Veranstaltungen: Dokumentation

4.5.2006 | Von:
Michael Lackner

Michael Lackner: Erfindung von Traditionen

In China hat Kultur vor allem einen pädagogischen Aspekt: Eine Elite erzieht das Volk durch Kultur und erreicht so verschiedene Grade der Zivilisiertheit, meint der Sinologe Michael Lackner. Dafür würden auch Traditionen erfunden.

Der Sinologe spricht über die Instrumentalisierung der Kultur als pädagogisches Instrument in China. (© Bundeszentrale für politische Bildung)


Wodurch unterscheidet sich die Funktion des Kulturellen in China vom Westen? Zunächst einmal: Es gibt einen ganz starken pädagogischen Aspekt. Das Volk wird erzogen durch eine Elite. Diese Elite produziert Kultur. In der Folge muss das Volk nicht unbedingt zur Elite gehören, aber es ist dann zivilisiert. Die verschiedenen Grade der Zivilisiertheit kennt auch das chinesiche Imperium in der Tradition.

Warum erfindet China viele Traditionen? Ich würde sagen, weil es sehr schnell handeln muss und weil natürlich die Auslöschung der memoria, des Gedächtnisses, eine so massive war, wie wir sie uns kaum vorstellen können. Ich glaube nicht, dass es in Europa einen Moment gibt, der eine damnatio memoria, eine Auslöschung oder Verdammung einer über 2000-jährigen Kultur so in Szene gesetzt hat und so radikal durchgesetzt hat, wie das hier geschehen ist. Wir haben es also auch mit Kompensationsphänomenen zu tun. Ein Volk kann nicht auf Dauer leben ohne jeden Bezug zu seiner Geschichte.

Hat China Zeit, zurückzublicken und sich zu beschäftigen mit der eigenen Geschichte? Das ist eine problematische Frage. Überall entstehen lokale Museen, Erinnerungsorte, die gegensätzlichster Natur sind. Die Sieger einer Schlacht bekommen fast zum gleichen Zeitpunkt einen Erinnerungsort, ein Museum, eine Ausstellung wie die Besiegten einer Schlacht. China hat offensichtlich die Zeit und nimmt sich diesen Luxus. Interessant ist, dass dies alles synchron geschieht. Was bei uns zum Teil Jahrhunderte gedauert hat, geschieht in China synchron.

Hinter den Versuchen, die chinesische Geschichte zu verlängern, sei es über den Peking-Menschen auf der einen Seite oder auf der anderen Seite jüngere archäologische Funde mit der legendären Xia-Dynastie in Verbindung zu bringen, steht im Grunde genommen der Versuch, eine eigene Menscheitsgeschichte zu schreiben, sich aus der Menschheitsgeschichte generell herauszudestillieren.

Das Leiden besteht zunächst einmal darin, dass der Nationalstaat in China in seiner Gründungsphase eine Homogenität voraussetzte, die garnicht gegeben war. China war ein Imperium, eine Welt, ein Vielvölkerstaat, der zunehmend regiert wurde von einer nicht chinesischen bzw. nicht Han-chinesichen Dynastie. Dieser Weg ist der komplexere Weg gewesen. Um den Nationalstaat zu gründen, musste nun so etwas wie eine chinesische Rasse, wie eine chinesische Nation geschaffen werden. Es musste eine größere Homogenität dort geschaffen werden, wo es keine gab. Dabei fällt natürlich enorm viel weg aus der Erinnerung eines Reiches, welches plötzlich schrumpft zu einem "member of the family of nations". Meine These ist die, dass dieser Prozess bis heute noch nicht abgeschlossen ist und dass daran immer noch ein Leiden besteht, weil die historischen Muster fehlen, um sich als Nationalstaat wirklich begreifen zu können.

Interviewerin: Sabine Peschel
Kamera: Jens Krisinger
Schnitt: Sabine Peschel und Jens Krisinger
Das Interview entstand auf der Konferenz "China zwischen Vergangenheit und Zukunft" vom 24. bis 26. März 2006.


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