Veranstaltungen: Dokumentation

12.10.2006

Einladung zum Blog

Praxisbeispiele: Immer mehr traditionelle Medien nutzen Web 2.0-Formate

Weblogs, Podcasts, Wikis: Der Einsatz von Social Software erlaubt eine breite Palette partizipatorischer Formate, die auch etablierte Medien für sich nutzen – ob als Plattform für Inhalte oder als journalistisches Instrument.

Wie war es in der Frühzeit der Kommunikationswissenschaft doch überschaubar: Hier der Sender, dort der Empfänger. Kommunikation verlief hauptsächlich in eine Richtung. Inzwischen allerdings entwickelt sich das "Rezeptorenvieh" vergangener Tage zu Produzenten verschiedenster Inhalte – dank kostengünstiger technischer Möglichkeiten. Und immer stärker versuchen traditionelle Medienhäuser, die durch Social Software verstärkten Wechselwirkungen in ihrer Unternehmensstrategie zu berücksichtigen.

"Wir wollen auf allen Nachrichtenkanälen der lokale und regionale Anbieter Nummer Eins sein", formuliert es Thomas Satinsky, Chefredakteur des in Konstanz erscheinenden "Südkurier". Darin bezieht er nicht nur den obligatorischen Online-Auftritt ein, sondern auch SMS-Dienste, Leserblogs, Videoangebote und den Einsatz von Leserreportern. Wichtig ist Satinsky vor allem eine enge Verknüpfung der Bereiche Print und Online. Was die Leser beispielsweise auf dem Blog-Portal "suedblog.de" verhandeln, wird als Auswahl einmal pro Woche neben den Leserbriefen im Blatt abgedruckt: "Was in der Zeitung gern gelesen wird, findet auch im Blog große Resonanz", fasst Satinsky seine bisherigen Erfahrungen zusammen. Da scheint zusammenzukommen, was zusammengehört.

Auch das Aktualitätsproblem des Mediums Zeitung geht der "Südkurier" an – nicht nur mit ständig aktualisierten Online-Nachrichten, sondern parallel per "SK-Blitz", einem bislang kostenlosen SMS-Service, der Handy-Besitzer über Verkehrsstaus oder Zugverspätungen informiert. Exklusivmeldungen gibt‘s auf diesem Weg allerdings nicht: Das würde die Konkurrenz zu sehr freuen.

"Leser-Reporter" im Hagel
Umgekehrt lassen die Leser ihre Zeitung aber auch nicht allein und halten als "Leser-Reporter" die Augen offen. "Wenn sie Missstände melden, hoffen wir, auf diese Weise an wichtige Themen in der Region heranzukommen", sagt Chefredakteur Satinsky. Gern genommen werden auch Amateurfotos und -videos, etwa Ende Juni dieses Jahres, als den Schwarzwald eine Hagel-Katastrophe ereilte. Solche Fotos hätten die "Südkurier"-Leser-Reporter auch an den "Stern" senden können und damit bis zu 1000 Euro verdient: Das Portal "augenzeuge.de" der Illustrierten sammelt aktuelle journalistische Nachrichtenfotos von Amateuren und Profis. Die besten Bilder schaffen es in das gedruckte Magazin. Aber auch um eine Weitervermarktung an Dritte kümmert sich "augenzeuge.de". "Ausgangspunkt für das Angebot war die Frage: Wie kommen wir an Bildmaterial heran, das sonst keiner hat", erläutert Marc Aschenberner, Leiter Business Development bei "stern.de". Also wurden die Leute animiert, Schnappschüsse zu sammeln und einzusenden – gekoppelt mit dem Appell auf der Website, sich beim Fotografieren an Recht und Gesetz zu halten. Als Kontrollinstanz fungieren die 16 Fotoredakteure des "Stern"; sollte ihnen bei einer Aufnahme etwas seltsam erscheinen, setzen sie sich unmittelbar mit dem Urheber in Verbindung, um Unklarheiten zu besprechen.

Stolz auf Gedrucktes
Bei einem anderen "Stern"-Ableger hilft ein "Missbrauchs-Link" unter dem Bild, schwarze Schafe im Netz ausfindig zu machen: der Foto-Community "View". Die Web-Plattform ist an das monatliche Print-Magazin gleichen Namens gekoppelt und verzeichnet derzeit rund 20 Millionen Page Impressions pro Monat. Auch hier kann jeder Fotos einstellen, die dann gleich auf der Seite landen. Hier sind eher Bilder mit künstlerischem Charakter gefragt. Was herausragt, bekommt im hinteren Teil des "View"-Printmagazins offline eine Öffentlichkeit. "Die Leute sind unheimlich stolz darauf, wenn sie ihr Foto gedruckt im Heft sehen", berichtet Marc Aschenberner. Freude verbreitet auch das Web-Angebot des "Deutschlandradios": Dort ist ein großer Teil des Programms als "Audio on demand" hörbar. Zusätzlich stehen aktuell mehr als 50 Podcasts abrufbereit. Die Nutzer können also selbst wählen, wann sie welche Sendung hören möchten. "Die Resonanz darauf ist geradezu überschwänglich", schildert Dietmar Timm, Online-Beauftragter beim "Deutschlandradio". Seit Februar 2006 verzeichnet der Sender eine Verdoppelung der Nutzerzahlen, pro Monat werden 1,6 Millionen Audio-Beiträge abgerufen. Und seit dem vergangenen Sommer können die Programme von "Deutschlandfunk" und "Deutschlandradio Kultur" auch per UMTS-Handy gehört werden. "Wir sind im Grunde gezwungen, alle möglichen Verbreitungswege zu nutzen", konstatiert Timm mit Blick auf die schlechten Empfangsmöglichkeiten in Teilen des Landes. Viel gekostet hat das Angebot den Sender Timms Auskunft nach nicht; selbst die Eigenentwicklung eines "Audio on demand"-Players habe sich finanziell in Grenzen gehalten.

Blog aus den Banlieues
Weniger Geld, sondern eher Mut und Entschlossenheit waren die wichtigsten Faktoren bei einem Projekt des wöchentlichen Schweizer Nachrichtenmagazins "L‘Hebdo". Die in Lausanne beheimatete Redaktion wollte im Herbst 2005 über die Jugendunruhen in den "Banlieues" berichten, den Vororten französischer Städte. Die Wahl fiel auf Bondy nordöstlich von Paris. Mit Hilfe eines Weblogs sollten über einen längeren Zeitraum Informationen ganz unmittelbar aus den problematischen Quartieren geliefert werden, ein L‘Hebdo-Mitarbeiter war immer vor Ort. "Wir haben Blogs als journalistisches Instrument genutzt", erläutert Redakteur Titus Plattner. Während französische Medien sich nicht in die Banlieues wagten, schlug "L‘Hebdo" dort seine Zelte auf – was nicht ohne Zwischenfälle ablief. Trotzdem hielten die Journalisten vier Monate lang die Stellung, bevor sie das Bloggen jungen Leuten aus Bondy überließen. Die waren zuvor in Lausanne mit journalistischem und technischem Grundwissen ausgestattet worden. Die Blog-Beiträge wurden sogar in einem Buch zusammengefasst. Das ehrgeizige Projekt brachte dem Magazin nicht nur mehrere Medienpreise ein, sondern bereicherte den Erfahrungsschatz jedes einzelnen Reporters – auch den von Titus Plattner. Sein Fazit: "Alltag ist spannend."

Text: Volker Dick


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