Veranstaltungen: Dokumentation

2.7.2009

60 Jahre Grundgesetz: Muslime im demokratischen Verfassungsstaat

Vortrag von Prof. Jamal Malik

Religion, so Prof. Jamal Malik, sei nur ein Identitätsmerkmal unter vielen. Die Integrationsfrage könne daher nicht primär als Religionsfrage gestellt werden.

Wohin bewegt sich die Debatte um den Islam? Anregungen an Politik und politische Bildung

  1. Ausgangspunkt dieses input ist die Feststellung, dass vielfältige Formen einer neuen Religiosität zu beobachten sind, die es nach den gängigen Annahmen nicht hätte geben dürfen. Das Paradigma der Moderne lag ja darin, dass die Menschen sich dem Glauben entfremden. Empirische Befunde ergaben jedoch, dass dies alles andere sei als eine zutreffende eschreibung der Situation! In verschiedenen Kontexten wird nämlich eine neue religiöse Grundierung der Gesellschaft angestrebt.

  2. Tatsächlich hatte sich Religiosität nur zu einem Gutteil aus den etablierten Strukturen fortbewegt und in alternativen Ausdrucksformen eine neues Zuhause gefunden. Stichwort Ent-Privatisierung der Religion oder Believing without belonging: Religion hat sich nicht in den hintersten Winkel privater Lebensformen zurückgezogen, sondern nimmt im Gegenteil einen zunehmend sichtbaren Platz im öffentlichen Raum ein, in dem sie als Faktor ziviler Gesellschaft verschiedene Gruppeninteressen artikuliert. Auf diese Weise führt religiöser Glaube auch wieder auf institutionelle Gestalten und auf die Zugehörigkeit zu Glaubensgemeinschaften zurück.

  3. Auch ein wiedererwachtes Selbstbewusstsein der christlichen Kirchen im Ringen um politische Gestaltungskompetenz wird deutlich. Um ihre Interessen zu wahren, versuchen in einer parallelen Entwicklung ganz unterschiedliche nicht-christliche Religionsgemeinschaften zum einen, ihre Gleichbehandlung mit christlichen Konfessionen durchzusetzen, zum anderen, Ausnahmeregelungen dort zu etablieren, wo eine Gleichstellung nicht ausreichend erscheint. Dies sorgt für Spannungen, bringt aber auch unterschiedlichste Allianzen zusammen, die jeweils dasselbe Anliegen vereint.

  4. Mit der gesellschaftlichen und politischen Orientierungsfunktion von Religion geht ein ganzer Komplex an Herausforderungen einher, denen sich nicht nur Deutschland gegenübersieht. Dazu zählt etwa der Umstand, dass sich konfessionelle Zugehörigkeiten häufig mit ethno-nationalistischen überschneiden. Deshalb kann Religion ein Katalysator für Konflikt sein, aber sie kann eben auch ein Katalysator für Verständigung sein. Dies hat zu einer Konfessionalisierung des Politischen geführt, so auch des Migrationsdiskurses. Zweifellos, Religion wird zum bedeutenden Plausibilisierungsfaktor in Politik und Gesellschaft. Islam bildet dabei oft das Experimentierfeld.

  5. Allerdings ist Religion nur ein Identitätsmerkmal unter vielen. Einige Studien widerlegen nämlich das Klischee, Migranten in Deutschland würden von ihrer Religion dominiert werden. Andere zeigen, dass muslimische Jugendliche ihre Religionszugehörigkeit als wesentlichen Bestandteil ihrer Identität empfinden, dies aber nicht integrationshemmend ist. Glauben und Moderne in Einklang zu bringen, sei eine Herausforderung. Die Integrationsfrage kann daher nicht primär als Religionsfrage gestellt werden. Dennoch scheint die Mehrheitsgesellschaft die Muslime zu ernst zu nehmen und auf ihre Religion zu reduzieren.

  6. Denn Muslime werden hier über-islamisiert. Projektionen als gängige Kulturtechniken der Selbstaffirmation und Abgrenzung führen in diesem Fall dazu, dass Muslime sich vermehrt aus dem von ihnen wahrgenommenen Grund ihrer Diskriminierung, nämlich ihre religiöse Zugehörigkeit, zusammenfinden. Diese schweißt Muslime ungeachtet ihrer ethnischen und nationalen Herkunft und religiösen Überzeugung zusammen und fordert nicht nur, sie fördert auch einen muslimischen Purismus, ganz im Sinne eines durch Disziplinierungs- und Homogenisierungsbestrebungen herzustellenden nationalen Islams.

  7. So wird auch der Dialog mit dem Islam gesucht und migrationspolitischer Handlungsbedarf mit Fragen von Glauben und religiöser Identität sowie Sicherheit zusammengeführt, um brennenden Problemen wie niedriges Bildungsniveau, hohe Arbeitslosenrate und Jugendkriminalität zu begegnen. Auf der Suche nach repräsentativen Vertretungsorganen versucht man, sich seinen Diskussionspartner zu erschaffen, ist aber bisher zu keiner befriedigenden Lösung gelangt. Dies mag in der Natur der Sache liegen: Der Islam entwickelte sich als pluralistische Interpretationsreligion, Wechselbeziehungen zwischen zeit- und ortsgebundenen Ordnungssystemen und normgebenden transnationalen Idealen haben auch Auswirkungen in Migrationsprozessen.

  8. Denn die religiösen Solidaritätsformen beziehen sich nicht zuvorderst auf den Islam als Religion, sondern auf gesellschaftliche und kulturelle Muster, die allenthalben historisch mit Islam und Muslimen assoziiert werden. Gelebte Ausdrucksformen von Kultur sind ja nicht allein auf eine stark ausgeprägte Religiosität zurückzuführen, sondern deuten auf eine intensive Inkulturation von Islam in verschiedenen Kontexten. Dialog bedarf daher pragmatischer, nicht dogmatischer Herangehensweise. Die Vielfalt muslimischer Kulturen in Geschichte und Gegenwart muss erkannt, akzeptiert und repräsentiert werden, von den Muslimen in Deutschland, genauso wie von der Mehrheitsgesellschaft, in Medien, Politik und Bildung.

  9. Repräsentation ist notwendig, sie wird hörbar in neo-territorialen Anerkennungsdiskursen um öffentliche Partizipation. Als Akteure ziviler Gesellschaft bringen Nachkommen muslimischer Migranten ihr religiöses Sozialkapital wirkungsvoll ein, wenn sie die Brüderlichkeitsethik gezielt für das Gemeinwohl einsetzen. Dies ist besonders dort der Fall, wo Staat und traditionale Loyalitäten nicht greifen. Neue soziale Institutionen mit gleichsam neuen religiösen Spezialisten geben einerseits dem Individuum mehr Spielraum, andererseits bedürfen sie der Legitimität durch die religiöse Gruppe. So führt die Individualisierung religiöser Praxis zur Machtzunahme religiöser Gemeinschaften. Von Parallelgesellschaft mit eigener sozialer und wirtschaftlicher Infrastruktur zu sprechen, scheint allerdings irrläufig.

  10. Letztlich, Mehrheit und Mehrheit bilden ein komplexes kulturelles Ensemble. Die wechselseitigen Debatten werden oft entlang des Grundgesetzes geführt. Und doch gibt es nicht endende Debatten. So garantiert das Grundgesetz einerseits individuelle Glaubensfreiheit, überträgt andererseits aber nur ausgewählten Religionsgemeinschaften das Recht des schulischen Religionsunterrichts, ganz abgesehen von einem Bildungswesen, das vererbtes kulturelles Kapital reproduziert. Es liegt nahe, dass andere als rechtliche Gründe der Integration im Wege stehen. Dass Muslime wiederholt mit ihren Anliegen vor Gerichten erfolgreich waren, deutet zumindest darauf hin, dass es weniger am Grundgesetz lag, sondern vielmehr am politischen Willen. Es muss also geklärt werden, welche Rechten und Pflichten sich aus dem Grundgesetz für Religionsgemeinschaften ergeben und beides, Rechte und Pflichten, müssen stärker und konsequenter eingefordert werden. Ob die Nationale Integrationspolitik 2007 angesichts des demographischen Wandels eine Balance findet zwischen Investition in das soziale und kulturelle Potential von Religion und unsere Zukunft, bleibt abzuwarten.


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