Kindermedienkonferenz 2009

11.2.2010

Wie Kinder richtig fernsehen

Adventszeit ist auch Fernsehzeit. Wenn draußen Schmuddelwetter herrscht, landen Kinder und Jugendliche oft schon nachmittags vor der Glotze - zur Sorge der Eltern. Ist Fernsehen wirklich so schädlich, und wie können Eltern den TV-Konsum steuern? Darüber sprach Morgenpost-Redakteurin Beatrix Fricke mit Verena Weigand, Herausgeberin des Kinder-Fernsehmagazins "Flimmo" und Leiterin der Stabsstelle der Kommission für Jugendmedienschutz.

Berliner Morgenpost: Fernsehen ist heute schnell, auf Effekte bedacht und oftmals extrem. Empfinden das nur Eltern so oder auch die Kinder?

Verena Weigand: Das Fernsehprogramm ist durch die vielen Kanäle beliebiger als früher. Deshalb darf man die Medien aber nicht verteufeln, sondern sollte den Umgang mit ihnen steuern. Dafür können Eltern versuchen, das TV-Programm mit Kinderaugen zu sehen.

Berliner Morgenpost: Was heißt das?

Verena Weigand: Kinder nehmen Fernsehen anders wahr als Erwachsene. Ein Beispiel: Zeichentrickfilme erscheinen Erwachsenen oft gewaltbeladen und chaotisch. Doch können Kinder das Geschehen schon im frühen Alter leicht als erfunden einordnen, weil offensichtlich ist, dass es sich nicht um reale Figuren handelt. Da gibt es Distanzierungsmöglichkeiten.

Berliner Morgenpost: Also sind Zeichentrickfilme gut?

Verena Weigand: Wenn Gewalt als einziges Mittel der Auseinandersetzung dargestellt wird wie in den Mangas, sind sie wieder problematisch. Schwierig wird es für junge Zuschauer aber insbesondere, wenn echte Personen auftauchen - erst recht in Casting-Shows oder im Reality-TV. Da ist es ja selbst für Erwachsene teilweise schwierig, den Anteil der Inszenierung zu erkennen. Hier gilt es, Grenzen zu setzen.

Berliner Morgenpost: Wie denn?

Verena Weigand: Dafür gibt es den Jugendmedienschutz. Jeder TV-Anbieter hat zunächst die Freiheit, seine Inhalte zu veröffentlichen. Die Kommission für Jugendmedienschutz kann aber im Nachhinein Beanstandungen aussprechen, Bußgeld verhängen oder einen anderen Sendeplatz einfordern. Wenn es den Jugendmedienschutz nicht gäbe, sähe das TV-Angebot noch ganz anders aus.

Berliner Morgenpost: Wie wirksam sind solche Instrumente aber tatsächlich?

Verena Weigand: Der Jugendmedienschutz will bis zum 18. Lebensjahr schützen, aber realistischerweise entfaltet er die meiste Wirkung bei den unter Zwölfjährigen. Denn die Älteren sind clever und hartnäckig genug, sich die Dinge zu besorgen, die sie interessieren. Den Konsum zu regeln, also wie und wie lange ein Kind das Fernsehen täglich nutzt, ist indes sowieso Sache der Medienpädagogik.

Berliner Morgenpost: Hier sind also die Eltern gefragt. Müssen sie nicht ihr eigenes Medienverhalten reflektieren? Wer viel fernsieht, muss sich nicht wundern, wenn die Kinder das nachahmen.

Verena Weigand: Es ist richtig, dass das Vorbild immer noch eines der stärksten Erziehungsinstrumente ist. Aber zu einem bestimmten Verhalten zwingen kann man niemanden. Man kann nur hoffen, dass man Eltern als Ansprechpartner gewinnt und für die problematischen Aspekte des Fernsehens sensibilisieren kann.

Berliner Morgenpost: Wird die Medienschelte auch übertrieben? Gern werden TV und Internet verantwortlich gemacht, wenn Kinder unsozial oder schlecht in der Schule sind.

Verena Weigand: Natürlich übt das reale Umfeld einen größeren Einfluss aus. Mit anderen Worten: Wer reale Gewalt erfährt, ist davon mehr beeinträchtigt, als wenn er einen Film mit Gewalteinwirkung sieht. Aber der Umgang mit dem Programm ist schon entscheidend. Wenn ein Kind drei Stunden täglich fernsieht, sagt einem schon der gesunde Menschenverstand, dass dies die schulischen Leistungen nicht unbedingt steigert, denn in diesem Zeitraum tut das Kind eben nichts anderes.

Berliner Morgenpost: Wie kann man Kindern den Umgang mit dem Fernsehen beibringen?

Verena Weigand: Ich halte es für falsch, Kinder möglichst lange von allen Medien fernzuhalten. Dann werden sie den Konsum nämlich irgendwann nachholen wollen. Außerdem ist es auch wichtig, dass sie mitreden und sich eine Meinung bilden können. Daher sollten Kinder auch mit Werbung konfrontiert werden, denn sonst können sie ja keine Werbekompetenz erlernen. Aber das muss häppchenweise geschehen.

Berliner Morgenpost: Gibt es eine Faustregel, wie viel Fernsehen in welchem Alter gut ist?

Verena Weigand: Das unterscheidet sich von Kind zu Kind: von seinem Umfeld, ob es in der Schule Probleme hat, ob es zu wenige Kontakte hat. Aber es gibt durchaus Richtmaßstäbe. Viele Experten sagen, vor drei Jahren sollten Kinder gar nicht fernsehen, zwischen drei und sechs Jahren sehr restriktiv, keinesfalls regelmäßig und, wenn es geht, nur aufgezeichnete Sendungen, damit das Gesehene wiederholt werden kann.

Berliner Morgenpost: Warum ist Wiederholung wichtig?

Verena Weigand: Das ist ein Prinzip frühkindlichen Lernens: Durch Wiederholungen begreifen die Kinder. Auch wenn die Mutter genervt ist, dass zum 15. Mal derselbe Film eingelegt wird - das ist ganz zentral. Die Kinder hören von selbst auf, wenn sie etwas verarbeitet haben.

Berliner Morgenpost: Wie können Eltern bei ihren Kindern Fernsehregeln durchsetzen?

Verena Weigand: Es ist wichtig, dass sie mit den Kindern Verabredungen treffen, und zwar längerfristig. Das bedeutet: nicht ad hoc entscheiden, ob jetzt eine bestimmte Sendung eingeschaltet werden darf oder nicht, sondern schon im Voraus das Programm besprechen und die Abmachung verlässlich einhalten. Das Magazin "Flimmo" will Eltern bei der Auswahl beraten.

Berliner Morgenpost: Wie sieht gutes Kinder-TV aus?

Verena Weigand: Das sind Angebote, die sinnvoll sind, also Informationen vermitteln, Spaß machen und das Kind weiterbringen. Solche pädagogisch wertvollen Sendungen, die dann auch noch schön gestaltet sind, sind natürlich der Idealfall. Aber ich finde, man sollte Kindern zugestehen, dass sie auch mal Dinge wahrnehmen, die nur unterhalten. Das tun wir Erwachsene ja auch.

Das Interview im Internet: http://www.morgenpost.de/familie/article1224454/Wie-Kinder-richtig-fernsehen.html

ID: 68282380
Name: ASV-BEMO20091216-EXTASV-BEMO-1224454
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