Veranstaltungen: Dokumentation

17.11.2010

Das flexible Geschlecht

Forum 7: Fit für die Fortpflanzung? Körper für die Leistungsgesellschaft

Forum 7: Fit für die Fortpflanzung? Körper für die Leistungsgesellschaft

Dieses Forum dreht sich um das Thema Reproduktion als feministischem Kernthema. Unter dem Titel "Fit für die Fortpflanzung? Körper für die Leistungsgesellschaft" diskutieren Expert_innen zu Fortpflanzungsmedizin und (nicht-)reproduktiver Selbstbestimmung im Kontext aktueller gesellschaftlicher Spannungsfelder und Debatten.

Sprecherinnen: Anne Waldschmidt, Sarah Diehl und Lena Correll
Moderation: Sven Bergmann
Protokoll: Anna Böcker

Im einleitenden Input stellt Sven Bergmann [1] die Aktualität des Themas Reproduktion und Reproduktionspolitik heraus und skizziert diverse Perspektiven, die sich unter dem Thema versammeln. Er verortet das Thema Reproduktionstechniken zunächst im Kontext von aktuellen lokalen Ereignissen und Debatten wie der jüngsten Gerichtsurteile zur Präimplantationsdiagnostik, oder der wiederkehrenden Auseinandersetzungen um die "1000-Kreuze"-Märsche fundamentalistischer Abtreibungsgegner_innen, sowie der seit Jahren geführten "Demographie-Debatten".

In einem kurzen Überblick über Reproduktionstechniken betont Bergmann, dass diese nicht nur für pro- sondern genauso für antinatale Zwecke eingesetzt werden. Im Zentrum seines Forschungsinteresses stehen insbesondere neuere reproduktive Technologien (NRT), welche allerdings an historisch ältere Techniken von Verhütung und Hebammenwissen von Geburt etc. anschließen. Hormonelle Zykluskontrolle spielt eine zentrale Rolle: Hormonelle Kontrazeptiva haben stark zur Trennung von Sexualität und Fortpflanzung und der zunehmenden Idee der Planbarkeit von Kindern geführt. Auch der zum Standardverfahren der vorgeburtlichen Diagnostik gehörende Ultraschall ist eine zentrale Technik, die wesentlich zur Konstruktion des Embryos als eigene Entität, d.h. unabhängig vom weiblichen Körper, beigetragen hat. Die seit 20 Jahren existierende und mittlerweile massenhaft angewendete In-Vitro-Fertilisation (IVF) ist bedeutender Teil eines transnationalen Marktes zum Umgang mit Infertilität. Hier entsteht eine "Hoffnungsökonomie", die so diverse Problem- und Handlungsfelder eröffnet wie das der "Genetisierung der Zeugung" als auch die Ermöglichung von nicht-(hetero-) sexueller Fortpflanzung. Leider führt Bergmann aus Gründen der Zeitdisziplin spannende Themenkomplexe wie queere Reproduktion, Dezentrierung euroamerikanischer Verwandtschaftsmodelle und feministische Technologiedebatten nur an, aber nicht mehr aus.

Anne Waldschmidt [2] diskutiert in ihrem Vortrag kritisch und ausführlich Praktiken der pränatalen Diagnostik (PND). Sie interessiert die Frage, warum sich die PND in Deutschland trotz ihrer eugenischen Züge als Routinepraxis durchsetzen konnte und hat hierzu aus Disability-Studies-Perspektive kritisch zentrale Legitimationsmuster der vorgeburtlichen Diagnostik analysiert. Die miteinander verwobenen Techniken von IVF und PND sind im Alltag massenhaft angewandte Praktiken, die zunehmend normalisiert werden – wie zuletzt durch die Entscheidung des BGH, dass Präimplantationsdiagnostik nicht das Embryonenschutzgesetz verletze. Waldschmidt fragt, welche Körper für die Leistungsgesellschaft als erwünscht gelten und sieht hier vor allem weibliche unbehinderte reproduktionsfähige Körper sowie 'normale' kindliche und ungeborene Körper im Zentrum des bevölkerungspolitischen Zugriffs.

Die Verfahren der pränatalen Diagnostik (und darunter auch die nicht-invasiven Verfahren des Ultraschalls, Nackenfaltenmessungen und Bluttests) gewinnen stetig Einfluss, auch gerade mit Hinblick auf ihre Effekte bei Personen mit negativem Befund. Denn die PND sei nicht allein eine Technik, um die Geburt bestimmter Kinder zu verhindern, sondern Teil einer allgemeineren "Politik der Mentalitäten", die auf Normalisierung abziele.

Waldschmidt arbeitet vier zentrale Legitimationsmuster der PND heraus: Leid zu verhindern ist eine Legitimation von enormer Wirkmächtigkeit, weil in den individuellen Entscheidungen kaum jemand den Vorwurf bekommen möchte, Leid verursacht oder nicht verhindert zu haben. Während es als legitim gilt, bestimmte Formen von Leid (durch Abtreibungen) zu verhindern, werden andere Formen ausgeblendet – der Umgang mit ihm individualisiert und privatisiert anstatt dass es als soziales Phänomen begriffen würde. Hier komme es zu einer Selektion und Hierarchisierung von Leid: Es werde nur dann bearbeitet, wenn sein 'Beheben' marktfähig und medikalisierbar sei, z.B. durch PND ("technological fix").

Ein weiteres Legitimationsmuster sei die Berufung auf "Autonomie", insbesondere die "Selbstbestimmung der Frau", wobei der Autonomiebegriff ambivalent sei und kritisch hinterfragt werden müsse. Unter Bezug auf Ulrich Becks Begriff der "Risikogesellschaft" charakterisiert Waldschmidt als eine weitere Legitimationsstrategie, "Risiken zu reduzieren" zu wollen, so dass die "Gefahrenlage", ein Kind zu bekommen, normalisierbar und entscheidbar werde. Schließlich werfe der Wunsch, ein "normales Leben" ermöglichen zu wollen, die Frage danach auf, was Normalität überhaupt sei. Waldschmidt versteht PND als Teil von Biopolitik, und mittels dominanter Vorstellungen von Normalität herrsche großer Erwartungsdruck auf schwangeren Frauen, "gesunde" Kinder zu bekommen, während angeborene Behinderungen zunehmend als zu verhindernder "Unfall" gälten. Sie kritisiert, dass die Perspektiven derjenigen, die "trotzdem geboren werden" im Diskurs verschwinden. Auch auf diesem Kongress würden Themen wie Behinderung und Alter ausgeblendet.

Verfahren der PND sieht Anne Waldschmidt als ein Versuch, Planbarkeit im prinzipiell unvorhersehbaren Prozess des Kinderkriegens zu schaffen. Die unberechenbaren Aspekte des Lebens und die Verletzbarkeit des Körpers würden ausgeblendet – Waldschmidt hofft im Gegensatz zur dominanten Normalisierung (unter Bezugnahme auf Adorno) auf eine Gesellschaft, in der wir "ohne Angst verschieden" sein können.

Diskutiert wurde die Ambivalenz der Abtreibungsgesetzgebung, die einerseits Abtreibungen illegalisiert und stark einschränkt, andererseits bei medizinischer Indikation als legitim und sogar erwünscht gilt. Hier seien politische Strategien gefragt, die verhindern, dass sich beide Problemfelder nicht gegeneinander ausspielen lassen.

Nach der Pause trägt Sarah Diehl [3] zum Thema Abtreibung vor. Fragen der Bioethik beispielsweise würden dazu instrumentalisiert, das Selbstbestimmungsrecht von Frauen einzuschränken. Da sich ungewollte Schwangerschaften nicht vollständig ausschließen lassen, müsse es ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch geben. Sie erinnert daran, dass Abtreibung in Deutschland zwar unter bestimmten Bedingungen straffrei ist, aber weiterhin illegal. In den Debatten zu Abtreibung werde zunehmend auf den Embryo fokussiert, der als Rechtssubjekt mit Frauen gleichgestellt bzw. in Konkurrenz zu ihnen konstruiert wird, während die Perspektiven und Bedürfnisse von Frauen ausgeblendet würden. Embryonen würden idealisiert und als Projektionsfläche dienen, um moralisierende Symbolpolitik zu betreiben. Abtreibung sei ein Schlüsselthema, anhand dessen diverse gesellschaftliche Problemstellungen und insbesondere Geschlechterverhältnisse verhandelt oder auch gerade nicht verhandelt würden.

Fußnoten

1.
Kulturanthropologe an der HU Berlin, promoviert zum Thema "Transnationaler Fertilitäts-Tourismus" – Eine Ethnographie zu Bedeutung, Praxis und Ökonomien der Keimzellspende in Europa
2.
Universitätsprofessorin für Soziologie und Politik der Rehabilitation sowie Disability Studies an der Universität zu Köln. Literatur: Waldschmidt, Anne / Klein, Anne / Tamayo Korte, Miguel: Das Wissen der Leute. Bioethik, Alltag und Macht im Internet. Unter Mitarbeit von Sibel Dalman-Eken, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2009
3.
Diplom-Museologin, Magister in Afrikawissenschaften und Gender Studies und Filmemacherin. Autorin von: Deproduktion. Schwangerschaftsabbruch im internationalen Kontext. Aschaffenburg: Alibri, 2007; Regisseurin von: Abortion Democracy, Poland/South Africa, 2008

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Der Online-Reader "Das flexible Geschlecht in seiner Vielfalt“ ist die Begleitpublikation der internationalen Konferenz "Das flexible Geschlecht. Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie". Die Artikel erweitern und reflektieren in der Retrospektive, unter Berücksichtigung der Diskussionen, die Themenschwerpunkte der Konferenz.

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Im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung dokumentierte das Missy Magazine den Kongress "Das flexible Geschlecht. Gender, Glück und Krisenzeiten in der globalen Ökonomie".

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