WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:05.300
Wolfgang Kaleck: Von mir aus könnte das humanitäre Völkerrecht umbenannt werden in Kriegsvölkerrecht.

00:00:05.300 --> 00:00:10.900
Also, es ist nicht humanitär zu nennen, weil es die Zivilbevölkerung nicht angemessen schützt.

00:00:10.900 --> 00:00:16.500
Und das kann man in allen kriegerischen Konflikten der letzten Jahrzehnte sehen.

00:00:16.500 --> 00:00:21.000
Sarah Zerback: Das sagt der Jurist Wolfgang Kaleck, mit dem ich für diese Folge gesprochen habe.

00:00:21.000 --> 00:00:23.700
Und man muss nicht mal in die letzten Jahrzehnte zurückschauen.

00:00:23.700 --> 00:00:29.200
In der Ukraine, im Nahen Osten und im Sudan finden zurzeit verheerende Kriege statt.

00:00:29.200 --> 00:00:32.700
Und in denen werden immer wieder schwere Kriegsverbrechen verübt.

00:00:32.700 --> 00:00:39.500
Zivilisten werden angegriffen, Kriegsgefangene gefoltert, Menschen wird sexualisierte Gewalt angetan.

00:00:39.500 --> 00:00:43.500
Dabei gibt es eigentlich Regeln, die Menschen im Krieg genau davor schützen sollen.

00:00:43.500 --> 00:00:49.700
Diese Regeln des humanitären Völkerrechts sind festgelegt in den Genfer Konventionen von 1949

00:00:49.700 --> 00:00:53.800
und in ihren Zusatzprotokollen von 1977.

00:00:53.800 --> 00:00:57.300
196 Staaten haben sie unterzeichnet.

00:00:57.300 --> 00:00:59.600
Kriegsverbrechen gibt es trotzdem.

00:00:59.600 --> 00:01:02.900
*Musik*

00:01:02.900 --> 00:01:05.500
Wir sprechen in dieser Folge über das humanitäre Völkerrecht,

00:01:05.500 --> 00:01:10.000
was es regelt und wie gut es Menschen im Krieg tatsächlich schützen kann.

00:01:10.000 --> 00:01:14.500
Sie hören den Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ und ich bin Sarah Zerback.

00:01:14.500 --> 00:01:17.800
Den Juristen Wolfgang Kaleck haben Sie eben schon kurz gehört.

00:01:17.800 --> 00:01:23.400
Er macht deutlich, wo das humanitäre Völkerrecht in der juristischen Praxis an seine Grenzen kommt.

00:01:23.400 --> 00:01:26.900
Außerdem erklärt die Völkerrechtlerin Heike Krieger,

00:01:26.900 --> 00:01:31.400
in welchen Bereichen sich das humanitäre Völkerrecht zukünftig weiterentwickeln müsste.

00:01:31.400 --> 00:01:34.400
Aber vorher steigen wir mit den Grundlagen ein.

00:01:34.400 --> 00:01:38.700
Das humanitäre Völkerrecht, die Genfer Konventionen – was genau ist das eigentlich?

00:01:38.700 --> 00:01:43.000
Das erklärt gleich erstmal der Völkerrechtler Raphael Schäfer.

00:01:43.000 --> 00:01:50.300
Die Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ zum Thema „Genfer Konventionen“ finden Sie auf bpb.de/apuz.

00:01:50.300 --> 00:01:53.200
Wie immer gibt es auch zu dieser Folge ein Transkript.

00:01:53.200 --> 00:01:57.700
Sie finden es in der bpb-Mediathek oder als Link in den Shownotes.

00:01:57.700 --> 00:02:13.100
*Musik*

00:02:13.100 --> 00:02:16.000
Krieg ist gewaltvoll – per Definition.

00:02:16.000 --> 00:02:18.700
Und trotzdem gibt es auch im Krieg bestimmte Normen.

00:02:18.700 --> 00:02:21.600
Schon in der Antike hat man sich zum Beispiel darauf geeinigt,

00:02:21.600 --> 00:02:23.700
gefangene Soldaten nicht zu töten.

00:02:23.700 --> 00:02:28.200
Erst viele Jahre später wurden solche Beschränkungen dann in ein richtiges Regelwerk verpackt.

00:02:28.200 --> 00:02:37.600
1864 wurde die erste Genfer „Konvention zur Verbesserung des Schicksals der verwundeten Soldaten der Armeen im Felde“ verabschiedet.

00:02:37.600 --> 00:02:41.400
Darin ging es erstmal nicht um den Schutz von Zivilistinnen und Zivilisten,

00:02:41.400 --> 00:02:45.500
sondern um den Umgang mit den Soldaten selbst.

00:02:45.500 --> 00:02:50.900
Raphael Schäfer ist Referent am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht

00:02:50.900 --> 00:02:54.300
und erklärt diesen entscheidenden Moment genauer.

00:02:54.300 --> 00:02:58.500
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es eine Menge Kriege in Europa.

00:02:58.500 --> 00:03:04.700
Unter anderem wurde Österreich im Zuge der Italienischen Unabhängigkeitskriege aus Norditalien vertrieben,

00:03:04.700 --> 00:03:08.900
und es kam 1859 zur Schlacht von Solferino.

00:03:08.900 --> 00:03:13.100
Raphael Schäfer: Und diese Schlacht war sehr blutig, wie viele Schlachten in dieser Zeit.

00:03:13.100 --> 00:03:18.600
Allerdings wurden auch die Soldaten quasi zurückgelassen in ihrem Leid, auf den Schlachtfeldern.

00:03:18.600 --> 00:03:24.400
Also da hat sich niemand darum gekümmert, wie Personen, die vielleicht schwer verletzt waren,

00:03:24.400 --> 00:03:30.300
aber grundsätzlich noch gerettet werden könnten, da qualvoll verendeten.

00:03:30.300 --> 00:03:34.700
Und die Geschichte und ich sage jetzt auch bewusst so diese Erzählung,

00:03:34.700 --> 00:03:39.800
die man sich bis heute ja tradiert, war der Genfer Kaufmann Henry Dunant,

00:03:39.800 --> 00:03:43.500
der anscheinend relativ zufällig auf diesem Schlachtfeld vorbeigekommen ist.

00:03:43.500 --> 00:03:46.400
Wobei man sich damals auch schon fragen konnte,

00:03:46.400 --> 00:03:50.300
wer kommt denn zufällig auf so einem so historischen Schlachtfeld vorbei?

00:03:50.300 --> 00:03:56.700
Und er hat dann dieses Leid da wahrgenommen und hat dann quasi wie eine Offenbarung erlebt,

00:03:56.700 --> 00:03:59.500
wie schlimm das ist dass man dagegen etwas machen muss.

00:03:59.500 --> 00:04:03.500
Sarah Zerback: Henry Dunant, das ist der Begründer der Internationalen Rotkreuzbewegung.

00:04:03.500 --> 00:04:07.700
In seinen „Erinnerungen an Solferino“ schrieb er 1859:

00:04:07.700 --> 00:04:11.600
„Ein Krieger, der seinem Vaterland dient, oder es verteidigt,

00:04:11.600 --> 00:04:15.400
hat er nicht Anspruch auf die Sorge seines Vaterlandes?“,

00:04:15.400 --> 00:04:19.600
und er machte Vorschläge, wie Kriegsversehrte besser versorgt werden können.

00:04:19.600 --> 00:04:25.200
Schon kurz nach der Veröffentlichung folgte die Gründung des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes.

00:04:25.200 --> 00:04:30.700
Das rote Kreuz wurde als Symbol genutzt, damit die Helfenden im Feld nicht angegriffen wurden.

00:04:30.700 --> 00:04:36.100
Und auch die erste Genfer Konvention von 1864 nahm Dunants Vorschläge auf

00:04:36.100 --> 00:04:39.900
und regelte zum ersten Mal den Schutz von verwundeten Soldaten.

00:04:39.900 --> 00:04:43.800
Die Konvention wurde über die nächsten Jahrzehnte mehrfach ergänzt.

00:04:43.800 --> 00:04:49.800
Ein wichtiger Meilenstein war die Haager Landkriegsordnung von 1899 und 1907.

00:04:49.800 --> 00:04:52.800
Doch immer wieder zeigten sich Schwachstellen.

00:04:52.800 --> 00:04:58.900
Ganz besonders natürlich im Zuge der beiden verheerenden Weltkriege in der ersten Hälfte des . Jahrhunderts.

00:04:58.900 --> 00:05:06.100
Raphael Schäfer: Also, man sieht, wenn man sich die geschichtliche Entwicklung der kriegsrechtlichen Kodifikationen anschaut

00:05:06.100 --> 00:05:10.600
dass die Kodifizierung „immer einen Krieg zu spät“ kommt, in Anführungszeichen.

00:05:10.600 --> 00:05:15.600
Also, man hat häufig retrospektive Reaktionen auf den vorangegangenen Konflikt.

00:05:15.600 --> 00:05:18.700
Das sieht man beispielsweise in den Genfer Konventionen von

00:05:18.700 --> 00:05:24.600
an der Unzahl an Kriegsgefangenen, die man zu versorgen hatte,

00:05:24.600 --> 00:05:31.000
dass die bisherigen Regeln nicht ausgereicht haben und auch an der Natur des Konfliktes.

00:05:31.000 --> 00:05:36.400
Ich lese diese - vor allem den Ersten Weltkrieg - als auch systembeendende Konflikte,

00:05:36.400 --> 00:05:41.300
dass das Völkerrecht nach dem Konflikt ein anderes war, als es davor war,

00:05:41.300 --> 00:05:45.900
weil es wurde neu aufgesetzt, beispielsweise durch den Völkerbund oder die Vereinten Nationen

00:05:45.900 --> 00:05:49.700
und der Krieg, kriegerische Kontakte dann eine andere Rolle gespielt haben.

00:05:49.700 --> 00:05:54.700
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Völkerrecht noch einmal komplett überarbeitet.

00:05:54.700 --> 00:05:59.100
1949 wurden vier neue Genfer Konventionen unterzeichnet.

00:05:59.100 --> 00:06:04.500
1977 kamen zwei Zusatzprotokolle hinzu, ein weiteres 2005.

00:06:04.500 --> 00:06:12.100
Allein das sogenannte Genfer Abkommen über den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten hat 159 Artikel.

00:06:12.100 --> 00:06:13.900
Und auch wenn es stetig weiterentwickelt wurde,

00:06:13.900 --> 00:06:19.600
sind die Kernregeln des humanitären Völkerrechts dieselben geblieben, erklärt Raphael Schäfer.

00:06:19.600 --> 00:06:22.500
Raphael Schäfer: Es gibt kein unbegrenztes Schädigungsrecht.

00:06:22.500 --> 00:06:26.200
Also man darf nicht jegliche militärische Waffe einsetzen,

00:06:26.200 --> 00:06:28.100
nur weil man das grundsätzlich faktisch kann.

00:06:28.100 --> 00:06:35.300
Man muss grundsätzlich immer zwischen Zivilpersonen und militärischen Personen oder militärischen Zielen unterscheiden.

00:06:35.300 --> 00:06:38.400
Und es gilt das Verhältnismäßigkeitsprinzip.

00:06:38.400 --> 00:06:43.800
Beispielsweise, dass man immer den militärischen Zweck und die tatsächlichen eingetretenen

00:06:43.800 --> 00:06:48.000
oder zu erwartenden Schädigungen gegeneinander abwägen muss.

00:06:48.000 --> 00:06:54.100
Es gibt da einen relativ technischen Begriff, der juristisch sehr, ja, nüchtern klingt,

00:06:54.100 --> 00:06:58.100
aber de facto auch schreckliche Konsequenzen hat: „Kollateralschäden“.

00:06:58.100 --> 00:07:01.700
Ja, also das sind dann Schäden, die eintreten an der Zivilbevölkerung

00:07:01.700 --> 00:07:07.700
oder an nichtmilitärischen Zielen, die aber nicht außer Verhältnis stehen zu militärischen Zielen.

00:07:07.700 --> 00:07:10.900
Dass man beispielsweise sagt, wenn wir mit diesem Air Strike,

00:07:10.900 --> 00:07:15.800
also Luftschlag beispielsweise die zentrale Schaltstelle des Konfliktes ausschalten können

00:07:15.800 --> 00:07:20.100
und dadurch eine gewisse Anzahl an Unbeteiligten in Mitleidenschaft ziehen,

00:07:20.100 --> 00:07:23.500
ist das etwas, was das humanitäre Völkerrecht grundsätzlich autorisiert.

00:07:23.500 --> 00:07:31.200
Das humanitäre Völkerrecht und das ist eben vielleicht auch ein bisschen die Nebelkerze dieses Begriffs,

00:07:31.200 --> 00:07:33.600
ist nicht so humanitär, wie es vielleicht den Schein hat,

00:07:33.600 --> 00:07:36.400
weil es autorisiert und anerkennt das Töten von Menschen.

00:07:36.400 --> 00:07:39.500
*Musik*

00:07:39.500 --> 00:07:43.500
Sarah Zerback: Das humanitäre Völkerrecht kann Kriegsverbrechen nicht verhindern.

00:07:43.500 --> 00:07:45.900
Aber es gibt Staaten und Gerichten zumindest die Möglichkeit,

00:07:45.900 --> 00:07:48.800
Kriegsverbrechen zu verfolgen und zu bestrafen.

00:07:48.800 --> 00:07:53.000
Seit den 1990er Jahren wird diese Möglichkeit zunehmend auch genutzt.

00:07:53.000 --> 00:07:55.400
Zum Beispiel mit den UN-Sondertribunalen,

00:07:55.400 --> 00:08:01.900
in denen Verstöße gegen die Genfer Konventionen im ehemaligen Jugoslawien oder in Ruanda geahndet wurden.

00:08:01.900 --> 00:08:05.900
Und seit 2002 ist der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag aktiv,

00:08:05.900 --> 00:08:11.200
der Kriegsverbrechen unter bestimmten Bedingungen international strafrechtlich verfolgen kann.

00:08:11.200 --> 00:08:12.400
Das passiert auch aktuell.

00:08:12.400 --> 00:08:16.100
Im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine

00:08:16.100 --> 00:08:20.500
hat der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen Wladimir Putin erlassen.

00:08:20.500 --> 00:08:25.000
Und auch wegen Israels Vorgehen in Gaza wurden Haftbefehle erlassen,

00:08:25.000 --> 00:08:30.800
gegen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seinen ehemaligen Verteidigungsminister,

00:08:30.800 --> 00:08:36.800
sowie gegen Hamas-Führer Mohammed Deif wegen des Terrors am 07. Oktober 2023.

00:08:36.800 --> 00:08:41.400
Aber wie sieht der juristische Umgang mit Kriegsverbrechen genau aus?

00:08:41.400 --> 00:08:43.100
Und wie wirksam sind solche Maßnahmen?

00:08:43.100 --> 00:08:46.900
Darüber habe ich mit dem Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck gesprochen.

00:08:46.900 --> 00:08:52.300
Er ist Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights

00:08:52.300 --> 00:08:56.500
und hat zahlreiche internationale Fälle im Bereich Menschenrechte begleitet.

00:08:56.500 --> 00:08:59.700
*Musik*

00:08:59.700 --> 00:09:01.300
Sarah Zerback: Herzlich Willkommen, Wolfgang Kaleck.

00:09:01.300 --> 00:09:03.200
Wolfgang Kaleck: Danke schön, Frau Zerback.

00:09:03.200 --> 00:09:07.000
Sarah Zerback: Ich hab mal auf der Website des Internationalen Gerichtshofs nachgeschaut.

00:09:07.000 --> 00:09:11.100
Aktuell beschäftigt der sich mit 23 Verfahren gleichzeitig.

00:09:11.100 --> 00:09:13.200
Das ist ein Rekord.

00:09:13.200 --> 00:09:18.000
Wenn man da mal in die 2000er guckt, dann waren das eher so 2 bis 3 pro Jahr.

00:09:18.000 --> 00:09:22.400
Und auch bei der UN laufen ja sehr viele Menschenrechtsuntersuchungen gleichzeitig.

00:09:22.400 --> 00:09:27.000
Sind die Kriege heute schmutziger als früher oder wird da nur genauer hingeschaut?

00:09:27.000 --> 00:09:29.100
Wolfgang Kaleck: Es wird auf jeden Fall genauer hingeschaut, das ist klar.

00:09:29.100 --> 00:09:34.200
Und dazu tragen die von Ihnen genannten Institutionen bei,

00:09:34.200 --> 00:09:38.100
also der Internationale Strafgerichtshof existiert ja erst seit 2002

00:09:38.100 --> 00:09:42.100
und dann hat es auch noch ein paar Jahre gedauert, bis der ins Rollen gekommen ist.

00:09:42.100 --> 00:09:48.400
Und auf UN-Ebene hat sich ein total ausdifferenziertes System entwickelt,

00:09:48.400 --> 00:09:53.900
also mit sehr vielen UN-Sonderberichterstattern, mit Untersuchungskommissionen,

00:09:53.900 --> 00:10:00.400
zum Teil Untersuchungskommissionen, die wie die zu Syrien die Beweise sammeln für Menschenrechtsverletzungen,

00:10:00.400 --> 00:10:02.900
für Verletzungen gegen das humanitäre Völkerrecht.

00:10:02.900 --> 00:10:07.900
Das ist der eine Teil und der andere Teil sind natürlich die zivilgesellschaftlichen Akteure,

00:10:07.900 --> 00:10:10.700
also wie zum Beispiel unsere Organisation,

00:10:10.700 --> 00:10:14.800
das European Center for Constitutional and Human Rights ECCHR in Berlin,

00:10:14.800 --> 00:10:21.100
das Teil eines ja weltweiten Netzwerkes ist von Organisationen,

00:10:21.100 --> 00:10:25.400
die zum Teil, so wie wir, erst in den letzten 20 Jahren entstanden sind.

00:10:25.400 --> 00:10:33.600
Sarah Zerback: Wenn da jetzt ein Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht festgestellt wird,

00:10:33.600 --> 00:10:40.000
also eine dieser Instanzen, die Sie gerade genannt haben, was hat das dann für Folgen?

00:10:40.000 --> 00:10:45.300
Wolfgang Kaleck: Das ist die schwierigste Frage, weil es gibt keinen zentralen,

00:10:45.300 --> 00:10:50.100
einheitlichen Durchsetzungsmechanismus,

00:10:50.100 --> 00:10:54.700
sondern man muss tatsächlich dann von Situation zu Situation gucken.

00:10:54.700 --> 00:11:01.100
Das ist ja einer der großen Schwachpunkte des ganzen Systems des humanitären Völkerrechts,

00:11:01.100 --> 00:11:06.100
dass eben viele Situationen nur teilweise oder gar nicht abgedeckt sind

00:11:06.100 --> 00:11:10.200
und dass die Rechtsdurchsetzung sehr selektiv funktioniert.

00:11:10.200 --> 00:11:14.500
Sie haben vorhin den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag erwähnt

00:11:14.500 --> 00:11:16.700
und das ist das beste Beispiel dafür.

00:11:16.700 --> 00:11:21.400
Zwar haben das Statut 124 Staaten unterzeichnet,

00:11:21.400 --> 00:11:25.600
aber viele wichtige Staaten, drei der fünf Sicherheitsratsmitglieder,

00:11:25.600 --> 00:11:30.100
nämlich China, Russland und eben die USA, haben nicht unterzeichnet.

00:11:30.100 --> 00:11:35.600
Iran hat nicht unterzeichnet, Israel hat nicht unterzeichnet, Ägypten nicht.

00:11:35.600 --> 00:11:40.800
Also ganz viele Staaten, in denen sehr viel passiert, haben nicht unterzeichnet.

00:11:40.800 --> 00:11:44.900
Und dann gibt es nur sehr unzureichende Mechanismen,

00:11:44.900 --> 00:11:50.400
um erstmal das gerichtlich untersuchen und dann irgendwie strafverfolgen zu lassen.

00:11:50.400 --> 00:11:55.400
Und das ist das große Manko eben schon seit 75 Jahren.

00:11:55.400 --> 00:11:56.900
Sarah Zerback: Also wenn Sie jetzt das Beispiel nennen,

00:11:56.900 --> 00:12:03.600
Russland, Israel erkennt eben den Internationalen Strafgerichtshof nicht an,

00:12:03.600 --> 00:12:09.300
also da sind ja zwei der aktuellen Kriege, in denen täglich Zivilisten sterben, betroffen.

00:12:09.300 --> 00:12:13.100
Da kann dann aber zumindest der Internationale Strafgerichtshof gar nichts ausrichten

00:12:13.100 --> 00:12:16.600
oder welche Möglichkeiten greifen dann?

00:12:16.600 --> 00:12:20.900
Wolfgang Kaleck: Na ja, das Interessante ist, dass vor Februar 2022,

00:12:20.900 --> 00:12:26.100
dem Ausbruch oder dem Angriff von Russland auf die Ukraine

00:12:26.100 --> 00:12:31.400
weder einer der mächtigen Staaten noch ein westlicher Staat

00:12:31.400 --> 00:12:36.000
jemals überhaupt ins Visier des Internationalen Strafgerichtshof geraten ist,

00:12:36.000 --> 00:12:39.400
also insbesondere der Anklagebehörde,

00:12:39.400 --> 00:12:42.100
sondern am Anfang hat man sich auf afrikanische Staaten konzentriert.

00:12:42.100 --> 00:12:47.600
Das hatte eine gewisse Berechtigung, weil dort sehr viele, sehr blutige Kriege geführt wurden

00:12:47.600 --> 00:12:50.000
und viele Menschenrechtsverletzungen begangen wurden.

00:12:50.000 --> 00:12:56.400
Und weil viele der afrikanischen Staaten das Statut für den Internationalen Strafgerichtshof unterzeichnet haben.

00:12:56.400 --> 00:13:02.700
So, aber irgendwann mal wurde es peinlich, weil natürlich auch in Staaten wie zum Beispiel Kolumbien

00:13:02.700 --> 00:13:08.900
oder aber eben Israel/Palästina, die USA in Afghanistan, die Briten in Irak,

00:13:08.900 --> 00:13:14.700
da gab es sehr viele auch fundierte Vorwürfe gegen Mitgliedsstaaten,

00:13:14.700 --> 00:13:17.400
denen nicht nachgegangen wurde von Den Haag,

00:13:17.400 --> 00:13:27.500
und deswegen sind die Ermittlungen im Falle des Ukrainekrieges, auch gegen die russische Regierung

00:13:27.500 --> 00:13:32.400
und eben insbesondere die Haftbefehlsanträge im Falle von Netanjahu,

00:13:32.400 --> 00:13:39.000
dem israelischen Premier und seinem Verteidigungsminister von herausragender Bedeutung.

00:13:39.000 --> 00:13:42.100
Ich kann aber auch alle Leute verstehen, die sagen,

00:13:42.100 --> 00:13:46.800
das geht zu langsam, das hemmt das Kriegsgeschehen nicht, die machen sowieso was sie wollen.

00:13:46.800 --> 00:13:49.100
Das kann ich nachvollziehen.

00:13:49.100 --> 00:13:51.800
Ich gucke das Ganze halt durch die Brille eines internationalen Juristen an

00:13:51.800 --> 00:14:01.300
und da erkenne ich dann doch nach 25 Jahren eine Entwicklung, eine neue Dynamik und einen Fortschritt.

00:14:01.300 --> 00:14:08.000
Dass nämlich dieser Gerichtshof und seine Anklagebehörde sich ein Stück weit globalisiert haben.

00:14:08.000 --> 00:14:13.100
Sarah Zerback: Aber Herr Kaleck, das ist ja knapp einen Monat nach dem Angriff auf die Ukraine gewesen,

00:14:13.100 --> 00:14:15.800
dass der internationale Gerichtshof angeordnet hat,

00:14:15.800 --> 00:14:20.000
dass Russland den Krieg gegen die Ukraine sofort beenden muss.

00:14:20.000 --> 00:14:24.900
Das scheint ja, wie wir heute wissen, Russland nicht beeindruckt zu haben.

00:14:24.900 --> 00:14:29.100
Würden Sie so weit gehen zu sagen, dass sich Russland aus dem Völkerrecht verabschiedet hat?

00:14:29.100 --> 00:14:34.000
Wolfgang Kaleck: Soweit würde ich nicht gehen, weil die Rhetorik besagt ja was anderes.

00:14:34.000 --> 00:14:37.700
Putin und seine Leute, die sagen ja nicht,

00:14:37.700 --> 00:14:40.500
wir haben uns verabschiedet, die sagen nicht, dass das Völkerrecht nicht gilt,

00:14:40.500 --> 00:14:44.100
sondern die sagen, wir begehen keine Verstöße.

00:14:44.100 --> 00:14:49.200
So und das mag nur ein rhetorischer Unterschied sein, aber ich denke, es ist ein wichtiger.

00:14:49.200 --> 00:14:52.100
Und das Gleiche gilt natürlich auch für Israel, ja.

00:14:52.100 --> 00:14:58.900
Hamas ist nochmal was anderes, die haben sich nie zum Völkerrecht, zum humanitären Völkerrecht bekannt.

00:14:58.900 --> 00:15:03.500
Das heißt also, der Maßstab als solches wird irgendwie anerkannt.

00:15:03.500 --> 00:15:08.400
Und man darf halt eins nicht vergessen, es geht ja nicht nur um Putin

00:15:08.400 --> 00:15:16.400
oder um die kriegsführenden Parteien im Gaza-Krieg, sondern es geht auch um diejenigen,

00:15:16.400 --> 00:15:24.300
die diesen Krieg in der einen oder anderen Weise materiell unterstützen oder auch verbal unterstützen.

00:15:24.300 --> 00:15:28.400
Also, sprechen wir über die Bundesrepublik Deutschland oder sprechen wir über andere Staaten,

00:15:28.400 --> 00:15:34.800
die Waffen an Russland liefern, die Waffen an Israel oder an die Hamas liefern.

00:15:34.800 --> 00:15:41.000
Die setzen sich jetzt alle dem Risiko aus, Beihilfe zu Kriegsverbrechen zu leisten

00:15:41.000 --> 00:15:44.500
und da gibt es schon noch mal eine andere Empfindlichkeit.

00:15:44.500 --> 00:15:51.000
Also das spielt eine Rolle und überhaupt, dass dieser Maßstab an die Kriege angelegt wird,

00:15:51.000 --> 00:15:55.100
ist ja von einer ziemlich großen Bedeutung, weil ich meine,

00:15:55.100 --> 00:15:59.800
die kriegsführenden Parteien fangen mit einer bombastischen Rhetorik an,

00:15:59.800 --> 00:16:05.300
also mit Moral oder Bezug auf die Geschichte, Bezug auf dramatische Geschehnisse,

00:16:05.300 --> 00:16:10.100
wie den 07. Oktober und das lassen wir mal alles dahingestellt.

00:16:10.100 --> 00:16:14.700
Man möchte sie aber nach jedem Absatz unterbrechen und sagen,

00:16:14.700 --> 00:16:19.800
was auch immer du da machst, es muss sich innerhalb der Regeln des Völkerrechts bewegen,

00:16:19.800 --> 00:16:23.000
und die Regeln des Völkerrechts müssen eingehalten werden

00:16:23.000 --> 00:16:29.700
und das mag redundant klingen, aber es gibt einem halt auch die Möglichkeit,

00:16:29.700 --> 00:16:34.200
die Kritik an kriegsführenden Parteien zu rationalisieren, ja?

00:16:34.200 --> 00:16:37.100
Sarah Zerback: Aber da noch mal die Nachfrage, Herr Kaleck, gerade bei dem Beispiel.

00:16:37.100 --> 00:16:45.000
Also Israel wurde zitiert nach Den Haag, wurde gemahnt, da Zivilisten in Gaza zu schützen,

00:16:45.000 --> 00:16:49.800
genau natürlich wie auch die Hamas, an denen ist das direkt abgeprallt.

00:16:49.800 --> 00:16:56.000
Aber hat es was an der israelischen Kriegsführung geändert, diese Stimme aus Den Haag?

00:16:56.000 --> 00:17:00.300
Wolfgang Kaleck: Soweit wir das beurteilen können, noch nicht,

00:17:00.300 --> 00:17:05.400
aber Recht ist immer auch Kommunikation und so eine Gerichtsverhandlung

00:17:05.400 --> 00:17:11.400
und erst recht dann Entscheidungen der Gerichte sind ganz wichtige kommunikative Handlungen.

00:17:11.400 --> 00:17:18.900
So, das heißt also im Falle von Israel, geht die Botschaft auch an diejenigen Israelis

00:17:18.900 --> 00:17:23.900
und das sind ja nicht wenige, die nicht einverstanden sind mit der Regierungspolitik von Netanjahu.

00:17:23.900 --> 00:17:33.000
Erwarte ich vom Recht und von Gerichten die Lösung, erwarte ich die Beendigung von Kriegen?

00:17:33.000 --> 00:17:38.400
Nicht unbedingt, aber natürlich erwarte ich mittelfristig schon, dass sich was ändert.

00:17:38.400 --> 00:17:44.500
Sarah Zerback: Das humanitäre Völkerrecht, das verbietet ja nun eindeutig Angriffe auf Zivilpersonen oder zivile Objekte.

00:17:44.500 --> 00:17:47.100
Gleichzeitig räumt es eben auch die Möglichkeit ein,

00:17:47.100 --> 00:17:54.300
dass militärische Ziele sehr wohl angegriffen werden können und das auch zu zivilen Opfern führen kann.

00:17:54.300 --> 00:18:00.100
Das erleben wir ja auch immer wieder im Gaza-Krieg, aber auch im Libanon, bei Israels Kampf gegen die Hisbollah.

00:18:00.100 --> 00:18:03.700
Wie humanitär ist das Völkerrecht in Ihren Augen?

00:18:03.700 --> 00:18:10.000
Wolfgang Kaleck: Also, von mir aus könnte das humanitäre Völkerrecht umbenannt werden in Kriegsvölkerrecht.

00:18:10.000 --> 00:18:17.000
Also, es ist nicht humanitär zu nennen, weil und da sprechen Sie genau den richtigen Punkt an,

00:18:17.000 --> 00:18:19.700
weil es die Zivilbevölkerung nicht angemessen schützt.

00:18:19.700 --> 00:18:25.400
Und das kann man in allen kriegerischen Konflikten der letzten Jahrzehnte sehen.

00:18:25.400 --> 00:18:30.700
Also mit der Zunahme von Konflikten, die nicht zwischen Staaten geführt werden,

00:18:30.700 --> 00:18:33.900
sondern mit der Zunahme von hybriden Kriegen,

00:18:33.900 --> 00:18:37.700
also wo mindestens ein nichtstaatlicher Akteur beteiligt ist,

00:18:37.700 --> 00:18:43.300
ist erstmal die Unterscheidung zwischen Kombattanten Zivilisten schwierig geworden.

00:18:43.300 --> 00:18:45.800
Das ist die eine Geschichte und die andere Geschichte ist,

00:18:45.800 --> 00:18:51.700
dass selbst wenn man es unterscheiden kann, halt unmögliche Rechnungen angestellt werden.

00:18:51.700 --> 00:19:00.300
Also dann hast du halt einen militärischen Führer von welchem Rang auch immer, also das ist ja alles nicht definiert.

00:19:00.300 --> 00:19:10.200
Ab wann ist jemand so relevant, dass es rechtfertigt, zehn Zivilisten oder 20 oder 50 umzubringen und diese Fälle gibt es ja.

00:19:10.200 --> 00:19:12.600
Sarah Zerback: Und die Frage nach den Sanktionsmöglichkeiten,

00:19:12.600 --> 00:19:15.800
die Sie ja auch schon angesprochen haben, die ist da ja auch ganz zentral.

00:19:15.800 --> 00:19:21.700
Also man fragt sich ja, wie oft man diese Verstöße noch anprangern kann international,

00:19:21.700 --> 00:19:26.000
und das dann eben nicht sanktioniert wird und dann teilweise eben doch so weitergeht,

00:19:26.000 --> 00:19:30.300
bis eben das Gefühl vielleicht auch einer Ohnmacht sich so vergrößert,

00:19:30.300 --> 00:19:34.700
dass es dann auch öffentlich in so eine Art von Fatalismus kippt.

00:19:34.700 --> 00:19:36.100
Wolfgang Kaleck: Sie haben vollkommen Recht.

00:19:36.100 --> 00:19:38.300
Das ist eine ganz zentrale Frage.

00:19:38.300 --> 00:19:40.900
Und ich glaube, das ist aber auch der Grund,

00:19:40.900 --> 00:19:49.100
warum der Internationale Gerichtshof diese sehr weltweit beachtete öffentliche Verhandlung im Januar,

00:19:49.100 --> 00:19:52.200
Südafrika gegen Israel, durchgeführt hat.

00:19:52.200 --> 00:19:56.000
Das ist der Grund für die immer klarer werdenden Ansagen,

00:19:56.000 --> 00:19:59.300
dass Israel die Zivilbevölkerung schützen soll

00:19:59.300 --> 00:20:03.400
und auch der tiefere Grund hinter den Haftbefehlsanträgen.

00:20:03.400 --> 00:20:07.600
Ich glaube, diese Institutionen in Den Haag sind sich sehr wohl bewusst darüber,

00:20:07.600 --> 00:20:14.600
dass die halbe Welt dabei zuschaut, wie jetzt das Völkerrecht auch auf,

00:20:14.600 --> 00:20:19.800
ja, einen wichtigen Verbündeten des Westens angewandt wird.

00:20:19.800 --> 00:20:22.400
Und da sind die Erwartungen hoch.

00:20:22.400 --> 00:20:31.600
Und deswegen ist zu befürchten, dass die Hoffnung, die der südafrikanische Fall auf jeden Fall geweckt hat,

00:20:31.600 --> 00:20:36.500
dass die so brutal enttäuscht werden, dass in der Tat viele Leute sagen,

00:20:36.500 --> 00:20:38.600
es macht ja sowieso keinen Sinn.

00:20:38.600 --> 00:20:43.100
Ich glaube aber, das ist den Beteiligten sehr wohl bewusst.

00:20:43.100 --> 00:20:46.800
Die Frage ist halt, ob es der Politik so bewusst ist.

00:20:46.800 --> 00:20:53.600
Und wir reden ja nur über einen Ausschnitt von internationalem Recht und von Völkerrecht.

00:20:53.600 --> 00:21:00.600
Wir haben vor Ukraine und vor Gaza zwei andere, ich sage mal, dramatische Situationen zu verzeichnen.

00:21:00.600 --> 00:21:02.800
Das eine war die Coronapandemie

00:21:02.800 --> 00:21:07.400
und das andere ist die sich ständig verschlechternde Klimalage

00:21:07.400 --> 00:21:12.000
und da ist ja unbedingt notwendig, dass die Staaten zusammenarbeiten

00:21:12.000 --> 00:21:17.600
und wenn dann das System des internationalen Rechts, des Völkerrechts so geschwächt wird,

00:21:17.600 --> 00:21:23.000
dass niemand mehr darauf vertraut, dann hat es Folgen für alle globalen Probleme

00:21:23.000 --> 00:21:25.200
und nicht nur für diese Kriegssituationen.

00:21:25.200 --> 00:21:29.800
Sarah Zerback: Die Signalwirkung, die Sie ansprechen, die ist natürlich auch ganz wichtig.

00:21:29.800 --> 00:21:33.100
Lassen Sie uns vielleicht noch mal auf einen der sehr wichtigen Fälle schauen,

00:21:33.100 --> 00:21:37.000
bei denen Sie selber auch ganz vorne mit dabei waren

00:21:37.000 --> 00:21:40.700
und zwar haben sie ja in dem Prozess die Folteropfer unterstützt,

00:21:40.700 --> 00:21:45.900
von 2020 bis 2022 vor dem Oberlandesgericht Koblenz,

00:21:45.900 --> 00:21:50.500
als es weltweit den ersten Prozess zur Staatsfolter in Syrien gab,

00:21:50.500 --> 00:21:55.900
der wurde dort verhandelt gegen zwei ehemaligen Mitarbeiter des syrischen Geheimdienstes.

00:21:55.900 --> 00:21:59.700
Und am Ende wurde auch ein Syrer deswegen schuldig gesprochen,

00:21:59.700 --> 00:22:03.000
wegen Folter von mindestens 4000 Menschen.

00:22:03.000 --> 00:22:05.100
Es gab da eine lebenslange Freiheitsstrafe.

00:22:05.100 --> 00:22:11.200
Jetzt rückblickend, Jahre später, wie bewerten Sie dieses Urteil in dem Prozess?

00:22:11.200 --> 00:22:15.400
Wolfgang Kaleck: Nach wie vor als sehr wichtig und zwar einerseits als Signal,

00:22:15.400 --> 00:22:24.700
aber andererseits halt auch als ein Meilenstein in dem Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit,

00:22:24.700 --> 00:22:29.300
in dem Streben nach der Aufarbeitung der syrischen Staatsverbrechen.

00:22:29.300 --> 00:22:34.600
Und das Wichtige ist, dass man halt nicht in dieser Rhetorik verhaften bleibt,

00:22:34.600 --> 00:22:39.000
also da ist jetzt Gerechtigkeit geschehen, nein, ist es nicht.

00:22:39.000 --> 00:22:48.200
Also da sind zwei, ein Folterer mittleren und einer von niedrigem Rang abgeurteilt worden, das reicht natürlich nicht.

00:22:48.200 --> 00:22:53.300
Aber es würde auch nicht reichen, wenn man zehn oder wenn man hundert von denen verurteilen würde.

00:22:53.300 --> 00:22:56.500
Die Frage ist, nimmt man sich dieses Themas an?

00:22:56.500 --> 00:23:01.600
Die Menschen, die zu Tode gefoltert wurden, aber auch die, die überlebt haben,

00:23:01.600 --> 00:23:06.200
die Familien sind ein Leben lang beschädigt, die Gesellschaft ist beschädigt.

00:23:06.200 --> 00:23:08.400
Der Schaden ist nicht wieder gutzumachen.

00:23:08.400 --> 00:23:12.700
Aber was gemacht werden kann, man kann mit einer bewussten Haltung drangehen

00:23:12.700 --> 00:23:15.700
und man kann sich klarmachen, eine Gesellschaft, in der sowas passiert,

00:23:15.700 --> 00:23:20.500
hat keine demokratische und rechtsstaatliche Zukunft.

00:23:20.500 --> 00:23:26.700
Also zur Sicherung von Demokratie und Rechtsstaat ist die Aufarbeitung solcher Verbrechen notwendig.

00:23:26.700 --> 00:23:29.600
Und das bedarf eines langen Atems.

00:23:29.600 --> 00:23:31.800
Ja, und das muss man halt auch vermitteln.

00:23:31.800 --> 00:23:37.700
Also man darf nicht sozusagen Strohfeuer anzünden und sagen, jetzt ist irgendwie alles gerecht.

00:23:37.700 --> 00:23:39.400
Nein, ist es nicht.

00:23:39.400 --> 00:23:45.900
Und das Interessante ist, genau das sagen ja auch die Vertreter der syrischen Zivilgesellschaft,

00:23:45.900 --> 00:23:48.600
insbesondere die, die in dem Prozess selber beteiligt werden.

00:23:48.600 --> 00:23:53.200
Die sagen, es ist so wichtig, dass Rechtsstaaten sich dieses Themas annehmen,

00:23:53.200 --> 00:23:56.500
dass es so eine Verhandlung wie die in Koblenz gegeben hat.

00:23:56.500 --> 00:24:04.000
Sarah Zerback: Wobei auch dort ja die höchsten Verantwortlichen des syrischen Unterdrückungssystems nicht vor Gericht standen.

00:24:04.000 --> 00:24:06.500
Also Koblenz war nicht Nürnberg.

00:24:06.500 --> 00:24:10.600
Wolfgang Kaleck: Na ja, Nürnberg, also die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse,

00:24:10.600 --> 00:24:14.900
die von den Alliierten Siegern des Krieges durchgeführt wurden,

00:24:14.900 --> 00:24:20.500
waren natürlich deswegen relativ erfolgreich, weil Deutschland besetzt wurde

00:24:20.500 --> 00:24:24.500
und man vieler Täter habhaft werden konnte.

00:24:24.500 --> 00:24:29.200
So und in Syrien gibt es aber eine Kontinuität des verbrecherischen Regimes,

00:24:29.200 --> 00:24:31.200
wie auch in anderen Ländern auch.

00:24:31.200 --> 00:24:39.100
Das heißt also, Prozesse sind nur dann möglich, wenn die wichtigen Figuren ausreisen.

00:24:39.100 --> 00:24:44.100
Und dafür gibt es natürlich auch Beispiele, also der Fall Augusto Pinochet,

00:24:44.100 --> 00:24:48.700
des ehemaligen Diktators von Chile, 1998 in London verhaftet,

00:24:48.700 --> 00:24:52.800
der ist irgendwie davon ausgegangen, dass er unverwundbar ist

00:24:52.800 --> 00:24:57.100
und ist dann nach London, um Waffengeschäfte zu betreiben

00:24:57.100 --> 00:25:00.800
und da war er schon nicht mehr im Amt, und da hat es ihn erwischt.

00:25:00.800 --> 00:25:04.500
Ja, und das ist sozusagen die Botschaft und die Botschaft kommt an.

00:25:04.500 --> 00:25:09.300
Also die wissen auch, auch die syrischen hohen Verdächtigen,

00:25:09.300 --> 00:25:14.800
also die Direktoren der im hohen Maße verbrecherischen Geheimdienste.

00:25:14.800 --> 00:25:18.000
Die wissen, dass sie in bestimmte Länder nicht fahren können.

00:25:18.000 --> 00:25:21.300
Sarah Zerback: Aber aktuelles Beispiel ist ja zum Beispiel Wladimir Putin.

00:25:21.300 --> 00:25:25.700
Der reist immer noch durch die Welt, nicht ganz uneingeschränkt, das stimmt, aber…

00:25:25.700 --> 00:25:32.200
Kaelck: Nein, der reist in die Mongolei, aber der konnte nicht zum BRICS-Gipfel nach Südafrika reisen

00:25:32.200 --> 00:25:37.800
und er kann vor allem in kein anderes osteuropäisches und auch kein westeuropäisches Land,

00:25:37.800 --> 00:25:42.100
weil er da jederzeit befürchten müsste, dass er festgenommen wird.

00:25:42.100 --> 00:25:48.400
Der weiß nicht, ob es ihm in Lateinamerika oder in vielen afrikanischen Staaten genauso gehen würde

00:25:48.400 --> 00:25:52.100
und diese Unsicherheit ist zum einen natürlich bedauerlich,

00:25:52.100 --> 00:25:57.800
weil wir uns wünschten, dass so ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshof vollstreckt wird

00:25:57.800 --> 00:26:03.000
und zwar von allen Vertragsstaaten, aber von allen anderen Staaten logischerweise auch,

00:26:03.000 --> 00:26:09.400
aber die Unsicherheit darüber, wo was passiert, die betrifft ja auch die Täterseite

00:26:09.400 --> 00:26:12.000
und dann wird es spannend, ja, dann wird es spannend

00:26:12.000 --> 00:26:15.500
und dann hören wir aus gut informierten Kreisen,

00:26:15.500 --> 00:26:22.300
dass halt viele Täter-Communities besorgt fragen, können wir in dieses Land fahren,

00:26:22.300 --> 00:26:25.100
können wir in das Land fahren, droht uns Gefahr?

00:26:25.100 --> 00:26:27.000
Ist es das, was wir wollen?

00:26:27.000 --> 00:26:31.300
Nein, wir wollen, dass nicht gefoltert wird und dass keine Menschen massakriert werden, logisch.

00:26:31.300 --> 00:26:36.800
Aber es ist ein Schritt voran und es muss schneller gehen, es muss mehr passieren,

00:26:36.800 --> 00:26:42.000
das ohne jeden Zweifel, aber niemand sagt, dass wir bei dem jetzigen Zustand stehen bleiben sollten.

00:26:42.000 --> 00:26:46.300
Sarah Zerback: Herr Kaleck, die Liste der Kriegsverbrechen auch,

00:26:46.300 --> 00:26:52.700
die jetzt hier in unserem Gespräch genannt wurden, Folter, Mord, Verletzung der Menschenwürde,

00:26:52.700 --> 00:26:58.200
beim Blick von Russland in der Ukraine, Hamas, Israel, haben wir alles genannt.

00:26:58.200 --> 00:27:00.100
Syrien war auch ein Beispiel.

00:27:00.100 --> 00:27:04.700
Wenn man das alles hört, gibt es überhaupt einen Krieg ohne Kriegsverbrechen?

00:27:04.700 --> 00:27:09.400
Wolfgang Kaleck: Weiß ich nicht, stellen Sie die Frage mal einem Historiker.

00:27:09.400 --> 00:27:12.600
Also ich frage mich das auch.

00:27:12.600 --> 00:27:16.600
Wahrscheinlich ist es so, dass Kriege dazu neigen, entgrenzt zu werden.

00:27:16.600 --> 00:27:22.000
Und dass der Unterschied halt zum Alltagsleben der ist,

00:27:22.000 --> 00:27:28.300
dass halt den Soldaten erlaubt wird, zu töten und dass wenn man einmal gesagt bekommt,

00:27:28.300 --> 00:27:31.600
dass man töten kann und wenn man einmal getötet hat,

00:27:31.600 --> 00:27:34.200
dass es halt eine negative Dynamik ausgelöst hat.

00:27:34.200 --> 00:27:36.200
Und ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen.

00:27:36.200 --> 00:27:39.300
Wir reden ja nicht nur über Tötungen und über Folter,

00:27:39.300 --> 00:27:42.000
wir hätten auch über sexualisierte Gewalt zu reden,

00:27:42.000 --> 00:27:45.700
weil auch das passiert ja in praktisch allen genannten

00:27:45.700 --> 00:27:51.500
und noch viel mehr ungenannten Konflikten, Vergewaltigung als Kriegswaffe,

00:27:51.500 --> 00:27:55.900
zur Brechung von Widerstand und zwar eben nicht nur gegen Frauen,

00:27:55.900 --> 00:27:59.200
aber vor allem gegen Frauen, aber auch gegen Männer und gegen Jugendliche.

00:27:59.200 --> 00:28:04.200
Auch das passiert überall und das zwingt einen dazu,

00:28:04.200 --> 00:28:07.800
eine grundsätzliche Antikriegshaltung irgendwie einzunehmen.

00:28:07.800 --> 00:28:11.300
Wir dürfen es nicht so weit kommen lassen, dass Kriege geführt werden,

00:28:11.300 --> 00:28:15.900
aber na, wenn wir beide zu dem Schluss kommen, ist es gut und schön.

00:28:15.900 --> 00:28:20.200
Die Botschaft müsste sich an andere richten.

00:28:20.200 --> 00:28:23.400
Sarah Zerback: Vergewaltigung als Kriegswaffe, sexualisierte Gewalt,

00:28:23.400 --> 00:28:28.400
natürlich findet das gegenüber allen Menschengruppen statt

00:28:28.400 --> 00:28:31.900
und doch spielt ja Geschlecht auch eine große Rolle dabei,

00:28:31.900 --> 00:28:35.800
wie jemand einen bewaffneten Konflikt, einen Krieg erlebt

00:28:35.800 --> 00:28:41.200
und Frauen und Mädchen haben dann insbesondere unter struktureller Gewalt zu leiden.

00:28:41.200 --> 00:28:43.200
Auch das weiß man ja.

00:28:43.200 --> 00:28:46.500
Wird das im humanitären Völkerrecht berücksichtigt?

00:28:46.500 --> 00:28:56.700
Wolfgang Kaleck: Ja und nein, also man muss zunächst mal einen Fortschritt in den internationalen Verträgen feststellen.

00:28:56.700 --> 00:29:01.200
Also, es ist ein Thema geworden seit den 1990er Jahren.

00:29:01.200 --> 00:29:10.100
Ich erinnere nur an die Zwangsprostitution in Südostasien, durch die Japaner im Zweiten Weltkrieg.

00:29:10.100 --> 00:29:16.600
Das war Jahrzehnte lang ein Tabuthema, das wurde verschwiegen und dann haben sich die Frauen organisiert.

00:29:16.600 --> 00:29:23.500
Und unter anderem ihr Einsatz hat dazu geführt, also der Einsatz von philippinischen Frauen,

00:29:23.500 --> 00:29:29.400
von koreanischen Frauen, aber auch die Aufarbeitung der jugoslawischen Kriegsverbrechen,

00:29:29.400 --> 00:29:37.500
das hat dazu geführt, dass robuste Vorschriften in alle neueren internationalen Verträge,

00:29:37.500 --> 00:29:42.400
wie zum Beispiel internationalen Strafgerichtshofstatut, eingegangen sind

00:29:42.400 --> 00:29:45.200
und das ist zumindest schon mal ein Fortschritt.

00:29:45.200 --> 00:29:51.700
Aber ansonsten stellen wir natürlich was ähnliches fest, wie schon während unseres ganzen Gespräches,

00:29:51.700 --> 00:29:57.300
es gibt einen Vollzugsdefizit und das ist leider bei sexualisierter Gewalt noch größer,

00:29:57.300 --> 00:30:03.500
weil viele Staatsanwälte, Staatsanwaltschaften halt denken, na ja,

00:30:03.500 --> 00:30:09.400
bei einem Mord haben wir eine Leiche, da ist der Nachweis der Tat vielleicht leichter anzutreten

00:30:09.400 --> 00:30:13.300
als in den Fällen von sexualisierter Gewalt.

00:30:13.300 --> 00:30:19.500
Und da ist auch noch eine Menge an, ich sag mal, Erziehungsarbeit zu leisten,

00:30:19.500 --> 00:30:23.000
also sowohl bei Staatsanwaltschaften als bei Gerichten,

00:30:23.000 --> 00:30:26.300
aber natürlich auch in den jeweiligen Gesellschaften.

00:30:26.300 --> 00:30:32.300
Also da ist ein noch größerer Nachholbedarf, weil wie Sie zu Recht sagen,

00:30:32.300 --> 00:30:36.900
Frauen und Mädchen in mehrfacher Hinsicht unterdrückt werden.

00:30:36.900 --> 00:30:40.700
Sarah Zerback: Wo wären wir ohne humanitäres Völkerrecht heute, Herr Kaleck?

00:30:40.700 --> 00:30:46.700
Wolfgang Kaleck: Spekulationen sind nicht meine Sache, aber auf der Habenseite steht natürlich erstens,

00:30:46.700 --> 00:30:51.400
dass immerhin im großen Umfang Gefangenenaustausch stattfindet

00:30:51.400 --> 00:30:56.500
und das wird leider als positive Nachricht viel zu wenig vermeldet.

00:30:56.500 --> 00:31:01.300
Aktuell zwischen Russland und der Ukraine und das ist mal positiv zu vermelden.

00:31:01.300 --> 00:31:06.900
Und das andere ist, mit dem humanitären Völkerrecht wird eine Messlatte, ein Standard,

00:31:06.900 --> 00:31:12.400
ein rationaler Standard geschaffen, die es den Staaten verunmöglicht,

00:31:12.400 --> 00:31:16.600
mit der Entschuldigung davon zu kommen, ja, wir handeln ja völkerrechtsmäßig

00:31:16.600 --> 00:31:19.300
und hin und wieder kommt es zu Exzessen.

00:31:19.300 --> 00:31:22.900
Nein, wir können jetzt genau untersuchen, die Tatsachen werden aufgeklärt

00:31:22.900 --> 00:31:29.000
und dann gibt es eine mittlerweile durch die internationalen Gerichtshöfe eine Rechtsprechung,

00:31:29.000 --> 00:31:33.700
die gut nachvollziehbar ist und das sind zwei Fortschritte.

00:31:33.700 --> 00:31:37.200
Ist es ausreichend? Nein. Wollen wir mehr? Ja.

00:31:37.200 --> 00:31:40.300
Sarah Zerback: Wolfgang Kaleck, vielen Dank für Ihre Zeit und für das Gespräch.

00:31:40.300 --> 00:31:42.400
Wolfgang Kaleck: Danke Ihnen, tschüss.

00:31:42.400 --> 00:31:44.000
Sarah Zerback: Eins noch kurz zur Transparenz.

00:31:44.000 --> 00:31:49.500
Wolfgang Kaleck hat im Interview ja von den Haftbefehlsanträgen des internationalen Gerichtshofs gegen Benjamin Netanyahu

00:31:49.500 --> 00:31:52.300
und gegen seinen ehemaligen Verteidigungsminister gesprochen.

00:31:52.300 --> 00:31:58.300
Am 21.11. hat das Gericht diesen Anträgen zugestimmt und die Haftbefehle erlassen.

00:31:58.300 --> 00:32:00.900
Das Gespräch hatten wir zu dem Zeitpunkt aber schon geführt.

00:32:00.900 --> 00:32:03.500
*Musik*

00:32:03.500 --> 00:32:08.200
Heike Krieger: Die Frage nach Anspruch und Wirklichkeit des humanitären Völkerrechts

00:32:08.200 --> 00:32:12.100
drängt sich im Moment, glaube ich, in ganz besonderer Weise auf.

00:32:12.100 --> 00:32:17.400
Wir schauen in die Konflikte in der Ukraine oder in die Konflikte im Nahen Osten

00:32:17.400 --> 00:32:23.400
und sehen erhebliche Verletzungen humanitär völkerrechtlicher Regeln.

00:32:23.400 --> 00:32:29.800
Wir sehen aber auch einfach großes menschliches Leiden im Zusammenhang mit den bewaffneten Konflikten.

00:32:29.800 --> 00:32:35.800
Sarah Zerback: Das sagt Heike Krieger, Professorin für Öffentliches Recht und Völkerrecht an der Freien Universität Berlin.

00:32:35.800 --> 00:32:40.200
Wir haben sie gefragt, warum zwischen Anspruch und Wirklichkeit des humanitären Völkerrechts

00:32:40.200 --> 00:32:44.700
so eine große Lücke klafft und wie sie sich eventuell schließen ließe.

00:32:44.700 --> 00:32:46.600
So wie Wolfgang Kaleck ist sie der Ansicht,

00:32:46.600 --> 00:32:51.600
dass sich das humanitäre Völkerrecht weiterentwickeln muss, um Menschen besser zu schützen.

00:32:51.600 --> 00:32:54.500
Sie sieht ein grundlegendes Dilemma.

00:32:54.500 --> 00:32:59.500
Heike Krieger: Der Grundkonflikt ist der Konflikt, dass es eben einerseits überhaupt akzeptieren muss,

00:32:59.500 --> 00:33:03.600
dass Kriege eine soziale Wirklichkeit sind, dass es Kriege gibt

00:33:03.600 --> 00:33:07.000
und Krieg eben zu menschlichem Leid führt und andererseits versucht,

00:33:07.000 --> 00:33:13.300
dieses Leid so gering wie möglich zu halten, einzugrenzen und Grenzen aufzuzeigen.

00:33:13.300 --> 00:33:17.300
Aber wenn das humanitäre Völkerrecht Anreizstrukturen entfalten soll,

00:33:17.300 --> 00:33:21.100
die es Staaten und dem Militär möglich machen, es zu befolgen,

00:33:21.100 --> 00:33:25.300
muss es eben auch einen Raum geben für diese staatlichen Interessen,

00:33:25.300 --> 00:33:28.700
und da die richtige Balance herzustellen ist eben sehr schwierig.

00:33:28.700 --> 00:33:33.500
Sarah Zerback: Das humanitäre Völkerrecht basiert darauf, dass Staaten es gemeinsam anerkennen.

00:33:33.500 --> 00:33:38.800
Gleichzeitig haben Staaten ein Interesse daran, ihre Handlungsmöglichkeiten möglichst wenig einzuschränken.

00:33:38.800 --> 00:33:42.500
Das macht es ziemlich kompliziert, das humanitäre Völkerrecht weiterzuentwickeln,

00:33:42.500 --> 00:33:45.400
denn auch dafür muss man sich ja einigen.

00:33:45.400 --> 00:33:48.700
Heike Krieger: Es hat ja immer wieder Phasen gegeben, in denen das möglich war,

00:33:48.700 --> 00:33:53.400
insbesondere eben nach großen Kriegen und das bedingt ja auch diesen Satz,

00:33:53.400 --> 00:33:56.200
„das humanitäre Völkerrecht hinkt immer einen Krieg hinterher“.

00:33:56.200 --> 00:34:00.300
Nach den Kriegen ist oft auch der, ich glaube, auch der moralische Impetus

00:34:00.300 --> 00:34:03.400
und der politische Wille da, die Dinge zu verbessern.

00:34:03.400 --> 00:34:06.800
Große Kodifizierungsprozesse eben nach dem Zweiten Weltkrieg,

00:34:06.800 --> 00:34:10.800
die andere große Welle nach den Dekolonisierungskriegen 1977

00:34:10.800 --> 00:34:14.200
mit den beiden Zusatzprotokollen zu den Genfer Konventionen.

00:34:14.200 --> 00:34:17.300
Im Moment kommt noch erschwerend hinzu,

00:34:17.300 --> 00:34:20.700
dass eben die geopolitischen Umbrüche in der Staatenwelt

00:34:20.700 --> 00:34:26.700
und die starke Polarisierung zwischen den USA einerseits, Russland, China auf der anderen Seite,

00:34:26.700 --> 00:34:32.000
es eben noch schwerer machen, gerade bei den Großmächten einen Konsens herzustellen.

00:34:32.000 --> 00:34:36.700
Sarah Zerback: Dabei findet Heike Krieger, dass es dringend nötig ist, das humanitäre Völkerrecht weiterzuentwickeln.

00:34:36.700 --> 00:34:40.600
Allein schon weil sich die Waffen technisch rasend schnell weiterentwickeln

00:34:40.600 --> 00:34:45.200
und Krieg zunehmend auch hybrid geführt wird, im Cyberspace.

00:34:45.200 --> 00:34:51.900
Heike Krieger: Im Cyberspace ist das Problem, das schon die Steuerungsfähigkeit des Rechts sehr herausfordert,

00:34:51.900 --> 00:34:57.900
der Umstand, dass es sehr schwierig ist, zwischen militärischen und zivilen Zielen zu unterscheiden,

00:34:57.900 --> 00:35:02.400
weil im Cyberspace diese ganzen Infrastrukturen, die da genutzt werden,

00:35:02.400 --> 00:35:07.300
eben sowohl für zivile Zwecke dienen als dann eben auch für militärische Zwecke genutzt werden

00:35:07.300 --> 00:35:10.000
oder auch aus militärischem Kontexten entwickelt sind

00:35:10.000 --> 00:35:12.300
und dann im zivilen Bereich eingesetzt werden,

00:35:12.300 --> 00:35:17.700
sodass es eben zum einen sehr, sehr schwierig ist überhaupt diese Abgrenzung zu treffen.

00:35:17.700 --> 00:35:22.900
Sarah Zerback: Oder überhaupt zu bewerten, welche Schäden Cyberangriffe in der analogen Welt anrichten

00:35:22.900 --> 00:35:24.100
und wer dafür verantwortlich ist.

00:35:24.100 --> 00:35:27.800
Heike Krieger: Wenn beispielsweise ein Angriff über den Cyber-Space geleitet wird,

00:35:27.800 --> 00:35:31.500
der dazu führen würde, dass ein Atomkraftwerk in die Luft gesprengt wird,

00:35:31.500 --> 00:35:35.600
dann hätte man ja eine sehr klare Manifestation in der tatsächlichen Welt

00:35:35.600 --> 00:35:38.200
und kann diese Analogie eigentlich sehr gut herstellen.

00:35:38.200 --> 00:35:40.100
Das ist ja gar nicht weit gegriffen.

00:35:40.100 --> 00:35:45.500
Wenn man jetzt aber andererseits überlegt, dass bestimmte Angriffe auf die Börse oder auf Parlamente,

00:35:45.500 --> 00:35:50.400
ob diese Angriffe dann zum Beispiel hinreichend sind,

00:35:50.400 --> 00:35:53.900
um überhaupt in diese Kriegsmetaphorik oder überhaupt in einem bewaffneten Konflikt zu fallen,

00:35:53.900 --> 00:35:57.400
das ist dann eben zum Beispiel die andere Frage.

00:35:57.400 --> 00:36:03.000
Und eine große Frage, die sich sozusagen für alle rechtliche Regelungen in diesem Bereich stellt,

00:36:03.000 --> 00:36:05.500
ist auch die Frage der Zurechnung.

00:36:05.500 --> 00:36:08.300
Also, wie kann ich Zurechnung herstellen,

00:36:08.300 --> 00:36:13.000
wenn oftmals diese Angriffe über verschiedene lange Serverketten geführt werden,

00:36:13.000 --> 00:36:15.300
wenn IP-Adressen gefälscht werden können.

00:36:15.300 --> 00:36:18.200
Wenn nicht ganz klar ist, ob ein Angriff wirklich aus China kommt

00:36:18.200 --> 00:36:20.700
oder aus Russland kommt oder irgendwo herkommt.

00:36:20.700 --> 00:36:23.300
Sarah Zerback: Auch der Umgang mit KI-gestützten Waffensystemen

00:36:23.300 --> 00:36:28.000
in kriegerischen Auseinandersetzungen ist eine Frage, die immer dringender wird.

00:36:28.000 --> 00:36:33.300
Es ist unklar, wie die menschliche Verantwortung beim Einsatz solcher Waffensysteme rechtlich berücksichtigt werden kann.

00:36:33.300 --> 00:36:38.200
Ob das derzeitige Recht ausreichend ist, da sind die Staaten verschiedener Meinung.

00:36:38.200 --> 00:36:41.800
Heike Krieger findet, es braucht noch eine andere Weiterentwicklung.

00:36:41.800 --> 00:36:44.200
Mehr Transparenz im Kriegsgeschehen.

00:36:44.200 --> 00:36:48.200
Denn sonst kann das humanitäre Völkerrecht immer erst im Nachhinein greifen

00:36:48.200 --> 00:36:52.400
und die Menschen in kriegerischen Auseinandersetzungen nicht akut schützen.

00:36:52.400 --> 00:36:59.100
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, kurz IKRK, hat dafür bereits Vorschläge gemacht.

00:36:59.100 --> 00:37:03.200
Heike Krieger: In vielen Fällen ist ja die Tatsachensituation sehr unklar.

00:37:03.200 --> 00:37:08.200
Quellen werden bestritten, was die UN berichtet, was UN-Sonderberichterstatter berichten,

00:37:08.200 --> 00:37:12.200
wird nicht unbestritten hingenommen jedenfalls.

00:37:12.200 --> 00:37:16.200
Auch die Berichte des IKRKs werden durchaus von manchen Akteuren bezweifelt,

00:37:16.200 --> 00:37:21.500
sodass es so eine Tendenz gibt zu sagen, ach, eigentlich können wir das alles erst beurteilen,

00:37:21.500 --> 00:37:26.600
wenn der Konflikt abgeschlossen ist und wir dann nachträglich überprüfen können und die Fakten erarbeiten.

00:37:26.600 --> 00:37:30.300
Aber das ist so eine Perspektive, die kommt dann aus dem Völkerstrafrecht,

00:37:30.300 --> 00:37:34.300
wo man dann eben rückwirkend schaut und rückwirkend versucht,

00:37:34.300 --> 00:37:37.400
den Konflikt aufzuarbeiten und Verantwortung herzustellen.

00:37:37.400 --> 00:37:40.400
Aber wenn wir uns wirklich auf eine Position berufen, die sagt,

00:37:40.400 --> 00:37:44.900
wir können während des laufenden Konfliktes gar nicht die Tatsachenlage richtig erkennen,

00:37:44.900 --> 00:37:48.900
dann verliert das humanitäre Völkerrecht natürlich wirklich seine Steuerungswirkung,

00:37:48.900 --> 00:37:52.000
weil niemand mehr von außen irgendwie kontrollieren konnte,

00:37:52.000 --> 00:37:55.700
wie die Situation zu beurteilen ist und was da passiert.

00:37:55.700 --> 00:38:01.300
Deswegen hat das IKRK auch schon vor längerer Zeit einen Prozess angestoßen,

00:38:01.300 --> 00:38:05.500
der noch nicht mal rechtlich verbindlich sein sollte, sondern eher so ein Beratungsprozess,

00:38:05.500 --> 00:38:11.400
in dem Staaten zusammenkommen und dann eben einfach auch über schwere Konfliktlagen informieren,

00:38:11.400 --> 00:38:14.900
Fakten zusammentragen, es eine Berichtspflicht gibt.

00:38:14.900 --> 00:38:17.800
Aber selbst das sozusagen in Form einer Resolution zu gießen,

00:38:17.800 --> 00:38:21.000
hat zu dem Zeitpunkt nicht die Mehrheit der Staatenwelt gefunden.

00:38:21.000 --> 00:38:25.600
Sarah Zerback: Das alles zeigt, wie schwierig es ist, das humanitäre Völkerrecht weiterzuentwickeln.

00:38:25.600 --> 00:38:30.200
Und genau deshalb ist es wichtig, dass neben den Staaten auch andere Akteure eine Rolle spielen.

00:38:30.200 --> 00:38:36.900
Das sind zum Beispiel nationale Gerichte, Stellungnahmen von Expertinnen und Experten oder auch NGOs.

00:38:36.900 --> 00:38:39.200
Das Europäische Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte,

00:38:39.200 --> 00:38:43.500
das Wolfgang Kaleck gegründet hat, ist auch ein gutes Beispiel dafür.

00:38:43.500 --> 00:38:48.800
Sie können den Diskurs darüber, wie Staaten im Krieg agieren, zumindest beeinflussen.

00:38:48.800 --> 00:38:54.000
Trotzdem bleibt die Schwierigkeit, dass es kein zentrales Rechtsdurchsetzungsorgan gibt,

00:38:54.000 --> 00:38:58.000
das das humanitäre Völkerrecht für alle Staaten verbindlich auslegt.

00:38:58.000 --> 00:39:01.300
Darum muss man sich auch hier auf den Konsens verlassen

00:39:01.300 --> 00:39:05.800
Heike Krieger: Es ist schon die Idee, dass wenn humanitäres Völkerrecht eingehalten wird von der einen Seite,

00:39:05.800 --> 00:39:09.000
eben auch die andere Seite diese Regeln befolgt

00:39:09.000 --> 00:39:14.600
und dass damit ein Konflikt eben nicht wirklich in einen totalen Krieg ausartet,

00:39:14.600 --> 00:39:17.300
so wie man es im Zweiten Weltkrieg gesehen hat,

00:39:17.300 --> 00:39:21.200
sondern dass man versucht eben, diese auch eskalatorischen Wirkungen,

00:39:21.200 --> 00:39:25.100
die ja aus erheblichen Verletzungen des humanitären Völkerrechts resultieren können,

00:39:25.100 --> 00:39:29.600
dass man die wieder versucht einzufangen, indem man doch eben die Rechtsbefolgung einfordert.

00:39:29.600 --> 00:39:35.500
Es können Motive sein von Angst vor Sanktionen der einzelnen Akteure,

00:39:35.500 --> 00:39:38.600
die eben doch befürchten müssen, dass sie sanktioniert werden,

00:39:38.600 --> 00:39:43.400
etwa eben durch internationale oder auch nationale Strafgerichtsbarkeit

00:39:43.400 --> 00:39:45.800
und so ein bisschen gibt es immer auch die Hoffnung,

00:39:45.800 --> 00:39:51.200
dass Akteure diese Regeln befolgen, weil sie eben ihre inhärente Notwendigkeit anerkennen,

00:39:51.200 --> 00:39:54.100
weil sie ihre moralische Bedeutung anerkennen,

00:39:54.100 --> 00:39:57.500
aber die gegenwärtigen Konflikte geben natürlich nicht viel Hoffnung,

00:39:57.500 --> 00:40:00.400
dass diese Steuerungsmechanismen gut funktionieren.

00:40:00.400 --> 00:40:03.500
*Musik*

00:40:03.500 --> 00:40:05.200
Sarah Zerback: Was wir also mitnehmen können

00:40:05.200 --> 00:40:09.100
1. Das Wort „humanitär“ täuscht darüber hinweg,

00:40:09.100 --> 00:40:13.100
dass das humanitäre Völkerrecht eigentlich ein recht grausames Recht ist,

00:40:13.100 --> 00:40:17.800
denn es akzeptiert und autorisiert in gewissen Grenzen die Tötung von Menschen.

00:40:17.800 --> 00:40:21.600
Trotzdem steht im Mittelpunkt der Genfer Konventionen der Versuch,

00:40:21.600 --> 00:40:25.700
insbesondere Zivilistinnen und Zivilisten vor Gewalt zu schützen.

00:40:25.700 --> 00:40:27.600
Das hat Raphael Schäfer betont.

00:40:27.600 --> 00:40:33.700
2. Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit des humanitären Völkerrechts ist bis heute groß.

00:40:33.700 --> 00:40:37.400
Aktuelle Kriege zeigen: Kriegsverbrechen geschehen trotz der Verbote,

00:40:37.400 --> 00:40:42.500
auch weil es der internationalen Strafverfolgung an Durchsetzungsmöglichkeiten fehlt.

00:40:42.500 --> 00:40:44.400
Fortschritte sind dennoch erkennbar.

00:40:44.400 --> 00:40:46.800
Davon ist Wolfgang Kaleck überzeugt.

00:40:46.800 --> 00:40:50.900
3. Um das humanitäre Völkerrecht wirksamer zu machen,

00:40:50.900 --> 00:40:54.700
müssen Kriegsverbrechen schneller und transparenter dokumentiert werden.

00:40:54.700 --> 00:41:00.400
Außerdem bringen technische Entwicklungen und die Verlagerung von Kriegshandlungen in den Cyberspace

00:41:00.400 --> 00:41:02.800
neue Herausforderungen mit sich.

00:41:02.800 --> 00:41:04.500
Das hat Heike Krieger erklärt.

00:41:04.500 --> 00:41:07.500
*Musik*

00:41:07.500 --> 00:41:09.400
Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

00:41:09.400 --> 00:41:14.600
In der gedruckten Ausgabe mit dem Titel „Genfer Konventionen“ können Sie noch mehr zum Thema lesen.

00:41:14.600 --> 00:41:18.400
Und in diesem Fall auch hören, denn alle Texte sind für den Podcast

00:41:18.400 --> 00:41:22.000
„7 Gute Gründe“ vom Deutschen Roten Kreuz vertont worden.

00:41:22.000 --> 00:41:23.700
Und wir haben noch eine Empfehlung.

00:41:23.700 --> 00:41:26.800
Wie ein Prozess im Völkerstrafrecht konkret aussehen kann,

00:41:26.800 --> 00:41:32.600
das erklären Wolfgang Kaleck und Patrick Kroker im Buch „Syrische Staatsfolter vor Gericht”.

00:41:32.600 --> 00:41:37.700
Darin geht es um einen Prozess gegen zwei ehemalige Funktionäre des syrischen Geheimdienstes,

00:41:37.700 --> 00:41:42.500
der 2020 bis 2022 in Koblenz verhandelt wurde.

00:41:42.500 --> 00:41:46.300
Das Buch und ein Podcast dazu sind letztes Jahr bei der bpb erschienen.

00:41:46.300 --> 00:41:49.000
Alle Links finden Sie in den Shownotes.

00:41:49.000 --> 00:41:52.000
Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast.

00:41:52.000 --> 00:41:57.800
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de.

00:41:57.800 --> 00:41:59.600
In vier Wochen erscheint die nächste Folge.

00:41:59.600 --> 00:42:02.000
Dann sprechen wir über die Bundeswehr.

00:42:02.000 --> 00:42:04.100
Mein Name ist Sarah Zerback, bis zum nächsten Mal.

00:42:04.100 --> 00:42:19.500
*Musik*

00:42:19.500 --> 00:42:25.500
Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:42:25.500 --> 00:42:30.500
Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Julia Günther und Johannes Piepenbrink.

00:42:30.900 --> 00:42:34.000
Produktion: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald.

00:42:34.400 --> 00:42:36.600
Am Mikrofon war Sarah Zerback.

00:42:36.600 --> 00:42:39.700
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:42:39.700 --> 00:42:43.700
und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.

