Veranstaltungen: Dokumentation

6.9.2006

HauptstadtForum Revolution: Die 89er - damals und heute

Zusammenfassung des Seminars in Berlin

Was ist aus den Protagonisten der Revolution in der DDR von 1989 geworden? Spielen sie noch eine politische und gesellschaftliche Rolle? Gehören sie zu den Gewinnern oder Verlierern des Umbruchs?

Gab es 1989 eine Revolution oder eine Evolution in der DDR?

In der Wahrnehmung der Bevölkerung sind die Ereignisse in der DDR vom Herbst 1989 nie als Revolution gesehen worden, meint Prof. Wilke. Nur die Bürgerrechtler sprachen von der friedlichen Revolution. Als Egon Krenz letzter SED-Generalsekretär wurde, verkündete er am 19.Oktober 1989, dass die Partei "eine Wende" zum humanen, gerechten Sozialismus durchführen wird. Die Medien bedienten sich der Einfachheit des Wortes Wende. Dieser Begriff verfestigte sich in den Köpfen der Bevölkerung - Ost wie West. Nach Meinung von Prof. Wilke gab es jedoch faktisch eine Revolution. Denn es gab einen gewaltsamen Umsturz der Verhältnisse, das Verschwinden aller staatlichen Institutionen, die Normen der sozialistischen Ordnung galten nicht mehr. Es kehrte der Kapitalismus ein, die Marktwirtschaft; es galten westdeutsche politische Strukturen. Die Deutschen in der DDR, die diese Revolution ermöglichten, befanden sich nach kurzer Phase der verständlichen Euphorie in einem Transformationsschock. Alles, was sie gelernt und gelebt hatten, wurde relativ unbedeutend.

Anders in Polen. Dort wurde die Revolution viel risikoreicher eingeläutet. Im Mittelpunkt standen zwei Aspekte: die Rückgewinnung der nationalen Souveränität und die Befreiung von der sowjetischen Bevormundung. Die u.a. von Adam Michnik und Jacek Kuron 1976 entwickelten Konzeptionen führten hin zur Demokratie. Arbeiter und Intellektuelle organisierten flächendeckende Streiks, die teilweise blutig niedergeschlagen wurden. Von Seiten der SED folgten mahnende Worte über die Ereignisse in Polen an die sowjetische Führung. Nach der Anerkennung der "Solidarnosc" 1980 war das Machtmonopol der kommunistischen Partei in Polen so gut wie zerbrochen. Ohne die Ereignisse in Polen wäre der Fall der Mauer nicht möglich gewesen.

Nach Auffassung von Prof. Wilke waren die Akteure der DDR-Revolution:
  • die Flüchtlinge, die in Massen im Sommer 1989 über Ungarn in den Westen ausreisten. Über sie wurde ohne die DDR verhandelt. Damit begann die internationale Isolation der DDR, als eigenständiger Staat zu existieren.
  • und die mutigen Teilnehmenden der Montagsdemonstrationen in Leipzig.
Prof. Manfred Wilke ist wissenschaftlicher Leiter des Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin.

Frauen als DDR-Oppositionelle und ihre Karieren in der Bundesrepublik Deutschland

Zwei wichtige Vertreterinnen der Bürgerbewegung, Ulrike Poppe und Marianne Birthler, berichteten von persönlichen Erfahrungen und Entwicklungen in der DDR. Beide gehörten der "Initiative für Frieden und Menschenrechte" in der DDR an und engagierten sich in der Kirche. Ende 1989 saßen sie mit am "Runden Tisch", wo Vertreter von Kirchen, neu gegründete und gewendete Parteien, Intellektuelle und Personen des öffentlichen Lebens, Aufgaben der Legislative und der Exekutive wahrnahmen. Mit der neuen politischen und wirtschaftlichen Wirklichkeit kommen sie zurecht und blicken mit Genugtuung auf ihr politisches Engagement in der DDR.

Weitere Vertreter der DDR-Opposition kamen zu Wort:
Konrad Weiß, Filmemacher und Ludwig Mehlhorn, jetzt Studienleiter an der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg. In den 60er Jahren waren sie Mitglieder der "Aktion Sühnezeichen", einer kirchlichen Organisation, die schon früh Kontakte zu Polen herstellte. Beide waren 1989 Mitbegründer der Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt". Im Rückblick auf die jüngste Vergangenheit und vor dem Hintergrund der heutigen Wirklichkeit betonen sie die Richtigkeit ihres Engagements in der staatsunabhängigen Organisation, das sie zur DDR-Bürgerrechtsbewegung führte.

Ulrike Poppe ist seit 1992 leitende Mitarbeiterin an der Evangelischen Akademie, Berlin-Brandenburg
Marianne Birthler war früher Bildungsministerin in Brandenburg und ist seit dem Jahr 2000 Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR


Vom SED-Mitglied zum Dissidenten: Wolfgang Templin

Bis 1983 Mitglied der SED. Von 1971 - 1975 inoffizielle Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit, die er durch vorsätzliche Dekonspiration selbst beendete. Philosophiestudium an der Humboldt-Universität, Berlin. Bei einem Studienaufenthalt an der Universität Warschau Ende der 70er Jahre, entstanden Empathie, Sympathie und enge Kontakte zur polnischen Opposition. Zurück in der DDR, wurde er Mitbegründer der "Initiative Frieden und Menschenrechte". Es folgten Protestaktionen (z. B. bei der Rosa Luxemburg Demonstration in Berlin-Ost 1988), die zur Verhaftung durch die Stasi führten. 1988 wurde er mit seiner Familie in den Westen abgeschoben. Nach Maueröffnung kehrte er nach Berlin zurück und saß für die IFM mit am "Runden Tisch". Er arbeitet als Publizist und setzt sich damals wie heute kritisch mit den politischen Verhältnissen, aber auch der Verharmlosung der SED-Diktatur in der DDR auseinander. Als kritischer Beobachter der Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland vermisst Wolfgang Templin eine mehr sozial betonte Politik, die man womöglich bei der Schaffung einer gerechten Gesellschaftsordnung auf dem Gebiet der ehemaligen DDR hätte realisieren können.

Besuch in der Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstrasse, Berlin-Lichtenberg

Das allmächtige Ministerium für Staatssicherheit - im Volksmund: Die Firma "Horch und Guck" - hatte hier ihren Sitz. Am Abend des 15. Januar 1990 belagerten Demonstranten diese Geheimdienstzentrale, bis die Bewacher die Tore aufgemachten. Danach begann das Berliner Bürgerkomitee seine Arbeit zur Auflösung des MfS. Wichtige Akten verschwanden schon vorher. Der "Runde Tisch" beschloss, dass in der Stasi-Zentrale eine "Gedenk- und Forschungsstelle zum DDR-Stalinismus" eingerichtet wird.


HauptstadtForum Revolution: Die 89er - damals und heute

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  • Seminar in Berlin
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  • Event series

    Mapping Memories

    Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

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    Fachkonferenz

    Konferenz zur Holocaustforschung

    Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

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    TiT-Veranstaltungsreihe

    Themenzeit im Themenraum

    Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

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    Veranstaltungsreihe

    Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

    Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

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    Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

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    Blog zur Fachkonferenz

    Medienkompetenz 2014

    Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

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