Kindermedienkonferenz 2009

11.2.2010

So klappt es auch bei den Jüngeren – was macht ein gutes Kinderangebot aus?

Podiumsdiskussion

Während der Podiumsdikussion wurden verschiedene Problembereiche bezüglich Kindermedien angesprochen. Der Sicherheit von Kindermedien wurde dabei Priorität eingeräumt. Gute Angebote für Kinder müssten jedoch auch hohen Qualitätsstandards genügen...

Podium

  • Andrea Kallweit, Medienpsychologin
  • Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung
  • Univ.-Prof. Dr. Dr. habil. Burkhard Fuhs, Universität Erfurt
  • Jana Köhler, Redaktion Kinder, Ostfriesen-Zeitung
  • Hilla Stadtbäumer, verantwortliche Redakteurin "Die Sendung mit der Maus", WDR
  • Ansbert Kneip, verantwortlicher Redakteur "Dein Spiegel"

Zusammengefasste Statements

Thomas Krüger: Kindermedienschutz ist ein politisches Anliegen, und es ist ein großes Aufregerthema. Der kollektive Alarmismus schlägt dort gerne zu mit Zitaten wie "unsere Kinder sind in Gefahr und die Medien sind ganz schlimm". Kindermedienschutz an sich ist unumstritten. Nur muss berücksichtigt werden, dass die Schutzrechte nur ein Teil der Kinderrechte sind. Sie gehören zu den Förderungsrechten und den Beteiligungsrechten. Auf Augenhöhe mit Kindern zu kommunizieren, heißt nicht nur sie zu schützen, sondern sie auch in ihren Potenzialen zu fördern und zu beteiligen. Letzteres wird in den Schulen und Bildungseinrichtungen oft nicht ausreichend verfolgt. Im Kindermedienschutz sind wir relativ weit. Aber er kommt schnell an seine Grenzen, wenn es an das World Wide Web geht. Was von außen an Mädchen und Jungen herangetragen wird, kann man mit Schutzmechanismen nicht gänzlich von den Kindern fernhalten.

Andrea Kallweit: Sicherheit ist oberstes Gebot. Wir haben sieben Qualitätsmerkmale für Kindermedien: Sicherheit und Datenschutz, Aktualität, Handhabbarkeit, insbesondere beim Internet: Interaktivität, Multimedialität und Werbung darf Kinder nicht beeinträchtigen. Allem übergeordnet: Family-Entertainment – Eltern mit ins Boot nehmen. Gemeinsam machen und Freiräume schaffen. Kindermedien müssen so gut sein, wie gute Erwachsenen-Medien. Das kostet viel Kraft und wohl auch viel Geld.

Ansbert Kneip: Die Zuordnung zu Altersgruppen wird immer schwieriger. Die Zielgruppe von "Dein Spiegel" zum Beispiel ist eigentlich von 9 bis 12 Jahren. Die Realität zeigt aber, dass es bei den neugierigen, pfiffigen 8-Jährigen anfängt. Nach oben zieht es sich länger hinaus. Mädchen verliert man offenkundig bei 12, maximal 13 Jahren. Jungs bleiben noch etwas länger.

Hilla Stadtbäumer: Bei der Sendung mit der Maus wurde die Segmentierung komplett aufgehoben. Wir haben eine Kernzielgruppe, das sind die 6- bis 9-Jährigen, die uns mit einem unglaublich hohen Marktanteil schauen. Aber wir möchten am liebsten die ganze Familie vor den Fernseher holen. Bei der Sendung mit der Maus arbeitet kein Pädagoge. Armin Maiwald empfindet Pädagogik quasi wie ein Schimpfwort, obwohl er ein sehr guter Didaktiker ist und richtig gut erklären kann.
Wir sehen uns als unterhaltende Kindersendung, aber wir möchten nicht, dass man dümmer ist, wenn man die Sendung geschaut hat. Die Sachgeschichten sprechen alle an, das heißt, die 6- bis 9-Jährigen sollen es verstehen, damit verstehen es die Erwachsenen auch.

Prof. Burkhard Fuhs: Kindheit verändert sich ganz dramatisch. In der Vergangenheit haben wir das Lernen und die Lernzielkontrolle an die Schule delegiert. Lehrer haben das teils gut, teils nicht gut, stellvertretend für die Gesellschaft, übernommen. Jedes Buch etc. wurde sehr stark kontrolliert, von Kommissionen und Politikern. Jetzt gibt die UN-Kinderrechtskonvention einen neuen Auftrag zur Förderung der Kinder. Und wir haben plötzlich im Freizeitbereich, bei den Medien völlig entgrenzt, Lernsituationen. Das klappt sehr gut, so lange die Schule das Bildungssystem hält. Wir merken jetzt aber auch, das Elternhaus schlägt sehr stark durch. Das, was in der Freizeit gelernt wird, ist sehr wichtig. Das heißt, wir haben eine neue gesellschaftliche Verantwortung, die bisher die Schule hatte, in allen gesellschaftlichen Bereichen. Wir müssen bei jedem Medium, bei jeder Seite fragen, welchen Beitrag liefert es dafür, was unsere Kinder lernen sollen. Deshalb finde ich die Qualitätsdiskussion sehr wichtig. Denn die alte Schulpädagogik kann kaum Hinweise geben, zum Beispiel für einen guten Kinderfilm. Umgekehrt werden wir viel stärker einen Blick auf alle Filme und Produkte unter dem Lernaspekt haben. Wir haben eine vollständige Entgrenzung des Lernens. Wir entdecken gerade die frühe Kindheit. Es gibt eine Bildungshysterie. Das ist wie eine Goldgräberstimmung. Mit der Ganztagsschule und anderen Modellen entwickeln wir immer mehr Bildungshoffnung. Dem müssen sich die Medien stärker stellen als bisher.

Thomas Krüger: Die beste Pädagogik ist die, die sich unsichtbar macht. Lernen wird in der Schule noch zu stark fokussiert auf das formale Lernen. Die internationale Debatte unterscheidet längst zwischen dem formalen und dem informellen Lernen. Das wird bei uns in der Diskussion um die Qualitätsstandards vernachlässigt. Betroffen sind das frühkindliche Lernen, die politische Bildung, die Qualifizierung und Fortbildung – alles, was unter den Begriff des lebenslangen Lernens fällt.

Jana Köhler: Unsere tägliche Kinderseite soll einen Bildungseffekt haben. Deshalb gibt es in unserem Konzept die Mischung aus Wissenstexten und unterhaltenden Elementen. Wir versuchen die Kinder einzubinden und neugierig zu machen, was Zeitung und Bildung überhaupt ausmacht.
In den 80er und 90er Jahren stand Unterhaltung mit Rätseln und Basteln im Vordergrund, heute geht es weit darüber hinaus. Auch schwierige Themen werden nicht ausgeklammert, wie Winnenden oder der Tod von Robert Enke. Sie müssen nur kindgerecht aufgearbeitet werden.

Ansbert Kneip: Die Kindermedien haben keinen pädagogischen Auftrag im Sinne von Erziehung. Wir können die Pädagogik weder von den Eltern noch von den Schulen übernehmen. Die Medien haben einen aufklärerischen Auftrag. Kinder wollen nicht belehrt werden, aber sie wollen etwas wissen. Teilhabe am gesellschaftlichen Leben entsteht durch Wissen und nicht dadurch, dass jemand sagt, Du musst das wissen.

Andrea Kallweit: Der Pädagoge soll nur mit im Boot sein, ebenso wie der Ethiker oder der Enthusiast und der gute Programmierer. Es müssen unterschiedliche Professionen zusammenarbeiten, damit ein gutes Kinderangebot entstehen kann. Aber auch die Kinder müssen wirklich mit befragt werden.

Burkhard Fuhs: Wir wollen Kindermedien breiter aufgestellt haben, als das im Moment der Fall ist. Wir sollten Kindern Angebote machen, dass sie bestimmte Probleme, die in der Welt sind, kindgerecht bewältigen können. Das gehört für mich zum pädagogischen Auftrag einer Gesellschaft. Wie gehen wir mit den Jüngeren um, ist eine Fragestellung für alle Erwachsenen und umfasst somit auch journalistische Angebote. Brauchen wir neuen Kinderjournalismus? Also Angebote für und von Kindern, bei denen sie partizipieren können und gleichzeitig Nachrichten kindgerecht verarbeiten können.

Kinder nutzen sehr gerne Kinderangebote in den Medien, interessieren sich aber auch sehr stark für Erwachseneninhalte und -themen. Partizipation von Kindern muss deshalb auch heißen, dass wir uns bei jeder Erwachsenenkultur klar machen müssen, dass Kinder auch partizipieren.

Andrea Kallweit: Ich wünsche mir eine breite Diskussion. Wir haben die öffentlich-rechtlichen mit ihrem sehr guten Kinderangebot. Wir haben auch das große ehrenamtliche Kinderseitenengagement wie etwa "Seitenstark". Das sind enorme gesellschaftlich relevante Kräfte und Ideen, die man vernetzen muss, um das Ziel zu erreichen. Auch HanisauLand ist eine Seite, die das versucht, politische Hintergründe zu erklären und Kinder zu aktivieren.
Wir fordern, dass es für jedes Erwachsenenangebot auch ein gutes Kinderangebot geben muss: zum Beispiel für youtube müsste es automatisch ein kids.youtube.de oder für clipfish müsste es kids.clipfish geben. Es muss ein Kinderweb 2.0 geben. Es kann doch nicht sein, dass jedes zweite Kind mit Cybermobbing in Kontakt kommt, ohne dass wir etwas dagegen setzen, dass sie umgekehrt auch lernen können, dass sie im Internet auch gut miteinander umgehen können.

Thomas Krüger: Der Umgang mit den Medien ist ein sensibles Thema. Deshalb sind die Medien in der Pflicht, Verantwortung zu übernehmen. Damit sind wir bei den Qualitätsstandards, das heißt bei Fragen der Sicherheit und der Interaktivität, der Seriosität und eines ganz wichtigen journalistischen Prinzips, der Recherche. Sie müssen ineinander greifen und insgesamt schlüssig sein.

Burkhard Fuhs: Wir müssen mit der derzeitigen Übergangssituation vorsichtig umgehen, so brauchen wir viel mehr Internet-Bereiche, wo Kinder Fehler machen dürfen. Da wo der Jugendschutz nicht greift, muss Medienkompetenz die Kinder fit machen. Das geht bei den jüngeren Kindern aber nur bedingt. Wir können ihnen nicht diese Verantwortung aufbürden. So versucht das Netz für Kinder einen sicheren Surfraum zu schaffen.


Viten

Andrea Kallweit ist Medienpädagogin. Sie erstellt die Broschüre des Bundesfamilienministeriums "Ein Netz für Kinder – Surfen ohne Risiko?" und arbeitet im Referat "Internet für Kinder" bei jugendschutz.net, der Zentralstelle der Länder für Jugendschutz im Internet.

Thomas Krüger, geboren 1959, ist seit Juli 2000 Präsident der Bundeszentrale für politischen Bildung. Seit 1995 ist er Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes. Außerdem ist er Mitglied der Kommission für Jugendmedienschutz und des Kuratoriums für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten, Mitglied im Beirat Deutscher Kinderpreis (World Vision) und im Aufsichtsrat Initiative Musik. Von 1991 bis 1994 war er Senator für Jugend und Familie in Berlin, anschließend von 1994 bis 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages.

Prof. Dr. Dr. habil. Burkhard Fuhs, geboren 1956. Erziehungswissenschaftler und Volkskundler, Professur "Lernen und Neue Medien, Kindheit und Schule" an der Universität Erfurt. Vorstandsvorsitzender Erfurter Netcode

Jana Köhler, geboren 1978, Magisterstudium der Germanistik und Romanistik an der Universität Osnabrück. Volontariat beim SonntagsReport in Leer, Freie Mitarbeit beim Burdaverlag ("Freizeit Spass") in Offenburg.

Hilla Stadtbäumer wurde 1965 in Geldern geboren und studierte nach dem Abitur Biologie mit dem Schwerpunkt Zoologie an der Freien Universität Berlin und der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Nach dem Diplom absolvierte Hilla Stadtbäumer von 1992 bis 1994 ein Volontariat am Westfälischen Museum für Naturkunde in Münster, anschließend war sie als freie Mitarbeiterin für die Landesbildstelle Westfalen, für verschiedene Museen und die Berliner Festspiele GmbH tätig. Seit 1997 arbeitet Hilla Stadtbäumer als Redakteurin für die Sendung mit der Maus, seit 2002 ist sie federführend für diese Sendung verantwortlich und betreut Zeichentrickserien, Tierfilme und das Internet-Angebot der Maus.

Ansbert Kneip, geboren 1962 in Duisburg. Studium der Germanistik, Politik und Publizistik in Münster, 1988 Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg (10. Lehrgang). Anschließend Redakteur in den Deutschland-Ressorts des SPIEGEL, seit 2001 im Ressort Gesellschaft und Reportage. Kneip ist Verantwortlicher Redakteur für Dein Spiegel.


Online-Angebot

HanisauLand.de

HanisauLand ist das Land der Hasen, Nilpferde und Wildsauen und zugleich Handlungsort eines bpb-Projektes: Hier erfahren Kinder, wie das Zusammenleben in einer Demokratie funktioniert. Comicgeschichten, ein großes Politiklexikon mit Fragemöglichkeit und viele weitere Angebote helfen Politik zu verstehen.

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