Veranstaltungen: Dokumentation

6.9.2006

HauptstadtForum Revolution: Die 89er - damals und heute

Exkursion nach Breslau

Politische Eliten in Polen vor und nach 1989 und die Aufarbeitung der kommunistischen Zeit in Polen

In seinem Vortrag thematisierte Dr. Krzysztof Ruchniewcz, Direktor des Zentrums, vor allem das Fehlen der älteren polnischen Eliten, die von den Nazis und den Sowjets während des II. Weltkrieges liquidiert wurden. Die nach 1945 an die Macht gekommenen Leute diverser sozialer Provenienz und intellektueller Potenz sind seiner Meinung nach nur mit Vorbehalt als Eliten im strengeren Sinne zu bezeichnen. Man sollte lieber von Regierenden und Machthabern sprechen, meint der Wissenschaftler.

Die ehemaligen Oppositionellen in der neuen politischen Wirklichkeit nach 1989

Prof. Dr. Marek Zybura von der Universität Breslau berichtete von ehemaligen Oppositionellen, die vor und nach 1989 in Polen geblieben bzw. vor 1989 emigriert und nach 1989 zurückgekehrt sind. Jüngstes Beispiel Bronislaw Wildstein, der einige Jahre im französischen Exil verbrachte. Seit kurzem ist er Intendant des staatlichen Fernsehens. In seinen früheren Beiträgen und Büchern trat Wildstein für eine rigorose Abrechnung mit der kommunistischen Vergangenheit ein. Für heftige Diskussion sorgte die Veröffentlichung einer Liste im Internet mit über 24.000 Namen von angeblichen Mitarbeitern des polnischen Geheimdienstes "sluzba bezpieczenstwa", die er sich unrechtmäßig aus dem "Institut für nationales Gedenken" beschaffte. Gespalten ist die Opposition in der Frage einer umfassenden Aufarbeitung. Die Haltung von Oppositionellen, wie Adam Michnik, Chefredakteur der "Gazeta Wyborcza", und des ersten nichtkommunistischen Premierministers Tadeusz Mazowiecki, plädieren eher für eine Aussöhnung ehemaliger Funktionäre und den Verzicht einer "Durchleuchtung".

Bewundert, beneidet und allein gelassen? Polnische Rückkehrer aus dem politischen Exil nach 1989

Wie Bronislaw Wildstein, jahrelang im Exil in Paris, kehrte auch Wiktor Grotowicz, Publizist und Buchautor, von München nach Breslau zurück. Er arbeitete in den 90er Jahren u.a. für die Radiostation "Freies Europa". Seine Situation teilt er mit vielen politischen Rückkehrern, die geglaubt haben, dass sie mit offenen Armen von ihren ehemaligen Mitstreitern empfangen werden. Die im westlichen Ausland gesammelten Erfahrungen wollten sie in die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse in Polen einbringen. Dies ist nur wenigen gelungen. Tief enttäuscht, leben die meisten bedeutungslos in der polnischen Gesellschaft. Sie gelten als die Verlierer der Revolution. Wiktor Grotowicz, machte in seiner publizistischen Tätigkeit die Erfahrung, dass Themen wie, Politik des Vatikans unter dem Papst Johannes II., Homosexualität, Umweltverschmutzung, Schwangerschaftsabbruch oder Kritik an den USA, auf Unverständnis und Ablehnung in der konservativen polnischen Gesellschaft stoßen. Sein journalistischer Blick ist geprägt von 20 Jahren Exil in Deutschland.

Linke, pazifistische und ökologische Oppositionsgruppen vor und nach 1989

Über dieses in Polen immer noch nicht allzu populäres Thema referierten Leszek Budrewicz, ehemaliger Bürgerrechtler, Buchautor und Publizist und Radoslaw Gawlik, Vize-Umweltminster a. D. Beide gehörten zu den Gründern der ökologisch-pazifistischen Bewegung "Freiheit und Frieden". Mit Demonstrationen machten die Protagonisten auf Missstände in der Umwelt und die militärische sowjetische Vorherrschaft aufmerksam, die von Polizeikräften jedoch unterdrückt wurden. Die Bewegung erreichte nie den Stellenwert und Zulauf von "Solidarnosc". In der polnischen Gesellschaft standen zu der Zeit Pazifismus und Umwelt nicht im Vordergrund. Die damaligen Aktivisten sind heute in diversen politischen, gemeinnützigen, kulturellen Einrichtungen oder auch in postkommunistischen Parteien zu finden. Manche von ihnen gründeten nach 1989 eine Grüne-Partei, die bei den Wahlen antritt, bislang jedoch keine Wahlerfolge verbuchen und nicht ins Parlament einziehen konnte.

Kunst und alternative Widerstandsformen gegen die kommunistische Regime und ihre Protagonisten heute

Bereits 1954 organisierte Wojciech Siwek das erste Jazzfestival in Danzig. Jazz galt zuvor als kapitalistische Erfindung. Erst nach Stalins Tod traute sich das kommunistische Polen, Jazzmusik zu tolerieren. Es entstand eine unabhängige kulturelle Bewegung. Noch heute organisiert W. Siwek im April "Jazz an der Oder" in Breslau mit internationalen Musikern.

In der bildenden Kunst erregten Happening-Künstler wie Robert Jezierski von der "Orangenfarbenen Alternative", in den 80-iger Jahren großes Aufsehen. Mit ihrer provokanten Kunst, die sie auf Straßen, an Häusern und in Wohnungen zeigten, demonstrierten sie die Lächerlichkeit der Machtinhaber. In den Städten Warschau, Krakau, Posen und Breslau, entstand eine lebendige, kreative Kunstszene, die internationale Beachtung fand. Auch heute gibt es genug Betätigungsfelder, in denen man die Machthaber bloßstellen kann. Jolanta Bielanska, wies in ihrem Vortrag auf die schwierige Lage der freischaffenden Künstler vor 1989 hin, die nicht mit dem Regime zusammenarbeiten wollten. Trotzdem haben es viele von Ihnen geschafft, sich einen Namen zu machen. Aber auch heute sehen sich manche Künstler in einer eher kritischen Lage, die u.a. durch die Zensur seitens der rechten Parteien verursacht wird.

Fazit 1989

Die in den 80er Jahren in der DDR wirkenden oppositionellen Gruppen manifestierten zunächst sehr vorsichtig ihre Existenz. Sie orientierten sich nicht an Solidarność und teilten auch nicht die Mehrheit der Ziele der polnischen Opposition. Ihre Vorbilder sahen sie vor allem in der westdeutschen Friedens- und Ökologiebewegung, sie strebten nach einem 'besseren Sozialismus', wollten eine saubere Umwelt und Abrüstung.

Anders in Polen. Dort wurde die Revolution viel riskanter eingeläutet. Im Mittelpunkt standen zwei Aspekte: die Rückgewinnung der nationalen Souveränität und die Befreiung von der sowjetischen Bevormundung. Arbeiter und Intellektuelle organisierten flächendeckende Streiks, die teilweise blutig niedergeschlagen wurden. Von Seiten der SED folgten mahnende Worte über die Ereignisse in Polen an die sowjetische Führung. Nach der Anerkennung der "Solidarnosc" 1980 war das Machtmonopol der kommunistischen Partei in Polen so gut wie zerbrochen.

Ende der 80er Jahre wurde in der DDR die Existenz von Protestgruppen immer sichtbarer. Die Machtübernahme durch Michail Gorbatschow gab ihnen mehr Zuversicht, wenngleich die Sicherheitsorgane auf vollen Touren weiterhin arbeiteten. Viele Teilnehmer von Protestaktionen und Demonstrationen wurden verhaftet und verurteilt. Die ostdeutsche Gesellschaft schien Ende 1989 wie aus der Jahre lang andauernden Lethargie plötzlich erwacht. Der Runde Tisch in Polen und der Sieg der politischen Opposition zeigten den Menschen, dass man das System ohne Blutvergießen bezwingen und beseitigen kann.

Die massenweise Flucht nach dem Westen über Ungarn und über die Botschaften in Prag und Warschau rief einen radikalen Stimmungswandel hervor und ermutigte Tausende, sich an Demonstrationen in Leipzig und in einigen anderen Städten zu beteiligen. Eine irrtümliche Information von Günter Schabowski über die angebliche sofortige Freizügigkeit für Westbesuche führte Zehntausende an die Grenzübergänge. Deren Öffnung durch die desorientierten und verunsicherten Grenzsoldaten ging in die Geschichte als Fall der Berliner Mauer ein. Der letzte Akt der sog. 'friedlichen Revolution' in der DDR wurde vollzogen. Nach 1989 engagierten sich DDR-Oppositionelle im Zusammenschluss der Partei "Bündnis 90 / Die Grünen", die jedoch bei den Wahlen in den neuen Bundesländern keine bedeutende Rolle spielte.

Es ist festzuhalten, dass nicht alle polnischen und deutschen Oppositionellen aus unterschiedlichen Gründen eine (aus ihrer jeweiligen Sicht betrachtet) Wunschposition in den jeweiligen Gesellschaften gefunden haben. Viele, darunter die Mehrheit der während des Hauptstadtforums aufgetretenen Referentinnen und Referenten, fanden aber neue Betätigungsbereiche und kommen mit der heutigen Wirklichkeit gut zurecht. Manche - wie Wolfgang Templin in Deutschland oder Leszek Budrewicz in Polen - vermissen eine mehr sozial betonte Politik, die man womöglich bei der Schaffung einer gerechteren Gesellschaftsordnung hätte realisieren können.


HauptstadtForum Revolution: Die 89er - damals und heute

  • Übersicht
  • Seminar in Berlin
  • Exkursion nach Breslau

  • Event series

    Mapping Memories

    Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

    Mehr lesen

    Fachkonferenz

    Konferenz zur Holocaustforschung

    Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

    Mehr lesen

    TiT-Veranstaltungsreihe

    Themenzeit im Themenraum

    Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

    Mehr lesen

    Veranstaltungsreihe

    Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

    Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

    Mehr lesen

    Veranstaltungsreihe

    What's up, America? – Perspectives on the United States and Transatlantic Relations

    Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

    Mehr lesen

    Blog zur Fachkonferenz

    Medienkompetenz 2014

    Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

    Mehr lesen