Veranstaltungen: Dokumentation

1.6.2006 | Von:
Xi Chuan

Xi Chuang: Bausubstanz ist Kultursubstanz

Mit Sorge betrachtet Xi Chuan die bauliche Entwicklung Pekings und den Abriss alter Gebäude. Sie stünden nicht nur für ein traditionelles Leben, sondern ermöglichten auch, ein solches zu führen. Xi Chuan ist Vorstandsmitgleid des chinesischen Dichterverbandes und war Mitbrgründer des verbotenen Lyrikmagazins "Qingxiang" (Tendenz).

Das Vorstandsmitglied des chinesischen Dichterverbandes spricht über die städtebauliche Entwicklung Pekings. (© Bundeszentrale für politische Bildung)


Mir gefällt der bauliche Veränderungsprozess in Peking nicht. Die Stadtplanung, egal ob für Strassen, Gebäude oder anderes. Ich habe zwar nichts gegen Veränderungen, aber die Richtung, die mit diesen Entwürfen eingeschlagen wird, gefällt mir nicht besonders. Diese hohen Gebäude, die überall errichtet werden, wirken bedrückend. Sie machen das Leben einerseits bequemer, das streite ich nicht ab, aber auf der anderen Seite nehmen sie dir, in vielerlei Hinsicht, auch die Möglichkeit, das Leben zu begreifen. Die Stadtplanung in Peking geht auf die Qing-Dynastie des siebzehnten Jahrhunderts zurück. Seit dem gibt es sie schon. Aber die Chinesen, genauer gesagt die Pekinger, haben diese Planungen vielleicht unabsichtlich immer wieder zerstört.

Tatsächlich ist es ja so, das Planungen für eine Stadt grundsätzlich immer wieder neuen Bedürfnissen angepasst werden müssen. Das verstehe ich gut. Aber das Ergebnis ist unglaublich chaotisch. Dieses Durcheinander hat seinen Grund, auch in weltanschaulichen Positionen. Zum Beispiel hatte die kommunistische Partei, als sie 1949 die Volksrepublik China gründete, den Wunsch, das China ein modernes Land werden sollte. Deshalb war sie an der überlieferten Stadtplanung oder an dem, was die Intelektuellen an Entwürfen vorschlugen, nicht interessiert. Mao Zedong hat damals gesagt: "Ich will das der Tiananmen-Platz von vielen Schornsteinen umgeben ist." Das ist einer seiner bekannten Aussprüche. Das Ziel war damals also, China zu modernisieren. Aber nach so vielen Jahren stellen wir fest: Die Modernisierung ist nicht alles im Leben, sie ist sehr wichtig, aber längst nicht alles. Das Leben besteht auch noch aus sehr vielen anderen Dingen. Jetzt fragen wir uns plötzlich: wie kommt das, dass ich in einer solchen Stadt wohne? Wie trete ich einer solchen Stadt gegenüber?

Ich will einen Beispiel geben: Es kann sein, dass wir gegenwärtig sehr vieles verlieren, aber in diesem neuen Peking sind zahlose neue Häuser gebaut worden. Man fängst dann an zu überlegen: Welcher Stadt ähnelt Peking eigentlich? Gleicht es New York? Nein! Gleicht es Berlin? Nein! Und noch weniger Paris oder London. Obwohl so viele neue Gebäude hochgezogen worden sind, gleicht Peking keinem anderen Ort. Und warum nicht? Weil die Stadt eine psychologische Grundstruktur hat. Diese grundlegende psychologische Struktur ist es, die dafür sorgt, das Peking so wächst, wie es jetzt neu gebaut wird. In bezug auf die psychologische Grundstruktur ist die Veränderung, wie ich finde, nicht groß.

Diese psychologische Struktur gab es vielleicht schon in den fünfziger Jahren, in den achtziger und auch jetzt ist es noch immer dieselbe psychologische Struktur. Aber ihre Botschaft ist jetzt nicht mehr dieselbe. Die Bilder, die sie entwirft, sind nicht mehr dieselben. Jetzt kennt man nichts anderes als große Gebäude hochzuziehen, aber sie werden in ziemlicher Unordnung gebaut. Das ist nicht anders als früher. Und das ist was ich meine, wenn ich sage, dass ich mir nicht allzu große Sorgen um die Planung mache. Sie kann kaum verloren gehen. Auf der anderen Seite, unter visuellem Aspekt, finde ich den Abriss der alten Gebäude überaus bedauerlich. Natürlich lassen sich auch Gründe dafür finden: es ist teurer, die alten Häuser zu erhalten, als neue zu bauen. Und es gibt noch einen weiteren Grund: In China ein sogenanntes "traditionelles" Leben zu führen ist sehr viel kostspieliger als ein moderner Lebensstil. In China ist es im Grunde so, dass nur wohlhabende Leute es sich leisten können, ein traditionellen Lebensstil zu pflegen. Das ist einfach viel zu teuer, das gewöhnliche Volk kann sich das nicht leisten. Das ist eine Art Ironie: Für Chinesen ist ein chinesisches Leben unerschwinglich geworden. Deshalb leben sie ihr Leben lieber praktisch, so ist das gekommen.

Interviewerin, Übersetzerin, Sprecherin: Sabine Peschel
Kamera: Jens Krisinger
Schnitt: Sabine Peschel und Jens Krisinger
Das Interview entstand auf der Konferenz "China zwischen Vergangenheit und Zukunft" vom 24. bis 26. März 2006.


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