WEBVTT

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Harald Hüttmann: Wir sind hier ein Dorf in einer Großstadt,

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wo jeder seinen Plausch halten kann

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und wo jeder auch so also es gibt eben auch Leute,

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die so mit ihren Problemenchen/Problemen, Wohnungsprobleme zum Beispiel, ja,

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hierher kommen und es tut ihnen offensichtlich gut, auch mal reden zu können.

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*Musik*

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Sarah Zerback: Harald Hüttmann ist das.

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Er engagiert sich ehrenamtlich und hat dabei ein offenes Ohr für Menschen,

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die sonst keinen zum Reden haben, die einsam sind.

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Einsamkeit ist ein „universelles Gefühl“.

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Wahrscheinlich hat sich jede und jeder von uns schon einmal einsam gefühlt,

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mal kürzer, mal länger, und auch unabhängig davon,

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ob man gerade allein oder unter Menschen war.

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Besonders in der Coronapandemie hat Einsamkeit plötzlich viel mehr Menschen betroffen

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und ist damit auch politisch zum Thema geworden.

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2023 hat die Bundesregierung zum ersten Mal eine Strategie gegen Einsamkeit veröffentlicht.

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Was macht das Gefühl Einsamkeit aus?

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Was macht dieses Gefühl zu einem politischen Thema

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beziehungsweise zu einem gesellschaftlichen Problem?

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Und was kann man dagegen tun?

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Darum geht es in dieser Folge von „Aus Politik und Zeitgeschichte“

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und ich bin Sarah Zerback.

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Der Soziologe Janosch Schobin erklärt das Gefühl Einsamkeit genauer.

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Wir besuchen einen Ort der Einsamkeitsprävention:

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den Zuhörkiosk in Berlin-Kreuzberg.

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Und die Sozialpsychologin Alma Merscher macht deutlich,

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warum Einsamkeit auch ein Problem für die Demokratie ist.

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Die Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ zum Thema „Einsamkeit“ finden Sie auf bpb.de/apuz.

00:01:31.000 --> 00:01:33.600
Wie immer gibt es auch zu dieser Folge ein Transkript.

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Sie finden es in der bpb-Mediathek oder als Link in den Shownotes.

00:01:38.000 --> 00:01:53.600
*Musik*

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Janosch Schobin: Einsamkeit wird in der Wissenschaft als eine unangenehme,

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eine negative Empfindung vor allen Dingen verstanden,

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die anzeigt, dass was mit meinen sozialen Beziehungen nicht richtig ist.

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Sarah Zerback: Das sagt der Soziologe Janosch Schobin.

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Er forscht unter anderem zu Einsamkeit und Freundschaft

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und hat dieses Jahr das Buch „Zeiten der Einsamkeit“ veröffentlicht.

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Janosch Schobin: Also entweder, dass ich einen Mangel an Beziehungen habe,

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dass ich zu wenige habe oder dass die Beziehungen, die ich habe,

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irgendwie meine Bedürfnisse nicht richtig befriedigen,

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dass mit denen irgendwas nicht stimmt.

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Dass, wenn man so will, die Beziehungsqualitäten irgendwie nicht, für mich nicht hinreichend sind.

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Sarah Zerback: In Deutschland lebte 2024 knapp ein Fünftel der Bevölkerung allein.

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In Großstädten wie Berlin und Hamburg sind mehr als die Hälfte aller Wohnungen Singlehaushalte.

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Klingt ein bisschen einsam.

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Aber wer von diesen Menschen tatsächlich einsam ist,

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das ist schwer zu sagen, denn Einsamkeit und Alleinsein sind nicht dasselbe.

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Janosch Schobin: Anders als man immer so denkt, ist Einsamkeit nicht unbedingt ein Effekt von sozialer Isolation,

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also von keine Kontakte haben, sondern meistens wird man einsam,

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wenn man in Beziehungen Zurückweisungen erfährt,

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weil man Konflikte hat, weil man da negative Signale aus seiner sozialen Welt bekommt.

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Und deswegen ist ganz typisch, dass man, wenn man Einsamkeit empfindet,

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das ist sehr unangenehm, sich sozial zurückzieht.

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Sarah Zerback: Einsamkeit als Gefühl ist erst mal aber ziemlich normal, sagt Janosch Schobin.

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Und wir lernen auch daraus.

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Janosch Schobin: Also, ich mache gerade so ein Projekt mit Kindern und die sagen dann halt,

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ja, wenn ich einsam bin, weil die nicht mit mir spielen wollen,

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dann suche ich mir zwei andere, mit denen ich spielen kann.

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Aufgelöst.

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Also, die lernen da halt, soziale Grenzen zu akzeptieren,

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ihr soziales Netz breit aufzustellen.

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Man lernt da alle möglichen Sachen aus der Einsamkeit so.

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Das ist also so eine Art produktiver Mechanismus.

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Aber es gibt bei uns total viele Menschen, bei denen ist Einsamkeit nicht produktiv,

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sondern die führt in so einen Zirkel aus immer mehr Rückzug,

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immer mehr Abbruch von Sozialkontakten, immer weniger sozialer Teilhabe.

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Sarah Zerback: Diese Form der Einsamkeit, die dauerhaft wird

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und die von der Person selbst nicht mehr aufgelöst werden kann, die ist wirklich ein Problem.

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Dass Einsamkeit überhaupt in diesem Ausmaß entsteht, ist nicht überall gleich wahrscheinlich.

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Es gibt wichtige gesellschaftliche Faktoren, die der Einsamkeit entgegenwirken können.

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Janosch Schobin: Man muss sich einfach fragen, welche Gesellschaften schaffen eigentlich gute Rahmenbedingungen

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für stabile, aber auch sehr autonome Beziehungen.

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Das heißt, Beziehungen, in denen ich einen hohen Grad an Kontrolle über die Beziehungen habe,

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wie ich die gestalten kann, in denen ich also Möglichkeiten habe, Beziehungsoutcomes auszuhandeln.

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Das ist ein Aspekt.

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Und das zweite ist Gesellschaften, die gute Rahmenbedingungen für stabile Beziehungen bieten.

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Also, die es mir auch gestatten, die zu pflegen, letzten Endes.

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Wo ich nicht zu viele externe Zwänge habe, die mich ständig daran hindern,

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meine Beziehungen so zu gestalten, wie ich das möchte.

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Sarah Zerback: Und es gibt weitere Faktoren, Zeit zum Beispiel.

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Janosch Schobin: Man braucht Zeit für Beziehungen,

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das ist so die Grundressource.

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In unserem Typus von Gesellschaft braucht man auch ökonomische Ressourcen für Beziehungen.

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Wir sind eine Konsumgesellschaft.

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Wir brauchen auch ein bisschen Geld, um unsere Beziehungen pflegen zu können.

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Aber letztendlich ist Zeit die zentrale Ressource.

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Und wenn du jetzt zum Beispiel in einem System unterwegs bist,

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wo du 15 Stunden am Tag arbeitest, damit du nicht verhungerst,

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ist es ziemlich schwierig, nicht einsam zu werden

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oder zumindest diese Form von sozialen Beziehungen so zu pflegen, wie du möchtest.

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Sarah Zerback: Auch eine offene und tolerante Gesellschaft kann vor Einsamkeit schützen.

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Je höher die Gleichberechtigung in heterosexuellen Beziehungen zum Beispiel,

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umso besser schützen diese vor Einsamkeit.

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Denn dann entscheiden sich beide aktiv für diese Beziehung

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und die Wahrscheinlichkeit, sich in der Beziehung einsam zu fühlen, sinkt.

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Ebenso schützt es vor Einsamkeit,

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wenn homosexuelle Beziehungen gesellschaftlich akzeptiert sind und gelebt werden können.

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Genauso wie Einsamkeit unterschiedliche Auslöser haben kann,

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betrifft sie auch verschiedene Gruppen in der Gesellschaft.

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Vielleicht denkt man beim Thema Einsamkeit zuerst an verwitwete,

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alleinlebende Rentnerinnen und Rentner.

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Aber das Gefühl zieht sich durch alle Generationen.

00:05:50.000 --> 00:05:53.600
Fast die Hälfte aller jungen Erwachsenen zwischen 18 und 34

00:05:54.000 --> 00:05:56.600
fühlt sich manchmal oder häufig einsam,

00:05:57.000 --> 00:06:00.600
das hat eine Studie von infratest dimap gerade in Nordrhein-Westfalen festgestellt.

00:06:01.000 --> 00:06:06.600
Jugend und junges Erwachsenenalter sind typische Phasen erhöhter Einsamkeitsbelastung,

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weil sich das Leben in dieser Zeit so stark verändert, erklärt Janosch Schobin.

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Janosch Schobin: Sie ziehen aus und gründen einen eigenen Familienstand irgendwo oder auch nicht,

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aber zumindest einen eigenen Haushalt in der Regel.

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Und dieses System hat erst mal so ein paar ganz systematisch eingebaute Einsamkeitsauslöser.

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Nämlich alleine dieses Verlassen des Elternhauses,

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das Aufbauen einer eigenen sozialen Welt

00:06:31.000 --> 00:06:33.600
geht natürlich mit einer massiven Veränderung deiner sozialen Netze einher einfach.

00:06:34.000 --> 00:06:37.600
Also deine gesamte soziale Umbindung musst du ja sozusagen umbauen in der Zeit.

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Und du verlagerst auch ziemlich viele von deinen affektiven Bedürfnissen,

00:06:41.000 --> 00:06:43.600
zum Beispiel von den Eltern auf den Partner oder auf die Freunde und so.

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Und das ist ein sehr, sehr heikles Geschäft,

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bei dem bei sehr, sehr vielen jungen Leuten Einsamkeitsbelastungen einfach anfallen.

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Sarah Zerback: Ob jung oder alt: Wenn Menschen aus der Einsamkeit nicht mehr herausfinden

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und sich sozial immer weiter isolieren,

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brauchen sie eigentlich sehr aktive Ansprache, meint der Soziologe.

00:07:01.000 --> 00:07:04.600
Janosch Schobin: Man muss verstehen, aus der Innenansicht so einer vereinsamten Person ist es häufig so,

00:07:05.000 --> 00:07:06.600
dass die sich auch nicht vorstellen kann,

00:07:07.000 --> 00:07:11.600
dass da draußen eine Welt ist, die daran Freude hätte, mit ihnen was zu tun zu haben.

00:07:12.000 --> 00:07:15.600
Die nehmen die Ablehnung vorweg und die internalisieren die Ablehnung auch sehr häufig.

00:07:16.000 --> 00:07:18.600
Das heißt, die haben gar nicht das Gefühl, liebenswürdig zu sein

00:07:19.000 --> 00:07:20.600
oder gemocht werden zu können oder so was.

00:07:21.000 --> 00:07:24.600
Und wenn dann keiner von außen an dich rantritt regelmäßig und dir sagt:

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Du, es wird aber erwartet oder es wäre schön,

00:07:27.000 --> 00:07:29.600
wenn du an dem und dem Tag da mal erscheinen würdest,

00:07:30.000 --> 00:07:33.600
weil wir wollen jetzt irgendwie alle zusammen da den Park noch mal schön machen“,

00:07:34.000 --> 00:07:35.600
dann passiert das auch nicht.

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Sarah Zerback: Wie man absichern könnte, dass Menschen mit ihrer Einsamkeit nicht allein gelassen werden

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oder die Einsamkeit gar nicht erst so schlimm wird,

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dafür hat Janosch Schobin einen ganz klaren Vorschlag

00:07:46.000 --> 00:07:49.600
Janosch Schobin: Ich glaube, das Allererste ist, das was wir brauchen,

00:07:50.000 --> 00:07:51.600
ist eine strukturelle Verankerung von dem, was man Quartiersmanagement nennt.

00:07:52.000 --> 00:07:57.600
Was eigentlich nicht passieren darf, ist, dass man einen Sozialraum hat,

00:07:58.000 --> 00:08:01.600
in dem niemand für das Soziale zuständig ist.

00:08:02.000 --> 00:08:03.600
Der etwas naive Blick auf das Ganze würde denken,

00:08:04.000 --> 00:08:05.600
das Soziale entsteht einfach so naturwüchsig.

00:08:06.000 --> 00:08:07.600
Das ist so wie eine Pflanze.

00:08:08.000 --> 00:08:10.600
Da sind ein paar Leute und da wird das schon passieren.

00:08:11.000 --> 00:08:12.600
Und de facto ist es ja aber in unseren sehr arbeitsteiligen

00:08:13.000 --> 00:08:15.600
und ja auch sehr kapitalistischen Gesellschaften so,

00:08:16.000 --> 00:08:17.600
dass man dafür wenig Zeit hat.

00:08:18.000 --> 00:08:21.600
Und letzten Endes wenn niemand diese Rolle aktiv innehat,

00:08:22.000 --> 00:08:22.600
das auch nicht passiert.

00:08:23.000 --> 00:08:25.600
Das heißt, man braucht eigentlich Sozialfiguren, deren Job es ist,

00:08:26.000 --> 00:08:30.600
dafür zu sorgen, dass Menschen sozial vernetzt sind in ihrem Sozialraum.

00:08:31.000 --> 00:08:34.600
Und das kann man teilweise ehrenamtlich lösen.

00:08:35.000 --> 00:08:37.600
Wenn man entsprechende Vereinsstrukturen und so hat, dann klappt das auch ja vielerorts gut.

00:08:38.000 --> 00:08:40.600
Aber wo man das nicht hat, muss man das halt auch aktiv machen.

00:08:41.000 --> 00:08:42.600
Das heißt, da muss man auch das Geld in die Hand nehmen

00:08:43.000 --> 00:08:45.600
und einfach jemanden einstellen, der das Quartier managt.

00:08:46.000 --> 00:08:50.600
So und ich würde sagen, das ist was, das ist etwas, das sollte es einfach strukturell geben.

00:08:51.000 --> 00:08:53.600
*Musik*

00:08:54.000 --> 00:08:56.600
O-Ton U-Bahn: Südstern.

00:08:57.000 --> 00:08:59.600
Sarah Zerback: In Berlin, direkt neben der U-Bahnhaltestelle Südstern,

00:09:00.000 --> 00:09:02.600
gibt es einen Ort, der gegen Einsamkeit hilft.

00:09:03.000 --> 00:09:07.600
Es ist das blaue Tiny House der Nachbarschaftsinitiative Bürgergenossenschaft Südstern.

00:09:08.000 --> 00:09:10.600
Harald Hüttmann: Also, das ist sechs mal zweieinhalb.

00:09:11.000 --> 00:09:14.600
Das ist auf einem Fahrgestell von einem Bootsanhänger.

00:09:15.000 --> 00:09:21.600
Sechseinhalb Jahre ist das jetzt hier, ist nichts undicht, ja, alles isoliert.

00:09:22.000 --> 00:09:24.600
Also, wenn wir hier den Ofen anschmeißen, dann wird das auch schnell warm.

00:09:25.000 --> 00:09:27.600
Sarah Zerback: Harald Hüttmann engagiert sich ehrenamtlich in der Nachbarschaftsinitiative.

00:09:28.000 --> 00:09:32.600
Auf einer Gasherdplatte steht der Wasserkessel, Kaffee wird mit der Hand gemahlen.

00:09:33.000 --> 00:09:37.600
Ein Schreibtisch, die Wand dahinter voller Ordner, Becher, Packungen mit Tee und Kaffeeweißer,

00:09:38.000 --> 00:09:39.600
auf der anderen Seite eine Sitzecke.

00:09:40.000 --> 00:09:42.600
Heute hängt draußen am Wagen ein großes Poster,

00:09:43.000 --> 00:09:44.600
auf dem ein Ohr abgebildet ist.

00:09:45.000 --> 00:09:47.600
„Wir hören zu“, steht darauf.

00:09:48.000 --> 00:09:49.600
Seit der Coronazeit gibt es das Ohr.

00:09:50.000 --> 00:09:52.600
Harald Hüttmann: Wir hatten gerade hier dieses Tiny Haus gebaut

00:09:53.000 --> 00:09:58.600
und saßen hier am Anfang so mit zwölf, 17 Leuten, teilweise hier in diesem Raum

00:09:59.000 --> 00:10:00.600
und waren so glücklich, dass wir jetzt einen Treffpunkt hatten

00:10:01.000 --> 00:10:04.600
und dann kam Corona und dann durften wir das alles nicht mehr.

00:10:05.000 --> 00:10:06.600
Da haben wir überlegt, was können wir machen?

00:10:07.000 --> 00:10:13.600
Also haben wir das Ohr gedruckt, hängen das raus und haben uns damals hier hingestellt.

00:10:14.000 --> 00:10:19.600
Weil wir es wichtig finden, so eine analoge Kommunikation auch zu fördern.

00:10:20.000 --> 00:10:26.600
Also ich hatte eine Frau hier, die kam, setzte sich da auf den Stuhl und sagte,

00:10:27.000 --> 00:10:30.600
ich habe drei Monate mit niemandem gesprochen.

00:10:31.000 --> 00:10:35.600
Da kriegte man selber einen Kloß im Hals, ja.

00:10:36.000 --> 00:10:37.600
Sarah Zerback: Die Idee also: Menschen die Möglichkeit zu geben,

00:10:38.000 --> 00:10:42.600
ins Gespräch zu kommen, loszuwerden, was sie beschäftigt.

00:10:43.000 --> 00:10:46.600
Harald Hüttmann: Wir hören zu und fragen gegebenenfalls, wenn es sichs ergibt, soll ich dazu was sagen?

00:10:47.000 --> 00:10:50.600
So, aber wir können keine guten Tipps geben oder so.

00:10:51.000 --> 00:10:57.600
Was wir allerdings tun, ist, wir haben so eine ganze Reihe von professionellen Hilfsangeboten

00:10:58.000 --> 00:11:02.600
in Broschüren- und Flyerform und die geben wir dann auch weiter.

00:11:03.000 --> 00:11:10.600
Aber nee, wir sind eigentlich nur dafür da, das Ohr offen zu haben.

00:11:11.000 --> 00:11:16.600
Und das machen wir viermal die Woche und den fünften Tag haben wir ein offenes Cafe,

00:11:17.000 --> 00:11:18.600
wo alle auch so zusammenkommen können.

00:11:19.000 --> 00:11:21.600
Sarah Zerback: Im letzten Jahr hat das Tiny House Jubiläum gefeiert.

00:11:22.000 --> 00:11:23.600
Da stand es seit fünf Jahren.

00:11:24.000 --> 00:11:26.600
Das Poster vom Jubiläum hängt drinnen noch,

00:11:27.000 --> 00:11:28.600
darauf eine einfache Rechnung:

00:11:29.000 --> 00:11:30.600
Sechs Stunden pro Woche, 52 Wochen, fünf Jahre:

00:11:31.000 --> 00:11:35.600
1.560 Stunden zuhören waren es schon damals.

00:11:36.000 --> 00:11:41.600
Harald Hüttmann: Wenn man das so ein bisschen eindampft in einen Begriff, dann wäre das Einsamkeitsprävention.

00:11:42.000 --> 00:11:44.600
Und wir haben hier einen netten Menschen,

00:11:45.000 --> 00:11:48.600
der hier auch jetzt schon über Jahre aktiv ist, der sagte

00:11:49.000 --> 00:11:50.600
Was braucht man denn?

00:11:51.000 --> 00:11:59.600
Soziale Einbindung, die trägt, ja, und selbstgesuchte, sinnvolle Arbeit.

00:12:00.000 --> 00:12:01.600
Und das ist das, was wir hier machen.

00:12:02.000 --> 00:12:04.600
Sarah Zerback: Denn Harald Hüttmann glaubt: Am Ende profitieren alle,

00:12:05.000 --> 00:12:08.600
diejenigen, die mal am Tiny House vorbeischauen,

00:12:09.000 --> 00:12:11.600
aber auch die, die sich engagieren, zuhören, Veranstaltungen planen.

00:12:12.000 --> 00:12:16.600
Was ihm äußerst wichtig ist, dass hier wirklich unterschiedlichste Menschen zusammenkommen können.

00:12:17.000 --> 00:12:21.600
Harald Hüttmann: Wir wollen diesen Platz auch zurückerobern.

00:12:22.000 --> 00:12:28.600
Also, da drüben kostet der Cappuccino 3,50 und das Bier 5 Euro, das hat nicht jeder.

00:12:29.000 --> 00:12:33.600
Und hier kann man sich hinsetzen und gegebenenfalls seinen Kaffee da mitbringen,

00:12:34.000 --> 00:12:37.600
beziehungsweise hier kriegen oder wenn sie gern eine Flasche Bier trinken wollen,

00:12:38.000 --> 00:12:41.600
dann können sie die auch für zwei Euro am Büdchen kaufen.

00:12:42.000 --> 00:12:44.600
Dagegen haben wir nichts, deswegen haben wir hier auch Bänke

00:12:45.000 --> 00:12:48.600
und so kommen hier auch eben Leute hin,

00:12:49.000 --> 00:12:52.600
die sich das sonst im Restaurant nicht leisten können.

00:12:53.000 --> 00:12:55.600
Sarah Zerback: Die Tür zum Wagen steht offen, ab und zu schaut jemand rein.

00:12:56.000 --> 00:12:57.600
Harald Hüttmann: Kommt ruhig rein.

00:12:58.000 --> 00:12:59.600
Ja du darfst dich da hinsetzen.

00:13:00.000 --> 00:13:01.600
Ich glaube, das dauert auch nicht mehr ewig, nicht?

00:13:02.000 --> 00:13:05.600
Sarah Zerback: Für diejenigen, die Lust darauf haben und denen es an sozialer Einbindung fehlt,

00:13:06.000 --> 00:13:08.600
kann dieser kleine Ort ein Ankerpunkt werden.

00:13:09.000 --> 00:13:10.600
Ältere und Jüngere kommen hierher.

00:13:11.000 --> 00:13:15.600
Harald Hüttmann: Und daraus haben sich auch also einzelne Freundschaften entwickelt,

00:13:16.000 --> 00:13:17.600
wo man sagen kann, wenn man im Krankenhaus ist, du,

00:13:18.000 --> 00:13:21.600
geh mal zu mir nach Hause, hol mal ein paar Unterhosen, ja.

00:13:22.000 --> 00:13:26.600
Also es sind schon sehr, sehr vertrauensvolle Sachen daraus gewachsen.

00:13:27.000 --> 00:13:29.600
Sarah Zerback: Dass es einsame Menschen auch Überwindung kostet,

00:13:30.000 --> 00:13:32.600
hier zum Wagen zu kommen, das ist für Harald Hüttmann ganz klar.

00:13:33.000 --> 00:13:37.600
Harald Hüttmann: Hilfe geben geht leicht, ja.

00:13:38.000 --> 00:13:40.600
Aber Hilfe nachfragen oder so, das ist viel, viel schwerer.

00:13:41.000 --> 00:13:46.600
Ja, das kann man im persönlichen sehr, sehr sicheren Raum,

00:13:47.000 --> 00:13:49.600
ja, aber ich habe hier auch eine Frau gehabt,

00:13:50.000 --> 00:13:52.600
die mittlerweile auch bei uns Mitglied ist

00:13:53.000 --> 00:13:55.600
und selber hier das Ohr mitorganisiert, die sagte,

00:13:56.000 --> 00:14:00.600
also meine Enkel sind groß, da merke ich jetzt:

00:14:01.000 --> 00:14:02.600
Es wird immer weniger mit den Kontakten,

00:14:03.000 --> 00:14:04.600
also ich muss was tun.

00:14:05.000 --> 00:14:06.600
Ich bin ein Stückchen einsam, ja.

00:14:07.000 --> 00:14:08.600
Hat sie so auch formuliert.

00:14:09.000 --> 00:14:11.600
Sarah Zerback: Rund um das Tiny House am Südstern hat sich ein Netzwerk entwickelt von Menschen,

00:14:12.000 --> 00:14:13.600
die sich kennen und unterstützen.

00:14:14.000 --> 00:14:17.600
Aber, sagt Harald Hüttmann, man muss es gar nicht immer so groß denken.

00:14:18.000 --> 00:14:21.600
Harald Hüttmann: Es geht gar nicht drum, dass das jetzt eine lange Beziehung ist.

00:14:22.000 --> 00:14:29.600
Aber einen glücklichen Moment irgendwie mitzuinitiieren, das ist doch schon mal was.

00:14:30.000 --> 00:14:31.600
*Musik*

00:14:32.000 --> 00:14:33.600
Sarah Zerback: Wir haben es eben schon gehört:

00:14:34.000 --> 00:14:39.600
Seit der Coronapandemie hat das Thema Einsamkeit mehr Aufmerksamkeit bekommen, auch politisch.

00:14:40.000 --> 00:14:45.600
Mit dem sogenannten Einsamkeitsbarometer gab es 2024 zum ersten Mal umfassende Zahlen dazu,

00:14:46.000 --> 00:14:49.600
welche Rolle Einsamkeit im Leben der Deutschen spielt.

00:14:50.000 --> 00:14:53.600
Aus dem Einsamkeitsbarometer 2024 geht hervor,

00:14:54.000 --> 00:14:57.600
dass die Einsamkeitsbelastung im Jahr 2020 besonders hoch war,

00:14:58.000 --> 00:15:00.600
sie hatte sich im Vergleich zu den Vorjahren knapp vervierfacht.

00:15:01.000 --> 00:15:04.600
Die Studie zeigt auch, dass Menschen, die viel Care-Arbeit leisten,

00:15:05.000 --> 00:15:07.600
mehr von Einsamkeit betroffen sind

00:15:08.000 --> 00:15:11.600
und dass Migrations- oder Fluchterfahrungen Einsamkeit befördern.

00:15:12.000 --> 00:15:13.600
Außerdem stellt die Studie fest:

00:15:14.000 --> 00:15:17.600
„Einsamkeitsbelastungen beeinflussen die Einstellungen zur Demokratie.“

00:15:18.000 --> 00:15:22.600
Wie Einsamkeit und Politik zusammenhängen und wie sich Einsamkeit überhaupt messen lässt,

00:15:23.000 --> 00:15:25.600
darüber habe ich mit der Sozialpsychologin Alma Merscher gesprochen.

00:15:26.000 --> 00:15:28.600
*Musik*

00:15:29.000 --> 00:15:30.600
Sarah Zerback: Schönen guten Tag, Alma Merscher.

00:15:31.000 --> 00:15:31.600
Alma Merscher: Schönen guten Tag.

00:15:32.000 --> 00:15:33.600
Sarah Zerback: Sie forschen ja vor allem zur Einsamkeit.

00:15:34.000 --> 00:15:38.600
Da fragt man sich natürlich direkt, das ist so ein subjektives Gefühl, Einsamkeit,

00:15:39.000 --> 00:15:41.600
wie macht man das sichtbar und wie misst man das?

00:15:42.000 --> 00:15:44.600
Alma Merscher: Wir haben unterschiedliche Methoden dafür

00:15:45.000 --> 00:15:50.600
und in der Psychologie sind so die gängigsten Ansätze dafür qualitative und quantitative Forschung.

00:15:51.000 --> 00:15:55.600
Die qualitative Forschung befasst sich häufig mit Interviews,

00:15:56.000 --> 00:15:58.600
die beispielsweise, was Einsamkeit betrifft, danach fragen,

00:15:59.000 --> 00:16:01.600
was Menschen unter Einsamkeit verstehen.

00:16:02.000 --> 00:16:05.600
Und die quantitative Forschung nutzt eher Fragebögen.

00:16:06.000 --> 00:16:09.600
Dazu zählen dann zum Beispiel direkte Fragen danach,

00:16:10.000 --> 00:16:11.600
wie einsam sich Menschen fühlen.

00:16:12.000 --> 00:16:14.600
Also, da wird zum Beispiel nach dem Zustimmungsgrad dann gefragt.

00:16:15.000 --> 00:16:18.600
Oder auch indirekte Fragen.

00:16:19.000 --> 00:16:21.600
Wie es zum Beispiel in der UCLA-Einsamkeitsskala gemacht wird.

00:16:22.000 --> 00:16:23.600
Das ist so ein ganz gängiges Maß.

00:16:24.000 --> 00:16:28.600
Und da wird der Zustimmungsgrad zum Beispiel erfragt zu Fragen wie

00:16:29.000 --> 00:16:32.600
„Ich fühle mich niemandem nah“, „ich fühle mich ausgeschlossen“.

00:16:33.000 --> 00:16:36.600
Und über diese verschiedenen Methoden versuchen wir einerseits,

00:16:37.000 --> 00:16:40.600
sozusagen die Vielfalt an Einsamkeitserfahrungen zu erfassen,

00:16:41.000 --> 00:16:43.600
aber auch durchschnittlich beurteilen zu können,

00:16:44.000 --> 00:16:49.600
womit zum Beispiel erhöhte oder weniger hohe Einsamkeitswerte zusammenhängen.

00:16:50.000 --> 00:16:53.600
Sarah Zerback: Kann man denn davon ausgehen, dass die Menschen, die Sie fragen,

00:16:54.000 --> 00:16:56.600
dass die, also ehrlich werden Sie ja wahrscheinlich meistens antworten,

00:16:57.000 --> 00:17:00.600
aber es heißt ja nicht immer, dass das auch sozusagen deckungsgleich ist mit der Realität.

00:17:01.000 --> 00:17:06.600
Also, wie stellen Sie sicher, dass da sozusagen hinter den Antworten dann auch das passende Gefühl steckt?

00:17:07.000 --> 00:17:10.600
Alma Merscher: Da kommt unter anderem dann die qualitative Forschung ins Spiel,

00:17:11.000 --> 00:17:13.600
in der dann zum Beispiel explizit danach gefragt wird, unter anderem,

00:17:14.000 --> 00:17:17.600
was Personen unter Einsamkeit verstehen und ob das deckungsgleich ist mit dem,

00:17:18.000 --> 00:17:21.600
was wir dann da tatsächlich auch in den Fragebögen abfragen.

00:17:22.000 --> 00:17:26.600
Und dann gibt es auch noch so statistische Methoden, die sich anschauen,

00:17:27.000 --> 00:17:30.600
ob die direkte Frage danach, wie einsam sich Menschen fühlen,

00:17:31.000 --> 00:17:35.600
tatsächlich auch durch die indirekten Fragen nach Einsamkeit,

00:17:36.000 --> 00:17:41.600
also zum Beispiel wie die Frage, „ich fühle mich niemandem nah, ich fühle mich ausgeschlossen“, abgebildet werden.

00:17:42.000 --> 00:17:45.600
Sarah Zerback: Haben Sie das Gefühl, Einsamkeit nimmt zu

00:17:46.000 --> 00:17:48.600
und ist das deckungsgleich mit dem, was Sie messen?

00:17:49.000 --> 00:17:52.600
Alma Merscher: Ja, diese Frage ist ein bisschen komplex.

00:17:53.000 --> 00:17:58.600
Wir gehen davon aus, dass Risikofaktoren und möglicherweise auch die Art der Einsamkeit unterschiedlich ist,

00:17:59.000 --> 00:18:03.600
je nachdem eben welche Altersspanne, welche Gruppe, in welchen Ländern gemeint ist.

00:18:04.000 --> 00:18:07.600
Bei jüngeren Menschen zum Beispiel wissen wir,

00:18:08.000 --> 00:18:10.600
dass es super wichtig ist, einen Vollzeitjob zu haben,

00:18:11.000 --> 00:18:15.600
dass der Beziehungsstatus eine große Rolle spielt, aber auch die sozialen Medien.

00:18:16.000 --> 00:18:20.600
Und bei älteren Leuten ist es dann vielleicht mehr zum Beispiel so was wie Mobilitätseinschränkungen,

00:18:21.000 --> 00:18:26.600
internalisierte Altersdiskriminierung, Verlust vom sozialen Umfeld.

00:18:27.000 --> 00:18:33.600
Genau. Und im Durchschnitt zeigt sich beispielsweise in Deutschland erst mal keine klare einheitliche Linie.

00:18:34.000 --> 00:18:38.600
Also während der Coronapandemie gab es einen Anstieg.

00:18:39.000 --> 00:18:42.600
Bei älteren Leuten ist er danach wieder so ungefähr auf das Niveau von davor gesunken.

00:18:43.000 --> 00:18:51.600
Bei jüngeren hingegen ist er auf einem relativ hohen Niveau verharrt.

00:18:52.000 --> 00:18:54.600
Und trotzdem halten die meisten Forschenden den Begriff,

00:18:55.000 --> 00:18:56.600
der häufig auch in den Medien verwendet wird,

00:18:57.000 --> 00:19:00.600
einer „Epidemie der Einsamkeit“ für übertrieben.

00:19:01.000 --> 00:19:04.600
Was allerdings, ich sagen würde, was passiert ist, ist,

00:19:05.000 --> 00:19:07.600
dass vielleicht auch durch die Pandemie in den Medien und der Öffentlichkeit

00:19:08.000 --> 00:19:09.600
mehr über Einsamkeit gesprochen wird.

00:19:10.000 --> 00:19:13.600
Das heißt also unter anderem, das sehen wir auch,

00:19:14.000 --> 00:19:17.600
politische Agenden haben Einsamkeit aufgenommen

00:19:18.000 --> 00:19:20.600
und das kann natürlich schon dazu geführt haben,

00:19:21.000 --> 00:19:23.600
dass wir sensibler für das Thema zumindest geworden sind,

00:19:24.000 --> 00:19:26.600
dass wir ein größeres Bewusstsein dafür haben.

00:19:27.000 --> 00:19:29.600
Sarah Zerback: Vielleicht können Sie ein bisschen was zu den Risikofaktoren sagen.

00:19:30.000 --> 00:19:35.600
Also, was begünstigt Einsamkeit jetzt vielleicht auch mal abgesehen davon,

00:19:36.000 --> 00:19:38.600
dass wir da auch eine Prädisposition haben können?

00:19:39.000 --> 00:19:42.600
Alma Merscher: Ja, wir gehen davon aus, dass es verschiedene Ebenen gibt,

00:19:43.000 --> 00:19:46.600
auf denen Risikofaktoren vorliegen können.

00:19:47.000 --> 00:19:49.600
Einsamkeit wird längst nicht mehr nur als individuelles Problem gesehen,

00:19:50.000 --> 00:19:53.600
sondern Soziologinnen vor allem sagen,

00:19:54.000 --> 00:20:00.600
dass diese Risikofaktoren auf der Mikro-, Meso- und Makro-Ebene sich abspielen können.

00:20:01.000 --> 00:20:05.600
Dabei bezeichnet die Mikroebene sowas wie individuelle Faktoren.

00:20:06.000 --> 00:20:09.600
Dazu gehört beispielsweise sowas wie eine unsichere Bindung,

00:20:10.000 --> 00:20:13.600
große Schüchternheit oder auch fehlende soziale Fertigkeiten

00:20:14.000 --> 00:20:20.600
und eben bestimmte Persönlichkeitsprädispositionen.

00:20:21.000 --> 00:20:24.600
Soziale Faktoren wären dann auf der Mesoebene zu verordnen.

00:20:25.000 --> 00:20:29.600
Das wäre dann sowas wie die Qualität des sozialen Netzwerks.

00:20:30.000 --> 00:20:34.600
Also da fließt dann sowas wie die Größe ein, der Beziehungsstatus,

00:20:35.000 --> 00:20:39.600
die soziale Unterstützung, die einem widerfährt durch das soziale Netzwerk

00:20:40.000 --> 00:20:44.600
und zum Beispiel aber auch so was wie Mobbing und Diskriminierung.

00:20:47.000 --> 00:20:51.600
Und dann gibt es die Makroebene, das wären dann eher strukturelle Faktoren.

00:20:52.000 --> 00:20:57.600
Das kann dann zum Beispiel eine schlechte Infrastruktur sein,

00:20:58.000 --> 00:21:02.600
soziale Ungerechtigkeiten, wie zum Beispiel ungleiche ökonomische Ressourcen.

00:21:03.000 --> 00:21:07.600
Armut, wissen wir zum Beispiel, ist ein großer Risikofaktor von Einsamkeit.

00:21:08.000 --> 00:21:09.600
Ungleiche Bildungs- und Einkommenschancen.

00:21:10.000 --> 00:21:15.600
Also alles, was irgendwie die Teilhabe verringern kann an gesellschaftlichem Leben.

00:21:16.000 --> 00:21:21.600
Sarah Zerback: Und welche Art von Einsamkeit, diese Vielzahl, die Sie da aufgezählt haben,

00:21:22.000 --> 00:21:24.600
ist denn gesellschaftlich politisch relevant?

00:21:25.000 --> 00:21:28.600
Alma Merscher: Die Forschung zu diesem Thema ist noch relativ jung.

00:21:29.000 --> 00:21:32.600
Deswegen haben wir noch keine ganz klare Antwort auf diese Frage.

00:21:33.000 --> 00:21:34.600
In einer ersten Studie konnten wir aber zeigen,

00:21:35.000 --> 00:21:40.600
dass insbesondere das Gefühl nicht in die Gesellschaft hinein zu passen,

00:21:41.000 --> 00:21:43.600
mit einer größeren Wahrscheinlichkeit damit einherging,

00:21:44.000 --> 00:21:47.600
zum Beispiel bei der letzten Bundestagswahl in Deutschland eine der populistischen Parteien zu wählen.

00:21:48.000 --> 00:21:53.600
Darunter haben wir jetzt das BSW und die AfD gezählt.

00:21:54.000 --> 00:21:58.600
Auf Englisch wird dieses Gefühl auch als Misfit bezeichnet.

00:21:59.000 --> 00:22:03.600
Das heißt, wie gesagt, dass man irgendwie so eine Art gesellschaftlicher Outcast ist.

00:22:04.000 --> 00:22:06.600
Sarah Zerback: Man passt irgendwie nicht rein oder hat das Gefühl, nicht dazuzugehören.

00:22:07.000 --> 00:22:08.600
Alma Merscher: Absolut, ja.

00:22:09.000 --> 00:22:12.600
Es ist also möglicherweise nicht die nahe Bezugsperson, die einem fehlt,

00:22:13.000 --> 00:22:17.600
was wahrscheinlich am ehesten von emotionaler Einsamkeit abgegriffen würde.

00:22:18.000 --> 00:22:21.600
Und auch nicht unbedingt das fehlende direkte soziale Umfeld,

00:22:22.000 --> 00:22:24.600
was häufig eben unter soziale Einsamkeit fällt,

00:22:25.000 --> 00:22:28.600
sondern eher eben das Gefühl, sich insgesamt der Gesellschaft

00:22:29.000 --> 00:22:32.600
oder einer übergeordneten Gruppe nicht oder nicht mehr richtig zugehörig zu fühlen.

00:22:33.000 --> 00:22:41.600
Also dieses Gefühl des Misfits weist konzeptuell auf eine gewisse Weise eine Ähnlichkeit

00:22:42.000 --> 00:22:44.600
mit der sogenannten kollektiven Einsamkeit auf.

00:22:45.000 --> 00:22:48.600
Sarah Zerback: Was begünstigt das denn, dass man dieses Gefühl hat, nicht dazuzugehören?

00:22:49.000 --> 00:22:50.600
Was spielt da rein?

00:22:51.000 --> 00:22:52.600
Alma Merscher: Also aus der psychologischen Forschung wissen wir,

00:22:53.000 --> 00:22:59.600
dass einsame Individuen ihre Aufmerksamkeit stärker auf sozial bedrohliche Reize legen,

00:23:00.000 --> 00:23:03.600
eher davon ausgehen, dass ihnen andere etwas Böses wollen

00:23:04.000 --> 00:23:07.600
und eher erwarten, dass andere sie ablehnen oder negativ bewerten.

00:23:08.000 --> 00:23:12.600
Das kann natürlich befördern, dass man das Gefühl hat,

00:23:13.000 --> 00:23:15.600
irgendwie passe ich hier nicht rein, irgendwas ist hier nicht richtig,

00:23:16.000 --> 00:23:19.600
und sich eher abgelehnt fühlt durch das soziale Umfeld.

00:23:20.000 --> 00:23:27.600
Also einsame Individuen sehen die soziale Welt förmlich durch eine Art dunkle, misstrauische Brille.

00:23:28.000 --> 00:23:30.600
Sarah Zerback: Wie befördert das eine bestimmte politische Einstellung

00:23:31.000 --> 00:23:35.600
und führt dann dazu, dass eben bestimmte Parteien dann auch eher gewählt werden

00:23:36.000 --> 00:23:38.600
oder dass man sich denen eher irgendwie nahe fühlt?

00:23:39.000 --> 00:23:42.600
Alma Merscher: Auch das können wir noch nicht mit genug Sicherheit sagen,

00:23:43.000 --> 00:23:45.600
aber es gibt Theorien, die postulieren, dass sich diese,

00:23:46.000 --> 00:23:47.600
ich nenne sie jetzt mal negativen Verzerrungen in der Wahrnehmung,

00:23:48.000 --> 00:23:53.600
insbesondere bei Menschen, die längere Zeit oder auch chronisch einsam sind,

00:23:54.000 --> 00:23:55.600
festsetzen und verstärken können.

00:23:56.000 --> 00:23:59.600
Und das kann wiederum einhergehen mit starken negativen Gefühlen,

00:24:00.000 --> 00:24:03.600
die auf unterschiedliche Art und Weise wiederum kompensiert werden können.

00:24:04.000 --> 00:24:09.600
Zum Beispiel reagieren manche mit Rückzug und Resignation,

00:24:10.000 --> 00:24:17.600
was möglicherweise mit weniger Wahlbeteiligung und Selbstwirksamkeitseinbußen einhergehen könnte,

00:24:18.000 --> 00:24:21.600
und manche reagieren mit Wut und Schuldzuweisung,

00:24:22.000 --> 00:24:26.600
um zum Beispiel den eigenen Selbstwert zu schützen.

00:24:27.000 --> 00:24:30.600
Und das wiederum kann der Boden für populistische Parteien sein.

00:24:31.000 --> 00:24:34.600
Sarah Zerback: Also, die docken genau da an und versuchen das abzurufen,

00:24:35.000 --> 00:24:37.600
diese Unzufriedenheit quasi noch dann zu befeuern?

00:24:38.000 --> 00:24:42.600
Alma Merscher: Genau, also Populisten wenden sich häufig sehr direkt an Gefühle.

00:24:43.000 --> 00:24:47.600
Sie bestätigen der einsamen Person quasi,

00:24:48.000 --> 00:24:51.600
dass irgendwas nicht stimmt und irgendwas vielleicht auch mit der Gesellschaft nicht stimmt

00:24:52.000 --> 00:24:57.600
und bieten selbst Kompensation für diese starken negativen Gefühlszustände an.

00:24:58.000 --> 00:25:02.600
Indem sie zum Beispiel Schuldige definieren,

00:25:03.000 --> 00:25:06.600
wie häufig eine korrupte, vertrauensunwürdige Elite,

00:25:07.000 --> 00:25:14.600
oder bei rechtspopulistischen Parteien häufig auch Migrant*innen

00:25:15.000 --> 00:25:18.600
und bieten vermeintlich einfache Lösungen, indem sie zum Beispiel sagen,

00:25:19.000 --> 00:25:23.600
wir stellen die alte Ordnung und Stabilität wieder her, die wir verloren haben.

00:25:24.000 --> 00:25:27.600
Wir bieten euch Anschluss, Identität und Zugehörigkeit,

00:25:28.000 --> 00:25:30.600
indem sie zum Beispiel eine klare In-Group,

00:25:31.000 --> 00:25:36.600
wie wir sie häufig nennen, abtrennen von einem Gegenbild.

00:25:37.000 --> 00:25:37.600
Sarah Zerback: Wir gegen die.

00:25:38.000 --> 00:25:40.600
Alma Merscher: Wir gegen die, richtig, genau.

00:25:41.000 --> 00:25:46.600
Und zum Schluss bieten sie eben auch Bedeutsamkeit und starke positive Gefühle,

00:25:47.000 --> 00:25:54.600
so was wie zum Beispiel Stolz an, der unter anderem auch vermittelt wird durch diesen Anschluss

00:25:55.000 --> 00:25:57.600
und die neue Identität und Zugehörigkeit.

00:25:58.000 --> 00:26:01.600
Sarah Zerback: Sie haben ja gerade von vermeintlichen Lösungen gesprochen, die sie anbieten, die Populisten,

00:26:02.000 --> 00:26:06.600
aber schaffen sie es denn auch, tatsächlich die Einsamkeitsgefühle zu reduzieren durch das,

00:26:07.000 --> 00:26:11.600
was sie den Wählerinnen und Wählern, die einsam sind, da bieten?

00:26:12.000 --> 00:26:12.600
Alma Merscher: Das ist eine gute Frage.

00:26:13.000 --> 00:26:14.600
Wir wissen es nicht genau.

00:26:15.000 --> 00:26:16.600
Das heißt, wir können nicht so richtig sagen,

00:26:17.000 --> 00:26:18.600
ob ein bestimmtes gesellschaftliches Klima zum Beispiel,

00:26:19.000 --> 00:26:23.600
das durch Populisten befördert wird, Einsamkeit verstärkt

00:26:24.000 --> 00:26:27.600
oder ob die Einsamkeit Populismus verstärkt.

00:26:28.000 --> 00:26:33.600
Also es gibt wahrscheinlich für beide Wirkrichtungen mögliche theoretische Ansätze,

00:26:34.000 --> 00:26:37.600
aber das müssen wir in der Forschung noch näher beleuchten und besser verstehen.

00:26:38.000 --> 00:26:41.600
Sarah Zerback: Da so gezielt an das Gefühl Einsamkeit anzudocken

00:26:42.000 --> 00:26:43.600
und das so als politischen Nährboden zu nutzen,

00:26:44.000 --> 00:26:45.600
würden Sie so weitgehend so sagen,

00:26:46.000 --> 00:26:48.600
da liegt auch ein Gefährdungspotenzial für die Demokratie drin?

00:26:49.000 --> 00:26:52.600
Alma Merscher: Ja, ich denke, also jetzt gerade,

00:26:53.000 --> 00:26:55.600
wenn wir über den Populismus sprechen,

00:26:56.000 --> 00:26:58.600
dass ein Problem für die Demokratie ist,

00:26:59.000 --> 00:27:02.600
dass Populismus nicht primär mit Fakten oder Logik argumentiert,

00:27:03.000 --> 00:27:05.600
sondern eher an Gefühle appelliert,

00:27:06.000 --> 00:27:08.600
wie zum Beispiel Angst, Wut und Empörung.

00:27:09.000 --> 00:27:11.600
Und dadurch weckt Populismus das Gefühl,

00:27:12.000 --> 00:27:12.600
dass Emotionen genügen könnten,

00:27:13.000 --> 00:27:16.600
um gesellschaftliche Prozesse zu verstehen und mitzugestalten.

00:27:17.000 --> 00:27:25.600
Und diese Emotionen werden zudem auch noch klar gelenkt auf eindeutige, klar identifizierte Gegenbilder.

00:27:26.000 --> 00:27:30.600
Das kann natürlich sowas wie Polarisierung befördern und spalten.

00:27:31.000 --> 00:27:35.600
Und das kann Grundlagen der Demokratie schwächen,

00:27:36.000 --> 00:27:41.600
die auf vernünftigem, argumentativem Austausch und auch auf Pluralität beruhen.

00:27:42.000 --> 00:27:45.600
Sarah Zerback: Das Problem wiederum scheinen ja auch die demokratischen Parteien auf dem Schirm zu haben.

00:27:46.000 --> 00:27:49.600
Also, die Bundesregierung beziehungsweise das Bundesfamilienministerium,

00:27:50.000 --> 00:27:54.600
die schauen ja auch ganz genau auf das Einsamkeitslevel in der Gesellschaft.

00:27:55.000 --> 00:27:56.600
Es gibt das sogenannte Einsamkeitsbarometer.

00:27:57.000 --> 00:27:58.600
Wie würden Sie das denn bewerten?

00:27:59.000 --> 00:28:00.600
Ist das ein guter Gradmesser für Einsamkeit?

00:28:01.000 --> 00:28:04.600
Alma Merscher: Ja, also ich denke, das ist ein sehr guter und wichtiger Schritt,

00:28:05.000 --> 00:28:08.600
Einsamkeitsbelastungen in unserer Gesellschaft besser zu verstehen,

00:28:09.000 --> 00:28:12.600
um daraufhin dann auch gezielter eingreifen zu können.

00:28:13.000 --> 00:28:15.600
Auch zum Beispiel, dass Minderheiten mehr beleuchtet werden,

00:28:16.000 --> 00:28:17.600
ist etwas, das mir sehr positiv auffällt,

00:28:18.000 --> 00:28:22.600
weil es in der Forschung bis jetzt noch eigentlich zu wenig erforscht ist.

00:28:23.000 --> 00:28:27.600
Wir aber wissen, dass diese Gruppe besonders einsamkeitsgefährdet ist.

00:28:28.000 --> 00:28:31.600
Eine kleine Einschränkung, die das Barometer aufweist, ist,

00:28:32.000 --> 00:28:35.600
dass die verschiedenen Facetten von Einsamkeit nicht abgebildet werden,

00:28:36.000 --> 00:28:40.600
sondern Einsamkeit eben eher unidimensional gegriffen wird mit nur drei Fragen.

00:28:41.000 --> 00:28:43.600
Das liegt aber natürlich auch an Ressourcen.

00:28:44.000 --> 00:28:47.600
Das heißt, also wenn wir besonders viele Leute abfragen wollen

00:28:48.000 --> 00:28:51.600
und vor allem viele verschiedene Maße und Variablen erheben,

00:28:52.000 --> 00:28:56.600
dann müssen wir auch bisschen an deren zeitliche Ressourcen denken.

00:28:57.000 --> 00:28:59.600
Deswegen wurde das reduziert auf drei Fragen,

00:29:00.000 --> 00:29:03.600
die aber gut validiert sind und in der Forschung auch erprobt.

00:29:04.000 --> 00:29:07.600
Sarah Zerback: Also, Problemanalyse ist wichtig, ist das eine.

00:29:08.000 --> 00:29:10.600
Welche Schlüsse man daraus dann zieht als Politik, ist ja das andere.

00:29:11.000 --> 00:29:15.600
Wie müsste denn eine gute Einsamkeitspolitik sozusagen aussehen,

00:29:16.000 --> 00:29:17.600
um den Menschen wirklich zu helfen an der Stelle

00:29:18.000 --> 00:29:20.600
und damit ja auch wiederum die Demokratie zu stärken.

00:29:21.000 --> 00:29:24.600
Alma Merscher: Ja, absolut. Es gibt verschiedene Möglichkeiten.

00:29:25.000 --> 00:29:29.600
Wir haben ja vorhin schon über verschiedene Risikofaktoren gesprochen

00:29:30.000 --> 00:29:32.600
und diese Risikofaktoren könnte man natürlich angehen.

00:29:33.000 --> 00:29:37.600
Also einerseits zum Beispiel damit, dass man Teilhabechancen

00:29:38.000 --> 00:29:43.600
wie zum Beispiel günstige Mobilität und kostenfreie Begegnungsräume herstellt,

00:29:44.000 --> 00:29:46.600
die Austausch ermöglichen.

00:29:47.000 --> 00:29:49.600
Aber auch dass man eine gute Infrastruktur hat,

00:29:50.000 --> 00:29:53.600
Inklusions- und Antidiskriminierungsarbeit leistet,

00:29:54.000 --> 00:29:57.600
Armutsbekämpfung betreibt und auch Früherkennung

00:29:58.000 --> 00:30:03.600
und Hilfesysteme im Gesundheits- und Bildungswesen einführt.

00:30:04.000 --> 00:30:06.600
Also ganz wichtig, denke ich, ist auch der Punkt noch mal,

00:30:07.000 --> 00:30:11.600
Einsamkeit zu enttabuisieren und stetig zu messen, um es einfach besser zu verstehen.

00:30:12.000 --> 00:30:14.600
Also da macht die Bundesregierung schon gute erste Schritte.

00:30:15.000 --> 00:30:19.600
Sarah Zerback: Heißt also sozusagen Begegnungsräume schaffen,

00:30:20.000 --> 00:30:21.600
Teilhabe, all das, was Sie gerade gesagt haben,

00:30:22.000 --> 00:30:25.600
Quartiersmanagement ist ja dann auch immer so ein Stichwort.

00:30:26.000 --> 00:30:28.600
Aber Geselligkeit verordnen kann man nicht.

00:30:29.000 --> 00:30:32.600
Alma Merscher: Ja, ich glaube, das ist schwieriger.

00:30:33.000 --> 00:30:35.600
Erstens auch, weil Einsamkeit so divers ist

00:30:36.000 --> 00:30:38.600
und jede Person unterschiedliche Bedürfnisse hat.

00:30:39.000 --> 00:30:48.600
Deswegen sind meines Erachtens Ansätze, die Geselligkeit ermöglichen, der bessere Weg.

00:30:49.000 --> 00:30:51.600
Sarah Zerback: Alma Merscher, vielen Dank für das Interview.

00:30:52.000 --> 00:30:53.600
Alma Merscher: Ganz herzlichen Dank, Frau Zerback.

00:30:54.000 --> 00:30:55.600
*Musik*

00:30:56.000 --> 00:30:57.600
Was wir also mitnehmen können:

00:30:58.000 --> 00:31:02.600
1. Es gibt verschiedene Faktoren, die vor Einsamkeit schützen können:

00:31:03.000 --> 00:31:05.600
Zeit für Beziehungen, Gleichberechtigung, Wohlstand.

00:31:06.000 --> 00:31:07.600
Das hat Janosch Schobin erklärt.

00:31:08.000 --> 00:31:11.600
2. Wer sich der Gesellschaft nicht mehr zugehörig fühlt,

00:31:12.000 --> 00:31:16.600
wird ansprechbarer für populistische Thesen, die gerade solche Gefühle aufgreifen.

00:31:17.000 --> 00:31:18.600
Das hat Alma Merscher beschrieben.

00:31:19.000 --> 00:31:24.600
3. Räume und Gelegenheiten für Begegnung helfen gegen Einsamkeit.

00:31:25.000 --> 00:31:27.600
Im Kreuzberger Zuhörkiosk haben wir erlebt,

00:31:28.000 --> 00:31:30.600
was für einen positiven Effekt allein ein offenes Ohr haben kann.

00:31:31.000 --> 00:31:34.600
*Musik*

00:31:35.000 --> 00:31:36.600
Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

00:31:37.000 --> 00:31:40.600
In unserem Heft mit dem Titel „Einsamkeit“ können Sie noch mehr zum Thema lesen.

00:31:41.000 --> 00:31:43.600
Den Link dazu finden Sie in den Shownotes.

00:31:44.000 --> 00:31:46.600
Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast.

00:31:47.000 --> 00:31:51.600
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de.

00:31:52.000 --> 00:31:53.600
In vier Wochen erscheint die nächste Folge.

00:31:54.000 --> 00:31:55.600
Dann sprechen wir über Syrien.

00:31:56.000 --> 00:31:58.600
Mein Name ist Sarah Zerback, bis zum nächsten Mal.

00:31:59.000 --> 00:32:13.600
*Musik*

00:32:14.000 --> 00:32:14.600
Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“

00:32:15.000 --> 00:32:18.600
wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:32:19.000 --> 00:32:24.600
Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Johannes Piepenbrink und Isabel Röder.

00:32:25.000 --> 00:32:27.600
Produktion: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald.

00:32:28.000 --> 00:32:30.600
Am Mikrofon war Sarah Zerback.

00:32:31.000 --> 00:32:32.600
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:32:33.000 --> 00:32:37.000
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