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20.1.2010 | Von:
von Inge Seibel-Müller

Öffentliche Redaktionskonferenzen aus dem Radiolabor der Zukunft


DRadio Wissen ist das dritte Programm des Deutschlandradios

Seit bald zwei Jahren ist Deutschlandradio Wissen auf Sendung. Auf knapp 7 Millionen € beläuft sich das Jahresbudget. DRadio Wissen ist primär ein Wort-Programm. Der Sender setzte von Anfang an auf Kommunikation mit dem Hörer via Twitter, Facebook und Redaktionsblog.

"Der Hörfunkjournalismus hat eine glänzende Zukunft", sagt Dietmar Timm bereits seit Jahren immer dann, wenn er gefragt wird, welche Chancen und Gefahren die rasante Entwicklung der neuen Verbreitungswege wie Internet und Handy für das klassische Radio darstellen. Bis vor kurzem war der studierte Diplompädagoge noch Leiter Zentrale Aufgaben/Multimedia für Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. Jetzt ist der 60-jährige Wellenchef des jüngsten Babys der Deutschlandradio-Familie, von DRadio Wissen, das am Montag um 6 Uhr in der Früh den Sendebetrieb im Kölner Funkhaus aufnahm.
Nie war es einfacher, eine Radiomannschaft kennen zu lernen. Die Redaktion lädt montags bis freitags ab 18.30 Uhr zur Redaktionskonferenz "on air". Pressefoto: DRadio Wissen/now68Nie war es einfacher, eine Radiomannschaft kennen zu lernen. Die Redaktion lädt montags bis freitags ab 18.30 Uhr zur Redaktionskonferenz "on air". Pressefoto: DRadio Wissen/now68 (© Pressefoto: DRadio Wissen )


Das Ereignis wurde bereits im Vorfeld von Zeitungs- und Radiokollegen ausführlich kommentiert. "Das nennt man privilegiert: in diesen schwierigen wirtschaftlichen Zeiten nicht nur ein neues Programm, sondern gleich einen neuen Sender aufmachen", schrieb der "Tagesspiegel". Der "Kölner Stadt-Anzeiger" zeigte sich gar überrascht von der Gründung eines neuen Senders, wo doch überall in der Branche der Spartrieb vorherrsche.

Ein Wortprogramm für die Wissensgeneration

Dabei erfüllt das neue Wissensradio mit dem selbst gewählten Slogan "Hirn will Arbeit" lediglich den bereits seit 2008 bekannten und im 12. Rundfunkstaatsvertrag festgeschriebenen Auftrag, ein nationales Vollprogramm zu veranstalten, das ausschließlich digital verbreitet wird - über DAB, Kabel, Satellit und Internetstreams.
Aufgeräumt präsentiert sich die Startseite des Senders. Die Infokästen lassen sich individuell verschieben.Aufgeräumt präsentiert sich die Startseite des Senders. Die Infokästen lassen sich individuell verschieben.


DRadio Wissen ist primär ein Wort-Programm. Von 6 bis 20 Uhr wird live gesendet. Verlässlich alle 15 Minuten erwarten den Hörer "Wissensnachrichten" im Wechsel mit "Weltnachrichten". Dazwischen gibt es Interviews, Kurzreportagen oder Mini-Hörspiele. Unterbrochen werden die Wortanteile durch eigens für DRadio Wissen komponierte Musikelemente. Völlig neu für die Radiolandschaft ist die werktäglich ab 18.30 Uhr bis 20 Uhr öffentlich übertragene "Redaktionskonferenz". Hier wollen die für den Tag verantwortlichen Redakteure gemeinsam mit Gästen aus anderen Medien und Institutionen den vergangenen Radiotag überdenken. Aber auch die Online-Community soll zukünftig interaktiv eingebunden werden, z.B. über soziale Netzwerke oder Live-Chat mit den Hörern parallel zur Sendung.

Die Inhalte: Bundestag statt "Buntes"

Wie kann man jüngere Menschen erreichen? Diese Frage stellen sich alle Mediengattungen. DRadio Wissen bleibt bei "harten" Themen, will sie aber anders erklären und präsentieren. "Wir lesen die Meldungen selbst", sagt Nachrichtenredakteurin Christiane Abelein und glaubt, dass sich dass "flüssiger" anhöre und näher am Hörer sei. "Nachrichten sind der Kern des öffentlichrechtlichen Informationsauftrag", heißt das Credo der drei Wellen des Deutschlandradios. Deshalb spielen sie auch beim Wissensradio die zentrale Rolle und stellen das jede Viertelstunde verlässlich wiederkehrende Informationsgerüst. Internationaler soll es sein - Asien, Afrika und Lateinamerika mehr berücksichtigen. Der globale Akzent komme der Lebenswelt jüngerer Hörer entgegen. Aus den digitalen Weiten des World Wide Web zwischen Information und Scheininformation soll täglich der "Netzreporter" berichten. Hier will der Sender Orientierung und Verlässlichkeit anbieten.

Experimentelles Radio

Das neue Programm versteht sich als "Radiolabor mit Netzanschluss" und deshalb kommt dem Internet eine große Bedeutung zu. Ein umfangreicher Onlineauftritt begleitet das Programm und ergänzt es. Bei aktuellen Themen heißt das durchaus "online first": Einzelne Beiträge können dann schon vor der Ausstrahlung im Internet abgerufen werden. Grundsätzlich will die Redaktion, die aus elf Festangestellten und rund 60 freien Mitarbeitern besteht, alle Altersgruppen ansprechen. Die Kernzielgruppe jedoch sind junge Erwachsene, die ein Interesse an Orientierungswissen haben und sich gleichermaßen im Internet und in den klassischen Medien informieren.
"Es gibt nichts schöneres, als ein völlig neues Radioprogramm aufzubauen." Wellenchef Dietmar Timm und Redaktionsleiter Ralf Müller-Schmid wollen sich der Zukunft des Radios stellen. Pressefoto: DRadio Wissen/now68"Es gibt nichts schöneres, als ein völlig neues Radioprogramm aufzubauen." Wellenchef Dietmar Timm und Redaktionsleiter Ralf Müller-Schmid wollen sich der Zukunft des Radios stellen. Pressefoto: DRadio Wissen/now68 (© Pressefoto: DRadio Wissen )

Überhaupt: die Internetgeneration. Die will man bei DRadio Wissen mit offenen Armen empfangen. Redaktionsleiter Ralf Müller-Schmid setzt auf die Kommunikation mit dem Hörer durch Interaktivität und Verlinkung. Jeder Beitrag im Onlineangebot des neuen Wissensradios kann kommentiert werden. Der eigens eingerichtete Twitteraccount @DRadioWissen zählt bereits nach den ersten Sendetagen knapp 1000 "Follower". "Das Internet ist nicht nur ein medialer Kanal zum Austausch von Informationen" sagt Ralf Müller-Schmid", es ist insbesondere ein sozialer Raum. Wir gehen mit unserem Sender in diesen sozialen Raum, um mitzudiskutieren und damit man mit uns diskutiert."

Geblogt wird auch unter blog.dradiowissen.de/blog-redaktion. Hier plaudert der Redaktionsleiter mit zwei weiteren Mitarbeitern aus dem Redaktionsalltag, denn es sei "an der Zeit, dass die Mitarbeiter eines so traditionsreichen Hauses sich einmal ein bisschen zeigen".

Hörerstimmen nach den ersten Sendetagen

"So wie ich es mitbekommen habe, befasst sich DRadio Wissen mit den Fragen der Hörer. Das finde ich absolut spitze. Weiter so!"

"Diese Spontaneität und Offenheit ist wirklich erfrischend. Macht Spaß, euch zuzuhören!"

"Die tägliche Redaktionskonferenz ist das Sahnestück!"

Wer die Kommunikation sucht, wird aber nicht nur Lob ernten. Vom ersten Sendetag an befindet sich DRadio Wissen schon mitten im Dialog mit seinen Hörern und "Usern". Während der eine "echte Songs" vermisst, findet der andere die Mischung "genau richtig", weil sie Vielfalt ins Radio bringe.

"Die Aneinanderreihung von Wortbeiträgen überfordert mich, wer einer Arbeit nachgeht, wie ich das tue, kann nicht pausenlos zuhören. Sprich: Es ist gut, dass ihr viele interessante Beiträge bringt. Ich würde mir aber auch mal musikalische Ruhepausen wünschen", lässt sich auf der Homepage des Wissenssenders nachlesen.

Diese nahe Kommunikationsmöglichkeit mit dem Hörer finden die Programmmacher aus dem Kölner Funkhaus unheimlich inspirierend. "Wir machen unser Programm nicht, weil wir wissen, wo es lang geht. Wir experimentieren", sagt Redaktionsleiter Ralf Müller-Schmid. Dabei sieht er sich in guter Gesellschaft mit den anderen Mediengattungen. Schließlich stünden alle vor der epochalen Frage, wie man die jüngere Zielgruppe wieder erreiche. "Nach einem viertel oder halben Jahr wissen wir genauer, wo das Programm lang geht", so Müller-Schmid.

Wellenchef Dietmar Timm sieht die Kommentarmöglichkeiten der Nutzer auch als 'Korrektiv': "Wir wollen aus der Internetgeneration lernen und so flexibel wie möglich sein. Ein Radiolabor für die Zukunft eben. "