WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:01.900
*Musik*

00:00:01.900 --> 00:00:04.600
„Machen wir unsere Demokratie kaputt?“

00:00:04.600 --> 00:00:10.900
O-Ton Tagesschau: Die Demokratie in Deutschland sei stärker bedroht als es von der Mitte der Gesellschaft wahrgenommen werde.

00:00:10.900 --> 00:00:14.800
Diese Warnung kommt vom Präsidenten des Bundesamtes Verfassungsschutzes, Haldenwang.

00:00:14.800 --> 00:00:21.700
Nach Angaben der Veranstalter sind es .000 Menschen, die am Nachmittag um den Leipziger Ring ziehen.

00:00:21.700 --> 00:00:23.600
Ihr Anliegen: Demokratie verteidigen.

00:00:23.600 --> 00:00:26.600
Es geht um die Demokratie den Erhalt der Demokratie.

00:00:26.600 --> 00:00:28.100
Keiner möchte in einer Diktatur wachwerden.

00:00:28.100 --> 00:00:30.500
Was ist die größte Gefahr für die Demokratie?

00:00:30.500 --> 00:00:33.200
Na, dass es keine mehr ist.

00:00:33.200 --> 00:00:36.500
Das waren einige Ausschnitte aus Tagesschau und Tagesthemen.

00:00:36.500 --> 00:00:40.700
Immer wieder geht es hier um die Frage: Ist unsere Demokratie in Gefahr?

00:00:40.700 --> 00:00:43.200
Und auch wir stellen diese Frage ja im Titel dieser Folge.

00:00:43.200 --> 00:00:46.900
Doch mit einem klaren „Ja“ oder „Nein“ ist sie natürlich nicht zu beantworten.

00:00:46.900 --> 00:00:49.600
*Musik*

00:00:49.600 --> 00:00:52.700
Wir sprechen in dieser Folge über unsere Demokratie und darüber,

00:00:52.700 --> 00:00:55.100
was sie in Gefahr bringen und was sie stärken kann.

00:00:55.100 --> 00:00:59.400
Sie hören den Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ und ich bin Sarah Zerback.

00:00:59.400 --> 00:01:04.700
Die Politikwissenschaftlerin Susanne Pickel erklärt, was die Demokratie im Kern ausmacht

00:01:04.700 --> 00:01:07.700
und warum das Konzept zum Teil missverstanden wird.

00:01:07.700 --> 00:01:11.200
Ich habe außerdem mit dem Politikwissenschaftler Veith Selk darüber gesprochen,

00:01:11.200 --> 00:01:14.800
warum er die Demokratie auf dem absteigenden Ast sieht.

00:01:14.800 --> 00:01:18.300
Und die Psychologin und Politikerin Marina Weisband macht Vorschläge,

00:01:18.300 --> 00:01:22.100
wie Demokratie schon in der Schule tatsächlich gelebt werden kann.

00:01:22.100 --> 00:01:30.800
Die Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ zum Thema „Demokratie in Gefahr?“ finden Sie auf bpb.de/apuz.

00:01:30.800 --> 00:01:33.200
Wie immer gibt es auch zu dieser Folge ein Transkript.

00:01:33.200 --> 00:01:37.500
Sie finden es in der bpb-Mediathek oder als Link in den Shownotes.

00:01:37.500 --> 00:01:52.900
*Musik*

00:01:52.900 --> 00:01:57.500
In der Wahlkabine sein Kreuz machen, demonstrieren gehen, sagen dürfen, was man denkt,

00:01:57.500 --> 00:02:01.200
das sind vielleicht so ein paar erste Assoziationen zur Demokratie.

00:02:01.200 --> 00:02:06.300
Die Frage, was Demokratie genau ist oder sein soll, ist aber gar nicht so leicht zu beantworten.

00:02:06.300 --> 00:02:12.000
Seit der Antike ist der Kern von Demokratie die „Herrschaft des Volkes“,

00:02:12.000 --> 00:02:16.700
wobei man sagen muss, dass damals zum sogenannten Volk längst nicht alle dazu gehörten.

00:02:16.700 --> 00:02:20.200
Bis heute hat sich unser Verständnis von Demokratie weiterentwickelt.

00:02:20.200 --> 00:02:23.100
Es gibt zum einen verschiedene Arten von Demokratien

00:02:23.100 --> 00:02:26.300
und zum anderen haben Bürgerinnen und Bürger unterschiedliche Vorstellungen davon,

00:02:26.300 --> 00:02:29.200
was Demokratie ist oder sein soll.

00:02:29.200 --> 00:02:32.600
Ein paar Merkmale von Demokratien sind aber nicht verhandelbar.

00:02:32.600 --> 00:02:38.500
Das sagt Susanne Pickel, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen.

00:02:38.500 --> 00:02:42.000
Pickel: Wichtig ist, dass Demokratie klar definiert ist.

00:02:42.000 --> 00:02:46.500
Es gibt ja häufiger Auseinandersetzungen um das Demokratieverständnis.

00:02:46.500 --> 00:02:51.000
Da werden dann westliche Verständnisse gegenüber nicht westlichen Verständnissen angeführt.

00:02:51.000 --> 00:02:55.200
Man kann aber Demokratie nicht so weit ausdehnen als Begriff.

00:02:55.200 --> 00:03:00.600
Ich sage gerne, wenn man von einem Tisch redet, meint man auch keinen Stuhl und ein Stuhl kann kein Tisch sein.

00:03:00.600 --> 00:03:05.300
Es hat zwar alles eine Ebene und vier Beine, aber es kommen unterschiedliche Merkmale dazu.

00:03:05.300 --> 00:03:09.700
Demokratie ist also klar definiert und üblicherweise beschreibt man sie

00:03:09.700 --> 00:03:14.500
als Freiheit, politische Gleichheit und politische Kontrolle.

00:03:14.500 --> 00:03:19.000
Die drei Elemente müssen da sein, damit man von Demokratie sprechen kann.

00:03:19.000 --> 00:03:22.800
Sarah Zerback: Auf Grundlage dieser Idee haben sich Demokratiekonzepte  herausgebildet,

00:03:22.800 --> 00:03:26.100
die unterschiedliche normative Schwerpunkte setzen

00:03:26.100 --> 00:03:31.800
die sozialistische Idee von Demokratie etwa, wo das Prinzip der Gleichheit die wichtigste Rolle spielt,

00:03:31.800 --> 00:03:36.500
die liberale Demokratie, in der individuelle Freiheit am wichtigsten ist,

00:03:36.500 --> 00:03:43.500
oder die partizipative Demokratie, die den Schwerpunkt auf die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger legt.

00:03:43.500 --> 00:03:51.800
Was auffällt: In Deutschland und insgesamt in Europa ist die grundsätzliche Zustimmung zur Demokratie als Staatsform sehr hoch.

00:03:51.800 --> 00:03:55.600
Wackeliger wird es, wenn es um einzelne Aspekte der Demokratie geht.

00:03:55.600 --> 00:04:00.600
Susanne Pickel hat das im Rahmen des . Demokratieberichts NRW untersucht.

00:04:00.600 --> 00:04:06.100
Die Forscherinnen und Forscher haben dabei versucht, genauer nachzufragen als manche anderen Erhebungen.

00:04:06.100 --> 00:04:10.100
Pickel: Oft wird da nur gefragt nach der Übereinstimmung oder nach dem Wunsch,

00:04:10.100 --> 00:04:14.200
nach der Idee und der Befürwortung der Idee der Demokratie.

00:04:14.200 --> 00:04:18.800
Da kriegen wir dann so 90%-Ergebnisse in Deutschland und eigentlich europaweit.

00:04:18.800 --> 00:04:24.600
Wenn wir in Deutschland dann fragen, wie sieht es denn aus mit der Umsetzung der Demokratie im Grundgesetz?

00:04:24.600 --> 00:04:27.900
Dann sind wir so bei 80% ungefähr.

00:04:27.900 --> 00:04:30.800
Und wenn wir diese Zustimmung dann bereinigen,

00:04:30.800 --> 00:04:34.500
um gleichzeitige Zustimmung zu einem starken Führer,

00:04:34.500 --> 00:04:38.300
der keine Rücksicht auf das Parlament nehmen muss,

00:04:38.300 --> 00:04:43.400
um den Wunsch nach einer einzigen Partei, die den Volkswillen insgesamt verkörpert,

00:04:43.400 --> 00:04:46.500
also ein völkisches Parteienverständnis und um die Ansicht,

00:04:46.500 --> 00:04:51.000
dass eine Diktatur zu Zeiten auch mal ganz nützlich sein könnte,

00:04:51.000 --> 00:04:54.100
dann sinkt diese dieser Anteil der reinen Demokraten,

00:04:54.100 --> 00:04:59.400
die all diesen autokratischen Elementen nicht zustimmen, auf etwa 50%.

00:04:59.400 --> 00:05:03.400
Sarah Zerback: Das heißt also: Viele Menschen finden die Demokratie zwar grundsätzlich gut,

00:05:03.400 --> 00:05:07.200
in ihr Verständnis von Demokratie mischen sich aber auch autokratische Elemente,

00:05:07.200 --> 00:05:11.600
etwa der Wunsch nach einem starken Führer, nach einem Einparteiensystem

00:05:11.600 --> 00:05:15.900
oder nach weniger Gewaltenteilung, damit besser „durchregiert“ werden kann.

00:05:15.900 --> 00:05:20.500
Diese Gruppe von Menschen bezeichnet Susanne Pickel als „fragile Demokraten“.

00:05:20.500 --> 00:05:26.000
Und ein solches fragiles Demokratieverständnis findet sich bei etwa 40% der Menschen.

00:05:26.000 --> 00:05:30.800
Ein wichtiger Faktor für das Funktionieren einer Demokratie ist Vertrauen.

00:05:30.800 --> 00:05:35.200
Einigermaßen viel Vertrauen hat unsere Gesellschaft in klassische politische Institutionen,

00:05:35.200 --> 00:05:38.700
die Polizei oder das Verfassungsgericht zum Beispiel.

00:05:38.700 --> 00:05:42.800
Wesentlich geringer ist das Vertrauen in Abgeordnete oder Parteien,

00:05:42.800 --> 00:05:47.200
es liegt in Deutschland bei 20%, erklärt Susanne Pickel.

00:05:47.200 --> 00:05:50.400
Und das nutzen populistische Akteure aus

00:05:50.400 --> 00:05:55.200
Pickel: Man kann nicht von einem Vertrauensverlust sprechen, das Vertrauen war nie besonders hoch.

00:05:55.200 --> 00:05:59.200
Es gibt keinen Zeitpunkt, wo wir festgestellt hätten in der Bundesrepublik,

00:05:59.200 --> 00:06:02.700
dass 80% der Menschen in Parteien oder den Politikern vertrauen.

00:06:02.700 --> 00:06:05.100
Das ist ein klassisches Politiker- und Parteienmisstrauen.

00:06:05.100 --> 00:06:09.100
Nur jetzt haben wir zwei Parteien, die dieses Misstrauen bedienen.

00:06:09.100 --> 00:06:13.700
Wir haben einen um sich greifenden Populismus, der sagt, na ja, denen da oben, den Eliten,

00:06:13.700 --> 00:06:18.400
denen kann man ja auch nicht vertrauen, weil die missachten uns, das Volk hier unten

00:06:18.400 --> 00:06:21.100
und wir haben nichts zu sagen und wir haben nichts mitzubestimmen.

00:06:21.100 --> 00:06:28.900
Insofern spielt Vertrauen heute eine noch wichtigere Rolle, wie es eigentlich theoretisch vorgesehen ist.

00:06:28.900 --> 00:06:34.400
Also Vertrauen ist so der Scharnierpunkt, bei dem die tagesaktuelle Politik sich verfestigt

00:06:34.400 --> 00:06:39.500
über längere Erfahrung hinein in die Anerkennungswürdigkeit der Demokratie

00:06:39.500 --> 00:06:42.700
und damit auf die Grundmauern dessen, was Demokratie ausmacht.

00:06:42.700 --> 00:06:46.700
Sarah Zerback: Wenn extremistische oder populistische Parteien an Zustimmung gewinnen,

00:06:46.700 --> 00:06:50.000
wie zuletzt bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg,

00:06:50.000 --> 00:06:57.100
dann zeigt das, dass es um das Vertrauen in die Demokratie und ihre handelnden Akteure nicht gut bestellt ist.

00:06:57.100 --> 00:07:02.200
Und wenn tatsächlich eine absolute Mehrheit der Wählerinnen und Wähler einer Partei ihre Stimme gäbe,

00:07:02.200 --> 00:07:05.500
die sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung stellt,

00:07:05.500 --> 00:07:10.200
dann besteht die Gefahr, dass die Demokratie nach und nach abgebaut wird.

00:07:10.200 --> 00:07:13.900
Für so einen Umbau gibt es international Beispiele.

00:07:13.900 --> 00:07:17.200
Wie das vonstattengeht, lässt sich etwa in Ungarn beobachten.

00:07:17.200 --> 00:07:21.900
Pickel: Die Regierungschefs greifen erstmal die Meinungsfreiheit und die Pressefreiheit an.

00:07:21.900 --> 00:07:28.100
Es wird also versucht, in der Presse ein einheitliches Bild von sich als Regierung und den Vorhaben zu schaffen.

00:07:28.100 --> 00:07:33.600
Wenn das erreicht ist, dann wird in der Regel versucht, das Wahlsystem zu ändern.

00:07:33.600 --> 00:07:38.200
In Ungarn ist es sogar ganz drastisch, die hatten vor Orbán schon ein sogenanntes Grabenwahlsystem,

00:07:38.200 --> 00:07:43.100
das Parteien, die etwa 20% der Stimmen erhalten haben,

00:07:43.100 --> 00:07:47.400
massiv bevorzugt bei der Umsetzung der Stimmenanteile in Sitzanteile.

00:07:47.400 --> 00:07:50.400
Dieses Grabenwahlsystem ist jetzt noch einmal verschärft worden.

00:07:50.400 --> 00:07:55.200
Im zweiten Schritt versucht man der politischen Kontrolle Herr zu werden,

00:07:55.200 --> 00:07:58.500
indem man das macht, was in Ungarn durchgesetzt worden ist

00:07:58.500 --> 00:08:02.000
und in Polen zurückgenommen, dass man die Judikative,

00:08:02.000 --> 00:08:05.600
also die Gerichtsbarkeit der Exekutive, also der Regierung unterwirft,

00:08:05.600 --> 00:08:10.200
dass zum Beispiel Richter durch den Justizminister oder die Ministerin ernannt werden können.

00:08:10.200 --> 00:08:15.200
Und wenn man das erreicht hat, dann geht es in der Regel weiter mit Organisationsfreiheit.

00:08:15.200 --> 00:08:20.500
Wir können beobachten, dass NGOs in Ungarn nicht mehr frei arbeiten können,

00:08:20.500 --> 00:08:26.500
dass sie sich registrieren lassen müssen, dass zum Beispiel Flüchtlingshilfe nur noch unter erschwerten Bedingungen möglich ist,

00:08:26.500 --> 00:08:31.100
Das sind alles Beschränkungen der freien Betätigungen, die letzten Endes dazu dienen,

00:08:31.100 --> 00:08:37.700
dass sich nur Organisationen noch umfänglich betätigen können, für ihre Interessen werben können,

00:08:37.700 --> 00:08:42.900
Unterstützung finden, die eng mit der mit der Regierung und ihrer Partei verkoppelt sind.

00:08:42.900 --> 00:08:48.300
Das geht relativ gut durchzusetzen, wenn man eine Zweidrittelmehrheit im Parlament

00:08:48.300 --> 00:08:54.100
entweder durch Koalition oder als alleinige Regierungspartei erreichen kann.

00:08:54.100 --> 00:08:57.600
Sarah Zerback: Ungarn ist nicht das einzige Beispiel für so einen Prozess.

00:08:57.600 --> 00:09:02.600
In Polen wurde unter der PiS-Regierung zum Beispiel das Justizsystem massiv umgebaut.

00:09:02.600 --> 00:09:04.800
Der Rückbau ist jetzt kompliziert.

00:09:04.800 --> 00:09:11.300
Auch in den USA ist es Donald Trump gelungen, den Obersten Gerichtshof in seinem Sinne zu besetzen, als er noch Präsident war.

00:09:11.300 --> 00:09:14.900
Welche Möglichkeiten gibt es also, die Demokratie zu stärken?

00:09:14.900 --> 00:09:19.500
Helfen könnte zum Beispiel das, was in der Politikwissenschaft „Responsivität“ genannt wird.

00:09:19.500 --> 00:09:27.100
Responsivität bedeutet, dass Politikerinnen und Politiker auf Ideen, Wünsche und Sorgen der Bevölkerung angemessen eingehen.

00:09:27.100 --> 00:09:33.800
Pickel: Responsivität heißt, das ist ein Kommunikationsverhältnis zwischen Bürgerinnen und Politikerinnen.

00:09:33.800 --> 00:09:37.600
Es ist nicht nur, dass die Politiker irgendwas machen und es dann hinterher erklären

00:09:37.600 --> 00:09:40.600
und von den Bürgern nachgeholt legitimiert haben wollen,

00:09:40.600 --> 00:09:43.700
sondern das ist ein Kommunikationsverhältnis, das würde Vertrauen stärken.

00:09:43.700 --> 00:09:47.300
Sarah Zerback: Ein ganz anderer Weg, die Demokratie zu schützen,

00:09:47.300 --> 00:09:54.400
wurde besonders nach den Correctiv-Recherchen im Januar 2024 in Bezug auf die AfD viel besprochen: das Parteienverbot.

00:09:54.400 --> 00:09:58.300
Susanne Pickel sagt: Das ist im Ernstfall ein probates Mittel,

00:09:58.300 --> 00:10:02.400
das wir in Deutschland nutzen können, damit sich die Demokratie nicht selbst abschafft.

00:10:02.400 --> 00:10:06.700
Sie glaubt aber, dass es bessere Wege gibt, die Demokratie zu schützen.

00:10:06.700 --> 00:10:10.600
Pickel: Der bessere Weg ist Überzeugungsarbeit und dazu gehört Aufklärung.

00:10:10.600 --> 00:10:17.700
Klare Gegensätze, nicht die Argumente und die Themen der antidemokratischen Parteien übernehmen.

00:10:17.700 --> 00:10:19.800
Warum passiert das?

00:10:19.800 --> 00:10:25.700
Weil Parteien glauben, wenn sie die Themen der Anti- oder in Teilen antidemokratischen Parteien übernehmen,

00:10:25.700 --> 00:10:28.200
dass sie dann deren Wähler übernehmen könnten.

00:10:28.200 --> 00:10:30.600
Das wird aber nicht passieren, sondern man muss klar dagegenhalten.

00:10:30.600 --> 00:10:33.400
Warum passt das nicht zur Demokratie?

00:10:33.400 --> 00:10:36.300
Warum passt es nicht zu unserer Gesellschaft, was hier gefordert wird?

00:10:36.300 --> 00:10:40.800
Sarah Zerback: Außerdem, findet Susanne Pickel, braucht es eine bessere politische Bildung.

00:10:40.800 --> 00:10:45.900
Pickel: Wir haben einen viel zu hohen Wert gelegt auf Wissen,

00:10:45.900 --> 00:10:51.200
das dann auch nur begrenzt vermittelt wird, was aber wichtig ist, ist Demokratieerfahrung.

00:10:51.200 --> 00:10:53.800
Das heißt, ich muss Freud und Leid von Demokratie erfahren.

00:10:53.800 --> 00:10:57.400
Ich muss etwas mir ausdenken, etwas umsetzen, dafür Mehrheiten suchen,

00:10:57.400 --> 00:11:01.200
Unterstützer suchen, einmal Erfolg haben, einmal nicht Erfolg haben, sehen,

00:11:01.200 --> 00:11:04.900
wenn ich einmal nicht Erfolg habe, kann ich aber auch in anderen Teilen Erfolg haben

00:11:04.900 --> 00:11:09.000
und wenn ich das umsetzen kann, dann ist das für mich auch ein Erfolgserlebnis.

00:11:09.000 --> 00:11:14.200
Das ist Demokratie, dass ich nicht immer bekomme, was ich möchte, aber dass ich es oft bekomme.

00:11:14.200 --> 00:11:17.500
Sarah Zerback: Wie das konkret aussehen kann, dafür schauen wir uns später noch ein Beispiel an.

00:11:17.500 --> 00:11:20.700
*Musik*

00:11:20.700 --> 00:11:23.700
O-Ton Steinmeier: Unsere Demokratie wetterfest zu machen,

00:11:23.700 --> 00:11:27.800
das ist nicht die Frage von „denen da unten“ oder „denen da oben“,

00:11:27.800 --> 00:11:33.800
keine Frage von Regierung und Opposition, keine Frage von Jung und Alt oder Stadt und Land.

00:11:33.800 --> 00:11:40.000
Sondern was wir brauchen, das ist der Schulterschluss der Demokraten in diesem Land.

00:11:40.000 --> 00:11:44.300
Das ist der Schulterschluss von Demokraten, der immer dann notwendig ist,

00:11:44.300 --> 00:11:47.700
wenn es wirklich ums Ganze geht, die Demokratie selbst.

00:11:47.700 --> 00:11:54.900
Sarah Zerback: Das hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am . Februar 2024 gesagt, in einer Rede im Schloss Bellevue.

00:11:54.900 --> 00:11:59.600
Solche Reden und offizielle Bekenntnisse zur Demokratie gibt es reichlich.

00:11:59.600 --> 00:12:03.900
Aber große Wort reichen vielleicht nicht aus, um die Demokratie „wetterfest“ zu machen,

00:12:03.900 --> 00:12:06.800
so wie der Bundespräsident sich das wünscht.

00:12:06.800 --> 00:12:10.900
Wie es um die Demokratie steht, darüber habe ich mit Veith Selk gesprochen.

00:12:10.900 --> 00:12:15.700
Er ist Politikwissenschaftler und im Moment Gastprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien.

00:12:15.700 --> 00:12:18.900
Im Mai ist sein Buch „Demokratiedämmerung“ erschienen.

00:12:18.900 --> 00:12:23.900
Und in der APuZ hat er einen Essay mit dem Titel „Demokratische Malaise“ geschrieben.

00:12:23.900 --> 00:12:26.000
Was er damit genau meint, das erklärt er gleich.

00:12:26.000 --> 00:12:32.700
Eine seiner Thesen: Die Lücke zwischen demokratischem Versprechen und demokratischer Wirklichkeit ist zu groß

00:12:32.700 --> 00:12:36.600
und das führt dann zu Unzufriedenheit mit der Demokratie.

00:12:36.600 --> 00:12:40.600
*Musik*

00:12:40.600 --> 00:12:41.400
Sarah: Hallo Veith Selk.

00:12:41.400 --> 00:12:43.700
Selk: Hallo, freue mich hier zu sein.

00:12:43.700 --> 00:12:49.100
Sarah: Warum attestieren grad so viele Menschen der Demokratie einen schlechten Stand?

00:12:49.100 --> 00:12:52.200
Ist die Presse ja voll mit: Krise, Dämmerung, wohin man blickt.

00:12:52.200 --> 00:12:59.000
Selk: Erstmal würde ich sagen, dass es auch einen anderen Diskurs gibt,

00:12:59.000 --> 00:13:03.700
der sehr darauf setzt, ja, wir müssen wieder Hoffnung schöpfen,

00:13:03.700 --> 00:13:10.200
die Demokratie revitalisieren, retten, wieder nach vorne bringen, verteidigen

00:13:10.200 --> 00:13:12.300
und dergleichen, das gibt's auch, aber ich würde zustimmen.

00:13:12.300 --> 00:13:15.800
Das dominiert, was Sie beschreiben.

00:13:15.800 --> 00:13:17.600
Und warum ist das so?

00:13:17.600 --> 00:13:22.800
Würde ich sagen: Das hat a) zu tun mit selbstverstärkenden Effekten, Aufmerksamkeitsstrukturen.

00:13:22.800 --> 00:13:27.600
Also wenn erst mal so eine Deutung sehr prominent ist,

00:13:27.600 --> 00:13:34.200
dann kann man ganz viele Phänomene daran anknüpfen und die eben in diesem Raster interpretieren.

00:13:34.200 --> 00:13:43.100
Es hat auch ein bisschen was mit einer Medienlogik zu tun, die stärker auf Konflikt und Bedrohliches abhebt.

00:13:43.100 --> 00:13:47.300
Das sendet sich besser, das erzeugt mehr Aufmerksamkeit

00:13:47.300 --> 00:13:51.500
und das richtet sich jetzt eben auf das Thema Demokratie.

00:13:51.500 --> 00:13:57.100
Und dann, letzter Grund, und der ist, denke ich, sehr wichtig,

00:13:57.100 --> 00:14:02.900
es hat auch etwas zu tun eben mit einerseits Erfahrung, also dass man eben Erfahrungen macht

00:14:02.900 --> 00:14:08.200
oder sie medial irgendwie so gespiegelt sieht, die negativ sind

00:14:08.200 --> 00:14:15.400
und die Erwartungen enttäuschen, die, denke ich, viele Menschen mit Demokratie verbinden

00:14:15.400 --> 00:14:19.600
oder aufgrund ihres Glaubens an Demokratie hegen.

00:14:19.600 --> 00:14:23.800
Es läuft eben einfach auch wirklich nicht so gut.

00:14:23.800 --> 00:14:27.200
Sarah: Wenn wir jetzt mal auf die Landtagswahlen, die im Osten stattgefunden haben,

00:14:27.200 --> 00:14:35.600
zumindest schon in Thüringen und Sachsen, da haben mehr als 40% ja nicht etablierte, demokratische Kräfte gewählt

00:14:35.600 --> 00:14:39.800
und die AfD ist zum Beispiel in Thüringen stärkste Kraft geworden und die sagt jetzt,

00:14:39.800 --> 00:14:44.600
dass wir regieren, das ist der Volkswille, der Wählerwille.

00:14:44.600 --> 00:14:46.400
Was entgegnen Sie denn da?

00:14:46.400 --> 00:14:53.700
Selk: Also ich würde sagen, dass es in einer Gesellschaft, die sich politisch stark differenziert,

00:14:53.700 --> 00:14:58.500
die eben nicht mehr so funktioniert wie, ich sage mal, die alte Bonner Republik,

00:14:58.500 --> 00:15:03.000
es gab zwei große Parteien, die sehr viele Mitglieder hatten, die sehr hohe Wahlergebnisse erzielt haben,

00:15:03.000 --> 00:15:06.800
die ja zeitweise auch in Koalitionen waren,

00:15:06.800 --> 00:15:14.600
in so einer Situation diese Demokratietheorie als Herrschaft im Rekurs auf den Willen des Volkes,

00:15:14.600 --> 00:15:18.700
der dann über Wahlen ermittelt wird, noch aufrecht zu erhalten.

00:15:18.700 --> 00:15:22.600
Also wenn man eine stärkere Pluralisierung des Parteiensystems hat,

00:15:22.600 --> 00:15:28.500
auch eine stärkere Nichtanerkennung der politischen Parteien,

00:15:28.500 --> 00:15:33.600
die sich wechselseitig ja teilweise absprechen, demokratische Parteien zu sein.

00:15:33.600 --> 00:15:39.700
Und dann auch neben dem parteipolitischen Feld zahlreiche politische Bewegungen,

00:15:39.700 --> 00:15:43.200
Bürgerinitiativen, also eine sehr politische Gesellschaft hat,

00:15:43.200 --> 00:15:49.500
dann lässt sich diese Theorie gar nicht mehr so wirklich auf die Wirklichkeit beziehen

00:15:49.500 --> 00:15:53.100
und sagen, na ja, diese eine Partei, die repräsentiert jetzt den Volkswillen

00:15:53.100 --> 00:15:59.000
oder man kann eben den institutionellen Verfahren das zusprechen, dass die das verwirklichen.

00:15:59.000 --> 00:16:07.800
Sarah: Inwieweit ist denn diese These „Demokratie in Gefahr“ vielleicht auch ein Nebenprodukt dessen,

00:16:07.800 --> 00:16:14.600
dass es nicht nur eine gefühlte Wahrnehmung ist, dass wir gerade in so einer Art Polykrise stecken

00:16:14.600 --> 00:16:20.800
und viele Menschen empfinden und real in ihrem Alltag auch erleben,

00:16:20.800 --> 00:16:23.900
dass sich die Zukunftaussichten verdüstern?

00:16:23.900 --> 00:16:30.700
Selk: Es ist für mich relativ naheliegend, dass wenn man durch einen längeren Prozess dessen geht,

00:16:30.700 --> 00:16:37.400
was so als Polykrise bezeichnet wird, was man aber auch als Abfolge von Krisen beschreiben kann,

00:16:37.400 --> 00:16:46.900
von der Finanzkrise, über die Eurokrise, sogenannte „Migrationskrise“

00:16:46.900 --> 00:16:50.600
und jetzt quasi der große Kladderadatsch, wo alles zusammenzukommen scheint,

00:16:50.600 --> 00:16:59.500
wenn man da durchgeht und den Eindruck gewinnt, es wird zwar irgendwie so ja, man wurschtelt sich durch, es gibt Krisenreparatur

00:16:59.500 --> 00:17:04.300
und viele Sachen laufen ja auch.

00:17:04.300 --> 00:17:07.400
Das darf man ja auch nicht vergessen.

00:17:07.400 --> 00:17:14.800
Aber dass dann der Eindruck entsteht, na ja, Selbstkorrektur, Selbstverbesserungsfähigkeit,

00:17:14.800 --> 00:17:21.300
kumulativer, peu a peu ablaufender Fortschritt, kleinere Verbesserungen,

00:17:21.300 --> 00:17:26.200
die sich aber so aufsummieren, dass das als Erwartung enttäuscht wird

00:17:26.200 --> 00:17:32.800
und man dann sagt, Demokratie liefert nicht, funktioniert nicht so richtig,

00:17:32.800 --> 00:17:36.300
das scheint mir relativ naheliegend zu sein.

00:17:36.300 --> 00:17:41.100
Ist jetzt die Frage, ob es Regimealternativen gibt, die damit besser umgehen.

00:17:41.100 --> 00:17:44.200
Das scheint mir auch nicht unbedingt der Fall zu sein.

00:17:44.200 --> 00:17:52.200
Insofern entsteht auch ein bisschen der Eindruck einer etwas allgemeinen Ermattung, Ratlosigkeit, Orientierungslosigkeit.

00:17:52.200 --> 00:17:55.500
Sarah Zerback: Sie sprechen ja bewusst nicht von Krise der Demokratie,

00:17:55.500 --> 00:17:57.800
sondern jetzt gerade auch von Malaise.

00:17:57.800 --> 00:17:58.800
Was ist denn der Unterschied?

00:17:58.800 --> 00:18:03.200
Selk: Also ursprünglich kommt das, soweit ich das sehen kann, von Leo Löwenthal.

00:18:03.200 --> 00:18:06.500
Der spricht auch von einer nicht demokratischen Malaise,

00:18:06.500 --> 00:18:10.500
sondern einfach von der bürgerlichen oder liberalen Malaise, glaube ich,

00:18:10.500 --> 00:18:16.500
der eben sagt, na ja, dass in der bürgerlichen Gesellschaft ein permanenter Zustand der Entfremdung,

00:18:16.500 --> 00:18:23.700
Unzufriedenheit für Teile der Gesellschaft herrscht, weil sehr anspruchsvolle Ideale gelten,

00:18:23.700 --> 00:18:31.300
Freiheit, Gleichheit, Solidarität, die aber in der sozialen Wirklichkeit häufig verletzt werden

00:18:31.300 --> 00:18:37.500
und so eine dauerhafte Enttäuschungserfahrung entsteht in der bürgerlichen Gesellschaft,

00:18:37.500 --> 00:18:42.800
so versteht das Löwental und ich habe mir überlegt, kann man das nicht auf Demokratie übertragen,

00:18:42.800 --> 00:18:46.400
dass eine demokratische Malaise dann darin besteht,

00:18:46.400 --> 00:18:52.000
dass die Erwartungen, Hoffnungen, Ansprüche an Demokratie, die wir hegen,

00:18:52.000 --> 00:19:00.800
die ja auch, ich sage mal, vom offiziellen Demokratiediskurs bekräftigt, formuliert werden,

00:19:00.800 --> 00:19:05.700
dass die eben mit der politischen Wirklichkeit kollidieren

00:19:05.700 --> 00:19:11.100
und auf eine Art und Weise enttäuscht werden, dass man dann beginnt an den Idealen selber zu zweifeln,

00:19:11.100 --> 00:19:12.900
weil wenn ich noch einen Satz hinzufügen darf,

00:19:12.900 --> 00:19:20.900
dass die Ideale in der Wirklichkeit nicht realisiert werden, ist klar, sonst wären es keine Ideale.

00:19:20.900 --> 00:19:24.200
Das gibt es immer, diesen Spalt, aber ich muss meine Ideale, meine Prinzipien

00:19:24.200 --> 00:19:28.000
trotzdem mit der Wirklichkeit ja vermitteln können und sagen,

00:19:28.000 --> 00:19:33.300
es gibt Spurenelemente dessen in der Wirklichkeit, da gibt es eine Verbindung.

00:19:33.300 --> 00:19:37.700
Und diese Verbindung, die wird dünner, die wird prekärer, die wird schwächer,

00:19:37.700 --> 00:19:45.100
würde ich sagen, zwischen Demokratieglaube und Demokratieerfahrung oder Wirklichkeitsinterpretation.

00:19:45.100 --> 00:19:49.200
Sarah: In Ihrem Essay in der APuZ, da stellen Sie ja die These auf,

00:19:49.200 --> 00:19:54.000
dass die fortschreitende Modernisierung eher von der Demokratie wegführt.

00:19:54.000 --> 00:19:55.700
Wie begründen Sie das?

00:19:55.700 --> 00:20:03.100
Selk: Also, erstmal ist, glaube ich, wichtig, wogegen richtet sich diese These?

00:20:03.100 --> 00:20:11.400
Die richtet sich gegen eine in der Literatur schon vor einiger Zeit formulierte These,

00:20:11.400 --> 00:20:15.000
dass eben Modernisierung und Demokratie gut zusammengeht.

00:20:15.000 --> 00:20:21.200
Demokratie ist eben ein Element des Pakets moderner Gesellschaften,

00:20:21.200 --> 00:20:30.200
Modernisierung führt zur Demokratie und die Demokratie passt zu anderen Institutionen moderner Gesellschaften gut dazu.

00:20:30.200 --> 00:20:37.600
Zum Kapitalismus, zur Wissenschaft, zur freien Kunst, zur freien Subjektivität und dergleichen.

00:20:37.600 --> 00:20:43.800
In dem APuZ-Text, hab ich so drei schlaglichtartig Prozesse ausgemacht.

00:20:43.800 --> 00:20:49.400
Das eine ist eine Überdifferenzierung, also anhaltende Modernisierung

00:20:49.400 --> 00:20:53.800
differenziert Gesellschaft aus, Gesellschaft wird differenzierter, aber auch die Politik,

00:20:53.800 --> 00:20:56.700
das politische Leben wird immer differenzierter.

00:20:56.700 --> 00:21:01.700
Mehr Akteure, mehr Parteien, mehr Themen, mehr Politikfelder, mehr politische Ebenen und so weiter.

00:21:01.700 --> 00:21:06.400
Und dadurch wird es für die Bürgerschaft ganz schwierig zu verstehen, zu überblicken

00:21:06.400 --> 00:21:10.800
und es wird für Regierende auch sehr schwierig gut zu regieren,

00:21:10.800 --> 00:21:16.200
was ja auch eine Erwartung ist an Demokratie, das gut regiert wird.

00:21:16.200 --> 00:21:20.300
Dann zweiter Punkt: Entstehung einer postdemokratischen Subjektivität.

00:21:20.300 --> 00:21:27.700
Da knüpfe ich an Ingolfur Blühdorn an, der hat das auch in einem neuen Buch nochmal ganz stark ausbuchstabiert,

00:21:27.700 --> 00:21:31.100
„Unhaltbarkeit“ heißt das, und in älteren Aufsätzen.

00:21:31.100 --> 00:21:35.800
Also, dass Modernisierung eben auch Veränderung der Subjekte heißt,

00:21:35.800 --> 00:21:41.000
die wandeln sich auch und es entsteht in Ansätzen eine postdemokratische Subjektivität,

00:21:41.000 --> 00:21:46.200
also eine Radikalisierung von Emanzipationsbestrebungen,

00:21:46.200 --> 00:21:50.700
die dann Demokratie als Zumutung versteht, als eine Einschränkung.

00:21:50.700 --> 00:21:57.600
Sarah: Subjekte, also du und ich, Bürgerinnen und Bürger, die selber handelnde Personen auch sein wollen.

00:21:57.600 --> 00:22:05.400
Selk: Ja, und die sich eben von demokratischen Mehrheitsentscheidungen dann nicht gebunden fühlen,

00:22:05.400 --> 00:22:12.000
das als Zumutung begreifen, die demokratischen Pflichten gewissermaßen vernachlässigen.

00:22:12.000 --> 00:22:17.600
Das betrifft sicher nicht alle sozialen Milieus in gleichem Maße,

00:22:17.600 --> 00:22:21.400
müsste man noch mal etwas differenzieren, aber ich denke, die Tendenz gibt es.

00:22:21.400 --> 00:22:27.700
Und das wird so in der Soziologie ja auch als Individualisierung schon lange beschrieben,

00:22:27.700 --> 00:22:33.600
da dann teilweise mit eher der Hoffnung, das sei demokratiekompatibel,

00:22:33.600 --> 00:22:35.900
weil das ja um Selbstbestimmung geht.

00:22:35.900 --> 00:22:40.700
Aber ob das sozusagen mit dem großen Ganzen dann auch kompatibel ist, das ist fragwürdig.

00:22:40.700 --> 00:22:46.200
Und der dritte Punkt, ist, was ich das Ende des demokratischen Kapitalismus nenne,

00:22:46.200 --> 00:22:51.900
also dass diese Kompromissinstitution, wir haben Demokratie,

00:22:51.900 --> 00:22:53.500
wir haben aber auch einen Kapitalismus,

00:22:53.500 --> 00:22:59.400
das muss man irgendwie so ein bisschen in Ausgleich bringen durch soziale Sicherheiten,

00:22:59.400 --> 00:23:04.400
aber vor allem auch ein Versprechen auf zukünftige Zuwächse,

00:23:04.400 --> 00:23:10.000
Verbesserungen und so weiter, dass dieses Versprechen auch erodiert,

00:23:10.000 --> 00:23:15.900
also ein demokratischer Kapitalismus könnte seinem Ende entgegen gehen.

00:23:15.900 --> 00:23:19.600
Sarah: Dann lassen Sie uns über Lösungsansätze sprechen,

00:23:19.600 --> 00:23:23.300
die ja sicherlich genauso wenig jetzt auf ein Schlagwort zu bringen sind,

00:23:23.300 --> 00:23:28.600
aber vielleicht erst mal, was die Politik dann leisten kann und muss,

00:23:28.600 --> 00:23:35.100
um eben da Anspruch und Wirklichkeit in Bezug auf Demokratie näher zusammenzubringen?

00:23:35.100 --> 00:23:39.100
Selk: Also, erst mal muss ich sagen, bei Lösungen bin ich immer ganz schlecht,

00:23:39.100 --> 00:23:43.700
was vielleicht an mir liegt, vielleicht aber auch an der Wirklichkeit.

00:23:43.700 --> 00:23:53.100
Ja, das ist schwierig, weil es ja die Politik im Sinne eines handelnden Supermenschen nicht gibt.

00:23:53.100 --> 00:23:56.800
Es gibt zwar diese Redeweise, aber es gibt ja nicht die Politik,

00:23:56.800 --> 00:24:00.600
die man so adressiert und sagt, du mach mal jetzt.

00:24:00.600 --> 00:24:04.400
Insofern ist das ganz schwer zu sagen, wen adressiert man da.

00:24:04.400 --> 00:24:09.200
Was ja auch noch in der Diskussion ist, ist die politische Bildung.

00:24:09.200 --> 00:24:14.700
Finde ich sinnvoll und gut, was auch daran liegt, dass ich ja selbst im Bildungssystem tätig bin

00:24:14.700 --> 00:24:19.900
und dann neigt man natürlich dazu, das zu überschätzen, was hier so passiert und das per se gut zu finden.

00:24:19.900 --> 00:24:24.700
Aber würde ich schon sagen, dass, wenn man das ernst nehmen würde,

00:24:24.700 --> 00:24:31.400
politische Bildung als jetzt nicht Haltungsschule so,

00:24:31.400 --> 00:24:35.400
sondern in zweierlei Hinsicht, einmal durchaus im klassischen Sinne der Staatsbürgerkunde,

00:24:35.400 --> 00:24:41.000
also wie funktionieren eigentlich Demokratien, was sind die Verfahren,

00:24:41.000 --> 00:24:46.500
was gibt es da für Unterschiede, wie funktioniert das, so Staatsbürgerkunde.

00:24:46.500 --> 00:24:49.300
Ist, denke ich, schon wichtig, das einfach auch zu wissen.

00:24:49.300 --> 00:24:55.300
Und zweitens politische Bildung im Sinne von Urteilsfähigkeit, Urteilskraft,

00:24:55.300 --> 00:25:02.000
eigenes politisches Urteilen lernen, was man jetzt auch nicht nur in Bildungsprozessen in der Schule

00:25:02.000 --> 00:25:05.300
oder an der Uni lernt, sondern auch an der politischen Praxis selbst.

00:25:05.300 --> 00:25:07.100
Also, das gehört auch dazu.

00:25:07.100 --> 00:25:08.100
Und es hat auch eine Gefahr.

00:25:08.100 --> 00:25:13.500
Also die Gefahr des Ganzen ist, dass das eben als, ja, wie soll ich sagen,

00:25:13.500 --> 00:25:17.000
Haltungshaltungsschule wirkt, wenn man es falsch aufzieht,

00:25:17.000 --> 00:25:20.700
also dass man quasi den Leuten die Staatsloyalität da einbimsen will,

00:25:20.700 --> 00:25:23.800
aber an strukturellen Problemen nichts ändert.

00:25:23.800 --> 00:25:28.100
Insofern müssten auch strukturelle Probleme angegangen werden,

00:25:28.100 --> 00:25:35.400
von Problemen der sozialen Infrastruktur angefangen,

00:25:35.400 --> 00:25:38.100
die ja noch an vielen Ecken und Enden erodiert,

00:25:38.100 --> 00:25:41.200
und jetzt könnte man natürlich viele Politikfelder durchgehen

00:25:41.200 --> 00:25:46.600
und die Probleme aufzeigen, aber das ist vielleicht gar nicht so meine Aufgabe.

00:25:46.600 --> 00:25:50.200
Sarah: Wie nehmen Sie denn die Zivilgesellschaft wahr?

00:25:50.200 --> 00:25:54.800
Also, wir kommen ja aus einem Jahresbeginn,

00:25:54.800 --> 00:26:01.700
wo es wirklich starke Demonstrationen ja auch gab,

00:26:01.700 --> 00:26:07.400
nachdem die „Remigrations“-Pläne da publik geworden sind, nach dem Treffen in Potsdam.

00:26:07.400 --> 00:26:13.700
War das für Sie ein Zeichen, dass es eben doch da eine ziemlich aktive Zivilgesellschaft gibt,

00:26:13.700 --> 00:26:16.000
die sich einsetzt für die Demokratie?

00:26:16.000 --> 00:26:18.700
Ist das was Nachhaltiges gewesen?

00:26:18.700 --> 00:26:24.900
Selk: Nee. Nee, also was es, soweit ich das überblicken kann,

00:26:24.900 --> 00:26:27.500
in der politischen Soziologie als Diagnose gibt

00:26:27.500 --> 00:26:32.100
und ich erlebe das auch an meinem eigenen Umfeld oder wenn ich das so beobachte,

00:26:32.100 --> 00:26:36.600
was da so passiert, diese Diagnose des Transitorischen.

00:26:36.600 --> 00:26:40.800
Also man engagiert sich mal für dies, mal für jenes

00:26:40.800 --> 00:26:46.300
und es fehlt so eine starke Organisation, Institutionalisierung,

00:26:46.300 --> 00:26:49.600
das ist eben auch das Zivilgesellschaftliche daran.

00:26:49.600 --> 00:26:54.900
Aber dadurch hat es immer so was Aufflackerndes, Schlaglichtartiges, Episodisches.

00:26:54.900 --> 00:27:02.500
Insofern würde ich dem jetzt nicht eine große Nachhaltigkeit attestieren

00:27:02.500 --> 00:27:10.800
und inwieweit es die Demokratie jetzt stärkt oder schützt oder fördert, ich weiß es nicht.

00:27:10.800 --> 00:27:15.200
Also, da wird eben ein bestimmtes Verständnis dann von Demokratie vorangebracht,

00:27:15.200 --> 00:27:20.600
dem aber in der Gesellschaft andere Demokratieverständnisse ja gegenüberstehen,

00:27:20.600 --> 00:27:25.600
die eben sagen, na ja, aber zur Demokratie gehört doch auch eine Partei zu wählen,

00:27:25.600 --> 00:27:33.400
die eben Migration massiv reduzieren will, so, und die fühlen sich dann vielleicht auch vor den Kopf gestoßen so.

00:27:33.400 --> 00:27:39.700
Insofern ist das eher auch eher ein Zeichen für eine Polarisierung in der Gesellschaft.

00:27:39.700 --> 00:27:49.400
Und generell würde ich bei zivilgesellschaftlichem Engagement ja auch nicht allzu viel Positives mehr attestieren.

00:27:49.400 --> 00:27:52.000
Es ist wichtig, das gehört zur Demokratie dazu.

00:27:52.000 --> 00:27:55.900
Das ergibt sich aus bestimmten Grundrechten, dass das passiert.

00:27:55.900 --> 00:27:59.300
Es hat auch was zu tun mit dem Wandel der politischen Kultur.

00:27:59.300 --> 00:28:06.800
Aber ich denke, die Probleme zivilgesellschaftlicher Partizipation werden jetzt auch immer deutlicher.

00:28:06.800 --> 00:28:14.600
Also, die ist sehr informell, also dadurch ergeben sich ja auch starke Ungleichheiten durch diese Informalität.

00:28:14.600 --> 00:28:20.700
Und sie hat auch einen, das ist in der Forschung auch seit Jahr und Tag bestätigt worden,

00:28:20.700 --> 00:28:26.000
sozialökonomischen Beteiligungs-Bias, wie es so heißt,

00:28:26.000 --> 00:28:32.500
also es beteiligen sich die Hochschulgänger, die Bessergestellten, die Leute mit mehr Freizeit und dergleichen.

00:28:32.500 --> 00:28:37.500
Ich habe das im Buch so ein bisschen polemisch Partizipationsaristokratie genannt.

00:28:37.500 --> 00:28:43.600
Also, es hat dadurch so einen kleinen aristokratischen Touch.

00:28:43.600 --> 00:28:48.500
Sarah: Okay, wenn ich so richtig verstehe, dann müssen wir eher nicht so sehr auf die Zivilgesellschaft schauen,

00:28:48.500 --> 00:28:53.100
was ja im Diskurs gerade eben der regierenden Parteien oft jetzt ein Fokus ist,

00:28:53.100 --> 00:28:57.200
zu sagen: Jeder und jede muss sich mehr engagieren.

00:28:57.200 --> 00:29:01.000
Kann vielleicht auch als kleines Ablenkungsmanöver gesehen werden.

00:29:01.000 --> 00:29:02.900
Wer trägt denn Verantwortung?

00:29:02.900 --> 00:29:10.000
Wer hat Macht, da tatsächlich für mehr Demokratie zu sorgen?

00:29:10.000 --> 00:29:16.000
Selk: Ja, gut, meine Diagnose ist ja grade die, dass das eben nicht der Fall ist.

00:29:16.000 --> 00:29:25.600
Also dass eben die gesellschaftliche und politische Entwicklung sich eher von Demokratie wegentwickelt.

00:29:25.600 --> 00:29:28.000
Also das ist eine Tendenz.

00:29:28.000 --> 00:29:32.300
Ich sage nicht, das alles ist verloren und Game over.

00:29:32.300 --> 00:29:35.000
Aber es gibt eben diese Tendenz.

00:29:35.000 --> 00:29:37.900
Insofern wüsste ich jetzt da niemanden auszumachen.

00:29:37.900 --> 00:29:41.300
Was man allerdings auch sagen muss, ist,

00:29:41.300 --> 00:29:44.700
dass die Demokratiesemantik ja weiter groß im Schwange ist,

00:29:44.700 --> 00:29:50.800
sich die meisten politischen Parteien, Bewegungen, Politiker auf Demokratie berufen,

00:29:50.800 --> 00:29:57.300
auch wenn sie teilweise sehr unterschiedliche Auffassung davon haben, was Demokratie ist.

00:29:57.300 --> 00:30:00.700
Das muss man insofern auch sehen.

00:30:00.700 --> 00:30:09.000
Insofern gibt es sehr viele verschiedene Teile der Eliten, Teile der normalen Bürgerschaft,

00:30:09.000 --> 00:30:12.800
die für mehr Demokratie irgendwie eintreten, aber was ganz Unterschiedliches darunter verstehen.

00:30:12.800 --> 00:30:16.800
Sarah Zerback: Der Politikwissenschaftler Veit Selk, vielen Dank für das Gespräch.

00:30:16.800 --> 00:30:18.100
Selk: Haben Sie vielen, vielen Dank.

00:30:18.100 --> 00:30:21.400
*Musik*

00:30:21.400 --> 00:30:27.400
Wenn man Demokratie stärken will, dann ist Schule ein guter Ort dafür,

00:30:27.400 --> 00:30:29.000
wird aber nicht unbedingt so gut genutzt.

00:30:29.000 --> 00:30:32.300
Das haben wir gerade von Susanne Pickel und Veith Selk gehört.

00:30:32.300 --> 00:30:35.900
Wie es besser gelingen kann, zeigt das Demokratieprojekt „Aula“.

00:30:35.900 --> 00:30:40.600
Weisband: Wir glauben, die Grundlage von Demokratie ist ein Selbstverständnis und zwar

00:30:40.600 --> 00:30:45.500
Ich bin hier nicht Besucher, ich bin nicht Opfer meiner Gesellschaften ch bin nicht Konsument,

00:30:45.500 --> 00:30:51.200
sondern ich bin Gestalter meiner Gesellschaft und ich bin verantwortlich für mich und andere.

00:30:51.200 --> 00:30:56.300
Sarah: Marina Weisband ist Psychologin, Bildungspädagogin und Politikerin

00:30:56.300 --> 00:30:58.400
und sie hat das Projekt „Aula“ ins Leben gerufen.

00:30:58.400 --> 00:31:03.000
Bei dem Projekt geht es darum, dass Jugendliche an ihrer Schule Demokratieerfahrungen machen können.

00:31:03.000 --> 00:31:10.600
Das heißt: Vorschläge ausarbeiten, Mehrheiten organisieren und, wenn das klappt, sehen, dass etwas umgesetzt wird.

00:31:10.600 --> 00:31:17.800
Prinzipien, die für die Demokratie elementar sind, werden bei „Aula“ also auf einer Alltagsebene ausgehandelt und geübt.

00:31:17.800 --> 00:31:20.600
Weisband: Also wenn zum Beispiel bei „Aula“ die Klasse sagt,

00:31:20.600 --> 00:31:26.200
wir hätten gerne einen Klassenhamster und ein Mädchen sagt, ich bin aber allergisch auf Hamster.

00:31:26.200 --> 00:31:30.800
Dann brauche ich den Kindern nicht wirklich irgendwas zu erklären,

00:31:30.800 --> 00:31:36.200
damit sie intuitiv verstehen, dass das individuelle Bedürfnis dieses Mädchens

00:31:36.200 --> 00:31:41.000
oder das Recht auf Gesundheit und auf Teilnahme am Unterricht schwerer wiegt

00:31:41.000 --> 00:31:43.200
als deren Recht auf ein Haustier.

00:31:43.200 --> 00:31:46.000
Und ich muss ihnen dann nur noch erklären

00:31:46.000 --> 00:31:50.100
Das, was ihr jetzt gerade durchmacht, das ist Minderheitenschutz.

00:31:50.100 --> 00:31:55.800
Das ist, dass manche Bedürfnisse von Minderheiten schwerer wiegen als Bedürfnisse einer Mehrheit.

00:31:55.800 --> 00:31:58.000
Das sind demokratische Prinzipien.

00:31:58.000 --> 00:32:03.300
Sarah: Demokratie ganz praktisch zu vermitteln ist etwas ganz anderes als Klausuren im Politikunterricht zu schreiben, klar.

00:32:03.300 --> 00:32:10.200
Diese Art des Lernens passt nicht wirklich dazu, wie Schulen als Institution funktionieren, sagt Marina Weisband.

00:32:10.200 --> 00:32:12.200
Das Projekt „Aula“ versucht es trotzdem.

00:32:12.200 --> 00:32:15.200
Und dabei treten auch viele typische Probleme der Demokratie auf.

00:32:15.200 --> 00:32:18.900
Zum Beispiel das Misstrauen, von dem Susanne Pickel vorhin gesprochen hat.

00:32:18.900 --> 00:32:23.200
Weisband: Ich höre immer wieder von Schülerinnen am Anfang des Projekts

00:32:23.200 --> 00:32:25.600
Ja warum sollen wir uns denn beteiligen, die Lehrer machen doch eh, was sie wollen.

00:32:25.600 --> 00:32:31.400
Und dieser Satz kommt mir bekannt vor, aus diesem „die da oben“ machen doch eh, was sie wollen.

00:32:31.400 --> 00:32:33.800
Ja, diese Einstellung greifen Populisten auf.

00:32:33.800 --> 00:32:41.000
In dem Moment, wo ich mich ohnmächtig fühle, wo ich, wir nennen das Erlernte Hilflosigkeit,

00:32:41.000 --> 00:32:44.700
habe, ist es ganz, ganz leicht mich zur Beute für Populisten zu machen

00:32:44.700 --> 00:32:49.500
und zu sagen, ah, ihr seid Opfer und die da oben machen, was sie wollen

00:32:49.500 --> 00:32:52.900
und wir werden es denen da oben mal richtig zeigen, ihr müsst uns nur wählen.

00:32:52.900 --> 00:32:57.200
Diese Einstellung zu durchbrechen braucht Erfolgserlebnisse

00:32:57.200 --> 00:33:01.100
und das Problem ist für Erfolgserlebnisse müssen sie sich natürlich erstmal beteiligen.

00:33:01.100 --> 00:33:05.100
Sarah: Bei „Aula“ versuchen die Verantwortlichen diesem Misstrauen entgegenzuwirken,

00:33:05.100 --> 00:33:09.600
indem sie die Ideen und Vorschläge der Schülerinnen und Schüler von Anfang an ernstnehmen.

00:33:09.600 --> 00:33:12.300
Das erleben Jugendliche selten, sagt Marina Weisband.

00:33:12.300 --> 00:33:17.300
Weisband: Etwas, das ich beobachte gerade in den letzten Jahren, ist,

00:33:17.300 --> 00:33:19.300
dass es unter Jugendlichen weit verbreitet ist,

00:33:19.300 --> 00:33:23.700
dass es eine generelle Desillusionierung mit dem System gibt, mit der Demokratie.

00:33:23.700 --> 00:33:27.700
Also eine Abschottung, ein „die kümmern sich eh nicht um uns“.

00:33:27.700 --> 00:33:32.600
Und das ist leider auch sehr nachvollziehbar und sehr berechtigt.

00:33:32.600 --> 00:33:37.300
Ich finde das furchtbar und gefährlich, aber ich muss auch sagen,

00:33:37.300 --> 00:33:41.600
wenn ich so behandelt worden wäre wie Jugendliche behandelt werden,

00:33:41.600 --> 00:33:44.400
speziell während der Pandemie behandelt wurden,

00:33:44.400 --> 00:33:47.000
aber auch weiterhin ja von der Regierung angesprochen werden,

00:33:47.000 --> 00:33:50.700
von den Parteien angesprochen werden, nämlich quasi gar nicht.

00:33:50.700 --> 00:33:53.300
Sie sind einfach keine relevante Zielgruppe.

00:33:53.300 --> 00:33:57.400
Und sie sind keine wahlrelevante Zielgruppe und das bekommen sie zu spüren.

00:33:57.400 --> 00:34:01.400
Dann wäre ich auch sehr skeptisch gegen das System der Demokratie,

00:34:01.400 --> 00:34:05.200
denn warum sollte ich investieren in ein System, das nicht in mich investiert?

00:34:05.200 --> 00:34:09.700
Sarah: Marina Weisband glaubt, dass Jugendlich in Projekten wie „Aula“ Erfahrungen machen,

00:34:09.700 --> 00:34:13.000
die ihnen auch über die Schule hinaus helfen, Gesellschaft mitzugestalten.

00:34:13.000 --> 00:34:17.100
Weisband: Ich werde häufig gefragt, ja, aber machst du den armen Schülern nicht eine Illusion,

00:34:17.100 --> 00:34:21.100
wenn du Schule so partizipativ machst und dann kommen sie in die echte Welt,

00:34:21.100 --> 00:34:22.900
was auch schon eine lustige Trennung ist.

00:34:22.900 --> 00:34:26.100
Dann kommen sie in die echte Welt und können dort nicht so partizipieren

00:34:26.100 --> 00:34:31.600
und ich mache mir da keinerlei Sorgen, denn „Aula“ vermittelt ihnen ja in erster Linie Kompetenzen

00:34:31.600 --> 00:34:35.200
und diese Kompetenzen nehmen sie mit,

00:34:35.200 --> 00:34:40.100
und die finden schon Beteiligungsmöglichkeiten und wenn nicht,

00:34:40.100 --> 00:34:44.800
dann schaffen sie sich welche, um ihre Bedürfnisse kenntlich zu machen.

00:34:44.800 --> 00:34:50.100
Das heißt: Es schützt insofern vor Populismus, als dass es Selbstwirksamkeit steigert

00:34:50.100 --> 00:34:55.200
und wenn ich gute Selbstwirksamkeit habe, falle ich schon mal nicht so leicht herein auf Populismus

00:34:55.200 --> 00:35:00.500
und es gibt mir auch Werkzeuge an die Hand, wie ich meine tatsächlichen Bedürfnisse umsetzen kann,

00:35:00.500 --> 00:35:05.700
ohne einen starken Onkel wählen zu müssen, der mir einfach nur verspricht, es denen da oben zu zeigen.

00:35:05.700 --> 00:35:08.500
Sarah: Trotzdem reicht politische Bildung allein nicht aus,

00:35:08.500 --> 00:35:12.900
es braucht auch mehr reale Beteiligungsmöglichkeiten, meint Marina Weisband.

00:35:12.900 --> 00:35:15.300
Weisband: Der Beginn ist nicht politische Bildung.

00:35:15.300 --> 00:35:19.700
Der Beginn muss die Überzeugung sein, dass das hier meine Gesellschaft ist,

00:35:19.700 --> 00:35:22.300
dass ich für sie verantwortlich bin.

00:35:22.300 --> 00:35:24.500
Und das bedeutet Beteiligung.

00:35:24.500 --> 00:35:28.600
Es bedeutet, dass wir auf die zunehmend komplexen Probleme unserer Zeit

00:35:28.600 --> 00:35:32.500
die wertvollste Ressource hernehmen, um sie zu beantworten,

00:35:32.500 --> 00:35:37.900
nämlich die vielen, vielen Menschen, die Expertinnen jeweils in ihren Bereichen sind.

00:35:37.900 --> 00:35:42.800
Wir verhandeln ernsthaft Schulreformen ohne SchülerInnen.

00:35:42.800 --> 00:35:48.600
Wir verhandeln Krankenhausreformen ohne Pflegekräfte.

00:35:48.600 --> 00:35:54.200
Wir verhandeln über Hartz IV ohne Menschen zu fragen, die Hartz IV beziehen oder Bürgergeld.

00:35:54.200 --> 00:36:01.200
Und es ist so wichtig, dass wir Menschen zeigen, du bist wichtig, du bist unentbehrlich.

00:36:01.200 --> 00:36:08.500
Denn die Angst in einer Gesellschaft überflüssig zu sein, unwichtig, vergessen ist genau das,

00:36:08.500 --> 00:36:13.500
was die Populisten aufgreifen und nutzen, um Demokratie zu unterdrücken

00:36:13.500 --> 00:36:18.300
und diese Menschen wirklich vergessen und unterdrückt zu machen.

00:36:18.300 --> 00:36:21.600
*Musik*

00:36:21.600 --> 00:36:23.500
Sarah: Was wir also mitnehmen können.

00:36:23.500 --> 00:36:29.300
. Nur etwa die Hälfte der Menschen in Deutschland versteht unter Demokratie eine Herrschaftsform,

00:36:29.300 --> 00:36:31.800
die keinerlei autoritäre Elemente enthält.

00:36:31.800 --> 00:36:37.400
Zusammen mit mangelndem Vertrauen, kann das unsere Demokratie gefährden, das betont Susanne Pickel.

00:36:37.400 --> 00:36:42.200
. Es reicht nicht, Demokratie als Ideal in Sonntagsreden zu vermitteln.

00:36:42.200 --> 00:36:46.900
Wenn die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger in der politischen Wirklichkeit permanent enttäuscht werden,

00:36:46.900 --> 00:36:50.400
dann stellen sich auch Zweifel an den demokratischen Idealen ein.

00:36:50.400 --> 00:36:52.500
Das sagt Veith Selk.

00:36:52.500 --> 00:36:56.600
. Demokratie kann und sollte geübt und erfahren werden.

00:36:56.600 --> 00:37:00.100
Dazu gehört, schon Schülerinnen und Schülern Mitbestimmung zu ermöglichen

00:37:00.100 --> 00:37:03.200
und zu vermitteln, dass sie in der Gesellschaft Verantwortung tragen

00:37:03.200 --> 00:37:06.800
und Dinge verändern können. Das hat Marina Weisband erklärt.

00:37:06.800 --> 00:37:09.200
*Musik*

00:37:09.200 --> 00:37:10.300
Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

00:37:10.300 --> 00:37:16.500
In der gedruckten Ausgabe „Demokratie in Gefahr?“ können Sie noch mehr zum Thema lesen.

00:37:16.500 --> 00:37:20.700
Zu Resilienz von Demokratien, zu Demokratie und Rechtspopulismus

00:37:20.700 --> 00:37:23.800
und zur Zukunft der amerikanischen Demokratie zum Beispiel.

00:37:23.800 --> 00:37:26.800
Den Link dazu finden Sie in den Shownotes.

00:37:26.800 --> 00:37:29.800
Sie können auch gern in die allererste Folge von diesem Podcast reinhören,

00:37:29.800 --> 00:37:34.900
die heißt „Zustand der Demokratie“ und es geht um die Lage der Demokratie weltweit,

00:37:34.900 --> 00:37:39.700
um rote Linien in der Demokratie und das Potenzial von Bürgerräten.

00:37:39.700 --> 00:37:44.500
Und wenn Sie sich jetzt fragen, wie schnell eigentlich bei uns in Deutschland die Demokratie abgebaut werden könnte,

00:37:44.500 --> 00:37:48.200
dann empfehlen wir den Podcast „Thüringen 2024 – Was wäre wenn?“.

00:37:48.200 --> 00:37:52.000
Der Podcast basiert auf einem Projekt des Verfassungsblogs

00:37:52.000 --> 00:37:55.200
und beschäftigt sich am Beispiel Thüringen genauer mit der Frage,

00:37:55.200 --> 00:38:01.300
was passieren würde, wenn eine autoritär-populistische Regierung dort an die Macht käme.

00:38:01.300 --> 00:38:04.700
Den Podcast finden Sie überall, wo es Podcasts gibt.

00:38:04.700 --> 00:38:07.700
Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast.

00:38:07.700 --> 00:38:12.600
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de.

00:38:12.600 --> 00:38:14.800
In vier Wochen erscheint die nächste Folge.

00:38:14.800 --> 00:38:18.100
Dann sprechen wir auf der Frankfurter Buchmesse über Italien.

00:38:18.100 --> 00:38:21.100
Mein Name ist Sarah Zerback, bis zum nächsten Mal.

00:38:21.100 --> 00:38:36.600
*Musik*

00:38:36.600 --> 00:38:42.300
Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:38:42.300 --> 00:38:46.800
Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Julia Günther und Sascha Kneip.

00:38:46.800 --> 00:38:51.600
Interview mit Marina Weisband: Till Schmitt. Produktion: Oliver Kraus.

00:38:51.600 --> 00:38:55.300
Musik: Joscha Grunewald. Am Mikrofon war Sarah Zerback.

00:38:55.300 --> 00:38:57.800
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:38:57.800 --> 00:39:01.800
und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.

