Kindermedienkonferenz 2009

11.2.2010 | Von:
Uschi Reich

Konsequent kindgerecht – so gewinnen wir das Publikum der Zukunft

Vortrag

Warum sind die USA mit Kinderfilmen so viel erfolgreicher als wir Deutschen? Und was wollen die Kinder überhaupt sehen? Die Filmemacherin Uschi Reich berichtet über die Veränderungen der Sehgewohnheiten der Kinder, die Tendenz zum Familienfilm und die Zukunft der deutschen Filmkultur.

Uschi ReichUschi Reich (© bpb)

Die ARD beschäftigt sich mit deutscher Kultur, besinnt sich sozusagen wieder zurück darauf. Sie möchte damit ein jüngeres Publikum gewinnen. Deshalb hat der Sender im vergangenen Jahr mehr als ein Dutzend Mächen ins Programm aufgenommen und war damit sehr erfolgreich. Die Quote hat sich tatsächlich sehr verjüngt. Wer hätte das gedacht. So stellt sich die grundsätzliche Frage: Was wollen Kinder überhaupt sehen?

Bei meinen Beobachtungen des Kinomarktes schaue ich vor allem auch auf die USA, wo das familiy-Entertainment seinen Ursprung hat. Das, was wir mit den Märchen gemacht haben, war das Nachmachen eines Erfolges, den es dort schon lange gab. Ich habe mich gefragt, was sich in Deutschland verfilmen lässt. Wo haben wir unsere Stärken? Warum müssen nur die Macher in den USA unsere deutschen Mythen und Märchen verfilmen, eigentlich können wir das ja auch. Das Feld des Familiy-Entertainments ist in den USA entstanden und tatsächlich gibt es dort immer beides: es gibt die Verfilmung der bekannten Stoffe (die neue Froschkönig-Version), und es gibt, stark durch die Firma Pixa angeregt, die Entwicklung der eigenen Ideen (Toy-Story, Ratatouille) – vor allem sehr originelle und interessante Drehbücher. Sie geben den Familien neben der Unterhaltung Lebensweisheit mit auf den Weg.


Warum funktioniert dort, was bei uns anscheinend nicht geht? Warum wollen so wenig Kinder und Familien unsere eigen entwickelten Stoffe sehen? Ich habe das in diesem Jahr selbst bitter erlebt als ich mit einem unbekannten Jugendstoff ins Kino gegangen bin. Es war kein Erfolg und seitdem scheue ich mich davor.

Die Amerikaner arbeiten viel universeller, das heißt, sie arbeiten für einen Markt, der die ganze Welt darstellt. Während wir für einen viel kleineren, den deutschen Markt arbeiten. Unsere Kinderfilme sind im Ausland nicht besonders erfolgreich. Das liegt zu einem daran, weil die kleineren Länder wenig Geld haben, um unser Filme zu kaufen und daran, dass die Filme synchronisiert werden müssen. Weil Kinder ja keine Untertitel lesen können wie bei den Erwachsenenfilmen. Das ist für uns ein großer Nachteil.

Die Amerikaner produzieren für den Markt der 5 bis 95-Jährigen. Alle müssen angesprochen werden, die Filme müssen so sein, dass für die Kleinen, die Erwachsenen und die Älteren was drin ist. Filme mit gespaltenen Zielgruppen, wie wir sie produzieren, würden in den USA erst gar nicht entstehen. So etwas wie "Wilde Hühner", das sich nur an die Zielgruppe Mädchen wendet, ist vom Marktvolumen für die Amerikaner zu klein. In Jungs-Filme gehen Jungs und Mädchen, in Mädchen-Filme gehen nur Mädchen. Umgekehrt in "Wilde Kerle" gehen auch viele Mädchen, weil sie die Ochsenknecht-Jungs so toll finden. Ein Beispiel: Conelia Funke, die inzwischen in den USA lebt, hat ein sehr interessantes Buch geschrieben "Igraine Ohnefurcht". Die Hauptfigur ist ein Rittermädchen. Ich fand den Stoff immer großartig und habe lange mit ihr geredet damit ich den Stoff verfilmen darf. Sie hat aber immer gezögert, weil sie den Stoff eigentlich für Amerika behalten wollte. Sie hat ihn mir vor eineinhalb Jahren dann doch angeboten, weil sie in den USA keine Partner gefunden hat – weil eben die Hauptfigur ein Mädchen ist.

Wenn Filme in den USA hergestellt werden, wird viel Geld in die Produktion gesteckt, aber auch in die Vermarktung. Das Werbebudget eines amerikanischen Familien-Films beträgt allein für Deutschland etwa 6 Millionen Dollar. Wir haben in unserem Produktionsetat maximal 5 Millionen. Das ist natürlich auch ein Grund, warum bei uns die Rückbesinnung auf bekannte Formate stattfindet. Bekannte Formate geben dem Verleiher die Möglichkeit, günstiger zu vermarkten. Ein deutscher Vermarkter hat vielleicht 2 Millionen Euro Werbebudget. Das heißt, wir sind darauf angewiesen, dass die Formate, die wir ins Kino bringen, auf eine gewisse Weise schon bekannt sind. Und wir haben die Problematik, dass wir im Kinderfilmbereich vom Feuilleton nicht wirklich wahrgenommen werden.

Es ist aber nicht nur das Geld, sondern es ist auch die Qualität der Autoren und Stoffe, die wir hier in Deutschland haben. Ich würde es vielleicht doch noch mal wagen, einen unbekannten Film zu machen, wenn ich ein sehr gutes Drehbuch bekommen würde: Aber ich bekomme die Stoffe nicht. Bei uns in Deutschland werden die Drehbücher zu 90 Prozent zu früh verfilmt. Durch die unterschiedlichen Fördersysteme hat man einen sehr langen Weg, bis man einen Film finanziert bekommt. Insofern reicht man immer zu früh ein. Das heißt, in den meisten Fällen ist das Drehbuch noch nicht ausgereift. Ein gutes Drehbuch ist heutzutage die Grundlage für einen guten Film. Sie haben aber oft Mängel bei der Charakterentwicklung. Sie haben Mangel an Fantasie und Poesie – für mich auch ein ganz starkes Moment. Ich halte die Autorenausbildung bei uns für ziemlich mangelhaft.

Ich arbeite manchmal mit literarischen Autoren zusammen, weil sie die Charaktere besser entwickeln und in der Geschichtenführung mehr Talent und Fantasie haben. Sie arbeiten weniger in der Drehbuchstruktur. Das ist der Kern der Frage, was will der kindliche Zuschauer sehen? Auch noch in zehn Jahren bin ich mir sicher, dass er tolle Charaktere sehen will, mit denen er mitgeht, mit denen er mitfiebert, mit denen er mit leidet. Er will eine spannende Geschichte sehen, in der er lachen kann, in der er emotional berührt wird und am Ende aus dem Kino geht und für sich auch etwas mitnehmen kann. Das ist das allerwichtigste für das kindliche Publikum.

Kinder sind ein so großartiges Publikum. Jeder, der einmal einen Kinderfilm gemacht hat und ihn das erste Mal vorgeführt hat, erlebt immer dasselbe. Kinder sind so ehrlich. Die lassen sich nichts vormachen. Wenn ihnen langweilig wird, gehen sie raus. Wenn sie sich freuen, dann lachen sie. Und wenn sie traurig sind, dann weinen sie. Wenn sie Angst im Kino haben, dann zeigen sie das auch. Für Kinder ist der Film in dem Augenblick auch Realität. Sie nehmen ihre Gefühle ernst und wir tun gut daran, ihre Gefühle ganz ernst zu nehmen und so glaubwürdig wie möglich zu erzählen. Kinder brauchen auch Rhythmik im Film. Sie brauchen Abwechslung, sie brauchen Variation und Spannung. Sie brauchen aber auch Entspannung. Ein Regisseur muss auf die Reaktionen der Kinder achten.

In den vergangenen zehn Jahren habe ich Veränderungen in den Sehgewohnheiten der Kinder erlebt. Während wir bei "Pünktchen und Anton" noch Kinder bis zwölf Jahre angesprochen haben, ist diese Altersgruppe im Augenblick für den Kinderfilm fast schon verloren. Die Zwölfjährigen von heute orientieren sich an den Erwachsenenfilmen oder sie gehen in "Keinohrhasen". Ich habe gelesen, dass er einer der erfolgreichen "Kinderfilme" war. Das fand ich etwas befremdlich. Denn es kamen auch Szenen vor, die nicht so kindgerecht sind. Auf der anderen Seite gehen heute schon 4-Jährige kontinuierlich ins Kino. Ich beobachte Eltern, die mit ihnen einmal im Monat ins Kino gehen. Das hat auch etwas mit den getrennten Familien zu tun. 4-Jährige sehe ich oft in Kinderfilmen, bei denen ich sagen würde, die sind für 8- bis 10-Jährige geeignet. 6-Jährige sehe ich ganz oft in Piratenfilmen. "Wilde Kerle" zählen bei den Jungs bis maximal 9 überhaupt noch als cool. Mädchen gehen wegen der Ochsenknecht-Jungs noch bis 12 in die Filme. Also haben wir hier eine Verschiebung des Publikums. In "Wilde Hühner 3", das ist ja durchaus ein Teenager-Abenteuer, habe ich so viele 6-Jährige gesehen.

Auch die Erzählweise verändert sich auch extrem. Zum Beispiel im Film "Arielle" gibt es ja immer wieder Lieder und Entspannung für die Kinder. Das war ja auch ein Markenzeichen der Disney-Filme. Heute ist Entspannung fast gar nicht mehr drin. Die Filme arbeiten mit einer unglaublichen Spannung. Der Spannungsbogen wird sehr viel stärker angezogen, als wir das noch vor fünf, sechs Jahren erlebt haben. Und auch die Tonebene ist wesentlich aggressiver und härter geworden. Vor fünf Jahren mussten wir bei der Ton-Mischung noch stärker zurückdrehen. Wenn es zu laut war, ging es nicht durch die FSK. Vieles wird auch in den Fernsehserien von einer sehr hohen Aggressivität getragen. Und Kinder sind nah dran: 50 Prozent der Jüngsten haben einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer.

Ich beobachte auch, dass der Begriff Kinderfilm vollkommen out ist. In einen Kinderfilm gehen eigentlich nur noch 4- und 5-Jährige. 6-Jährige gehen in Abenteuer- oder Trickfilme. Auf dem Pausenhof werden Kinder sehr oft angegriffen: "Ooh, Du warst in dem Babyfilm". Daher muss man über den Begriff Kinderfilm nachdenken. Tatsächlich hat er nur noch bei kleinen Kindern seinen Wert. Ältere Kinder orientieren sich an Universalität, an Geschichten, die auch die Erwachsenen schätzen. Oder sie mögen auch die Knallkomödie. Jungs wollen "Popcorn essen und ablachen". Jungs, die in die Pubertät kommen, gehen dem Kino im Augenblick komplett verloren – übrigens auch dem Fernsehen. Sie interessieren fast nur noch für den Computer. Mädchen bleiben dem Kino auch in der Pubertät treu. Deswegen produzieren wir auch ganz gerne für Mädchen.

Deshalb müssen wir alle, die im deutschen Kinderfilm arbeiten, überprüfen, wo wir stehen. Was können wir in Zukunft machen, wie können wir sie erreichen? Wie können wir sie am deutschen Film halten? Wie können wir verhindern, dass sie ganz zu den Amerikanern abwandern? Wir haben schon einen Schritt getan, so dass man die Märchen zum Beispiel schon einen Hauch erwachsener macht. Mehr für die ganze Familie konsumierbar. Die Familienfilme werden deshalb an den Sendeplätzen wie dem 2. Weihnachtsfeiertag platziert. Das heißt: Wir dürfen nicht nur kindlich arbeiten, sondern müssen beide Zielgruppen bedienen.

Es ist eine persönliche Perspektive für mich, weiter in diesem Genre zu arbeiten: Ich liebe es, Filme für Kinder zu machen, weil Kinder so ein wunderbares Publikum sind. Ich möchte, dass die Kinder aus dem Kino etwas mit nach Hause nehmen. Ich möchte, dass man Gedanken, Charakter, Emotionen mitnimmt. Etwas, das mich über den Film hinaus beschäftigt, das mich vielleicht auch zum Lesen bringt. So gibt es etwa die Untersuchungen, dass die Kinder nach den Kästner-Filmen wieder Kästner-Bücher gelesen haben.

Ich möchte, dass sich Kinder über Freundschaft Gedanken machen, über Loyalität oder das Erwachsenwerden. Ich habe mich in meinem neuen Film "Hier kommt Lola" mit einer multikulturellen Familie beschäftigt. Natürlich muss man aufpassen, dass man nicht pädagogisch wird. Denn Kinder hassen jede Form von pädagogischen Anwandlungen. Sie wollen im Kino nicht belehrt werden. Kinder haben ganz feine Antennen. Ich möchte europäischer in meinen Produktionen werden. Meinen Markt vergrößern. Ich möchte universeller arbeiten und auch Gedanken anderer europäischer Produzenten aufnehmen. Ich werde weiter mit literarischen Vorlagen arbeiten. Ich werde wohl nicht mehr mit eigenen Stoffen arbeiten, weil ich das Geld dafür nicht zusammen bringe. Das ist vielleicht ernüchternd.

Ich möchte die Zielgruppe erreichen. Der Kinderfilm hat seine eigenen Gesetze. Mir kommt es sehr darauf an, dass Kinder und Jugendliche sehr gute Erfahrungen mit dem deutschen Film machen. Dass sie etwas in ihr Erwachsenenleben mitnehmen und dass vielleicht auch ein Stück deutsche Filmkultur entsteht und weiter getragen wird.


Online-Angebot

HanisauLand.de

HanisauLand ist das Land der Hasen, Nilpferde und Wildsauen und zugleich Handlungsort eines bpb-Projektes: Hier erfahren Kinder, wie das Zusammenleben in einer Demokratie funktioniert. Comicgeschichten, ein großes Politiklexikon mit Fragemöglichkeit und viele weitere Angebote helfen Politik zu verstehen.

Mehr lesen auf hanisauland.de