zunächst mal auch gar kein negativ besetzter Begriff

00:12:01.000 --> 00:12:02.600
und das hat sich dann im Laufe der Zeit gewandelt.

00:12:03.000 --> 00:12:07.600
Sarah Zerback: Wenn ich Ihnen so zuhöre, ist ja alles wahnsinnig komplex.

00:12:08.000 --> 00:12:09.600
Kann man überhaupt messen, wie groß der Schaden ist,

00:12:10.000 --> 00:12:12.600
der in einer Gesellschaft durch Desinformation entsteht?

00:12:13.000 --> 00:12:14.600
Tanjev Schultz: Ich fürchte, das ist wirklich sehr schwer,

00:12:15.000 --> 00:12:16.600
denn dafür müssten wir ja wissen,

00:12:17.000 --> 00:12:19.600
wie viel wirklich an Desinformation kursiert

00:12:20.000 --> 00:12:20.600
und da tun wir uns schon schwer.

00:12:21.000 --> 00:12:23.600
Und wir müssen sicherlich auch aufpassen,

00:12:24.000 --> 00:12:27.600
dass nicht wir voreilig Dinge,

00:12:28.000 --> 00:12:29.600
die einfach erst mal verschiedene Interpretationen sind

00:12:30.000 --> 00:12:31.600
oder ein echter politischer Streit,

00:12:32.000 --> 00:12:34.600
dass wir da nicht alles gleich etikettieren als Falschinformation

00:12:35.000 --> 00:12:38.600
oder gar als Desinformation oder als irgendsoeine Kampagne.

00:12:39.000 --> 00:12:40.600
Es gibt legitime Auseinandersetzungen

00:12:41.000 --> 00:12:45.600
und die sind manchmal gar nicht so leicht abzugrenzen von Desinformation,

00:12:46.000 --> 00:12:48.600
wo sozusagen so irgendwelche dunklen Mächte versuchen,

00:12:49.000 --> 00:12:50.600
uns in irgendeine Richtung zu pushen.

00:12:51.000 --> 00:12:55.600
Sarah Zerback: Weil ja auch das hohe Gut der Meinungsfreiheit dem Ganzen auch gegenüber steht.

00:12:56.000 --> 00:12:59.600
Also es ist schon ein schmaler Akt, gezielt zu entlarven,

00:13:00.000 --> 00:13:00.600
aber eben die Meinungsfreiheit nicht zu beschneiden.

00:13:01.000 --> 00:13:04.600
Tanjev Schultz: Genau und es ist eben auch bei Desinformation diese Täuschungsabsicht verbunden.

00:13:05.000 --> 00:13:07.600
Da geht es dann um Intention, was will jemand anderes

00:13:08.000 --> 00:13:10.600
und wir können den Leuten ja schwer in den Kopf sehen

00:13:11.000 --> 00:13:12.600
und manche verbreiten ja auch falsche Informationen,

00:13:13.000 --> 00:13:14.600
weil sie zutiefst davon überzeugt sind, die wildesten Theorien.

00:13:15.000 --> 00:13:16.600
Und das ist ja auch per se vieles davon,

00:13:17.000 --> 00:13:19.600
zumindest zum Glück, würde ich sagen, auch nicht strafbar.

00:13:20.000 --> 00:13:23.600
Wir können alles Mögliche an Quatsch in die Öffentlichkeit pusten.

00:13:24.000 --> 00:13:24.600
Die Frage ist, ob das dann glaubwürdig ist,

00:13:25.000 --> 00:13:28.600
ob uns andere zuhören, ob das gut ist.

00:13:29.000 --> 00:13:32.600
Wir haben nur in der heutigen Zeit eine etwas andere Herausforderung,

00:13:33.000 --> 00:13:34.600
weshalb das mit der Meinungsfreiheit auch so kompliziert ist,

00:13:35.000 --> 00:13:37.600
weil wir das eigentlich gut aushalten könnten,

00:13:38.000 --> 00:13:40.600
wenn irgendwelche Akteure mal was Zweifelhaftes verbreiten.

00:13:41.000 --> 00:13:44.600
Das Problem ist nur, es wird in der heutigen Zeit im digitalen Raum

00:13:45.000 --> 00:13:47.600
halt massiv durch Algorithmen, die intransparent sind,

00:13:48.000 --> 00:13:50.600
also sehr stark sichtbar gemacht,

00:13:51.000 --> 00:13:53.600
teilweise sichtbarer gemacht als die akkuraten Informationen.

00:13:54.000 --> 00:13:57.600
Und da wird teilweise eben die Desinformation dann prämiert

00:13:58.000 --> 00:14:00.600
oder auch die emotionalisierte Propaganda.

00:14:01.000 --> 00:14:03.600
Und das macht dann schon etwas aus

00:14:04.000 --> 00:14:08.600
und kann die öffentliche Debatte zu einer schlechten Schlagseite hin verzerren.

00:14:09.000 --> 00:14:09.600
Sarah Zerback: Was ist denn dann die Lösung?

00:14:10.000 --> 00:14:11.600
Also die erste, die einem natürlich einfällt, ist zu sagen,

00:14:12.000 --> 00:14:14.600
okay, wir unterbinden diese Verbreitung,

00:14:15.000 --> 00:14:16.600
wir gehen an die Plattformen ran, an die Algorithmen,

00:14:17.000 --> 00:14:18.600
das wird ja alles versucht, ist wahnsinnig komplex,

00:14:19.000 --> 00:14:22.600
gerade wenn man da über den deutschen Sprachraum auch hinausgeht

00:14:23.000 --> 00:14:27.600
und den Verbreitungsraum und sich das auf europäischer Ebene anschaut.

00:14:28.000 --> 00:14:30.600
Aber welche Kompetenzen muss man da stärken,

00:14:31.000 --> 00:14:34.600
um eben Desinformationen zu erkennen und da nicht so leicht drauf reinzufallen?

00:14:35.000 --> 00:14:37.600
Tanjev Schultz: Also, diese politische Ebene ist schon extrem wichtig

00:14:38.000 --> 00:14:39.600
und auch wenn das sehr schwierig ist,

00:14:40.000 --> 00:14:42.600
ist es aus meiner Sicht einfach unverantwortlich eigentlich,

00:14:43.000 --> 00:14:46.600
dass wir zulassen, dass einige wenige Tech-Unternehmen

00:14:47.000 --> 00:14:49.600
die Strukturen öffentlicher Auseinandersetzungen und Debatten

00:14:50.000 --> 00:14:52.600
durch auch Algorithmen stark mitprägen können,

00:14:53.000 --> 00:14:57.600
ohne dass das in irgendeiner Form gesellschaftlich verhandelbar ist so richtig

00:14:58.000 --> 00:14:59.600
und einsehbar ist überhaupt erst mal.

00:15:00.000 --> 00:15:02.600
Das ist also etwas, was, finde ich, sich eine Demokratie

00:15:03.000 --> 00:15:05.600
oder eben auch die Weltgemeinschaft so nicht gefallen lassen dürfte.

00:15:06.000 --> 00:15:10.600
Das gesagt, sind wir natürlich trotzdem als Einzelne nicht völlig hilflos.

00:15:11.000 --> 00:15:14.600
Wir können sehr wohl als Bürgerinnen und Bürger versuchen,

00:15:15.000 --> 00:15:20.600
uns so ein Arsenal an mehr oder weniger zuverlässigen Quellen aufzubauen.

00:15:21.000 --> 00:15:24.600
Wir haben vielleicht gute Gründe, warum wir trotzdem auch die Zeitung,

00:15:25.000 --> 00:15:29.600
die wir toll finden, in vielen Fällen manchmal verfluchen und kritisieren.

00:15:30.000 --> 00:15:32.600
Das ist ja auch Sinn und Zweck demokratischer öffentlicher Debatten.

00:15:33.000 --> 00:15:36.600
Aber wir müssen eben dann wirklich unterscheiden zwischen dem,

00:15:37.000 --> 00:15:39.600
wo wirklich gezielt wir in die Irre geleitet werden

00:15:40.000 --> 00:15:43.600
und der legitime Meinungsauseinandersetzung.

00:15:44.000 --> 00:15:45.600
Und da sind wir schon in der Lage, glaube ich, wenn wir darauf achten

00:15:46.000 --> 00:15:53.600
und auch eben uns selber mehr im Prinzip als Teil so einer komplexen Medienwirklichkeit begreifen,

00:15:54.000 --> 00:15:57.600
zu schauen, von wem stammt jetzt überhaupt eine Information, wer ist die Quelle?

00:15:58.000 --> 00:16:00.600
Also auch diese klassischen Tipps mal zu schauen,

00:16:01.000 --> 00:16:03.600
von wem ist jetzt eigentlich das Ganze gesendet worden?

00:16:04.000 --> 00:16:04.600
Also wer ist der Absender?

00:16:05.000 --> 00:16:06.600
Kann man das überhaupt rausfinden?

00:16:07.000 --> 00:16:07.600
Wer steht dafür gerade?

00:16:08.000 --> 00:16:10.600
Gibt es so etwas wie ein Impressum im Netz und so etwas?

00:16:11.000 --> 00:16:13.600
Das sind alles so Dinge, die man dann machen sollte.

00:16:14.000 --> 00:16:16.600
Aber ganz klar ist, der Tag hat nur 24 Stunden,

00:16:17.000 --> 00:16:19.600
wir haben alle andere Jobs und wir müssen deswegen eigentlich darauf setzen,

00:16:20.000 --> 00:16:23.600
dass wir uns auch an Medien halten,

00:16:24.000 --> 00:16:25.600
von denen wir eigentlich wissen aus Erfahrung,

00:16:26.000 --> 00:16:27.600
dass sie so vielleicht mal Fehler machen,

00:16:28.000 --> 00:16:31.600
aber so im Großen und Ganzen uns ganz gut mit Informationen bedienen.

00:16:32.000 --> 00:16:35.600
Sarah Zerback: Und die Medien, die jetzt eben nicht gezielt darauf setzen,

00:16:36.000 --> 00:16:38.600
auch Desinformationen zu verbreiten, wenn wir mal auf die schauen,

00:16:39.000 --> 00:16:41.600
die zumindest nach bestem Wissen und Gewissen sagen,

00:16:42.000 --> 00:16:47.600
wir wollen informieren und zwar im besten Sinne nach Pressekodex,

00:16:48.000 --> 00:16:51.600
welche Schlüsse sollten die aus diesen Entwicklungen ziehen,

00:16:52.000 --> 00:16:55.600
dass Desinformation ja doch mehr wird und es immer schwieriger ist,

00:16:56.000 --> 00:16:57.600
eben auch auf Quellen zu vertrauen?

00:16:58.000 --> 00:16:59.600
Das betrifft ja auch die eigene Arbeit, die eigene Recherche.

00:17:00.000 --> 00:17:02.600
Tanjev Schultz: Ja. Die müssen sich alle, auch in den Redaktionen,

00:17:03.000 --> 00:17:06.600
die darauf Wert legen, alles gut geprüft erst zu haben,

00:17:07.000 --> 00:17:09.600
bevor man es weitergibt, dann schon mehr anstrengen noch,

00:17:10.000 --> 00:17:14.600
um Desinformation nicht aufzusitzen, also da keine Fehler zu machen.

00:17:15.000 --> 00:17:15.600
Das wird wirklich zusehends schwierig,

00:17:16.000 --> 00:17:19.600
weil es ja auch so einen Tempodruck gibt in der Medienwelt

00:17:20.000 --> 00:17:21.600
und sich dann auch teilweise das Publikum beschwert,

00:17:22.000 --> 00:17:24.600
wenn nicht sofort ein Medium dann auch mit dabei ist,

00:17:25.000 --> 00:17:27.600
wichtige Nachrichten weiter zu verbreiten

00:17:28.000 --> 00:17:29.600
und auf Social Media schon alle möglichen Gerüchte hochkochen.

00:17:30.000 --> 00:17:32.600
Und da, glaube ich, ist es dann gut, vielleicht auch dem Publikum,

00:17:33.000 --> 00:17:33.600
was ja auch manchmal schon passiert,

00:17:34.000 --> 00:17:36.600
aber immer mal wieder auch zu sagen,

00:17:37.000 --> 00:17:37.600
warum etwas so und so gemacht wird

00:17:38.000 --> 00:17:39.600
und warum vielleicht auch das eine oder andere

00:17:40.000 --> 00:17:43.600
jetzt noch nicht sofort in allen Details berichtet werden kann,

00:17:44.000 --> 00:17:47.600
weil es darauf ankommt, erst mal wirklich verlässlich zu recherchieren

00:17:48.000 --> 00:17:51.600
und keine oder möglichst wenige Fehler zu machen.

00:17:52.000 --> 00:17:54.600
Und vielleicht gibt es dann zumindest doch, nicht alle,

00:17:55.000 --> 00:17:58.600
aber doch einen großen Teil im Publikum, der dann sagt, ja,

00:17:59.000 --> 00:18:04.600
das ist uns am Ende doch wichtiger als diese Daueraufregung mit vielleicht unsolider Faktenbasis.

00:18:05.000 --> 00:18:07.600
Sarah Zerback: Nun stehen wir hier zu Beginn des Jahres vor einem wichtigen Wahljahr.

00:18:08.000 --> 00:18:11.600
Rechnen Sie da mit einer Zunahme an Desinformationen?

00:18:12.000 --> 00:18:15.600
Tanjev Schultz: Ja, also es wird schon seltsame Kommunikation bestimmt zu finden sein,

00:18:16.000 --> 00:18:19.600
aber ich bin auch eigentlich nicht dazu geneigt,

00:18:20.000 --> 00:18:21.600
da jetzt gleich Panik zu verbreiten.

00:18:22.000 --> 00:18:26.600
Wir haben eigentlich vor jeder der vergangenen Wahlen, politischen Wahlen,

00:18:27.000 --> 00:18:28.600
gerade auch in Deutschland, immer so diese Sorge gehabt,

00:18:29.000 --> 00:18:30.600
da passiert jetzt ganz, ganz viel an Desinformation.

00:18:31.000 --> 00:18:34.600
Diese ganz plumpe Desinformation, die ist dann doch oft leicht zu erkennen.

00:18:35.000 --> 00:18:37.600
Wo ich mir eher Sorge mache, ist,

00:18:38.000 --> 00:18:40.600
dass die öffentlichen Debatten so insgesamt sich so verzerren.

00:18:41.000 --> 00:18:43.600
Und da können sich vielleicht auch die klassischen,

00:18:44.000 --> 00:18:46.600
eigentlich auch seriösen Medien ein bisschen selbst hinterfragen,

00:18:47.000 --> 00:18:50.600
weil wir ja dann gar nicht so sehr beim Thema Desinformation sind,

00:18:51.000 --> 00:18:53.600
sondern bei der Frage, was sind eigentlich wirklich die wichtigen Themen

00:18:54.000 --> 00:18:55.600
und wer setzt die, warum?

00:18:56.000 --> 00:18:56.600
Also das war schon immer eine Frage:

00:18:57.000 --> 00:19:00.600
Worüber lohnt es sich eigentlich gesellschaftlich zu streiten?

00:19:01.000 --> 00:19:02.600
Und es ist ja doch auffällig,

00:19:03.000 --> 00:19:05.600
dass so bestimmte Themen dann einfach wieder verschwinden,

00:19:06.000 --> 00:19:08.600
obwohl sie vielleicht gar nicht gelöst sind als Herausforderungen, als Probleme.

00:19:09.000 --> 00:19:09.600
Und dass es so Konjunkturen gibt,

00:19:10.000 --> 00:19:12.600
wo sich auch vielleicht man als Bürger manchmal fragt,

00:19:13.000 --> 00:19:14.600
ja, ist das jetzt alles schon wieder vorbei?

00:19:15.000 --> 00:19:18.600
Also ist jetzt zum Beispiel die Klimaproblematik, ist das jetzt alles gelöst oder nicht?

00:19:19.000 --> 00:19:21.600
Also da, glaube ich, wäre es wichtig,

00:19:22.000 --> 00:19:26.600
vielleicht auch so diese Einseitigkeit immer nur so ein Großthema zu bespielen, das mal zu hinterfragen.

00:19:27.000 --> 00:19:28.600
Sarah Zerback: Tanjev Schultz, vielen Dank für das Interview.

00:19:29.000 --> 00:19:29.600
Tanjev Schultz: Gerne.

00:19:30.000 --> 00:19:33.600
*Musik*

00:19:34.000 --> 00:19:34.600
O-Ton Martin Giese: Wir können heute verbindlich sagen,

00:19:35.000 --> 00:19:38.600
dass Russland durch die Kampagne Storm-1516 versucht hat,

00:19:39.000 --> 00:19:40.600
sowohl die letzte Bundestagswahl

00:19:41.000 --> 00:19:43.600
als auch fortlaufend die inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik Deutschland

00:19:44.000 --> 00:19:47.600
zu beeinflussen und zu destabilisieren.

00:19:48.000 --> 00:19:49.600
Sarah Zerback: Das sagt der Sprecher des Auswärtigen Amts,

00:19:50.000 --> 00:19:51.600
Martin Giese, im vergangenen Dezember.

00:19:52.000 --> 00:19:55.600
„Storm-1516“, so heißt die Desinformationskampagne aus Russland,

00:19:56.000 --> 00:20:00.600
mit der zum Beispiel die Bundestagswahl 2025 beeinflusst werden sollte.

00:20:01.000 --> 00:20:04.600
Die Kampagne im Vorfeld der Wahl bestand aus gefälschten Nachrichtenseiten

00:20:05.000 --> 00:20:10.600
und KI-generierten Inhalten, die von Influencern in Sozialen Netzwerken verbreitet wurden.

00:20:11.000 --> 00:20:12.600
Die Kampagne verbreitete falsche Informationen

00:20:13.000 --> 00:20:16.600
über die Kanzlerkandidaten Friedrich Merz und Robert Habeck.

00:20:17.000 --> 00:20:18.600
Seitdem hat es diverse weitere Versuche gegeben,

00:20:19.000 --> 00:20:22.600
Falschinformationen in Deutschland in Umlauf zu bringen.

00:20:23.000 --> 00:20:26.600
Denn Desinformation und Propaganda gehören zu den zentralen Mitteln,

00:20:27.000 --> 00:20:30.600
mit denen die russische Regierung die Stabilität des Regimes sichert

00:20:31.000 --> 00:20:33.600
und geopolitische Interessen verfolgt.

00:20:34.000 --> 00:20:35.600
Das erklärt Julia Smirnova.

00:20:36.000 --> 00:20:41.600
Sie ist Senior Researcherin beim Center für Monitoring, Analyse und Strategie, CeMAS,

00:20:42.000 --> 00:20:45.600
wo sie zu Desinformation und digitalem Autoritarismus forscht.

00:20:46.000 --> 00:20:48.600
Julia Smirnova: Gerade in militärischen russischen Kreisen

00:20:49.000 --> 00:20:50.600
spricht man nicht mal von Desinformation oder Propaganda,

00:20:51.000 --> 00:20:54.600
sondern von Informationskrieg, Informationskriegsführung.

00:20:55.000 --> 00:20:59.600
Und seit Jahren, schon vor dem Beginn der großangelegten Invasion der Ukraine,

00:21:00.000 --> 00:21:02.600
ist die Idee in diesen Kreisen verbreitet,

00:21:03.000 --> 00:21:05.600
dass sich Russland in einem permanenten hybriden Krieg

00:21:06.000 --> 00:21:09.600
und unter anderem auch Informationskrieg mit dem Westen befindet.

00:21:10.000 --> 00:21:12.600
Sarah Zerback: Denn die Verbreitung von Propaganda und Desinformation

00:21:13.000 --> 00:21:15.600
richtet sich schon lange nicht nur gegen die Bevölkerung im eigenen Land,

00:21:16.000 --> 00:21:17.600
sondern auch gegen andere Länder.

00:21:18.000 --> 00:21:21.600
Und sie wird auf verschiedenen Ebenen, von unterschiedlichen Akteuren umgesetzt

00:21:22.000 --> 00:21:25.600
Julia Smirnova: Die Propaganda wird von diversen Geheimdiensten in Russland betrieben.

00:21:26.000 --> 00:21:29.600
Sie haben alle ihre eigenen Abteilungen für Desinformation und Propaganda.

00:21:30.000 --> 00:21:32.600
Ganz wichtig sind russische Staatsmedien,

00:21:33.000 --> 00:21:36.600
die ihre Strategie mit der Präsidialverwaltung abstimmen.

00:21:37.000 --> 00:21:39.600
Sie wurden ursprünglich gegründet als Instrument von Softpower,

00:21:40.000 --> 00:21:43.600
die ein positives Bild von Russland vermitteln sollten im Ausland.

00:21:44.000 --> 00:21:48.600
Aber zunehmend wurden sie als Desinformations- und Propaganda-Instrumente eingesetzt.

00:21:49.000 --> 00:21:52.600
Zum Beispiel, wenn wir jetzt auf den Auslandsender Russia Today schauen,

00:21:53.000 --> 00:21:57.600
geht es nicht nur darum, ein positives Bild von Russland zu vermitteln,

00:21:58.000 --> 00:22:02.600
sondern sehr stark darum, die Gesellschaften, die demokratischen Institutionen

00:22:03.000 --> 00:22:06.600
in den Zielländern zu destabilisieren.

00:22:07.000 --> 00:22:09.600
Das hat man zum Beispiel in Deutschland während der Pandemie gesehen.

00:22:10.000 --> 00:22:15.600
Da hat die deutsche Version von Russia Today sehr stark die Stimmen von Covid-Skeptikern verstärkt

00:22:16.000 --> 00:22:20.600
und generell demokratieskeptische, demokratiefeindliche Stimmen.

00:22:21.000 --> 00:22:26.600
Und seit 2022 versucht RT auch, immer neue Medienmarken zu gründen,

00:22:27.000 --> 00:22:28.600
die offiziell nichts mit dem russischen Staat zu tun haben,

00:22:29.000 --> 00:22:31.600
aber dem gleichen Zweck dienen,

00:22:32.000 --> 00:22:34.600
die Zielländer zu destabilisieren und prorussischen Narrative zu verbreiten.

00:22:35.000 --> 00:22:39.600
Und zum dritten gibt es auch private Akteure, private Unternehmen,

00:22:40.000 --> 00:22:42.600
die im Auftrag des Kremls arbeiten.

00:22:43.000 --> 00:22:46.600
Für digitale Desinformation und Propaganda ist typisch,

00:22:47.000 --> 00:22:49.600
dass sehr viele Taktiken und Methoden aus der Werbung

00:22:50.000 --> 00:22:52.600
oder aus dem digitalen Marketing kommen

00:22:53.000 --> 00:22:56.600
und da greift der Kreml auf die Expertise von privaten IT-Unternehmen

00:22:57.000 --> 00:22:59.600
und privaten Marketing- und PR-Firmen.

00:23:00.000 --> 00:23:01.600
Sarah Zerback: Eine Strategie ist also Desinformation,

00:23:02.000 --> 00:23:04.600
zum Beispiel auch, wenn russische Staatsmedien Zweifel streuen,

00:23:05.000 --> 00:23:10.600
ob das Massaker im ukrainischen Butscha im Frühjahr 2022 stattgefunden habe.

00:23:11.000 --> 00:23:13.600
Oder wenn ein gefälschter Artikel auftaucht,

00:23:14.000 --> 00:23:15.600
der eine französische Nachrichtenseite imitiert

00:23:16.000 --> 00:23:20.600
und Präsident Macron mit den Epstein-Files in Verbindung bringt.

00:23:21.000 --> 00:23:25.600
Aber die russischen Staatsmedien und Akteure setzen auf mehr als falsche Informationen

00:23:26.000 --> 00:23:29.600
Julia Smirnova: Manchmal ist es Verstärkung von bestimmten politischen Meinungen,

00:23:30.000 --> 00:23:32.600
aber mit Hilfe von manipulativen Methoden.

00:23:33.000 --> 00:23:37.600
Zum Beispiel bei bestimmten Kampagnen wird eine Vielzahl von Accounts in sozialen Medien angelegt,

00:23:38.000 --> 00:23:43.600
die alle anfangen, in einem Land eine bestimmte Partei zu unterstützen vor der Wahl.

00:23:44.000 --> 00:23:47.600
Das, was sie verbreiten, ist strikt genommen keine falsche Informationen,

00:23:48.000 --> 00:23:50.600
aber das sind keine echten Menschen aus den Zielland, sondern Accounts,

00:23:51.000 --> 00:23:52.600
die aus Russland betrieben werden

00:23:53.000 --> 00:23:55.600
und deshalb sprechen wir hier von Informationsmanipulationen.

00:23:56.000 --> 00:23:58.600
Sarah Zerback: Russland versucht auch Einfluss zu nehmen,

00:23:59.000 --> 00:24:00.600
indem es Netzwerke in den Zielländern aufbaut,

00:24:01.000 --> 00:24:03.600
mit Organisationen, die von Russland finanziert sind

00:24:04.000 --> 00:24:06.600
oder mit Akteuren, die Russland positiv gegenüberstehen.

00:24:07.000 --> 00:24:09.600
Solche Netzwerke gibt es auch nach Deutschland.

00:24:10.000 --> 00:24:13.600
Julia Smirnova: Es gab schon lange, schon vor dem Beginn der großangelegten Invasion der Ukraine,

00:24:14.000 --> 00:24:18.600
Kontakte zwischen dem Kreml oder zwischen kremlfreundlichen Oligarchen

00:24:19.000 --> 00:24:21.600
und rechtsextremen rechtspopulistischen Kräften in Europa.

00:24:22.000 --> 00:24:23.600
Auch zu der AfD.

00:24:24.000 --> 00:24:27.600
AfD-Abgeordnete sind auf die annektierte Krim gereist

00:24:28.000 --> 00:24:29.600
oder in die besetzten Gebiete der Ukraine.

00:24:30.000 --> 00:24:35.600
Und durch verdeckte Propagandakampagnen versucht der Kreml die AfD zu unterstützen.

00:24:36.000 --> 00:24:39.600
Das war auch der Fall zum Beispiel bei der letzten Bundestagswahl.

00:24:40.000 --> 00:24:44.600
Zum einen haben verdeckte russische Propagandakampagnen Narrative unterstützt,

00:24:45.000 --> 00:24:48.600
die AfD-Narrativen sehr ähnlich waren.

00:24:49.000 --> 00:24:53.600
Und zum anderen gab es auch direkte Unterstützung der Partei AfD.

00:24:54.000 --> 00:24:57.600
Oder am unmittelbaren Wahltag verbreiteten russische Desinformationsakteure Falschbehauptungen

00:24:58.000 --> 00:25:01.600
über angeblichen Wahlbetrug zu Ungunsten der AfD.

00:25:02.000 --> 00:25:04.600
Sarah Zerback: Russische Einflussnahme läuft in der Regel so ab:

00:25:05.000 --> 00:25:10.600
Zuerst wird analysiert, welche Narrative und Meinung schon in der Bevölkerung vorhanden sind.

00:25:11.000 --> 00:25:13.600
An genau die wird dann gezielt angedockt.

00:25:14.000 --> 00:25:15.600
Diese Strategie wendet Russland nicht nur im Ausland,

00:25:16.000 --> 00:25:18.600
wie eben rund um die deutsche Bundestagswahl an,

00:25:19.000 --> 00:25:20.600
sondern auch  bei der eigenen Bevölkerung

00:25:21.000 --> 00:25:25.600
Julia Smirnova: Auch im Inland betreiben russische Einflussakteure Monitoring von klassischen Medien,

00:25:26.000 --> 00:25:31.600
von sozialen Medien, von Diskussionen und suchen immer nach wunden Punkten.

00:25:32.000 --> 00:25:34.600
Sie suchen immer nach Argumenten,

00:25:35.000 --> 00:25:37.600
die verstärkt und weiterverbreitet werden können.

00:25:38.000 --> 00:25:39.600
Wenn wir über Propaganda im Inland sprechen,

00:25:40.000 --> 00:25:45.600
geht es in Russland sehr stark um die Kontrolle über den Informationsraum,

00:25:46.000 --> 00:25:49.600
also im Inland geht der Kreml viel drastischer vor.

00:25:50.000 --> 00:25:54.600
Es geht die praktische Kontrolle über Fernsehsender, über Zeitungen.

00:25:55.000 --> 00:25:57.600
Es geht um Zensur von Internetmedien.

00:25:58.000 --> 00:26:00.600
Die Propaganda wird auch im Bildungssystem verbreitet.

00:26:01.000 --> 00:26:07.600
Da hat natürlich der Kreml viel mehr Handlungsoptionen und viel mehr Spielräume.

00:26:08.000 --> 00:26:10.600
Aber auch dort werden regelmäßig Umfragen durchgeführt

00:26:11.000 --> 00:26:13.600
und es wird versucht auch bestimmte Narrative zu verstärken,

00:26:14.000 --> 00:26:17.600
zum Beispiel Angst vor einem angeblichen Angriff von außen.

00:26:18.000 --> 00:26:22.600
Der Angriff gegen die Ukraine wird als Verteidigung dargestellt

00:26:23.000 --> 00:26:27.600
und den Menschen wird in sehr unterschiedlichen Formen das Gefühl vermittelt,

00:26:28.000 --> 00:26:30.600
dass nicht Russland der Aggressorstaat ist,

00:26:31.000 --> 00:26:33.600
sondern dass Russland in Gefahr ist,

00:26:34.000 --> 00:26:36.600
in existenzieller Gefahr und dass sich Russland verteidigen muss.

00:26:37.000 --> 00:26:41.600
Dieses Gefühl wird mit Hilfe von Manipulationen der Narrative über Geschichte verstärkt,

00:26:42.000 --> 00:26:44.600
mit Hilfe von täglichen Nachrichten,

00:26:45.000 --> 00:26:47.600
die auf bestimmte Art und Weise instrumentalisiert werden.

00:26:48.000 --> 00:26:50.600
Dieses Thema ist in der russischen Propaganda sehr präsent.

00:26:51.000 --> 00:26:51.600
Sarah Zerback: Und dabei geht es weniger darum,

00:26:52.000 --> 00:26:54.600
ganz bestimmte Informationen zu verbreiten,

00:26:55.000 --> 00:26:57.600
sondern vor allem um Verunsicherung,

00:26:58.000 --> 00:26:59.600
das gilt auch für Einflusskampagnen im Ausland.

00:27:00.000 --> 00:27:02.600
Julia Smirnova: Es geht häufig bei diesen Kampagnen nicht darum,

00:27:03.000 --> 00:27:06.600
eine sehr glaubwürdige Lüge in die Welt zu setzen,

00:27:07.000 --> 00:27:10.600
die dann von allen aufgenommen wird, sondern es geht darum,

00:27:11.000 --> 00:27:16.600
bestimmte Narrative einfach langfristig immer wieder zu verbreiten.

00:27:17.000 --> 00:27:21.600
Oder es geht darum, Zweifel an demokratischen Institutionen

00:27:22.000 --> 00:27:23.600
oder an den Medien zu säen.

00:27:24.000 --> 00:27:28.600
Es kann sein, dass einzelne Posts oder einzelne Behauptungen

00:27:29.000 --> 00:27:31.600
auch nicht immer gleich gut aufgenommen werden,

00:27:32.000 --> 00:27:35.600
aber der russische Staat kann es sich erlauben, immer wieder zu experimentieren

00:27:36.000 --> 00:27:39.600
und diese Narrative immer auf eine andere Art und Weise zu wiederholen,

00:27:40.000 --> 00:27:42.600
bis sie in bestimmten Zielgruppen Anklang finden.

00:27:43.000 --> 00:27:45.600
Sarah Zerback: Desinformationskampagnen kommen nicht nur in Autokratien vor,

00:27:46.000 --> 00:27:48.600
sondern auch in Demokratien.

00:27:49.000 --> 00:27:52.600
So wiederholte etwa die US-Regierung unter George W. Bush nach dem . September

00:27:53.000 --> 00:27:56.600
und dem darauffolgenden War on Terror methodisch Falschaussagen,

00:27:57.000 --> 00:27:58.600
um den Irakkrieg zu rechtfertigen.

00:27:59.000 --> 00:28:00.600
Unter anderem mit der nicht belegbaren Behauptung,

00:28:01.000 --> 00:28:02.600
der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen.

00:28:03.000 --> 00:28:05.600
Seitdem hat sich technisch viel verändert,

00:28:06.000 --> 00:28:10.600
Desinformation und Propaganda haben heute mit Hilfe von KI noch mehr Möglichkeiten.

00:28:11.000 --> 00:28:12.600
Die nutzt auch Russland.

00:28:13.000 --> 00:28:14.600
Denn mit KI können massenhaft und sehr günstig

00:28:15.000 --> 00:28:17.600
Inhalte, Bilder und Videos erstellt werden.

00:28:18.000 --> 00:28:21.600
Auch hier geht es aber nicht in erster Linie um die Qualität der Fake News.

00:28:22.000 --> 00:28:26.600
Julia Smirnova: Es geht dabei nicht darum, eine sehr feine Fälschung herzustellen,

00:28:27.000 --> 00:28:30.600
sehr glaubwürdige Desinformation, bei der das Zielpublikum gar nicht merkt,

00:28:31.000 --> 00:28:35.600
dass es KI ist, sondern momentan wird KI vor allem dafür verwendet,

00:28:36.000 --> 00:28:39.600
massenhaft billige Inhalte zu erstellen.

00:28:40.000 --> 00:28:40.600
Kommentare und Texte haben jetzt weniger Fehler

00:28:41.000 --> 00:28:44.600
und sie werden jetzt nicht zehnmal wortwörtlich wiederholt,

00:28:45.000 --> 00:28:48.600
sondern mit Hilfe von LLMs können russische Einflussakteure

00:28:49.000 --> 00:28:54.600
eigentlich sehr viele relativ authentisch klingende Texte in Fremdsprachen erzeugen.

00:28:55.000 --> 00:28:57.600
Sarah Zerback: LLMs, das steht für Large Language Models.

00:28:58.000 --> 00:29:01.600
Sie werden mit riesigen Datensätzen trainiert,

00:29:02.000 --> 00:29:03.600
um menschliche Sprache zu verstehen und zu erstellen.

00:29:04.000 --> 00:29:07.600
Chatbots wie ChatGPT funktionieren zum Beispiel mit Hilfe von LLMs.

00:29:08.000 --> 00:29:12.600
Julia Smirnova: Russische Einflussakteure sprechen auch darüber, westliche LLMs zu beeinflussen.

00:29:13.000 --> 00:29:16.600
Sie beobachten sehr genau, wie sie die Kommunikationstechnologien verwenden

00:29:17.000 --> 00:29:18.600
und sie sehen zum Beispiel,

00:29:19.000 --> 00:29:21.600
dass immer mehr Menschen in den Zielländern ihre Nachrichten

00:29:22.000 --> 00:29:27.600
oder ihre Informationen gar nicht mehr aus Medien oder sozialen Medien bekommen,

00:29:28.000 --> 00:29:30.600
sondern dass sie Fragen an KI-Chatbots stellen

00:29:31.000 --> 00:29:32.600
und es wird in Russland darüber gesprochen,

00:29:33.000 --> 00:29:35.600
dass man Strategien entwickeln soll,

00:29:36.000 --> 00:29:37.600
dass man die Desinformation so breit wie möglich streuen soll,

00:29:38.000 --> 00:29:42.600
sodass sie auch Eingang in Trainingsdaten für LLMs findet.

00:29:43.000 --> 00:29:47.600
Sarah Zerback: Andereseits: KI kann auch zum Erkennen von Desinformation genutzt werden.

00:29:48.000 --> 00:29:49.600
Auch dafür gibt es Pilotprojekte,

00:29:50.000 --> 00:29:53.600
die Inhalte und Nachrichtenseiten auf Desinformation und Verlässlichkeit prüfen.

00:29:54.000 --> 00:29:56.600
Und ganz grundsätzlich sagt Julia Smirnova

00:29:57.000 --> 00:29:58.600
Julia Smirnova: Wir sollen jetzt auch nicht das Gefühl haben,

00:29:59.000 --> 00:30:01.600
dass die russische Propaganda allmächtig ist.

00:30:02.000 --> 00:30:02.600
Das ist sie nicht.

00:30:03.000 --> 00:30:06.600
Überhaupt, dass Russland so stark auf Desinformationspropaganda ist,

00:30:07.000 --> 00:30:09.600
das ist auch zum Teil ein Zeichen der Schwäche,

00:30:10.000 --> 00:30:13.600
der wirtschaftlichen Schwäche, der Schwäche Russlands in anderen Bereichen,

00:30:14.000 --> 00:30:17.600
aber im Vergleich zu anderen Ländern ist russische Propaganda

00:30:18.000 --> 00:30:20.600
besonders aggressiv und ziemlich innovativ.

00:30:21.000 --> 00:30:23.600
*Musik*

00:30:24.000 --> 00:30:26.600
Sarah Zerback: Wie stark die Wirkung von Desinformation auf politische Prozesse tatsächlich ist,

00:30:27.000 --> 00:30:28.600
das lässt sich schwer bemessen

00:30:29.000 --> 00:30:31.600
und in vielen Fällen spielt sie auch nur eine geringe Rolle.

00:30:32.000 --> 00:30:34.600
Trotzdem führt Desinformation, wie wir schon gehört haben,

00:30:35.000 --> 00:30:37.600
zu Verunsicherung und zu Vertrauensverlust,

00:30:38.000 --> 00:30:40.600
denn Desinformation verfängt in bestimmten Gruppen besonders gut.

00:30:41.000 --> 00:30:44.600
Und sie begegnet uns auch in zwischenmenschlichen Beziehungen.

00:30:45.000 --> 00:30:45.600
Denn viele kennen vielleicht solche Momente,

00:30:46.000 --> 00:30:47.600
in denen uns jemand gegenübersitzt,

00:30:48.000 --> 00:30:50.600
der sein Weltbild und seine Meinung mit Fakten belegt,

00:30:51.000 --> 00:30:52.600
die wir für falsch halten, für Desinformation

00:30:53.000 --> 00:30:55.600
oder der uns genau das vorwirft.

00:30:56.000 --> 00:30:57.600
Mit welcher Haltung man in ein Gespräch geht,

00:30:58.000 --> 00:31:00.600
dem die gemeinsame Faktengrundlage fehlt

00:31:01.000 --> 00:31:02.600
und was so ein Gespräch bewirken kann,

00:31:03.000 --> 00:31:03.600
das erklärt Romy Jaster.

00:31:04.000 --> 00:31:07.600
Sie forscht und lehrt am Institut für Philosophie der Humboldt-Universität

00:31:08.000 --> 00:31:11.600
und verantwortet dort den Arbeitsbereich "Philosophie & Öffentlichkeit" und sie sagt:

00:31:12.000 --> 00:31:16.600
Es kommt beim Sprechen über Desinformation vor allem auf mein eigenes Ziel an

00:31:17.000 --> 00:31:18.600
Romy Jaster: Ich kann versuchen, besser zu verstehen,

00:31:19.000 --> 00:31:21.600
was die andere Person eigentlich denkt.

00:31:22.000 --> 00:31:24.600
Ich kann versuchen, die zu überzeugen von meinem Standpunkt.

00:31:25.000 --> 00:31:28.600
Ich kann versuchen, meine eigenen Gründe zu schärfen

00:31:29.000 --> 00:31:30.600
in der Auseinandersetzung mit der eigenen Person,

00:31:31.000 --> 00:31:34.600
also zu gucken, wie gut kann ich eigentlich meinen Standpunkt begründen oder so.

00:31:35.000 --> 00:31:37.600
Das sind alles Ziele, mit denen man in ein Streitgespräch reingehen kann.

00:31:38.000 --> 00:31:40.600
Und abhängig von diesen Zielen und abhängig vom Setting,

00:31:41.000 --> 00:31:44.600
in dem das stattfindet, muss man jetzt quasi sich einzeln angucken:

00:31:45.000 --> 00:31:48.600
Macht es Sinn, mit dieser Person, unter dieser Zielsetzung,

00:31:49.000 --> 00:31:51.600
in diesem Setting über diese Sache zu streiten oder nicht?

00:31:52.000 --> 00:31:54.600
Sarah Zerback: Einfach nur mit dem eigenen Standpunkt gewinnen zu wollen,

00:31:55.000 --> 00:31:57.600
das bringt einen nicht wirklich weiter, glaubt Romy Jaster.

00:31:58.000 --> 00:32:01.600
Es kann viel mehr helfen, erst mal einen gemeinsamen Rahmen abzustecken.

00:32:02.000 --> 00:32:04.600
Romy Jaster: Die kleinste Menge an Streitregeln

00:32:05.000 --> 00:32:08.600
oder so Diskursregeln mit dem größten Effekt ist,

00:32:09.000 --> 00:32:11.600
dass man überhaupt erst mal zusammenfasst,

00:32:12.000 --> 00:32:14.600
was man überhaupt verstanden hat, was das Gegenüber gesagt hat.

00:32:15.000 --> 00:32:16.600
Aber dann eben auch im zweiten Schritt sagt

00:32:17.000 --> 00:32:20.600
Und weißt du, an den und den Stellen haben wir gar keinen Dissens.

00:32:21.000 --> 00:32:23.600
Das sehe ich auch so, das sehe ich auch so.

00:32:24.000 --> 00:32:26.600
Aber an dieser Stelle, und das wäre dann quasi der dritte Schritt,

00:32:27.000 --> 00:32:30.600
der häufig der erste ist, an dieser Stelle bin ich aber nicht deiner Meinung,

00:32:31.000 --> 00:32:32.600
und zwar aus den und den Gründen.

00:32:33.000 --> 00:32:35.600
Und dieser Zwischenschritt darüber zu gehen,

00:32:36.000 --> 00:32:41.600
wo eigentlich kein Dissens besteht, der ist wahnsinnig fruchtbar, also aus vielen Gründen.

00:32:42.000 --> 00:32:45.600
Einerseits atmosphärisch, andererseits, weil die Person dann sicher sein kann,

00:32:46.000 --> 00:32:47.600
dass man auch wirklich sich mit ihrem Standpunkt auseinandersetzt,

00:32:48.000 --> 00:32:50.600
aber eben auch, weil man selber gezwungen ist,

00:32:51.000 --> 00:32:53.600
sich klar zu machen, wo der Dissens eigentlich liegt

00:32:54.000 --> 00:32:57.600
und dadurch die Diskussion sehr viel fokussierter wird.

00:32:58.000 --> 00:32:59.600
Sarah Zerback: So lässt sich ein Gespräch auch führen,

00:33:00.000 --> 00:33:03.600
wenn man selber nicht Expertin oder Experte auf einem Gebiet ist

00:33:04.000 --> 00:33:05.600
und ganz viele Fakten nennen kann.

00:33:06.000 --> 00:33:07.600
Romy Jaster zweifelt sowieso daran,

00:33:08.000 --> 00:33:10.600
dass man Desinformation ganz simpel mit Information,

00:33:11.000 --> 00:33:13.600
mit besseren Belegen und Quellen aus der Welt schaffen kann.

00:33:14.000 --> 00:33:17.600
Sie sieht uns in einer Krise, die das eben nicht einfach zulässt

00:33:18.000 --> 00:33:21.600
Romy Jaster: Da gibt es irgendwie Leute, die sagen falsche Dinge

00:33:22.000 --> 00:33:23.600
und speisen die in den öffentlichen Diskurs ein.

00:33:24.000 --> 00:33:26.600
Und jetzt muss es wiederum Leute geben, die das richtigstellen.

00:33:27.000 --> 00:33:29.600
Das ist natürlich erst mal eine gute Idee.

00:33:30.000 --> 00:33:35.600
Aber das Problem an Desinformation geht ja viel weiter,

00:33:36.000 --> 00:33:41.600
nämlich ist die Desinformationskrise aus meiner Sicht im Kern eine Vertrauenskrise.

00:33:42.000 --> 00:33:46.600
Also gesamtgesellschaftlich kann man das, glaube ich, als Problem identifizieren,

00:33:47.000 --> 00:33:49.600
aber das ist natürlich auch ein Problem im 1 zu 1-Diskurs.

00:33:50.000 --> 00:33:52.600
Also wenn es jetzt darum geht, man diskutiert mit jemandem und stellt fest,

00:33:53.000 --> 00:33:55.600
diese Person glaubt die verrücktesten Dinge,

00:33:56.000 --> 00:33:59.600
dann wird man ja schnell feststellen, dass diese Person auch Quellen vertraut,

00:34:00.000 --> 00:34:01.600
die ich für unverlässlich halte.

00:34:02.000 --> 00:34:04.600
Und wenn ich dann mich so positioniere und sage,

00:34:05.000 --> 00:34:08.600
hör mal, diese Quellen sind nicht verlässlich,hier sind die verlässlichen Quellen,

00:34:09.000 --> 00:34:15.600
dann wird das Vertrauenslevel, was die Person mir gegenüber hat, eher senken.

00:34:16.000 --> 00:34:19.600
Und das ist ein riesiges Problem an dieser ganzen Vorstellung,

00:34:20.000 --> 00:34:23.600
dass man einfach nur immer korrigieren, korrigieren, korrigieren muss.

00:34:24.000 --> 00:34:25.600
Sarah Zerback: Es könnte also auch helfen,

00:34:26.000 --> 00:34:28.600
wenn man bei so einem Konflikt eher darüber miteinander ins Gespräch kommt,

00:34:29.000 --> 00:34:32.600
wie diese unterschiedliche Informationslage eigentlich zustande kommt,

00:34:33.000 --> 00:34:35.600
sprich: sich über die Quellen austauscht.

00:34:36.000 --> 00:34:37.600
Romy Jaster: Quasi auf so eine Metaebene zu gehen

00:34:38.000 --> 00:34:39.600
und sich darüber Gedanken zu machen gemeinsam,

00:34:40.000 --> 00:34:41.600
woran man eigentlich gute Quellen erkennt

00:34:42.000 --> 00:34:47.600
und dann aber auch mit einer gewissen Demut in dieses Gespräch zu gehen

00:34:48.000 --> 00:34:52.600
und zu sagen, ja, also tatsächlich ist es ja wahnsinnig schwierig, sich da zu orientieren.

00:34:53.000 --> 00:34:55.600
Und ich zum Beispiel mache das so und so und so,

00:34:56.000 --> 00:34:58.600
aber du scheinst ja das irgendwie anders zu machen.

00:34:59.000 --> 00:35:00.600
Und wie funktioniert das denn bei dir?

00:35:01.000 --> 00:35:05.600
Wie suchst du denn eigentlich die Quellen aus, die du so liest?

00:35:06.000 --> 00:35:09.600
Und warum vertraust du eigentlich denen, denen ich vertraue, nicht

00:35:10.000 --> 00:35:11.600
und dafür aber denen, denen du vertraust?

00:35:12.000 --> 00:35:15.600
Und auf diese Weise kann man ja schon auch Spannungen,

00:35:16.000 --> 00:35:22.600
sag ich mal, zutage fördern, in den Prinzipien,die Leute so an den Tag legen,

00:35:23.000 --> 00:35:27.600
um ihr Vertrauen in die einen Quellen und ihr Misstrauen in die anderen Quellen auch zu begründen.

00:35:28.000 --> 00:35:30.600
Das ist ja häufig nicht so konsistent zu begründen.

00:35:31.000 --> 00:35:36.600
Also warum, glaube ich, irgendwas, was Attila Hildmann über Impfen sagt,

00:35:37.000 --> 00:35:40.600
aber nicht, was das Robert-Koch-Institut übers Impfen sagt?

00:35:41.000 --> 00:35:44.600
Alson nur, weil ich vielleicht Gründe habe, dem Robert-Koch-Institut zu misstrauen,

00:35:45.000 --> 00:35:47.600
gibt mir das noch lange keine guten Gründe, Attila Hildmann zu vertrauen.

00:35:48.000 --> 00:35:52.600
Und über diese Fragen kann man dann eben tatsächlich ganz gut miteinander ins Gespräch kommen.

00:35:53.000 --> 00:35:57.600
Auch wenn in der Sache sich da zwei Personen gegenüberstehen,

00:35:58.000 --> 00:36:00.600
die beide keine Ahnung von Viren, sage ich mal, haben.

00:36:01.000 --> 00:36:03.600
Sarah Zerback: Romy Jaster motiviert dazu, solche Gespräche auszuprobieren,

00:36:04.000 --> 00:36:07.600
denn man könne dabei immer wieder etwas lernen oder besser verstehen.

00:36:08.000 --> 00:36:11.600
Aber es ist auch wichtig, das Ziel nicht zu hoch zu setzen.

00:36:12.000 --> 00:36:14.600
Denn Menschen halten gern an ihren Überzeugungen fest.

00:36:15.000 --> 00:36:18.600
Dass man die dann mal eben, in nur einem Gespräch aufgelöst bekommt

00:36:19.000 --> 00:36:21.600
mit diesem Streitziel wird man wahrscheinlich scheitern.

00:36:22.000 --> 00:36:26.600
Romy Jaster: Das Streitziel, einfach genauer zu verstehen,

00:36:27.000 --> 00:36:32.600
wie eigentlich die andere Person tickt, das sollte man nicht geringschätzen.

00:36:33.000 --> 00:36:36.600
Meistens sind das ja nicht nur Einzelpersonen, die dann so denken,

00:36:37.000 --> 00:36:42.600
sondern das steht ja häufig für eine Denkrichtung innerhalb der Gesellschaft.

00:36:43.000 --> 00:36:47.600
Und irgendwie dann so ein Exemplar sich rausnehmen zu können

00:36:48.000 --> 00:36:51.600
und mal wirklich genauer zu verstehen,

00:36:52.000 --> 00:36:56.600
wie das eigentlich in deren Denken alles miteinander zusammenhängt,

00:36:57.000 --> 00:36:58.600
das ist, finde ich, schon ein Erfolg ehrlich gesagt.

00:36:59.000 --> 00:37:03.600
Und klar, wenn man jetzt irgendwie, wenn einem jetzt an der Person gelegen ist

00:37:04.000 --> 00:37:09.600
und man möchte, dass die zu mehr haltbaren Überzeugungen kommt,

00:37:10.000 --> 00:37:13.600
dann wäre natürlich irgendwie das Ziel und entsprechend auch der Erfolg,

00:37:14.000 --> 00:37:18.600
dass die Person mindestens mal so ein bisschen ins Nachdenken kommt.

00:37:19.000 --> 00:37:21.600
Aber sich irgendwie als Ziel zu setzen,

00:37:22.000 --> 00:37:23.600
dass man einmal mit jemandem diskutiert

00:37:24.000 --> 00:37:28.600
und danach sieht die Person wichtige Dinge grundlegend anders,

00:37:29.000 --> 00:37:30.600
das ist vollkommen unrealistisch in aller Regel.

00:37:31.000 --> 00:37:33.600
Sarah Zerback: An kleinen Veränderungen Anteil zu haben,

00:37:34.000 --> 00:37:35.600
das ist das, was wir als Einzelne leisten können,

00:37:36.000 --> 00:37:39.600
um der Vertrauenskrise, von der Romy Jaster spricht, entgegenzuwirken.

00:37:40.000 --> 00:37:40.600
Romy Jaster: Man kann natürlich sagen,

00:37:41.000 --> 00:37:43.600
ja da sind jetzt Medien und Politik und Rechtsprechung und so weiter,

00:37:44.000 --> 00:37:47.600
die sind alle jetzt gefordert, aber ich kann ja gar nichts machen.

00:37:48.000 --> 00:37:53.600
Das glaube ich nicht, sondern diese Aufrechterhaltung von Vertrauensbeziehungen

00:37:54.000 --> 00:37:58.600
zum Beispiel oder der Wiederaufbau von Vertrauensbeziehungen zu anderen Einzelpersonen,

00:37:59.000 --> 00:38:01.600
der spielt auch eine wichtige Rolle.

00:38:02.000 --> 00:38:03.600
Da gibt es schon einen erheblichen Effekt,

00:38:04.000 --> 00:38:06.600
wenn alle Leute sich darum bemühen, würde ich mal denken.

00:38:07.000 --> 00:38:11.600
Insofern scheint mir das schon etwas zu sein, worauf man auch hinarbeiten kann.

00:38:12.000 --> 00:38:18.600
Dafür ist es aber nötig, die Diskursräume sehr weit offen zu halten.

00:38:19.000 --> 00:38:21.600
Man muss sich immer angucken, in welchem Setting.

00:38:22.000 --> 00:38:29.600
Aber sich dem 1 zu 1-Gespräch mit Andersdenkenden strukturell zu verschließen,

00:38:30.000 --> 00:38:34.600
das scheint mir zum Beispiel etwas zu sein, was keine besonders ratsame Strategie ist,

00:38:35.000 --> 00:38:36.600
jetzt in der Situation, in der wir uns befinden.

00:38:37.000 --> 00:38:39.600
Ob jetzt jeder Standpunkt eine öffentliche Bühne bekommen muss oder sowas,

00:38:40.000 --> 00:38:42.600
das ist davon noch mal komplett unabhängig.

00:38:43.000 --> 00:38:46.600
Aber der mögliche Schaden, der entsteht,

00:38:47.000 --> 00:38:49.600
wenn ich mich mit einer anderen Person in der Sache auseinandersetze,

00:38:50.000 --> 00:38:52.600
der ist ja nicht wirklich zu sehen.

00:38:53.000 --> 00:38:55.600
*Musik*

00:38:56.000 --> 00:38:56.600
Sarah Zerback: Was wir also mitnehmen können

00:38:57.000 --> 00:39:02.600
1. Die Menge an Desinformation und ihren Einfluss zu messen, das ist schwierig.

00:39:03.000 --> 00:39:06.600
In jedem Fall können Desinformationen Medienvertrauen nachhaltig beschädigen.

00:39:07.000 --> 00:39:09.600
In Deutschland gibt es zwar Millionen Menschen,

00:39:10.000 --> 00:39:11.600
die den Medien sehr misstrauisch gegenüberstehen,

00:39:12.000 --> 00:39:16.600
im internationalen Vergleich zeigt sich in Deutschland aber ein stabiles Grundvertrauen in die Medien.

00:39:17.000 --> 00:39:18.600
Das hat Tanjev Schultz aus seiner Forschung berichtet.

00:39:19.000 --> 00:39:22.600
2. Mit Russland sehen wir derzeit ein sehr präsentes Beispiel

00:39:23.000 --> 00:39:25.600
für den politischen Einsatz von Propaganda und Desinformation.

00:39:26.000 --> 00:39:29.600
Hier spielt vor allem die breite und langfristige Streuung

00:39:30.000 --> 00:39:33.600
von Falschinformationen und pro-russischen Narrativen eine Rolle.

00:39:34.000 --> 00:39:37.600
Die führt zu einer allgemeinen Verunsicherung in der russischen Bevölkerung

00:39:38.000 --> 00:39:40.600
und destabilisiert politische Prozesse im Ausland.

00:39:41.000 --> 00:39:42.600
Das hat Julia Smirnova erklärt.

00:39:43.000 --> 00:39:48.600
3. Desinformationen einfach mit Fakten aus der Welt zu schaffen, das ist schwer.

00:39:49.000 --> 00:39:51.600
Ein Ziel für Gespräche kann viel mehr sein, herauszufinden,

00:39:52.000 --> 00:39:54.600
wo man sich noch einig ist, wie man seine Quellen wählt

00:39:55.000 --> 00:39:57.600
und vielleicht ein bisschen Bewegung ins Denken zu bringen.

00:39:58.000 --> 00:39:58.600
Das meint Romy Jaster.

00:39:59.000 --> 00:40:03.600
*Musik*

00:40:04.000 --> 00:40:06.600
Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

00:40:07.000 --> 00:40:09.600
In der APuZ-Ausgabe mit dem Titel „Propaganda und Desinformation“

00:40:10.000 --> 00:40:11.600
können Sie noch mehr zum Thema lesen.

00:40:12.000 --> 00:40:13.600
Den Link dazu finden Sie in den Shownotes.

00:40:14.000 --> 00:40:16.600
Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast.

00:40:17.000 --> 00:40:21.600
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de.

00:40:22.000 --> 00:40:23.600
In vier Wochen erscheint dann die nächste Folge

00:40:24.000 --> 00:40:26.600
und sprechen wir über Pazifismus.

00:40:27.000 --> 00:40:28.600
Mein Name ist Sarah Zerback, bis zum nächsten Mal.

00:40:29.000 --> 00:40:41.600
*Musik*

00:40:42.000 --> 00:40:46.600
Passend zum Thema Propaganda und Desinformation haben wir noch einen Podcast-Tipp für Sie.

00:40:47.000 --> 00:40:57.600
O-Ton Podcast

00:40:58.000 --> 00:41:03.600
Hi, wir sind Maria Skura und Sally Lisa Starken und das hier ist "The Playbook".

00:41:04.000 --> 00:41:08.600
Fragt ihr euch auch, warum erleben wir gerade jetzt so viele Angriffe auf unsere Demokratie?

00:41:09.000 --> 00:41:14.600
Warum stehen Medien, Justiz, Wahlen, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Kultur weltweit unter Druck?

00:41:15.000 --> 00:41:17.600
Und was passiert, wenn die Rechtsstaatlichkeit bröckelt?

00:41:18.000 --> 00:41:20.600
Und vor allem, wie können wir uns dagegen wehren?

00:41:21.000 --> 00:41:23.600
Wie das Drehbuch der Autokratie umschreiben?

00:41:24.000 --> 00:41:26.600
Und was macht Demokratien wirklich resilient?

00:41:27.000 --> 00:41:29.600
Genau darum geht es in diesem Podcast.

00:41:30.000 --> 00:41:31.600
Gemeinsam mit Expertinnen reisen wir in Länder

00:41:32.000 --> 00:41:36.600
wie Estland, Ungarn, Frankreich und die USA, Orte, die uns zeigen,

00:41:37.000 --> 00:41:39.600
wohin demokratische Erosion führen kann, aber auch,

00:41:40.000 --> 00:41:41.600
wie demokratische Erneuerung gelingt.

00:41:42.000 --> 00:41:45.600
Und am Ende sehen wir, was das für uns in Deutschland bedeutet

00:41:46.000 --> 00:41:50.600
und was von den Erfahrungen anderer lernen können.

00:41:51.000 --> 00:41:57.600
*Musik*

00:41:58.000 --> 00:42:00.600
Wir haben eben Möglichkeiten in der Hand, uns gegen Autoritarismus und Extremismus zu wehren.

00:42:01.000 --> 00:42:03.600
Die Frage ist, ob wir es auch anwenden.

00:42:04.000 --> 00:42:07.600
Abonniert "The Playbook", um keine Folge zu verpassen.

00:42:08.000 --> 00:42:10.600
Macht euch gemeinsam mit uns auf die Suche nach Antworten

00:42:11.000 --> 00:42:14.600
für starke, widerstandsfähige Demokratien.

00:42:15.000 --> 00:42:20.600
*Musik*

00:42:21.000 --> 00:42:21.600
Sarah Zerback: Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“

00:42:22.000 --> 00:42:25.600
wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:42:26.000 --> 00:42:30.600
Redaktion für diese Folge: Lorenz Abu Ayyash, Gina Enslin und Isabel Röder.

00:42:31.000 --> 00:42:34.600
Produktion: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald.

00:42:35.000 --> 00:42:36.600
Am Mikrofon war Sarah Zerback.

00:42:37.000 --> 00:42:38.600
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:42:39.000 --> 00:42:43.000
und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.


