Kindermedienkonferenz 2009

11.2.2010 | Von:
Katrin Kommerell
Das Sams

Journalismus für Kindermedien – erklärt uns die Welt auf Augenhöhe

Vortrag

Als Journalisten für Kinder haben wir es mit einer sehr heterogenen Zielgruppe zu tun. Für Kinder Themen auszuwählen, sie aufzubereiten, eine kindgerechte Sprache zu finden – das verlangt journalistisches Arbeiten auf hohem Niveau.

Kathrin KommerellKathrin Kommerell (© bpb)

Ich beginne mit einer Banalität: Als Journalisten für Kinder haben wir es mit einer sehr heterogenen Zielgruppe zu tun. Die Unsicherheit über diese Zielgruppe ist recht groß.

Was diese Zielgruppe aber auf jeden Fall eint, ist ihre gänzlich andere Ausgangslage gegenüber der Welt – im Vergleich zu uns Erwachsenen. Es gibt ein Gefälle – an Wissen, Erfahrungen, kognitiven Fähigkeiten. Es gibt Unterschiede in emotionalen Bedürfnissen und Unterschiede in dem, was sie von Medien erwarten. Wie spricht man also Kinder an? Wie kommt man auf Augenhöhe?


Biedern wir uns an, wenn wir versuchen, uns in sie hineinzuversetzen? Schreiben wir völlig an Kindern vorbei, weil wir erwachsen sind? Insbesondere "onkelhafte" Haltung geht gar nicht – gleichzeitig aber ist es unübersehbar, dass im Journalismus für Kinder auch ein pädagogischer Impuls steckt.

Kathrin KommerellKathrin Kommerell (© bpb)
Um hier auf Augenhöhe zu kommen, müssen wir uns sozusagen bücken – aber mit dem ganzen Entwicklungsvorsprung eines Erwachsenen – und mit unserer ganzen journalistischen Professionalität. Augenhöhe bedeutet also: Vom erwachsenen Blickwinkel abstrahieren können, ohne ihn zu verlassen.

Für Kinder Themen auszuwählen, sie aufzubereiten, eine kindgerechte Sprache zu finden – das verlangt journalistisches Arbeiten auf hohem Niveau – damit man dann wiederum bewusst und gezielt einsetzen kann, was für Kinder anders ist, was man weglassen muss oder stärker betonen muss. Das heißt auch, viele der Tipps und Hinweise, die ich Ihnen geben werde, kommen aus dem Standard des journalistischen Handwerkskoffers – es kommt jedoch darauf an, ihn reflektiert für diese sehr spezielle Zielgruppe einzusetzen.

Wer ist der Leser? So ist es immer gut, sich jemanden vorzustellen, auf Augenhöhe. Wie Lieschen Müller für Henri Nannen oder Dr. Lieschen Müller für Bucerius. Ich habe jemanden mitgebracht – der uns beim Schreiben vor Augen stehen kann: das Sams:


Wer das Sams kennt, kann sich vorstellen, was einem droht: So – zugespitzt - stelle man sich seinen Leser vor: Er ist widerspenstig, aber wohlwollend. Neugierig, aber nur auf das, was zu seiner konkreten und primären Erfahrungswelt Bezug nimmt. Wissensdurstig, aber kein Nürnberger Trichter. Dankbar für alles, aber absolut ungnädig, wenn es langweilig, ohne Bezug zu ihm, belehrend ist. Es ist ein Kind mit starkem emotionalem Zugang zur Welt – insbesondere Angst und Mitgefühl sind stark. Es will aktiv sein. Es kennt sich in der Erwachsenenwelt nicht aus, nimmt alles wörtlich und situativ und zieht seine eigenen Schlussfolgerungen daraus.

So eine Zielgruppe macht was sie will – aber was will sie genau?

Natürlich gibt es da die klassischen Kinderthemen, die auch Umfragen nach beliebt sind: Tiere, Kinder, Freundschaft, Schule, Kino, Stars etc. – interessant ist aber auch, dass wenn man die Auswahl vergrößert und Kinder ihre Lieblingsthemen darunter auswählen lässt, jedes Thema, sei es auch allgemein unbeliebt, noch immer bei einem Viertel der Kinder unter die Lieblingsthemen fällt (kleine Düsseldorfer Studie mit Grundschulkindern).

Ich behaupte aber, Kinder interessieren sich für alles – wenn sie einen Bezug für sich darin entdecken – bzw. wenn wir diesen Bezug herstellen. Auch bei klassischen Kinderthemen wie Tiere etc. ist man dabei übrigens nicht immer automatisch auf der sicheren Seite. Bei der Themenauswahl es ist es Erfolg versprechender, hinter die Themen zu blicken, danach zu suchen, was der Leser an einem Thema attraktiv findet:

Was ist also an einem Thema für Kinder interessant?

Damit wir hier auf Augenhöhe zu kommen, müssen wir von der Erwachsenen-Perspektive abstrahieren – und den Blickwinkel der Kinder einnehmen.

Erstens: Aktualität – das vorderste Interessenskriterium für Erwachsene! Aktuell ist das, was Kinder gerade beschäftigt – also gerade Weihnachten, der neueste Kinderfilm, die Bundesliga, die Schweinegrippe – aktuelles aus der Kinderwelt ebenso wie das, was aktuell in der Erwachsenenwelt ist und für Kinder erklärungsbedürftig ist, weil es ohnehin in aller Munde ist.

Aktuell ist für Kinder aber auch alles "unerhörte" - alles, was sie überhaupt zum ersten Mal hören! All das, was für uns immer schon da ist: dass arabisch von rechts nach links geschrieben wird, wie Ameisen überwintern etc. Der Bedarf nach einem aktuellen Aufhänger kann dabei häufig auch entfallen. Uninteressant ist übrigens die tägliche Aktualisierung wie wir Erwachsenen sie suchen: aktualisierte Opferzahlen bei einer Naturkatastrophe, der neueste Stand der Koalitionsverhandlungen etc.

Zweitens: Das Alltägliche, das Normale ist interessant. Kinder wollen Grundlagenwissen, um Alltägliches zu verstehen. Um einordnen können, was das Alltägliche stört. Achtung: wirklich großer Unterschied zu dem, was Erwachsene interessant finden, nämlich die "Störung des Alltäglichen". Das ist bei Kindern grundlegend anders: Ihr Vorwissen über das Normale, Alltägliche ist schließlich zu gering, um dessen Störung und Ausnahmen einordnen zu können. Einem Planeten wird der Planetenstatus abgesprochen – das ist nicht die Neuigkeit: sondern dass es überhaupt so was wie Planeten gibt und was sie von dem anderen vielen Dingsda im Kosmos unterscheidet. Für einen Flugzeugabsturz braucht man kein Vorwissen, um die Störung einordnen zu können – aber mindestens genauso interessant ist es, zu erfahren, wie es genau klappt, dass täglich Tausende von Flugzeugen sicher landen.

Drittens: Die gute Nachricht ist interessant – oder wenigstens die gute im Schlechten. Das heißt nicht, die Welt zu verklären oder negative Themen zu vermeiden. Aber einen konstruktiven Aspekt in jedem Thema finden, ist nicht nur ein pädagogischer Anspruch, sondern damit erreicht man Kinder auch: Sie schalten ab, wenn ihre Ängste zu groß werden. Kinder finden es einfach schlimm, wenn alles schrecklich und hoffnungslos ist. Ihre Empathie läuft ins Leere, man lässt sie im Regen stehen.

Wichtig ist, das aufzugreifen, was nicht sowieso längst verloren ist, sondern das konstruktive. Dagegen ist es interessant, wenn sie zum Beispiel bei einem Bericht über ein Erdbeben von einer Familie lesen, wie sie in all den Schwierigkeiten überlebt. In einem Bericht über den vom Aussterben bedrohten Schneeleoparden, soll stehen, was eine Tierschutzorganisation dagegen tut. Oder ein Text über die Neue Grippe darf nicht damit enden, dass zuwenig Impfstoff da ist – sondern wie man sich selbst am besten dagegen schützen kann.

Viertens: Der Nutzwert ist eine wichtige Interessenskategorie. Findet ein Kind in dem Text eine Information, die es direkt in seinem Leben verwerten kann, wird er interessant. Handlungsanregungen, Ratschläge, alles, womit sie aktiv werden können. Das hängt auch damit zusammen, dass sich Kinder stark mit dem identifizieren, was sie lesen. Sich auch schnell zum Betroffenen machen.

Das sind vor allem Aspekte, die für Kinder, anders als für Erwachsene, besonders wichtig sind. Natürlich ist auch alles interessant, was folgendes in sich hat: Superlative, Unglaubliches, Erstaunliches, geografische Nähe und Exotik insoweit, als es einen Bezug zum Leser findet, alles Exklusive aus der Welt der Kinder, alles wo Kinder Betroffene sind – und natürlich Unterhaltung!

Dies ist nicht eine Themenliste, sondern eine Liste jener Aspekte, die ein Thema möglichst hergeben sollte, die man herausarbeiten sollte, damit der Leser sie dann auch möglichst schnell erkennen kann. Wir können dem Leser nur einen Steinbruch anbieten, ihm möglichst viele Anknüpfungspunkte bieten, Bezugsangebote, Bausteine – aus denen sich Kinder selbst auswählen, was sie wollen und brauchen. Wir sind mit unseren journalistischen Angeboten keineswegs der einzige Kanal, mit dem Kinder die Welt kennen lernen und verstehen. Geschweige denn, dass ein Kind brav alles durchliest, nur weil es die Zeitung abonniert hat (wie Erwachsene).

Resümee: Finden wir solche Interessensaspekte, dann eignen sich fast alle Themen, natürlich auch politische und wirtschaftliche.

Was nicht geht, ist alles, was langweilig ist. Was weitgehend am Interesse der Kinder vorbeigeht und kaum Bezug findet: Studentenstreik? Haushaltsdebatten? Fusionen großer Konzerne?


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HanisauLand ist das Land der Hasen, Nilpferde und Wildsauen und zugleich Handlungsort eines bpb-Projektes: Hier erfahren Kinder, wie das Zusammenleben in einer Demokratie funktioniert. Comicgeschichten, ein großes Politiklexikon mit Fragemöglichkeit und viele weitere Angebote helfen Politik zu verstehen.

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