WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:02.900
*Musik*

00:00:02.900 --> 00:00:05.700
O-Ton Alsayjare: Ich habe mich dann auf den Fluchtweg gemacht.

00:00:05.700 --> 00:00:09.500
Das war nicht einfach. Also insgesamt hat es 43 Tage gedauert,

00:00:09.500 --> 00:00:11.400
bis ich Deutschland erreicht habe.

00:00:11.400 --> 00:00:12.900
Sarah Zerback: Das sagt Asem Alsayjare.

00:00:12.900 --> 00:00:16.100
Er ist 2015 aus Syrien nach Deutschland geflohen.

00:00:16.100 --> 00:00:18.800
Seit neun Jahren lebt er in Mecklenburg-Vorpommern.

00:00:18.800 --> 00:00:21.100
In dieser Zeit hat sich viel verändert.

00:00:21.100 --> 00:00:25.600
Von der „Willkommenskultur“ von 2015 scheint nicht mehr viel übrig zu sein.

00:00:25.600 --> 00:00:29.300
Der Diskurs über das Thema „Asyl und Migration“ hat sich verschoben.

00:00:29.300 --> 00:00:35.900
Nach langen Verhandlungsjahren hat sich die EU im April 2024 auf ein neues Migrations- und Asylpaket geeinigt,

00:00:35.900 --> 00:00:40.500
das Migrationsströme lenken und Zuwanderung generell verringern soll.

00:00:40.500 --> 00:00:44.500
Entwickelt sich die Europäische Union damit zu einer „Festung Europa“,

00:00:44.500 --> 00:00:46.200
wie Kritiker der Reform sagen?

00:00:46.200 --> 00:00:50.900
Oder beweist die EU damit, dass sie Lösungen für die Migrationsfrage finden kann.

00:00:50.900 --> 00:00:56.200
Wir wollen in dieser Folge einen Schritt zurücktreten von den aktuellen politischen Debatten

00:00:56.200 --> 00:01:00.500
um Migrationspolitik und ein bisschen grundsätzlicher über die Erfahrung der Flucht

00:01:00.500 --> 00:01:02.700
und des Ankommens in Deutschland sprechen.

00:01:02.700 --> 00:01:07.000
Und darüber, was von der EU-Asylreform zu erwarten ist.

00:01:07.000 --> 00:01:11.200
Sie hören den Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ und ich bin Sarah Zerback.

00:01:11.200 --> 00:01:14.200
Für diese Folge habe ich mit der Migrationsforscherin Birgit Glorius

00:01:14.200 --> 00:01:18.300
über das neue Gemeinsame Europäische Asylsystem gesprochen.

00:01:18.300 --> 00:01:24.600
Und Asem Alsayjare berichtet von seiner Flucht und worauf es für ihn bei der Integration von Geflüchteten ankommt.

00:01:24.600 --> 00:01:29.900
Er arbeitet inzwischen bei der Landeszentrale für politische Bildung in Schwerin.

00:01:29.900 --> 00:01:36.300
Unter dem Titel „Festung Europa?“ haben wir 2022 auch eine Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ veröffentlicht,

00:01:36.300 --> 00:01:40.200
die finden Sie auf bpb.de/apuz.

00:01:40.200 --> 00:01:43.000
Und übrigens: Es gibt zu jeder Folge ein Transkript.

00:01:43.000 --> 00:01:46.700
Sie finden es in der bpb-Mediathek oder als Link in den Shownotes.

00:01:46.700 --> 00:02:02.300
*Musik*

00:02:02.300 --> 00:02:07.700
Langer Sommer der Migration, so werden manchmal die Jahre 2015 und 16 bezeichnet,

00:02:07.700 --> 00:02:12.700
als besonders viele Menschen aus Pakistan, Afghanistan oder vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflüchtet sind.

00:02:12.700 --> 00:02:17.600
Damals kamen insgesamt 1,2 Millionen Asylsuchende nach Deutschland

00:02:17.600 --> 00:02:21.700
und mit ihnen 1,2 Millionen individuelle Biographien.

00:02:21.700 --> 00:02:24.000
Asem Alsayjare ist einer von ihnen.

00:02:24.000 --> 00:02:28.200
Er ist aus Syrien über die sogenannte Balkanroute nach Deutschland geflüchtet.

00:02:28.200 --> 00:02:34.000
Alsayjare: In Syrien habe ich Mathematik studiert und als Mathelehrer gearbeitet acht Jahre lang.

00:02:34.000 --> 00:02:41.600
Und ich wollte eigentlich nicht raus, aber 2015 hat sich die Situation sehr verschlechtert,

00:02:41.600 --> 00:02:45.300
sodass ich mich dann entschieden habe, das Land zu verlassen,

00:02:45.300 --> 00:02:49.600
und ich habe mich dann auf den Fluchtweg gemacht.

00:02:49.600 --> 00:02:51.000
Das war nicht einfach.

00:02:51.000 --> 00:02:55.700
Also insgesamt hat es 43 Tage gedauert, bis ich Deutschland erreicht habe.

00:02:55.700 --> 00:02:59.800
Sarah Zerback: Asem Alsayjare hat uns im Gespräch ausführlich von diesem Fluchtweg erzählt.

00:02:59.800 --> 00:03:03.100
Nach der Reise in den Libanon fliegt er weiter in die Türkei.

00:03:03.100 --> 00:03:05.300
Dort geht die Suche nach einem Schleuser los.

00:03:05.300 --> 00:03:09.000
Der organisiert die gefährliche Fahrt mit dem Schlauchboot übers Mittelmeer.

00:03:09.000 --> 00:03:13.500
Fast .000 Menschen sind 2015 auf dieser Route ums Leben gekommen,

00:03:13.500 --> 00:03:15.700
das gibt die UNO-Flüchtlingshilfe an.

00:03:15.700 --> 00:03:19.800
Asem Alsayjare schafft es mit dem Boot von der Türkei nach Griechenland.

00:03:19.800 --> 00:03:22.800
Alsajare: Von Griechenland sind wir Richtung Mazedonien gegangen,

00:03:22.800 --> 00:03:28.200
also mit Bus und zu Fuß und von da Richtung der serbischen Grenzen.

00:03:28.200 --> 00:03:30.800
An den Grenzen hat man natürlich ein paar Schwierigkeiten,

00:03:30.800 --> 00:03:33.500
weil da ein paar Polizisten waren und sie haben versucht,

00:03:33.500 --> 00:03:38.800
uns zu hindern nach Serbien zu gehen und wir haben dann einfach gesagt,

00:03:38.800 --> 00:03:41.000
okay, dann kehren wir einfach um.

00:03:41.000 --> 00:03:46.900
Sind wir dann zu Fuß auch ein paar Kilometer gegangen, bis wir ein Dorf erreicht haben

00:03:46.900 --> 00:03:50.900
und von da hat man dann einen Bus genommen bis Belgrad, die Hauptstadt Serbiens.

00:03:50.900 --> 00:03:59.100
Und von da fängt ein neues Kapitel an, das man auch über Ungarn, Richtung Wien, Richtung Österreich fahren möchte

00:03:59.100 --> 00:04:05.400
und das war damals sehr schwer, weil die ungarische Regierung total dagegen war.

00:04:05.400 --> 00:04:12.500
Sie haben mit allen Mitteln versucht, zu verhindern, dass Flüchtlinge also über Ungarn nach Westeuropa gehen,

00:04:12.500 --> 00:04:17.500
beziehungsweise auch in Ungarn Asylantrag also stellen.

00:04:17.500 --> 00:04:21.500
Sarah Zerback: Immer wieder kommt Asem Alsayjare auf seiner Flucht in Situationen,

00:04:21.500 --> 00:04:24.200
bei denen er keine Ahnung hat, was als nächstes passiert.

00:04:24.200 --> 00:04:28.100
Er ist komplett abhängig von den undurchsichtigen Aussagen der Schleuser.

00:04:28.100 --> 00:04:31.500
An diese Zeit erinnert er sich noch genau, etwa an eine Nacht,

00:04:31.500 --> 00:04:36.900
in der er in Ungarn auf ein Auto wartet, das ihn nach Wien bringen soll, eigentlich.

00:04:36.900 --> 00:04:43.900
Alsayjare: Und tatsächlich um drei Uhr morgen ist ein Auto vorbeigekommen und wir sind dann eingestiegen.

00:04:43.900 --> 00:04:48.200
Und nach ein paar Kilometer Richtung Autobahn habe ich gemerkt,

00:04:48.200 --> 00:04:56.000
also ich saß neben dem Autofahrer und hinten saßen die anderen fünf, dass der Autofahrer verwirrt war.

00:04:56.000 --> 00:05:01.400
Der hat uns einfach komisch anguckt und hat auch mit jemandem telefoniert in einer Sprache,

00:05:01.400 --> 00:05:07.200
die ich nicht verstehen konnte, und als wir die Autobahn erreicht haben,

00:05:07.200 --> 00:05:13.900
hat er einfach gestoppt und die Autotür aufgemacht und der hat gesagt

00:05:13.900 --> 00:05:15.600
„Go, Go, Go.“

00:05:15.600 --> 00:05:19.100
Also ich habe es verstanden, der hat ein paar englische Wörter gesprochen

00:05:19.100 --> 00:05:24.800
oder hat es zumindest versucht, dass er die falschen Menschen abgeholt hat.

00:05:24.800 --> 00:05:29.200
Und an der Autobahn also fuhren ein paar LKWs vorbei.

00:05:29.200 --> 00:05:31.600
Ich habe versucht einige zu stoppen.

00:05:31.600 --> 00:05:37.500
Das war aber vergeblich und das war schon 7 Uhr morgens,

00:05:37.500 --> 00:05:39.400
wo ich gedacht habe, okay, jetzt ist Schluss.

00:05:39.400 --> 00:05:40.900
Die Polizei kommt irgendwann.

00:05:40.900 --> 00:05:46.000
Und tatsächlich ist das Polizeiauto so gegen 7:30 Uhr gekommen

00:05:46.000 --> 00:05:48.800
und die Polizisten haben uns festgenommen.

00:05:48.800 --> 00:05:52.000
Sarah Zerback: Nach der Festnahme in Ungarn schafft es Asem Alsayjare dann schließlich,

00:05:52.000 --> 00:05:54.600
über Österreich nach Deutschland zu kommen.

00:05:54.600 --> 00:05:58.000
Etwas Deutsch spricht er da schon, weil er in Syrien mal den Plan hatte,

00:05:58.000 --> 00:05:59.800
in Deutschland zu promovieren.

00:05:59.800 --> 00:06:03.000
Einige Freunde und Bekannte von ihm sind auch nach Deutschland gegangen,

00:06:03.000 --> 00:06:07.800
er hat Kontakte in Berlin, in NRW, und in dem Örtchen Horst in Mecklenburg-Vorpommern.

00:06:07.800 --> 00:06:14.300
Ein Freund sagt ihm, dass es da vergleichsweise schnelle Asylverfahren geben würde in einer Erstaufnahmeeinrichtung.

00:06:14.300 --> 00:06:16.100
Da fährt Alsayjare hin.

00:06:16.100 --> 00:06:21.600
Alsayjare: Ich habe in den zwei Unterkünften in Horst und in Sternbuchholz

00:06:21.600 --> 00:06:29.400
ungefähr anderthalb Monaten verbracht, man war mit anderen Geflüchteten in einem Zimmer,

00:06:29.400 --> 00:06:36.700
also es gab nicht so große Freiheit sozusagen oder also Privatsphäre.

00:06:36.300 --> 00:06:39.700
Es ist aber individuell, wie man also diese Zeit verbracht hat.

00:06:39.700 --> 00:06:45.800
Für mich war das wichtig, dass ich nicht einfach rumsitze, weil das mich verrückt macht.

00:06:45.800 --> 00:06:51.000
Und dann habe ich einfach angeboten, wenn es Bedarf gibt oder Lust gibt,

00:06:51.000 --> 00:06:58.000
dass die anderen Geflüchteten auch mit mir eine Stunde jeden Abend in einem sogenannten Café verbringen können

00:06:58.000 --> 00:07:02.000
und dann kann ich ihnen einfach Deutsch beibringen.

00:07:02.000 --> 00:07:03.100
Das habe ich getan.

00:07:03.100 --> 00:07:10.100
Also das hat mir ein bisschen geholfen, dass die Zeit nicht so langweilig gegangen ist.

00:07:10.100 --> 00:07:17.100
Und in Sternbuchholz habe ich sofort mich gemeldet und gesagt,

00:07:17.100 --> 00:07:20.100
ich kann auch übersetzen, wenn es Bedarf gibt,

00:07:20.100 --> 00:07:24.500
das habe ich ein paar Mal gemacht und nach ein paar Tagen habe ich gehört,

00:07:24.500 --> 00:07:29.300
dass ein paar deutsche Menschen jetzt es versuchen,

00:07:29.300 --> 00:07:36.100
eine Kleiderkammer in Sternbuchholz zu gründen.

00:07:36.100 --> 00:07:39.200
Dann bin ich hingegangen und habe unterstützt.

00:07:39.200 --> 00:07:43.900
Und durch diese Unterstützung habe ich viele Menschen aus Schwerin kennengelernt.

00:07:43.900 --> 00:07:46.000
Und das hat mir wie gesagt geholfen.

00:07:46.000 --> 00:07:51.100
Sarah Zerback: Asem Alsayjare kann sich von Anfang an einbringen, auch durch seine Sprachkenntnisse.

00:07:51.100 --> 00:07:53.700
Die helfen ihm dabei, Kontakte zu knüpfen.

00:07:53.700 --> 00:07:55.300
Andere haben es da schwerer.

00:07:55.300 --> 00:07:58.300
Und die Sprache ist ja nicht die einzige Herausforderung.

00:07:58.300 --> 00:08:03.800
Alsayjare: Danach das Verfahren an sich, also wie gesagt, zwei, drei Monate waren ziemlich lang,

00:08:03.800 --> 00:08:09.400
aber einige verbringen sogar länger als diese Zeit in den Unterkünften.

00:08:09.400 --> 00:08:11.500
Und dann die Perspektive.

00:08:11.500 --> 00:08:14.500
Also man hat die Sprache gelernt, was kommt noch?

00:08:14.500 --> 00:08:22.400
Also was ich auch sehr schade finde ist, nach Deutschland also kommen Geflüchtete,

00:08:22.400 --> 00:08:25.900
unter denen sind auch viele Menschen, die gut ausgebildet sind,

00:08:25.900 --> 00:08:28.700
die auch hier sofort als Fachkräfte arbeiten können,

00:08:28.700 --> 00:08:34.500
aber das scheitert meistens daran, dass sie a) ihre Zeugnisse nicht anerkennen lassen können

00:08:34.500 --> 00:08:39.700
oder nicht schnell anerkennen lassen können, und b) also sogar wenn sie das gemacht haben,

00:08:39.700 --> 00:08:44.200
dann wird meistens die berufliche Erfahrung nicht anerkannt.

00:08:44.200 --> 00:08:49.200
Also, wenn man es geschafft hat, arbeiten zu können hier, glaube ich,

00:08:49.200 --> 00:08:56.500
ist es eine sehr gute Sache, denn wie Sie wissen, die Arbeit hat hier nicht nur finanzielle Bedeutung,

00:08:56.500 --> 00:09:02.100
sondern auch man wird auch sozial anerkannt oder gesellschaftlich.

00:09:02.100 --> 00:09:03.800
Und das ist auch wichtig.

00:09:03.800 --> 00:09:06.900
Sarah Zerback: Aber er findet dann doch ziemlich schnell eine Arbeit.

00:09:06.900 --> 00:09:11.400
Durch eine Begegnung mit dem damaligen Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern bekommt er die Gelegenheit,

00:09:11.400 --> 00:09:16.000
für eine Weile als Sprach- und Kulturmittler beim Landesinnenministerium zu arbeiten.

00:09:16.000 --> 00:09:20.400
Heute ist er Referent in der Landeszentrale für politische Bildung in Mecklenburg-Vorpommern

00:09:20.400 --> 00:09:25.000
und organisiert ehrenamtlich verschiedene Integrationsprojekte in seiner Stadt.

00:09:25.000 --> 00:09:28.300
Aber eine Herausforderung bleibt.

00:09:28.300 --> 00:09:34.800
Alsayjare: Wir sind zwar hier, aber wir haben immer noch Familien und Leben in den Herkunftsländern

00:09:34.800 --> 00:09:39.700
und das ist nicht einfach, dass man einfach diese Aspekte also ignorieren kann.

00:09:39.700 --> 00:09:43.600
Also, ich kenne viele Menschen, die einfach einen Deutschkurs besucht haben

00:09:43.600 --> 00:09:46.200
und während des Kurses haben sie einfach die Info bekommen,

00:09:46.200 --> 00:09:53.200
okay, jetzt ist eine Rakete hin gefallen und deine Eltern sind ums Leben gekommen.

00:09:53.200 --> 00:10:02.000
Also diese Erfahrung als Flüchtling, herzukommen, ist nicht einfach.

00:10:02.000 --> 00:10:10.100
*Musik*

00:10:10.100 --> 00:10:12.200
Sarah Zerback: Die Geschichte von Asem Alsayjare zeigt,

00:10:12.200 --> 00:10:15.700
wie gefährlich und unvorhersehbar die Flucht nach Europa ist.

00:10:15.700 --> 00:10:21.600
Und wie viel dabei von Glück, Zufall und auch dem willkürlichen Handeln einzelner Personen abhängt.

00:10:21.600 --> 00:10:25.300
Findet man einen Schleuser, kommt man lebend über das Mittelmeer,

00:10:25.300 --> 00:10:28.700
halten sich die Polizeibeamten an den Grenzen an Recht und Gesetz?

00:10:28.700 --> 00:10:33.200
Und auch Ablauf, Dauer und Umstände der Asylverfahren unterscheiden sich natürlich stark

00:10:33.200 --> 00:10:37.200
zwischen einzelnen Kommunen und zwischen den verschiedenen EU-Staaten.

00:10:37.200 --> 00:10:42.400
Viele Schwierigkeiten haben auch damit zu tun, dass die Ankunftslänger in Teilen überlastet sind.

00:10:42.400 --> 00:10:45.400
*Musik*

00:10:45.400 --> 00:10:50.300
Sarah Zerback: Diese tatsächliche oder vermeintliche Überlastung spielt seit vielen Jahren eine zentrale Rolle

00:10:50.300 --> 00:10:53.000
im EU-weiten Diskurs über Asyl und Migration.

00:10:53.000 --> 00:10:57.000
Auch im gerade zu Ende gegangenen Europawahlkampf war sie ein wichtiges Thema,

00:10:57.000 --> 00:10:59.200
das vor allem von rechten und rechtsextremen Parteien,

00:10:59.200 --> 00:11:02.400
aber auch von Mitte-Links-Parteien bedient worden ist.

00:11:02.400 --> 00:11:06.400
Dass rechte und rechtsextreme Parteien gestärkt aus den Europawahlen hervorgegangen sind,

00:11:06.400 --> 00:11:11.000
hat sicher nicht zuletzt auch mit der europaweiten Prominenz dieses Themas zu tun.

00:11:11.000 --> 00:11:13.500
Noch vor der Wahl hat sich die EU nach jahrelangem Ringen

00:11:13.500 --> 00:11:18.900
auf eine Reform des sogenannten Gemeinsamen Europäischen Asylsystems, kurz GEAS, geeinigt.

00:11:18.900 --> 00:11:23.300
Flucht und Migration in die EU sollen damit besser geregelt werden.

00:11:23.300 --> 00:11:26.400
Geflüchtete sollen fairer zwischen den EU-Ländern verteilt

00:11:26.400 --> 00:11:30.000
und die Zahl der Ankommenden insgesamt reduziert werden.

00:11:30.000 --> 00:11:35.200
Das heißt auch: Menschen, die eine geringe Chance haben, dass ihr Asylantrag bewilligt wird,

00:11:35.200 --> 00:11:41.100
sollen ihr Asylverfahren direkt an der EU-Außengrenze durchlaufen, unter haftähnlichen Bedingungen.

00:11:41.100 --> 00:11:43.700
Das gilt auch für Familien mit Kindern.

00:11:43.700 --> 00:11:47.400
Außerdem wird ein sogenannter Solidaritätsmechanismus eingeführt.

00:11:47.400 --> 00:11:50.400
Das bedeutet, dass überlastete Staaten an den EU-Außengrenzen

00:11:50.400 --> 00:11:54.600
von den restlichen EU-Mitgliedsländern stärker unterstützt werden sollen.

00:11:54.600 --> 00:11:57.500
Es bleibt aber bei der Regel des Dublin-Verfahrens,

00:11:57.500 --> 00:12:03.600
dass zunächst der Staat, in dem ein geflüchteter Mensch die EU betreten hat, auch für ihn zuständig ist.

00:12:03.600 --> 00:12:07.900
Das neue Gemeinsame Europäische Asylsystem wird kontrovers diskutiert.

00:12:07.900 --> 00:12:10.900
Menschenrechtsorganisationen kritisieren das GEAS massiv,

00:12:10.900 --> 00:12:15.900
für die EU ist es hingegen ein großer Erfolg, dass es überhaupt eine Einigung gibt.

00:12:15.900 --> 00:12:19.800
Was man von diesem neuen EU-Asylrecht konkret erwarten kann,

00:12:19.800 --> 00:12:22.400
darüber habe ich mit Birgit Glorius gesprochen.

00:12:22.400 --> 00:12:27.000
Sie ist Migrationsforscherin, Professorin für Humangeographie an der TU Chemnitz

00:12:27.000 --> 00:12:31.300
und Mitglied des Sachverständigenrats für Migration und Integration.

00:12:31.300 --> 00:12:35.900
Das ist ein unabhängiges Expertengremium, das unter anderem die Bundesregierung berät.

00:12:35.900 --> 00:12:38.600
*Musik*

00:12:38.600 --> 00:12:40.000
Hallo Frau Glorius.

00:12:40.000 --> 00:12:41.100
Glorius: Ja, schönen guten Tag, ich freue mich.

00:12:41.100 --> 00:12:46.900
Sarah: Seit Mai 2024 ist ja jetzt der sogenannte Migrationspakt der EU in Kraft

00:12:46.900 --> 00:12:50.800
und unter anderem der Bundeskanzler bezeichnet das Ganze als „historisch“,

00:12:50.800 --> 00:12:52.300
steht damit auch nicht alleine da.

00:12:52.300 --> 00:12:53.700
Sehen Sie das denn auch so?

00:12:53.700 --> 00:12:55.500
Glorius: Nein, ich sehe es nicht so,

00:12:55.500 --> 00:12:59.800
weil sich keine wesentlichen Verbesserungen ergeben hinsichtlich der Probleme,

00:12:59.800 --> 00:13:05.000
die sich in den letzten zehn Jahren so deutlich gezeigt haben im gemeinsamen europäischen Asylsystem.

00:13:05.000 --> 00:13:07.400
Sarah: Es soll ja vor allem schneller gehen.

00:13:07.400 --> 00:13:08.500
Ist das nicht so?

00:13:08.500 --> 00:13:11.100
Wird das keine Beschleunigung geben, vor allem für die Menschen,

00:13:11.100 --> 00:13:15.300
die eben keine Bleibeperspektive haben an der EU-Außengrenze?

00:13:15.300 --> 00:13:18.200
Also, das soll ja eigentlich eine deutliche Verbesserung jetzt sein.

00:13:18.200 --> 00:13:21.600
Glorius: Ich glaube, das kann man erst in etwa fünf Jahren sehen,

00:13:21.600 --> 00:13:26.900
weil es ja überhaupt erst mal jetzt zwei Jahre dauert, bis die Maßnahmen so weit umgesetzt sind,

00:13:26.900 --> 00:13:31.200
dass das System wirklich so funktionieren kann, wie es gedacht ist.

00:13:31.200 --> 00:13:34.100
Und dann muss man ein bisschen Zeit dranlassen, bis wir sehen können,

00:13:34.100 --> 00:13:36.600
ob sich da Veränderungen ergeben.

00:13:36.600 --> 00:13:40.900
Wir haben aber mit unheimlich vielen Größen auch zu tun,

00:13:40.900 --> 00:13:42.900
die wir noch nicht so richtig absehen können.

00:13:42.900 --> 00:13:46.900
Wenn wir vielleicht mal bei dem Thema Grenzverfahren beginnen,

00:13:46.900 --> 00:13:50.100
bei dieser Situation, dass Menschen, die an den EU-Außengrenzen ankommen,

00:13:50.100 --> 00:13:53.300
zuerst mal in ein Screening sollen, um zu sehen,

00:13:53.300 --> 00:13:58.300
ob ihr Asylbegehren in irgendeiner Form relevant sein könnte,

00:13:58.300 --> 00:14:00.100
bevor sie dann überhaupt weitergeleitet werden.

00:14:00.100 --> 00:14:06.200
Das soll ja für Menschen gelten aus Ländern, die eine Anerkennungsquote von 20 Prozent haben.

00:14:06.200 --> 00:14:09.300
Und das ist zum Beispiel die große Frage, was man macht,

00:14:09.300 --> 00:14:14.700
wenn sehr viele Menschen aus entsprechenden Ländern jeweils an den EU-Außengrenzen ankommen,

00:14:14.700 --> 00:14:20.600
ob man das wirklich schafft, in den anvisierten Zeiträumen dieses Screening-Verfahren durchzuführen

00:14:20.600 --> 00:14:24.800
und dann natürlich auch Menschen, die keine Chance auf einen Asylstatus haben,

00:14:24.800 --> 00:14:28.800
dann auch entsprechend wieder in Herkunft- oder Transitländer zurückzuschicken.

00:14:28.800 --> 00:14:33.600
Und wenn das nicht gelingt, dann werden wir einen Stau haben von Menschen an den Außengrenzen

00:14:33.600 --> 00:14:37.100
in den entsprechenden Lagern, die dort errichtet werden,

00:14:37.100 --> 00:14:41.600
was zu ja katastrophalen chaotischen Zuständen führen kann.

00:14:41.600 --> 00:14:46.000
Sarah: Dabei ist es ja gerade so, dass das in den vergangenen Jahren teilweise schon so war,

00:14:46.000 --> 00:14:50.100
muss man sagen, also dass Menschen da unter unwürdigen Bedingungen ausharren mussten.

00:14:50.100 --> 00:14:52.800
Wir erinnern uns an Moria, Calais, Lampedusa,

00:14:52.800 --> 00:14:54.000
Glorisu: Ja, genau.

00:14:54.000 --> 00:14:57.800
Sarah: Die dann wochenlang in sogenannten Auffanglagern festgehalten wurden,

00:14:57.800 --> 00:15:00.300
bis über ihren Asylantrag entschieden wurde.

00:15:00.300 --> 00:15:03.600
Unter welchen Bedingungen soll das denn jetzt in Zukunft ablaufen?

00:15:03.600 --> 00:15:06.600
Also, das soll ja beschleunigt werden, damit gerade das sich ändert.

00:15:06.600 --> 00:15:08.300
Da glauben Sie noch nicht so dran.

00:15:08.300 --> 00:15:11.300
Glorius: So einfach wird die Beschleunigung nicht gehen.

00:15:11.300 --> 00:15:14.200
Also Griechenland oder die griechischen Inseln sind ein Hauptankunftsort,

00:15:14.200 --> 00:15:18.500
Lampedusa ist ein Hauptankunftsort, die kanarischen Inseln inzwischen auch

00:15:18.500 --> 00:15:23.400
und überall dort werden dann eine große Zahl von Menschen ankommen,

00:15:23.400 --> 00:15:27.400
die eigentlich in einem relativ kurzen Zeitraum in wenigen Wochen

00:15:27.400 --> 00:15:30.000
durch dieses Screening sollen, auch mit der Perspektive,

00:15:30.000 --> 00:15:32.500
mit der negativen Perspektive aus Sicht der Betroffenen,

00:15:32.500 --> 00:15:34.400
dass nämlich ihr Asylbegehren keine Chance hat

00:15:34.400 --> 00:15:36.200
und dass sie deswegen wieder ausreisen müssen.

00:15:36.200 --> 00:15:40.200
Und wenn man aber diese Ausreise nicht hinbekommt,

00:15:40.200 --> 00:15:43.700
dann wird man einen Stau produzieren und wenn wir uns jetzt ansehen,

00:15:43.700 --> 00:15:48.100
dass im jetzigen gemeinsamen europäischen Asylsystem ja genau das die Problematik ist,

00:15:48.100 --> 00:15:53.700
dass Menschen mit einem abgelehnten Asylantrag meistens nicht zurückgeführt werden können,

00:15:53.700 --> 00:15:59.900
aus verschiedenen Gründen, die auch humanitär nicht so einfach vom Tisch zu fegen sind.

00:15:59.900 --> 00:16:05.800
Dass zum Beispiel die Situation in den Herkunftsländern zwar kein Asylgrund ist,

00:16:05.800 --> 00:16:10.700
aber doch nicht, ja, unter humanitären Gesichtspunkten es nicht zu rechtfertigen ist,

00:16:10.700 --> 00:16:12.600
da Menschen wieder zurückzuschicken.

00:16:12.600 --> 00:16:16.100
Wenn wir das alles genauso auch weiterführen,

00:16:16.100 --> 00:16:20.100
also diese humanitären Standards weiter hochhalten,

00:16:20.100 --> 00:16:23.600
dann wird das weiterhin auch nicht so leicht sein, diese Menschen zurückzuführen.

00:16:23.600 --> 00:16:28.800
Sarah: Genau dazu will die EU ja Migrationsabkommen schließen.

00:16:28.800 --> 00:16:31.900
Bisher, muss man sagen, ist das ziemlich übersichtlich.

00:16:31.900 --> 00:16:37.500
Wie könnte das denn beschleunigt werden, damit dieser EU-Asylpakt eben auch eine Chance auf Erfolg hat?

00:16:37.500 --> 00:16:42.600
Glorius: Ja, also da muss man vielleicht auch noch mal in dieses Thema Migrationsabkommen ein bisschen genauer hineinschauen.

00:16:42.600 --> 00:16:46.500
Grundsätzlich ist es ja die Idee, dass man mit Ländern,

00:16:46.500 --> 00:16:49.700
aus denen sehr viele Menschen nach Europa kommen,

00:16:49.700 --> 00:16:53.600
um dort einen Asylantrag zu stellen mit wenig Chancen,

00:16:53.600 --> 00:16:56.300
dass man dort einfach so eine Art Win-Win-Situation erzeugt,

00:16:56.300 --> 00:17:01.200
also praktisch die Bereitschaft dieser Länder, ihre Landsleute auch zurückzunehmen.

00:17:01.200 --> 00:17:09.600
Das ist nämlich ein häufiges Problem, dass die Herkunftsländer ihre Landsleute im Grunde nicht als Staatsbürger identifizieren

00:17:09.600 --> 00:17:11.400
und sie deswegen nicht zurücknehmen wollen.

00:17:11.400 --> 00:17:16.600
Dass das erleichtert wird und die Win-Win-Situation sähe dann eben so aus,

00:17:16.600 --> 00:17:20.500
dass man bestimmte ja Geldmittel bereitstellt

00:17:20.500 --> 00:17:22.800
oder auch Erleichterungen für diese Länder bereitstellt.

00:17:22.800 --> 00:17:26.500
Das klassische Beispiel, wo das eben schon mal gut funktioniert hat,

00:17:26.500 --> 00:17:29.200
wobei das jetzt nicht wirklich ein Migrationsabkommen war,

00:17:29.200 --> 00:17:33.100
aber eben auch auf der, sagen wir mal, auf dieser Seite der bilateralen Abkommen

00:17:33.100 --> 00:17:36.600
auch gewertet werden kann, das Balkanprogramm, das wir mit den Westbalkanstaaten haben.

00:17:36.600 --> 00:17:41.900
Wir hatten ja vor 2015, also vor dem, was wir so als langen Sommer der Migration erinnern,

00:17:41.900 --> 00:17:46.000
hatten wir ja vor allem sehr viele Zugänge aus Westbalkanstaaten,

00:17:46.000 --> 00:17:51.200
also Serbien, Kosovo, Albanien und da hat man ja erleichterte,

00:17:51.200 --> 00:17:56.300
also jetzt mit Kosovo, Albanien, erleichterte Arbeitsmigrationsmöglichkeiten geschaffen,

00:17:56.300 --> 00:18:04.300
nach Deutschland und hat das im Grunde verbunden mit einer sehr ja restriktiven Asylprüfung,

00:18:04.300 --> 00:18:07.100
also mit sehr schnellen Rückführungen und so weiter.

00:18:07.100 --> 00:18:10.300
Und das ist jetzt eben der Plan, den man hat mit den Migrationsabkommen,

00:18:10.300 --> 00:18:16.200
dass man nochmal spezifisch mit verschiedenen Ländern noch mal spezifisch auch Migrationsprogramme aufsetzt,

00:18:16.200 --> 00:18:20.600
und Menschen auch vor Ort informiert, zu sagen, das ist eine Möglichkeit,

00:18:20.600 --> 00:18:24.600
die ihr ergreifen könnt und die ihr auf legalen Wege ergreifen könnt,

00:18:24.600 --> 00:18:28.600
ohne euch in Lebensgefahr zu begeben und ohne dieses Risiko einzugehen,

00:18:28.600 --> 00:18:31.700
dass eben der Asylantrag nicht anerkannt wird.

00:18:31.700 --> 00:18:35.200
Sarah: Und wird da genug drauf geachtet, mit wem man solche Abkommen schließt?

00:18:35.200 --> 00:18:38.800
Also, da gibt es ja zum Beispiel Pläne, das auch mit Tunesien zu tun.

00:18:38.800 --> 00:18:45.300
Glorius: Das ist ein zentrales Dilemma, das man ja nicht hier mit lupenreinen Demokratien zu tun hat,

00:18:45.300 --> 00:18:51.300
sondern dass die Länder, aus denen Menschen auch abwandern,

00:18:51.300 --> 00:18:55.000
dass das häufig Länder sind, die einfach keine demokratischen Strukturen haben,

00:18:55.000 --> 00:19:00.900
wo wir autoritäre Regime haben, wo wir auch Menschenrechtsverletzungen kennen und erkennen müssen.

00:19:00.900 --> 00:19:04.400
Und das ist das Dilemma, in dem die EU dann wirklich steckt,

00:19:04.400 --> 00:19:10.700
ein moralisches Dilemma auch mit autoritären Staaten, mit autoritären Regierungshäuptern,

00:19:10.700 --> 00:19:15.800
mit schwachen Demokratien, mit schwachen Staaten, Abkommen abzuschließen,

00:19:15.800 --> 00:19:19.000
dort möglicherweise auch durch Geldzahlungen dafür zu sorgen,

00:19:19.000 --> 00:19:22.500
dass bestimmte restriktive Maßnahmen sich verstärken,

00:19:22.500 --> 00:19:25.700
also dass die Menschenrechtslage vor Ort sich möglicherweise verschlechtert.

00:19:25.700 --> 00:19:27.900
All das kann man nicht abstellen.

00:19:27.900 --> 00:19:32.700
Sarah: Jetzt gibt es einmal natürlich den Weg, okay, man ist unter den Prozent,

00:19:32.700 --> 00:19:36.400
die gar nicht erst in die EU reindürfen und dann gibt es die,

00:19:36.400 --> 00:19:40.200
die schon auch eine Chance auf Asyl haben, das Recht auf Asyl

00:19:40.200 --> 00:19:45.200
und da soll ja ein neuer Verteilungsmechanismus die bisherigen Dublin-Regeln ersetzen.

00:19:45.200 --> 00:19:45.500
Glorios: Richtig.

00:19:45.500 --> 00:19:49.400
Aber nicht jeder Staat muss ja überhaupt Schutzsuchende aufnehmen,

00:19:49.400 --> 00:19:56.500
auch dafür gibt's eine Klausel und Ungarns Regierungschef Orbán hat zum Beispiel schon abgelehnt Menschen aufzunehmen.

00:19:56.500 --> 00:20:01.200
Also, die Frage an Sie, was halten Sie von diesem sogenannten Solidaritätsmechanismus?

00:20:01.200 --> 00:20:05.600
Glorius: Ja, also das ist so ein konditionaler Solidaritätsmechanismus

00:20:05.600 --> 00:20:08.200
und eben kein verpflichtender, Sie sagten das ja selbst schon.

00:20:08.200 --> 00:20:13.200
Und damit sehe ich eigentlich keine, null, gar keine Verbesserung zu dem,

00:20:13.200 --> 00:20:16.100
was wir bisher schon haben, weil bisher ist es ja auch schon so,

00:20:16.100 --> 00:20:20.400
dass Staaten ein Eintrittsrecht ausüben können, also sagen können,

00:20:20.400 --> 00:20:28.300
wir übernehmen Menschen, die laut der Dublin-Regulierung in einem anderen Land das Asylverfahren durchlaufen müssen,

00:20:28.300 --> 00:20:31.400
aber aus verschiedenen Gründen übernehmen wir die trotzdem.

00:20:31.400 --> 00:20:34.400
Also entweder indem man praktisch Kontingente übernimmt aus Staaten,

00:20:34.400 --> 00:20:37.300
die sehr stark belastet sind oder indem man Menschen,

00:20:37.300 --> 00:20:40.900
die weitergereist sind und die dann eigentlich jetzt aus Sicht von Deutschland

00:20:40.900 --> 00:20:44.100
zum Beispiel nach Feststellung des Ersteinreiselandes

00:20:44.100 --> 00:20:48.200
zum Beispiel nach Italien zurück müssten, um dort das Asylverfahren zu durchlaufen,

00:20:48.200 --> 00:20:52.400
indem man diese Menschen trotzdem in Deutschland aufnimmt und trotzdem das Asylverfahren durchführt.

00:20:52.400 --> 00:20:54.600
Diese Regeln gibt es ja schon.

00:20:54.600 --> 00:20:58.700
Und die werden ja auch schon ausgeübt von den üblichen Verdächtigen, würde ich sagen,

00:20:58.700 --> 00:21:04.700
nämlich von den Ländern, die auch ohnehin sehr viele Geflüchtete aufnehmen, wie zum Beispiel Deutschland.

00:21:04.700 --> 00:21:11.700
Man versucht schon all die Jahre eigentlich, diese Auftürmung von Krisen in Griechenland, in Italien und so weiter,

00:21:11.700 --> 00:21:15.600
diese Hilferufe auch zu respondieren, darauf zu reagieren,

00:21:15.600 --> 00:21:21.800
auch um einfach den politischen Handlungsspielraum weiter offen zu halten an der Stelle.

00:21:21.800 --> 00:21:25.000
Also, es wird weiterhin so sein, dass einige Länder rigoros sagen,

00:21:25.000 --> 00:21:29.600
„nein, wir nehmen niemanden“ und dann möglicherweise eine Geldzahlung leisten,

00:21:29.600 --> 00:21:32.700
aber das ist ganz ehrlich ein Tropfen auf dem heißen Stein,

00:21:32.700 --> 00:21:36.600
wenn man sich wirklich ansieht, wie langwierig auch der Integrationsprozess

00:21:36.600 --> 00:21:39.800
von geflüchteten Menschen in einem Aufnahmeland ist

00:21:39.800 --> 00:21:42.100
und wie viel Geld da einfach auch hineinfließt.

00:21:42.100 --> 00:21:46.700
Sarah: Dabei sagt ja die Bundesregierung jetzt auch als Reaktion auf das Asylpaket,

00:21:46.700 --> 00:21:50.300
dass sich die Situation für Deutschland deutlich entlasten wird,

00:21:50.300 --> 00:21:54.300
also der sogenannte Migrationsdruck nachlassen wird.

00:21:54.300 --> 00:21:57.400
Ist diese Hoffnung aus Ihrer Sicht also nicht berechtigt?

00:21:57.400 --> 00:22:01.900
Glorius: Naja, wenn man davon ausgeht, dass das alles so durchgesetzt wird,

00:22:01.900 --> 00:22:07.700
wie es geplant ist, könnte es schon sein, dass weniger Menschen in Deutschland ankommen.

00:22:07.700 --> 00:22:13.000
Wenn das wirklich so ist, dass viele Menschen, die wenig Aussichten auf Asyl haben,

00:22:13.000 --> 00:22:18.700
an der EU-Außengrenze in einer kollektiven Aktion des Screenings

00:22:18.700 --> 00:22:23.300
und der Rückführung von Beamten aus verschiedenen EU-Staaten

00:22:23.300 --> 00:22:26.300
praktisch auf EU-Ebene dort abgearbeitet werden

00:22:26.300 --> 00:22:30.300
und eben nicht ins Asylverfahren kommen, zurückgeführt werden.

00:22:30.300 --> 00:22:34.400
Aber das können wir wirklich an dem jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen,

00:22:34.400 --> 00:22:38.300
ob diese Rückführungen von der EU-Außengrenze funktionieren können.

00:22:38.300 --> 00:22:44.500
Und wir können auch nicht sagen, ob es nicht zu Ausweichbewegungen kommen wird,

00:22:44.500 --> 00:22:49.000
die wir aus der Migrationsforschung eigentlich immer sehen.

00:22:49.000 --> 00:22:55.700
Also wir sehen immer, da wo ein Weg sich schließt, wird ein Ausweichweg gefunden.

00:22:55.700 --> 00:23:02.000
Und das kann eben so aussehen, dass flüchtende Menschen, die nach Deutschland wollen,

00:23:02.000 --> 00:23:06.700
eben einen anderen Weg suchen, sodass sie eine Chance haben,

00:23:06.700 --> 00:23:12.300
direkt an der deutschen Grenze auch anzukommen und dort eben ein Asylbegehren vorzubringen.

00:23:12.300 --> 00:23:16.200
Also praktisch nicht an einer EU-Außengrenze gefunden zu werden,

00:23:16.200 --> 00:23:19.500
also das heißt, das könnte bedeuten,

00:23:19.500 --> 00:23:22.600
dass das Geschäft von Menschenschmugglern in den nächsten Jahren boomen wird.

00:23:22.600 --> 00:23:26.900
Sarah: Dabei ist es ja jedes Mal so, wenn in Europa oder in Deutschland

00:23:26.900 --> 00:23:29.300
die Zahl der Geflüchteten oder Migranten steigt,

00:23:29.300 --> 00:23:33.000
dann wird in der Politik über die sogenannten Pull-Faktoren diskutiert

00:23:33.000 --> 00:23:36.600
oder falsche Anreize, die Migration dann angeblich befeuern.

00:23:36.600 --> 00:23:38.800
Wie nehmen Sie denn diese Debatte wahr?

00:23:38.800 --> 00:23:41.500
Glorius: Ich meine, natürlich gibt es Pull-Faktoren und Push-Faktoren,

00:23:41.500 --> 00:23:46.200
das weiß ja jeder und jede von uns aus eigenen Entscheidungsprozessen,

00:23:46.200 --> 00:23:49.400
wenn man irgendeine Entscheidung trifft und man macht so eine Pro- und Contra-Liste.

00:23:49.400 --> 00:23:51.100
Natürlich gibt es die, natürlich.

00:23:51.100 --> 00:23:54.300
Aber man kann die auch nicht so leicht abstellen.

00:23:54.300 --> 00:23:55.500
Also wenn man jetzt zum Beispiel anfängt zu sagen,

00:23:55.500 --> 00:24:01.500
ja, Deutschland ist eben eine soziale Marktwirtschaft mit vielen sozialpolitischen Elementen.

00:24:01.500 --> 00:24:05.600
Aber wie möchte man das denn bitte abstellen, wenn das ein Pull-Faktor ist?

00:24:05.600 --> 00:24:11.200
Also wir nennen das Race to the Bottom, also möchte man sozusagen die eigenen Standards soweit absenken,

00:24:11.200 --> 00:24:15.600
dass man so schlecht dasteht, wie die schlechtesten Länder in der EU,

00:24:15.600 --> 00:24:20.200
das ist ja verfassungsrechtlich überhaupt nicht durchsetzbar, ja.

00:24:20.200 --> 00:24:24.900
Sarah: Da sind wir also auch dabei, dass die Gründe für Migration eine ganz wichtige Rolle spielen.

00:24:24.900 --> 00:24:30.800
Also, was sind denn die klassischen Gründe, um eben in die EU zu migrieren

00:24:30.800 --> 00:24:34.900
und inwieweit ja verstärkt auch der Klimawandel die Migration noch zusätzlich?

00:24:34.900 --> 00:24:40.700
Glorius: Die Gründe für Flucht sind politische Destabilisierung der Staaten,

00:24:40.700 --> 00:24:45.300
in denen Menschen leben, die Nichtbeachtung von Menschenrechten,

00:24:45.300 --> 00:24:49.700
die Nichtbeachtung von Minderheitenrechten, zum Beispiel religiöse Minderheiten,

00:24:49.700 --> 00:24:57.200
die Nichtbeachtung oder den restriktiven Umgang mit freier Meinungsäußerung,

00:24:57.200 --> 00:25:02.100
mit politischer Opposition und so weiter, also diese ganz klassischen Gründe,

00:25:02.100 --> 00:25:05.700
die dann auch ein Asylbegehren auch ins Positive wenden, ja.

00:25:05.700 --> 00:25:07.400
Das ist ein Teil.

00:25:07.400 --> 00:25:10.600
Der andere Teil ist Flucht vor kriegerischen Auseinandersetzungen,

00:25:10.600 --> 00:25:17.100
vor Terror im eigenen Land, und diese kriegerischen Auseinandersetzungen können eben auch zum Teil Bürgerkriege sein

00:25:17.100 --> 00:25:20.600
und es können auch vielleicht auch nur einzelne Bevölkerungsgruppen betroffen sein,

00:25:20.600 --> 00:25:22.900
zum Beispiel ethnische Minderheiten in einem Land.

00:25:22.900 --> 00:25:32.200
Und natürlich auch, blanke Not kann Menschen dazu zwingen, ihr Lebensumfeld zu verlassen.

00:25:32.200 --> 00:25:35.300
Und wenn wir uns jetzt die weltweiten Naturveränderungen ansehen,

00:25:35.300 --> 00:25:39.700
können wir auch vermuten, dass diese blanke Not durch Klimaveränderungen

00:25:39.700 --> 00:25:44.000
in den nächsten Jahren nochmal stärker auch zunehmen wird,

00:25:44.000 --> 00:25:47.100
Menschen stärker auch zu einer Flucht verleiten wird.

00:25:47.100 --> 00:25:53.300
Leider ist das, nämlich die Flucht vor dem Verlust des eigenen Lebensumfeldes,

00:25:53.300 --> 00:25:57.600
der eigenen Lebensmöglichkeiten durch Klimaveränderung,

00:25:57.600 --> 00:26:00.200
die sind durch die Genfer-Flüchtlingskonvention nicht berührt.

00:26:00.200 --> 00:26:06.700
Das heißt, das ist im Moment kein Grund, der zu einem Flüchtlingsstatus oder zu einem Aufenthaltsstatus führen würde.

00:26:06.700 --> 00:26:08.800
Sarah: Sie haben jetzt gerade schon beschrieben,

00:26:08.800 --> 00:26:11.100
dass die Fluchtrouten sich auch verlagern können,

00:26:11.100 --> 00:26:13.800
dadurch vielleicht ja auch riskanter werden,

00:26:13.800 --> 00:26:16.100
ist die Frage, wie sich das entwickelt in den nächsten Jahren.

00:26:16.100 --> 00:26:22.200
Immer wieder kritisieren ja Menschenrechtsorganisationen auch illegale Zurückweisungen an den Grenzen der EU.

00:26:22.200 --> 00:26:24.000
Zum Beispiel vor der griechischen Küste.

00:26:24.000 --> 00:26:27.700
Da soll ja in der Vergangenheit auch die Grenzschutzagentur Frontex beteiligt gewesen sein.

00:26:27.700 --> 00:26:31.100
Sind das Ausnahmen oder ist das politisch gewollt?

00:26:31.100 --> 00:26:33.600
Glorius: Das ist schwer seriös zu beantworten.

00:26:33.600 --> 00:26:38.600
Ich denke, da gibt es manchmal auch Eigendynamiken, wenn eben solche Einsätze ablaufen.

00:26:38.600 --> 00:26:48.300
Und es gibt also vielleicht keine expliziten politischen Befehle, diesbezüglich das so zu machen.

00:26:48.300 --> 00:26:53.600
Aber wenn in einem Staat ein entsprechendes politisches Klima vorherrscht,

00:26:53.600 --> 00:26:57.100
dass eben auch den leitenden Beamten nicht verborgen bleibt,

00:26:57.100 --> 00:27:01.800
dann kann das natürlich schon sein, dass man daraus auch die Praxis direkt vor Ort,

00:27:01.800 --> 00:27:05.600
nämlich auf einem entsprechenden Schiff der Küstenwache eben versucht,

00:27:05.600 --> 00:27:08.400
möglichst restriktiv auszulegen.

00:27:08.400 --> 00:27:12.800
Und dann eben vielleicht den Schutz der eigenen Seegrenze oder die Definition,

00:27:12.800 --> 00:27:16.300
wo internationales Gewässer ist, wo man sich als nicht zuständig empfindet,

00:27:16.300 --> 00:27:22.700
die dann eben strikter anzuwenden als den Grundsatz, dass auf See die Lebensrettung zählt.

00:27:22.700 --> 00:27:31.500
Sarah: Ich spitze mal zu, aber wie legitim ist denn dieser Wunsch nach der vielzitierten „Festung Europa“, wie illegitim vielleicht auch?

00:27:31.500 --> 00:27:34.000
Ist das nicht auch ein Stück weit nachvollziehbar,

00:27:34.000 --> 00:27:36.000
dass sich Menschen manchmal überfordert fühlen,

00:27:36.000 --> 00:27:39.800
auch von den Diskussionen um Zuwanderung und mit Migration?

00:27:39.800 --> 00:27:43.500
Glorius: Ja, ich finde schon, natürlich, also man kann sich überfordert fühlen,

00:27:43.500 --> 00:27:47.100
man kann sich auch ungerecht behandelt fühlen, wenn man eben diese Debatte auch…

00:27:47.100 --> 00:27:50.800
oder auch wenn man überhaupt in den Medien auch erfährt,

00:27:50.800 --> 00:27:54.200
welche Kosten auch die Aufnahme von Asylsuchenden verursacht

00:27:54.200 --> 00:27:58.200
und dass das natürlich von der Solidargemeinschaft auch mitgetragen wird.

00:27:58.200 --> 00:28:02.500
Man kann sich ungerecht behandelt fühlen als einzelner Bürger in Deutschland zum Beispiel.

00:28:02.500 --> 00:28:05.800
Man kann auch ein Ungerechtigkeitsempfinden entwickeln,

00:28:05.800 --> 00:28:07.700
wenn man sich die europäische Situation ansieht

00:28:07.700 --> 00:28:12.300
und dann eben auch realisiert, andere EU-Länder tragen da wesentlich weniger Last.

00:28:12.300 --> 00:28:17.800
Das sind alles absolut legitime Reaktionen, ja, und das ist ja auch das Dilemma, in dem wir stecken.

00:28:17.800 --> 00:28:22.000
Wir müssen hier Dinge aushalten, die wir mit unseren eigenen Mitteln

00:28:22.000 --> 00:28:25.500
nicht wirklich auf eine auskömmliche Art und Weise beeinflussen können.

00:28:25.500 --> 00:28:30.000
Sarah: Und dann hören wir zum Beispiel den Ministerpräsident des Freistaats Bayern,

00:28:30.000 --> 00:28:33.900
der jetzt von Integrationsgrenzen spricht

00:28:33.900 --> 00:28:37.800
und wir sehen natürlich die Situation auch in vielen Gemeinden in Deutschland,

00:28:37.800 --> 00:28:43.200
wo dann ja vielleicht 300 Geflüchtete auf ein Dorf kommen, wo es nur 500 Einwohner gibt.

00:28:43.200 --> 00:28:47.600
Gibt es denn aus wissenschaftlicher Sicht, gibt es da ein Zu-Viel an Zuwanderung?

00:28:47.600 --> 00:28:53.500
Glorius: Na ja, es gibt, also dieses Zu Viel oder da, wo die Grenze ist dessen,

00:28:53.500 --> 00:28:58.200
was man auch noch händeln kann, das ist ein Bündel von Gründen,

00:28:58.200 --> 00:29:00.500
wo diese Grenze erreicht ist, ne.

00:29:00.500 --> 00:29:03.300
Also, das Plakativste ist die Unterbringung.

00:29:03.300 --> 00:29:08.100
Wenn ich nicht mal mehr Flächen habe, auf denen ich irgendeine Art von Unterbringung realisieren kann,

00:29:08.100 --> 00:29:10.900
dann ist in gewisser Weise eine Grenze erreicht.

00:29:10.900 --> 00:29:14.200
Es kann aber auch eine bürokratische Grenze sein,

00:29:14.200 --> 00:29:16.300
also dass zum Beispiel das Personal, das ich brauche,

00:29:16.300 --> 00:29:22.600
um bestimmte Dinge vor Ort zu handeln, die mit dem Zuwachs an Bevölkerung in Verbindung stehen,

00:29:22.600 --> 00:29:27.600
also Personal in den Ausländerbehörden, aber auch Personal im Jobcenter zum Beispiel,

00:29:27.600 --> 00:29:33.500
die ja auch sehr, sehr viel und sehr gute Arbeit machen in Bezug auf die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten.

00:29:33.500 --> 00:29:35.600
Personal in Sprachkursen.

00:29:35.600 --> 00:29:41.200
Geld, also Finanzmittel, um bestimmte Angebote überhaupt vorzuhalten seitens der Kommunen.

00:29:41.200 --> 00:29:45.400
Wenn das nicht mehr ausreicht, dann ist in der Summe eine Grenze erreicht.

00:29:45.400 --> 00:29:50.000
Das kann man schon sagen, ja, aber die, also diese Grenzlinie, die kann man nicht so mit einem Wort definieren.

00:29:50.000 --> 00:29:52.100
Sarah: Was macht es denn mit uns als Gesellschaft,

00:29:52.100 --> 00:29:55.900
wenn wir ständig diese Abschottungsdiskussionen führen,

00:29:55.900 --> 00:29:58.300
nehmen dadurch Rassismus und Stigmatisierung zu?

00:29:58.300 --> 00:30:00.600
Glorius: Ja, das kann man, denke ich, so sagen.

00:30:00.600 --> 00:30:04.200
Also wenn man permanent auch mit genau diesen Narrativen umspült wird,

00:30:04.200 --> 00:30:07.400
dann normalisiert sich das auch im eigenen Denken.

00:30:07.400 --> 00:30:13.500
Dann wird man irgendwann jegliche Form von Zuwanderung als feindliche Übernahme empfinden.

00:30:13.500 --> 00:30:18.700
Und nicht umsonst warnen Arbeitsmarktakteure genau davor,

00:30:18.700 --> 00:30:21.000
nämlich genau vor dieser grundsätzlichen, feindseligen Stimmung,

00:30:21.000 --> 00:30:26.200
die sich aufbauen könnte gegenüber Menschen, denen man unterstellt, sie seien zugewandert.

00:30:26.200 --> 00:30:28.800
Man kann das ja auch auf der Straße nicht unbedingt erkennen,

00:30:28.800 --> 00:30:31.400
wer jetzt hier zugewandert ist oder wer auf welche Weise zugewandert ist.

00:30:31.400 --> 00:30:39.800
Und dass diese feinselige Einstellung am Ende Arbeitsmarktintegration bzw. Fachkräftezuwanderung,

00:30:39.800 --> 00:30:43.800
die wir ja nachweislich benötigen, hemmt, weil die Menschen dann einfach,

00:30:43.800 --> 00:30:47.500
die jetzt entsprechend ausgebildet sind, die eine Chance hätten,

00:30:47.500 --> 00:30:50.800
in Deutschland Fuß zu fassen, dass die sich eben für ein anderes Land entscheiden

00:30:50.800 --> 00:30:53.900
und gar nicht hier nach Deutschland einwandern wollen.

00:30:53.900 --> 00:30:58.700
Sarah: Sie haben die Jahre 2015/2016 vorhin schon angesprochen,

00:30:58.700 --> 00:31:02.700
würden Sie sagen, die starke Fluchtzuwanderung damals,

00:31:02.700 --> 00:31:09.000
war das der Kipppunkt quasi der Auslöser auch für einen politischen Paradigmenwechsel auf EU-Ebene?

00:31:09.000 --> 00:31:10.900
Glorius: Ja, das würde ich schon sagen.

00:31:10.900 --> 00:31:15.200
Also, das war schon, dieser starke Zugang, es fing ja schon 2011 an.

00:31:15.200 --> 00:31:19.800
Da haben das also zunächst mal Italien vor allem sehr stark gemerkt,

00:31:19.800 --> 00:31:24.200
dass mehr Menschen auch über das zentrale Mittelmeer gekommen sind,

00:31:24.200 --> 00:31:28.100
und dann aber eben vor allem dieser starke Zugang über die Balkanroute,

00:31:28.100 --> 00:31:32.400
also praktisch Türkei, Griechenland und dann über die Westbalkanstaaten,

00:31:32.400 --> 00:31:34.700
Österreich, Deutschland und so weiter.

00:31:34.700 --> 00:31:38.200
Das haben wir ja schon dann 2014 sehr stark gesehen,

00:31:38.200 --> 00:31:41.600
2015 noch mal und im Grunde bis zum April 2016,

00:31:41.600 --> 00:31:48.200
bis eben mit dem EU-Türkei-Deal und mit einer Kaskade von Grenzschließungen auf der Balkanroute

00:31:48.200 --> 00:31:51.400
das dann zunächst mal sehr stark reduziert werden konnte.

00:31:51.400 --> 00:31:55.200
Und ich glaube, das war für viele auch ein Schockmoment, glaube ich.

00:31:55.200 --> 00:31:59.100
Also weil man wirklich auch sehr stark verunsichert war über das,

00:31:59.100 --> 00:32:04.100
was da auf einen zukommt, wie man damit umgehen kann, was das langfristig bedeutet.

00:32:04.100 --> 00:32:08.100
Ich denke, wir haben ja in Deutschland wirklich so eine Zweigleisigkeit gehabt.

00:32:08.100 --> 00:32:13.000
Zum einen eine sehr große emotionale Anteilnahme und auch praktische Hilfeleistung.

00:32:13.000 --> 00:32:18.700
Es hat ja noch nie so viel zivilgesellschaftliches Engagement gegeben für eine bestimmte Thematik

00:32:18.700 --> 00:32:22.900
als 2015 eben für die Geflüchteten, die da angekommen sind.

00:32:22.900 --> 00:32:29.700
Und das hat sich aber im Grunde parallelisiert mit einem sehr kritischen Diskurs in der Gesellschaft

00:32:29.700 --> 00:32:32.000
und auch einem angstbesetzten Diskurs und ich denke,

00:32:32.000 --> 00:32:37.500
man hat da eigentlich dann, als das Thema nicht mehr so stark im Vordergrund stand,

00:32:37.500 --> 00:32:43.000
so ab Ende 2016 vielleicht, eigentlich so Jahre der Konsolidierung erlebt,

00:32:43.000 --> 00:32:47.600
bis dann mit der Coronapandemie sich leider einige Wege,

00:32:47.600 --> 00:32:50.900
einige gute Integrationswege wieder verschlechtert haben,

00:32:50.900 --> 00:32:55.100
schwieriger geworden sind, ja, und dann im Grunde auch diese Nicht-Lösung

00:32:55.100 --> 00:33:00.500
des gemeinsamen europäischen Asylsystems, der Fragen, die sich 2015 aufgeworfen hatten.

00:33:00.500 --> 00:33:06.200
Die hätte man in den Jahren danach, als wenig Ankunftszahlen waren,

00:33:06.200 --> 00:33:09.300
hätte man da vielleicht, ja, wenn man da schneller Erfolge erzielt hätte,

00:33:09.300 --> 00:33:11.800
stünden wir vielleicht heute an einem anderen Punkt.

00:33:11.800 --> 00:33:15.100
Sarah: Frau Glorius, wenn wir jetzt nochmal einen Strich drunter ziehen,

00:33:15.100 --> 00:33:19.300
wie Sie auch die aktuelle Asylpolitik bewerten,

00:33:19.300 --> 00:33:22.400
stehen dann Ordnungs- und Sicherheitspolitik vorne

00:33:22.400 --> 00:33:25.900
und die Rechte der Schutzsuchenden, die bleiben so ein Stück zurück?

00:33:25.900 --> 00:33:31.400
Glorius: Also Ordnung und Sicherheit steht vorne, weil das aus der Perspektive der EU-Politik,

00:33:31.400 --> 00:33:35.600
die ja vor allem Politik für die EU und für ihre Bürgerinnen und Bürger macht,

00:33:35.600 --> 00:33:37.300
das an allererster Stelle steht.

00:33:37.300 --> 00:33:44.600
Man möchte diesen Spagat hinbekommen, gleichzeitig eben die humanitären Standards hochzuhalten.

00:33:44.600 --> 00:33:50.900
Das wird in der Praxis vermutlich noch mal schwieriger werden als das heute schon der Fall ist

00:33:50.900 --> 00:33:55.500
und wir werden aus diesem Dilemma, das ist meine Prognose, aus diesem Dilemma,

00:33:55.500 --> 00:34:00.600
dass wir hier Zugänge haben ohne Chancen auf Asyl, die wir nicht mehr zurückführen können,

00:34:00.600 --> 00:34:02.800
aus diesem Dilemma werden wir nicht rauskommen.

00:34:02.800 --> 00:34:08.900
Umso wichtiger ist es, dass wir in den Aufnahmestaaten einfach trotzdem pragmatisch bleiben,

00:34:08.900 --> 00:34:15.400
was auch Integrationsangebote anbelangt, weil das ja auch unsere Mitbürger von morgen sind.

00:34:15.400 --> 00:34:19.000
Sarah: Das sagt die Migrationsforscherin Birgit Glorius.

00:34:19.000 --> 00:34:20.300
Frau Glorius, vielen Dank für das Gespräch.

00:34:20.300 --> 00:34:22.300
Glorius: Ja, sehr gerne.

00:34:22.300 --> 00:34:27.400
*Musik*

00:34:27.400 --> 00:34:31.500
Alsayjare: Also die Zivilgesellschaft hat auf jeden Fall sehr viel geholfen

00:34:31.500 --> 00:34:35.700
und ich glaube, bin mir ziemlich sicher,

00:34:35.700 --> 00:34:42.900
ohne Ehrenamt wäre die Integration vieler Geflüchtete fast unmöglich gewesen.

00:34:42.900 --> 00:34:48.600
Also Ehrenamt zählt, glaube ich, zu den wichtigsten Aspekten,

00:34:48.600 --> 00:34:51.600
dass die Integration überhaupt gelingt, meiner Meinung nach.

00:34:51.600 --> 00:34:53.500
Sarah: Das ist nochmal Asem Alsayjare.

00:34:53.500 --> 00:34:58.400
Besonders 2015/2016 haben Ehrenamtliche sehr viele der Aufgaben aufgefangen,

00:34:58.400 --> 00:35:02.300
die wichtig waren, um Geflüchtete beim Ankommen zu unterstützen.

00:35:02.300 --> 00:35:05.100
Und auch Birgit Glorius hat das ja beschrieben.

00:35:05.100 --> 00:35:08.900
So viel zivilgesellschaftliches Engagement gab es bis dahin nicht.

00:35:08.900 --> 00:35:11.300
Seitdem hat sich einiges verändert.

00:35:11.300 --> 00:35:14.800
Einerseits zum Positiven: Kommunen sind heute besser vorbereitet,

00:35:14.800 --> 00:35:19.600
es gibt eine Infrastruktur für die Unterbringungen und viele Integrationsangebote.

00:35:19.600 --> 00:35:24.600
Andererseits haben sich an vielen Stellen auch Zweifel und Unzufriedenheit breitgemacht.

00:35:24.600 --> 00:35:29.800
In einer Umfrage der Universität Hildesheim haben im vergangenen Jahr 40% der Kommunen angegeben,

00:35:29.800 --> 00:35:33.200
mit der Betreuung geflüchteter Menschen überlastet zu sein.

00:35:33.200 --> 00:35:37.200
Und laut ARD-Deutschlandtrend nennen 44% der Bürgerinnen und Bürger

00:35:37.200 --> 00:35:42.200
das Thema Zuwanderung/Flucht als das wichtigste politische Problem.

00:35:42.200 --> 00:35:47.000
Auch Asem Alsayjare nimmt die Stimmung gegenüber Geflüchteten heute anders wahr.

00:35:47.000 --> 00:35:54.400
Alsayjare: Die Willkommenskultur, die man 2015 erlebt hat, war natürlich, also es war richtig gut.

00:35:54.400 --> 00:36:00.000
Einige haben damals, also von der Aufnahmegesellschaft vielleicht eine schnelle Erwartung gehabt,

00:36:00.000 --> 00:36:05.900
dass die Flüchtlinge sofort integriert sind, aber das passiert oder das geht nicht immer schnell,

00:36:05.900 --> 00:36:08.100
wie man sich wünscht und vorstellt.

00:36:08.100 --> 00:36:11.600
Die anderen haben gesagt, okay, wir bleiben trotzdem dran

00:36:11.600 --> 00:36:16.200
und wir versuchen auch unterstützen, wo wir können.

00:36:16.200 --> 00:36:20.000
Und dann gibt es natürlich eine Gruppe, die auch jetzt gegen Flüchtlinge ist

00:36:20.000 --> 00:36:23.800
und diese Gruppe war vielleicht von Anfang an auch so,

00:36:23.800 --> 00:36:28.000
aber jetzt ist diese Gruppe ein bisschen lauter geworden,

00:36:28.000 --> 00:36:32.700
also weil das Thema Flüchtlinge und Migration einfach sehr also politisch sehr ausgenutzt ist,

00:36:32.700 --> 00:36:40.100
man hört viel in Medien und das macht auch mit den Menschen was natürlich.

00:36:40.100 --> 00:36:45.800
Ich würde nicht behaupten, dass alle Flüchtlinge gut sind, genauso wie nicht alle Deutschen gut sind.

00:36:45.800 --> 00:36:51.500
Aber dass man nicht pauschalisiert, dass man einfach auch differenziert auf die Sache guckt.

00:36:51.500 --> 00:36:54.000
Das ist wichtig, das hilft uns sehr, glaube ich.

00:36:54.000 --> 00:37:00.400
Sarah: Was uns asylpolitisch weiterbringen würde, ist für Asem Alsayjare vor allem der Blick auf die Fluchtursachen.

00:37:00.400 --> 00:37:03.800
Alsayjare: Also wenn wir so in diese Richtung gucken,

00:37:03.800 --> 00:37:06.900
dann brauchen wir auch diese Richtlinien nicht zu verschärfen

00:37:06.900 --> 00:37:12.600
und nicht immer nach außen das Image zu vermitteln,

00:37:12.600 --> 00:37:17.200
das langsam unmenschlich wird, ja.

00:37:17.200 --> 00:37:22.100
Und ich glaube, die EU könnte auch in diesem Zusammenhang eine große Rolle spielen,

00:37:22.100 --> 00:37:25.100
dass die Fluchtursachen vor Ort bekämpft werden und das ist auch wichtig,

00:37:25.100 --> 00:37:28.900
denn a) es werden auch nicht viele Menschen sich auf den Weg machen,

00:37:28.900 --> 00:37:33.000
denn man verlässt seine Heimat nicht freiwillig und nicht gerne,

00:37:33.000 --> 00:37:37.800
und b) selbst diejenigen, die auch ihre Heimatländer verlassen wollen,

00:37:37.800 --> 00:37:42.300
die würden das legal machen, sodass sie auch diese Gefahr über Mittelmeer,

00:37:42.300 --> 00:37:47.000
wie ich das erlebt habe, zu fahren und zu fliehen, nicht erleben müssen.

00:37:47.000 --> 00:37:57.200
*Musik*

00:37:57.200 --> 00:37:58.700
Sarah: Was wir also mitnehmen können

00:37:58.700 --> 00:38:02.400
. Eine Flucht ist ein schwieriger und gefährlicher Weg,

00:38:02.400 --> 00:38:05.100
den Menschen nicht leichtfertig gehen,

00:38:05.100 --> 00:38:08.200
sondern um zu überleben oder zumindest ein besseres Leben zu haben.

00:38:08.200 --> 00:38:11.000
Das hat Asem Alsayjare deutlich gemacht.

00:38:11.000 --> 00:38:16.400
. Es ist unklar, ob die EU-Asylreform wirklich zu einer Beschleunigung der Verfahren

00:38:16.400 --> 00:38:19.900
und einer gerechteren Verteilung der Asylsuchenden in Europa führen wird.

00:38:19.900 --> 00:38:24.400
Ein Ende der prekären Bedingungen an den EU-Außengrenzen ist nicht in Sicht.

00:38:24.400 --> 00:38:26.700
Das meint Birgit Glorius.

00:38:26.700 --> 00:38:31.800
. Für eine gelungene Integration braucht es unter anderem viel Eigeninitiative der Geflüchteten.

00:38:31.800 --> 00:38:35.800
Zum Beispiel beim Lernen einer neuen Sprache.

00:38:35.800 --> 00:38:39.200
Und Verfahren, die den Menschen schnell eine Perspektive aufzeigen.

00:38:39.200 --> 00:38:42.900
Das geht nur mit einer entsprechenden finanziellen und personellen Ausstattung

00:38:42.900 --> 00:38:45.200
und dem Engagement der Zivilgesellschaft.

00:38:45.200 --> 00:38:47.400
*Musik*

00:38:47.400 --> 00:38:50.400
Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

00:38:50.400 --> 00:38:53.600
In der gedruckten Ausgabe „Festung Europa?“ können Sie noch mehr zum Thema lesen.

00:38:53.600 --> 00:38:57.200
Zum Beispiel über Westafrikanische Perspektiven auf Migration

00:38:57.200 --> 00:39:00.000
und über die Rolle der Grenzschutzagentur Frontex.

00:39:00.000 --> 00:39:02.900
Den Link dazu finden Sie in den Shownotes.

00:39:02.900 --> 00:39:05.800
Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast.

00:39:05.800 --> 00:39:10.700
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de.

00:39:10.700 --> 00:39:14.100
In der nächsten Folge sprechen wir dann über den Fachkräftemangel.

00:39:14.100 --> 00:39:17.400
Mein Name ist Sarah Zerback – bis zum nächsten Mal.

00:39:17.400 --> 00:39:43.600
*Musik*

00:39:43.600 --> 00:39:49.000
Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:39:49.000 --> 00:39:54.700
Redaktion für diese Folge: Gina Enslin, Julia Günther, Sascha Kneip und Bjarne Hansen.

00:39:54.700 --> 00:39:58.000
Musik: Joscha Grunewald. Produktion: hauseins.

00:39:58.000 --> 00:40:00.100
Am Mikrofon war Sarah Zerback.

00:40:00.100 --> 00:40:02.500
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:40:02.500 --> 00:40:06.500
und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.

