BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
Veranstaltungen: Dokumentation

12.10.2006 | Von:
Steffen Büffel

"Wer lügt, wird bloßgestellt"

Steffen Büffel über Durchhaltevermögen, Motivationskunst und die Möglichkeiten einer Leserblog-Community

Interview mit Steffen Büffel die Möglichkeiten einer Leserblog-Community.

bpb: Welche Ziele verfolgen Zeitungen, die Leser bloggen lassen?

Büffel: Blogs sind sehr zeitungsaffin, da Texte und Bilder dominieren, es geht nicht um den multimedialen Overkill. Der "Trierische Volksfreund" und der "Südkurier", beides Blätter aus der Holtzbrinck-Gruppe, wollen vor allem das Segment Weblogs in ihren jeweiligen Verbreitungsgebieten besetzen und junge Zielgruppen erreichen. Beide Zeitungen verstehen sich als moderne Medienunternehmen, die offen und bürgernah agieren möchten. Da ist es nur konsequent, Onlineformate einzusetzen, die den Menschen Partizipation ermöglichen. Die Zeitung wird so quasi zum "Mitmach-Medium".

bpb: Lassen sich schon konkrete Vorteile dieser Strategie erkennen?

Büffel: Über die Informationshoheit in ihren Regionen verfügen die meisten deutschen Lokalzeitungen ja schon. Es geht vorrangig gar nicht darum, etwa zusätzliche Abos zu gewinnen. Das Ziel ist vielmehr, möglichst früh mit den neuen Formaten zu experimentieren und die jungen Zielgruppen in demjenigen Medium zu erreichen, das sie in zunehmendem Maße an Stelle der gedruckten Zeitung nutzen. Die Kosten dazu sind vergleichsweise gering, derzeit lässt sich das durchaus noch mit Bordmitteln erledigen.

bpb: Welche Rolle spielt dabei die crossmediale Verzahnung?

Büffel: Ich glaube, eine zukunftsfähige Zeitung darf sich auf lange Sicht nicht mehr nur auf ihr Kerngeschäft beschränken. Der Trend geht schon seit Jahren hin zu einer Verlagerung auf die elektronischen und digitalen Medien. Die Schnelligkeit im Nachrichtengeschäft hat extrem zugenommen. Zeitungen müssen hier überlegen, wie sie sich gegenüber den anderen Medien positionieren können. Die Redaktion der Zukunft denkt bei der Arbeit gleich an mehrere Mediengattungen, nicht nur daran, eine Nachricht fürs Printprodukt aufzubereiten, sondern beispielsweise auch für einen SMS-Dienst. Online steht die aktuelle Meldung, die Zeitung liefert am Tag drauf den Hintergrund. Medienkonvergentes und crossmediales Denken und Arbeiten ist gefragt. Zusätzlich können aktive Leser mit ins Boot geholt werden. Entscheidend bei alledem ist, dass es im Verlag eine Gesamtstrategie gibt. Printprodukte sind ja schon seit Mitte der 1980er-Jahre nicht mehr die Bleiwüsten von früher. Modulare Seitengestaltung, Promo-Boxen, Infografiken und textdesignerische Mittel haben längst ei-ne andere Zeit eingeläutet. Beim "Volksfreund" wird die crossmediale Verzahnung von Print und Blogs sehr konsequent und weitreichend umgesetzt, der Dialog zwischen Redaktion und bloggenden Lesern intensiv gepflegt. Es geht hier nicht darum, bereits erfolgreiche Blogger anzulocken, sondern in der eigenen Leserschaft Neugier zu wecken und zum Mitmachen anzuregen.

bpb: Was sagt denn der traditionelle "Volksfreund"-Leser dazu, dass täglich Inhalte aus den Blogs in der Zeitung landen?

Büffel: Natürlich darf man die Kernzielgruppe nicht durch Neuerungen vor den Kopf stoßen. Dieses Problem treibt Zeitungen aber immer um, wenn es zum Beispiel um Layoutänderungen oder Ähnliches geht. Es wird immer Veränderungen geben, die Gewohnheitslesern nicht gefallen. Aufgabe der Redaktion ist es dann, die neuen Themen wie etwa Weblogs zu erklären. Die Erfahrung zeigt, dass die Kritiker in der Minderzahl sind und so mancher Leser froh darüber ist, wenn ihm Internetthemen verständlich nahegebracht werden. Blog-Inhalte in der gedruckten Zeitung stellen bisher kein wirkliches Problem dar, bei Desinteresse kann schließlich darüber hin-weggelesen werden. Den Sportteil mag ja auch nicht jeder.

bpb: Wie können denn Zeitungen Blogs initiieren?

Büffel: Entscheidend ist, dass die Redakteure sich für neue Formate öffnen. Sie müssen ja nicht direkt selbst mit dem Bloggen beginnen, aber sie sollten den Entwicklungen aufgeschlossen gegenübertreten. Von oben verordnete Blogs scheitern, wie man bei der "Süddeutschen Zeitung" gesehen hat. Mir scheint jedenfalls eine große Unsicherheit in den Redaktionen zu herrschen. Hier kann ich nur zu Gelassenheit raten. Denn eine journalistische Konkurrenz ist in den Blogs nicht zu sehen. Man muss sich jedoch damit auseinandersetzen, wie sich das Mediennutzungsverhalten gerade bei den jungen Generationen wandelt.

bpb: Wie bekommt man Leserblogs überhaupt in Gang?

Büffel: Die Technik ist das geringste Problem. Blogs sollten aber als Baustein in der Gesamtstrategie des redaktionellen Marketings gesehen werden. Es ist wichtig, den Lesern das Thema näher zu bringen. Erklärstücke zum Thema, zu Fachbegriffen und Einstiegshilfen ins Bloggen sind gute Wege, um Blogs in die Erfahrungswelt der Leserschaft zu übersetzen. Die "Hessische/Niedersächsische Allgemeine" in Kassel beispielsweise hat den Start ihres Stadtwikis konsequent redaktionell begleitet, detailliert erklärt, um was es sich handelt und sogar Workshops für interessierte Leser angeboten. "Südkurier" und "Volksfreund" haben das Thema Leserblogs ebenfalls mit Sonderseiten gepusht.

bpb: Und wie verlief dann der Start?

Büffel: In der ersten Woche ging‘s beim "Volksfreund" mit etwa 60 Registrierungen los, aktuell gibt es 350 Leser-Blogs. Gemessen an der Auflagenzahl einer Tageszeitung ist das natürlich wenig, aber durch Vernetzung zu einer Community werden Blogger zu Multiplikatoren. Die Gemeinschaft wächst langsam, aber stetig, was von den Verantwortlichen auch so gewünscht ist. Dadurch bleibt Freiraum für Experimente und um Erfahrungen zu sammeln. Entscheidend für das Funktionieren der Com"munity sind engagierte Redakteure und Leser mit Durchhaltevermögen. In der Anfangsphase kommen kaum Kommentare und auch die Seitenabrufe sind gering. Da muss man schon drei bis vier Monate überstehen, bis die Sache an Dynamik gewinnt. Wer den schnellen Erfolg sucht, wird enttäuscht werden.

bpb: Welchen Fehler sollte man tunlichst vermeiden?

Büffel: Es reicht auf keinen Fall zu sagen: "Ihr habt jetzt die Möglichkeit zu bloggen, also macht mal schön!" Vielmehr muss der Redakteur auf den einzelnen User zugehen, den Dialog suchen und ein Gespür für die soziale Dynamik in der Blog-Community entwickeln, sich auf die Ebene des Lesers begeben. Das kommt in der Zielgruppe sehr gut an, schafft Motivation und entspricht der Grundphilosophie der Netzkultur im Web 2.0.

bpb: Welche anderen partizipatorischen Online-Formate sind für Zeitungen interessant?

Büffel: Neben Wikis und SMS-Kanälen darf man altbewährte Formate wie Chats und Foren nicht vergessen. Blogs sind derzeit zwar in, werden Foren & Co. aber nicht verdrängen. Insgesamt geht der Trend sowieso in Richtung integrierter Community-Portale, die die unterschiedlichen Formate vereinen. Insbesondere Wikis bieten Potenziale zur Leser-Blatt-Bindung und zum kooperativen Arbeiten zwischen Leserschaft und Redaktion. Vor allem im Regionalen funktionieren Wikis gut. Dort wiederholt sich das, was man von Wikipedia im Großen kennt. Wenn wie bei der HNA in Kassel ein Medienhaus die Plattform zur Verfügung stellt, ist auch direkt ein vertrauenswürdiger Partner im Boot. Dieses Feld können regionale Medienhäuser gut ausfüllen.

bpb: Stichwort Vertrauen: Wie ist es damit bestellt, wenn plötzlich jeder im Internet publizieren kann?

Büffel: Sehr wichtiger Aspekt! Das Vertrauensproblem verschärft sich natürlich. Hier greifen aber die Grundkompetenzen eines professionell ausgebildeten Journalisten. Ein Blog kann nie als alleinige Quelle fungieren. Es ist eine fatale Fehleinschätzung – die aber leider allzu oft gemacht wird – wenn man Blogs von Laien mit professionellem Journalismus gleichsetzt, nur weil nun jeder publizieren kann. Das Vertrauensproblem lässt sich wie sonst auch durch Grundsätze des journalistischen Recherchierens und Arbeitens lösen. In der Blogosphäre selbst sind hier Selbstreinigungs-prozesse zu beobachten. Wer lügt, wird bloßgestellt.

bpb: In welche Richtung sollten sich die Communitys bei regionalen Tageszeitungen entwickeln?

Büffel: Das Ziel sollte sein, die Community an einen Punkt zu bringen, von wo aus sie in der Lage ist, sich im Prinzip auch selbst zu steuern. Das setzt voraus, dass der einzelne Blogger auch erkennen kann, dass er Teil einer Gemeinschaft ist. Neben technischen Vorkehrungen bedarf es hier insbesondere des Redakteurs als "Com-munity-Manager", der die Schnittstelle zwischen den bloggenden Lesern und der Redaktion einnimmt. So können die Potenziale der crossmedialen Verzahnung im Sinne einer verbesserten Leser-Blatt-Bindung ausgeschöpft werden.

Interview und Foto: Volker Dick


Event series

Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

Mehr lesen

Fachkonferenz

Konferenz zur Holocaustforschung

Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

Mehr lesen

TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

What's up, America? – Perspectives on the United States and Transatlantic Relations

Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

Mehr lesen

Blog zur Fachkonferenz

Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

Mehr lesen