WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:01.700
*Musik*

00:00:02.100 --> 00:00:05.300
O-Ton: Die Menschen wurden viel zu sehr kriminalisiert für eine Nichtigkeit.

00:00:05.300 --> 00:00:08.700
Ob du dir die Birne wegsäufst oder kiffst, es macht keinen Unterschied.

00:00:08.700 --> 00:00:010.300
Wir brauchen keine Restriktionen.

00:00:10.300 --> 00:00:12.200
Sarah Zerback: Das ist Marco.

00:00:12.200 --> 00:00:16.300
Seit 01. April 2024 ist Cannabis in Deutschland legal

00:00:16.300 --> 00:00:22.300
und Marco hat das am Brandenburger Tor in Berlin zusammen mit 1500 anderen Menschen gefeiert,

00:00:22.300 --> 00:00:27.300
wie wir eben in einem Beitrag der FAZ vom 01.04.2024 gehört haben.

00:00:27.300 --> 00:00:31.400
Während die einen feiern, lehnen andere die Legalisierung kategorisch ab.

00:00:31.400 --> 00:00:35.900
Markus Söder: Ich finde einfach Cannabislegalisierung in der Dimension auch, die gemacht wurde,

00:00:35.900 --> 00:00:40.600
ich glaube, in Holland kann man fünf Joints, in Deutschland sind es dann…

00:00:40.600 --> 00:00:43.700
nein 15 Joints sind erlaubt, in Deutschland 75.

00:00:43.700 --> 00:00:47.700
75 Joints, wie sieht man denn da aus, Frau Maischberger?

00:00:47.700 --> 00:00:49.100
Das ist doch ein Wahnsinn.

00:00:49.100 --> 00:00:55.500
Sarah Zerback: Das sagt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder in der Sendung „Maischberger“ vom 08. April .

00:00:55.500 --> 00:00:59.900
Die Teillegalisierung von Cannabis reiht sich ein in eine Drogenpolitik,

00:00:59.900 --> 00:01:03.800
die seit Anfang der 1990er Jahre in eine Richtung weist:

00:01:03.800 --> 00:01:08.100
von sehr restriktiv hin zu eher akzeptierend.

00:01:08.100 --> 00:01:12.300
Das liegt nicht daran, dass Drogenkonsum generell unproblematisch wäre,

00:01:12.300 --> 00:01:16.900
sondern daran, dass Verbote von vielen als erfolglos angesehen werden.

00:01:16.900 --> 00:01:19.300
Wir fragen in dieser Folge danach,

00:01:19.300 --> 00:01:24.900
warum bestimmte Rauschmittel beziehungsweise „psychoaktive Substanzen“ eigentlich verboten sind

00:01:24.900 --> 00:01:28.800
und wie wir als Gesellschaft kompetenter mit Drogen umgehen können.

00:01:28.800 --> 00:01:34.600
Hier ist der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ und ich bin Sarah Zerback, Journalistin beim Deutschlandfunk.

00:01:34.600 --> 00:01:38.600
Und hier bin ich jetzt neu dabei und freue mich, diesen Podcast zu hosten.

00:01:38.600 --> 00:01:42.600
Für diese Folge habe ich mit der Historikerin Helena Barop darüber gesprochen,

00:01:42.600 --> 00:01:47.000
wie sich der gesellschaftliche Blick auf Drogen historisch verändert hat.

00:01:47.000 --> 00:01:50.700
Außerdem erklärt der Soziologe und  Kriminologe Henning Schmidt-Semisch,

00:01:50.700 --> 00:01:53.800
wie sich die deutsche Drogenpolitik gewandelt hat.

00:01:53.800 --> 00:01:57.800
Und wie man gerade Jugendliche vor einem problematischen Drogenkonsum schützen kann,

00:01:57.800 --> 00:02:01.500
dazu hören wir Kinder- und Jugendpsychiater Frank Köhnlein

00:02:01.500 --> 00:02:04.600
und die Suchttherapeutin Stephanie Bötsch.

00:02:04.600 --> 00:02:08.200
Wenn Sie sich nach dem Hören tiefer mit dem Thema befassen wollen,

00:02:08.200 --> 00:02:15.500
finden Sie die Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ zum Thema „Rausch und Drogen“ auf bpb.de/apuz.

00:02:15.500 --> 00:02:18.600
Und übrigens: Es gibt zu jeder Folge ein Transkript.

00:02:18.600 --> 00:02:23.400
Das finden Sie in der bpb-Mediathek oder als Link in den Shownotes.

00:02:23.400 --> 00:02:38.300
*Musik*

00:02:38.300 --> 00:02:42.400
Menschen nehmen schon immer Rauschmittel zu sich – aus den verschiedensten Gründen.

00:02:42.400 --> 00:02:47.000
Um sich spirituell in einen anderen Bewusstseinszustand zu versetzen

00:02:47.000 --> 00:02:53.700
oder als Arznei zur Bekämpfung von Schmerzen, zur Leistungssteigerung oder einfach aus Spaß am Rausch.

00:02:53.700 --> 00:02:58.200
Dass dabei einige Drogen in unserer Gesellschaft erlaubt sind und andere nicht,

00:02:58.200 --> 00:03:00.800
hängt nicht nur damit zusammen, wie gefährlich sie sind:

00:03:00.800 --> 00:03:03.100
Alkohol und Tabak zum Beispiel machen stark abhängig

00:03:03.100 --> 00:03:06.900
und durch ihren Missbrauch sterben jedes Jahr zehntausende Menschen in Deutschland,

00:03:06.900 --> 00:03:10.500
trotzdem sind sie für Erwachsene frei verfügbar.

00:03:10.500 --> 00:03:14.000
Wieso manche Drogen verboten sind und andere nicht,

00:03:14.000 --> 00:03:16.300
das wollte ich von Helena Barop wissen.

00:03:16.300 --> 00:03:22.200
Sie ist Historikerin und hat das Buch „Der große Rausch“ über die Geschichte der globalen Drogenpolitik geschrieben.

00:03:22.200 --> 00:03:25.600
*Musik*

00:03:25.600 --> 00:03:31.200
Sarah Zerback: Helena Barop, vielleicht fangen wir doch tatsächlich mal damit an, wie alles begann.

00:03:31.200 --> 00:03:33.600
Was ist denn der Startpunkt fürs Drogennehmen?

00:03:33.600 --> 00:03:36.100
Gibt es vielleicht sogar eine Art von Urdroge?

00:03:36.100 --> 00:03:40.800
Helen Barop: Drogen nehmen - da ist jetzt die Frage, was man unter Drogen versteht.

00:03:40.800 --> 00:03:44.700
Also Menschen nehmen schon seit Menschengedenken, sagt man immer gerne, Rauschmittel zu sich

00:03:44.700 --> 00:03:48.900
oder verschiedene Substanzen, mit denen sie ihr Bewusstsein verändern.

00:03:48.900 --> 00:03:53.400
Da gibt es schon super früh, tausende Jahre vor Christus die ersten Nachweise,

00:03:53.400 --> 00:03:59.000
sowohl bei Pilzen als auch bei Mohn beziehungsweise Schlafmohn vor allem,

00:03:59.000 --> 00:04:05.700
aber ich würde das was da passiert jetzt noch nicht direkt unter Drogenkonsum fassen,

00:04:05.700 --> 00:04:10.200
weil der Drogenbegriff, den wir kennen, ist ein relativ spezieller

00:04:10.200 --> 00:04:13.900
und das ist, glaube ich, ziemlich wichtig zu verstehen, dass der eben,

00:04:13.900 --> 00:04:15.100
viel mit unserer modernen Zeit zu tun hat.

00:04:15.100 --> 00:04:17.800
Sarah Zerback: Wie würden Sie das denn nennen, was damals passiert ist?

00:04:17.800 --> 00:04:21.200
Helen Barop: Also, ich würde entweder die die spezielle Substanz nennen, die da genommen wurde

00:04:21.200 --> 00:04:23.400
oder würde mich mit dem Zweck beschäftigen.

00:04:23.400 --> 00:04:28.600
Also ging es da um Heilung, ging es um Schmerzstillung, ging es um Rausch?

00:04:28.600 --> 00:04:34.400
Oder ging es eben um das, was man vielleicht allgemein manchmal als schamanische Zusammenhänge bezeichnen würde.

00:04:34.400 --> 00:04:37.900
Aber das alles in einen Topf zu werfen, macht nicht so viel Sinn.

00:04:37.900 --> 00:04:41.700
Und dass wir das alles in einen Topf werfen, ist eine relativ neue Entwicklung

00:04:41.700 --> 00:04:44.600
und die fängt eigentlich erst im 19. Jahrhundert an.

00:04:44.600 --> 00:04:47.700
Als Drogen und Medikamente noch das Gleiche waren.

00:04:47.700 --> 00:04:52.300
Also, am Anfang des 19. Jahrhunderts konnte man einfach in die Apotheke gehen

00:04:52.300 --> 00:04:56.500
und da alles mögliche einfach über den Ladentisch, ohne jedes Rezept bekommen.

00:04:56.500 --> 00:04:59.800
Kokain als es entwickelt war, später Morphium, Heroin.

00:04:59.800 --> 00:05:07.100
Und diese Substanzen wurden damals eben Drogen genannt, so wie andere Arzneimittel auch.

00:05:07.100 --> 00:05:11.300
Und in Deutschland hat sich das dann so auseinanderdividiert,

00:05:11.300 --> 00:05:14.800
dass man in Deutschland irgendwann angefangen hat zwischen Medikamenten und Drogen zu unterscheiden.

00:05:14.800 --> 00:05:19.700
Medikamente sind die Guten, die man wegen einer medizinischen Indikation zu sich nimmt

00:05:19.700 --> 00:05:24.300
und Drogen sind die Bösen, die man aus irgendwelchen anderen Gründen missbraucht.

00:05:24.300 --> 00:05:28.000
Und in Amerika ist diese Unterscheidung ja immer noch nicht so ganz klar.

00:05:28.000 --> 00:05:31.500
Da sagt man ja immer noch, Drugstore, wenn man Medikamente kaufen geht.

00:05:31.500 --> 00:05:34.500
Und deswegen, das zeigt eigentlich ganz gut den Zusammenhang,

00:05:34.500 --> 00:05:36.800
in dem Drogen heute verstanden werden.

00:05:36.800 --> 00:05:41.000
Drogen sind eigentlich ehemalige Medikamente, die in Verruf geraten sind,

00:05:41.000 --> 00:05:44.800
aus unterschiedlichen Gründen und inzwischen nun also verboten sind

00:05:44.800 --> 00:05:49.300
und von denen wir finden, für die gibt es jetzt keine Indikationen mehr, die wir in Ordnung finden.

00:05:49.300 --> 00:05:54.800
Sarah Zerback: Das heißt also, es hat weniger mit der Droge und der Rauschwirkung an sich zu tun,

00:05:54.800 --> 00:05:58.900
ob man jetzt sagt, was erlaubt ist und was verboten ist,

00:05:58.900 --> 00:06:03.400
sondern das hat jemand bewusst so festgelegt und hatte auch ein Motiv dafür?

00:06:03.400 --> 00:06:09.000
Helen Barop: Ja, aber das klingt jetzt schon wieder viel zu geplant und rational,

00:06:09.000 --> 00:06:16.400
denn tatsächlich gibt es keine nachvollziehbare, einheitliche Art zu unterscheiden:

00:06:16.400 --> 00:06:19.000
Was sind denn jetzt die Drogen und was sind die Medikamente.

00:06:19.000 --> 00:06:23.000
Wenn man das alles mal nebeneinander legt und wirklich ehrlich pharmakologisch sich anguckt,

00:06:23.000 --> 00:06:26.100
was sind die Nebenwirkungen, was sind die Wirkungen, was sind die Gefahren,

00:06:26.100 --> 00:06:30.300
wie groß ist das Suchtpotenzial, all diese verschiedenen Kategorien, die einem so einfallen,

00:06:30.300 --> 00:06:33.300
wird man erkennen, dass es total widersprüchlich ist.

00:06:33.300 --> 00:06:39.500
Dass zum Beispiel Alkohol deutlich mehr Menschen schneller abhängiger macht als Cannabis

00:06:39.500 --> 00:06:45.100
oder dass zum Beispiel LSD und Psilocybin, also Magic Mushrooms, Stoffe sind,

00:06:45.100 --> 00:06:51.200
die im Körper quasi keinen Schaden anrichten, sondern wenn überhaupt dann psychische Probleme machen

00:06:51.200 --> 00:06:53.800
und wenn man da mal sozusagen die ganzen Zahlen nebeneinander legt

00:06:53.800 --> 00:06:57.300
und sich sozusagen verschiedene Fragen nach den Gefährlichkeiten stellt,

00:06:57.300 --> 00:07:01.200
sieht man, dass es da eine ganz große Widersprüchlichkeit gibt,

00:07:01.200 --> 00:07:05.900
dass manche Dinge, die sehr gefährlich sind, weiterhin erlaubt sind in unseren Gesellschaften,

00:07:05.900 --> 00:07:11.500
im Westen und andere, die eigentlich nicht so gefährlich sind, sind trotzdem verboten

00:07:11.500 --> 00:07:14.900
und das hat eben nicht einfach mal irgendwann eine Expertenkommission entschieden,

00:07:14.900 --> 00:07:17.900
sondern das ist ein langer, verwickelter politischer Prozess,

00:07:17.900 --> 00:07:22.900
der besteht aus vielen einzelnen kleinen Entscheidungen in verschiedenen historischen Momenten.

00:07:22.900 --> 00:07:29.600
Und mit medizinischen Zusammenhängen, mit dem Gesundheitsschutz hatte das alles sehr viel weniger zu tun,

00:07:29.600 --> 00:07:32.400
als man sich das heute wahrscheinlich so wünschen würde.

00:07:32.400 --> 00:07:33.400
Sarah Zerback: Das ist ja interessant.

00:07:33.400 --> 00:07:37.900
Der Untertitel Ihres Buchs heißt ja auch „Warum Drogen kriminalisiert werden“.

00:07:37.900 --> 00:07:40.000
Also ich habe tatsächlich immer gedacht, eben weil sie gesundheitsschädlich sind,

00:07:40.000 --> 00:07:43.300
aber da klingt jetzt raus, so einfach ist es eben nicht.

00:07:43.300 --> 00:07:44.700
Wann würden Sie sagen, wann ist das gekippt?

00:07:44.700 --> 00:07:50.700
Dass die Gefahren so in den Vordergrund und die Verbotsdebatte so in den Vordergrund gerückt sind.

00:07:50.700 --> 00:07:57.000
Helen Barop: Das ist eine Entwicklung, die aus vor allem von zwei größeren Entwicklungen bestimmt wird.

00:07:57.000 --> 00:08:02.400
Einmal wird tatsächlich im Laufe des . Jahrhunderts werden viele Heilpflanzen und Heilkräuter,

00:08:02.400 --> 00:08:07.100
die vorher eben sozusagen in ihrer natürlichen Form nur zur Verfügung standen,

00:08:07.100 --> 00:08:11.100
weiterentwickelt in den chemischen Laboren und in den Apotheken,

00:08:11.100 --> 00:08:18.800
übrigens fast immer in Deutschland, und so wurde dann eben zum Beispiel aus Schlafmohn das Opium.

00:08:18.800 --> 00:08:23.800
Das war eben schon sehr lange bekannt, aber aus diesem Opium wurde zunächst Morphium, das ist der Wirkstoff.

00:08:23.800 --> 00:08:28.200
Und dann wurde aus dem Morphium noch mal durch ein weiteres Verfahren das Heroin gemacht.

00:08:28.200 --> 00:08:31.900
Das ist ein ganz, ganz gutes Beispiel, um zu zeigen,

00:08:31.900 --> 00:08:36.700
da wird sowohl die Wirksamkeit sehr stark gesteigert, aber eben auch die Nebenwirkungen,

00:08:36.700 --> 00:08:38.900
also die Gefahren, die damit einhergehen.

00:08:38.900 --> 00:08:42.900
Und so ist das eben bei verschiedenen Substanzen, also bei Kokain ist das so ähnlich.

00:08:42.900 --> 00:08:48.400
Aber sozusagen durch diese Entwicklung in der chemischen Industrie kommen ganz neue Stoffe überhaupt in die Hände der Menschen,

00:08:48.400 --> 00:08:54.100
die in dieser Form deutlich mehr mit dem Körper und mit dem Bewusstsein und mit dem Geist machen,

00:08:54.100 --> 00:08:56.500
als es vorher diese Heilpflanzen getan haben.

00:08:56.500 --> 00:09:02.300
Was gleichzeitig passiert, ist eine moralische Debatte, eine Moralisierung dieses ganzen Themas.

00:09:02.300 --> 00:09:04.700
Das geht los mit den Romantikern.

00:09:04.700 --> 00:09:06.500
Da ging es auch, am Anfang waren die auch einfach erkältet

00:09:06.500 --> 00:09:10.200
und haben sich mal das ein oder andere irgendwie als Medikament reingefahren,

00:09:10.200 --> 00:09:13.000
aber dann haben eben manche von denen bemerkt,

00:09:13.000 --> 00:09:18.600
dass der die Bewusstseinszustände, die zum Beispiel mit Opiumkonsum oder mit Cannabiskonsum einhergehen,

00:09:18.600 --> 00:09:22.500
dass die irgendwie auch künstlerisch vielleicht interessant sein könnten

00:09:22.500 --> 00:09:27.900
oder auf bei der Beschäftigung mit der inneren Welt und mit den Abgründen und mit dem Dunklen und so weiter,

00:09:27.900 --> 00:09:30.700
was die Romantiker halt alles so cool finden,

00:09:30.700 --> 00:09:36.000
dass das mit diesen Substanzen gelingen kann, dass man da in neue Welten vorstößt.

00:09:36.000 --> 00:09:37.700
Sarah Zerback: Was ja erstmal positiv ist.

00:09:37.700 --> 00:09:41.100
Helen Barop: Genau, die fanden das total interessant und haben darüber eben geschrieben

00:09:41.100 --> 00:09:46.700
und dadurch wurde Freizeitkonsum oder das, was wir heute Freizeitkonsum nennen, überhaupt erst erfunden.

00:09:46.700 --> 00:09:50.600
Also es gab plötzlich eine öffentliche Art der Äußerung darüber,

00:09:50.600 --> 00:09:55.100
dass man Drogen oder dass man Medikamente, das war ja noch das Gleiche,

00:09:55.100 --> 00:09:58.000
dass man Medikamente auch nehmen kann, weil es irgendwie Spaß macht

00:09:58.000 --> 00:10:01.400
oder weil es einen die inneren Leiden vergessen lässt

00:10:01.400 --> 00:10:03.800
oder weil es einen in andere Welten führt.

00:10:03.800 --> 00:10:05.200
Und das war neu.

00:10:05.200 --> 00:10:09.100
Und hat dazu geführt, dass überhaupt dieser Missbrauchsgedanke auf den Plan trat,

00:10:09.100 --> 00:10:11.600
denn natürlich gab es nicht nur die Romantiker,

00:10:11.600 --> 00:10:16.400
sondern es gab es gab sofort auch sozusagen meistens christlich-protestantisch geprägte Kritiker,

00:10:16.400 --> 00:10:19.200
die gesagt haben, nein, nein, nein, das ist aber nicht okay.

00:10:19.200 --> 00:10:21.400
Und das passiert eben vor allem in den USA.

00:10:21.400 --> 00:10:26.500
Das gibt es auch in Europa diese Debatten, aber ganz intensiv gibt es die in den USA,

00:10:26.100 --> 00:10:30.500
wo ja auch die Protestanten oder diese Nüchternheitsvorstellungen der Protestanten

00:10:30.500 --> 00:10:35.500
ganz besonders viel kulturellen Einfluss hatten, auch vor allem in dieser Zeit.

00:10:35.500 --> 00:10:36.200
Und das muss man erklären.

00:10:36.200 --> 00:10:43.100
In dieser Zeit, in den USA war das auch normal, dass sozusagen der Staat sich verstanden hat als so eine Art Erziehungsberechtigter.

00:10:43.100 --> 00:10:47.300
Der hat sich zum Ziel gesetzt, den einzelnen moralisch zu verbessern.

00:10:47.300 --> 00:10:48.900
Das ist ja heute nicht mehr so der Fall, ne.

00:10:48.900 --> 00:10:54.600
Aber diese Art von Sittlichkeitsgesetzen, wie das Drogengesetz auch im Ursprung mal eins gewesen ist,

00:10:54.600 --> 00:10:57.800
die haben in dieser Zeit Konjunktur, davon gibt es…

00:10:57.800 --> 00:11:02.100
also die Prostitution wird verboten, Sexualität wird ganz stark eingeengt,

00:11:02.100 --> 00:11:05.900
im Sinne, also war auch vorher schon durch die christlichen Kirchen natürlich,

00:11:05.900 --> 00:11:10.000
ne, aber da gehört eben auch die Drogengesetzgebung dazu und das führt dazu,

00:11:10.000 --> 00:11:13.900
es geht eben darum, den Einzelnen und sein Erleben zu reglementieren

00:11:13.900 --> 00:11:18.000
und manche von diesen alten Sittigkeitsgesetzen haben irgendwie überlebt.

00:11:18.000 --> 00:11:20.000
Viele davon sortieren wir ja nach und nach aus.

00:11:20.000 --> 00:11:23.100
Also es gibt ja neue Gesetze zu Sexualität.

00:11:23.100 --> 00:11:26.100
Vieles davon ist sozusagen längst aus den Akten gestrichen,

00:11:26.100 --> 00:11:29.300
aber bei den Drogen ist es eben noch nicht ganz der Fall,

00:11:29.300 --> 00:11:32.700
weil wir da immer noch das Gefühl haben in der gesellschaftlichen Debatte,

00:11:32.700 --> 00:11:34.300
es würde um die Gesundheit gehen.

00:11:34.300 --> 00:11:36.100
Und wenn man sich's genauer anguckt, sieht man aber, nein,

00:11:36.100 --> 00:11:39.600
es geht sehr stark um moralische Zusammenhänge.

00:11:39.600 --> 00:11:41.400
Es geht immer noch sehr stark um Rassismus.

00:11:41.400 --> 00:11:46.400
Das ist noch ein anderer Aspekt, der auch da im 19. Jahrhundert eine sehr wichtige Rolle spielt.

00:11:46.400 --> 00:11:50.900
Helen Barop: Und es geht eben nicht so sehr darum, den Einzelnen irgendwie zu schützen.

00:11:50.900 --> 00:11:53.500
Sarah Zerback: Inwiefern geht es da auch um Rassismus?

00:11:53.500 --> 00:11:59.900
Helen Barop: Rassistische Motive spielen im 19. Jahrhundert und dann auch im 20. Jahrhundert eine sehr wichtige Rolle dabei,

00:11:59.900 --> 00:12:05.700
welche Substanzen wie stark verfolgt werden und überhaupt auf den Radar geraten.

00:12:05.700 --> 00:12:08.900
Also man muss sich vorstellen, am Anfang ist es nicht die Drogen,

00:12:08.900 --> 00:12:11.900
sondern am Anfang geht es erst mal um Opium, ja?

00:12:11.900 --> 00:12:15.100
Und dann geht es später, sozusagen ganz langsam wird es ausgeweitet.

00:12:15.100 --> 00:12:18.300
Dann geht es am Anfang um Opium und dann geht es um die Opium-Derivate,

00:12:18.300 --> 00:12:21.900
also Morphium, Heroin, dann kommt noch Kokain dazu

00:12:21.900 --> 00:12:26.400
und das liegt jeweils daran, dass es eine Gruppe gibt, die diese Droge konsumiert

00:12:26.400 --> 00:12:29.600
und die in der vor allem eben in der amerikanischen Gesellschaft nicht wohlgelitten ist.

00:12:29.600 --> 00:12:33.000
Das geht los mit den chinesischen Einwanderern im 19. Jahrhundert.

00:12:33.000 --> 00:12:35.800
Man kennt das vielleicht noch aus den Chinatowns.

00:12:35.800 --> 00:12:41.000
Diese chinesischen Einwanderer waren um die ganze Welt aus dem chinesischen Reich ausgewandert

00:12:41.000 --> 00:12:44.400
und ihre billige Arbeitskraft hat natürlich den anderen Leuten,

00:12:44.400 --> 00:12:47.800
den anderen Arbeitern, die es da vorher schon gegeben hatte, nicht so gefallen

00:12:47.800 --> 00:12:51.000
und in Kombination damit, dass sie dann eben auch noch anders aussahen

00:12:51.000 --> 00:12:53.900
gab es da ganz starke Ablehnung dieser Leute.

00:12:53.900 --> 00:12:57.200
Das gab einen ganz starken, rassistischen Diskurs.

00:12:57.200 --> 00:13:00.100
Und der hat sich dann eben vermischt mit der Angst vor Opium.

00:13:00.100 --> 00:13:04.700
Diese Männer, diese chinesischen Arbeiter haben nämlich in Chinatown eben,

00:13:04.700 --> 00:13:11.300
manche von denen die Opiumpfeife geraucht, so wie es in China schon in dieser Zeit sehr weit verbreitet war.

00:13:11.300 --> 00:13:18.800
das führt dazu, dass in den USA gibt es dann eine wahnsinnig große Angst vor den Opiumhöhlen der Chinesen

00:13:18.800 --> 00:13:23.400
und es gibt die Vorstellung, dass die ganze unschuldige amerikanische Jugend

00:13:23.400 --> 00:13:27.500
jetzt von diesem bösen chinesischen Einwanderern in diesen Opiumhöhlen irgendwie verführt

00:13:27.500 --> 00:13:29.900
und moralisch degeneriert wird, ja.

00:13:29.900 --> 00:13:34.700
Und das führt aber am Ende dazu, dass, weil man die Chinesen nicht so gut verbieten kann,

00:13:34.700 --> 00:13:36.400
verbietet man erst mal das Opium.

00:13:36.400 --> 00:13:41.000
Und das führt dazu, dass man eben auf diese Communitys mehr Zugriff hat

00:13:41.000 --> 00:13:43.700
und das ist dann wieder was, was später ganz oft wiederholt wird,

00:13:43.700 --> 00:13:48.900
dass man sozusagen mit Hilfe von Drogengesetzen auf spezifische Gruppen Zugriff erlangt

00:13:48.900 --> 00:13:52.200
und dieses Muster wiederholt sich dann immer wieder.

00:13:52.200 --> 00:13:57.200
Zunächst im 20. Jahrhundert mit den Afroamerikanern und dem Kokain,

00:13:57.200 --> 00:14:01.500
später in den Achtzigern, das kennt man vielleicht mit den Afroamerikanern und dem Crack.

00:14:01.500 --> 00:14:04.800
Und genau so wiederholt sich dieses Muster immer wieder.

00:14:04.800 --> 00:14:07.500
Sarah Zerback: Und das ist ein Muster, das sich dann auch die Deutschen abgeguckt haben

00:14:07.500 --> 00:14:12.000
oder wie ist dann diese Verbote, wie sind die nach Deutschland gekommen?

00:14:12.000 --> 00:14:17.500
Helen Barop: Diese Verbote kommen nach Deutschland zunächst mal gegen den Willen der Deutschen.

00:14:17.500 --> 00:14:21.800
Also es wird Anfang des 20. Jahrhunderts eine Opiumkommission einberufen

00:14:21.800 --> 00:14:26.100
von einem amerikanischen Bischof, der betreibt das und fängt an,

00:14:26.100 --> 00:14:29.100
internationale Diplomatie zu betreiben zu dem Thema.

00:14:29.100 --> 00:14:35.800
und über diese Opiumdiplomatie kommt dann dieses Thema in alle Welt.

00:14:35.800 --> 00:14:38.500
Die USA werden ja dann immer mächtiger in der Zeit.

00:14:38.500 --> 00:14:42.800
Die Deutschen sind am Anfang ganz reserviert, die wollen gar nicht unbedingt da mitmachen,

00:14:42.800 --> 00:14:45.400
weil sie eben so eine starke Pharmaindustrie haben

00:14:45.400 --> 00:14:49.000
und deswegen gar nicht interessiert an Regulierungen sind.

00:14:49.000 --> 00:14:52.200
Aber die Deutschen verlieren den Ersten Weltkrieg.

00:14:52.200 --> 00:15:01.100
Und dann heften die Alliierten da einfach die erste Opiumkonvention hinten dran an den Versailler Vertrag.

00:15:01.100 --> 00:15:01.900
Und Deutschland muss die dann verabschieden

00:15:01.900 --> 00:15:07.900
und deswegen muss Deutschland dann eben auch in den 20erjahren das erste Opiumgesetz verabschieden,

00:15:07.900 --> 00:15:13.300
ohne dass es in Deutschland irgendeinen nennenswertes Drogenproblem geben würde in der Zeit.

00:15:13.300 --> 00:15:14.700
Sarah Zerback: Und dann kommen aber genau die Sechziger, Siebziger

00:15:14.700 --> 00:15:18.800
und da kann man ja nicht mehr sagen, dass Deutschland kein Drogenproblem hätte.

00:15:18.800 --> 00:15:23.000
Da ist ja die Welle doch eine ganz andere gewesen. Was ist da passiert?

00:15:23.000 --> 00:15:26.500
Helen Barop: Ja, tatsächlich wird verändert sich was in den 60er Jahren,

00:15:26.500 --> 00:15:32.800
weil die Hippies und die Gegenkulturen, erst in den USA, aber auch in Europa

00:15:32.800 --> 00:15:36.700
Drogenkonsum als Protestmittel benutzen.

00:15:36.700 --> 00:15:40.900
Das heißt, es geht darum zu zeigen, wir sind anders, wir wollen anders leben,

00:15:40.900 --> 00:15:44.400
wir machen nicht mehr mit bei diesem ganzen Konformismus

00:15:44.400 --> 00:15:46.200
und bei diesen ganzen strengen Sittenregeln

00:15:46.200 --> 00:15:52.300
und sie suchen sich eine Art des Protestes, der schon immer besonders gut geeignet war,

00:15:52.300 --> 00:15:55.000
um die eigenen Eltern zu ärgern und das war Drogenkonsum,

00:15:55.000 --> 00:16:00.000
vor allem übrigens der Konsum von Cannabis und von psychedelischen Drogen. 

00:16:00:000 --> 00:16:05.500 
Und diese Protestform hat tatsächlich dazu geführt, dass sich die Eltern sehr geärgert haben.

00:16:05.500 --> 00:16:010.200
Sie hat aber auch dazu geführt, dass vor allem in den USA zunächst,

00:16:10.200 --> 00:16:14.600
die politischen Konservativen sich gesagt haben, ah ja okay,

00:16:14.600 --> 00:16:18.600
wenn ihr jetzt Drogen nehmt, dann haben wir wieder einen Henkel, an dem wir euch zu packen kriegen.

00:16:18.600 --> 00:16:20.300
Dann können wir euch auch von der Straße holen, wenn ihr zum Beispiel zu viel protestiert.

00:16:20.300 --> 00:16:25.000
Und deswegen fängt dann der War on Drugs im Prinzip an.

00:16:25.000 --> 00:16:27.000
Das ist erstmal eine innenpolitische Geschichte.

00:16:27.000 --> 00:16:29.000
Und die überträgt sich eben auch auf Europa.

00:16:29.000 --> 00:16:35.000
Also auch in Europa wird Drogenkonsum verwendet, um Protest auszudrücken

00:16:35.000 --> 00:16:40.000
und auch in Europa kommt dann das erste Prohibitionssystem.

00:16:40.000 --> 00:16:44.000
Und übrigens, die große, sogenannte Heroinwelle kommt erst danach.

00:16:44.000 --> 00:16:50.000
Also nicht in den 60ern gibt es schon massenweise Leute, die sozusagen in so einem Milieu sind,

00:16:50.000 --> 00:16:52.000
also massenweise ist auch danach falsch,

00:16:52.000 --> 00:16:57.000
aber es gibt danach dann schon einige tausend Betroffene in den 70er, 80er Jahren,

00:16:57.000 --> 00:17:03.000
als diese Prohibition übrigens dann schon in Kraft getreten ist, in Deutschland auch.

00:17:03.000 --> 00:17:11.000
gibt es dann Leute, die sozusagen mit ihrem Drogenkonsum eine Art Fulltime-Konsum entwickeln

00:17:11.000 --> 00:17:14.000
und nicht mehr so leicht, also die aus der Gesellschaft rausfallen.

00:17:14.000 --> 00:17:20.000
Und man könnte eben argumentieren, das liegt nicht nur daran, dass sie diese Drogen nehmen,

00:17:20.000 --> 00:17:23.000
sondern das liegt vor allem auch daran, wie die Gesellschaft mit diesem Drogenkonsum umgeht.

00:17:23.000 --> 00:17:25.000
Sarah Zerback: Also könnte man es umdrehen anstatt zu fragen:

00:17:25.000 --> 00:17:29.000
Was machen Drogen mit der Gesellschaft, könnten wir fragen,

00:17:29.000 --> 00:17:32.000
zu welchen Drogen treibt uns die Gesellschaft?

00:17:32.000 --> 00:17:38.000
Helen Barop: Ja, also man muss auf jeden Fall fragen, das ist sowieso die Frage, die mich am meisten interessiert,

00:17:38.000 --> 00:17:42.000
was steht eigentlich hinter problematischem Drogenkonsum?

00:17:42.000 --> 00:17:48.000
Dazu ist übrigens der wichtigste Fakt, dass der allermeisten Drogenkonsum, der passiert, ja unproblematisch ist.

00:17:48.000 --> 00:17:53.000
Die Leute, die einfach einen Rausch erleben wollen und dann gehen sie wieder nach Hause und sie tun keinem was dabei,

00:17:53.000 --> 00:17:58.000
die interessieren mich ehrlich gesagt überhaupt nicht als Opfer, sondern die sind keine Opfer,

00:17:58.000 --> 00:17:59.000
sondern die sind höchstens Opfer der Kriminalisierung,

00:17:59.000 --> 00:18:05.000
aber die haben keinem was getan und ich finde, es gibt keinen Grund in der liberalen Gesellschaft, diese Leute zu verfolgen

00:18:05.000 --> 00:18:09.000
Die Leute, um die man sich kümmern müsste, sind die Betroffenen, also die, die ich immer Betroffene nenne,

00:18:09.000 --> 00:18:16.000
nämlich Leute, die tatsächlich Probleme entwickeln und diese Leute typischerweise haben die auch noch andere Probleme.

00:18:16.000 --> 00:18:21.000
Also, die nehmen nicht eine Droge und vorher war alles in Ordnung und dann nehmen sind einmal eine Droge

00:18:21.000 --> 00:18:26.000
und dann geraten sie auf die schiefe Bahn und dann ist es für immer alles vorbei, so wie es immer suggeriert wird.

00:18:26.000 --> 00:18:32.000
Sondern das sind Leute entweder mit massiven, psychischen Vorerkrankungen, die nicht ordentlich behandelt werden,

00:18:32.000 --> 00:18:36.000
aus welchen Gründen auch immer, oder das sind Leute mit Traumata

00:18:36.000 --> 00:18:41.000
oder das sind Leute in unter wahnsinnig schwierigen, sozialen Lebensumständen.

00:18:41.000 --> 00:18:45.000
Das sind Leute, könnte man auch zusammenfassen, denen es total dreckig geht

00:18:45.000 --> 00:18:48.000
und die keine andere Lösung finden für ihr Problem.

00:18:48.000 --> 00:18:54.000
Und wenn wir uns wirklich fragen wollen würden, wie können wir diesen Drogenkonsum, diesen problematischen Drogenkonsum verhindern,

00:18:54.000 --> 00:18:58.000
dann müssten wir uns fragen, wie können wir uns besser um psychische Erkrankungen kümmern?

00:18:58.000 --> 00:19:01.000
Wie können wir besser Traumata vorbeugen?

00:19:01.000 --> 00:19:03.000
Wie können wir uns besser um unsere Kinder kümmern und so weiter?

00:19:03.000 --> 00:19:09.000
Also dann kommen so - dann gehen sozusagen sofort die ganz großen Probleme unserer Gesellschaft auf.

00:19:09.000 --> 00:19:13.000
Und das ist, glaube ich, mit ein Grund dafür, dass diese Drogengesetze immer noch so,

00:19:13.000 --> 00:19:18.000
sagen wir mal so angenehm sind für viele, weil die Drogengesetze implizieren ja,

00:19:18.000 --> 00:19:24.000
dass der Einzelne selber schuld ist an seinem Elend und dass man ihn dann dafür bestrafen kann.

00:19:24.000 --> 00:19:28.000
Sarah Zerback: Helena Barop, vielen Dank für die Zeit und für das Interview.

00:19:28.000 --> 00:19:29.000
Helen Barop: Vielen Dank.

00:19:29.000 --> 00:19:32.000
*Musik*

00:19:32.000 --> 00:19:38.000
Sarah Zerback: Helena Barop eben hat von einem „Prohibitionssystem“ gesprochen, das sich in Europa etabliert hat.

00:19:38.000 --> 00:19:43.000
In Deutschland wurde Anfang der 1970er das Betäubungsmittelgesetz eingeführt, davor hieß das noch Opiumgesetz –

00:19:43.000 --> 00:19:47.000
und über die nächsten Jahre verschärft.

00:19:47.000 --> 00:19:51.000
Unter dem neuen Gesetz wurden mehr und mehr Substanzen verboten

00:19:51.000 --> 00:19:56.000
und die Höchststrafe für Drogendelikte erst auf zehn und in den 80ern dann auf 15 Jahre erhöht.

00:19:56.000 --> 00:20:04.000
Henning Schmidt-Semisch ist Soziologe und Professor am Fachbereich Human- und Gesundheitswissenschaften der Universität Bremen.

00:20:04.000 --> 00:20:08.000
Er sieht die damalige restriktive Drogenpolitik sehr kritisch

00:20:08.000 --> 00:20:11.000
Henning Schmidt-Semisch: Ja, in den 70er, 80er Jahren war man der Überzeugung,

00:20:11.000 --> 00:20:15.000
es muss den Leuten erst ganz dreckig gehen, bevor sie Hilfe in Anspruch nehmen.

00:20:15.000 --> 00:20:23.000
Also, man hat sozusagen die Verelendung, die wir später gesehen haben in den Bildern überall,

00:20:23.000 --> 00:20:20.000
die hat man sozusagen durch so eine Leidensdruckpolitik forciert, eben weil man der Überzeugung war,

00:20:29.000 --> 00:20:33.000
erst wenn die Menschen in der Gosse liegen, haben sie eine entsprechende Motivation,

00:20:33.000 --> 00:20:40.000
sich da auch wieder rauszuziehen, eine Therapie zu machen und ja, wieder zu gesunden.

00:20:40.000 --> 00:20:47.000
Sarah Zerback: Die strikte Anti-Drogenpolitik führt in den 80er Jahren zu einem großen gesundheitlichen und sozialen Elend bei den Betroffenen.

00:20:47.000 --> 00:20:55.000
Henning Schmidt-Semisch: Und dann fing allmählich an, dass Leute gesagt haben oder Wissenschaftler und Drogenarbeiterinnen und so weiter gesagt haben

00:20:55.000 --> 00:20:57.000
Das kann es doch eigentlich nicht sein.

00:20:57.000 --> 00:21:00.000
Wir müssen mit diesen Menschen anders umgehen.

00:21:00.000 --> 00:21:07.000
Wir brauchen, eine Akzeptanz dieses Drogenkonsums, um überhaupt mit ihnen in ein Gespräch zu treten,

00:21:07.000 --> 00:21:13.000
was sie in irgendeiner Form aus dieser Situation möglicherweise herausbekommt,

00:21:13.000 --> 00:21:21.000
und dann fing man langsam an, diese neueren akzeptierenden Formen der Drogenhilfe zu installieren.

00:21:21.000 --> 00:21:26.000
Sarah Zerback: In den USA war damals bereits die Methode der Methadonsubstitution erfolgreich.

00:21:26.000 --> 00:21:29.000
Dabei wird Methadon als Ersatz für Heroin verabreicht:

00:21:29.000 --> 00:21:35.000
Der Stoff sorgt dafür, dass die Entzugssysmptome schwächer werden, es gibt aber keinen Rausch.

00:21:35.000 --> 00:21:39.000
Zunächst war das in Deutschland aber gar nicht erlaubt und es wurden verschiedene Stimmen laut,

00:21:39.000 --> 00:21:44.000
die sich dafür eingesetzt haben, dass sich die Drogenpolitik neu ausrichtet.

00:21:44.000 --> 00:21:50.000
Henning Schmidt-Semisch: Diese politische Veränderung ging aus, einerseits von einigen wenigen Ärzten,

00:21:50.000 --> 00:21:55.000
die vor allen Dingen am Anfang dieser Entwicklung zur Methadonbehandlung standen,

00:21:55.000 --> 00:22:03.000
zum Teil ja auch immer mit einem Bein im Gefängnis am Anfang, also die wirklich drangsaliert wurden in den 80er Jahren auch noch,

00:22:03.000 --> 00:22:10.000
aber das Elend eben gesehen haben in ihren Praxen und sagten, wir haben so eine wunderbare in Amerika etablierte Behandlungsform,

00:22:10.000 --> 00:22:13.000
wieso können wir das nicht auch hier einführen?

00:22:13.000 --> 00:22:15.000
Also das war so eine Gruppe, Ärzte.

00:22:15.000 --> 00:22:22.000
Dann gab es die Leute, die mit den Drogen Konsumierenden gearbeitet haben als Sozialarbeiterinnen

00:22:22.000 --> 00:22:30.000
und so weiter, die gesagt haben, das Elend kann niemand so verantworten und es gibt die anderen Möglichkeiten.

00:22:30.000 --> 00:22:36.000
Es gab eine breite wissenschaftliche Diskussion seit Ende der 80er auf jeden Fall, Anfang der 90er Jahre,

00:22:36.000 --> 00:22:45.000
die große Zweifel daran gesät hat, dass die Prohibition die Ziele erreicht, die sie erreichen will.

00:22:45.000 --> 00:22:53.000
Und es gab immer auch Ökonomen, die gesagt haben, Schwarzmarkt ist eine lukrative Sache.

00:22:53.000 --> 00:22:57.000
Ihr kriegt das Drogenproblem mit Verboten nicht geregelt.

00:22:57.000 --> 00:23:00.000
Ihr treibt nur den Preis in die Höhe und sozusagen unterstützt den schwarzen Markt

00:23:00.000 --> 00:23:02.000
und wenn man so will, auch das organisierte Verbrechen.

00:23:02.000 --> 00:23:09.000
Und dann gab es noch so eine Gruppe von Leuten, die einfach so ein bisschen eine liberale Auffassung hatten davon,

00:23:09.000 --> 00:23:16.000
dass eigentlich jeder Mensch das Recht haben soll, na ja, jetzt platt gesagt, die Droge zu konsumieren,

00:23:16.000 --> 00:23:23.000
die er konsumieren möchte und die nicht so richtig gesehen haben, was es legitim macht auf der einen Seite,

00:23:23.000 --> 00:23:27.000
dass den Alkohol legal zu haben und auf der anderen Seite zum Beispiel Cannabis,

00:23:27.000 --> 00:23:36.000
das ist ja die aktuelle Diskussion jetzt gewesen, Cannabis zu verbieten und die Menschen ins Gefängnis zu werfen.

00:23:36.000 --> 00:23:42.300
Sarah Zerback: Ein wichtiger Schritt in der akzeptierenden Drogenpolitik war, dass man Drogenkonsumräume eingeführt hat,

00:23:42.300 --> 00:23:46.500
den ersten gab es 1994 in Hamburg.

00:23:46.500 --> 00:23:51.700
Da können Menschen in einem relativ geschützten Raum Drogen konsumieren, aber auch Hilfe in Anspruch nehmen,

00:23:51.700 --> 00:23:58.300
wenn sie etwa keinen Platz zum Schlafen oder nichts zu essen haben, oder einen Weg suchen, aus dem Drogenkonsum rauszukommen.

00:23:58.300 --> 00:24:05.600
Ein anderes Angebot, das es erst seit 2023 gibt und nur vereinzelt in Deutschland, ist das sogenannte Drug Checking

00:24:05.600 --> 00:24:11.900
Hier werden die Inhaltsstoffe der Droge überprüft, denn viele illegale Drogen werden verunreinigt verkauft.

00:24:11.900 --> 00:24:19.300
Henning Schmidt-Semisch: Wenn ich hier in meinen Supermarkt gehe, dann gucke ich auf die Alkoholflaschen und da steht dann drauf,

00:24:19.300 --> 00:24:25.400
Schnaps hat 40 Prozent, Bier hat 5,6 Prozent, Wein hat 12-14 Prozent.

00:24:25.400 --> 00:24:32.000
Ich kann also relativ gut sagen, was ich da kaufe, was ich zu mir nehme, wie viel wirksamer Stoff da drin ist.

00:24:32.000 --> 00:24:39.100
Habe dann eben auch vielleicht entsprechende Erfahrungen mit diesen Getränken und bin insofern schon qualitätsmäßig informiert.

00:24:39.100 --> 00:24:42.500
Wenn ich das auf dem illegalen Markt kaufe, weiß ich nie, was ich bekomme,

00:24:42.500 --> 00:24:48.000
ob ich da 5 Prozent Kokain drin habe oder 95 Prozent in dem Stoff, den ich kaufe,

00:24:48.000 --> 00:24:54.000
Und dann kann ich natürlich gar nicht kompetent damit umgehen, weil ich gar nicht weiß, was ich da gekauft habe sozusagen.

00:24:54.000 --> 00:24:58.700
Und auch nie vorhersehen kann, wie genau diese Sache dann eben auch wirkt.

00:24:58.700 --> 00:25:06.800
Sarah Zerback: Und eben weil es kaum Qualitätskontrollen gibt, bringt das wahnsinnig viele Gefahren mit sich, Drogen illegal zu konsumieren, bis heute.

00:25:06.800 --> 00:25:11.700
Laut Bundeskriminalamt sind 2022 dadurch fast 2000 Menschen ums Leben gekommen.

00:25:11.700 --> 00:25:15.200
Das ist der höchste Wert seit 20 Jahren.

00:25:15.200 --> 00:25:20.400
Und auch das Verbot ändert nichts daran, dass die Nachfrage in Deutschland ständig steigt, zum Beispiel nach Kokain.

00:25:20.400 --> 00:25:27.900
Und dieser wachsende Markt der ist nicht nur gefährlich für die Konsumentinnen und Konsumenten, er ist auch ein globales Problem

00:25:27.900 --> 00:25:35.500
Über illegale Handelsrouten wird das Kokain massenweise von Südamerika nach Rotterdam, Antwerpen oder Hamburg verschifft.

00:25:35.500 --> 00:25:38.900
In Europa werden weltweit einfach die höchsten Preise gezahlt.

00:25:38.900 --> 00:25:46.900
Und die Folgen sind organisierte Kriminalität, Gewalt, zerstörte Ökosysteme und Ausbeutung.

00:25:46.900 --> 00:25:55.000
Um dagegen vorzugehen, arbeitet die Bundesregierung mittlerweile auch mit Sicherheitsbehörden am anderen Ende der Welt zusammen, zum Beispiel in Peru.

00:25:55.000 --> 00:26:00.700
Dieser globale Zusammenhang fügt dem Drogenkonsum eine weitere, ethische Dimension hinzu.

00:26:00.700 --> 00:26:04.800
Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert, sagt dazu, Zitat:

00:26:04.800 --> 00:26:12.300
„Jedes Gramm Kokain, das nicht konsumiert wird, finanziert nicht das Organisierte Verbrechen, korrumpiert nicht die Staaten Mittelamerikas,

00:26:12.300 --> 00:26:17.400
verseucht nicht die Umwelt der Produzentenländer und gefährdet keine Menschenleben“.

00:26:17.400 --> 00:26:24.400
Vielleicht gehört auch ethischer Konsum am Ende zu dem, was Henning Schmidt-Semisch als Drogenkonsumkompetenz beschreibt:

00:26:24.400 --> 00:26:29.700
gut informiert zu sein über die Gefahren und Risiken und verantwortungsbewusst damit umzugehen.

00:26:29.700 --> 00:26:32.400
*Musik*

00:26:32.400 --> 00:26:36.800
Sarah Zerback: Jetzt haben wir viel darüber gesprochen, wie sich die Drogenpolitik in der Vergangenheit entwickelt hat

00:26:36.800 --> 00:26:39.900
und wie sie sich auf den Konsum vor allem illegaler Drogen auswirkt.

00:26:39.900 --> 00:26:42.600
Kommen wir nochmal zurück zum Cannabis.

00:26:42.600 --> 00:26:46.000
Da ist ein zentraler Punkt in der Diskussion ja der Kinder- und Jugendschutz.

00:26:46.000 --> 00:26:49.700
Schauen wir uns kurz die Fakten an: Die Teillegalisierung von Cannabis heißt,

00:26:49.700 --> 00:26:58.200
dass Erwachsene zu Hause maximal drei Pflanzen bzw. 50g Cannabis besitzen dürfen,

00:26:58.200 --> 00:27:04.700
25g darf man pro Person in der Öffentlichkeit dabei haben und dann in bestimmten öffentlichen Bereichen konsumieren.

00:27:04.700 --> 00:27:10.500
Cannabis anbauen und abgeben dürfen vorerst nur sogenannte Cannabis-Clubs, die auch keine Werbung machen dürfen.

00:27:10.500 --> 00:27:13.800
All das gilt nicht für Minderjährige.

00:27:13.800 --> 00:27:17.500
Die dürfen weiterhin kein Cannabis besitzen, erwerben oder anbauen.

00:27:17.500 --> 00:27:20.900
Und auch Cannabis an Jugendliche zu verkaufen, bleibt strafbar.

00:27:20.900 --> 00:27:30.000
Das Gesundheitsministerium hat mit dem neuen Gesetz gleichzeitig auch eine Aufklärungskampagne gestartet, die vor allem die Risiken für Jugendliche thematisiert.

00:27:30.000 --> 00:27:32.900
Frank Köhnlein: Das durchschnittliche Einstiegsalter ist 14,5 Jahre.

00:27:32.900 --> 00:27:37.400
Also die fangen dreieinhalb Jahre quasi vor der Legalschwelle fangen die bereits an zu kiffen

00:27:37.400 --> 00:27:43.400
und die kritischen Konsumentinnen und Konsumenten, die sind mit 18 schon längst in den Brunnen gefallen.

00:27:43.400 --> 00:27:47.400
Das sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Frank Köhnlein.

00:27:47.400 --> 00:27:52.000
Er findet es gerade jetzt wichtig, über die Gefahren von Cannabiskonsum aufzuklären,

00:27:52.000 --> 00:27:57.800
also jetzt, wo die Droge durch die Legalisierung wahrscheinlich an gesellschaftlicher Akzeptanz gewinnt.

00:27:57.800 --> 00:28:04.600
Gerade bei jungen Menschen wirkt sich Cannabiskonsum sehr negativ aus, eben weil sich das Gehirn bei ihnen noch entwickelt

00:28:04.600 --> 00:28:11.200
Frank Köhnlein: Man muss sich das ein bisschen vorstellen, wie wenn man eine Stadt aufbauen möchte und überlegt,

00:28:11.200 --> 00:28:18.600
wo ist der Marktplatz und wo ist das Krankenhaus und wo ist das Rathaus und wo ist die Schule, wo ist das Theater?

00:28:18.600 --> 00:28:23.400
Also quasi verschiedene Teile des Gehirns werden miteinander vernetzt und man überlegt dann,

00:28:23.400 --> 00:28:29.800
wie komme ich am schnellsten vom Rathaus ins Theater oder ins Museum und das macht das Gehirn in einer rasenden Geschwindigkeit,

00:28:29.800 --> 00:28:33.700
aber es braucht halt trotzdem länger als bis zum 18. Lebensjahr dafür.

00:28:33.700 --> 00:28:36.200
In der Regel braucht es bis Mitte zwanzig.

00:28:36.200 --> 00:28:38.400
Es wird immer so gesagt, um 25 rum.

00:28:38.400 --> 00:28:41.600
Bei manchen ist es mit 22 und bei anderen mit 28 abgeschlossen.

00:28:41.600 --> 00:28:47.300
Und in der Zeit formt das Gehirn sozusagen die Breite der Straßen oder der Verbindungen dazwischen

00:28:47.300 --> 00:28:55.000
und offensichtlich sind an diesen Prozessen eben auch die Cannabinoid-Rezeptoren, die wir im Gehirn haben, sehr wesentlich beteiligt

00:28:55.000 --> 00:28:59.400
und das ist eben das Tragische, dass die durch das Cannabis besetzt werden

00:28:59.400 --> 00:29:06.100
und möglicherweise diese Bahnung dann eben schiefläuft und das führt dann dazu,

00:29:06.100 --> 00:29:11.500
dass man nachher vielleicht eben gerade dort, wo man eine Bundesstraße braucht, keine Bundesstraße hat, sondern nur ein holprigen Feldweg.

00:29:11.500 --> 00:29:19.200
Sarah Zerback: Die Konsequenz ist: Das Gehirn wird langsamer, das kann sich an Wortfindungsproblemen zeigen oder an Verständnisschwierigkeiten.

00:29:19.200 --> 00:29:21.300
Köhlein: Ich habe gestern mit einer Jugendlichen geredet.

00:29:21.300 --> 00:29:27.000
Die hat gesagt: Wenn ich gekifft habe, habe ich mich gehasst eigentlich, weil ich gemerkt habe, wie dumm ich geworden bin.

00:29:27.000 --> 00:29:29.200
Sie ist natürlich nicht dumm geworden, aber sie hat gesagt

00:29:29.200 --> 00:29:33.900
Ich habe sogar während dem Kiffen habe ich noch nachgedacht, was mache ich denn da gerade?

00:29:33.900 --> 00:29:39.600
Ich blockiere sozusagen mein eigentlich doch geniales Gehirn, ich brauche für alles einfach viel länger.

00:29:39.600 --> 00:29:44.600
Sarah Zerback: Eben wegen all dieser Gefahren ist die Teillegalisierung von Cannabis, auch wenn sie für Minderjährige gar nicht gilt,

00:29:44.600 --> 00:29:47.800
für Frank Köhnlein ein völlig falsches Signal.

00:29:47.800 --> 00:29:52.700
Aber er beobachtet auch, wie die Jugendlichen, die er in seiner Praxis in Basel betreut, darauf reagieren.

00:29:52.700 --> 00:29:58.800
Frank Köhnlein: Kritische Jugendliche, die die bei mir in der Therapie sitzen, die sagen auch, das wäre jetzt zu kurz gegriffen,

00:29:58.800 --> 00:30:03.100
wenn man sagt, „in Deutschland ist es ja erlaubt, also kann es nicht gefährlich sein.“

00:30:03.100 --> 00:30:11.300
Die Jugendlichen, mit denen man spricht, die realisieren dann schon, dass das Zeug nicht einfach nur high und super ist, sondern dass das eben auch gefährlich ist.

00:30:11.300 --> 00:30:18.200
Trotzdem eine gesellschaftliche Entstigmatisierung dieser Substanz ist meines Erachtens das falsche Signal, aber ich bin kein Soziologe.

00:30:18.200 --> 00:30:23.500
Ich bin Kinderpsychiater und arbeite mit einzelnen, und mit dem Einzelnen musst du dann halt sagen,

00:30:23.500 --> 00:30:27.700
nur weil die Gesellschaft was erlaubt hat, ist es nur noch lang nicht ungefährlich.

00:30:27.700 --> 00:30:33.600
Oder in Deutschland habt ihr keine Tempobegrenzungen, nur weil es erlaubt ist mit 260 zu fahren, ist es noch lang nicht ungefährlich.

00:30:33.600 --> 00:30:40.500
Sarah Zerback: Frank Köhnlein erwartet nicht, dass die Legalisierung am Ausmaß des Cannabiskonsums viel verändert.

00:30:40.500 --> 00:30:42.600
Einen Anstieg gibt es besonders unter Jugendlichen sowieso schon.

00:30:42.600 --> 00:30:49.100
Aber er findet, man hätte die Altersgrenze ruhig höher als bei 18 Jahren ansetzen können.

00:30:49.100 --> 00:30:52.600
Und die Legaisierung insgesamt langsamer umsetzen müssen.

00:30:52.600 --> 00:30:59.000
Umso wichtiger sei Prävention und auch Information, um junge Menschen besser vor den Gefahren zu warnen.

00:30:59.000 --> 00:31:02.700
Gut wäres es gewesen, das rechtzeitig anzuschieben, nämlich vor der Legalisierung.

00:31:02.700 --> 00:31:06.100
Das aber habe man in Deutschland verpasst, sagt Köhnlein.

00:31:06.100 --> 00:31:09.600
Und bessere Konzepte für die Prävention die bräuchte es auch.

00:31:09.600 --> 00:31:15.900
Frank Köhnlein: Eine Prävention, die zeigefingerig daherkommt und den Jugendlichen sagt, was alles Schlimmes passieren kann,

00:31:15.900 --> 00:31:18.100
die ist gut gemeint, erreicht die Jugendlichen aber nicht.

00:31:18.100 --> 00:31:24.200
Während wenn der Jugendliche sagt, ich finde meine Wörter wiede,r seit ich vor zwei Wochen oder drei Wochen aufgehört habe zu kiffen,

00:31:24.200 --> 00:31:32.600
und es ist so geil, dann ist es was, was wahrscheinlich viel viel mehr bringt, als meine klugen Ratschläge oder meine medizinischen Weisheiten.

00:31:32.600 --> 00:31:37.200
Und wo diese Erfahrungen eben nicht da sind, da wäre ich wirklich sehr, sehr dafür,

00:31:37.200 --> 00:31:43.700
Jugendliche, die Erfahrung gemacht haben, soweit auszubilden, dass die quasi als Peers in den Klassen auftreten können

00:31:43.700 --> 00:31:49.400
und mal sagen können, wie es ihnen damit gegangen ist, wie cool das einerseits war oder anfangs war

00:31:49.400 --> 00:31:55.000
und wie elend und jämmerlich und auch peinlich das nachher war oder vielleicht wie beschämend das nachher war,

00:31:55.000 --> 00:32:01.200
dass die ganze Karawane an dir vorbeigezogen ist und du stehengeblieben bist, irgendwie mit deinem blauen Dunst.

00:32:01.200 --> 00:32:03.800
Das ist meistens eindrucksvoller.

00:32:03.800 --> 00:32:07.800
*Musik*

00:32:07.800 --> 00:32:11.100
Sarah Zerback: Aufklärung – das ist auch das Stichwort für die Arbeit von Stefanie Bötsch.

00:32:11.100 --> 00:32:18.800
Sie ist Suchttherapeutin und erklärt in ihrem Podcast „Psychoaktiv“ wissenschaftsbasiert die Wirkung von Drogen.

00:32:18.800 --> 00:32:22.800
Auch, damit Menschen gut informiert den eigenen Konsum überdenken können.

00:32:22.800 --> 00:32:25.300
Und das erstmal unabhängig vom legalen Status:

00:32:25.300 --> 00:32:32.200
Es geht zum Beispiel darum, wie sowohl bei Alkohol als auch bei anderen psychoaktiven Substanzen Abhängigkeiten entstehen.

00:32:32.200 --> 00:32:39.400
Stephanie Bötsch: Wir sprechen, wenn wir darüber sprechen, wie sich eigentlich eine Sucht entwickelt, über das biopsychosoziale Modell.

00:32:39.400 --> 00:32:47.400
Das heißt, man geht davon aus, dass sowohl biologische als auch psychologische als auch soziale Faktoren eine Rolle spielen.

00:32:47.400 --> 00:32:54.400
Kleines Beispiel dazu: Biologischer Faktor kann zum Beispiel sein, dass schon die Eltern getrunken haben

00:32:54.400 --> 00:32:58.200
und man hat eben festgestellt, dass es durchaus genetische Komponenten haben kann,

00:32:58.200 --> 00:33:02.200
wenn man eine Abhängigkeitserkrankung entwickelt, dass das eben vorliegt.

00:33:02.200 --> 00:33:06.400
Oder ein sozialer Aspekt fällt mir jetzt ganz spontan ein, wäre zum Beispiel,

00:33:06.400 --> 00:33:10.500
wenn man in einem extremst konsumfördernden Umfeld lebt, wie zum Beispiel aufm Dorf,

00:33:10.500 --> 00:33:14.700
in dem einfach extremst viel gesoffen wird, wenn man das mal so sagen darf,

00:33:14.700 --> 00:33:18.200
und dementsprechend niemand den eigenen Konsum auch irgendwie kritisch hinterfragt,

00:33:18.200 --> 00:33:22.200
sondern der im Gegensatz eher so gefördert wird, angefeuert wird.

00:33:22.200 --> 00:33:26.400
Und psychologisch, das können auch ganz viele verschiedenen Faktor sein,

00:33:26.400 --> 00:33:31.400
zum Beispiel dass man eher Angst hat in sozialen Gruppen zu sprechen und der Alkohol einem hilft,

00:33:31.400 --> 00:33:35.600
dann in den Gruppen zu sprechen und dass man das dann sozusagen damit überwinden kann.

00:33:35.600 --> 00:33:39.800
Sarah Zerback: Diese Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass jemand von Drogen abhängig wird.

00:33:39.800 --> 00:33:41.600
Aber wann ist man überhaupt abhängig?

00:33:41.600 --> 00:33:46.900
Stephanie Bötsch erklärt, anhand welcher Merkmale eine Abhängigkeit festgestellt werden kann.

00:33:46.900 --> 00:33:48.500
Stephanie Bötsch: Das sind insgesamt sechs Kriterien.

00:33:48.500 --> 00:33:54.200
Das ist die Toleranzentwicklung, also dass man immer mehr braucht, um den gleichen Effekt zu erzielen,

00:33:54.200 --> 00:33:59.000
das Craving, also ein starkes Verlangen nach der Substanz, Entzugssymptome nach dem Absetzen,

00:33:59.000 --> 00:34:02.800
dass man konsumiert, obwohl man schon negative Auswirkungen hat,

00:34:02.800 --> 00:34:06.300
zum Beispiel weil man schon einen Job verloren hat oder gesundheitliche Probleme bekommt.

00:34:06.300 --> 00:34:13.200
Eine geminderte Kontrolle über Anfang Ende und die Menge und die Vernachlässigung anderer Aktivitäten,

00:34:13.200 --> 00:34:18.300
zum Beispiel, dass man plötzlich nicht mehr ins Training geht, dass man eigentlich so gerne gemacht hat und lieber konsumiert.

00:34:18.300 --> 00:34:23.400
Sarah Zerback: Wenn man jetzt seinen eigenen Konsum reflektieren möchte, sind diese Merkmale aber ziemlich sperrig,

00:34:23.400 --> 00:34:32.100
findet Stephanie Bötsch und empfiehlt sie da auch einen anderen Weg über einfachere Reflexionsfragen, die man sich stellen kann:

00:34:32.100 --> 00:34:37.200
Stephanie Bötsch: Und zwar schaut man sich seinen Konsum mal an, am besten für jede einzelne Substanz, die man konsumiert extra

00:34:37.200 --> 00:34:42.200
und schaut mal, mit welchem Ziel konsumiere ich die Substanz?

00:34:42.200 --> 00:34:47.300
So, nehmen wir einfach mal: ich trinke ein Glas Wein abends zur Entspannung.

00:34:47.300 --> 00:34:53.200
So und dann frage ich mich im zweiten Reflexionspunkt: Hm, was mache ich denn sonst noch, um mich zu entspannen?

00:34:53.200 --> 00:34:58.800
Und wenn ich dann merke, naja, eigentlich trinke ich nur noch dieses Glas Wein abends zur Entspannung,

00:34:58.800 --> 00:35:05.600
dann hat sozusagen diese psychoaktive Substanz ja komplett den Themenkomplex Entspannung für mich eingenommen

00:35:05.600 --> 00:35:09.600
und das ist natürlich ungünstig und führt dann zu einem Ungleichgewicht.

00:35:09.600 --> 00:35:13.900
Wenn ich aber merke: okay, ich trinke einmal die Woche ein Glas Wein zur Entspannung

00:35:13.900 --> 00:35:18.300
und sonst mache ich Yoga, meditiere, rede mit Leuten, gehe zum Sport, dann sieht man ja gleich,

00:35:18.300 --> 00:35:20.400
dass ich in meinem Leben in der Balance bin.

00:35:20.400 --> 00:35:26.700
Das heißt, die psychoaktive Substanz, der Konsum nimmt nur einen kleinen Teil von einem Themenkomplex ein.

00:35:26.700 --> 00:35:31.900
Sarah Zerback: Stephanie Bötsch sagt, dass sich die Prävention von Drogenkonsum nicht allein darauf beschränken sollte,

00:35:31.900 --> 00:35:39.500
dass man jetzt Regeln für einzelne Substanzen und aufklärt, sondern gerade bei Jugendlichen muss das viel weiter reichen.

00:35:39.500 --> 00:35:45.300
Stephanie Bötsch: Dass ganz im Allgemeinen mal geschaut wird, wie macht man ein Leben für Jugendliche lebenswert?

00:35:45.300 --> 00:35:48.700
Das hat nicht immer nur was mit der einzelnen psychoaktiven Substanz zu tun,

00:35:48.700 --> 00:35:54.800
weil wir haben ja auch gerade schon darüber gesprochen, dass Abhängigkeitserkrankungen viel auch darin sich entwickeln,

00:35:54.800 --> 00:36:02.100
weil man irgendwie versucht, was auszugleichen, weil man unzufrieden ist, irgendwie sich versucht irgendwas auch besser zu konsumieren,

00:36:02.100 --> 00:36:05.000
dass das ein guter Nährboden ist für Abhängigkeitserkrankungen.

00:36:05.000 --> 00:36:10.200
Deswegen macht es ja total Sinn, nicht nur die Kids und Jugendlichen aufzuklären über die einzelnen psychoaktiven Substanzen,

00:36:10.200 --> 00:36:17.200
sondern dass wir uns ganz im Allgemeinen mit der Frage beschäftigen, was macht ein Leben für Jugendliche lebenswert?

00:36:17.200 --> 00:36:23.200
Wie können sie ein gutes Leben hier in Deutschland haben, sodass Abhängigkeitserkrankungen einfach ein geringeres Risiko darstellen.

00:36:23.200 --> 00:36:26.000
*Musik*

00:36:26.000 --> 00:36:28.400
Sarah Zerback: Was wir also mitnehmen können:

00:36:28.400 --> 00:36:33.400
1. Drogenverbote wurden im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts durchgesetzt.

00:36:33.400 --> 00:36:40.100
Das hatte weniger mit Gesundheit als mit nationalen Interessen im Welthandel und der Kontrolle von Minderheiten zu tun.

00:36:40.100 --> 00:36:42.200
Das hat Helena Barop erklärt.

00:36:42.200 --> 00:36:51.600
2. Im Vergleich zu einem sehr restriktiven Umgang mit Drogen, bietet eine akzeptierende Drogenpolitik Menschen mit starken Abhängigkeiten mehr Möglichkeiten,

00:36:51.600 --> 00:36:55.700
Hilfe zu bekommen, das betont Henning Schmidt-Semisch.

00:36:55.700 --> 00:37:00.400
3. Die Gefahren von Drogenkonsum sollten nicht unterschätzt werden.

00:37:00.400 --> 00:37:07.100
Gerade auf Jugendliche, deren Gehirne sich noch entwickeln, kann sich der Konsum massiv auswirken, sagt Frank Köhnlein.

00:37:07.100 --> 00:37:10.600
Prävention von Drogenkonsum funktioniert aber nur dann gut,

00:37:10.600 --> 00:37:17.200
wenn Jugendliche sich in der Gesellschaft insgesamt sicher und aufgefangen fühlen, das hat Stefanie Bötsch erklärt.

00:37:17.200 --> 00:37:20.900
*Musik*

00:37:20.900 --> 00:37:24.200
Sarah Zerback: Wenn Sie oder einer Ihrer Lieben ein Suchtproblem haben,

00:37:24.200 --> 00:37:28.100
können Sie sich anonym an die bundesweite Sucht & Drogen-Hotline wenden.

00:37:28.100 --> 00:37:35.000
Unter 01806  erhalten Sie Beratung und Hilfe von Fachleuten.

00:37:35.000 --> 00:37:37.800
Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

00:37:37.800 --> 00:37:42.500
In der gedruckten Ausgabe zum Thema „Rausch und Drogen“ geht es noch um viele andere Aspekte,

00:37:42.500 --> 00:37:47.000
die wir hier nicht besprechen konnten, zum Beispiel um Drogenbilder in Film und Literatur

00:37:47.000 --> 00:37:50.800
oder um die Geschichte der Prohibition in den USA.

00:37:50.800 --> 00:37:52.700
Den Link dazu finden Sie in den Shownotes.

00:37:52.700 --> 00:37:56.300
Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast.

00:37:56.300 --> 00:38:03.800
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie gern an uns schicken an apuz@bpb.de.

00:38:03.800 --> 00:38:08.100
In vier Wochen erscheint die nächste Folge, dann sprechen wir über Asylpolitik.

00:38:08.100 --> 00:38:10.400
Mein Name ist Sarah Zerback, bis zum nächsten Mal.

00:38:10.400 --> 00:38:23.900
*Musik*

00:38:23.900 --> 00:38:29.600
Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

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Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Julia Günther, Jacob Hirsch und Johannes Piepenbrink.

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Musik: Joscha Grunewald. Produktion: hauseins.

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Am Mikrofon war Sarah Zerback.

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Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.
