WEBVTT

00:00:00.000 --> 00:00:07.600
O-Ton Syrien: *Feierlichkeiten*

00:00:08.000 --> 08:45:44.000
Sarah Zerback: In den Tagen nach dem 08.12.2024 wurde in den syrischen Straßen gefeiert.

00:00:13.000 --> 00:00:14.600
Hier hören wir die Menschen in Damaskus.

00:00:15.000 --> 00:00:20.600
Der Sturz des Assad-Regimes war das Ende von 54 Jahren Didaktur unter der Assad-Familie

00:00:21.000 --> 00:00:23.600
und fast 14 Jahren Bürgerkrieg in Syrien.

00:00:24.000 --> 00:00:25.600
*Musik*

00:00:26.000 --> 00:00:26.600
Ein Jahr ist das nun her.

00:00:27.000 --> 00:00:30.600
Die islamistische Miliz HTS hat die Macht in Syrien übernommen.

00:00:31.000 --> 00:00:36.600
Ahmed al-Scharaa wurde politischer Führer und im Januar 2025 Übergangspräsident.

00:00:37.000 --> 00:00:38.600
Ein großer Hoffnungsmoment für Syrien,

00:00:39.000 --> 00:00:41.600
aber von Anfang an waren viele Menschen im Land auch verunsichert,

00:00:42.000 --> 00:00:45.600
wie sich Syrien unter der Herrschaft der islamistischen HTS entwickeln würde

00:00:46.000 --> 00:00:47.600
und wie gut die Aussichten für Frieden wirklich sind.

00:00:48.000 --> 00:00:50.600
Wie ist die Lage in Syrien heute?

00:00:51.000 --> 00:00:55.600
Kann sich die syrische Gesellschaft unter diesen Umständen vom Bürgerkrieg und der Diktatur erholen?

00:00:56.000 --> 00:01:00.600
Darum geht es in dieser Folge „Aus Politik und Zeitgeschichte“ und ich bin Sarah Zerback.

00:01:01.000 --> 00:01:03.600
Die Journalistin Kristin Helberg beschreibt,

00:01:04.000 --> 00:01:06.600
wie die politische und gesellschaftliche Situation in Syrien

00:01:07.000 --> 00:01:09.600
ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes ist.

00:01:10.000 --> 00:01:12.600
Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg erklärt,

00:01:13.000 --> 00:01:17.600
welche geopolitischen Auswirkungen der Machtwechsel in Syrien für die Region und für die Welt hat.

00:01:18.000 --> 00:01:23.600
Und Nahla Osman, Vorsitzende des Verbands deutsch-syrischer Hilfsvereine und Menschenrechtsanwältin,

00:01:24.000 --> 00:01:29.600
blickt auf die Situation der syrischen Diaspora in Deutschland nach dem Sturz von Assad.

00:01:30.000 --> 00:01:36.600
Die Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ zum Thema „Syrien“ finden Sie auf bpb.de/apuz.

00:01:37.000 --> 00:01:38.600
Wie immer gibt es auch zu dieser Folge ein Transkript.

00:01:39.000 --> 00:01:43.600
Sie finden es in der bpb-Mediathek oder als Link in den Shownotes.

00:01:44.000 --> 00:01:58.600
*Musik*

00:01:59.000 --> 00:02:03.600
Nahla Osman: Der 08.12., das ist tatsächlich jetzt ein Nationalfeiertag in Syrien.

00:02:04.000 --> 00:02:06.600
Das ist jetzt fast ein Jahr her.

00:02:07.000 --> 00:02:11.600
Aber die Freude, die wir als Deutsch-Syrer, Syrer empfunden haben, ist unbeschreiblich.

00:02:12.000 --> 00:02:16.600
Ich habe das damals so beschrieben wie Weihnachten und Ramadan zugleich.

00:02:17.000 --> 00:02:17.600
Sarah Zerback: Das sagt Nahla Osman.

00:02:18.000 --> 00:02:19.600
Sie ist Deutsch-Syrerin.

00:02:20.000 --> 00:02:23.600
Als Menschenrechtsanwältin und Vorsitzende des Verbands deutsch-syrischer Hilfsvereine

00:02:24.000 --> 00:02:26.600
ist sie eng mit dem Land und mit der syrischen Diaspora in Deutschland verbunden.

00:02:27.000 --> 00:02:29.600
Nahla Osman: Ich habe einen Mitarbeiter, der ist syrischer Christ, Anwalt,

00:02:30.000 --> 00:02:32.600
der war jetzt auch 12 Jahre nicht in Syrien.

00:02:33.000 --> 00:02:35.600
Und er hat gesagt, im Flugzeug, als er syrischen Boden gesehen hat,

00:02:36.000 --> 00:02:38.600
hat er nicht mehr aufgehört zu weinen.

00:02:39.000 --> 00:02:42.600
Und das empfindet jeder, der zurückkehrt

00:02:43.000 --> 00:02:45.600
und jeder, der diesen 08.12., ja, gedenkt.

00:02:46.000 --> 00:02:49.600
Also als wir dort waren, ich war zwei Wochen nach dem Sturz in Syrien,

00:02:50.000 --> 00:02:55.600
wirklich an jeder Ecke wurde getanzt, an jeder Ecke kamen die Freiheitslieder

00:02:56.000 --> 00:03:01.600
und die Menschen haben es einfach verdient, endlich in Sicherheit und in Frieden zu leben.

00:03:02.000 --> 00:03:06.600
Sarah Zerback: Das Ende des Terrorregimes von Baschar al-Assad und das Ende des Bürgerkriegs nach 14 Jahren,

00:03:07.000 --> 00:03:09.600
das sind extrem bedeutsame Entwicklungen für die Menschen im Land

00:03:10.000 --> 00:03:13.600
und auch für Syrerinnen und Syrer in der Diaspora.

00:03:14.000 --> 00:03:16.600
*Musik*

00:03:17.000 --> 00:03:20.600
Am 08. Dezember 2024 wurde das Assad-Regime gestürzt.

00:03:21.000 --> 00:03:25.600
Die Rebellen der islamistischen HTS-Miliz haben die syrische Hauptstadt Damaskus in der Nacht erobert.

00:03:26.000 --> 00:03:29.600
Ihre Offensive hatte sie erst Ende November gestartet

00:03:30.000 --> 00:03:31.600
und dann ging alles sehr schnell:

00:03:32.000 --> 00:03:34.600
Innerhalb von elf Tagen hat die HTS erst Aleppo eingenommen,

00:03:35.000 --> 00:03:36.600
dann weite Teile des syrischen Westens.

00:03:37.000 --> 00:03:41.600
Regierungstruppen gaben ihre Stellungen auf, die Gegenwehr blieb in großen Teilen aus.

00:03:42.000 --> 00:03:44.600
Der Präsident Baschar al-Assad floh in Richtung Moskau.

00:03:45.000 --> 00:03:47.600
Der Weg war frei für den Sturz der syrischen Diktatur.

00:03:48.000 --> 00:03:52.600
Im Januar ließ sich Rebellenchef Ahmed al-Scharaa zum Übergangspräsidenten ernennen

00:03:53.000 --> 00:03:56.600
und dieses Jahr im Oktober hat er die ersten Wahlen abgehalten.

00:03:57.000 --> 00:04:02.600
Dass das Regime von Baschar al-Assad nach 14 Jahren Bürgerkrieg so schnell gefallen ist, hat viele überrascht.

00:04:03.000 --> 00:04:06.600
Alle Hoffnungen liegen jetzt auf der HTS, den neuen Machthabern.

00:04:07.000 --> 00:04:08.600
Dabei ist das alles andere als selbstverständlich.

00:04:09.000 --> 00:04:14.600
Die HTS war früher eine dschihadistische Terrororganisation und ein syrischer Ableger von Al-Qaida.

00:04:15.000 --> 00:04:18.600
Auf den heutigen Übergangspräsidenten und früheren Anführer, Ahmed al-Scharaa,

00:04:19.000 --> 00:04:24.600
hatten die USA zeitweise ein Kopfgeld von 10 Millionen USD ausgesetzt.

00:04:25.000 --> 00:04:28.600
Heute präsentiert sich die HTS als pragmatische islamistische Gruppierung,

00:04:29.000 --> 00:04:32.600
und hat sich offiziell von ihren dschihadistischen Ursprüngen distanziert.

00:04:33.000 --> 00:04:37.600
Wie groß die Chance für einen Neustart in Syrien unter dieser neuen Führung

00:04:38.000 --> 00:04:41.600
und in der aktuellen Situation ist, darüber habe ich mit Kristin Helberg gesprochen.

00:04:42.000 --> 00:04:49.600
Sie ist Journalistin und Expertin für Syrien und Nahost, hat von 2001 bis 2008 in Syrien gelebt.

00:04:50.000 --> 00:04:52.600
Zuletzt ist sie im April 2025 durchs Land gereist.

00:04:53.000 --> 00:04:55.600
Hallo und schönen guten Tag, Kristin Helberg.

00:04:56.000 --> 00:04:57.600
Kristin Helberg: Hallo Frau Zerback, danke für die Einladung.

00:04:58.000 --> 00:05:03.600
Sarah Zerback: Also ein Jahr jetzt nach Ende des Bürgerkriegs und nach Sturz des Assad-Regimes,

00:05:04.000 --> 00:05:10.600
ist Syrien da in einem humanitären Zustand, in dem die Menschen dort, ja, menschenwürdig leben können?

00:05:11.000 --> 00:05:15.600
Kristin Helberg: Nein, an der wirtschaftlichen Lage hat sich noch gar nichts verbessert eigentlich in Syrien.

00:05:16.000 --> 00:05:20.600
Also es gilt immer noch, 90 Prozent der Menschen leben in Armut

00:05:21.000 --> 00:05:24.600
und mehr als 16 Millionen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

00:05:25.000 --> 00:05:29.600
Das hat sich nicht verändert, weil noch nicht große Infrastrukturmaßnahmen

00:05:30.000 --> 00:05:31.600
oder Investitionen ins Land gekommen sind,

00:05:32.000 --> 00:05:37.600
auch weil die Sekundärsanktionen der USA nur für sechs Monate immer ausgesetzt werden,

00:05:38.000 --> 00:05:40.600
aber noch nicht ganz grundsätzlich aufgehoben sind.

00:05:41.000 --> 00:05:44.600
Das heißt, all diese Versprechen von saudischen, katarischen Unternehmen,

00:05:45.000 --> 00:05:47.600
die sind noch nicht angekommen, da hat noch nicht wirklich was angefangen.

00:05:48.000 --> 00:05:51.600
Das bedeutet, die Unterstützung, die über die Vereinten Nationen ins Land kommt,

00:05:52.000 --> 00:05:55.600
über NGOs, über bilaterale Geber, da spielt Deutschland eine große Rolle,

00:05:56.000 --> 00:06:00.600
das ist bisher das Einzige und das konzentriert sich zum jetzigen Zeitpunkt auf die humanitäre Hilfe

00:06:01.000 --> 00:06:03.600
und die ist überlebensnotwendig für die allermeisten Syrer.

00:06:04.000 --> 00:06:07.600
Sarah Zerback: Was heißt das, also wenn wir mal auf die Wasserversorgung blicken,

00:06:08.000 --> 00:06:11.600
auf die Versorgung mit Nahrungsmitteln, wichtige Infrastruktur?

00:06:12.000 --> 00:06:16.600
Sie sind ja regelmäßig im Land und waren es auch erst im April 2025.

00:06:17.000 --> 00:06:18.600
Was haben Sie sich da für einen Eindruck machen können?

00:06:19.000 --> 00:06:21.600
Kristin Helberg: Ich bin im April durch die Landesteile gefahren,

00:06:22.000 --> 00:06:24.600
die ich jetzt auch die letzten Jahre gar nicht besuchen konnte.

00:06:25.000 --> 00:06:29.600
Also, ich war in Damaskus, im Umland von Damaskus, in Homs und in der Provinz Idlib unterwegs.

00:06:30.000 --> 00:06:34.600
Das sind zum Teil ganz schwer zerstörte Städte, Vororte, auch ländliche Gebiete,

00:06:35.000 --> 00:06:37.600
Orte im südlichen Idlib, zum Beispiel in der Provinz Hammah.

00:06:38.000 --> 00:06:41.600
Sehr viel Zerstörung, weil das die Frontlinien waren über viele Jahre

00:06:42.000 --> 00:06:45.600
zwischen dem Assad-Regime und den Gebieten, die unter aufständischer Kontrolle waren.

00:06:46.000 --> 00:06:51.600
Das heißt, das sind genau jene Städte und Dörfer, die eben gezielt bombardiert wurden durch die russische Luftwaffe,

00:06:52.000 --> 00:06:54.600
wo zivile Infrastruktur zerstört wurde.

00:06:55.000 --> 00:06:57.600
Die Krankenhäuser, die Schulen, Marktplätze.

00:06:58.000 --> 00:07:01.600
Also ein Drittel der Wohneinheiten, so sagen es die Vereinten Nationen,

00:07:02.000 --> 00:07:08.600
und ein Drittel eben auch der Gesundheitseinrichtungen gelten als schwerbeschädigt oder zerstört.

00:07:09.000 --> 00:07:10.600
Das heißt, das muss man natürlich erst mal aufbauen.

00:07:11.000 --> 00:07:15.600
Und eine ganz besorgniserregende Zahl für mich sind immer die Zahl der Schulkinder,

00:07:16.000 --> 00:07:22.600
die überhaupt in die Schule gehen, nämlich 40 bis 50 Prozent der 6- bis 15-Jährigen gehen nicht zur Schule.

00:07:23.000 --> 00:07:25.600
Und das ist ja die nächste verlorene Generation.

00:07:26.000 --> 00:07:30.600
Ich habe mir verschiedene Schulen angeguckt in den ehemaligen Assad-Regime-Gebieten,

00:07:31.000 --> 00:07:34.600
aber eben auch in anderen Landesteilen und da braucht es so viel Investitionen

00:07:35.000 --> 00:07:37.600
und eigentlich einen Neustart dieses ganzen Bildungssystems.

00:07:38.000 --> 00:07:40.600
Und das ist natürlich auch für all jene Familien entscheidend,

00:07:41.000 --> 00:07:42.600
die im Ausland sind und die sich überlegen,

00:07:43.000 --> 00:07:44.600
wie sie zurück sollen, wenn ihre Kinder gar nicht zur Schule gehen können.

00:07:45.000 --> 00:07:50.600
Sarah Zerback: Also dieses Ausmaß der Zerstörung, die schwierige humanitäre Lage, das ist das eine.

00:07:51.000 --> 00:07:52.600
Nehmen Sie uns doch mal mit ins Land.

00:07:53.000 --> 00:07:56.600
Also, es kommt ja immer wieder auch zu Gewalttaten.

00:07:57.000 --> 00:08:00.600
Wie würden Sie die Sicherheitslage ein Jahr danach jetzt beschreiben?

00:08:01.000 --> 00:08:03.600
Kristin Helberg: Syrien ist ja noch gar kein geeintes Land wieder,

00:08:04.000 --> 00:08:08.600
sondern es gibt bestimmte Landesteile, die noch nicht unter der Kontrolle dieser Übergangsregierung in Damaskus stehen.

00:08:09.000 --> 00:08:13.600
Das ist vor allem der Nordosten mit der autonomen Verwaltung Nord- und Ostsyrien,

00:08:14.000 --> 00:08:16.600
also eine kurdisch geprägte Selbstverwaltung,

00:08:17.000 --> 00:08:18.600
die in Verhandlungen steht gerade mit Damaskus,

00:08:19.000 --> 00:08:22.600
ob und wie man eben in diesen neuen Staat integriert werden kann.

00:08:23.000 --> 00:08:26.600
Und im Süden haben wir insbesondere seit Juli 2025 die Situation,

00:08:27.000 --> 00:08:31.600
dass die Teile der Provinz Sueida nicht unter der Kontrolle von Damaskus sind

00:08:32.000 --> 00:08:37.600
nach den Massakern und nach dieser Gewalteskalation vor allem an der drusischen Bevölkerung vor Ort

00:08:38.000 --> 00:08:39.600
und der Abriegelung von Teilen dieses Gebietes.

00:08:40.000 --> 00:08:43.600
Also, diese zwei Gebiete sind noch gar nicht integriert in den syrischen Staat

00:08:44.000 --> 00:08:48.600
und nach den Massakern, die in Sueida habe ich erwähnt im Juli,

00:08:49.000 --> 00:08:51.600
und denjenigen an der Küste im März 2025,

00:08:52.000 --> 00:08:56.600
bei denen eben auch hunderte von alawitischen Zivilisten ermordet wurden,

00:08:57.000 --> 00:09:03.600
nach diesen beiden schlimmen Ereignissen hat sich für viele Leute im Land noch mal die Lage geändert,

00:09:04.000 --> 00:09:09.600
weil jetzt nämlich insbesondere Alawiten, aber eben auch Drusen und auch Kurden

00:09:10.000 --> 00:09:13.600
und mit Abstrichen vielleicht auch Christen, die das anfängliche Misstrauen,

00:09:14.000 --> 00:09:20.600
das sie gegenüber diesen neuen Machthabern hatten, gewandelt hat in ganz offene Ablehnung.

00:09:21.000 --> 00:09:24.600
Also, man sagt eben, mit dieser neuen Führung Übergangspräsident Ahmad al-Scharaa,

00:09:25.000 --> 00:09:29.600
islamistisch, die können nicht unsere Sicherheit garantieren

00:09:30.000 --> 00:09:31.600
und wir haben keine Hoffnung, dass es hier irgendwie besser wird.

00:09:32.000 --> 00:09:34.600
Und das ist ein echter Wendepunkt,

00:09:35.000 --> 00:09:37.600
denn am Anfang direkt nach dem Sturz des Assad-Regimes hatten wir sehr viel Hoffnung,

00:09:38.000 --> 00:09:42.600
sehr viel das Gefühl von Aufbruch, wir bauen uns ein neues Syrien für alle.

00:09:43.000 --> 00:09:49.600
Da gab es schon immer Misstrauen, aber dieses Misstrauen hat sich gewandelt in diese Ablehnung.

00:09:50.000 --> 00:09:52.600
Und das ist sehr problematisch für ein Land, das sich eben mit so vielen Herausforderungen konfrontiert sieht

00:09:53.000 --> 00:09:57.600
und das eigentlich alle Teile der Bevölkerung ja auch mit einbeziehen muss,

00:09:58.000 --> 00:10:00.600
um dort für Sicherheit zu sorgen für alle Menschen, die dort leben.

00:10:01.000 --> 00:10:02.600
Sarah Zerback: Kurz zur Einordnung:

00:10:03.000 --> 00:10:05.600
In Syrien leben Menschen vieler Religionen und Volksgruppen.

00:10:06.000 --> 00:10:07.600
Die Mehrheit der Bevölkerung ist sunnitisch.

00:10:08.000 --> 00:10:10.600
Rund 12 Prozent der Menschen sind Alawiten.

00:10:11.000 --> 00:10:15.600
Daneben gibt es in der Bevölkerung weitere religiöse Minderheiten wie Christen und Drusen.

00:10:16.000 --> 00:10:19.600
Die größte nichtarabische Gruppe sind die Kurden, die vor allem im Norden Syriens leben.

00:10:20.000 --> 00:10:25.600
Im syrischen Bürgerkrieg kämpfte eine vorwiegend von Alawiten getragene Regierung gegen sunnitische Rebellen.

00:10:26.000 --> 00:10:28.600
Auch die HTS ist sunnitisch.

00:10:29.000 --> 00:10:32.600
Wie stark sind denn ehemalige Assad-Unterstützer im Land noch aktiv?

00:10:33.000 --> 00:10:33.600
Kristin Helberg: Das ist schwierig zu sagen.

00:10:34.000 --> 00:10:35.600
Es gibt immer wieder Hinweise darauf,

00:10:36.000 --> 00:10:40.600
dass im Untergrund nach wie vor Bewaffnete gegen diese neue Führung agieren.

00:10:41.000 --> 00:10:44.600
Die Massaker im März an der Küste hatten auch diesen Ursprung.

00:10:45.000 --> 00:10:50.600
Also, das war eine konzertierte und vorbereitete Aktion an mehreren Checkpoints dieser neuen Führung,

00:10:51.000 --> 00:10:54.600
wo Sicherheitskräfte angegriffen wurden, eben auch mehrere Dutzend getötet,

00:10:55.000 --> 00:10:59.600
dann, mehr als 230 waren es, glaube ich, insgesamt, die auch getötet wurden

00:11:00.000 --> 00:11:03.600
durch ehemalige Assad-Anhänger, die im Untergrund nach wie vor agieren

00:11:04.000 --> 00:11:10.600
und die auch leichtes Spiel haben, alawitische Syrer zu rekrutieren in ihren Reihen zum Teil,

00:11:11.000 --> 00:11:13.600
weil deren Lage sich deutlich verschlechtert hat.

00:11:14.000 --> 00:11:20.600
Also viele Alawiten haben eben ihren Job verloren, zum Beispiel auch im Staatswesen, also als Beamte zum Beispiel.

00:11:21.000 --> 00:11:25.600
Es gibt alawitische Bewohner von Damaskus, die vertrieben wurden aus ihren Häusern,

00:11:26.000 --> 00:11:31.600
weil sie selbst dort mal angesiedelt wurden und andere Leute enteignet wurden vor Jahrzehnten.

00:11:32.000 --> 00:11:34.600
Das sind also ganz viele alte Rechnungen in Syrien.

00:11:35.000 --> 00:11:39.600
Das Assad-Regime hatte dann diese Alawiten also in Wohnungen gesetzt von anderen Menschen, die jetzt sagen:

00:11:40.000 --> 00:11:42.600
so, das ist eigentlich mal unsere Wohnung gewesen, gehört meiner Familie.

00:11:43.000 --> 00:11:45.600
Deswegen sind die jetzt an die Küste zurückgegangen

00:11:46.000 --> 00:11:49.600
und leben dort eben gerade in sehr prekären Situationen,

00:11:50.000 --> 00:11:52.600
weil sie gar nicht die Möglichkeit haben, ihre Familien gerade so gut zu ernähren.

00:11:53.000 --> 00:11:54.600
Also, manche von denen.

00:11:55.000 --> 00:11:59.600
Das hat nur dazu geführt, dass eben Gruppen wie die Alawiten jetzt besonders ansprechbar sind für andere Akteure,

00:12:00.000 --> 00:12:03.600
die dann kommen und sagen, ja, seht mal her, die neuen Machthaber wollen euch sowieso alle nicht hier haben,

00:12:04.000 --> 00:12:07.600
die wollen euch alle umbringen und macht doch mit bei uns, ich geb dir hier eine Waffe

00:12:08.000 --> 00:12:09.600
und lass uns diese neuen Machthaber auch stürzen.

00:12:10.000 --> 00:12:12.600
Das war so ein bisschen der Hintergrund der Ereignisse im März.

00:12:13.000 --> 00:12:15.600
Und daraufhin ist eben dann eine Gewalt ausgebrochen,

00:12:16.000 --> 00:12:20.600
die auch von Sicherheitskräften mitgetragen wurde, mitzuverantworten ist.

00:12:21.000 --> 00:12:25.600
Das wird jetzt gerade aufgearbeitet, nicht transparent genug, aber immerhin.

00:12:26.000 --> 00:12:27.600
Und das sind so die Hintergründe.

00:12:28.000 --> 00:12:32.600
Wir haben also ein Land voller bewaffneter Männer, ein Land voller Waffen,

00:12:33.000 --> 00:12:36.600
weil auch Milizen zwar offiziell eingegliedert wurden in die neuen Sicherheitskräfte,

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aber noch gar nicht strukturell wirklich integriert wurden,

00:12:41.000 --> 00:12:44.600
und ein Land voller offener Rechnungen nach 14 Jahren eines Krieges,

00:12:45.000 --> 00:12:52.600
der wahnsinnig brutal und blutig geführt wurde, ja, auch vom Ausland befeuert wurde und 54 Jahre Diktatur.

00:12:53.000 --> 00:12:57.600
54 Jahre Unrechtsregime, 54 Jahre, in denen ich nicht in meinem eigenen Wohnzimmer

00:12:58.000 --> 00:13:00.600
über Politik gesprochen habe aus Angst.

00:13:01.000 --> 00:13:05.600
Ein Polizeistaat, Überwachung und das aufzuarbeiten, das dauert natürlich.

00:13:06.000 --> 00:13:07.600
Und es wird eben auch immer wieder mit Rückschlägen einhergehen.

00:13:08.000 --> 00:13:13.600
Und das Drama ist eben, dass jede Eskalation, jeder Racheakt, jede Hinrichtung, Entführung,

00:13:14.000 --> 00:13:21.600
jede schlechte Nachricht eben stellt ganz grundsätzlich immer die gute Absicht infrage dieser neuen Übergangsregierung.

00:13:22.000 --> 00:13:24.600
Also, möchte Ahmed al-Scharaa das eigentlich richtig machen und kann es nur nicht?

00:13:25.000 --> 00:13:28.600
Oder ist er eben jemand, der in Wirklichkeit gar nicht an einer Demokratie interessiert ist?

00:13:29.000 --> 00:13:34.600
Sarah Zerback: Und inwieweit grenzt er sich auch von zum Beispiel der Terrororganisation Islamischer Staat ab,

00:13:35.000 --> 00:13:37.600
die ja wahnsinnig stark war als Akteur im Land,

00:13:38.000 --> 00:13:41.600
bevor dann territoriale Verluste den IS geschwächt haben?

00:13:42.000 --> 00:13:45.600
Trotzdem heißt es ja, sollen sich auch da immer noch Mitglieder im Land aufhalten.

00:13:46.000 --> 00:13:50.600
Was würden Sie sagen, welche Gefahr geht von dem IS in Syrien heute noch aus?

00:13:51.000 --> 00:13:54.600
Kristin Helberg: Zunächst mal ist es ein Missverständnis zu glauben, dass Ahmed al-Scharaa Teil des IS war.

00:13:55.000 --> 00:13:58.600
Ahmed al-Scharaa ist in den Irak gegangen in den 2000er Jahren,

00:13:59.000 --> 00:14:00.600
hat sich dort Al-Qaida im Irak angeschlossen.

00:14:01.000 --> 00:14:02.600
Das ist richtig, er war fünf Jahre in Haft.

00:14:03.000 --> 00:14:06.600
Er hat sich auch 2016 dann distanziert von Al-Qaida,

00:14:07.000 --> 00:14:08.600
also gebrochen mit diesem internationalen Dschihadismus,

00:14:09.000 --> 00:14:12.600
weil sein Ziel eigentlich der Sturz des Assad-Regimes war,

00:14:13.000 --> 00:14:13.600
die Befreiung seiner Heimat Syrien.

00:14:14.000 --> 00:14:17.600
Der IS ist nicht verschwunden, der ist nach wie vor präsent,

00:14:18.000 --> 00:14:22.600
vor allem im Nordosten des Landes, mehrere tausend bewaffnete Männer, die dort im Untergrund agieren.

00:14:23.000 --> 00:14:28.600
Und wir haben etwa 8000 männliche, ehemalige Kämpfer oder Mitglieder des IS,

00:14:29.000 --> 00:14:34.600
die in Gefängnissen dort sitzen und die dann wiederum auch,

00:14:35.000 --> 00:14:35.600
also die müssen natürlich bewacht werden,

00:14:36.000 --> 00:14:39.600
das passiert mit Unterstützung der US-amerikanischen Truppen,

00:14:40.000 --> 00:14:42.600
die Hauptverantwortlichen sind die syrischen demokratischen Kräfte.

00:14:43.000 --> 00:14:44.600
Das ist die SDF.

00:14:45.000 --> 00:14:49.600
Das sind die Truppen im Nordosten, also in diesem von den Kurden verwalteten Gebiet.

00:14:50.000 --> 00:14:56.600
Und das große weitere Problem, das Erbe des IS sind nicht nur Kämpfer, sondern auch Angehörige.

00:14:57.000 --> 00:15:01.600
Also Frauen und Kinder, 38.000 sind es etwa noch,

00:15:02.000 --> 00:15:05.600
die in zwei großen Lagern vor sich hin überleben,

00:15:06.000 --> 00:15:07.600
nämlich in El Hol und in Roj.

00:15:08.000 --> 00:15:11.600
Ich habe eines davon, Roj, auch selbst besucht.

00:15:12.000 --> 00:15:15.600
Und da sind eben noch mehr als 8000 ausländische Frauen und Kinder.

00:15:16.000 --> 00:15:20.600
Das sind diejenigen, um die wir, sage ich jetzt mal, also der Rest der Welt, sich eigentlich kümmern musste.

00:15:21.000 --> 00:15:23.600
Und das passiert natürlich viel zu wenig.

00:15:24.000 --> 00:15:27.600
Also die Resozialisierung, die Versorgung, eigentlich auch die,

00:15:28.000 --> 00:15:31.600
naja diese Frauen müssen ja auch mal angeklagt werden oder vor Gericht gestellt werden,

00:15:32.000 --> 00:15:32.600
wenn sie Verbrechen begangen haben

00:15:33.000 --> 00:15:36.600
und wenn sie die nicht begangen haben, darf man sie nicht festhalten seit sechs Jahren.

00:15:37.000 --> 00:15:39.600
Das Ende des Kalifatstaats war 2019.

00:15:40.000 --> 00:15:43.600
Sechs Jahre in einem Camp unter katastrophalen Bedingungen mit Kindern,

00:15:44.000 --> 00:15:45.600
die jetzt von kleinen Kindern zu Teenagern geworden sind

00:15:46.000 --> 00:15:50.600
und die wieder rekrutiert werden vom IS in diesen Camp El Hol zum Beispiel.

00:15:51.000 --> 00:15:53.600
Also, das wird häufig beschrieben als tickende Zeitbombe.

00:15:54.000 --> 00:15:57.600
Ich weigere mich diesen Begriff zu verwenden, weil es geht am Ende Menschen.

00:15:58.000 --> 00:16:00.600
Aber die Frage, wie man verhindern kann, dass der IS wieder erstarkt,

00:16:01.000 --> 00:16:04.600
dass er also genau rekrutiert unter Frauen und auch Jugendlichen,

00:16:05.000 --> 00:16:06.600
die dafür auch wieder ansprechbar sind, wie rette ich die Frauen,

00:16:07.000 --> 00:16:10.600
die gar nichts mehr mit dem IS zu tun haben aus diesen Camps?

00:16:11.000 --> 00:16:11.600
Eine riesige Aufgabe.

00:16:12.000 --> 00:16:14.600
Sarah Zerback: Auf welchem Stand sind wir denn jetzt ein Jahr danach,

00:16:15.000 --> 00:16:18.600
also eben die wichtige juristische Aufarbeitung anzustoßen in einem Land,

00:16:19.000 --> 00:16:22.600
das ja, wie Sie eindrücklich beschreiben, noch an vielen anderen Fronten

00:16:23.000 --> 00:16:25.600
und mit ganz vielen anderen Problemen zu kämpfen hat?

00:16:26.000 --> 00:16:29.600
Kristin Helberg: Also, die juristische Aufarbeitung der Verbrechen, die in Syrien passiert sind,

00:16:30.000 --> 00:16:32.600
ist ganz grundlegend für alle anderen Themen.

00:16:33.000 --> 00:16:36.600
Und es ist wahrscheinlich auch die größte Herausforderung für die Zukunft Syriens,

00:16:37.000 --> 00:16:38.600
ist die Aufarbeitung der Vergangenheit.

00:16:39.000 --> 00:16:41.600
Weil wir eben nicht nur mit diesen 14 Jahren Krieg zu tun haben,

00:16:42.000 --> 00:16:44.600
sondern mit Jahrzehnten eines Unrechtsregimes.

00:16:45.000 --> 00:16:49.600
Und zum jetzigen Zeitpunkt ist nicht erkennbar,

00:16:50.000 --> 00:16:52.600
dass irgendjemand Verantwortung übernommen hätte in irgendeiner Weise.

00:16:53.000 --> 00:16:56.600
Also wir haben noch immer mehr als 100.000 Verschwundene zum Beispiel,

00:16:57.000 --> 00:16:58.600
von denen die Angehörigen nicht wissen, wo sie sind.

00:16:59.000 --> 00:17:00.600
Das betrifft tatsächlich fast jede Familie in Syrien,

00:17:01.000 --> 00:17:04.600
die jemanden verloren hat in den letzten Jahren oder jemand, der verhaftet wurde.

00:17:05.000 --> 00:17:09.600
Das heißt, dass der Bedarf an Übergangsjustiz, also die Notwendigkeit,

00:17:10.000 --> 00:17:12.600
das aufzuarbeiten, hat diese neue Führung schon erkannt.

00:17:13.000 --> 00:17:15.600
Sie hat im Mai eine Übergangsjustiz-Kommission eingerichtet

00:17:16.000 --> 00:17:17.600
und eine Kommission für Verschwundene.

00:17:18.000 --> 00:17:22.600
Die große Herausforderung ist, wie ich die ganze Expertise,

00:17:23.000 --> 00:17:27.600
die in diesem Bereich schon existiert, bei syrischen Nichtregierungsorganisationen,

00:17:28.000 --> 00:17:30.600
bei internationalen NGOs und bei den Vereinten Nationen,

00:17:31.000 --> 00:17:33.600
die seit vielen Jahren Dokumente sammeln, Beweise sammeln,

00:17:34.000 --> 00:17:37.600
die zusammenführen, die Prozesse vorbereitet haben,

00:17:38.000 --> 00:17:42.600
Deutschland hat schon Prozesse geführt gegen die systematische Folter des Assad-Regimes,

00:17:43.000 --> 00:17:45.600
der Prozess in Koblenz, der berühmte El-Hatib-Prozess,

00:17:46.000 --> 00:17:48.600
wo zwei Vertreter des Sicherheitsapparates verurteilt wurden.

00:17:49.000 --> 00:17:50.600
Also, wir haben echte Experten in Deutschland

00:17:51.000 --> 00:17:54.600
bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe für Staatsfolter in Syrien.

00:17:55.000 --> 00:17:59.600
All diese Vorarbeit, all diese wichtigen Erkenntnisse müssen jetzt eigentlich zusammengeführt werden,

00:18:00.000 --> 00:18:05.600
koordiniert werden in Damaskus, um dann Vertreter dieses alten Regimes vor Gericht zu stellen,

00:18:06.000 --> 00:18:11.600
um aber natürlich eigentlich auch die Gewalt aller bewaffneten Gruppen auch vor Gericht zu bringen.

00:18:12.000 --> 00:18:14.600
Also auch von HTS, Haiʾat Tahrir asch-Scham,

00:18:15.000 --> 00:18:18.600
also jener Miliz, die Ahmed al-Scharaa selbst angeführt hat in Idlib,

00:18:19.000 --> 00:18:20.600
die auch Verbrechen begangen haben und viele andere,

00:18:21.000 --> 00:18:23.600
unter anderem der sogenannte IS, Islamische Staat.

00:18:24.000 --> 00:18:26.600
Also das ist natürlich noch gar nicht wirklich in Gang gekommen.

00:18:27.000 --> 00:18:29.600
Und solange die Menschen nicht das Gefühl haben,

00:18:30.000 --> 00:18:32.600
es wird irgendjemand dafür zur Rechenschaft gezogen

00:18:33.000 --> 00:18:36.600
und dann ein Gefühl von Gerechtigkeit haben, ein Mindestmaß an Gerechtigkeit,

00:18:37.000 --> 00:18:38.600
solange können die Menschen sich auch nicht aussöhnen,

00:18:39.000 --> 00:18:42.600
weil sie jeden Tag durch Syrien laufen und immer noch einen ehemaligen Geheimdienstoffizier treffen oder hören,

00:18:43.000 --> 00:18:44.600
ach, der ist wieder da, hast du den gesehen,

00:18:45.000 --> 00:18:47.600
der ist verantwortlich für die Verhaftung jenes Nachbarn.

00:18:48.000 --> 00:18:51.600
Also, das ist ja eine Dauerpräsenz eben auch dieses Unrechts um die Menschen herum.

00:18:52.000 --> 00:18:53.600
Sarah Zerback: Jetzt hat sich ja der Übergangspräsident al-Sharaa

00:18:54.000 --> 00:18:57.600
von diesem früheren Al-Qaida-Zweig distanziert

00:18:58.000 --> 00:19:03.600
und hat dafür auch international ziemlich viel Vorschussvertrauen bekommen.

00:19:04.000 --> 00:19:07.600
Jetzt, ein Jahr danach, würden Sie sagen, er hat sich das auch verdient?

00:19:08.000 --> 00:19:12.600
Also ist er moderat geworden, ist er dabei, das Land zu öffnen

00:19:13.000 --> 00:19:14.600
und möglichst viele Gruppen, wie sie es beschreiben, wo es notwendig ist,

00:19:15.000 --> 00:19:17.600
in diesen neuen Staatsaufbau zu integrieren.

00:19:18.000 --> 00:19:20.600
Kristin Helberg: Also distanziert von Al-Qaida hat er sich 2016 schon.

00:19:21.000 --> 00:19:25.600
Er hat ja dann dieses Salvation Government in Idlib aufgebaut,

00:19:26.000 --> 00:19:30.600
also eine Heilsregierung und hat dort eben schon mal im Kleinen ein Gebiet regiert.

00:19:31.000 --> 00:19:33.600
Es ist wichtig, sich noch mal vielleicht einmal anzugucken,

00:19:34.000 --> 00:19:35.600
wer ist eigentlich Ahmad al-Scharaa, wo kommt er her,

00:19:36.000 --> 00:19:38.600
weil er wird hier häufig nur so als der geläuterte Dschihadist wahrgenommen,

00:19:39.000 --> 00:19:41.600
aber er hat natürlich eine Vorgeschichte, er hat ja auch eine Kindheit gehabt,

00:19:42.000 --> 00:19:46.600
die hat er im Übrigen in Damaskus verbracht, im Stadtteil Mese, wo viele Botschaften stehen.

00:19:47.000 --> 00:19:49.600
Also, das ist so gehobener Mittelstand, würde ich sagen.

00:19:50.000 --> 00:19:50.600
Seine Nachbarn waren unter anderem Christen.

00:19:51.000 --> 00:19:53.600
Er ist also mit christlichen Nachbarskindern aufgewachsen.

00:19:54.000 --> 00:19:59.600
Sein Vater ist Wirtschaftswissenschaftler und Pan-Arabist, überzeugter Pan-Arabist gewesen, die Mutter Lehrerin.

00:20:00.000 --> 00:20:01.600
Also, ein ziemlich bürgerlicher Haushalt.

00:20:02.000 --> 00:20:04.600
Er hat sich dann als junger Mann, er hat Kommunikationswissenschaften studiert,

00:20:05.000 --> 00:20:08.600
hat sich dann dem Islamismus zugewendet in den 2000er Jahren.

00:20:09.000 --> 00:20:11.600
Das ist genau die Zeit, in der ich sieben Jahre in Syrien gelebt habe.

00:20:12.000 --> 00:20:14.600
Und ich erinnere mich daran, wie damals viele junge Männer

00:20:15.000 --> 00:20:17.600
sich ja diesem Kampf im Irak angeschlossen haben gegen die Amerikaner.

00:20:18.000 --> 00:20:21.600
Aus einem Gefühl von Ungerechtigkeit, weil man den Eindruck hatte,

00:20:22.000 --> 00:20:25.600
die imperialistischen Amerikaner, die haben Saddam Hussein gestürzt, alles gut,

00:20:26.000 --> 00:20:27.600
aber jetzt besetzen sie hier irgendwie unser Land.

00:20:28.000 --> 00:20:31.600
Also das war wahrscheinlich eine der Motivationen von Ahmed al-Scharaa,

00:20:32.000 --> 00:20:32.600
sich anzuschließen den jungen Männern,

00:20:33.000 --> 00:20:36.600
die damals vor der irakischen Botschaft in Damaskus in Busse gestiegen sind,

00:20:37.000 --> 00:20:39.600
um als freiwillige Kämpfer in den Irak gebracht zu werden.

00:20:40.000 --> 00:20:41.600
Dort war er wie gesagt fünf Jahre inhaftiert.

00:20:42.000 --> 00:20:44.600
Er kam zurück, hat sich dann von diesem Islamismus-Gedanken,

00:20:45.000 --> 00:20:47.600
also er ist nach wie vor natürlich vom politischen Islam überzeugt,

00:20:48.000 --> 00:20:53.600
das denke ich auch, er ist ein konservativer, pietistischer Vertreter, Sunnit.

00:20:54.000 --> 00:20:55.600
Aber diese dschihadistische Idee hat er dann wie gesagt abgelegt

00:20:56.000 --> 00:20:57.600
und wurde dann ein nationaler Führer.

00:20:58.000 --> 00:21:02.600
Also der Nationalismus, der wahnsinnig ausgeprägt ist in Syrien, arabischer Nationalismus vor allem,

00:21:03.000 --> 00:21:06.600
das sind so die drei Ideologien, die er verkörpert,

00:21:07.000 --> 00:21:13.600
die sehr typisch sind für Syrien: Pan-Arabismus, Islamismus, Nationalismus.

00:21:14.000 --> 00:21:16.600
Das sind aber natürlich drei Ideologien, die überhaupt nicht geeignet sind,

00:21:17.000 --> 00:21:19.600
aus Syrien eine pluralistische Demokratie zu machen.

00:21:20.000 --> 00:21:24.600
Also einerseits repräsentiert er genau das ideologisch, was die meisten Syrer in sich tragen,

00:21:25.000 --> 00:21:28.600
andererseits ist es aber leider nicht das, was Syrien eigentlich bräuchte gerade.

00:21:29.000 --> 00:21:33.600
Die Frage, ob er wirklich interessiert ist an Demokratie und an der Einbeziehung aller,

00:21:34.000 --> 00:21:36.600
wird sich in den nächsten Jahren erst zeigen.

00:21:37.000 --> 00:21:38.600
Sarah Zerback: Vielleicht gab es einen ersten Stimmungstest ja im Oktober,

00:21:39.000 --> 00:21:42.600
als zum ersten Mal dann ein Parlament gewählt wurde.

00:21:43.000 --> 00:21:45.600
Wie demokratisch und frei lief das denn ab?

00:21:46.000 --> 00:21:48.600
Kristin Helberg: Das war keine demokratische Wahl, und das hat auch keiner behauptet.

00:21:49.000 --> 00:21:51.600
Das ist eben der westliche Blick auf Syrien zu sagen, so,

00:21:52.000 --> 00:21:54.600
zack zack, zehn Monate nach dem Ende eines Regimes,

00:21:55.000 --> 00:21:59.600
wo ist denn hier die Demokratie mit Rechten für Homosexuelle und einer Frauenquote?

00:22:00.000 --> 00:22:01.600
Und es tut mir leid, aber ich muss einmal noch mal erwähnen,

00:22:02.000 --> 00:22:08.600
wie lange das in Europa gedauert hat von der französischen Revolution zur Einführung des Frauenwahlrechts in Frankreich.

00:22:09.000 --> 00:22:10.600
155 Jahre.

00:22:11.000 --> 00:22:11.600
Das hat ewig gedauert.

00:22:12.000 --> 00:22:15.600
Als ich geboren wurde, musste meine Mutter sich noch die Erlaubnis holen meines Vaters,

00:22:16.000 --> 00:22:17.600
hätte sie irgendwie ein Konto eröffnen wollen alleine.

00:22:18.000 --> 00:22:19.600
Also das ist alles nicht so lange her.

00:22:20.000 --> 00:22:26.600
Also ein bisschen mehr realistischer Blick und ein bisschen mehr auch eigene vielleicht noch mal Selbstreflexion

00:22:27.000 --> 00:22:31.600
und Bescheidenheit in der Beurteilung von solchen Übergangsprozessen wäre angebracht.

00:22:32.000 --> 00:22:33.600
Was nicht heißen soll, dass man das nicht einfordern soll

00:22:34.000 --> 00:22:36.600
oder kritisch begleiten soll oder beobachten soll.

00:22:37.000 --> 00:22:40.600
Diese Wahlen, die im Oktober stattgefunden haben, waren keine demokratischen Wahlen.

00:22:41.000 --> 00:22:43.600
Das war eine indirekte Bestimmung von Parlamentsabgeordneten.

00:22:44.000 --> 00:22:47.600
Zwei Drittel über Wahlgremien, Wahlleute vor Ort,

00:22:48.000 --> 00:22:52.600
die wiederum Ahmed al-Scharaa auch über mehrere Instanzen ernannt hatte.

00:22:53.000 --> 00:22:55.600
Deswegen ist es natürlich ein Parlament, das loyal ist,

00:22:56.000 --> 00:22:57.600
aber dennoch kann es auch Dinge diskutieren.

00:22:58.000 --> 00:23:01.600
Und offensichtlich war es wichtig, eine Legislative zu haben,

00:23:02.000 --> 00:23:03.600
weil er will ja nicht per Dekret regieren.

00:23:04.000 --> 00:23:05.600
Deswegen hat er gesagt, okay, wir machen ein Parlament,

00:23:06.000 --> 00:23:08.600
wir bestimmen das indirekt durch diese Wahlleute.

00:23:09.000 --> 00:23:12.600
Demokratische Wahlen kann man gar nicht abhalten zum jetzigen Zeitpunkt,

00:23:13.000 --> 00:23:16.600
weil ja noch nicht mal klar ist, wer lebt eigentlich in Syrien?

00:23:17.000 --> 00:23:17.600
Wir haben kein Wahlregister, wir haben nicht mal einen Zensus,

00:23:18.000 --> 00:23:20.600
wir wissen gar nicht, wie viele Menschen wo leben.

00:23:21.000 --> 00:23:24.600
Also, es ist völlig unrealistisch, demokratische Wahlen abzuhalten zum jetzigen Zeitpunkt.

00:23:25.000 --> 00:23:27.600
Ein Drittel dieser Abgeordneten ernennt er selbst.

00:23:28.000 --> 00:23:30.600
Das ist eben auch die Gelegenheit, das ein bisschen auszugleichen,

00:23:31.000 --> 00:23:34.600
was da jetzt so frustrierend gelaufen ist oder so ungenügend war,

00:23:35.000 --> 00:23:36.600
nämlich, dass ganz wenig Frauen nur gewählt wurden,

00:23:37.000 --> 00:23:38.600
obwohl 20 Prozent eigentlich Frauen sein sollten.

00:23:39.000 --> 00:23:40.600
Es waren, glaube ich, am Ende nur zwei oder drei Prozent.

00:23:41.000 --> 00:23:44.600
Es sind auch sehr wenig Vertreter von Minderheiten gewählt wurden über dieses System.

00:23:45.000 --> 00:23:47.600
Also da kann er mit seinem einen Drittel noch etwas gegenhalten

00:23:48.000 --> 00:23:50.600
und da jetzt eben noch andere Leute ins Parlament bringen.

00:23:51.000 --> 00:23:53.600
Aber es geht darum, dass wir in einem Übergangsprozess sind.

00:23:54.000 --> 00:23:59.600
Die Kernfrage ist, glaube ich daran, dass er das Land in Richtung mehr Mitbestimmung,

00:24:00.000 --> 00:24:04.600
Einbeziehung aller und Demokratie führt oder glaube ich daran nicht?

00:24:05.000 --> 00:24:08.600
Und vor dieser Frage stehen alle Syrerinnen und Syrer, auch zivilgesellschaftliche Gruppen,

00:24:09.000 --> 00:24:12.600
die das stark kritisieren, die sagen, okay, ich lehne das total ab,

00:24:13.000 --> 00:24:16.600
das ist ein Islamist, der will die Diktatur, dann ist nämlich die Frage, was mache ich denn jetzt?

00:24:17.000 --> 00:24:20.600
Bekämpfe ich das jetzt wieder aktiv oder gehe ich ins Ausland, verlasse ich das Land wieder?

00:24:21.000 --> 00:24:24.600
Und da ist eben die große Einigkeit unter den Syrern,

00:24:25.000 --> 00:24:26.600
also wie ich, das ist einer der wenigen Punkte, glaube ich,

00:24:27.000 --> 00:24:27.600
wo die Menschen sich schon einig sind, ist,

00:24:28.000 --> 00:24:32.600
dass sie auf keinen Fall zurück wollen zu Gewalt und zum Bekämpfen und zu diesen internen Kämpfen.

00:24:33.000 --> 00:24:35.600
Und das wollen die Syrer nicht im Land und das wollen die Nachbarländer nicht

00:24:36.000 --> 00:24:39.600
und das will vor allem auch Europa, die internationale Gemeinschaft, nicht.

00:24:40.000 --> 00:24:43.600
Deutschland, die Bundesregierung sagt ganz klar, dieser Übergangsprozess soll geschützt werden.

00:24:44.000 --> 00:24:47.600
Wir wollen ihn erhalten, dieser Übergang muss irgendwie das Land stabilisieren

00:24:48.000 --> 00:24:52.600
und deswegen hat Ahmed al-Scharaa vor allem Vertrauen gewonnen im Ausland.

00:24:53.000 --> 00:25:00.600
Viel mehr eben als im Land, weil er im Land eben durch die genannten Gewaltereignisse da auch sehr viel Vertrauen verloren hat.

00:25:01.000 --> 00:25:03.600
Sarah Zerback: Wenn wir jetzt mal darauf blicken, wie das Land zusammenwachsen kann.

00:25:04.000 --> 00:25:07.600
Was würden Sie sagen, was muss passieren,

00:25:08.000 --> 00:25:10.600
damit eben diese ganzen unterschiedlichen Minderheiten im Land,

00:25:11.000 --> 00:25:18.600
Alawiten, Christen zusammenfinden und auch so eine Art von nationaler gemeinsamer Identität entwickeln können?

00:25:19.000 --> 00:25:22.600
Kristin Helberg: Das ist eine große Frage, mit der sehr viele Syrerinnen und Syrer,

00:25:23.000 --> 00:25:25.600
die im Exil leben, sich seit vielen Jahren beschäftigen.

00:25:26.000 --> 00:25:26.600
Wer sind wir eigentlich?

00:25:27.000 --> 00:25:28.600
Was ist eine syrische Identität?

00:25:29.000 --> 00:25:32.600
Die war über Jahrzehnte ja vor allem arabisch dominiert,

00:25:33.000 --> 00:25:34.600
also durch den arabischen Nationalismus.

00:25:35.000 --> 00:25:35.600
Das hat die Kurden ausgeschlossen.

00:25:36.000 --> 00:25:40.600
Dadurch waren dann unter Assad eben formell alle Christen, Alawiten, Sunniten,

00:25:41.000 --> 00:25:43.600
waren ja Hauptsache Araber und deswegen irgendwie Syrer.

00:25:44.000 --> 00:25:46.600
Das kann kein Konzept sein für die Zukunft,

00:25:47.000 --> 00:25:51.600
sondern im Grunde müsste sich eine syrische Identität eben unabhängig von ethnischer

00:25:52.000 --> 00:25:55.600
oder konfessioneller religiöser Zugehörigkeit herausbilden.

00:25:56.000 --> 00:25:57.600
Was extrem schwierig ist vor dem Hintergrund,

00:25:58.000 --> 00:26:02.600
dass der Konflikt zuletzt eben der Krieg auch so verlaufen ist entlang dieser Linien

00:26:03.000 --> 00:26:06.600
und jetzt auch die tiefsten Gräben bis heute verlaufen zwischen Arabern und Kurden,

00:26:07.000 --> 00:26:09.600
würde ich sagen, und zwischen Alawiten und Sunniten.

00:26:10.000 --> 00:26:14.600
Das sind so die tiefsten Gräben und ohne Aufarbeitung wird es nicht gelingen.

00:26:15.000 --> 00:26:17.600
Ohne diese Aufarbeitung kann man sich nicht aussöhnen,

00:26:18.000 --> 00:26:19.600
kann die Gesellschaft nicht wieder zusammenwachsen.

00:26:20.000 --> 00:26:25.600
Und der erste wichtige Schritt ist, dem anderen zuzuhören,

00:26:26.000 --> 00:26:31.600
in andere Gebiete zu fahren, zu verstehen, wie waren eigentlich die letzten 14 Jahre in Kamischli,

00:26:32.000 --> 00:26:33.600
also im Nordosten des Landes?

00:26:34.000 --> 00:26:35.600
Was haben eigentlich Leute in Idlib erlebt?

00:26:36.000 --> 00:26:38.600
Was ist eigentlich passiert mit den Geflüchteten aus den Vororten von Damaskus?

00:26:39.000 --> 00:26:41.600
Wie war das eigentlich in Sueida?

00:26:42.000 --> 00:26:43.600
Wie haben die Drusen irgendwie diese 14 Jahre überstanden?

00:26:44.000 --> 00:26:49.600
Da sehe ich ganz wenig Wissen bei Menschen und auch wenig Bereitschaft,

00:26:50.000 --> 00:26:52.600
sich das überhaupt anzuhören und einfach nur mal anzuerkennen,

00:26:53.000 --> 00:26:55.600
wie schlimm das auch für andere anderswo war.

00:26:56.000 --> 00:26:59.600
Also einfach mal zu sagen, es tut mir wirklich leid, was mit euch in Homs passiert ist.

00:27:00.000 --> 00:27:02.600
Oder es tut mir wirklich, unabhängig davon, dass ich dafür keine Verantwortung trage

00:27:03.000 --> 00:27:04.600
und ich nicht persönlich schuld daran bin.

00:27:05.000 --> 00:27:08.600
Also, das sind so ganz wichtige, glaube ich, erste Schritte.

00:27:09.000 --> 00:27:11.600
Das Gute an Syrien ist immer, dass immer dann, wenn man denkt, oh Gott,

00:27:12.000 --> 00:27:15.600
die Herausforderungen sind so riesig, wie soll ein Land das jemals schaffen,

00:27:16.000 --> 00:27:20.600
dass man dann Menschen trifft, die schon angefangen haben, genau das zu bearbeiten.

00:27:21.000 --> 00:27:24.600
Nämlich Syrerinnen und Syrer, die eigentlich Experten sind für genau diese Themen.

00:27:25.000 --> 00:27:27.600
Es gibt syrische Experten für die Dokumentation von Verbrechen,

00:27:28.000 --> 00:27:31.600
für die Aufarbeitung von Verbrechen, für die Suche nach Vermissten.

00:27:32.000 --> 00:27:33.600
Es gibt syrische Experten für Übergangsjustiz.

00:27:34.000 --> 00:27:39.600
Es gibt syrische Experten für Housing, Land and Property Rights, also Eigentumsrechte.

00:27:40.000 --> 00:27:41.600
Riesiges Thema angesichts der Vertreibung.

00:27:42.000 --> 00:27:42.600
Hälfte der Bevölkerung vertrieben.

00:27:43.000 --> 00:27:44.600
Wer kehrt zurück in welches Haus?

00:27:45.000 --> 00:27:45.600
Wer wohnt da jetzt drin?

00:27:46.000 --> 00:27:47.600
Wo wurde die Person vertrieben?

00:27:48.000 --> 00:27:48.600
Hat die noch ein Haus?

00:27:49.000 --> 00:27:49.600
Kann die das beweisen?

00:27:50.000 --> 00:27:50.600
Ein Riesenthema.

00:27:51.000 --> 00:27:54.600
Auch da gibt es syrische NGOs, die sich spezialisiert haben seit Jahren auf dieses Thema.

00:27:55.000 --> 00:27:57.600
Also, wir haben für jedes Thema, ob Gesundheit, Bildung,

00:27:58.000 --> 00:28:00.600
wir haben Syrerinnen und Syrer, die sich damit auskennen.

00:28:01.000 --> 00:28:02.600
Sie müssen jetzt nur in Damaskus gehört werden

00:28:03.000 --> 00:28:07.600
und ins Land kommen und das irgendwie nachhaltig wieder aufbauen können.

00:28:08.000 --> 00:28:09.600
Das ist sozusagen die gute Nachricht,

00:28:10.000 --> 00:28:13.600
wenn ich nach Homs fahre, gibt es da schon einen Workshop mit Frauen verschiedener Konfessionen,

00:28:14.000 --> 00:28:16.600
die sich zusammensetzen und darüber reden, was sie erlebt haben.

00:28:17.000 --> 00:28:20.600
Dann treffe ich einen Psychologen, der gerade schon Traumatherapie macht,

00:28:21.000 --> 00:28:24.600
dann gibt es Anwälte, die schon Workshops machen für ihre syrischen Kollegen

00:28:25.000 --> 00:28:27.600
über internationales Völkerrecht und überhaupt juristische Prinzipien.

00:28:28.000 --> 00:28:32.600
Also, es ist ganz viel im Gang, aber die Herausforderungen sind so groß,

00:28:33.000 --> 00:28:36.600
dass man eben häufig auch zweifelt, ob das überhaupt gelingen kann.

00:28:37.000 --> 00:28:40.600
Und ich würde nicht sagen, dass das schon feststeht, dass der Übergang gelingt.

00:28:41.000 --> 00:28:42.600
Wir wissen nicht, wohin das führt.

00:28:43.000 --> 00:28:46.600
Und in jedem Fall hat Syrien jede Unterstützung dafür verdient,

00:28:47.000 --> 00:28:50.600
würde ich sagen, vor allem dadurch, dass man auch eine kluge,

00:28:51.000 --> 00:28:56.600
aufenthaltsrechtliche Politik macht und Syrerinnen und Syrer aus dem Exil ermächtigt und befähigt

00:28:57.000 --> 00:28:58.600
und es ihnen ermöglicht, ihr Land wieder aufzubauen,

00:28:59.000 --> 00:29:02.600
ohne sie deswegen auf Nimmerwiedersehen zurückzuschicken in ihre Heimat.

00:29:03.000 --> 00:29:03.600
Das ist der falsche Weg.

00:29:04.000 --> 00:29:04.600
Sarah Zerback: Kristin Helberg, danke schön.

00:29:05.000 --> 00:29:06.600
Kristin Hellberg: Sehr gerne, vielen Dank.

00:29:07.000 --> 00:29:08.600
*Musik*

00:29:09.000 --> 00:29:13.600
Sarah Zerback: Der Machtwechsel in Syrien hat nicht nur die Situation im Land grundlegend verändert,

00:29:14.000 --> 00:29:19.600
der Sturz Assads sorgt auch dafür, dass sich die Gleichgewichte und Beziehungen in der ganzen Region verändern.

00:29:20.000 --> 00:29:23.600
Das erklärt der Islamwissenschaftler Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

00:29:24.000 --> 00:29:28.600
Er sagt: Es gibt in der Region nach dem Sturz Assads Gewinner und Verlierer.

00:29:29.000 --> 00:29:33.600
Die Türkei zum Beispiel profitiert ganz klar von der Machtübernahme durch die HTS.

00:29:34.000 --> 00:29:40.600
Guido Steinberg: Die Türkei ist seit spätestens 2017 der große Patron der HTS,

00:29:41.000 --> 00:29:45.600
also des Befreiungskomitees Syriens,

00:29:46.000 --> 00:29:50.600
das im Dezember 2024 die Macht in Damaskus übernommen hat.

00:29:51.000 --> 00:29:55.600
Diese Gruppierung hat vorher ein kleines Gebiet in der Provinz Idlib

00:29:56.000 --> 00:29:58.600
im Nordwesten des Landes beherrscht.

00:29:59.000 --> 00:30:02.600
Und dieses Gebiet wurde von türkischen Truppen vor dem Militär des Assad-Regimes

00:30:03.000 --> 00:30:06.600
und seiner Verbündeten geschützt.

00:30:07.000 --> 00:30:12.600
Und jetzt ist natürlich der Sieg eines solchen Verbündeten in Damaskus

00:30:13.000 --> 00:30:16.600
auch ein Sieg Ankaras und ist auch mit der Hoffnung verbunden,

00:30:17.000 --> 00:30:22.600
dass Ankara die große Schutzmacht Syriens werden bzw. bleiben wird.

00:30:23.000 --> 00:30:25.600
Sarah Zerback: Um Syrien nicht komplett dem türkischen Einfluss zu überlassen,

00:30:26.000 --> 00:30:29.600
hat sich eine weitere Regionalmacht ins Spiel gebracht: Saudi-Arabien.

00:30:30.000 --> 00:30:33.600
Guido Steinberg: Saudi-Arabien hat jetzt auf diese neue Situation in Syrien reagiert,

00:30:34.000 --> 00:30:40.600
indem es sehr großzügige Kooperationsangebote an die HTS,

00:30:41.000 --> 00:30:45.600
an Damaskus gemacht hat, mit dem offenkundigen Zweck, zu verhindern,

00:30:46.000 --> 00:30:49.600
dass da ein vollkommen von der Türkei abhängiger Staat entsteht.

00:30:50.000 --> 00:30:54.600
Und die neue Führung in Damaskus ist auf diese Avancen eingegangen,

00:30:55.000 --> 00:30:59.600
weil natürlich auch Damaskus nicht vollkommen von der Türkei abhängig sein will.

00:31:00.000 --> 00:31:07.600
Syrien unter dem neuen Präsidenten al-Scharaa will ganz schlicht kein türkischer Satellitenstaat werden.

00:31:08.000 --> 00:31:13.600
Dazu braucht es neue Verbündete, die Unterstützung von Staaten aus der Region.

00:31:14.000 --> 00:31:15.600
Und da ist Saudi-Arabien natürlich besonders wichtig,

00:31:16.000 --> 00:31:20.600
weil es nun einmal die größte Volkswirtschaft der arabischen Welt ist

00:31:21.000 --> 00:31:24.600
und darüber hinaus die arabische Regionalmacht überhaupt.

00:31:25.000 --> 00:31:28.600
Sarah Zerback: Mit dem Machtwechsel in Syrien änderten sich auch die Unterstützer des Landes,

00:31:29.000 --> 00:31:31.600
was Auswirkungen auf die ganze Region hat.

00:31:32.000 --> 00:31:36.600
Seit den 1980er Jahren war das Assad-Regime ein enger Verbündeter Irans.

00:31:37.000 --> 00:31:42.600
Und so wurde in Syrien zwischen 2011 und 2024 nicht nur ein Bürgerkrieg geführt,

00:31:43.000 --> 00:31:46.600
sondern auch regionale und überregionale Konflikte ausgefochten,

00:31:47.000 --> 00:31:49.600
zum Beispiel der zwischen Iran und Israel.

00:31:50.000 --> 00:31:52.600
In der ganzen Region unterstützt Iran anti-israelische Gruppierungen

00:31:53.000 --> 00:31:55.600
wie die Hisbollah im Libanon und die Hamas.

00:31:56.000 --> 00:32:01.600
Guido Steinberg: Iran hat sich bis letztes Jahr bemüht, in Syrien eine zweite Front aufzubauen.

00:32:02.000 --> 00:32:04.600
Eine zweite Front bedeutet:

00:32:05.000 --> 00:32:08.600
neben der ersten Front im Libanon, die von der Hisbollah gehalten wurde.

00:32:09.000 --> 00:32:13.600
Iran wollte Israel von Syrien aus vor allem mit Raketen,

00:32:14.000 --> 00:32:15.600
mit Drohnen, mit Marschflugkörpern bedrohen.

00:32:16.000 --> 00:32:20.600
Sarah Zerback: Dafür hat Iran viel Militärpräsenz in Syrien aufgebaut, mit Waffenfabriken und Checkpoints.

00:32:21.000 --> 00:32:27.600
Iran hat das Assad-Regime und schiitische Milizen, die auf Seiten Assads gekämpft haben, unterstützt.

00:32:28.000 --> 00:32:30.600
Dadurch wurde Syrien auch zu einer Verbindungsroute zur Hisbollah im Libanon.

00:32:31.000 --> 00:32:36.600
Guido Steinberg: Seit 2017 hat sich Israel gegen diesen Truppenaufmarsch der Iraner gewehrt,

00:32:37.000 --> 00:32:42.600
mit weit über 1000 Luftschlägen, schon in den ersten Jahren des Konflikts.

00:32:43.000 --> 00:32:49.600
Und diese Luftschläge die haben an Intensität noch einmal zugenommen im Verlauf des Jahres 2024.

00:32:50.000 --> 00:32:54.600
Weil nun einmal im Kontext des Gazakrieges die Israelis auch im Libanon,

00:32:55.000 --> 00:33:00.600
auch in Syrien, im Irak und später dann auch im Iran dagegen gehalten haben.

00:33:01.000 --> 00:33:03.600
Und das ist letzten Endes einer der Gründe dafür,

00:33:04.000 --> 00:33:05.600
warum das Assad-Regime zusammengebrochen ist.

00:33:06.000 --> 00:33:12.600
Der wichtige Verbündete Iran, die vielen schiitischen Milizen, die waren so stark geschwächt,

00:33:13.000 --> 00:33:16.600
dass sie sich der HTS nicht mehr entgegenstellen konnten.

00:33:17.000 --> 00:33:21.600
Sarah Zerback: Die Schwächung anderer Akteure in der Region um Syrien hat also indirekt dazu geführt,

00:33:22.000 --> 00:33:26.600
dass das Assad-Regime Unterstützung verloren hat und sein Sturz erst ermöglicht wurde.

00:33:27.000 --> 00:33:31.600
Aus der Sicht Israels sind die neuen Machthaber, die HTS, eine neue Bedrohung.

00:33:32.000 --> 00:33:35.600
Sofort nach dem Sturz des Assad-Regimes haben sie Syrien aus der Luft angegriffen

00:33:36.000 --> 00:33:38.600
und einen Großteil der militärischen Ausrüstung zerstört.

00:33:39.000 --> 00:33:42.600
Guido Steinberg: Die Israelis haben den Zusammenbruch des Assad-Regimes genutzt,

00:33:43.000 --> 00:33:48.600
um militärische Hardware zu zerstören, unter anderem um zu verhindern,

00:33:49.000 --> 00:33:56.600
dass Panzerwagen, vielleicht sogar Flugzeuge in die Hand der HTS gelangen.

00:33:57.000 --> 00:33:58.600
Also letzten Endes haben die Israelis versucht,

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eine fast vollständige Entwaffnung Syriens mit militärischer Gewalt durchzusetzen.

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Hinzu kommt, dass sie dann auch noch Gebiete im Süden des Landes eingenommen haben, Pufferzonen mit dem Argument,

00:34:12.000 --> 00:34:17.600
dass es sich ja bei der HTS um eine terroristische Organisation handelt und Israel sich schützen muss.

00:34:18.000 --> 00:34:20.600
Sarah Zerback: Der Sturz des Assad-Regimes hat also die Machtbeziehungen

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zwischen Syrien und seinen Nachbarländern neu sortiert.

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Wenn man über die regionalen Beziehungen hinausblickt,

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dann spielen auch andere Staaten eine wichtige Rolle,

00:34:29.000 --> 00:34:30.600
damit Syrien wieder stabil werden kann.

00:34:31.000 --> 00:34:33.600
Die syrische Wirtschaft lag zum Ende des Bürgerkriegs am Boden,

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vor allem durch die Wirtschaftssanktionen von EU, USA und den arabischen Staaten.

00:34:39.000 --> 00:34:41.600
Zugleich sind die Zerstörungen im Land immens,

00:34:42.000 --> 00:34:45.600
knapp zwei Drittel der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.

00:34:46.000 --> 00:34:48.600
Da werde die EU gebraucht, sagt Guido Steinberg:

00:34:49.000 --> 00:34:51.600
mit ihrem Know-How und mit ihrem Geld.

00:34:52.000 --> 00:34:56.600
Die EU hat Syrien im März Unterstützung von 2,5 Milliarden Euro zugesagt

00:34:57.000 --> 00:35:00.600
und im Mai beschlossen, alle Wirtschaftssanktionen gegen Syrien aufzuheben,

00:35:01.000 --> 00:35:02.600
damit dem Land ein Neustart ermöglicht wird.

00:35:03.000 --> 00:35:06.600
Guido Steinberg: Da ist die Europäische Union aufgrund ihrer geografischen Nähe,

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aufgrund ihres Reichtums natürlich ein ganz, ganz wichtiger Partner.

00:35:11.000 --> 00:35:17.600
Und auch die Europäer haben insgesamt sehr positiv reagiert, in etwas unterschiedlicher Form.

00:35:18.000 --> 00:35:24.600
Da gibt es Staaten, die wirklich mit ausgebreiteten Armen auf die Syrer losgelaufen sind, wie zum Beispiel Frankreich.

00:35:25.000 --> 00:35:28.600
Aber da gibt es dann eben auch Staaten wie Deutschland, die etwas vorsichtiger gewesen sind.

00:35:29.000 --> 00:35:34.600
Wir haben da auf der einen Seite die Außenministerin, das Außenministerium,

00:35:35.000 --> 00:35:38.600
die ja sofort Reisen organisiert haben, Sanktionen beendet haben

00:35:39.000 --> 00:35:43.600
und dann haben wir eher so unseren Sicherheitskomplex in der deutschen Politik,

00:35:44.000 --> 00:35:47.600
die vor allem aufgrund der Verbrechen der HTS nach der Machtübernahme

00:35:48.000 --> 00:35:52.600
dann die Entscheidung getroffen haben, da etwas vorsichtiger zu agieren.

00:35:53.000 --> 00:35:56.600
Vor allem haben sie eben die HTS auf der deutschen Terrorliste belassen,

00:35:57.000 --> 00:36:00.600
auch wenn sich an der Strafbarkeit ein bisschen was verändert hat.

00:36:01.000 --> 00:36:05.600
Sarah Zerback: Die USA haben die HTS von ihrer Liste ausländischer Terrororganisationen entfernt.

00:36:06.000 --> 00:36:10.600
Al-Scharaa war im November als erster syrischer Staatschef überhaupt im Weißen Haus zu Gast.

00:36:11.000 --> 00:36:13.600
Der syrische Übergangspräsident setzt sich dafür ein,

00:36:14.000 --> 00:36:16.600
gute Beziehungen zu vielen Ländern aufzubauen.

00:36:17.000 --> 00:36:20.600
Trotzdem dämpft Guido Steinberg zu hohe Erwartungen an die Zukunft Syriens,

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gerade mit Blick auf das Vorgehen der HTS gegen Minderheiten

00:36:24.000 --> 00:36:25.600
und die Biographie von Ahmed al-Scharaa.

00:36:26.000 --> 00:36:30.600
Guido Steinberg: Natürlich darf man akzeptieren, dass politische Akteure sich verändern.

00:36:31.000 --> 00:36:35.600
Man muss dem syrischen Präsidenten und seinen Leuten zugestehen,

00:36:36.000 --> 00:36:39.600
dass sie sich verändert haben im Laufe ihrer Karriere.

00:36:40.000 --> 00:36:45.600
Aber es sind immer noch islamistische Gewalttäter und arabische Chauvinisten,

00:36:46.000 --> 00:36:49.600
denen man mit einer gesunden Portion Misstrauen begegnen muss.

00:36:50.000 --> 00:36:53.600
Und man muss sich, glaube ich, auch in Europa darauf einstellen,

00:36:54.000 --> 00:37:00.600
dass da vielleicht ein Regime entsteht, das nicht ganz so schlimm ist wie das Assad-Regime,

00:37:01.000 --> 00:37:03.600
das aber auf einen Autoritarismus anderer Art setzt,

00:37:04.000 --> 00:37:08.600
der vielleicht auch nicht dem entspricht, was wir uns für Syrien so wünschen.

00:37:09.000 --> 00:37:12.600
*Musik*

00:37:13.000 --> 00:37:15.600
Sarah Zerback: Über 950.000 Menschen aus Syrien leben in Deutschland.

00:37:16.000 --> 00:37:20.600
Damit sind Syrerinnen und Syrer die drittgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe in Deutschland.

00:37:21.000 --> 00:37:24.600
Auch wer in Deutschland eingebürgert wird, behält die syrische Staatsbürgerschaft.

00:37:25.000 --> 00:37:29.600
Für diese Menschen hat sich die Situation seit dem Machtwechsel in Syrien grundlegend verändert,

00:37:30.000 --> 00:37:32.600
erklärt Menschenrechtsanwältin Nahla Osman.

00:37:33.000 --> 00:37:37.600
Nahla Osman: Zum einen wünschen sich natürlich die Menschen, nach Syrien zurückzukehren,

00:37:38.000 --> 00:37:43.600
sei es nur für einen Besuch, sei es, weil sie ihre Mutter 14 Jahre nicht gesehen haben oder ihr Eigentum

00:37:44.000 --> 00:37:48.600
oder weil sie wirklich sagen, okay, ich habe jetzt hier 14 Jahre gelebt,

00:37:49.000 --> 00:37:53.600
ich habe viel von Deutschland bekommen und ich möchte jetzt in Syrien meinen Dienst erweisen.

00:37:54.000 --> 00:37:56.600
Also das sind natürlich Dinge, wenn ich die deutsche Staatsbürgerschaft habe,

00:37:57.000 --> 00:37:58.600
dann kann ich mir das auch erlauben.

00:37:59.000 --> 00:38:01.600
Dann kann ich sagen, okay, ich gehe jetzt dahin und schaue,

00:38:02.000 --> 00:38:05.600
ob ich dort Fuß fassen kann oder ob ich dort Unterstützung leisten kann.

00:38:06.000 --> 00:38:10.600
Wenn ich aber subsidiär Schutzberechtigter bin oder eben anerkannter Flüchtling

00:38:11.000 --> 00:38:16.600
und nicht die Erlaubnis erhalten habe, nach Syrien zu gehen

00:38:17.000 --> 00:38:19.600
und zu schauen, kann ich da leben oder nicht

00:38:20.000 --> 00:38:22.600
oder kann ich meine Verwandten 14 Jahren sehen oder nicht,

00:38:23.000 --> 00:38:25.600
dann ist es natürlich auch leider so,

00:38:26.000 --> 00:38:28.600
dass man eben dieser Person die Entscheidung genommen hat.

00:38:29.000 --> 00:38:31.600
Deswegen haben wir jetzt auch nur einen kleinen Teil von Menschen,

00:38:32.000 --> 00:38:34.600
die sagen: „Wir kehren zurück“, weil sie eben wissen,

00:38:35.000 --> 00:38:37.600
wenn wir zurückkehren, dann können sie nicht mehr nach Deutschland kommen.

00:38:38.000 --> 00:38:40.600
Sarah Zerback: "Hier können wirklich kaum Menschen richtig würdig leben."

00:38:41.000 --> 00:38:43.600
Das hatte Bundesaußenminister Johann Wadephul

00:38:44.000 --> 00:38:45.600
bei einer Reise nach Syrien Ende Oktober dieses Jahres gesagt.

00:38:46.000 --> 00:38:48.600
Damit hat er eine Debatte innerhalb der Union losgetreten,

00:38:49.000 --> 00:38:53.600
denn für Kanzler Merz gibt es mit der Beendigung des Bürgerkriegs keinen Grund mehr für Asyl.

00:38:54.000 --> 00:38:56.600
Er hat Übergangspräsident al-Scharaa nach Deutschland eingeladen

00:38:57.000 --> 00:39:00.600
und möchte mit ihm auch über die Rückkehr von syrischen Staatsbürgerinnen und -bürgern

00:39:01.000 --> 00:39:03.600
und die Abschiebung von Straftätern sprechen.

00:39:04.000 --> 00:39:07.600
Für viele geflüchtete Syrerinnen und Syrer in Deutschland bedeutet der Sturz Assads

00:39:08.000 --> 00:39:11.600
also auch eine große Verunsicherung über ihre Lebenssituation.

00:39:12.000 --> 00:39:14.600
Nahla Osman hat beobachtet, wie das deutsche Asylsystem

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ziemlich direkt auf den politischen Umbruch in Syrien reagiert hat

00:39:18.000 --> 00:39:23.600
Nahla Osman: Zum einen gab es jetzt über ein Jahr fast keine Bescheide mehr für die Menschen,

00:39:24.000 --> 00:39:26.600
die nach Deutschland gekommen sind und hier Asyl beantragt haben.

00:39:27.000 --> 00:39:31.600
Ich habe jetzt täglich leider Mandanten, die eine Ablehnung bekommen haben

00:39:32.000 --> 00:39:34.600
und Abschiebungsandrohungen nach Syrien.

00:39:35.000 --> 00:39:42.600
Das sind zumeist junge Männer, die seit über zehn Jahren in der Türkei zum Beispiel

00:39:43.000 --> 00:39:48.600
oder im Libanon überlebt haben, also unter schlimmsten Bedingungen gearbeitet haben,

00:39:49.000 --> 00:39:51.600
damit sie das Geld zusammentreiben können

00:39:52.000 --> 00:39:54.600
und hier in Deutschland sich eine Existenz aufbauen.

00:39:55.000 --> 00:39:57.600
Diese Leute haben jetzt alle eine Ablehnung gekriegt.

00:39:58.000 --> 00:40:05.600
Wir sehen, das Bundesamt sieht Syrien entgegen der Aussage des Außenministeriums als sicher an

00:40:06.000 --> 00:40:08.600
und lehnt deswegen die Asylanträge ab.

00:40:09.000 --> 00:40:16.600
Wir haben zum zweiten leider erneut den Ausfall des Familiennachzugs zu subsidiär Schutzberechtigten.

00:40:17.000 --> 00:40:22.600
Das bedeutet, die Menschen können ihre Familien für zwei Jahre nicht nach Deutschland holen.

00:40:23.000 --> 00:40:25.600
Also, die haben einen Antrag gestellt vor möglicherweise ein, zwei Jahren,

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hätten jetzt einen Termin kriegen müssen

00:40:30.000 --> 00:40:30.600
und jeder, der subsidiär schutzberechtigt ist,

00:40:31.000 --> 00:40:35.600
darf nicht mehr seine Familie holen für mindestens zwei Jahre.

00:40:36.000 --> 00:40:38.600
Das ist natürlich auch sehr negativ und belastet die Menschen sehr,

00:40:39.000 --> 00:40:44.600
weil sie ihre Frauen, Kinder, Ehemänner immer noch irgendwo in Zelten möglicherweise haben

00:40:45.000 --> 00:40:48.600
und sie jetzt nicht nach Deutschland holen können.

00:40:49.000 --> 00:40:50.600
Sarah Zerback: Die Bestandsaufnahme ergibt:

00:40:51.000 --> 00:40:54.600
Ein zerstörtes Land, eine von Terror und Krieg gezeichnete Gesellschafft,

00:40:55.000 --> 00:40:56.600
die große Unsicherheit, wie es weitergeht.

00:40:57.000 --> 00:41:02.600
Aber wenn Nahla Osman gefragt wird, ob sie trotzdem Hoffnung hat für ein friedliches Syrien, dann sagt sie

00:41:03.000 --> 00:41:03.600
Nahla Osman: Ich habe gar keine andere Wahl.

00:41:04.000 --> 00:41:07.600
Wir haben so lange darauf gewartet, also nicht nur die letzten 14 Jahre.

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Mein Vater durfte 47 Jahre nicht nach Syrien

00:41:11.000 --> 00:41:15.600
und ist leider drei Wochen vor dem Sturz des Assad-Regimes verstorben.

00:41:16.000 --> 00:41:20.600
Deswegen klammern wir uns an alles und hoffen natürlich,

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dass Syrien stabil wird, dass Syrien seinen Platz wieder in der Weltordnung findet,

00:41:28.000 --> 00:41:33.600
dass es gerecht wird für alle Menschen, für alle Gesellschaften vor Ort,

00:41:34.000 --> 00:41:37.600
für jede Stadt unabhängig von Religion und Ethnie.

00:41:38.000 --> 00:41:40.600
Also ich habe gesehen, dass die Menschen schnell verzeihen in Syrien,

00:41:41.000 --> 00:41:44.600
dass sie alle gewillt sind und ich hoffe sehr,

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dass man den Menschen eine Chance gibt

00:41:47.000 --> 00:41:52.600
und dass von außen auch keine weiteren Hindernisse erfolgen.

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Und dann bin ich auf jeden Fall sehr optimistisch, dass es klappt.

00:41:57.000 --> 00:41:59.600
*Musik*

00:42:00.000 --> 00:42:00.600
Was wir also mitnehmen können

00:42:01.000 --> 00:42:04.600
1. Nach 14 Jahren Bürgerkrieg und Jahrzehnten der Diktatur

00:42:05.000 --> 00:42:07.600
steht Syrien vor massiven Herausforderungen

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Wiederaufbau, politische und wirtschaftliche Stabilisierung, Versöhnung.

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Dafür sollte man dem Land auch Zeit lassen, hat Kristin Helberg betont.

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2. Der Sturz des Assad-Regimes wirkt sich über die Syriens Landesgrenzen hinaus aus,

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Machtverhältnisse haben sich verschoben.

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Syrien sucht nach neuen Partnern in der Region und international.

00:42:27.000 --> 00:42:31.600
Mit großer Hoffnung in die neue Regierung sollte man aber vorsichtig sein, warnt Guido Steinberg.

00:42:32.000 --> 00:42:35.600
3. Die Hoffnung der Menschen in Syrien und in der Diaspora ist groß.

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Für die meisten ist und bleibt der Sturz Assads bisher eine historische Erleichterung.

00:42:42.000 --> 00:42:43.600
Davon ist Nahla Osman überzeugt.

00:42:44.000 --> 00:42:47.600
*Musik*

00:42:48.000 --> 00:42:49.600
Das war „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

00:42:50.000 --> 00:42:52.600
In unserem Heft mit dem Titel „Syrien“ können Sie noch mehr zum Thema lesen.

00:42:53.000 --> 00:42:55.600
Den Link dazu finden Sie in den Shownotes.

00:42:56.000 --> 00:42:57.600
Wir freuen uns natürlich über Feedback zu diesem Podcast.

00:42:58.000 --> 00:43:03.600
Fragen, Lob, aber auch Kritik können Sie uns schicken an apuz@bpb.de.

00:43:04.000 --> 00:43:04.600
In vier Wochen erscheint dann die nächste Folge,

00:43:05.000 --> 00:43:06.600
dann sprechen wir über Angst.

00:43:07.000 --> 00:43:08.600
Mein Name ist Sarah Zerback, bis zum nächsten Mal.

00:43:09.000 --> 00:43:11.600
*Musik*

00:43:12.000 --> 00:43:13.600
Zum Schluss haben wir noch einen Podcast-Tipp für Sie.

00:43:14.000 --> 00:43:16.600
Wenn einem alles genommen wird, was dann?

00:43:17.000 --> 00:43:19.600
Diese Frage mussten sich unzählige Jüdinnen und Juden stellen,

00:43:20.000 --> 00:43:23.600
die im Nationalsozialismus verfolgt und ins Exil gezwungen wurden.

00:43:24.000 --> 00:43:28.600
Die neue Staffel des Podcasts „Exil“ beginnt mit der Geschichte der Comiczeichnerin Lily Renée,

00:43:29.000 --> 00:43:32.600
die in den USA dem Sexismus der Branche trotzte.

00:43:33.000 --> 00:43:34.600
Doch ihre Comicfiguren waren in Europa lange vergessen.

00:43:35.000 --> 00:43:38.600
Bis es in ihrem Leben im hohen Alter eine unerwartete Wendung gab.

00:43:39.000 --> 00:43:42.600
Der Podcast „Exil“ erzählt basierend auf Tagebucheinträgen,

00:43:43.000 --> 00:43:45.600
Briefen und Interviews meist unbekannte Geschichten und zeigt,

00:43:46.000 --> 00:43:51.600
wie das Schaffen deutschsprachiger vertriebener Jüdinnen und Juden Teil unserer Gegenwart ist.

00:43:52.000 --> 00:43:54.600
„Exil“ ist eine Kooperation des Leo Baeck Instituts New York,Berlin

00:43:55.000 --> 00:43:57.600
und der Bundeszentrale für politische Bildung.

00:43:58.000 --> 00:43:59.600
Die neuen Folgen der zweiten Staffel erscheinen jede Woche dienstags

00:44:00.000 --> 00:44:03.600
in der bpb-Mediathek und auf allen gängigen Podcastplattformen.

00:44:04.000 --> 00:44:17.600
*Musik*

00:44:18.000 --> 00:44:23.600
Der Podcast „Aus Politik und Zeitgeschichte“ wird von der APuZ-Redaktion in Zusammenarbeit mit hauseins produziert.

00:44:24.000 --> 00:44:29.600
Redaktion für diese Folge: Lorenz Abu Ayyash, Gina Enslin und Isabel Röder.

00:44:30.000 --> 00:44:34.600
Produktion: Oliver Kraus. Musik: Joscha Grunewald. Am Mikrofon war Sarah Zerback.

00:44:35.000 --> 00:44:36.600
Die Folgen stehen unter der Creative Commons Lizenz

00:44:37.000 --> 00:44:41.000
und dürfen unter Nennung der Herausgeberin zu nichtkommerziellen Zwecken weiterverbreitet werden.

