Kindermedienkonferenz 2009

11.2.2010 | Von:
Katrin Kommerell
Das Sams

Journalismus für Kindermedien – erklärt uns die Welt auf Augenhöhe

Vortrag

Textliche Aufbereitung

Hat man das, was an einem Thema aus der Sicht des Kindes interessant ist, geht es an die textliche Aufbereitung, an die Dramaturgie. Auch hier braucht man zwar nur den journalistischen Handwerkskoffer öffnen – allerdings mit Nachdruck und großer Sorgfalt.

Ich greife heraus, was gegenüber dem Leserkind besonders wichtig ist: Wichtig ist – noch rascher als es bei Erwachsenen der Fall sein sollte – dass erkennbar sein muss, um was es geht. Was bringt es mir? Was soll ich hier erfahren? Das sind Fragen des Lesers, die dann beim Schreiben möglichst schnell beantwortet werden müssen. Ich habe wieder das Sams vor Augen. Kinder haben keine Lust, sich lange zum Verständnis dessen durchbeißen zu müssen, was in einem Text für sie interessant ist. Nicht nur keine Lust – Kinder haben auch noch weniger Lese- und Texterfassungskompetenz als Erwachsene.

Um schnell zur Sache kommen zu können, ist es dafür sehr nützlich, für sich in 2-3 Sätzen zu formulieren, was an seinem Thema eigentlich interessant ist. Quasi die Kernaussage. Nutzen Sie die Liste der Interessenskategorien – worüber lässt sich staunen? Wo liegt der Nutzwert? Was begleitet den Leser emotional?

Beispiel: Eine Geschichte über Wölfe, die in Deutschland angesiedelt werden:
  1. Mensch, die gibt´s jetzt ganz in meiner Nähe!"
  2. "Aha, so leben sie also."
  3. Und: "Die sind gar nicht so gefährlich wie ich dachte."
Für den Autor ist das mit die wichtigste Aufgabe, dass er das für sich klar hat (quasi als Arbeitshilfe) – aber auch, damit er seinen Text zielgenau für das Leserkind verfassen kann. Die Kernaussagen transportieren vor allem all diese Kleintexte wie Titel, Vorspann, Bildunterschriften.

Dann kommt es darauf an, so klar und deutlich wie möglich, strukturiert am roten Faden entlang die Geschichte zu entwickeln und zu schreiben. Mischen Sie erzählende, berichtende, auch wertende Elemente und Nutzwertiges, wo es passt.

Manches, was man als Journalist sowieso beachten sollte, muss hier noch zielstrebiger und nachdrücklicher erfolgen:
  1. Beim Einstieg gleich auf den Punkt kommen.
  2. Gedanken-Schritt für Gedanken-Schritt erzählen.
  3. Wichtig ist, nachvollziehbar, möglichst in der zeitlichen und logischen Reihenfolge zu erzählen.
  4. Ergebnisorientiert, nicht diskursiv.
  5. Am Schluss: Emotionen aufgefangen? Wichtigste Fragen der Kinder beantwortet? Handlung angeregt?
Das alles ist aber oft leichter gesagt als getan: Schwierig wird es, wenn man insgesamt
  1. von wenig Vorwissen ausgehen soll
  2. aber gleichzeitig wenig Platz hat – die Texte sollen ja möglichst kurz sein.
Was, wenn man bei Sach-Erklärungen in den Wald kommt? Wenn man von Hölzchen auf Stöckchen kommt?

Ich bin immer für "Kill your darlings". Also: Alles weglassen, auch wenn´s zu bekannt, zu kompliziert, zu schockierend, absurd oder zu moralisierend ist. Lieber eine Unterfrachtung als Überfrachtung.

Bieten Sie keine Erklärungen, die wiederum offene Fragen aufwerfen, die dann wieder erklärt werden müssen. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Extra-Themen lassen sich extra behandeln (zum Beispiel mit Kästen, Bildern und Bildunterschriften etc.) Gutes Beispiel: Zeitung Wirbelsturm in Birma (PPP)

Wie kommt man dann mit dem Rest klar – dem ganzen immer noch komplexen Rest? Am besten nach dem Motto: Duplo statt Legotechnik – grob Zusammenhänge erklären. Werden Sie konkret. Versuchen Sie, von all den Abstraktionen und Oberbegriffen wegzukommen und das Thema runterzubrechen auf seine konkreten Grundbestandteile. Die Erfordernisse für kindgerechte Sprache – die bringen es übrigens sowieso mit sich, dass man klar und einfach auch seine Gedanken führt und konkret wird. Beginnen Sie also bei der Gedankenführung nicht von oben her, sondern von unten: Erzählen Sie, setzen Sie das in Szene, was Sie erklären wollen. Durch das Konkrete verstehen Kinder auch die größeren Zusammenhänge. Oberbegriffe erledigen sich dann meist von selbst.

Ein Beispiel bei dem es um 20 Jahre Mauerfall geht: "Für die Menschen in der DDR ging es auch um den Wunsch nach Demokratie. " - Also, eine Demokratie ist......" Warum überhaupt erst auf die abstrakte Ebene gehen? Vielleicht reicht auch der Satz: "Die Menschen in der DDR wollten mehr Freiheiten, mehr mitbestimmen, sich offen über ihre Politiker beschweren, reisen wohin sie wollten etc... – denn das war – anders als in der Bundesrepublik – nicht erlaubt in der DDR."

Gutes Beispiel: In einem Text über Obama heißt es: "Dass dieser amerikanische Traum wahr werden kann, hat Barack Obama bewiesen. Er wuchs ohne Vater auf, hatte nie viel Geld und ist obendrein ein Afro-Amerikaner, also ein Mensch mit schwarzer Hautfarbe. Die hatten früher nie eine Chance."Außerdem wichtig: am Anfang nicht zu dichte Information! Es darf ruhig mit jedem Schritt komplexer werden – aber nicht gleich am Anfang!

Gutes Beispiel, wie dieser Text zur Bundestagswahl beginnt: "Einmal in der Woche, jeden Mittwoch um Punkt halb zehn, treffen sich im sechsten Stock des Berliner Kanzleramts die mächtigsten Männer und Frauen Deutschlands: die Kanzlerin und ihre 15 Minister. Sie besprechen alles, was wichtig sein könnte für die Menschen im Lande. Dann beschließen sie etwas. Sie regieren." Das ist ein Beispiel für den Weg vom Konkreten zur Abstraktion, wie man von unten anfängt. Allzu einfach? Aber erlaubt, weil anschaulich – und nach und nach erklärt sich alles.

Verzichten Sie im Zweifelsfall auf Genauigkeit zugunsten der Nachvollziehbarkeit der größeren Zusammenhänge. Diese Vereinfachung ist für uns Erwachsene oft noch aus einem anderen Grund problematisch. Je mehr inhaltlich rausfliegt, umso weniger differenziert wird man auch in der Wertung? Vielleicht nicht mehr politisch oder sozial korrekt? Dazu meine ich: Kinder verlangen Stellungnahme, Wertung. Kinder haben ein sehr starkes moralisches Bewusstsein – etwa für sozial schwächere, für Gerechtigkeit, etc. Lässt man ihnen alles offen, relativiert und differenziert man zuviel, dann verunsichert man sie, ja verweigert ihnen die Kompetenz, die sie vom Journalisten erwarten.

Auch das ist Augenhöhe: Stellen Sie sich auf den moralischen und emotionalen Blickwinkel des Leserkindes ein.


Online-Angebot

HanisauLand.de

HanisauLand ist das Land der Hasen, Nilpferde und Wildsauen und zugleich Handlungsort eines bpb-Projektes: Hier erfahren Kinder, wie das Zusammenleben in einer Demokratie funktioniert. Comicgeschichten, ein großes Politiklexikon mit Fragemöglichkeit und viele weitere Angebote helfen Politik zu verstehen.

Mehr lesen auf hanisauland.de