Veranstaltungen: Dokumentation

1.6.2006 | Von:
Hou Hanru

Hou Hanru: Die chinesische Kunst und der Wandel der heutigen Gesellschaft

Die wirkliche Rolle der Kunst in der heutigen Gesellschaft ist es, den sozialen Wandel Chinas zu illustrieren und individuelle Haltungen auszudrücken, so der chinesische Kurator Hou Hanru. Dennoch, die alte Beziehung der Kunst zur politischen Situation bleibt bestehen, obwohl dabei neue Widersprüche entstehen.

  • Englische Textversion


  • Der chinesische Kurator spricht über die Rolle der Kunst und ihre Verbingung zur Politik in China. (© 2006 Bundeszentrale für politische Bildung)


    Ich glaube, ich habe mehr und mehr mit bestimmten Schlüsselthemen gearbeitet, was vielleicht mit der Welt zusammenhängt, in der wir leben. Die Fragen des Multikulturalismus, der Auswanderung, der wirtschaftlichen Globalisierung, der Urbanisierung – all diese Fragen sind ganz wesentlich gewesen für mein Verständnis der Wichtigkeit der Kunst. Die wirkliche Rolle der Kunst in der heutigen Gesellschaft ist nicht nur, den sozialen Wandel zu illustrieren. In ihr geht es heute auch darum, individuelle Haltungen auszudrücken, die sich irgendwie gegen solche Tendenzen stellen.

    Das wirklich Interessante ist, dass die Situation immer komplexer wird. Die alte Beziehung [der Kunst, Anm. d. Red.] zur politischen Situation bleibt bestehen, während neue Widersprüche eingeführt werden. Ich glaube, die chinesische Erfahrungen in bezug auf Maßstäbe ist hier einzigartig, denn China ist wirklich riesig. Das heißt nicht, dass ein Land wie Indien nicht in der nahen Zukunft den gleichen Prozess durchmachen wird. Doch zum jetzigen Zeitpunkt ist China wirklich Schlachtfeld für einen solchen Wandel. Auf der anderen Seite haben sich bestimmte Dinge nie wirklich gewandelt, nämlich eine bestimmte Art von geteiltem Verständnis davon, welche soziale Funktion künstlerische und kulturelle Produkte besitzen.

    Es gibt eine umfassende Instrumentalisierung, und nun sehen wir die Grenze dieses Pragmatismus. Lassen sie mich ihnen ein Beispiel geben: In der letzten Woche wollte die Regierung im Chinesischen Parlament ein neues Gesetz über Privateigentum verabschieden. Und das zeigte die Grenze: Das Gesetz stellte sich als verfassungswidrig heraus. Das ist ein endgültiger Widerspruch. Sie versuchen das zu lösen, und wenn sie dieses Problem nicht lösen, wird die wirtschaftliche Situation die Gesellschaft in eine weitere Spaltung, eine weitere Schizophrenie gedrängt. Das kann nicht für immer aufrecht erhalten, für immer ertragen werden. Also: Wie weit kann diese Grenze überschritten werden? Oder muss man sich auf bestimmte Dinge wieder zurückziehen?

    Auch in der Kunst stehen wir vor dieser Frage: Wie viel kann ein Individuum als schöpferisches Subjekt unter dem Druck der äußeren Bedingungen tun? Wie sehr kann es bestimmte individuelle Positionen vertreten – ohne sich dabei von der Realität zu isolieren oder isoliert zu werden? Das ist tatsächlich ein sehr entscheidender Augenblick für jeden.

    Der entscheidende Punkt ist die chinesische Gesellschaft selbst: Soll sie sich zu einer gewissen Komplizierung der sozialen Organisation oder Struktur entwickeln, die Minderheiten oder Zivilgesellschaften zulässt? Diese Zivilgesellschaften könnten eine Art Zwischenkraft werden, zwischen der höheren Ebene der politischen Infrastruktur und den Individuen.

    Die Frage ist also, wie man die gesellschaftliche Mehrheit selbst kompliziert, wie man die Mehrheit andauernd dekonstruiert. Und das hängt davon ab, wie man den Begriff des Individuums neu definiert. Schließlich leben wir nicht mehr in Zeiten des romantischen Helden des 19. Jahrhunderts.

    Interviewerin: Sabine Peschel
    Kamera: Jens Krisinger
    Schnitt: Sabine Peschel und Jens Krisinger
    Das Interview entstand auf der Konferenz "China zwischen Vergangenheit und Zukunft" vom 24. bis 26. März 2006.


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