Veranstaltungen: Dokumentation

9.6.2006 | Von:
Harald Ganns

"Fußball als Baustein im sozialen Gefüge"

Harald Ganns, ehemals Afrikabeauftragter der Bundesregierung

Fußball spiele eine friedensstiftende und konfliktbereinigende Rolle, sagt Harald Ganns im Video-Interview. Der ehemalige Afrikabeauftragte der Bundesregierung ergänzt jedoch, dass Fußball als Sportart diese Aufgabe niemals alleine bewältigen könne.

Der ehemalige Afrikabeauftragte der Bundesregierung spricht über Möglichkeiten und Grenzen des Fußballs als friedensstiftendes Medium. (© 2006 Bundeszentrale für politische Bildung)


Man muss sich das soziale Umfeld in Afrika vor Augen führen. Da hat eine Sache wie Fußball – die auch ablenkt, einen neuen Inhalt gibt oder Kinder von der Straße wegholt, die erzieherische Wirkung hat und den Teamgeist fördert – eine ganz andere Bedeutung als bei uns. In Afrika ist der Fußball wirklich ein wichtiger Baustein im sozialen Gefüge. Das gilt natürlich nicht nur für den Fußball, sondern auch für andere Sportarten. Aber es gilt insbesondere für den Fußball, weil dieser eindeutig die Lieblingssportart ist.

Ich nenne Ihnen mal das Beispiel Ruanda - nach dem Völkermord 1994. Der bekannte deutsche Trainer Rudi Gutendorf wird nicht müde zu erzählen, wie sehr es ihn beeindruckt hat, dass nach diesem schrecklichen Ereignis, Angehörige der beiden miteinander verfeindeten Volksgruppen im Fußball – nicht nur, aber auch im Fußball – zueinander gefunden haben.


Und dass bei Erfolgen dieser neugebildeten, – ich nenne es mal – multikulturellen ruandischen Nationalmannschaft, das ganze Land hinter dieser Mannschaft stand, die aus verschiedenen Gruppen zusammengesetzt war. Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie Fußball eine friedensstiftende, konfliktbereinigende Rolle spielen kann. Natürlich kann der Fußball das nicht alleine leisten, aber er kann eine wichtige Ergänzung zur Politik sein. Ich will allerdings dazu sagen, dass es natürlich auch Beispiele gibt, die genau das Gegenteil beweisen.

Es gibt in Afrika und Lateinamerika historische Ereignisse, die man als Fußballkriege bezeichnet hat. Wenn Nationalmannschaften gegeneinander spielten und es Zwischenfälle gab, kam es anschließend zu Ausschreitungen in dem jeweiligen Gastland gegen Bevölkerungsgruppen, die aus dem Land des Gegners stammten. Ich war selbst einmal bei einem solchen Spiel dabei. Als die Nationalmannschaft von Niger – die ich zwar nicht trainert, aber betreut habe – in Togo ein WM-Qualifikationsspiel gewonnen hatte und die togoischen Zuschauer darüber so erbost waren und auch der Meinung waren, sie seien um den Sieg betrogen worden – durch Schiedsrichter und ähnliches –, dass wir hinterher im wahrsten Sinne des Wortes um unser Leben fürchten mussten. Und als wir mit dem Bus durch die wütende Menge fuhren, flogen Pflastersteine, und sämtliche Scheiben des Busses gingen kaputt. Gott sei Dank hatte ich den Spielern vorher gesagt, dass sie sich auf den Boden legen sollen – sonst wären einige wahrscheinlich schwer verletzt worden.

Die afrikanischen Mannschaften, die ja ein natürliches Talent wegen ihres Bewegungsablaufs mitbringen, haben an Taktik und Disziplin so viel dazu gelernt, dass sie heute in der Weltspitze mitspielen können. Dazu haben auch deutsche Trainer beigetragen. Es gibt eine ganze Reihe von Trainern, die mit Privatverträgen in Afrika arbeiten. Ich erinnere an Winfried Schäfer in Kamerun. Das war keine Maßnahme der Bundesregierung – oder aktuell Ernst Mittendorp, der in Südafrika eine Klubmannschaft trainiert. Aber inzwischen gibt es auch sehr viele, sehr gute afrikanische Trainer. Wenn Sie sich mal anschauen, welche Mannschaften dieses Jahr bei der WM dabei sind und wer sie trainiert oder wer sie zumindest dahin gebracht hat, dann sind das im Wesentlichen auch Afrikaner gewesen.

Die Mannschaft, die in meinen Augen am meisten Chancen hat, über die Vorrunde - und vielleicht sogar noch weiter - hinauszukommen, ist die Elfenbeinküste. Aber wenn Sie sich anschauen, welche Gruppe die Elfenbeinküste bekommen hat – mit den Niederlanden, Argentinien –, dann ist das eine übermenschliche Aufgabe. Es würde mich freuen, aber auch wundern, wenn die Elfenbeinküste in dieser Hammergruppe die Vorrunde überstehen würde. Obwohl ich sie wirklich für die stärkste der fünf Mannschaften halte.

Redaktion: Marcus Pawelczyk
Kamera und Schnitt: Jovan Arsenic
Das Interview entstand auf dem Africafestival in Würzburg vom 25. bis 28. Mai 2006.


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