Kindermedienkonferenz 2009

11.2.2010 | Von:
Verena Weigand
Hans Joachim von Gottberg

Prädikat kinderfreundlich? - Die Gesellschaft in der Zukunft

Jugendschutz gibt es für öffentlich-rechtliches und für privates Fernsehen. Der Beschwerdeanteil ist beim privaten Fernsehen jedoch erheblich höher als beim öffentlich-rechtlichen. Welche Möglichkeiten gibt es auf die Fernsehmacher einzuwirken? Müssen die bewährten Instrumente modernisiert werden? Gibt es eine gemeinsame Meinung beim Jugendschutz?

Verena Weigand, Jugendschutzreferentin, Leiterin der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM), Bayerische Landeszentrale für neue Medien
Hans-Joachim von Gottberg, Geschäftsführer, Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF)
Moderation: Thomas Krüger, Präsident der bpb

Zusammengefasst einige Statements aus der Diskussion (Aufzeichnung vom 4. Dezember 2009)

V.l.n.r.: Verena Weigand, Thomas Krüger und Hans-Joachim von GottbergV.l.n.r.: Verena Weigand, Thomas Krüger und Hans-Joachim von Gottberg (© bpb)

Was ist regulierte Selbstregulierung?

Weigand: Die regulierte Selbstregulierung gibt es seit 2003. Da gab es eine Reform des Jugendmedienschutzes. Seitdem gibt es zwei große Gesetzeswerke, die den Jugendmedien-
schutz in Deutschland regeln: 1. das Jugendschutzgesetz (zuständig für Jugendschutz in der Öffentlichkeit und für Trägermedien), 2. der Jugendschutz-Medienstaatsvertrag der Länder (regelt Jugendmedienschutz in Hörfunk, Fernsehen und Internet).


Stichwort Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen: Was sind die Aufgaben der Jugendschutzbeauftragten bei den privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern?

Das PublikumDas Publikum
Von Gottberg: Jugendschutzbeauftragte gibt es per Gesetz. Und zwar für öffentlich-rechtliches und privates Fernsehen. Der Unterschied liegt allerdings darin, dass bei den privaten Sendern die Jugend-
schutzbeauftragten in der Regel Vollzeit beschäftigt sind oder ganze Abteilungen dafür zuständig sind (weil die finanziellen Konsequenzen sehr groß sind). Beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen sind sie in der Regel bei den Justitiaren angesiedelt. Der Beschwerdeanteil aus dem Publikum beim privaten Fernsehen ist sehr viel größer als bei den öffentlich-rechtlichen. Es werden dann Verfahren eingeleitet. Bei Beanstandungen drohen auch Bußgelder. Irgendwann kann es unter Umständen auch zum Lizenzentzug kommen.

Der Jugendschutzbeauftragte ist in die Programmplanung und den Programmeinkauf eingeschaltet. Er schaut, ob es FSK-Vorgaben gibt. Es gibt eine Koppelung mit dem Kino, zum Beispiel dürfen Filme, die erst ab 16 Jahren freigegeben sind, erst nach 22 Uhr im Fernsehen gesendet werden. Bei allen Live-Programmen und Magazinen muss er ein Frühwarnsystem einschalten, damit keine unerwünschten Bilder hinein kommen. Man kann sagen, das System funktioniert ganz gut, aber es ist noch nicht perfekt.


Gibt es positive Erfahrungen mit dem Frühwarnsystem dieser Selbstkontrollen?

Weigand: Man kann sagen, dass es in der Anfangszeit noch ganz anders war. Da haben die Sender nur die Filme vorgelegt, von denen sie wussten, dass sie die gewünschte Sendezeit von der FSF genehmigt bekommen. Deshalb hatten wir beim KJM relativ viele Fälle, die in Verfahren liefen, die vorher gar nicht bei der FSF gewesen waren. Wir haben den Sendern klar gemacht, dass sie möglichst viele Filme vorlegen sollen, denn der Prozess ist ja eigentlich ein Senderschutz – der Sender wird vor dem KJM geschützt.

Wir haben beim KJM ein gutes Frühwarnsystem und wissen meist im Voraus, welche Formate für Aufsehen sorgen werden. Ich hatte Fälle, da habe ich an einem Tag 50 Interviews gegeben. Bei 40 war die Frage: Warum haben Sie das nicht verboten? So kann man davon ausgehen, dass es auch bei den Medien die Meinung gibt, dass wir in Deutschland eine staatliche Zensur haben. Das finde ich dann auch immer wieder erschütternd. Bei uns darf erst einmal jeder etwas anbieten, untersucht und geahndet wird dann im Nachhinein.

Wie geht der Jugendmedienschutz mit der Asymmetrie zwischen Altersempfehlungen einerseits und den tatsächlichen Vorlieben der Kinder andererseits um?

Weigand: Dabei kommt der Jugendmedienschutz ganz klar an seine Grenzen. Aber es wird natürlich versucht, darauf ein Stück weit einzugehen. Beim Jugendmedienschutz haben wir ein klares, aber etwas veraltetes Instrument, das von der FSK herrührt, die Alterseinstufungen (ab 0, 6, 12, 16, 18), die allerdings nicht wirklich funktionieren. In der Spanne zwischen 6 und 12 passiert unheimlich viel in der Entwicklung, zwischen 16 und 18 relativ wenig. Der Jugendschutz muss zudem auch immer gefährdungsgeneigte Kinder und Jugendliche im Blick haben.

Es gibt Inhalte, die sind in den Kindermedien komplett verboten. Darüber hinaus sollen Jugendschützer eine Wirkungsvermutung für die jeweilige Altersgruppe anstellen. Die zentrale Definition lautet: Ein Angebot darf Kinder einer bestimmten Altersgruppe nicht in der Entwicklung und Erziehung zu einer eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit beeinträchtigen.

Gibt es so etwas wie universale Werte? Was kann man von Eltern erwarten und gibt es eine gemeinsame Meinung zu diesem Thema im Jugendschutz?

Von Gottberg: Nein, die gibt es nicht. Wir müssen schauen, wo es Formen von Erziehungsmodellen gibt, die konsensfähig sind. Meine Meinung ist, dass es darum geht, die Grundwerte des Grundgesetzes zu schützen, zum Beispiel das Recht auf Menschenwürde oder auf körperliche Unversehrtheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wenn eines dieser Rechte in einem Angebot nicht eingehalten wird, handelt es sich um einen Verstoß gegen ein Erziehungsrecht, das wir nicht wollen.

Weigand: Es geht um die Entwicklung und Erziehung zu einer gemeinschaftsfähigen und eigenverantwortlichen Persönlichkeit. Es stehen Erziehungsziele dahinter. Wenn gegen die in einer Fernsehsendung massiv verstoßen wird, ist nach unserer Einschätzung die Möglichkeit einer Beeinträchtigung gegeben, zum Beispiel beim Thema "Deutschland sucht den Superstar (DSDS)". Wenn Erzieher und Lehrer mühsam versuchen, den Kindern beizubringen, andere nicht auszustoßen oder zu mobben und dann eine Sendung ausgestrahlt wird, in der das zum Unterhaltungsprinzip wird, dann sind das für mich klare Verstöße.

Wie weit darf eine Fernsehsendung gehen?

Von Gottberg: Die erste Grenze besteht darin, wenn ein Kind oder Jugendlicher dargestellt wird, bei dem der Zuschauer – uns geht es ja um den Zuschauer – den Eindruck gewinnen könnte, man könne auf den Schwächeren "herumtreten". Da haben wir als FSF einen Verhaltenskodex entwickelt, der bei der Redaktion von RTL-DSDS angewendet wird, nur nicht von Dieter Bohlen, der da nicht mitmacht, weil er nicht versteht, was wir da aufschreiben. Wir versuchen alles, damit die Grenzen eingehalten werden.

Bei DSDS entsteht der Eindruck, dass nach jeder Intervention der KJM noch eine Spitze draufgepackt wird.

Von Gottberg: Ich habe auf RTL eingeredet, die Staffeln 2007 vorzulegen, weil es Ärger geben würde. Dann kam es auch zu Beschwerden und Bußgeldern. Diese 100.000 Euro machen die Sender nicht pleite, aber zum Beispiel die Werbewirtschaft reagiert und möchte nicht in diesen Formaten vertreten sein. Dann müssen die Sender reagieren und sehen, dass eine gesellschaftliche Verträglichkeit erreicht wird. Darauf hin haben wir als FSF einen Verhaltenskatalog entwickelt – daran haben sie sich im Wesentlichen gehalten. Konsequenz: In diesem Jahr gab es erheblich weniger Beschwerden und Beanstandungen durch die KJM.

Wie entstehen Werte?

Von Gottberg: Die eine Meinung sagt, dadurch, dass man sie vorlebt. Also einen positiven Lernimpuls bietet. Ich bin da etwas skeptisch: Mit guten Vorsätzen allein funktioniert das nicht. Ich meine, dass wir eine Art "Probehandeln" brauchen und das bieten die Medien. Medien sind keine Realität, sie bieten eine Inszenierung. Wir brauchen den Regelverstoß in der Inszenierung. Das führt uns dazu, dass wir darüber diskutieren und uns fragen, wie können wir den Regelverstoß verhindern.


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