WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:06.200
Sarah Zerback: Italien, da denken viele vielleicht direkt an Pizza, Pasta, Aperitivo, Dolce Vita.

00:00:06.200 --> 00:00:10.400
Jenseits von Zuschreibungen und Urlaubsklischees wie diesen ,

00:00:10.400 --> 00:00:13.900
ist Italien aber auch das zweitwichtigste Industrieland der Europäischen Union.

00:00:13.900 --> 00:00:16.700
Und es ist ein Land mit großen Schwierigkeiten.

00:00:16.700 --> 00:00:20.500
Seit zwei Jahren regiert dort unter Giorgia Meloni eine rechtsextreme Partei.

00:00:20.500 --> 00:00:24.200
Die Armut im Land und die Ankunft vieler geflüchteter Menschen über das Mittelmeer

00:00:24.200 --> 00:00:29.800
sind zwei der großen Herausforderungen, für die bisher noch keine adäquaten Lösungen gefunden wurden.

00:00:29.800 --> 00:00:32.000
Gleichzeitig steckt das Land voller Kreativität.

00:00:32.000 --> 00:00:36.800
Was man zum Beispiel im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse sehen konnte, wo Italien Ehrengast war.

00:00:36.800 --> 00:00:44.400
Was bewegt Italien im Herbst 2024 und wie sind die jüngsten Entwicklungen historisch einzuordnen?

00:00:44.400 --> 00:00:58.900
*Musik*

00:00:58.900 --> 00:01:01.400
Sie hören den Podcast aus Politik und Zeitgeschichte.

00:01:01.400 --> 00:01:07.200
Ich bin Sarah Zerback und für diese Folge habe ich mit Sebastian Heinrich über die aktuelle Situation Italiens gesprochen.

00:01:07.200 --> 00:01:11.400
Sebastian Heinrich ist politischer Journalist für die Nachrichtenagentur AFP.

00:01:11.400 --> 00:01:17.500
Außerdem erklärt er seit zwei Jahren im Podcast „kurz gesagt Italien“ italienische Phänomene,

00:01:17.500 --> 00:01:20.400
die auf Deutsch erstmal unübersetzbar erscheinen.

00:01:20.400 --> 00:01:23.500
Vor kurzem ist auch sein gleichnamiges Buch dazu herausgekommen.

00:01:23.500 --> 00:01:26.800
Er findet, dass Italien als Land unter seinen Möglichkeiten bleibt

00:01:26.800 --> 00:01:30.500
und zieht Bilanz der ersten Regierungsjahre unter Meloni.

00:01:30.500 --> 00:01:35.500
Darüber haben wir uns schon auf der Buchmesse in Frankfurt am Stand der Bundeszentrale für politische Bildung unterhalten

00:01:35.500 --> 00:01:39.600
und im Anschluss dann nochmal ein Interview für den APUZ-Podcast aufgezeichnet.

00:01:39.600 --> 00:01:42.900
In dieser Folge kommt daher ausnahmsweise nur ein Gast zu Wort.

00:01:42.900 --> 00:01:45.600
Dafür in aller Ruhe.

00:01:45.600 --> 00:01:52.700
Die Ausgabe der Zeitschrift aus Politik und Zeitgeschichte zum Thema Italien finden Sie auf bpb.de/APUZ.

00:01:52.700 --> 00:01:54.200
Wie immer gibt es auch zu dieser Folge ein Transkript.

00:01:54.200 --> 00:01:59.200
Sie finden das in der BPB Mediathek oder als Link in den Shownotes.

00:01:59.200 --> 00:02:01.900
*Musik*

00:02:01.900 --> 00:02:03.300
Hallo Sebastian Heinrich.

00:02:03.300 --> 00:02:03.800
Sebastian Heinrich: Hallo.

00:02:03.800 --> 00:02:10.000
Sarah Zerback: Wir sprechen heute unter der Überschrift, die wir uns selbst gegeben haben, Comestai Italia.

00:02:10.000 --> 00:02:13.100
Was wäre denn Ihre Antwort? Wie geht es Italien gerade?

00:02:13.100 --> 00:02:15.800
Sebastian Heinrich: Es ist in einer spannenden Zeit gerade, würde ich sagen.

00:02:15.800 --> 00:02:23.200
Also es ist in einer Zeit, in der, glaube ich, sich einiges zusammenbraut gerade über Italien.

00:02:23.200 --> 00:02:26.800
Also die Herausforderungen sind sehr groß auf jeden Fall.

00:02:26.800 --> 00:02:31.400
Auf der anderen Seite, was mir dann wieder so ein bisschen Mut macht, auch historisch gesehen, ist,

00:02:31.400 --> 00:02:36.300
dass Italien gerade in schwierigen Zeiten eigentlich immer eine bemerkenswerte Resilienz immer gehabt hat.

00:02:36.300 --> 00:02:40.700
Also auch mit großen Problemen umzugehen.

00:02:40.700 --> 00:02:45.100
Und so Anzeichen dafür, glaube ich, kann man auch jetzt sehen.

00:02:45.100 --> 00:02:53.400
Sarah Zerback: Seit zwei Jahren steht ja mit Giorgia Meloni eine Frau an der Spitze der Regierung,

00:02:53.400 --> 00:02:59.600
der Koalition aus drei Parteien in Italien, deren Karriere als Mussolini-Fan begonnen hat,

00:02:59.600 --> 00:03:04.400
die in der Presse als Postfaschistin auch vorgestellt wurde.

00:03:04.400 --> 00:03:09.100
Und da gab es schon sehr große Bedenken, auch damals bei Amtsantritt.

00:03:09.100 --> 00:03:15.600
War das ein vorschnelles Urteil oder haben sich die Sorgen bewahrheitet bis jetzt?

00:03:15.600 --> 00:03:21.600
Sebastian Heinrich: Also wenn man sich die Außenpolitik anschaut, zum Beispiel die internationale Positionierung Italiens,

00:03:21.600 --> 00:03:28.500
dann befindet sich diese Regierung mindestens genauso sehr im europäischen Mainstream

00:03:28.500 --> 00:03:32.800
bei ganz vielen Fragen wie frühere italienische Regierungen.

00:03:32.800 --> 00:03:37.900
Und ich würde sogar sagen, dass zum Beispiel die Regierung aus Lega und Fünf-Sterne-Bewegung,

00:03:37.900 --> 00:03:44.900
die von 2018 bis 2019 regiert hat, dass die deutlich antieuropäischer war, deutlich antieuropäischer

00:03:44.900 --> 00:03:48.300
und deutlich populistischer in dem Auftreten in Europa und deutlich, deutlich weniger konstruktiv.

00:03:48.300 --> 00:03:54.000
Auch was zum Beispiel die Migrationspolitik angeht, wenn man sich daran erinnert, wie Matteo Salvini,

00:03:54.000 --> 00:03:58.000
der damalige Innenminister, der heute Verkehrsminister ist in der neuen Regierung,

00:03:58.000 --> 00:04:01.400
aber der war damals Innenminister, also viel mächtiger als heute, wie er damals…

00:04:01.400 --> 00:04:08.000
Da gab es ja diese weltweit aufmerksam verfolgte Auseinandersetzung mit der deutschen Kapitänin Carola Rackete,

00:04:08.000 --> 00:04:10.800
zu der gerade übrigens der Prozess läuft in Italien.

00:04:10.800 --> 00:04:14.900
Also wenn man das vergleicht, dann ist diese Meloni-Regierung außenpolitisch,

00:04:14.900 --> 00:04:18.000
wenn man jetzt zum Beispiel die Positionierung im Blick auf die Ukraine anschaut,

00:04:18.000 --> 00:04:23.000
wenn man sich die ganzen Diskussionen um europäische Politik allgemein anschaut,

00:04:23.000 --> 00:04:27.400
dann ist sie deutlich konstruktiver zum Beispiel als diese zielführende Regierung.

00:04:27.400 --> 00:04:30.800
Also wenn die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen immer wieder betont,

00:04:30.800 --> 00:04:33.700
dass sie offen ist für eine Zusammenarbeit mit Giorgia Meloni und dezidiert sagt,

00:04:33.700 --> 00:04:38.200
sie sei Pro-Europäerin, dann geben Sie ihr da Recht.

00:04:38.200 --> 00:04:42.000
Sebastian Heinrich: Also in den Fakten ist es bisher so.

00:04:42.000 --> 00:04:47.600
Die offene Frage ist natürlich immer, die auch viele Beobachterinnen und Beobachter in Italien

00:04:47.600 --> 00:04:52.200
bis heute nicht wirklich beantworten können, ist natürlich, wie viel ehrliche Überzeugung steckt dahinter.

00:04:52.200 --> 00:04:58.300
Also wie weit hat sich Giorgia Meloni von einer, was sie als Jugendliche, als Teenagerin,

00:04:58.300 --> 00:05:03.300
sie ist ja wirklich seit ihrer Teenager-Zeit politisch aktiv und sie ist ja groß geworden in dieser rechtsradikalen,

00:05:03.300 --> 00:05:07.900
also wirklich klar neofaschistischen politischen Szene Roms, die eine lange Tradition hat,

00:05:07.900 --> 00:05:11.800
die eine sehr gewalttätige Tradition hat auch und da ist Meloni groß geworden,

00:05:11.800 --> 00:05:16.200
in diesem kulturellen, also in dieser politischen Kultur.

00:05:16.200 --> 00:05:26.500
Die Frage ist, wie sehr hat sie sich tatsächlich hinentwickelt zu einer überzeugten pro-europäischen Transatlantikerin-Demokratin

00:05:26.500 --> 00:05:30.000
oder wie viel davon ist einfach nur Opportunismus?

00:05:30.000 --> 00:05:34.500
Bisher, und man sollte ja Politikerinnen und Politiker in aller erster Linie an ihrem Handeln messen,

00:05:34.500 --> 00:05:43.000
kann man sagen, ja, sie tritt zumindest bisher als europakompatibel und europafreundlich auf, auf jeden Fall.

00:05:43.000 --> 00:05:47.500
Die andere Frage ist natürlich dann, was passiert in Italien selbst, was passiert innenpolitisch?

00:05:47.500 --> 00:05:51.600
Und da gibt es, also da sind die Signale zumindest gemischt, würde ich sagen.

00:05:51.600 --> 00:05:58.300
Sarah Zerback: Lassen Sie uns über den Migrationskurs der aktuellen Regierung sprechen.

00:05:58.300 --> 00:06:00.500
Auch da war ein Rechtsruck befürchtet worden.

00:06:00.500 --> 00:06:05.900
Es ist ja nun mal so, dass sich das Land schon seit Jahren, nicht erst seit Meloni an der Spitze ist,

00:06:05.900 --> 00:06:10.700
in Sachen Migrationspolitik von den europäischen Partnern alleine gelassen fühlt,

00:06:10.700 --> 00:06:14.900
eben als eines der Länder an den Außengrenzen,

00:06:14.900 --> 00:06:21.700
das ja zumindest eben als Erstankunftsland auch eine große Last eben im europäischen Vergleich trägt.

00:06:21.700 --> 00:06:25.700
Wie hart ist denn der aktuelle Kurs?

00:06:25.700 --> 00:06:30.300
Wie würden Sie den beschreiben, auch vor dem Hintergrund der Asylzentren,

00:06:30.300 --> 00:06:33.500
die jetzt nach Albanien ausgelagert werden sollten?

00:06:33.500 --> 00:06:35.500
Was ist da Ihre Zwischenbilanz?

00:06:35.500 --> 00:06:38.500
Sebastian Heinrich: Ich glaube, wenn man auf die neue Migrationspolitik schaut,

00:06:38.500 --> 00:06:44.900
muss man immer so durch so eine gewisse, durch so ein Tuch aus einer gewissen Heuchlerei immer durchschauen.

00:06:44.900 --> 00:06:46.600
Ich versuche das zu erklären.

00:06:46.600 --> 00:06:53.500
Also Italien ist zum einen ein Land, in dem sehr viele Migranten ankommen und sichtbar ankommen.

00:06:53.500 --> 00:06:57.300
Also die landen wirklich in den Häfen, die sind in den Fernsehnachrichten sichtbar und die Leute,

00:06:57.300 --> 00:07:01.500
die in den Städten wohnen, sehen diese Menschen wirklich sehr, sehr, sehr, sehr offensichtlich.

00:07:01.500 --> 00:07:06.100
Wenn man in Roma Termini oder in Milano Centrale aus dem Zug aussteigt,

00:07:06.100 --> 00:07:10.400
dann sieht man wirklich dort Menschen, die offensichtlich auf der Straße leben.

00:07:10.400 --> 00:07:14.700
Und viele von denen sind irregulär ins Land gekommene Migranten.

00:07:14.700 --> 00:07:18.200
Das heißt, es ist ein sehr sichtbares Problem.

00:07:18.200 --> 00:07:20.000
Italien hat im Endeffekt…

00:07:20.000 --> 00:07:24.400
Die offizielle Linie Italiens zwar immer sozusagen, Europa lässt uns alleine,

00:07:24.400 --> 00:07:27.600
ganz schrecklich, wir sind vollkommen überfordert mit diesen ganzen Menschen.

00:07:27.600 --> 00:07:29.800
Es ist wahnsinnig ungerecht.

00:07:29.800 --> 00:07:38.000
Die Dublin-Verordnung ist ungerecht, die uns sozusagen diese Bürde auflegt, uns als erster Staat um die Asylverfahren zu kümmern.

00:07:38.000 --> 00:07:40.100
Das ist die offizielle Linie.

00:07:40.100 --> 00:07:45.900
Inoffiziell, und das ist wirklich ein offenes Geheimnis, also nicht mal ein Geheimnis, das sieht man, das weiß jeder,

00:07:45.900 --> 00:07:52.100
Italien winkt diese Menschen seit Jahren durch, sagt ihnen, okay, kurz gesagt, wir schauen nicht so genau hin.

00:07:52.100 --> 00:07:54.400
Du musst jetzt, du musst das Land verlassen.

00:07:54.400 --> 00:07:57.500
Du musst eigentlich, was eigentlich meinen würde, du musst die Europäische Union verlassen.

00:07:57.500 --> 00:08:01.600
Was aber passiert tatsächlich, ist, dass sich diese Menschen in Richtung Norden aufmachen,

00:08:01.600 --> 00:08:05.900
Richtung Österreich oder vor allem auch Richtung Deutschland, Richtung Frankreich.

00:08:05.900 --> 00:08:11.800
Und das ist so, wie die italienische Regierung das Ganze bislang gehandelt hat.

00:08:11.800 --> 00:08:17.700
Dazu kommt, frühere Regierungen, auch Mitte-Links-Regierungen, an denen zum Beispiel die Sozialdemokraten beteiligt waren,

00:08:17.700 --> 00:08:22.300
haben Abkommen geschlossen in den vergangenen zehn Jahren unter anderem mit Libyen.

00:08:22.300 --> 00:08:29.300
Und im Endeffekt, diese libysche Küstenwache, würde ich jetzt in Anführungszeichen setzen, also in Wahrheit sind das Banden im Endeffekt,

00:08:29.300 --> 00:08:38.100
die wissen wir ja von diversen NGOs und dass sie die vollkommen, also bar jeglicher Menschenrechte,

00:08:38.100 --> 00:08:41.000
die Menschen dort behandeln, sie foltern und im Endeffekt versucht hat,

00:08:41.000 --> 00:08:44.300
über solche Abkommen sich die Menschen vom Leib zu halten.

00:08:44.300 --> 00:08:50.500
Was auf der anderen Seite viele andere europäische Staaten wissen und sehen und im Endeffekt geduldet haben.

00:08:50.500 --> 00:08:56.800
So, was jetzt die Regierung Meloni macht, ist, dass sie, das muss man mir aus meiner Sicht zugute halten,

00:08:56.800 --> 00:09:01.900
vor den Augen aller ein Abkommen mit einem anderen Staat außerhalb der EU,

00:09:01.900 --> 00:09:04.000
der aber in die EU will, Albanien schließt und sagt,

00:09:04.000 --> 00:09:11.600
okay, wir unter unserer Verantwortung öffnen diese Migrationszentren in Albanien unter Verantwortung der italienischen Behörden,

00:09:11.600 --> 00:09:16.300
der italienischen Polizei, schicken dort unsere Leute hin, bezahlen das Ganze

00:09:16.300 --> 00:09:18.100
und bearbeiten dort die Asylverfahren.

00:09:18.100 --> 00:09:19.800
Das ist der eine Punkt.

00:09:19.800 --> 00:09:21.700
Der andere Punkt ist natürlich, funktioniert das Ganze?

00:09:21.700 --> 00:09:23.700
Vermutlich nicht.

00:09:23.700 --> 00:09:28.600
Aber es ist zumindest, es ist jetzt auf jeden Fall eine neue Herangehensweise,

00:09:28.600 --> 00:09:32.600
die ja auch im Rest Europas mit einem gewissen Interesse beobachtet wird.

00:09:32.600 --> 00:09:35.900
Was mich so ein bisschen stört auch in der Debatte ist oft,

00:09:35.900 --> 00:09:41.000
dass jetzt so getan wird, als wäre das jetzt eine vollkommen unerhörte Praxis und als würden da jetzt,

00:09:41.000 --> 00:09:45.100
also in Italien von der Opposition wirklich dieses Wort Konzentrationslager verwendet.

00:09:45.100 --> 00:09:50.900
Und da muss ich sagen, die Sozialdemokraten, die mitregiert haben, haben wirklich sozusagen oft so eine Politik gehabt,

00:09:50.900 --> 00:09:57.100
aus dem Augen, aus dem Sinn, haben aus meiner Sicht viel schlimmere Menschenrechtsverletzungen geduldet

00:09:57.100 --> 00:10:00.100
und zumindest die Asylverfahren, die jetzt geplant werden, wenn das Ganze funktionieren würde,

00:10:00.100 --> 00:10:05.000
was vollkommen offen ist, würde das ja unter der Verantwortung italienischer Behörden geschehen.

00:10:05.000 --> 00:10:10.100
Und ich glaube nicht, dass die Zustände jetzt in einem albanischen Migrationszentrum schlimmer werden,

00:10:10.100 --> 00:10:17.300
als in diesen libyschen Folterlagern, die Italien und damit auch andere EU-Staaten bisher geduldet haben

00:10:17.300 --> 00:10:18.900
und mitfinanziert haben.

00:10:18.900 --> 00:10:23.200
Sarah Zerback: Man muss ja sagen, also bevor diese Zentren überhaupt eröffnet wurden,

00:10:23.200 --> 00:10:26.500
waren Meloni und von der Leyen auch gemeinsam da, haben sich das angeschaut.

00:10:26.500 --> 00:10:32.100
Also da gibt es ja auch in Europa so einen gewissen Trend eben zur Externalisierung.

00:10:32.100 --> 00:10:38.700
Ist das denn etwas, also jetzt muss man ja sagen, jetzt klappt es im Moment nicht, weil es wurde erst mal gestoppt.

00:10:38.700 --> 00:10:47.300
Aber was wir auch wahrnehmen, ist, dass die italienische Regierung, Meloni in persona, schon alles dran setzt, dass das funktioniert.

00:10:47.300 --> 00:10:49.100
Oder wie schätzen Sie das ein?

00:10:49.100 --> 00:10:55.900
Sebastian Heinrich: Ja, was natürlich Meloni jetzt tut, das ist jetzt ein bisschen ein Klassiker mit der Rechtsregierung seit über 30 Jahren.

00:10:55.900 --> 00:11:02.900
Sie sagt jetzt, also in den letzten Tagen schiebt sie die Schuld den Richtern zu, den Gerichten.

00:11:02.900 --> 00:11:06.400
Und das ist wirklich also ein Evergreen inzwischen der italienischen Rechten, zu sagen,

00:11:06.400 --> 00:11:10.400
die Gerichte sind gegen uns, die Richter sind gegen uns, die Justiz ist gegen uns

00:11:10.400 --> 00:11:13.500
und will nicht, dass wir erfolgreich sind, weil die Richter sind alle Kommunisten.

00:11:13.500 --> 00:11:19.300
Also ich überspitze jetzt ein bisschen, aber das ist so ein Talking Point, der gerade sehr stark ist,

00:11:19.300 --> 00:11:27.000
weil durch Meloni selbst, aber auch durch andere mehr oder weniger explizit wird diese Rhetorik verwendet.

00:11:27.000 --> 00:11:31.700
Die italienische Justiz hat natürlich gewisse Besonderheiten.

00:11:31.700 --> 00:11:34.700
Es gibt tatsächlich innerhalb der italienischen Justiz politische Strömungen.

00:11:34.700 --> 00:11:38.900
Es gibt Richter- und Staatsanwaltsvereinigungen, die bestimmte politische Ausrichtungen haben,

00:11:38.900 --> 00:11:42.200
wo man sich aus meiner Sicht wirklich fragen sollte, ist das sinnvoll, sollte das so sein?

00:11:42.200 --> 00:11:48.000
Aber es ist natürlich auch eine vollkommen überzogene Opferhaltung, die jetzt die Regierung einnimmt,

00:11:48.000 --> 00:11:54.500
zu sagen, das Ganze beruht ja auch aus europäischen Urteilen,

00:11:54.500 --> 00:12:00.300
diese Einschätzung, dass diese Zentren nicht rechtmäßig sind, jetzt so zu tun, als wäre das nur Schuld der Richter

00:12:00.300 --> 00:12:05.100
und als wären diese Zentren aber wunderbar gut geplant gewesen, das ist natürlich sehr bequem auch wiederum.

00:12:05.100 --> 00:12:10.300
Und diese Rhetorik verfängt natürlich auch beim Teil der Wählerinnen und Wähler,

00:12:10.300 --> 00:12:13.300
weil sie das auch schon von Berlusconi kennen in den vergangenen 30 Jahren,

00:12:13.300 --> 00:12:18.000
der ja diese Rhetorik wahnsinnig stark verwendet hat, weil es da ja auch um Verfahren gegen ihn selbst ging.

00:12:18.000 --> 00:12:22.800
Und also ja, es wäre ein Gesichtsverlust, wenn es nicht funktionieren würde,

00:12:22.800 --> 00:12:26.600
aber sozusagen das rhetorische Mittel, das Meloni verwenden würde,

00:12:26.600 --> 00:12:31.400
das kann man jetzt schon ersehen, was das dann wäre, zu sagen, die Richter sind gegen uns.

00:12:31.400 --> 00:12:35.200
Sarah Zerback: In der politischen Debatte gibt es aber auch in Italien die Reflexe,

00:12:35.200 --> 00:12:38.000
eben die Armen gegen die noch Ärmeren auszuspielen.

00:12:38.000 --> 00:12:42.800
Also wenn wir über sehr sichtbare Migration und Armut auch in dem Zusammenhang sprechen,

00:12:42.800 --> 00:12:48.900
müssen wir auch erwähnen, dass Armut in Italien gerade wieder neue Höchststände erreicht hat.

00:12:48.900 --> 00:12:52.500
Also jeder und jede Zehnte lebt dort tatsächlich in Armut.

00:12:52.500 --> 00:12:57.500
Und das ja, obwohl die Regierung auch ziemlich einschneidende Sozialreformen aus dem Weg gebracht hat.

00:12:57.500 --> 00:13:01.300
Warum greifen die nicht und verpuffen dann an der Stelle so?

00:13:01.300 --> 00:13:06.600
Sebastian Heinrich: Also es gibt mehrere größere strukturelle Probleme, was das Thema angeht.

00:13:06.600 --> 00:13:13.000
Eine davon ist natürlich einfach eine große, nach wie vor eine große Regionalunterscheidung

00:13:13.000 --> 00:13:16.500
bei so Faktoren wie Jugendarbeitslosigkeit zum Beispiel oder Arbeitslosigkeit oder der Anteil der Menschen,

00:13:16.500 --> 00:13:24.100
die sogenannten Neets, also N-E-E-T, die Menschen, die weder lernen, studieren, noch in Arbeit sind.

00:13:24.100 --> 00:13:28.400
Und da hat man einfach ein riesiges Nord-Süd-Gefälle nach wie vor in Italien.

00:13:28.400 --> 00:13:34.900
Das heißt, in Süditalien ist dieses Problem der strukturellen Armut aus diesem Grund auch deutlich, deutlich stärker.

00:13:34.900 --> 00:13:37.500
Woran das jetzt wiederum liegt, wäre noch mal eine andere Frage, aber das ist ein Faktor.

00:13:37.500 --> 00:13:45.600
Ein anderer Faktor ist, dass in Italien einfach die Löhne im EU-Vergleich wirklich enorm niedrig sind.

00:13:45.600 --> 00:13:51.400
Gerade für so ein doch sehr entwickeltes Industrieland, auch schon seit Jahrzehnten sehr entwickeltes Industrieland,

00:13:51.400 --> 00:13:55.300
sind die Löhne in Italien wirklich unfassbar niedrig.

00:13:55.300 --> 00:13:59.200
Und sie sind auch im europäischen Vergleich deutlich zurückgefallen in den letzten 30 Jahren.

00:13:59.200 --> 00:14:01.900
Es gibt eine Statistik, die ich zum Beispiel auch in meinem Podcast immer wieder erwähne,

00:14:01.900 --> 00:14:07.500
weil ich sie wirklich absolut bemerkenswert finde und weil sie wahnsinnig viel erklärt aus meiner Sicht in Italien,

00:14:07.500 --> 00:14:14.900
dass Italien das einzige EU-Land ist, in dem in den vergangenen 30 Jahren inflationsbereinigt die Löhne gesunken sind.

00:14:14.900 --> 00:14:16.600
Das einzige EU-Land.

00:14:16.600 --> 00:14:20.500
Das einzige EU-Land, in dem sozusagen die Leute in den vergangenen 30 Jahren

00:14:20.500 --> 00:14:23.700
wirklich im Durchschnitt netto an Kaufkraft verloren haben.

00:14:23.700 --> 00:14:27.500
Sarah Zerback: Und das wiederum führt ja dazu, dass viele, gerade junge Talente, das Land auch verlassen.

00:14:27.500 --> 00:14:29.700
Ganz genau, das führt zum einen dazu.

00:14:29.700 --> 00:14:32.700
Das führt aber auch dazu, das gab jetzt auch die jüngsten Statistiken,

00:14:32.700 --> 00:14:35.500
die jetzt, glaube ich, in der vergangenen Woche rausgekommen sind wieder,

00:14:35.500 --> 00:14:42.600
dass es die bemerkenswerte Entwicklung gab, dass gerade die Armut unter der in Lohn und Brot befindlichen Bevölkerung gestiegen ist.

00:14:42.600 --> 00:14:47.100
Italien hat in diesem Jahr wieder ein Beschäftigungs-, also ein Rekord bei der Beschäftigungsquote verzeichnet.

00:14:47.100 --> 00:14:52.400
Also gerade auch bei Frauen, wo Italien ja auch einen gewissen Rückstand immer noch hat bei der Beschäftigungsquote bei Frauen,

00:14:52.400 --> 00:14:54.400
gibt es dadurch eine positive Entwicklung.

00:14:54.400 --> 00:15:00.500
Das Problem ist einfach, die Löhne sind wirklich auf eine besorgniserregende Art und Weise niedrig.

00:15:00.500 --> 00:15:04.500
Und das liegt an Faktoren wie der Produktivität, an der Tatsache,

00:15:04.500 --> 00:15:10.800
dass in Italien die Wirtschaftsstruktur viel stärker auf kleinen und mittleren Unternehmen beruht,

00:15:10.800 --> 00:15:16.200
die weniger in Forschung und Entwicklung investieren, die grundsätzlich tendenziell geringere Löhne zahlen.

00:15:16.200 --> 00:15:20.500
Was übrigens nicht dazu beigetragen hat, zumindest nach den Zahlen, die ich kenne,

00:15:20.500 --> 00:15:24.600
es wurde ja dieses Bürgergeld in Italien, was im Endeffekt so eine Art von Hartz IV war,

00:15:24.600 --> 00:15:28.000
was es vorher in Italien nicht gegeben hatte, das wurde deutlich eingeschränkt.

00:15:28.000 --> 00:15:30.900
Aber zumindest nach den Zahlen, die ich kenne, hat das nicht dazu geführt,

00:15:30.900 --> 00:15:34.200
dass die Armut bemerkenswert zugenommen hat.

00:15:34.200 --> 00:15:37.900
Sondern es sind eher aus meiner Sicht, glaube ich, diese strukturellen Probleme,

00:15:37.900 --> 00:15:42.100
die die italienische Wirtschaft nach wie vor hat, die dazu führen.

00:15:42.100 --> 00:15:45.500
Sarah Zerback: In Deutschland, das haben wir ja bei den Europawahlen beobachtet,

00:15:45.500 --> 00:15:48.800
aber auch bei den drei Landtagswahlen im Osten jetzt 2024,

00:15:48.800 --> 00:15:54.400
da haben ja konservative bis rechte Parteien bei jungen Menschen besonders gut abgeschnitten.

00:15:54.400 --> 00:15:58.700
Wen wählen denn junge Italienerinnen und Italiener?

00:15:58.700 --> 00:16:05.400
Sebastian Heinrich: Die Zahlen, die ich kenne von der letzten Parlamentswahl 2022 zum Beispiel,

00:16:05.400 --> 00:16:13.700
die haben zum einen gezeigt, dass die Werte da bei dem Fratelli d'Italia zum Beispiel relativ nah am Bevölkerungsdurchschnitt waren.

00:16:13.700 --> 00:16:19.800
Was ich bemerkenswert fand, war, dass die sehr linken Parteien deutlich über der,

00:16:19.800 --> 00:16:24.300
also da reden wir jetzt wirklich von linksradikalen Kräften, unter anderem auch die italienischen Grünen,

00:16:24.300 --> 00:16:28.600
die wirklich deutlich, deutlich weiter links stehen als die deutschen Grünen,

00:16:28.600 --> 00:16:31.400
dass die überdurchschnittlich stark waren.

00:16:31.400 --> 00:16:38.100
Aber auch die zwei liberalen Parteien damals, Azione und Italia Viva, die damals gemeinsam angetreten sind,

00:16:38.100 --> 00:16:42.400
die waren da etwas über dem Durchschnitt.

00:16:42.400 --> 00:16:46.800
Lange war es auch so, dass die Fünf-Sterne-Bewegung, als sie auf dem Höhenflug war,

00:16:46.800 --> 00:16:50.300
dass die bei jungen Menschen gerade überdurchschnittliche Werte hat.

00:16:50.300 --> 00:16:55.500
Was man bei Italien immer mitdenken muss, ist, dass sich das Parteiensystem ja rasend schnell immer noch entwickelt.

00:16:55.500 --> 00:16:57.900
Immer wieder entstehen neue Parteien, verändern sich Parteien.

00:16:57.900 --> 00:17:04.500
Das heißt, es ist weniger deutlich, als in Deutschland sichtbar, was sind jetzt eigentlich neuere Parteien, was sind ältere Parteien.

00:17:04.500 --> 00:17:06.600
Weil die älteste Partei, die es heute gibt, ist die Lega.

00:17:06.600 --> 00:17:12.100
Die ist gerade mal 35 Jahre alt und hat sich auch schon fünfmal gehäutet.

00:17:12.100 --> 00:17:17.600
Also, ja, es ist allgemein, was ich eher bemerkenswert finde bei den Altersunterschieden, bei den Altersgruppen,

00:17:17.600 --> 00:17:22.700
ist einfach die Wahlbeteiligung, die wirklich auf eine allgemein, also im Bevölkerungsdurchschnitt,

00:17:22.700 --> 00:17:28.400
aber vor allem bei jungen Menschen wirklich auf dramatische Weise in den letzten 10, 15 Jahren zurückgegangen ist.

00:17:28.400 --> 00:17:32.400
Und wir hatten jetzt bei der Europawahl im Juni zum ersten Mal eine italienweite Wahl,

00:17:32.400 --> 00:17:35.900
bei der weniger als die Hälfte der Menschen wählen gegangen ist.

00:17:35.900 --> 00:17:40.900
Italien war bis in die 2000er Jahre ein Land, das überdurchschnittlich hohe Wahlbeteiligungsraten hatte,

00:17:40.900 --> 00:17:42.500
auch im Vergleich zu Deutschland.

00:17:42.500 --> 00:17:51.300
Aber, ja, da gab es wirklich eine offensichtliche, eine dramatische Entwicklung hinzu, zu dem,

00:17:51.300 --> 00:17:54.300
was man in Deutschland Politikverdrossenheit nennt in der Bevölkerung.

00:17:54.300 --> 00:17:56.100
Sarah Zerback: Das Wort ist mir auch gerade durch den Kopf gegangen.

00:17:56.100 --> 00:17:58.000
Woher kommt das? Wie erklären Sie sich das?

00:17:58.000 --> 00:18:01.600
Sebastian Heinrich: Also, ein Faktor ist, glaube ich, wirklich das, was ich vorhin schon genannt hatte.

00:18:01.600 --> 00:18:05.000
Also eine wirtschaftliche Entwicklung, die für ganz viele Menschen sichtbar ist,

00:18:05.000 --> 00:18:08.100
bei der Italien zurückfällt, im Vergleich gerade zum Rest Europas.

00:18:08.100 --> 00:18:11.800
Heutzutage bekommen ja die Menschen in Italien, gerade die jüngeren Menschen, auch stark mit,

00:18:11.800 --> 00:18:14.300
wie ihre Altersgenossen im Rest Europas leben.

00:18:14.300 --> 00:18:18.800
Viele Menschen haben im Studium, zum Beispiel, wenn sie studieren, haben sie Erasmus gemacht.

00:18:18.800 --> 00:18:22.600
Aber auch, wenn sie nicht studiert haben, reisen sie in andere Länder viel mehr als früher,

00:18:22.600 --> 00:18:27.500
als vor 30, 40 Jahren, haben Kontakte zu Menschen, die ausgewandert sind, bekommen zum Beispiel mit,

00:18:27.500 --> 00:18:32.200
dass die Menschen in Deutschland die meisten Menschen um 17 Uhr nachmittags Feierabend haben,

00:18:32.200 --> 00:18:38.200
während man in Italien tendenziell bis 19-20 Uhr teilweise in den Büros arbeitet, gerade in Süditalien,

00:18:38.200 --> 00:18:44.100
bekommen mit, dass die Löhne viel auskömmlicher sind in bestimmten Berufsgruppen,

00:18:44.100 --> 00:18:47.900
Lehrer, Ärzte, gerade in diesen Systemberufen, aber auch in der freien Wirtschaft.

00:18:47.900 --> 00:18:53.000
Und das führt zu einem riesigen Frust, führt zum einen zu einer Auswanderung,

00:18:53.000 --> 00:18:57.000
führt aber zum anderen eben auch zu dem großen Frust, bei den Menschen, die im Land bleiben.

00:18:57.000 --> 00:19:02.800
Und dann ist der politische Diskurs und die politischen Debatten, auch das bekommt man auch in diesen Tagen wieder in Italien mit,

00:19:02.800 --> 00:19:09.700
wahnsinnig stark, es geht wahnsinnig stark um diese, das, was man in Italien Polemiche nennt,

00:19:09.700 --> 00:19:14.400
also dieses, die Politik, die sich mit der Politik beschäftigt, die sich darüber streitet.

00:19:14.400 --> 00:19:20.700
Es gibt jetzt wieder den Fall eines Kulturstaatssekretärs oder eines hohen Funktionärs im Kulturministerium,

00:19:20.700 --> 00:19:26.000
der gefeuert wurde, Riesenskandal, die Zeitungen sind voll darüber, warum der jetzt gefeuert wurde

00:19:26.000 --> 00:19:29.000
und wer jetzt da wem wieder irgendwie an die Gurgel wollte

00:19:29.000 --> 00:19:32.200
und wie da die Verhältnisse innerhalb der Fratelli Italia sind.

00:19:32.200 --> 00:19:39.200
Und gleichzeitig ist zum Beispiel Sizilien und Sardinien leiden seit Monaten unter einer verheerenden Dürre,

00:19:39.200 --> 00:19:46.300
unter einem Wassermangel, der dazu führt, dass in manchen Gemeinden seit Monaten nur stundenweise es Wasser gibt am Tag.

00:19:46.300 --> 00:19:50.100
Und ich sage mal so, also so sehr wir auch in Deutschland über die politische Kultur sprechen,

00:19:50.100 --> 00:19:53.200
aber wenn das in Deutschland der Fall wäre, dann wäre das, würde ich jetzt vermuten,

00:19:53.200 --> 00:20:01.500
wäre das das politische Top-Thema, worüber sich die Landesregierung, die Zuständigen ständig kümmern würden,

00:20:01.500 --> 00:20:04.600
das die politische Diskussion dominieren würde.

00:20:04.600 --> 00:20:06.300
Das kommt auch in Italien, in den Nachrichten kommt das ständig vor.

00:20:06.300 --> 00:20:09.500
Also das sehen die Leute auch außerhalb Siziliens, dass es dieses Problem gibt.

00:20:09.500 --> 00:20:14.200
Aber die politische Debatte dreht sich fast, also in einem verschwindenden Ausmaß darum.

00:20:14.200 --> 00:20:18.200
Und es dreht sich, es ist wahnsinnig selbstreferenziell.

00:20:18.200 --> 00:20:22.800
Und das führt auch zu einem großen, großen Frust, dass viele Menschen das Gefühl haben,

00:20:22.800 --> 00:20:27.800
das berechtigte Gefühl, dass die Themen, die großen Themen, die dieses Land beschäftigen,

00:20:27.800 --> 00:20:31.500
die großen strukturellen Probleme, dass die viel zu wenig vorkommen in der politischen Debatte.

00:20:31.500 --> 00:20:36.100
Sarah Zerback: Und wird dieser Frust denn auch auf die Straße getragen?

00:20:36.100 --> 00:20:40.700
Also welche politischen Diskursräume gibt es?

00:20:40.700 --> 00:20:43.400
Und wie stark ist die Zivilgesellschaft?

00:20:43.400 --> 00:20:46.600
Sebastian Heinrich: Große Unterschiede, würde ich sagen, auch da gibt es große Unterschiede,

00:20:46.600 --> 00:20:52.500
regional, also traditionell, nur das sieht man auch hier, ist in Norditalien diese Zivilgesellschaft,

00:20:52.500 --> 00:20:56.700
diese Mobilisierung von unten, dieser politische Druck, der von unten aufgebaut wird,

00:20:56.700 --> 00:21:00.900
ist im Norden zum Beispiel deutlich stärker als im Süden tendenziell.

00:21:00.900 --> 00:21:08.600
Also diese Fähigkeit, sich von unten zu organisieren, wie gesagt, sieht man auch in diesen Fällen,

00:21:08.600 --> 00:21:12.800
da gibt es dann auch viele Ausnahmen, also wenn man zum Beispiel in Sizilien die Bewegung gegen die Mafia zum Beispiel anschaut,

00:21:12.800 --> 00:21:15.800
da gab es auch wirklich wahnsinnig starke Mobilisierung von unten,

00:21:15.800 --> 00:21:21.000
aber gerade da sieht man, da sind wirklich starke regionale Unterschiede.

00:21:21.000 --> 00:21:27.500
Es gibt natürlich Organisationsräume im digitalen Raum, die stark wirken heute,

00:21:27.500 --> 00:21:35.000
aber es ist zum Beispiel in Italien ein großer Unterschied, den ich immer merke, ist zu Frankreich in der Beobachtung.

00:21:35.000 --> 00:21:40.800
Also da ist wirklich die Protestkultur, der Druck von der Straße, der in Frankreich regelmäßig aufgebaut wird

00:21:40.800 --> 00:21:46.600
bei sozialen Themen gerade, der findet in Italien in viel, viel, viel, viel geringerem Ausmaß statt.

00:21:46.600 --> 00:21:54.000
Also das ist, da hat Italien einfach eine andere Protestkultur, eine andere ja auch die Zivilsellschaft,

00:21:54.000 --> 00:21:55.200
einfach eine schwächere Organisationskraft.

00:21:55.200 --> 00:22:00.800
Sarah Zerback: Was im Land selbst ja zu beobachten ist, dass Giorgia Meloni da Reformen antreibt,

00:22:00.800 --> 00:22:03.700
um den Staat umzubauen.

00:22:03.700 --> 00:22:09.100
Da steht eine Reform besonders im Mittelpunkt, die wird in Italien auch von ihr die Mutter aller Reformen genannt.

00:22:09.100 --> 00:22:13.900
Das ist die Direktwahl des Premiers, der Premierministerin, des Premierministers.

00:22:13.900 --> 00:22:16.700
Ist aber auch keine ganz neue Idee?

00:22:16.700 --> 00:22:18.000
Sebastian Heinrich: Ja, das ist richtig.

00:22:18.000 --> 00:22:23.800
Also wir reden in Italien seit den 90er Jahren, seit Mitte der 90er Jahre oder seit Anfang der 90er Jahre,

00:22:23.800 --> 00:22:27.400
seit diesem Tangentopoli Korruptionsskandal.

00:22:27.400 --> 00:22:33.700
Ganz kurz gesagt, es war im Endeffekt ein Skandal, durch staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wurden damals

00:22:33.700 --> 00:22:39.400
ein riesiges Korruptionssystem in mehreren italienischen Städten offenbart,

00:22:39.400 --> 00:22:42.300
an dem im Endeffekt alle großen Parteien beteiligt waren.

00:22:42.300 --> 00:22:44.600
Da gab es wirklich Quoten, teilweise nach denen die Schmiergelder,

00:22:44.600 --> 00:22:49.300
die Unternehmer für öffentliche Bauaufträge zahlen mussten, unter den Parteien aufgeteilt wurden.

00:22:49.300 --> 00:22:55.300
Dieses System, also diese Erkenntnisse zu diesem Korruptionssystem haben das Parteiensystem gesprengt

00:22:55.300 --> 00:22:57.800
in den 90er Jahren, wirklich implodieren lassen.

00:22:57.800 --> 00:23:02.400
Keine der alten Parteien aus der sogenannten Ersten Republik hat wirklich überlebt.

00:23:02.400 --> 00:23:09.500
Und daraus, seit es diese Implosion gab, gibt es diese Debatten darum,

00:23:09.500 --> 00:23:12.500
das politische System in Italien komplett zu reformieren.

00:23:12.500 --> 00:23:18.600
Also Italien ist ja seit 1948 eine parlamentarische Demokratie, seit der Verfassung

00:23:18.600 --> 00:23:24.000
und es gab immer schon die Überlegung, daraus zum Beispiel ein semipräsidentielles System zu machen

00:23:24.000 --> 00:23:27.100
wie in Frankreich, wo man einen Staatspräsidenten direkt wählt

00:23:27.100 --> 00:23:32.000
und der auch nicht direkt vom Vertrauen im Parlament abhängig ist.

00:23:32.000 --> 00:23:37.600
Und in den 90er Jahren ist auch dieses Wort Premierato zum ersten Mal genannt worden von Giovanni Sartori,

00:23:37.600 --> 00:23:41.500
von einem Politikwissenschaftler, der zum Beispiel diese Überlegung damit beschrieben hat,

00:23:41.500 --> 00:23:44.100
den Regierungschef direkt wählen zu lassen.

00:23:44.100 --> 00:23:47.000
Und diese Debatte ist weitergegangen über die Jahre immer wieder.

00:23:47.000 --> 00:23:51.200
Berlusconi war ein relativ großer Anhänger davon, den Staatspräsidenten selbst wählen zu lassen

00:23:51.200 --> 00:23:57.300
und hat auch immer wieder mit der Idee gespielt, dann selbst für diese Rolle zu kandidieren.

00:23:57.300 --> 00:24:02.500
Die Fratelli Italia von Giorgia Meloni waren in den Wahlkampf 2022 noch mit der Idee gegangen,

00:24:02.500 --> 00:24:07.000
auch so diesen Präsidentialismo einzuführen, also im Endeffekt auch ein semipräsidentielles System.

00:24:07.000 --> 00:24:13.700
Und haben dann aber, hat Meloni sozusagen in Gesprächen auch mit Oppositionsparteien,

00:24:13.700 --> 00:24:18.100
da gab es irgendwie so Gesprächsformate dann in den ersten Wochen nach ihrer Regierungsübernahme,

00:24:18.100 --> 00:24:23.000
hat sich dann, ist dann umgeswitcht eben auf dieses System des Premierato.

00:24:23.000 --> 00:24:29.500
Also im Endeffekt würde das vorsehen, dass der Regierungschef direkt gewählt wird,

00:24:29.500 --> 00:24:31.500
es neben ihm aber weiterhin den Staatspräsidenten gibt.

00:24:31.500 --> 00:24:33.900
Und warum sie auf dieses System umgeschwenkt ist,

00:24:33.900 --> 00:24:38.900
dass in Italien der Staatspräsident die mit Abstand populärste politische Institution ist,

00:24:38.900 --> 00:24:42.200
also das ist immer eine Figur gewesen in den vergangenen Jahrzehnten,

00:24:42.000 --> 00:24:47.200
während sozusagen die parlamentarische Politik, die Regierungspolitik oft sehr chaotisch war

00:24:47.200 --> 00:24:50.700
und auch das Vertrauen in die Regierung, ins Parlament sehr niedrig war in Italien,

00:24:50.700 --> 00:24:56.100
der Präsident war fast immer eine Respektsperson, das ist auch heute so mit Sergio Mattarella,

00:24:56.100 --> 00:25:01.800
der über die Parteigrenzen hinweg geschätzt wird, als seriöser Mensch, als Schiedsrichter der Politik,

00:25:01.800 --> 00:25:06.700
der im Zweifelsfall auch in Notsituationen wirklich den Laden zusammenhält.

00:25:06.700 --> 00:25:08.100
Sarah Zerback: Und da gab es ja einige.

00:25:08.100 --> 00:25:09.100
Sebastian Heinrich: Ja, genau.

00:25:09.100 --> 00:25:15.400
Seit Sergio Mattarella Präsident ist, mehrfach schon wirklich in sehr, sehr schwierigen Situationen sozusagen,

00:25:15.400 --> 00:25:20.100
dann im Endeffekt dafür zuständig war, eine Regierung zusammenzuzimmern und zu beauftragen.

00:25:20.100 --> 00:25:24.000
Und Meloni ist sozusagen zu dem Schluss gekommen, es macht mich sehr unpopulär

00:25:24.000 --> 00:25:28.400
oder ich scheitere vermutlich mit der Reform, wenn ich den Präsidenten abschaffe,

00:25:28.400 --> 00:25:32.400
wenn ich dieses Amt abschaffe und sozusagen zusammenlege, Regierungschef und Präsidenten

00:25:32.400 --> 00:25:34.600
und sozusagen wirklich ein Präsidialsystem schaffe.

00:25:34.600 --> 00:25:40.300
Und was sie jetzt eben schaffen will, ist ein System, das es im Endeffekt so in keiner anderen Demokratie der Welt gibt.

00:25:40.300 --> 00:25:45.100
Sarah Zerback: Würden Sie denn sagen, das ist ein probates Mittel, um eben zu verhindern,

00:25:45.100 --> 00:25:48.700
dass Italien alle paar Monate eine neue Regierung wählen muss?

00:25:48.700 --> 00:25:52.400
Oder erkennen Sie darin einen Angriff auf die Verfassung?

00:25:52.400 --> 00:25:56.900
Sebastian Heinrich: Ich persönlich weder noch.

00:25:56.900 --> 00:26:02.100
Ich würde sagen, ich glaube, das größere Problem ist, dass das Ganze vermutlich nicht funktionieren wird.

00:26:02.100 --> 00:26:06.100
Aber da gibt es auch durchaus Leute, die das deutlich kritischer sehen und die es deutlich gefährlicher sehen.

00:26:06.500 --> 00:26:12.400
Als probates Mittel sehe ich es deswegen nicht, weil im Endeffekt beweist gerade die Regierung Meloni

00:26:12.400 --> 00:26:17.900
absurderweise selbst, dass es durchaus möglich ist, im aktuellen System eine stabile Regierung zu bilden

00:26:17.900 --> 00:26:20.700
und stabil zu regieren.

00:26:20.700 --> 00:26:27.700
Also die Regierung ist gerade dabei, rückt immer weiter nach vorne auf der Rangliste der langlebigsten italienischen Regierungen gerade.

00:26:27.700 --> 00:26:31.600
Die ist seit Herbst 2022 im Amt, scheint extrem stabil im Amt zu sein

00:26:31.600 --> 00:26:36.800
und könnte wirklich die ganze Legislaturperiode, als erste italienische Regierung der Nachkriegsgeschichte,

00:26:36.800 --> 00:26:39.200
eine komplette Legislaturperiode durchdirigieren

00:26:39.200 --> 00:26:44.000
und würde sozusagen selbst gewissermaßen dieses Argument, was sie selber da vorbringt, zu sagen,

00:26:44.000 --> 00:26:47.500
okay, Italien ist so instabil und wir müssen hier das System verändern,

00:26:47.500 --> 00:26:51.900
das selbst ad absurdum führen, weil es zeigt, dass es eben doch möglich wäre.

00:26:51.900 --> 00:26:55.300
Was, glaube ich, aus meiner Sicht viel wichtiger wäre,

00:26:55.300 --> 00:26:58.200
wäre zum Beispiel das Wahlsystem in Italien so zu gestalten,

00:26:58.200 --> 00:27:01.100
dass die Menschen wieder deutlich mehr verstehen, wen sie eigentlich wählen,

00:27:01.100 --> 00:27:04.200
dass sie deutlich nachvollziehbarer machen können, welche Menschen sie ins Parlament wählen.

00:27:04.200 --> 00:27:10.500
Sozusagen auch, dass sie innerhalb der Listen auch entscheiden können,

00:27:10.500 --> 00:27:13.700
welche Kandidaten sie nach oben wählen können und so weiter und so fort.

00:27:13.700 --> 00:27:17.300
Das sind alles Elemente, die es heute nicht gibt in Italien und das Wahlsystem ist wirklich,

00:27:17.300 --> 00:27:21.400
das Wahlrecht ist so kompliziert, dass fast niemand durchblickt in Italien

00:27:21.400 --> 00:27:30.400
und das führt auch dazu, dass es vor den Wahlen schon Wahlkoalitionen gebildet werden zwischen mehreren Parteien

00:27:30.400 --> 00:27:36.200
und dass diese Koalitionen manchmal nach der Wahl wirklich am nächsten Tag schon wieder zerbrechen,

00:27:36.200 --> 00:27:39.000
weil sich die einzelnen Parteien dann in verschiedene Richtungen bewegen

00:27:39.000 --> 00:27:46.200
und das alles führt dazu, dass es Faktoren sind, die dazu führen können, dass die Politik in Italien sehr instabil wird.

00:27:46.200 --> 00:27:52.800
Und ich will damit sagen, diese Fassungsreform, die, glaube ich, schafft es nicht, diese wirklichen Probleme,

00:27:52.800 --> 00:27:56.500
die für Instabilität in Italien führen können, zu adressieren.

00:27:56.500 --> 00:28:01.200
Und ich glaube deswegen nicht, dass es ein Problem für die Demokratie ist,

00:28:01.200 --> 00:28:05.000
weil ich glaube, dass es einfach nicht funktionieren wird, dieses System.

00:28:05.000 --> 00:28:10.200
Sarah Zerback: Jetzt standen wir beide ja schon auf der Buchmesse zusammen, da war Italien Ehrengast.

00:28:10.200 --> 00:28:17.700
Wie, würden Sie sagen, wirkt sich denn der Regierungswechsel bisher auf das kulturelle Leben in Italien aus?

00:28:17.700 --> 00:28:20.900
Wie würden das wohl zeitgenössische Autoren beantworten?

00:28:20.900 --> 00:28:26.400
Sebastian Heinrich: Also, wenn man sie selbst fragt, wenn man zum Beispiel mit Roberto Saviano spricht,

00:28:26.400 --> 00:28:29.900
was ja auf der Buchmesse viele Kolleginnen und Kollegen auch getan haben,

00:28:29.900 --> 00:28:37.700
dann beklagen die ein durchaus problematisches, also ein problematisches Klima in Italien,

00:28:37.700 --> 00:28:46.700
wo sozusagen gerade aus Institutionen, aus Projekten mit staatlicher Beteiligung kritische Stimmen rausgedrängt werden.

00:28:46.700 --> 00:28:51.800
Sarah Zerback: Auch Roberto Saviano war ja nicht offiziell eingeladen und nicht in der offiziellen Delegation.

00:28:51.800 --> 00:28:58.800
Sebastian Heinrich: Genau, ein Vorfall, an dem das auch viele Intellektuelle festmachen, ist die Entwicklung.

00:28:58.800 --> 00:29:06.300
Diese rechte Regierung bei der Kulturpolitik ist sehr stark geprägt von dieser Erzählung,

00:29:06.300 --> 00:29:15.400
dass sie jetzt sozusagen diese kulturelle Dominanz der Linken in Italien brechen will

00:29:15.400 --> 00:29:18.500
und wieder für echte Vielfalt sorgen will sozusagen.

00:29:18.500 --> 00:29:26.000
Dass nicht wieder die kulturelle Szene in Italien nicht wie bisher, so ist die Darstellung von den Rechten,

00:29:26.000 --> 00:29:28.200
von linken Künstlern, von linken Schriftstellern, von linken Regisseuren geprägt wird,

00:29:28.200 --> 00:29:32.900
sondern dass jetzt sozusagen auch die Leute, die ihnen näher stehen, zum Zug kommt.

00:29:32.900 --> 00:29:36.500
Und viele der Entscheidungen, unter anderem diese Entscheidung,

00:29:36.500 --> 00:29:42.700
Saviano nicht im Zusammenhang mit der italienischen Delegation nach Frankfurt zur Buchmesse zu schicken,

00:29:42.700 --> 00:29:46.100
haben mit dieser Erzählung zu tun.

00:29:46.100 --> 00:29:51.900
Sarah Zerback: Okay, nicht einzuladen, aber mundtot zu machen, so weit würden sie noch nicht gehen?

00:29:51.900 --> 00:29:54.600
Sebastian Heinrich: Nein, dazu haben sie ja nicht die Mittel.

00:29:54.600 --> 00:29:59.500
Also Italien ist nach allen Maßstäben nach wie vor eine liberale Demokratie mit einer sehr vielfältigen Medienlandschaft.

00:29:59.500 --> 00:30:07.400
Auch ein Beispiel aus den jüngsten Tagen der staatliche oder öffentlich-rechtliche Rundfunk,

00:30:07.400 --> 00:30:11.600
wie man ihn immer nennen kann, die RAI, bei der ja auch der Vorwurf im Raum steht,

00:30:11.600 --> 00:30:14.500
dass die Regierung da sehr starken Einfluss drauf nimmt.

00:30:14.500 --> 00:30:17.900
Das stimmt, das haben aber andere Regierungen vor Meloni auch getan.

00:30:17.900 --> 00:30:24.600
Und in der RAI ist in diesen Tagen jetzt diese Enthüllung erschienen über diesen hohen Funktionär im Kulturministerium,

00:30:24.600 --> 00:30:30.000
der angeblich sozusagen Günstlingswirtschaft betrieben hat und der deswegen zurücktreten musste.

00:30:30.000 --> 00:30:35.100
Und ganz Italien schaut jetzt auf diese Berichte dieser Sendung.

00:30:35.100 --> 00:30:40.300
Also daran sieht man, dass es nach wie vor eine vielfältige Medienlandschaft sogar auch innerhalb der RAI gibt,

00:30:40.300 --> 00:30:43.300
obwohl da viele Chefposten schon ausgetauscht wurden.

00:30:43.300 --> 00:30:50.100
Die private Medienlandschaft sowieso ist nach wie vor sehr, sehr vielfältig in Italien.

00:30:50.100 --> 00:30:52.500
Die Kulturlandschaft ist offensichtlich sehr vielfältig.

00:30:52.500 --> 00:30:54.800
Das konnte man jetzt wieder auf der Buchmesse sehen.

00:30:54.800 --> 00:31:00.700
Also ja, die rechte Regierung hat da eine sehr offensive Kulturpolitik, was das angeht.

00:31:00.700 --> 00:31:07.100
Das ist wirklich, aus meiner Sicht, ist es eine sehr problematische Haltung, weil sie eben sehr, sehr provinziell

00:31:07.100 --> 00:31:09.100
und sehr, sehr unsouverän ist.

00:31:09.100 --> 00:31:12.600
Und durchaus auch, da gibt es einzelne Leute in der Regierung,

00:31:12.600 --> 00:31:16.000
die eine sehr problematische Haltung auch zu kritischen Stimmen haben.

00:31:16.000 --> 00:31:23.500
Aber selbst wenn sie wollte, könnte sie diese Regierung jetzt nicht irgendwie, ja, da jetzt Leute mundtot machen.

00:31:23.500 --> 00:31:26.700
Also so weit ist Italien nicht und ich sehe auch nicht die konkrete Gefahr,

00:31:26.700 --> 00:31:30.000
zumindest jetzt nicht, dass sich Italien da jetzt in eine Richtung entwickeln würde,

00:31:30.000 --> 00:31:33.700
wie Ungarn oder noch schlimmer sozusagen.

00:31:33.700 --> 00:31:42.200
Sarah Zerback: Ihren Essay in der APuZ beginnen und enden Sie ja mit dem Ausruf „Ach, Italien“.

00:31:42.200 --> 00:31:48.300
und schreiben auch dazu, dass sie das jetzt nicht nur als enttäuschter Seufzer irgendwie meinen,

00:31:48.300 --> 00:31:50.600
sondern, dass man das auch positiv lesen kann.

00:31:50.600 --> 00:31:54.500
Was ist denn für sie im positiven Sinne überraschend an Italien?

00:31:54.500 --> 00:31:56.900
Sebastian Heinrich: Ich habe es schon ein bisschen vorher anklingen lassen,

00:31:56.900 --> 00:32:01.000
was Italien, was ich an Italien grundsätzlich bemerkenswert finde

00:32:01.000 --> 00:32:05.600
und das man seit Jahrzehnten an Italien sieht, ist, dass dieses Land ein wahnsinnig resilientes Land ist,

00:32:05.600 --> 00:32:13.200
das große Probleme hat, große strukturelle Probleme hat, an denen viele Menschen im Land auch verzweifeln,

00:32:13.200 --> 00:32:21.600
aber dass es gerade in Krisenzeiten oft zeigt, dass da große Kraft und große Vitalität in diesem Land steckt

00:32:21.600 --> 00:32:26.800
die dann sozusagen Menschen mobilisieren.

00:32:26.800 --> 00:32:33.000
Wenn es Flutkatastrophen gibt, wie jetzt gerade wieder, wir haben jetzt wieder verheerende Überschwemmungen in der Emilia-Romagna,

00:32:33.000 --> 00:32:38.800
in der Gegend von Bologna in diesen Tagen, sieht man, dass es ein großes Netz an Freiwilligen gibt,

00:32:38.800 --> 00:32:44.400
die sich wirklich wahnsinnig schnell mobilisieren und dort die Aufräumarbeiten gestalten.

00:32:44.400 --> 00:32:50.400
Es gibt in Italien diesen Ausdruck Angeli del Fango, Schlammengel, der gebraucht wird für diese Menschen,

00:32:50.400 --> 00:32:56.300
die wirklich, natürlich auch vom Zivilschutz, von der Zivilschutzbehörde, aber auch wahnsinnig viel von Basisarbeit,

00:32:56.300 --> 00:33:02.100
wo sich Menschen sehr spontan koordinieren und dann Rechnungsarbeiten organisieren.

00:33:02.100 --> 00:33:07.200
Das zeigt sich immer wieder, dass da wahnsinnig viel Kraft darin steckt, gerade in Krisenzeiten.

00:33:07.200 --> 00:33:11.300
Man sieht Erfolgsgeschichten in Italien, die niemand erwartet hätte.

00:33:11.300 --> 00:33:18.200
Was mich extrem fasziniert, zum Beispiel, ist dieser Aufstieg der südländischen Metropole Neapel von einer,

00:33:18.200 --> 00:33:26.300
auch weltweit, europaweit, wirklich als von Kriminalität durchsetzten, chaotischen Stadt verschrienen Stadt

00:33:26.300 --> 00:33:32.000
zu einer coolen Stadt, Neapel gilt heute als eine der coolsten Städte Europas, würde ich sagen,

00:33:32.000 --> 00:33:36.900
aus der wahnsinnig viel Kultur, Fernsehserien, Musik, Popkultur kommen

00:33:36.900 --> 00:33:43.000
und das ist für mich ein Beispiel dafür, wie viel Kraft, wie viel Vitalität, wie viel Kreativität in diesem Land steckt

00:33:43.000 --> 00:33:47.900
und dass es eigentlich nicht wahnsinnig viel bräuchte, vermutlich auch seitens der Politik,

00:33:47.900 --> 00:33:59.600
um das zu fördern und diese Kraft zu mobilisieren, weil Italien da eben großes, großes Potenzial hat.

00:33:59.600 --> 00:34:05.100
Das, was eben schade ist oft in diesem Land ist, dass Italien, man immer das Gefühl hat, dass es ein Land ist,

00:34:05.100 --> 00:34:09.200
das wahnsinnig stark unter seinen Möglichkeiten lebt, weil viel, viel mehr drinstecken würde,

00:34:09.200 --> 00:34:13.700
wenn von politischer Seite mehr getan würde, um das zu fördern.

00:34:13.700 --> 00:34:16.700
Sarah Zerback: Sebastian Heinrich, vielen Dank für das Gespräch.

00:34:16.700 --> 00:34:17.500
Sebastian Heinrich: Danke, ebenfalls.

00:34:17.500 --> 00:34:20.200
*Musik*

00:34:20.200 --> 00:34:22.500
Sarah Zerback: Was wir also mitnehmen können

00:34:22.500 --> 00:34:29.200
. Wie nachhaltig die extrem rechte Regierung unter Giorgia Meloni Italiens Politik und Gesellschaft verändert,

00:34:29.200 --> 00:34:32.100
ist bisher schwer abzusehen.

00:34:32.100 --> 00:34:34.500
Außenpolitisch zeigt sich Meloni europafreundlich.

00:34:34.500 --> 00:34:38.100
Innenpolitisch versucht sie währenddessen teils höchst umstrittene Reformen

00:34:38.100 --> 00:34:44.000
und Verfassungsänderungen durchzusetzen, die die Machtverhältnisse in Italien verschieben könnten.

00:34:44.000 --> 00:34:48.100
. Die wirtschaftlichen Probleme Italiens sind offenkundig.

00:34:48.100 --> 00:34:53.300
Viele junge Menschen verlassen das Land wegen geringer Löhne und mangelnder Perspektiven.

00:34:53.300 --> 00:34:57.800
Während das Thema Migration die politische Debatte und die öffentliche Wahrnehmung bestimmt,

00:34:57.800 --> 00:35:02.500
ist eine Verbesserung der sozioökonomischen Situation nicht in Sicht.

00:35:02.500 --> 00:35:08.300
. Viele Italienerinnen und Italiener wenden sich derzeit von der Politik ab.

00:35:08.300 --> 00:35:10.500
Die Wahlbeteiligung ist auf einem Tiefstand.

00:35:10.500 --> 00:35:14.200
Gleichzeitig steckt Italien voller Vitalität und Resilienz.

00:35:14.200 --> 00:35:19.800
Das zeigt sich unter anderem an der gut organisierten Zivilgesellschaft und der aktiven Kulturszene.

00:35:19.800 --> 00:35:21.700
*Musik*

00:35:21.700 --> 00:35:23.400
Sarah Zerback: Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

00:35:23.400 --> 00:35:28.000
In der gedruckten Ausgabe zu Italien finden Sie noch viele weitere Perspektiven auf das Land.

00:35:28.000 --> 00:35:36.800
Es geht um Italien und Migration, um den Green Deal in Italien und um deutsche Kriegsverbrechen im Italien des Zweiten Weltkriegs.

00:35:36.800 --> 00:35:39.500
Den Link zum Heft finden Sie in den Shownotes.

00:35:39.500 --> 00:35:42.200
Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast.

00:35:42.200 --> 00:35:49.000
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de.

00:35:49.000 --> 00:35:49.400
In vier Wochen erscheint die nächste Folge.

00:35:49.400 --> 00:35:51.700
Dann sprechen wir über das humanitäre Völkerrecht.

00:35:51.700 --> 00:35:54.000
Mein Name ist Sarah Zerback, bis zum nächsten Mal.

00:35:54.000 --> 00:36:10.400
*Musik*

00:36:10.400 --> 00:36:15.900
Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:36:15.900 --> 00:36:21.200
Redaktion für diese Folge Gina Enslin, Julia Günther und Johannes Piepenbrink.

00:36:21.200 --> 00:36:25.000
Produktion: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald.

00:36:25.000 --> 00:36:26.900
Am Mikrofon war Sarah Zerback.

00:36:26.900 --> 00:36:29.200
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:36:29.200 --> 00:36:33.200
und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nicht kommerziellen Zwecken weiterverarbeitet werden.
