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Sparen und Investieren II: Offene Volkswirtschaft

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Sparen und Investieren II: Offene Volkswirtschaft

Till van Treeck

/ 4 Minuten zu lesen

Länder mit internationalen Wirtschaftsbeziehungen weisen entweder einen Leistungsbilanzüberschuss oder ein Leistungsbilanzdefizit auf. Diese Zusammenhänge lassen sich mit der Hilfe der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung darstellen.

In den Hallen des Frischmarktes von Rungis, Frankreich, werden neben Gemüse und Obst auch Blumen, Fisch oder Fleisch aus aller Welt gehandelt. (© dpa)

Während im hypothetischen Fall einer geschlossenen Volkswirtschaft die private und staatliche Ersparnis immer gleich den privaten und staatlichen Investitionen sein muss, kann ein Land in der Realität, das heißt mit internationalen Wirtschaftsbeziehungen, mehr oder weniger investieren, als es spart, etwa wenn es Kredite aus dem Ausland erhält oder an das Ausland vergibt. Im zuletzt genannten Fall - wenn im Inland mehr gespart als dort investiert wird - weist das Inland einen sogenannten Leistungsbilanzüberschuss auf. Wenn Privatsektor und Staat in einem Land insgesamt mehr investieren, als sie sparen, weist das Land ein Leistungsbilanzdefizit auf. Diese Zusammenhänge lassen sich mit der Hilfe der Interner Link: Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) wie folgt darstellen.

Zunächst muss auf der Verteilungsseite berücksichtigt werden, dass in einer offenen Volkswirtschaft das BIP nicht mehr notwendigerweise gleich den verfügbaren privaten und staatlichen Einkommen ist. Bildlich gesprochen, kann die Menge an Kuchen, die in einem bestimmten Zeitraum in einem Land zum Essen zur Verfügung steht (das insgesamt verfügbare Einkommen), größer oder kleiner sein, als der Kuchen, der im Inland im selben Zeitraum gebacken wurde – weil das Inland zusätzliche Kuchenstücke aus dem Ausland erhält oder an das Ausland abgibt. In der Realität können die privaten Haushalte und Unternehmen, aber auch der Staat zusätzlich zu den im Inland erzielten Einkommen weitere Einkommen aus dem Ausland beziehen (z.B. Löhne, Zinsen, Dividenden) – wenn sie z.B. im Ausland erwerbstätig sind, wenn sie in der Vergangenheit Kredite an das Ausland vergeben haben und dafür jährliche Zinsen erhalten oder wenn sie ausländische Aktien gekauft haben und hierfür Dividenden beziehen.

Umgekehrt verringern sich die verfügbaren Einkommen von privaten Haushalten und Unternehmen, wenn sie Löhne, Zinsen, Dividenden etc. an das Ausland zahlen müssen. Diese Zahlungen aus dem und an das Ausland werden in der sogenannten Interner Link: Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen zusammengefasst. Hinzu kommen noch verschiedene weitere Übertragungen aus dem Ausland bzw. an das Ausland. Hier werden beispielsweise Steuern erfasst, die Ausländer an den heimischen Staat zahlen müssen bzw. die Inländer an ausländische Staaten zahlen müssen. Außerdem erhalten viele Länder Unterstützungszahlungen aus dem Ausland (z.B. Entwicklungshilfe oder EU-Fördermittel für die Agrarwirtschaft oder für strukturschwache Regionen), bzw. sie zahlen solche Hilfen an das Ausland. Je nachdem, wie hoch die Zahlungen aus dem Ausland im Vergleich zu den Zahlungen an das Ausland sind, können hierdurch die verfügbaren Einkommen vom inländischen BIP abweichen:

Verfügbare Einkommen (privat und staatlich) = BIP + Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen + Bilanz der Übertragungen.

Setzt man nun für das BIP die einzelnen Komponenten aus der Verwendungsrechnung ein, ergibt sich:

Verfügbare Einkommen (privat und staatlich) = Konsum (privat und staatlich) + Investitionen (privat und staatlich) + Exporte – Importe + Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen + Bilanz der Übertragungen

Der Zusammenhang zwischen Sparen und Investieren lässt sich nun zeigen, wenn zunächst die Ausgaben für Konsum und Investitionen auf die linke Seite der Gleichung gezogen werden:

Verfügbare Einkommen (privat und staatlich) – Konsum (privat und staatlich) – Investitionen (privat und staatlich) = Exporte – Importe + Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen + Bilanz der Übertragungen

Die rechte Seite der Gleichung ist definiert als Interner Link: Leistungsbilanzsaldo. Da außerdem die Differenz aus verfügbaren Einkommen und Konsum als Ersparnis definiert ist, lässt sich die Gleichung wie folgt vereinfachen:

Inländische Ersparnis – inländische Investitionen = Leistungsbilanzsaldo.

Die Differenz aus Ersparnis und Investitionen im Inland ist also gleich dem Finanzierungssaldo des Inlands, welcher auch Leistungsbilanzsaldo genannt wird. Wenn Ersparnis und Investitionen für die drei inländischen Sektoren (private Haushalte, private Unternehmen und Staat) separat betrachtet werden, gilt:

Ersparnis minus Investitionen der privaten Haushalte + Ersparnis minus Investitionen der privaten Unternehmen + Ersparnis minus Investitionen des Staates = Leistungsbilanzsaldo.

Weil die Differenz zwischen Ersparnis und Investitionen auch als Finanzierungssaldo bezeichnet wird, können wir auch schreiben:

Finanzierungssaldo der privaten Haushalte + Finanzierungssaldo der privaten Unternehmen + Finanzierungssaldo des Staates = Leistungsbilanzsaldo.

Der Finanzierungssaldo ist immer auch gleich der Differenz zwischen den Einnahmen und den Ausgaben eines Sektors. Wenn die binnenwirtschaftlichen Sektoren eines Landes insgesamt weniger ausgeben, als sie einnehmen, weist das betrachtete Land einen Interner Link: Leistungsbilanzüberschuss auf, das heißt der Finanzierungssaldo der Gesamtwirtschaft ist positiv. Der Leistungsbilanzsaldo des Inlands ist gleichzeitig der negative Finanzierungssaldo des Auslands, das wiederum aus privaten Haushalten, privaten Unternehmen und Staaten besteht. Mit anderen Worten: Interner Link: Die Finanzierungssalden aller Sektoren weltweit müssen sich stets zu Null addieren, weil die Ausgaben eines Sektors immer zugleich die Einnahmen eines anderen Sektors sind. Ein positiver Finanzierungssaldo des Inlands (= Leistungsbilanzsaldo) bedeutet, dass das Inland insgesamt Interner Link: zusätzliche Nettogeldvermögen aufbaut, was gleichbedeutend mit der Aussage ist, dass das Ausland sein Nettogeldvermögen reduziert.

Weltweit entspricht die Ersparnis letztlich immer den Investitionen, das heißt der Finanzierungssaldo der ganzen Welt ist Null, weil die Welt eine Interner Link: geschlossene Volkswirtschaft ist, in der nur gespart werden kann, indem investiert wird.

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Till van Treeck ist Professor für Sozialökonomie an der Universität Duisburg-Essen. Er studierte Politik- und Wirtschaftswissenschaften in Lille, Münster und Leeds. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Einkommensverteilung aus gesamtwirtschaftlicher Sicht, Wirtschaftspolitik und (sozio-)ökonomische Bildung.