WEBVTT

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*Musik*

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Sarah Zerback: Zu Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sah es kurz so aus,

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als würde der Westen zusammenrücken und sei so geeint wie lange nicht mehr.

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Dreieinhalb Jahre später ist die Welt eine andere

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und Putin, Xi und Co kommen damit voran, sich neu zu ordnen,

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während die Achse zwischen Washington und Europa zerbricht.

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Es mangelt also nicht an Gründen, an der Stabilität des Westens zu zweifeln.

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Wie also könnte eine Geschichte des Westens aussehen?

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Oder ist es doch noch zu früh für einen Abgesang?

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Das diskutieren wir mit Frank Bösch,

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dem Direktor des Leibniz-Zentrums für zeithistorische Forschung Potsdam

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und mit Martin Aust, Professor der Geschichte und Kultur Osteuropas an der Universität Bonn.

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Das Gespräch haben wir am 19. September im Medienzentrum der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn aufgezeichnet.

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*Musik*

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Ich freue mich sehr, dass Sie da sind, Herr Bösch, Herr Aust.

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Schönen guten Tag.

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Ja, wir haben zwei Historiker auf der Bühne, um über den Westen zu reden.

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Mal gucken, wer zuerst zuckt.

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Also ist der Westen tatsächlich schon Geschichte?

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Ist es Zeit für die Geschichtsbücher?

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Was sagen Sie, Herr Bösch?

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Frank Bösch: Ich glaube, Historiker sollten keine Prognosen machen,

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weil damit liegen sie relativ oft falsch.

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Und ich würde den Begriff des Westens sowieso problematisieren.

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Dazu haben wir gleich ganz viel Zeit.

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Aber ich würde, wenn man ihn dann erst mal ernst nimmt, nicht als Geschichte bezeichnen.

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Martin Aust: Ich denke auch, dass es zu früh ist, ein endgültiges Urteil darüber zu sprechen

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und halte es zusätzlich für wichtig, sich selber klar zu machen,

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dass man aus verschiedenen Rollen darauf schaut.

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Und wenn ich als Zeitgenosse, als Zeitungsleser, als Medienkonsument darauf schaue,

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dann habe ich eher die Tendenz zu sagen, die Veränderungen sind so massiv,

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da geht in der Tat etwas zu Ende.

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Wenn ich als Historiker eine wissenschaftliche Perspektive darauf entwickele

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und dazu wird ja noch Gelegenheit sein, dann würde ich eben sagen,

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das allerletzte Wort ist noch nicht gesprochen.

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Sarah Zerback: Da schwingt ja schon ein bisschen Optimismus mit.

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Es ist bestimmt wichtig, um erst mal eine Faktenbasis zu schaffen für unser Gespräch hier,

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Sie haben es auch schon angedeutet, dass wir erst mal definieren,

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was der Westen denn überhaupt ist.

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Ich merke das auch in der ein oder anderen Moderation,

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dass man manchmal schon fast ein bisschen das in Anführungsstrichen setzen möchte

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oder das Gefühl hat, man müsste es ein bisschen präzisieren,

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weil vielleicht doch sehr auch von der Hörerposition abhängt, was man darunter versteht.

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Und wahrscheinlich auch, wann man fragt.

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Wir fragen jetzt 2025, wie definieren Sie den Westen?

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Frank Bösch: Ich selbst würde den Westen gar nicht als analytischen Begriff unbedingt verwenden und fassen.

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Es ist okay, wenn man umgangssprachlich davon vielleicht Gebrauch macht.

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Der Westen selbst ist eben ein ganz bewusst unscharfer normativer Begriff,

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der die Überlegenheit von bestimmten Staaten erst mal unterstreichen soll gegenüber dem Osten.

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Ebenso problematischer Begriff natürlich.

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Und da kann man mehrere Dimensionen aufmachen.

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Eine politische Dimension, also die Definition des Westens als

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die Demokratien beispielsweise oder als Wertegemeinschaft weiter gefasst,

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weil ja auch oft eben Autokratien dazugehört haben.

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Zweite Definition oder die immer mitschwingt ist, die wirtschaftsstarken Länder, die technologisch überlegen sind.

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Und so kommen dann plötzlich Länder wie Südkorea, wie Japan,

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die nicht gerade ganz geografisch westlich liegen für uns, mit ins Boot rein.

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Und die dritte sicherlich wichtige Dimension ist die kulturelle,

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also die Annahme, dass etwa die christliche Religion bestimmte lange geprägte kulturelle Ähnlichkeiten,

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aber eben auch zum Beispiel rassistisch aufgeladene Definitionen, die hier reinkommen,

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also die Menschen, die etwa nicht dem globalen Süden angehören,

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eine bestimmte Abstammung haben, auch das schwingt da mit.

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Und das beschreibt schon etwa dieses Spektrum eben von diesen Definitionen.

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Mitunter werden dann ja Definitionen angeführt, die so alle Punkte so ein bisschen verbinden.

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Und vielleicht reden wir gleich auch noch mal, wie der Begriff sich entwickelt hat,

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denn daran merkt man eigentlich auch, wie schwammig solche Begriffe sind, wie zeitgebunden sie sind.

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Sarah Zerback: Gehen Sie da mit bei den Definitionen oder wollen Sie ergänzen?

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Martin Aust: Ich gehe da absolut mit und würde noch einen weiteren Punkt hinzufügen.

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Also Russlands Krieg gegen die Ukraine zeigt ja gerade,

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wie diese beiden Länder den Begriff des Westens politisch auf ganz unterschiedlichen Ebenen ansiedeln.

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Ich würde sagen, im Kern handelt dieser Krieg Russlands gegen die Ukraine nicht vom Westen

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und von der Abgrenzung vom Westen oder von der Zugehörigkeit zum Westen,

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aber er spielt auf unterschiedlichen Ebenen in den Selbstbeschreibungen der beiden Länder

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und vor allem in der Propaganda Russlands eine Rolle.

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Also Russlands Propaganda möchte den Eindruck erwecken,

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dass es in diesem Krieg eigentlich gar nicht um die Ukraine geht,

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sondern um eine Verteidigung gegen einen imaginierten, aggressiven Westen,

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gegen die NATO und die Ukraine als Instrument dieses Westens.

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Und die Ukraine wiederum hat im Laufe des 21. Jahrhunderts ihre eigene Entwicklung von Demokratie,

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von Zivilgesellschaft, also ganz an diesem normativen Begriff ausgerichtet

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und macht darüber einen Anspruch auf Zugehörigkeit geltend zur Europäischen Union beispielsweise.

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Und das ist, glaube ich, gerade ein sehr anschauliches Beispiel dafür,

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wie dieser Begriff auch politisch orientierend sein kann im Fall der Ukraine

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oder wie er auch genutzt wird im Fall von Russland für Propaganda,

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um eigentliche Kriegsziele zu verschleiern und den Eindruck zu erwecken,

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man müsse jetzt mal über die Weltordnung und über den überschießenden Machtanspruch des Westens sprechen.

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Sarah Zerback: Also schwingt mit, dass es auch ein politisch konstruierter Begriff ist?

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Die Cambridge-Professorin Quinn hat die These aufgestellt, der Westen ist gar eine Illusion.

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Würden Sie auch so weit gehen, die These zu stützen?

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Martin Aust: Also von der Illusion ist es ja vielleicht wieder nicht so weit weg zu dieser Definition des Westens als einer Norm.

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Also dann ist es eine Zielvorstellung, dann ist es etwas, was man anstrebt.

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Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft.

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Der Weg von der Illusion zur Norm ist eigentlich relativ kurz.

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Sarah Zerback: Und wann, Sie haben ja gerade schon gesagt, Herr Bösch,

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also da müssen wir vielleicht auch wirklich noch mal in die Geschichte gucken

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und zu den Anfängen des Begriffs überhaupt,

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also seit wann sprechen wir von dem Westen und was hat er damals bedeutet, vielleicht auch in Abgrenzung zu heute?

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Frank Bösch: Ja, der Westen ist eben ein relativ junger Begriff noch.

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Der wird zwar im 19. Jahrhundert schon verwendet, vor allem in den 1830er Jahren,

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für die Länder, die Verfassungen haben, in Abgrenzung eben zum Osten.

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Der Osten, vor allem das Zarenreich in Russland, das als dekadent, als unmodern eben gesehen wird.

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Im Krimkrieg 1854 gewinnt er vor allen Dingen eine gewisse Bedeutung gegenüber Russland,

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aber eigentliche Bedeutung gewinnt er erst im Zuge des Zweiten Weltkrieges und danach.

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Und da zählt Deutschland am Anfang natürlich nicht dazu.

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Auch in den Weltkriegen grenzt sich Deutschland ja eher von dem dekadenten Westen ab.

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Aber entscheidend ist eben, dass die USA ins Spiel reinkommen

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und ein Begriff nötig ist gegenüber dem Europa-Begriff,

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der vor allen Dingen in den 20er Jahren stark floriert, der mit die USA meint als Bündnispartner.

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Und das ist mit dem Kriegseintritt der USA 1941 natürlich ganz, ganz wichtig

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und dann vor allen Dingen mit der sogenannten Westbindung als Begriff,

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also im Kontext eben auch der Gründung der NATO, des westlichen Bündnisses gegenüber dem Osten,

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gegenüber dem Warschauer Pakt.

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Und das beschreibt bereits in mehrfacher Hinsicht ein Problem,

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weil einerseits versteht sich dieser Westen als Bündnis der Demokratien gegenüber dem Sozialismus,

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aber in diesen Bündnissen sind eben auch Autokratien dabei.

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Portugal zählt beispielsweise und auch Griechenland ist zeitweise eine Diktatur zur NATO.

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Die Türkei ist eben auch eher ein autoritärer Staat

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und zu den westlichen Bündnissen zählen antikommunistische Staaten, die lange eben auch Autokratien sind.

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Und das reicht tatsächlich im Sprachgebrauch von vielen von Iran über Südkorea

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bis hin eben auch zu lateinamerikanischen Kulturen, die dann als Westen mitgedacht werden,

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weil sie sich gegenüber den Sozialismus stemmen.

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Und diesen Ballast der Geschichte, den hat man natürlich relativ stark und lange dabei,

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bis nach 1989 plötzlich der Westen sich als demokratische Gemeinschaft versteht,

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mit dem Zusammenbruch auch vieler antikommunistischen Diktaturen als Wertegemeinschaft,

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vor allen Dingen dann eben auch gefasst wird und dann eben auch schrittweise in die Geschichtswissenschaft stärker reinrückt.

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Sarah Zerback: Aber das klingt danach, dass der Westen eigentlich der transatlantische Westen immer war.

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Frank Bösch: Na es ist ja eben auch so, dass Länder wie Japan beispielsweise reinkommen in dieses Konzept des Westens

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als Demokratien, als wirtschaftsstarke Länder, als Länder, die eben auch von den Werten her Ähnliches vertreten,

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vor allen Dingen für Menschenrechte eintreten, für Gewaltenteilung, für ein bestimmtes Bildungskonzept.

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Und da wird eben diese Denkfigur, dass der Westen etwas ist, was aus der Aufklärung kommt,

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vielleicht auch schon einige sagen im Mittelalter, wie Heinrich August Winkler

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eben schon durch die Spaltung der christlichen Kirchen eben angelegt sei,

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also was eine ganz lange Linie kulturell eben bereits habe,

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aber vor allen Dingen dann durch die französische Revolution,

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die amerikanische Revolution Werte reingebracht haben, die erst mal da sind.

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Dass diese Werte jetzt eben auch jenseits der Himmelsrichtung eben von vielen Ländern geteilt werden,

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die dann einfach mal mit als Westen gelten, wie Neuseeland oder Australien.

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Sarah Zerback: Und wer war, wenn wir wirklich noch mal den Blick zurückrichten,

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dann in der Zeit dafür zuständig, diese Werte auch zu verteidigen?

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Wer war der Hüter dieser gemeinsamen Werte in ja doch diesem sehr diversen Konstrukt?

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Martin Aust: Ich denke, das ist auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt.

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Also wenn es um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit geht, dann sind die einzelnen Staaten die Hüter dieser Werte.

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Das sieht man ja auch heute im Krieg, in dem die Ukraine sich gegen Russland verteidigt.

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Es geht vor allem um diese Werte, darum sie zu verteidigen.

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Und wenn man es auf einer globalen Ebene betrachtet

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und für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg spricht,

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dann wäre die NATO dafür die Organisation, die anzusprechen ist.

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Sarah Zerback: Und die USA als viel zitierte Weltpolizei?

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Martin Aust: Selbstverständlich, die USA als Führungsmacht der NATO, ja.

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Frank Bösch: Aber ich glaube, besonders interessant ist, wie beweglich dieser Begriff des Westens ist.

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Also dass eben bestimmte Länder, die geografisch im Westen sind,

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auch nicht so richtig erst dazugehören, wie Spanien und Portugal, die bis 1975 eben auch Diktaturen sind.

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Die kommen ja so langsam schrittweise rein, die gelten als Süden.

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Und der Süden wird ja abgetrennt.

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Und ich glaube, diesen Begriff des Westens muss man nicht nur aus der Selbstbeschreibung fassen,

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eben von den NATO-Staaten, sondern muss ihn natürlich fassen aus denjenigen,

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die als das andere ausgegrenzt werden.

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Eben natürlich aus der osteuropäischen Perspektive, aber auch aus der Perspektive des globalen Südens,

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die sich seit der Bandung-Konferenz 1955 als blockfreie Staaten ja stärker zusammenschließen

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und auch ein Bild vom Westen haben.

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Und das Interessante am Begriff des Westens ist für mich vor allem zu sehen,

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welche Kraft er hat, wie er Dinge verändert.

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Also nehmen wir mal ein Beispiel aus meinen Forschungskontexten.

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Ich habe viel deutsche Geschichte global gemacht, etwa Interaktionen mit Iran.

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Und in Iran gibt es den Begriff der West-Toxification auf Englisch, der West-Toxifikation, Vergiftung durch den Westen,

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der ganz wirkungsmächtig wird, weil der Westen als Gegner gesehen wird bei Teilen der Bevölkerung

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und dagegen sich Proteste gegen das Schah-Regime formieren,

00:11:56.000 --> 00:12:00.600
die dann 1979 zur iranischen Revolution führen und die dazu führen,

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dass bis heute eben diese Abgrenzung vom Westen dazu führt,

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dass Demokratie beispielsweise gerade nicht entstehen kann,

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obwohl das Konzept des Westens ja davon ausgeht,

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die Demokratie möglichst in allen Ländern zu etablieren.

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Weil der Westen eben als moralisch dekadent gesehen wird.

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Sarah Zerback: 1979 ist ja sowieso, wenn man Ihnen folgt, ein sehr wichtiges Jahr für das Konzept des Westens

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und die Umbrüche, die ihn auch begleiten.

00:12:26.000 --> 00:12:26.600
Vielleicht können Sie das noch ein bisschen ausführen.

00:12:27.000 --> 00:12:29.600
Das war die iranische Revolution, aber es ist noch mehr passiert 1979.

00:12:30.000 --> 00:12:33.600
Frank Bösch: Ja, normalerweise sind wir gewohnt, die Welt immer von 1989 her zu denken

00:12:34.000 --> 00:12:35.600
und das ist natürlich eine sehr europäische Sicht.

00:12:36.000 --> 00:12:39.600
1989 hat sich in Europa natürlich grundlegend sehr, sehr vieles verändert.

00:12:40.000 --> 00:12:45.600
In anderen Teilen der Welt, wenn man das von Ostasien oder vom globalen Süden her betrachtet, dann ist das nicht so stark.

00:12:46.000 --> 00:12:50.600
Also aus chinesischer Sicht beispielsweise sind die späten 70er Jahre, also die Reformen unter Deng Xiaoping,

00:12:51.000 --> 00:12:55.600
die 78/79 Staaten, viel bedeutender erst einmal.

00:12:56.000 --> 00:12:59.600
Und das kann man eben für andere Herausforderungen der Gegenwart auch so sehen.

00:13:00.000 --> 00:13:04.600
Eben einfach für das Aufkommen des Fundamentalismus ist die iranische Revolution sicherlich eine ganz, ganz wichtige Zäsur.

00:13:05.000 --> 00:13:10.600
Und es zeigt sich eben auch, dass der Westen auf Grenzen stößt.

00:13:11.000 --> 00:13:15.600
Also nehmen wir das Beispiel Nicaragua beispielsweise 1979, die Sandinistische Revolution,

00:13:16.000 --> 00:13:23.600
wo die USA weiter rausgetrieben werden, nach Vietnam haben sie eben nicht mehr diese Vorherrschaft in relativ vielen Gebieten,

00:13:24.000 --> 00:13:27.600
gelten als nicht mehr das attraktive Modell.

00:13:28.000 --> 00:13:32.600
Und insofern zeichnet sich hier tatsächlich eine Problemlage in sehr, sehr vielen Teilen der Welt ab,

00:13:33.000 --> 00:13:35.600
die uns, glaube ich, bis heute eben noch vielfältig begegnet.

00:13:36.000 --> 00:13:37.600
Sarah Zerback: Jetzt haben wir einige Ortsmarken schon mal angetippt.

00:13:38.000 --> 00:13:42.600
Jetzt haben wir mit Ihnen, Herrn Aust, ja auch den Osteuropa-Experten hier.

00:13:43.000 --> 00:13:48.600
Also wie hat sich denn im Laufe der Zeit auch das Bild aus dieser Weltregion eben auf den Westen verändert?

00:13:49.000 --> 00:13:52.600
Martin Aust: Sie meinen, wie der Osten auf den Westen geschaut hat.

00:13:53.000 --> 00:13:55.600
Das ist auch eine sehr spannungsreiche Geschichte.

00:13:56.000 --> 00:14:02.600
Also für die Warschauer Paktstaaten ist offiziell der Westen der Abgrenzungsbegriff.

00:14:03.000 --> 00:14:06.600
Das ist das Gegenüber im Kalten Krieg.

00:14:07.000 --> 00:14:11.600
Aber unter dieser rhetorischen Oberfläche gibt es ganz spürbare Spannungen

00:14:12.000 --> 00:14:16.600
und es gibt Gesellschaften, vor allem in Ostmitteleuropa, wie in Polen beispielsweise,

00:14:17.000 --> 00:14:19.600
die eigentlich der Auffassung sind, dass sie zu diesem Westen,

00:14:20.000 --> 00:14:28.600
dass sie zu diesem Europa dazugehören und dass diese Teilung von 1945 ein unnatürlicher Zustand ist.

00:14:29.000 --> 00:14:33.600
Also da ist die Abgrenzung gegenüber dem Westen in der Rhetorik,

00:14:34.000 --> 00:14:37.600
im Selbstverständnis der kommunistischen Partei in Moskau viel stärker

00:14:38.000 --> 00:14:41.600
und viel ausgeprägter als in diesen Ländern in Ostmitteleuropa.

00:14:42.000 --> 00:14:46.600
Und wenn wir jetzt von heute aus angesichts der Konfrontation mit Russland

00:14:47.000 --> 00:14:50.600
noch mal auf diese Konfrontation des Kalten Krieges zurückschauen,

00:14:51.000 --> 00:14:52.600
dann, finde ich, verändert sich auch unser Blick darauf.

00:14:53.000 --> 00:14:58.600
Denn das ist zwar einerseits eine sehr konfrontative Situation im Kalten Krieg gewesen,

00:14:59.000 --> 00:15:03.600
aber trotz all dieser Abgrenzungen zwischen Kapitalismus, Sozialismus, Westen, Osten

00:15:04.000 --> 00:15:09.600
gab es ja doch eine geteilte Grundannahme und die war universalistisch.

00:15:10.000 --> 00:15:13.600
Also sowohl der Osten als auch der Westen ging davon aus,

00:15:14.000 --> 00:15:23.600
dass es die Zukunft sein wird, dass man die Menschheit in eine industrialisierte, urbane Moderne führt.

00:15:24.000 --> 00:15:28.600
Und solche Grundannahmen, also solche geteilten Grundannahmen über so tief einschneidende Grenzen

00:15:29.000 --> 00:15:32.600
wie die von Ost und West hinweg, die gibt es ja momentan gar nicht mehr

00:15:33.000 --> 00:15:35.600
zwischen Russland und Europa beispielsweise.

00:15:36.000 --> 00:15:43.600
Sarah Zerback: Hat sich auch der Blick des Ostens auf den Westen vielleicht so ein Stück weit als Fixpunkt,

00:15:44.000 --> 00:15:46.600
das hat sich auch verschoben, würden Sie sagen?

00:15:47.000 --> 00:15:51.600
Martin Aust: Ich würde sagen, Putin hat das vor allem politisch verschoben.

00:15:52.000 --> 00:15:57.600
Also vor der Totalinvasion Russlands in die Ukraine 2022

00:15:58.000 --> 00:16:01.600
hatte man immer noch den Eindruck, es gibt unabhängig von politischen Fragen

00:16:02.000 --> 00:16:04.600
so eine konsumgesellschaftliche Verbindung.

00:16:05.000 --> 00:16:08.600
Also wenn man sich angeschaut hat, was machen eigentlich diese superreichen Menschen aus Russland?

00:16:09.000 --> 00:16:12.600
Die kaufen Yachten, die kaufen Louis Vuitton Mode,

00:16:13.000 --> 00:16:14.600
die wollen Ferien auf dem Mittelmeer verbringen,

00:16:15.000 --> 00:16:18.600
die erwerben Immobilien in Paris, in London, in New York,

00:16:19.000 --> 00:16:22.600
die schicken ihre Kinder an die dortigen Universitäten zum Studium.

00:16:23.000 --> 00:16:26.600
Die sind eigentlich vollkommen westorientiert und leben aber in so einem Land,

00:16:27.000 --> 00:16:30.600
in dem sie aus Loyalitätsgründen diese zunehmende Abgrenzungsrhetorik

00:16:31.000 --> 00:16:33.600
gegenüber dem Westen irgendwie mitsprechen müssen.

00:16:34.000 --> 00:16:38.600
Und das ist ja mit dem Februar 2022 vollkommen weggebrochen.

00:16:39.000 --> 00:16:43.600
Also das ist jetzt eingepreist, dass es das nicht mehr gibt.

00:16:44.000 --> 00:16:50.600
Und in Ostmitteleuropa wiederum sind die Wahrnehmungsveränderungen, glaube ich, anderer Art.

00:16:51.000 --> 00:16:56.600
Also da gibt es eine Quelle von Enttäuschung über den Westen und über Europa.

00:16:57.000 --> 00:17:02.600
Das hat vor allem damit zu tun, wie der Beitritt dieser Staaten zur Europäischen Union erfolgte.

00:17:03.000 --> 00:17:06.600
Also so Länder wie Polen, Ungarn, die baltischen Staaten,

00:17:07.000 --> 00:17:10.600
die haben ja in den friedlichen Revolutionen das Ende des Kommunismus,

00:17:11.000 --> 00:17:14.600
diese Emanzipation vom sowjetischen Imperium erstritten,

00:17:15.000 --> 00:17:18.600
haben also ganz viel Handlungsmacht erlangt und waren dann damit konfrontiert,

00:17:19.000 --> 00:17:23.600
dass sie beim Beitritt zur Europäischen Union mit diesem Acquis Communautaire konfrontiert wurden,

00:17:24.000 --> 00:17:27.600
mit diesem ellenlangen Katalog von Punkten, die abgearbeitet werden müssen.

00:17:28.000 --> 00:17:34.600
Und das ist dann eher ein Moment der Ohnmacht, der zu Enttäuschung führt.

00:17:35.000 --> 00:17:40.600
Und das ist vielleicht so ein erstes Fenster in die Zukunft, das man hier öffnen könnte.

00:17:41.000 --> 00:17:45.600
Die West- und Europaorientierung der Ukraine ist ja im Moment ausgesprochen stark.

00:17:46.000 --> 00:17:49.600
Und wenn dieser Krieg aber eines Tages mal vorüber sein sollte

00:17:50.000 --> 00:17:53.600
und die Frage auf der Tagesordnung steht,

00:17:54.000 --> 00:17:56.600
wann kann denn nun die Ukraine eigentlich der Europäischen Union beitreten

00:17:57.000 --> 00:18:00.600
und die Staats- und Regierungschefs müssen dann darüber einen Konsens finden

00:18:01.000 --> 00:18:07.600
und die Ukraine wird mit diesem Arcquis Communautaire konfrontiert, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß,

00:18:08.000 --> 00:18:12.600
dass wir wieder mit so einem Moment der Enttäuschung über Europa oder das,

00:18:13.000 --> 00:18:17.600
was wir jetzt in Anführungszeichen den Westen nennen, zu tun haben werden,

00:18:18.000 --> 00:18:21.600
denn es wird sehr ernüchternd sein, mit zahlreichen eigenen Leben

00:18:22.000 --> 00:18:24.600
und dem eigenen Blut die Freiheit verteidigt zu haben,

00:18:25.000 --> 00:18:29.600
um dann nach der erfolgreichen Verteidigung endlich Teil dieses Clubs zu werden

00:18:30.000 --> 00:18:34.600
und dann aber zu hören, das sind die Bedingungen und da müsst ihr jetzt erst mal dran arbeiten.

00:18:35.000 --> 00:18:38.600
Sarah Zerback: Gerade diese Resilienz der Ukrainerinnen und Ukrainern,

00:18:39.000 --> 00:18:42.600
ihr Land, ihre Demokratie im Krieg zu verteidigen, ist das auch was,

00:18:43.000 --> 00:18:49.600
was Menschen mit Westblick Richtung Osten lernen können, gerade speziell von der Ukraine?

00:18:50.000 --> 00:18:51.600
Also gibt es da vielleicht gerade auch so eine Art von Shift,

00:18:52.000 --> 00:18:54.600
dass man sagt, also da können wir uns sogar einiges abgucken?

00:18:55.000 --> 00:18:56.600
Martin Aust: Das habe ich lange Zeit gehofft.

00:18:57.000 --> 00:19:02.600
Ich fand, das war schon zu beobachten 2013/2014, während der Proteste auf dem Euro-Maidan,

00:19:03.000 --> 00:19:05.600
was im Ukrainischen die Revolution der Würde heißt,

00:19:06.000 --> 00:19:10.600
wo die Ukrainerinnen und Ukrainer sich gegen dieses zunehmend autoritäre

00:19:11.000 --> 00:19:14.600
und repressive Regime von Janukowitsch gewährt haben.

00:19:15.000 --> 00:19:17.600
Und das ist ja im Zeichen Europas geschehen.

00:19:18.000 --> 00:19:21.600
Also auf dem Maidan wehten die Flaggen der Ukraine und der Europäischen Union.

00:19:22.000 --> 00:19:29.600
Und ich dachte damals angesichts der zahlreichen Krisen der Europäischen Union, da müsste doch ein Funken überspringen.

00:19:30.000 --> 00:19:32.600
Da müsste doch auch hier in unseren Breiten sichtbar werden,

00:19:33.000 --> 00:19:38.600
wie viel Mobilisierungskraft, wie viel Faszination in dieser politischen Idee Europa steckt.

00:19:39.000 --> 00:19:44.600
Aber eine breite Bewegung ist daraus nicht geworden, um es ganz vorsichtig zu formulieren.

00:19:45.000 --> 00:19:51.600
Sarah Zerback: Dass viele gerade ja eher sich pessimistischer äußern als Sie jetzt zu Beginn darüber,

00:19:52.000 --> 00:19:57.600
was die Zukunft, die Perspektive des Westens anbelangt, das liegt ja vor allem auch daran,

00:19:58.000 --> 00:20:00.600
dass die USA sich einfach deutlich zurückziehen.

00:20:01.000 --> 00:20:04.600
Darin auch, also Stichwort NATO ist gefallen, nicht nur die Werte,

00:20:05.000 --> 00:20:10.600
sondern auch die Sicherheit des Westens zu verteidigen unter einem Präsidenten Donald Trump.

00:20:11.000 --> 00:20:15.600
Sie haben das ja jetzt beide ein Stück weit mit Optimismus verknüpft, dass das nicht unumkehrbar sein muss.

00:20:16.000 --> 00:20:20.600
Glauben Sie auch, die Rolle der USA im Westen ist kein Auslaufmodell?

00:20:21.000 --> 00:20:24.600
Also kann das noch mal wieder was werden?

00:20:25.000 --> 00:20:27.600
Frank Bösch: Ja, es ist sicherlich zu früh zu sagen,

00:20:28.000 --> 00:20:31.600
ob die USA durch freie Wahlen eben auch noch mal eine andere Regierung bekommen können.

00:20:32.000 --> 00:20:36.600
Aber nach jetzigem Status zumindest in diesem sehr föderalen Land

00:20:37.000 --> 00:20:38.600
stehen demnächst dann noch die Midterms irgendwann an.

00:20:39.000 --> 00:20:42.600
Und da können wir vielleicht deutlicher sagen eben,

00:20:43.000 --> 00:20:44.600
was Wahlen und ob Wahlen noch was bewegen können.

00:20:45.000 --> 00:20:49.600
Ich würde aber als Historiker die Situation eben auch einmal einordnen,

00:20:50.000 --> 00:20:52.600
dass wir nicht davon ausgehen müssen, dass der Westen bisher immer geschlossen war,

00:20:53.000 --> 00:20:56.600
alle westeuropäischen Länder gemeinsam mit der USA gehandelt haben.

00:20:57.000 --> 00:21:00.600
Wenn wir zurückgucken, einfach nur auf die letzten Jahrzehnte

00:21:01.000 --> 00:21:05.600
und sagen wir mal seit den 60er Jahren, dann haben wir fortlaufend Differenzen zwischen einzelnen Staaten.

00:21:06.000 --> 00:21:08.600
Also nehmen wir Frankreich beispielsweise, die sich schon unter de Gaulle eigentlich rauszieht,

00:21:09.000 --> 00:21:12.600
wo Adenauer eben auch mit der deutsch-französischen Annäherung

00:21:13.000 --> 00:21:15.600
eigentlich die USA natürlich als wichtigen Partner weiterhin sieht,

00:21:16.000 --> 00:21:18.600
aber diese deutsch-französische Achse eher präferiert.

00:21:19.000 --> 00:21:22.600
Wir nehmen ja die späten 70er Jahre unter Helmut Schmidt, wo es laufend Spannung gibt,

00:21:23.000 --> 00:21:27.600
wo die USA unter Jimmy Carter harte Sanktionen fordern für Menschenrechte,

00:21:28.000 --> 00:21:32.600
also etwa Sanktionen gegen Russland nach dem Einmarsch in Afghanistan, gegen Iran,

00:21:33.000 --> 00:21:35.600
gegen Libyen dann da kurz danach und sich dagegen einsetzen,

00:21:36.000 --> 00:21:40.600
dass die Bundesrepublik mit sehr, sehr vielen Autokratien enge Kontakte pflegt weiterhin.

00:21:41.000 --> 00:21:45.600
Und trotzdem liefert die Bundesrepublik Atomkraftwerke, Waffen in viele Gegenden eben.

00:21:46.000 --> 00:21:49.600
Das heißt, der Westen war nicht so einmütig immer, wie man es denkt.

00:21:50.000 --> 00:21:50.010
Das kann sich ändern.

00:21:50.000 --> 00:21:53.600
Das liegt auch mal an politischen Konstellationen, was für Regierungen,

00:21:54.000 --> 00:21:56.600
ob dann gerade die Demokraten oder Republikaner dran waren

00:21:57.000 --> 00:22:00.600
oder die SPD und die CDU jeweils eben auch besser miteinander können.

00:22:01.000 --> 00:22:03.600
Da sind auch viele Menschenleien sicherlich bei gewesen,

00:22:04.000 --> 00:22:07.600
aber eben die Werte waren eben nicht immer ganz die gleichen.

00:22:08.000 --> 00:22:10.600
Also zusammengefasst kann man sagen, es ist, glaube ich, noch offen

00:22:11.000 --> 00:22:14.600
und was der Westen ist, der Begriff ist ja so beweglich,

00:22:15.000 --> 00:22:19.600
könnte eben auch etwas sein, was sich weniger auf die USA eben bezieht.

00:22:20.000 --> 00:22:24.600
Denn wir haben ja eben auch mit Großbritannien, mit Frankreich und anderen Ländern ja auch durchaus Demokratien,

00:22:25.000 --> 00:22:27.600
die Atomwaffen haben, die auch verteidigungsfähig sind,

00:22:28.000 --> 00:22:32.600
wenngleich eben die USA natürlich in der NATO der starke Partner erst mal sind.

00:22:33.000 --> 00:22:36.600
Sarah Zerback: Bevor wir darüber sprechen, wer vielleicht die Rolle ersetzen könnte,

00:22:37.000 --> 00:22:39.600
beziehungsweise was so eine zukünftige Perspektive sein könnte,

00:22:40.000 --> 00:22:42.600
vielleicht an Sie noch mal die Frage, Herr Aust,

00:22:43.000 --> 00:22:46.600
also wie viel Kontroverse, wie viel Differenz, wie wenig Einmütigkeit verträgt der Westen?

00:22:47.000 --> 00:22:50.600
Martin Aust: Also das wird die Zukunft weisen.

00:22:51.000 --> 00:22:53.600
Entschuldigen Sie, dass ich nicht direkt darauf anspringe.

00:22:54.000 --> 00:22:56.600
Ich würde gerne noch einen Anschlusspunkt machen

00:22:57.000 --> 00:22:59.600
und diese Liste der Uneindeutigkeiten noch mal etwas verlängern.

00:23:00.000 --> 00:23:01.600
Das lag mir gerade auf der Zunge, Entschuldigung.

00:23:02.000 --> 00:23:05.600
Das setzt sich ja fort beim Blick auf die Gegenseite.

00:23:06.000 --> 00:23:13.600
Also wir sind jetzt so, wir schauen so gebannt auf diese Machtentfaltung von autoritären Regimen, von Diktaturen.

00:23:14.000 --> 00:23:17.600
Wir beobachten mit Sorge diese gegenseitigen Besuche von Putin und Xi.

00:23:18.000 --> 00:23:19.600
Das sieht alles sehr bedrohlich aus.

00:23:20.000 --> 00:23:24.600
Aber das ist ja auch nicht alles auf ewig in Stein gemeißelt.

00:23:25.000 --> 00:23:28.600
Und zumal in Russland gibt es für den Moment,

00:23:29.000 --> 00:23:31.600
in dem Putin nicht mehr Präsident sein kann,

00:23:32.000 --> 00:23:34.600
also sei es, weil er irgendwann mal zu schwer krank sein sollte

00:23:35.000 --> 00:23:36.600
oder sei es, weil er auch einfach irgendwann mal stirbt,

00:23:37.000 --> 00:23:41.600
für diesen Moment gibt es überhaupt keine institutionellen Vorkehrungen.

00:23:42.000 --> 00:23:44.600
Also kein Mensch weiß, was dann geschehen wird.

00:23:45.000 --> 00:23:47.600
Deswegen halte ich es für recht wahrscheinlich,

00:23:48.000 --> 00:23:51.600
dass im Inneren Russlands in der politischen Elite so viel Unsicherheit ausbrechen wird,

00:23:52.000 --> 00:23:55.600
dass alle mit dieser einen Frage beschäftigt sein werden.

00:23:56.000 --> 00:23:59.600
Und das wird diese Elite in innere Konflikte hineintreiben

00:24:00.000 --> 00:24:06.600
und die außenpolitische Machtentfaltung wird in diesem Fall dann zurückgefahren werden.

00:24:07.000 --> 00:24:12.600
Vielleicht nicht offiziell rhetorisch, aber de facto wird Russland dann erheblich weniger machen können, denke ich.

00:24:13.000 --> 00:24:19.600
Und das könnte so ein Moment sein, den man dann als neuen Einschnitt wahrnimmt,

00:24:20.000 --> 00:24:23.600
indem man auf einmal sieht, dass wir eben doch nicht so schwach sind,

00:24:24.000 --> 00:24:28.600
sondern dass wir vielleicht ganz andere Kräfte der Beharrung haben aufgrund der Institutionen,

00:24:29.000 --> 00:24:32.600
die wir in unseren Ländern und in unseren Bündnissen haben.

00:24:33.000 --> 00:24:35.600
Sarah Zerback: Herr Bösch, finden Sie, ist das übertragbar auf die USA?

00:24:36.000 --> 00:24:40.600
Also nehmen wir an, es ist nicht mehr in persona ein Präsident Donald Trump.

00:24:41.000 --> 00:24:43.600
Sie haben gerade schon gesagt, also wenn wir überhaupt noch mal freie Wahlen bekommen,

00:24:44.000 --> 00:24:47.600
das sind ja einige, die vielleicht sagen, bei den Midterms kann das noch so sein,

00:24:48.000 --> 00:24:51.600
bei den nächsten Wahlen, müssen wir schauen, was da passiert.

00:24:52.000 --> 00:24:53.600
So habe ich Sie jetzt auch verstanden.

00:24:54.000 --> 00:24:56.600
Also ist da denn ein System dahinter,

00:24:57.000 --> 00:25:00.600
was quasi ein Donald Trump dann auch ersetzen könnte?

00:25:01.000 --> 00:25:03.600
Also die Nachfolge würde das System quasi weiter stützen,

00:25:04.000 --> 00:25:05.600
anders als das, was Herr Aust jetzt für Russland skizziert?

00:25:06.000 --> 00:25:07.600
Frank Bösch: Da sollte man eben nicht zu voreilig sein.

00:25:08.000 --> 00:25:10.600
Wir haben ja in Polen beispielsweise gesehen,

00:25:11.000 --> 00:25:13.600
dass Wahlen eben auch, wenn Regime autoritärer werden,

00:25:14.000 --> 00:25:16.600
durchaus eben noch mal einen Wandel bringen können, wenn es Wahlen gibt.

00:25:17.000 --> 00:25:19.600
Und wenn man als Historiker zurückdenkt an die vielen Autokratien,

00:25:20.000 --> 00:25:22.600
die sich etabliert haben, teilweise mit harter Militärmacht,

00:25:23.000 --> 00:25:28.600
sehr, sehr blutig wie in Argentinien, etwa 76 bis 83 mit 30.000 Toten.

00:25:29.000 --> 00:25:33.600
Und auch diese Regime können unter bestimmten Konstellationen purzeln, stürzen, Demokratien wieder entstehen.

00:25:34.000 --> 00:25:37.600
Also insofern ist die Geschichte wirklich offen

00:25:38.000 --> 00:25:40.600
und das ist vielleicht das, was ein bisschen Hoffnung gibt,

00:25:41.000 --> 00:25:43.600
so furchtbar die Lage jetzt gerade ist und wir können es nicht sagen.

00:25:44.000 --> 00:25:46.600
Aber wir müssen bis dahin nicht einfach abwarten, sondern handeln.

00:25:47.000 --> 00:25:51.600
Und dann ist es wichtig, eben dieses Wir zu definieren, das wir jetzt auch so einfach benutzen.

00:25:52.000 --> 00:25:58.600
Sollen wir eigentlich sagen, wir sind der Westen oder sollen wir klarer benennen, wer diese Gruppe eigentlich ist?

00:25:59.000 --> 00:26:01.600
Und da würde ich sagen, ich würde dafür plädieren,

00:26:02.000 --> 00:26:03.600
vielleicht nicht einfach vom Westen zu sprechen,

00:26:04.000 --> 00:26:07.600
sondern von Demokratien, die bereit sind, Aktivismus zu zeigen.

00:26:08.000 --> 00:26:10.600
Oder wenn es speziell um die Ukraine geht,

00:26:11.000 --> 00:26:13.600
dann wird es wahrscheinlich weniger Neuseeland sein, auch nicht Japan,

00:26:14.000 --> 00:26:17.600
sondern dann werden es diejenigen Länder sein,

00:26:18.000 --> 00:26:20.600
die Demokratien in Europa, die bereit sind, die Ukraine zu unterstützen.

00:26:21.000 --> 00:26:25.600
Und dann brauchen wir gar nicht so einen globalen schwammigen Begriff wie den Westen eigentlich.

00:26:26.000 --> 00:26:30.600
Wenn er aktivistisch hilft, klar, dann sollen Leute das sagen, um die USA immer auch mitzunehmen.

00:26:31.000 --> 00:26:33.600
Denn wenn man erst mal anfängt, immer nur von Westeuropa zu reden,

00:26:34.000 --> 00:26:35.600
dann grenzt man die USA vielleicht zu schnell aus.

00:26:36.000 --> 00:26:37.600
Sarah Zerback: Aber dann doch eher mehr Einzelinteressen?

00:26:38.000 --> 00:26:41.600
Also in Europa sagt man ja immer, es gibt das Europa der zwei Geschwindigkeiten.

00:26:42.000 --> 00:26:44.600
Das ist ja so eine Vorstellung, die man dann haben kann.

00:26:45.000 --> 00:26:46.600
Also wäre das quasi auch ein Westen der mehreren Geschwindigkeiten

00:26:47.000 --> 00:26:50.600
und man sucht sich seine Bündnispartner je nach Thema?

00:26:51.000 --> 00:26:53.600
Frank Bösch: Wichtig ist ja, dass Europa sich nicht gegenseitig blockiert.

00:26:54.000 --> 00:26:59.600
Also dass ein einzelnes Nein etwa, das von Ungarn etwa häufiger kommt,

00:27:00.000 --> 00:27:02.600
nicht den gesamten Handlungsmechanismus blockiert.

00:27:03.000 --> 00:27:08.600
Und deswegen glaube ich schon, dass man bei bestimmten spezifischen Fragen eben

00:27:09.000 --> 00:27:12.600
dann Entscheidungskorridore schaffen muss, ähnlich wie eben auch bei der Einführung des Euros,

00:27:13.000 --> 00:27:15.600
um tatsächlich etwas voranzubringen.

00:27:16.000 --> 00:27:20.600
Sarah Zerback: Ist das noch eine Wertegemeinschaft, wie wir sie aus dem 20. Jahrhundert,

00:27:21.000 --> 00:27:25.600
jetzt zu dem Beginn quasi, die wir heute hier thematisieren, kennen?

00:27:26.000 --> 00:27:27.600
Oder ist das ein neuer Westen?

00:27:28.000 --> 00:27:32.600
Martin Aust: Also ich denke, dass Wertvorstellungen schon ein ganz wichtiger Bindungsstoff sind.

00:27:33.000 --> 00:27:35.600
Also man kann natürlich auch über Interessen sprechen,

00:27:36.000 --> 00:27:43.600
wenn man über militärische Sicherheit, über ökonomisches Wachstum spricht.

00:27:44.000 --> 00:27:51.600
Aber die Fragen von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten, ich finde, das sind Wertefragen.

00:27:52.000 --> 00:27:56.600
Und das sollte ein Bindemittel sein für diejenigen, die diese Werte teilen.

00:27:57.000 --> 00:27:59.600
Und ich stimme vollkommen zu.

00:28:00.000 --> 00:28:05.600
Ich halte das auch für sekundär, ob man das dann Westen oder Koalition der Willigen oder wie auch immer nennt.

00:28:06.000 --> 00:28:08.600
Also die Benennungsfrage ist sekundär.

00:28:09.000 --> 00:28:16.600
Primär drängend ist, dass erkannt wird, dass man gemeinsam besser agieren kann, um diese Werte zu verteidigen.

00:28:17.000 --> 00:28:19.600
Frank Bösch: Aber gleichzeitig muss man auch daran erinnern,

00:28:20.000 --> 00:28:24.600
dass der Begriff eben nicht nur von linksliberalen Historikern wie Winkler sehr prominent benutzt wurde,

00:28:25.000 --> 00:28:30.600
um die Staaten zu kennzeichnen, die für Menschenrechte eintreten, für Demokratie eintreten und so weiter,

00:28:31.000 --> 00:28:33.600
sondern wir haben ja eben auch Historiker wie Nile Ferguson beispielsweise,

00:28:34.000 --> 00:28:36.600
der ein Buch geschrieben hat, "The West and the Rest",

00:28:37.000 --> 00:28:39.600
die die Überlegenheit des Westens, gerade gegenüber dem globalen Süden

00:28:40.000 --> 00:28:43.600
und damit eben auch den Kolonialismus beispielsweise rechtfertigen wollen dadurch,

00:28:44.000 --> 00:28:49.600
weil der Westen technisch überlegen ist, durch Wettbewerb, durch Eigentum, durch sein Rechtssystem.

00:28:50.000 --> 00:28:53.600
Er spricht hier von Killer-Applikationen des Westens, die diese Überlegenheit gebracht haben.

00:28:54.000 --> 00:28:58.600
Und das ist dann nicht irgendein Autor, sondern das ist jemand,

00:28:59.000 --> 00:29:01.600
der einer der zentralen Politikberater in den USA ist,

00:29:02.000 --> 00:29:04.600
Bestsellerautor mit Fernsehauftritten und so weiter,

00:29:05.000 --> 00:29:08.600
der hier gerade eigentlich etwas stützt mit dem Begriff des Westens,

00:29:09.000 --> 00:29:12.600
wo wir vielleicht sagen würden, das ist jetzt gerade ein zentrales Problem eben unter der Regierung Trump.

00:29:13.000 --> 00:29:18.600
Sarah Zerback: Ja, und Sie haben ja beschrieben, wer bisher diese Werte, die gemeinsam gehütet hat

00:29:19.000 --> 00:29:23.600
und es gab ja auch beim Rückblick in die Geschichte jetzt jemanden in persona,

00:29:24.000 --> 00:29:29.600
nicht Donald Trump, aber mit den USA, die an der Speerspitze quasi waren.

00:29:30.000 --> 00:29:32.600
Kann das funktionieren, ohne dass jemand ganz vorne wegläuft

00:29:33.000 --> 00:29:36.600
und wenn nicht, wer könnte das denn in Zukunft sein?

00:29:37.000 --> 00:29:40.600
Kann Europa sich da positionieren?

00:29:41.000 --> 00:29:46.600
Martin Aust: Also ich bin mir nicht sicher, ob es so eine Führungsmacht unbedingt braucht.

00:29:47.000 --> 00:29:52.600
Also es hat ja auch in der Phase, in der Europa in der Welt sehr dominant gewesen ist,

00:29:53.000 --> 00:29:57.600
also im 19. Jahrhundert, diese europäische Pentarchie gegeben.

00:29:58.000 --> 00:30:01.600
Also das könnte man als ein Beispiel zitieren, um den Gedanken zu entwickeln,

00:30:02.000 --> 00:30:06.600
da hat es einen Club gegeben, der sich zusammengetan hat,

00:30:07.000 --> 00:30:09.600
ohne dass man jetzt diese eine Führungsmacht benennt,

00:30:10.000 --> 00:30:14.600
die die USA im Kalten Krieg und in den letzten 30 Jahren gewesen ist.

00:30:15.000 --> 00:30:18.600
Also ich glaube, wenn man in die Zukunft schaut und sich fragt,

00:30:19.000 --> 00:30:21.600
was könnten wir uns für Ideen zurechtlegen,

00:30:22.000 --> 00:30:24.600
dann sollte man glaube ich nicht verbissen sich fragen,

00:30:25.000 --> 00:30:29.600
also wer übernimmt jetzt diese eine Führungsrolle, um den Laden wieder zusammenzubringen?

00:30:30.000 --> 00:30:34.600
Frank Bösch: Ich glaube, man muss trennen, warum man Führungsmächte oder Großmächte denn haben will.

00:30:35.000 --> 00:30:37.600
Das Argument wäre natürlich, wo ich sagen würde, ja,

00:30:38.000 --> 00:30:41.600
wenn wir über militärische Konflikte mit großen, starken Mächten nachdenken,

00:30:42.000 --> 00:30:45.600
also mit Russland, mit China, vielleicht irgendwann mal mit Indien,

00:30:46.000 --> 00:30:48.600
dann ist es wichtig, Bündnisse zu bilden, die verteidigungsfähig sind

00:30:49.000 --> 00:30:52.600
und dann wird man große Länder, große Staaten, große Demokratien,

00:30:53.000 --> 00:30:54.600
wie hoffentlich noch die USA, stark brauchen.

00:30:55.000 --> 00:30:56.600
Ansonsten würde ich aber eben auch sagen,

00:30:57.000 --> 00:30:59.600
dieses Denken in Großmächte, die künftig die Welt beherrschen

00:31:00.000 --> 00:31:02.600
oder dass überhaupt Mächte immer groß sein müssen,

00:31:03.000 --> 00:31:05.600
ist schon Teil des Problems eben, wo man etwas adaptiert,

00:31:06.000 --> 00:31:09.600
was normalerweise das Denken von Autokraten wie Putin ist.

00:31:10.000 --> 00:31:12.600
Wenn wir heute sagen, welche Länder haben eigentlich Wohlstand,

00:31:13.000 --> 00:31:16.600
haben weniger soziale Ungleichheit, haben zufriedene Menschen, haben Innovationskraft,

00:31:17.000 --> 00:31:21.600
dann sind das plötzlich Länder wie die Schweiz, wie selbst Finnland und Schweden oder Dänemark,

00:31:22.000 --> 00:31:26.600
ganz kleine Länder, die Niederlande, die eigentlich sehr, sehr vorbildlich eben agieren,

00:31:27.000 --> 00:31:29.600
vielleicht eben nicht militärisch natürlich ganz zentral sind,

00:31:30.000 --> 00:31:35.600
aber in einer heutigen Welt eben funktionierende Demokratien eben sind.

00:31:36.000 --> 00:31:40.600
Und das zeigt mir, dass es also gar nicht diese Großmächte oder Führungsmächte unbedingt braucht,

00:31:41.000 --> 00:31:43.600
sondern es braucht einen Zusammenschluss von Demokratien,

00:31:44.000 --> 00:31:47.600
die sich vielleicht gemeinsam dann eben auch gegen Autokratien schützen,

00:31:48.000 --> 00:31:51.600
die im schlimmsten Fall eben expansiv sind.

00:31:52.000 --> 00:31:56.600
Sarah Zerback: Wie würden Sie da Deutschlands Rolle sehen in diesem Spektrum?

00:31:57.000 --> 00:32:00.600
Frank Bösch: Deutschland ist natürlich ein ganz zentraler Staat

00:32:01.000 --> 00:32:02.600
und da will ich nicht von der Lage her ausgehen,

00:32:03.000 --> 00:32:05.600
sondern von der wirtschaftlichen Stärke nach wie vor.

00:32:06.000 --> 00:32:06.600
Die wird ja oft im Kleinen geredet.

00:32:07.000 --> 00:32:09.600
Deutschland ist eines der handelsstärksten Länder,

00:32:10.000 --> 00:32:13.600
ist von der Bevölkerung natürlich auch besonders relativ groß, das größte europäische Land.

00:32:14.000 --> 00:32:18.600
Und insofern hat Deutschland, auch wenn es bisher eben nicht dieses starke Militär hat,

00:32:19.000 --> 00:32:24.600
wie es mal hatte, als die Bundeswehr noch allein in der alten Bundesrepublik 500.000 Menschen unter Waffen hatte,

00:32:25.000 --> 00:32:28.600
mit einem großen Atomwaffenarsenal des Westens eben auch im eigenen Land.

00:32:29.000 --> 00:32:32.600
Da müssen wir mal sehen, also wie sich Deutschland eben militärisch entwickelt,

00:32:33.000 --> 00:32:35.600
aber ist sicherlich in diesem Zusammenschluss der Mächte

00:32:36.000 --> 00:32:38.600
und auch mit der künftigen Verteidigungsfähigkeit ein ganz zentrales Land.

00:32:39.000 --> 00:32:42.600
Aber ist vor allen Dingen als Land wichtig, dass Sanktionskraft hat.

00:32:43.000 --> 00:32:46.600
Und nun ist es so, dass Sanktionen oft wenig Erfolge haben.

00:32:47.000 --> 00:32:52.600
Es gibt Statistiken, die sagen, dass nur etwa 30 Prozent der Sanktionen überhaupt ihre Ziele erreicht haben.

00:32:53.000 --> 00:32:55.600
Aber keine Sanktionen machen das ist eben auch keine Alternative.

00:32:56.000 --> 00:33:00.600
Und bei vielen Ländern ist tatsächlich die Handelsverpflichtung

00:33:01.000 --> 00:33:05.600
und die Möglichkeit, Druck auszuheben über Handel etwas Wichtiges.

00:33:06.000 --> 00:33:07.600
Auch wenn das deutlich schwerer geworden ist, dadurch,

00:33:08.000 --> 00:33:11.600
dass China eben kompensatorisch oft einspringt heute.

00:33:12.000 --> 00:33:12.010
Sarah Zerback: Sehen Sie das ähnlich?

00:33:12.000 --> 00:33:13.600
Wollen Sie ergänzen, Herr Aust?

00:33:14.000 --> 00:33:18.600
Martin Aust: Also mich beunruhigt vor allem, wie Europa sich selber im Weg steht.

00:33:19.000 --> 00:33:24.600
Also wenn man die Budgets der nationalen Verteidigungshaushalte in der Europäischen Union aufaddiert

00:33:25.000 --> 00:33:28.600
und sich diese Summe anschaut, die ich jetzt gerade nicht aus dem linken Handgelenk schütteln kann,

00:33:29.000 --> 00:33:31.600
dann ist das aber, glaube ich, eine insgesamt sehr hohe Summe,

00:33:32.000 --> 00:33:34.600
mit der man eine sehr schlagkräftige Armee aufstellen kann.

00:33:35.000 --> 00:33:40.600
Und diese eine Armee hat Europa aber nicht, sondern Europa hat 27 Armeen

00:33:41.000 --> 00:33:46.600
und darüber hinaus so ein paar Verbünde, die man ins Schaufenster stellen kann.

00:33:47.000 --> 00:33:52.600
Und eine naheliegende Lösung wäre eigentlich, dieses Bündnis zu formulieren.

00:33:53.000 --> 00:33:58.600
Wenn dann die USA irgendwann wieder in diese transatlantische Rolle zurückfinden sollten,

00:33:59.000 --> 00:34:01.600
da kann man darauf ja gerne zurückgreifen,

00:34:02.000 --> 00:34:06.600
aber falls sie das nicht tun, wäre man zumindest für alle Eventualitäten gewappnet.

00:34:07.000 --> 00:34:15.600
Und dass aber zunehmend nationale Politik wieder für das Lösungsmittel erster Wahl

00:34:16.000 --> 00:34:19.600
innerhalb der Europäischen Union gehalten wird, das blockiert diesen Lösungsweg

00:34:20.000 --> 00:34:24.600
und das macht mir eigentlich am meisten Sorgen momentan.

00:34:25.000 --> 00:34:30.600
Sarah Zerback: Also ihn auch als Staatsbürger gefragt, nicht nur als Politik oder Historiker.

00:34:31.000 --> 00:34:31.600
Martin Aust: Absolut ja.

00:34:32.000 --> 00:34:36.600
Sarah Zerback: Wenn wir zwar keinen Abgesang hier auf der Bühne machen wollen,

00:34:37.000 --> 00:34:38.600
Ihre Position ist da klar geworden,

00:34:39.000 --> 00:34:43.600
aber zumindest vielleicht mal eine Zwischenbilanz als Historiker ziehen wollen

00:34:44.000 --> 00:34:45.600
würden des Westens bis zu diesem Punkt,

00:34:46.000 --> 00:34:49.600
wie würde die Zwischenbilanz bis 2025 ausfallen?

00:34:50.000 --> 00:34:52.600
Frank Bösch: Wenn wir den Westen fassen als Länder, die Demokratien sind

00:34:53.000 --> 00:34:55.600
und die wirtschaftlich prosperieren, die einen gewissen Wohlstand haben,

00:34:56.000 --> 00:35:01.600
einen gewissen sozialen Ausgleich schaffen, dann ist die Bilanz bei mir nach wie vor relativ positiv.

00:35:02.000 --> 00:35:04.600
Obwohl die Zahl der Autokratien jetzt zugenommen hat,

00:35:05.000 --> 00:35:07.600
was aber eben im geringeren Maße eben Europa betrifft,

00:35:08.000 --> 00:35:12.600
trotz der Entwicklung in Ungarn oder trotz der Entwicklung in Belarus und der Türkei,

00:35:13.000 --> 00:35:15.600
wenn man an die Grenzen von Europa das betrifft,

00:35:16.000 --> 00:35:18.600
haben wir insgesamt eine Entwicklung, die in sehr, sehr vielen Bereichen

00:35:19.000 --> 00:35:23.600
einfach deutlich mehr Wohlstand, mehr Gesundheit, mehr Chancen im Leben gebracht hat.

00:35:24.000 --> 00:35:28.600
Und deswegen würde ich mich auf diese pessimistischen Abgesänge überhaupt nicht einlassen.

00:35:29.000 --> 00:35:33.600
Und dieser Vorwurf, der vor allen Dingen dann aus Osteuropa, aus Russland kommt,

00:35:34.000 --> 00:35:39.600
von Gayropa, also der moralischen Verfalltradition, in der Europa stehe,

00:35:40.000 --> 00:35:44.600
wo nur noch Schwulenrechte im Vordergrund ständen, so ein beliebter Topos.

00:35:45.000 --> 00:35:48.600
Das ist natürlich etwas, was so fernab jeder Realität besteht

00:35:49.000 --> 00:35:52.600
und eben völlig verkennt, welche Errungenschaft das ist,

00:35:53.000 --> 00:35:57.600
dass Menschen sich frei entfalten können, dass Frauen das Recht haben zu arbeiten, unabhängig zu agieren.

00:35:58.000 --> 00:36:01.600
Also die Zahl der positiven Entwicklungen in diesen Staaten,

00:36:02.000 --> 00:36:07.600
die gemeinhin als Westen gefasst werden, die würde ich einfach weiterhin ganz, ganz hoch halten.

00:36:08.000 --> 00:36:08.600
Sarah Zerback: Und doch versuche ich es noch mal,

00:36:09.000 --> 00:36:14.600
es gibt ja auch in der deutschen Gesellschaft einige starke anti-amerikanische Stimmen

00:36:15.000 --> 00:36:17.600
und Stimmungen schon immer, auch jetzt wieder und vielleicht diejenigen, die sagen,

00:36:18.000 --> 00:36:24.600
ist doch gar nicht schlecht, dass es da jetzt so langsam bergab geht und dieser Westen ein Ende hat.

00:36:25.000 --> 00:36:27.600
Können Sie dem auch irgendwas Positives abgewinnen,

00:36:28.000 --> 00:36:31.600
dass Sie sagen, also da ist jetzt vielleicht eine Zäsur und es verändert sich doch etwas,

00:36:32.000 --> 00:36:32.600
auch wenn es ja in Ihren Augen nicht endet?

00:36:33.000 --> 00:36:35.600
Martin Aust: Also es gab mal vor kurzem einen Moment, wo ich dachte,

00:36:36.000 --> 00:36:42.600
dass dieser Wandel, den Trump in den USA herbeiführt, vielleicht zu einer Spaltung der AfD führt,

00:36:43.000 --> 00:36:46.600
weil das unterschiedliche Lager in der AfD anspricht.

00:36:47.000 --> 00:36:52.600
Die einen, die auf alle Fälle russlandorientiert sind und die anderen,

00:36:53.000 --> 00:36:56.600
die aber auf einmal interessiert beobachten, was Trump da so macht

00:36:57.000 --> 00:37:01.600
und JD Vance als großes Vorbild empfinden, aber das ist ja bislang nicht eingetreten.

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Also um noch mal zu so einer Gesamtbilanz zurückzukommen, bin ich da doch etwas ernüchterter.

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Also mir fällt sehr stark auf, was es bedeutet, in der eigenen Lebensumwelt zu erfahren,

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was wir vorher schon abstrakt gewusst haben.

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Also von 89, 91 ist ja auch schon die Rede gewesen als Einschnitt,

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der immer wieder zitiert wird, auch wenn Sie sagen 79 ist eigentlich wichtiger,

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aber der große Punkt war ja doch 89, 91 als dieses Ende des Ost-West-Konfliktes zu sehen war

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und zu sagen, jetzt entsteht das eine Europa, Francis Fukuyama schreibt vom Ende der Geschichte.

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Und als wir diesen Text damals gelesen haben, war uns ja klar,

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dass es so theologisch wahrscheinlich nicht sein wird,

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sondern dass auch weiter unvorhergesehene Dinge passieren können.

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Nur haben wir immer so getan, als sei das eine abstrakte Einsicht

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und haben gehofft, dass wir konkret eigentlich nie damit konfrontiert werden.

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Und jetzt sind wir damit konfrontiert und die Nachrichten,

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die wir Tag für Tag aus der Ukraine erhalten, die zeigen uns ja, was bevorstehen könnte.

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Und insofern finde ich, ist die Bilanz doch schon sehr ernüchternd,

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denn diese europäische Friedensordnung, von der wir annahmen,

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dass sie mit der Charta von Paris von 1990 manifestiert ist

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und dass wir uns darauf verlassen können, die ist ja ganz massiv infrage gestellt,

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die gibt es so gerade nicht mehr und es wird sehr große Anstrengungen kosten, sie wieder herzustellen.

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Frank Bösch: Ich muss dazu ergänzen, meine Antwort bezog sich eben auf die funktionierenden Demokratien.

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Also inwieweit können wir hier eigentlich eine positive Bilanz ziehen?

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Und die Frage, also was hat sich eigentlich 1989 geändert?

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Natürlich, in Europa hat sich 1989 ganz viel geändert und meistens eben auch relativ,

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also sehr positiv eben, wenn wir jetzt den Blick einfach nur von Polen bis runter nach Rumänien richten.

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Das sieht aber eben anders aus, wenn wir von Ostasien aus schauen.

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Also aus der Perspektive von Südkorea gibt es so etwas wie den Kalten Krieg noch,

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wo Nordkorea direkt an der Grenze gegenüber steht,

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wo mit Vietnam weiterhin eine sozialistische Autokratie ist

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und wo China natürlich als ganz, ganz große sozialistische Autokratie nebenan ist.

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Und da hat sich eben tatsächlich 1989 nicht ganz so viel getan aus dieser Perspektive heraus.

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Die Frage war ja im Grunde genommen, also können wir trotz dieser furchtbaren Nachrichten,

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wo man, auch bei mir das so ist, dass man kaum noch die Zeitung aufschlagen möchte morgens eben,

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können wir da eigentlich nur eine kritische Bilanz ziehen und da würde ich sagen,

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wir müssen das Erreichte sehen und wir müssen vor allen Dingen sehen,

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dass ganz viele Herausforderungen nicht nur in der Ukraine und Europa liegen, sondern dass sie global sind.

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Und da brauchen wir nur das Wort Klimawandel eben reinzuwerfen,

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eben was deutlich macht, wie dringend nötig es ist, dass Demokratien hier zusammenarbeiten,

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um noch ganz, ganz andere, vielleicht sogar mal irgendwann mal noch größere Herausforderungen

00:39:59.000 --> 00:40:01.600
gemeinsam in irgendeiner Form eben auch zu bewältigen.

00:40:02.000 --> 00:40:04.600
Sarah Zerback:	Vielen Dank, Martin Aust, Frank Bösch.

00:40:05.000 --> 00:40:05.600
Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben

00:40:06.000 --> 00:40:08.600
und ich danke Ihnen fürs aufmerksame Zuhören

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und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.

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*Applaus*

00:40:16.000 --> 00:40:18.600
*Musik*

00:40:19.000 --> 00:40:21.600
Das war "Aus Politik und Zeitgeschichte".

00:40:22.000 --> 00:40:26.600
In unseren Heften zu den Themen Maga und liberale Weltordnung können Sie noch mehr zum Thema lesen.

00:40:27.000 --> 00:40:28.600
Den Link dazu finden Sie in den Shownotes.

00:40:29.000 --> 00:40:34.600
Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast, über Fragen, Lob, aber auch Kritik.

00:40:35.000 --> 00:40:37.600
Können Sie uns schicken an apuz.bpb.de.

00:40:38.000 --> 00:40:41.600
Bereits Anfang Oktober erscheint dann die nächste Folge zum Thema Inklusion.

00:40:42.000 --> 00:40:44.600
Mein Name ist Sarah Zerback, bis zum nächsten Mal.

00:40:45.000 --> 00:41:00.600
*Musik*

00:41:01.000 --> 00:41:05.600
Der Podcast "Aus Politik und Zeitgeschichte" wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:41:06.000 --> 00:41:11.600
Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Johannes Piepenbrink und Isabell Röder.

00:41:12.000 --> 00:41:16.600
Produktion: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald.

00:41:17.000 --> 00:41:17.600
Am Mikrofon war Sarah Zerback.

00:41:18.000 --> 00:41:20.600
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:41:21.000 --> 00:41:25.000
und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nicht kommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.

