Veranstaltungen: Dokumentation

1.6.2006 | Von:
Leng Lin

Leng Lin: Große Unterschiede zum Westen

China und der Westen unterscheiden sich deutlich darin, wie und was erinnert wird, glaubt Leng Lin, Professor für Kunstgeschichte an der Universität von Beijing. Es sei vor allem der Kunst zu verdanken, dass sich in China seit den 1990er-Jahren ein kulturelles Gedächtnis entwickle.

Der Kurator und Professor für Kunstgeschichte an der Universität von Beijing spricht über Chinas kulturelles Gedächtnis. (© 2006 Bundeszentrale für politische Bildung)


Wenn man vom kollektiven Gedächtnis spricht, dann gibt es zwischen China und dem Westen sehr große Unterschiede. Natürlich ist es schwierig, über den Westen als Ganzes zu sprechen, der Westen hat den Sozialismus nicht mitgemacht. Die Länder, die den Sozialismus durchlebt haben, Osteuropa, die Sowjetunion, dort haben die speziellen Vorstellungen in bezug auf das Kollektive mit China einiges gemeinsam. Das ist sehr wichtig, den im Prozess unserer Erziehung wird das Individuelle mit der privaten Begierde assoziiert. Das individuelle Gedächtnis ist etwas, das kritisiert wird oder etwas, das man selber in sich bewahren muß, etwas Wegzuschließendes. Das kollektive Gedächtnis dagegen wird in seiner gesellschaftlichen Bedeutung vergrößert. Es ist ein Konzept, das für die Zukunftsutopie, den sozialistischen Aufbau, sehr wichtig ist. Das Kollektive ist also in China sehr wichtig.

Was die Phasen der künstlerischen Entwicklung in China angeht, hat seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Entwicklung der Kunst doch vorrangig mit dem individuellen Gedächtnis zu tun. Erinnerungen begannen, auf der Ebene des individuellen Gedächtnisses wirksam zu werden. Inhaltlich zeigte sich das in der Formung von kulturellen Symbolen. In den 1990er-Jahren wurde individuelle Erinnerung zu einem sehr sorgfältigen, sich der eigenen Identität versichernden und genau überlegten Prozess. Mit Beginn der 1990er-Jahre wird sehr deutlich, wie viel Wirkung das individuelle Gedächtnis in der Kunst hat. Durch diesen Prozess bildete sich dann auch so etwas wie ein kulturelles Gedächtnis heraus. Durch die individuelle Erinnerung entstand in einem größerem Rahmen das kulturelle Gedächtnis. Dieser Prozess machte individuelle Erinnerungen wiederum größer, wichtiger, bewusster. Welchen Wert und welche Bedeutung Erinnerung an sich hat, welche Funktion sie in der Zukunft haben kann, was unsere Erinnerungen für die Welt bedeuten, solche Fragen wurden erst nach dem Jahr 2000 gestellt.

Die chinesische Gesellschaft ist keine Gesellschaft, in der ganz und gar nach strikten gesetzlichen Bedeutungen entschieden wird, die kristallklaren oder auch amorphen Beschränkungen unterliegt. Sie ist nur eine, die sich für einen gewissen Zeitabschnitt auf extreme Weise von der Welt abschließen oder sich für die Welt öffnen kann. Deshalb ist es nicht möglich, die Veränderung dieser Gesellschaft allein durch die Kenntnis strenger Gesetze oder rigider Vorstellungen zu analysieren. Ich finde, wenn man die Veränderungen unserer Gesellschaft verfolgt, dann sind sie heute ökonomisch, aber morgen vielleicht schon nicht mehr. Oder sie sind heute nicht wirtschaftlicher Art, morgen aber plötzlich schon wieder. Deshalb sind das natürlich alles beliebige, spielerische Veränderungen. Wenn man die Entwicklung seit mehr als zehn Jahren betrachtet, dann finde ich, ist die geistige Entwicklung, die Entwicklung der moralischen Erfahrung, sehr weitgehend. Die Kulturrevolution hat niemals konzentrierte geistige Anstrengungen auf sich gezogen, um sie gewissenhaft neu zu bewerten oder zu kritisieren.

Vom Standpunkt der Erkenntnis aus betrachtet wissen wir, dass die Kulturrevolution uns – und in Teilen sogar der Welt – eine Katastrophe beschert hat. Daran besteht kein Zweifel. Aber unter dem Aspekt individueller Erfahrung gibt es auch noch etwas anderes. Den schließlich handelt es sich um eine Geschichte, eine Erfahrung. In einer solchen Erfahrung gibt es vielleicht teilweise Dinge, die wegen des desaströsen Ergebnisses vernachlässigt werden. Deshalb dürfen wir diese Erfahrungen heute nicht einfach auslöschen, sondern wir müssen sie gewissenhaft resümieren. Individuell betrachtet verfügen wir aber über keinerlei Wissen, um aus der Erfahrung der Kulturrevolution heraus etwas positiv zu begreifen. Zu kritisieren ist einfach, das man bei dieser Kritik verhindert, dass Tragödien noch einmal aufgeführt werden. Es ist wichtig, dass wir so an das Studium der Kulturrevolution herangehen. Und es geht auch nicht nur um das Wissen, dass ein Wissen zu gegebener Zeit und auf einer entsprechenden Stufe in gesellschaftliches Gedächtnis transformiert wird. Das geschieht relativ leicht. Das aber dieses gesellschaftliche Gedächtnis sich zu diesem Zeitpunkt auch in ein individuelles Gedächtnis überträgt, das ist äußerst schwierig.

Interviewerin, Übersetzerin, Sprecherin: Sabine Peschel
Kamera: Jens Krisinger
Schnitt: Sabine Peschel und Jens Krisinger
Das Interview entstand auf der Konferenz "China zwischen Vergangenheit und Zukunft" vom 24. bis 26. März 2006.


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