Kindermedienkonferenz 2009

11.2.2010 | Von:
Nicole Hanisch

Kinder sehen die Welt mit anderen Augen – was Medien von den Jüngsten lernen können

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie sehen die Welt mit anderen Augen. Sie möchten altersgerecht als Kinder angesprochen werden. In jeder Entwicklungsphase stellen sie anderen Anforderungen an das Fernsehen.

Nicole HanischNicole Hanisch (© bpb)

Das gilt etwa für das Prinzip der Gleichzeitigkeit: Wenn etwas gestern geschehen ist, ist es für das Kind heute noch genauso relevant, wenn es heute an der Stelle vorbeikommt. Alles ist zugleich wirksam. Kinder erleben zum Beispiel den Umgang mit Medien unmittelbarer. Sie sind in "den Medien drin". Kinder reagieren stark auf körperliche Gestik, sie erkennen, ob eine Aussage authentisch ist. Sie erkennen, wie die handelnden Figuren ihre Gefühle ausdrücken. Beispiel Sponge Bob. Er ist ein personifiziertes Gefühl. Wenn er wütend ist, ist er das in der kompletten Gestalt. Das lieben Kinder.


Nicole Hanisch: Stukturen der kindlichen Seele. © RheingoldNicole Hanisch: Stukturen der kindlichen Seele. © Rheingold
Kinder sind nicht simpler, aber anders im Umgang mit dem Unbewussten. Die Kinderforschung hilft auch, die Erwachsenen besser zu verstehen. Erwachsene erleben mit den Kindern eine Entwicklungsreise. Kinder leben sehr lebendige Bilder. Das Widersprüchliche stört sie nicht. Sie können zum Beispiel nicht an den Weihnachtsmann glauben, ihm gleichzeitig aber ganz leidenschaftlich einen Wunschzettel schreiben. Sie setzen lebendige Bilder um. So reicht es nicht, auf ein Essen zu schreiben, dass es gesund ist. Kinder fragen, was kann ich mit dem Essen werden: stark wie ein Ritter, schön wie eine Prinzessin o.ä.

Kinder können sich in alles verwandeln. Sie bekommen ein Wilde-Kerle-Käppi und sind von der kompletten Konstitution ein wilder Kerl. Kinder denken magisch, die fantastische ist mit der realen Welt eng verwoben. So können die Ausrüstungsgegenstände (Merchandising-Artikel) magische Kräfte verleihen.

Kinder freuen sich, wenn sie altersgerecht als Kinder angesprochen werden. Wenn sie älter werden, ändert sich das. Manchmal verwechseln sie auch Dinge, zum Bespiel ein kleines Actimel-Fläschchen verstehen sie als Kinderansprache, weil es so klein ist. Sie sehen gerne Produkte und Medien, die speziell für Kinder gemacht und altersgerecht sind. Deshalb ist es schwierig, verschiedene Altersgruppen mit einem Format anzusprechen ("Das ist ja Babykram"). Kinder können aber auf die unterschiedlichen Entwicklungsstufen zurückgreifen, wenn sie morgens aufstehen und sehr anlehnungsbedürftig sind, greifen sie eher auf Produkte oder Medien zurück, die beruhigend oder stärkend wirken. Wenn sie dann auf dem Schulhof sind, dann ist das Kind cool und gleich fünf Jahre älter.

Kinder suchen Angebote für die jeweiligen Entwicklungsthemen. Medien bieten Hilfe, Lösungsansätze zu finden. Jede Entwicklungsphase hat Themen, die Kinder bewegen. Deshalb ist es wichtig, altersrelevant zu kommunizieren. Kinder wollen aus den Medien etwas für ihr Leben mitnehmen. Nicht nur Unterhaltung, sondern Lösungen für die Entwicklungsthemen. Dafür sind Reime, Bilder, Slogans und Symbole sehr wichtig. Kinder nehmen Reime mit und setzen sie an Stellen ein, wo sie glauben, dass sie eine Lösung bieten. Wichtig ist, dass Kinder ihre Eltern immer mit im Blick haben. Sie antizipieren die Reaktion der Eltern ("Wie kann ich den Eltern verkaufen, dass ich ein bestimmtes Produkt oder Medium bekomme?"). Wichtig ist für Kinder, dass sie Verhandlungsargumente mitbekommen, um die Eltern zu überzeugen. Das ist ein gegenseitiges Projektionsfeld. Das treibt oft auch merkwürdige Blüten. Viele Eltern haben einen Förderungswahn, sie fahren die Kinder von Geige zum Tennis etc. Da sind auch immer eigene Wünsche der Eltern drin. Kinder kennen diese Wünsche der Eltern sehr gut. Sie können das immer sehr schnell entlarven. Kinder wollen die Wünsche einerseits erfüllen oder, etwa in der Pubertät, dagegen revoltieren.

Kinder sind in gewisser Weise Spiegel der Kultur. Es entsteht der Eindruck: Kranken die Kinder, krankt die Kultur. Kinder werden als Entwicklungskeime einer Kultur angesehen. Wenn mit den Kindern etwas passiert, zum Beispiel, dass sie ganz dick werden, ist das für die Kultur extrem beunruhigend. Gleichzeitig bringt die Kultur relevante Themen hervor. Bei uns ist eine Selbstständigkeitskultur der Kinder sehr stark. Das klingt erst einmal positiv, kann aber auch zu einer Selbstüberlassung der Kinder führen. Medien werden auch oft eingesetzt, um sich als Eltern einen kleinen Freiraum zu schaffen. In Deutschland ist zu dem ein so genannter "Schöpfungswahn" zu beobachten: Früher hat man körperliche Mängel eher akzeptiert, wer etwas dicker war, konnte sagen "ich habe aber schwere Knochen". Heutzutage gibt es das Prinzip der schweren Knochen nicht mehr. Man geht ins Fitnessstudio oder macht ähnliches, man kann sich selbst erschaffen. Man kann auch Kinder in jeder Altersphase bekommen (Stichwort künstliche Befruchtung). Das wirkt sich auch auf die Kinder aus, weil Erwachsene sich die Kinder schaffen wollen, wie sie sie sich vorstellen. Natürlich hat man Vorbehalte gegen Genforschung, aber mancher würde vielleicht doch gerne ein bisschen Einfluss nehmen wollen. In unserer Kultur kann man aber auch frühzeitig Einfluss nehmen etwa mit Bildungsfernsehen o.ä. Eltern fragen "Wann kann ich ansetzen?".

Entwicklungsphasen und TV-Anforderungen

Bei den 2- bis 3-Jährigen sind wichtige Entwicklungsthemen Trennung und Heimkehr, etwa allein ohne die Eltern in die Krippe zu gehen etc. Da die Aufmerksamkeitsspanne sehr klein ist, brauchen sie zunächst ein Erlebnis, das sie mitbekommen mit einem klaren Anfang und Ende, keine verschachtelte Handlung. Kinder sind in diesem Alter wenig differenziert. Zum Beispiel: Erst einmal ist für das Kind ein Auto ein Auto, später kommen erst die Automarken hinzu.

Bei den 4- bis 5-Jährigen spielt die Entwicklung mit den Peers eine stärkere Rolle. Mädchen oder Junge sein, etwas Besonderes sein. Schuldbewusstsein entwickelt sich, hat man einen Fehler begangen? Und es geht um Wiedergutmachung. In den Medien kann man etwas komplexere Geschichten erzählen, aber mit einer klaren Storyline, nicht mit verschiedenen Handlungssträngen. Medien sind sehr stark Begleiter oder auch so etwas wie Elternersatz.

Bei den 6- bis 9-Jährigen geht es um eigene Ziele formulieren und durchhalten. Der Schuleintritt ist die zentrale Entwicklungsaufgabe. Die Peers kommen jetzt noch stärker zum Tragen. Wettbewerb, Rivalität, Konkurrenz – die Kinder merken, sie können etwas erreichen. Erfolgsstorys sind ganz wichtig. Die magischen Welten treten hier zum Teil etwas zurück hinter Wissensausrüstung ("Wissen macht Ah") mit vollem Input: "Wie kann man die Welt verstehen?". Neben den Wissensangeboten kommen auch Verwandlungswirbelangebote wie Sponge Bob. Erste Beziehungsdramen spielen eine Rolle "wenn man in der Gruppe nicht gemocht wird, was macht man dann?". Medien werden als Aufklärer und Wissensausrüster gesehen.

Bei den 10- bis 14-Jährigen spielen ganz viele Themen eine Rolle: eigene Identität, Führen und Formen, wer bin ich eigentlich? Dazu kommen pubertäre Erschütterungen wie die Veränderung des Körpers. Die Geschlechtsrolle und die Bezogenheit auf das andere Geschlecht kommen zum ersten Mal als Themen auf. Als Erfahrung kommt hinzu, Grenzen zu spüren. Erstmalig kommt der Verdacht: Kann ich alles werden? Auch bei den Eltern kommen die ersten Zweifel auf. Die Kinder spüren das. Deshalb ist es eine gefrustete Zeit. Eine Enttäuschungsbewegung kommt auf. Bei den TV-Anforderungen sollen die Formate Parallelwelten darstellen – einerseits Tagträume ausleben, wie werde ich etwas Besonderes? (zum Beispiel die Castings-Shows). Medien werden als Parallel- und Traumwelt gesehen.

Elternanforderungen an Kindermedien

Nicole Hanisch: TV-Anforderungen im Tagesverlauf. © RheingoldNicole Hanisch: TV-Anforderungen im Tagesverlauf. © Rheingold
Es wird unterschieden, wie stark Eltern Kinder aktivieren und stärken oder beruhigen wollen – Eltern wissen genau, wann sie welches Medium einsetzen. Sie wollen zum Beispiel nicht, dass Sponge Bob am Abend geschaut wird, weil dann die Kinder überdreht sind. Morgens eher Aktivierung, Stärkung (Formate mit wechselnden Sequenzen), mittags Stärkung, nachmittags ist die Spielzeit, da kann Wirbel entstehen (Spiele, Sponge Bob, Führungsfiguren wie Benjamin Blümchen), abends langsam zur Ruhe kommen. Dort gibt es Formate, die Kinder und Eltern ansprechen (an eigene Kindheit erinnern, Beruhigung, gutes Ende) – sie sind wichtige Kontaktmedien. Der zweite Aspekt: Soll das Medium als Elternersatz eingesetzt werden oder soll es dazu dienen, ins Gespräch zu kommen?

Medien sollen über den Tag Entlastungsfunktionen für Kinder und Eltern bieten. Sie müssen den spezifischen Anforderungen des Tagesablaufs gerecht werden. Sonntags morgens sind Formate beliebt, an die man gut delegieren kann, "Babysitter" wie Sendung mit der Maus.


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HanisauLand ist das Land der Hasen, Nilpferde und Wildsauen und zugleich Handlungsort eines bpb-Projektes: Hier erfahren Kinder, wie das Zusammenleben in einer Demokratie funktioniert. Comicgeschichten, ein großes Politiklexikon mit Fragemöglichkeit und viele weitere Angebote helfen Politik zu verstehen.

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