Veranstaltungen: Dokumentation

3.5.2006 | Von:
Harald Welzer

Harald Welzer: Keine Aufarbeitung der Vergangenheit

Gesellschaften nehmen je nach historischer Situation unterschiedliche Aufgaben wahr, die sie für sich bewältigen müssen, meint der Sozialpsychologe Harald Welzer. Anders als in Deutschland gehöre dazu im China der Gegenwart gerade nicht eine intensive Durcharbeitung der Vergangenheit.

Der Sozialpsychologie spricht über die Aufarbeitung der eigenen Geschichte in China. (© Bundeszentrale für politische Bildung)


Ich denke, dass Gesellschaften, je nach der historischen Situation, in der sie sich befinden, unterschiedliche Aufgaben für sich selber wahrnehmen. In China ist sicherlich die wahrgenommene Aufgabe die, sich so schnell und so rasant wie möglich zu modernisieren und hinsichtlich der Ökonomie zu entwickeln. Es gibt dort dafür einen gefühlten Nachholbedarf. Wenn ich mir gesellschaftlich solche Aufgaben stelle, ist der Vergangenheitsbezug nicht so wichtig wie wenn ich in einer Gesellschaft bin, die auf eine relativ lange, in dem Sinne "moderne kapitalistische Tradition" zurückblicken kann und sich vielleicht mit ganz anderen Entwicklungsaufgaben konfrontiert sieht, also z.B. die Aufgabe, sich erneut zu konsolidieren, nach einer Phase von Wohlstand und Wachstum. Das ist eine andere gesellschaftliche Entwicklungsaufgabe und sie hat Folgen dafür, wie man mit Vergangenheit umgeht.

Wenn ich mich an den Orwellschen Roman richtig erinnere, ist es ja genau die Auseinandersetzung damit, in wie weit sich eine subjektive, lebenspraktische Erinnerung dem totalitären Zugriff entzieht. Es gibt übrigens sehr viele negative Utopien, also utopische Romane, die genau um dieses Thema kreisen, z.B. Fahrenheit 451. Solange es noch ein Buch gibt, das nicht kontrolliert wird, gibt es eine eigene Form der Subjektivität und damit der Erinnerung. Das war übringens einer der zentralen Irrtümer des Stalinismus: Die Vorstellung, dass sich Erinnerung kontrollieren ließe. Aufgrund der kommunikativen Verfasstheit von Erinnerung, dass sie eben in der lebendigen Auseinadersetzung existiert, sich fortbewegt und am Leben erhält, ist es eigentlich unmöglich, von außen Erinnerung zu 100% zu oktroyieren. Eine umfassende kollektive Gehirnwäsche gibt es also in dem Sinne nicht, sie ist auch nicht vorstellbar. Es gibt sowas wie eine erinnerungspraktische Resistenz, dass Menschen also schon darauf Bezug nehmen, was sie meinen, was ihre Vergangenheit ist und es ablehnen, zu 100% eine Vergangenheit zu übernehmen, von der sie irgendwie das Gefühl haben, dass sie nicht dem entspricht, was sie selber erlebt haben.

Ich denke, dass sich im Vergleich der westlichen Erinnerungskultur und besonders der bundesdeutschen mit sowas wie einer chinesischen enorme Unterschiede erkennen lassen. Die Erinnerungskultur in der Bundesrepublik ist ja eine, die sich besonders viel darauf zu Gute hält, eine bestimtme Phase der Geschichte exzessiv zu bearbeiten, exzessiv durchzuarbeiten, und sie erhebt es auch zur Norm, dass man Dinge, die irgendwie in der Vergangenheit problematisch gewesen sind, durcharbeiten und aufarbeiten müsse. Das unterscheidet sich sehr stark von einer Gesellschaft, die eine hohe Dynamik nach vorne entwickelt hat. Wie lange das trägt, ist eine andere Frage. Für die Gegenwart kann man das sicher beschreiben. Eine Gesellschaft, die sozusagen aus Zeitmangel garnicht dazu kommt, sich so intensiv mit der Durcharbeitung der Vergangenheit zu beschäftigen. Sie hat auch kein Interesse daran, weil es funktional für die Aufgbe, die diese Gesellschaft für sich selber wahrnimmt, nichts bedeutet, sich jetzt sehr stark um die Vergangenheit zu kümmern.

Interviewerin: Sabine Peschel
Kamera: Jens Krisinger
Schnitt: Sabine Peschel und Jens Krisinger
Das Interview entstand auf der Konferenz "China zwischen Vergangenheit und Zukunft" vom 24. bis 26. März 2006.


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