Veranstaltungen: Dokumentation

15.12.2005 | Von:
Betty Siegel

"Jugend, das ist Rebellion"

Ein Kurzinterview mit Betty Siegel

bpb: Was sind denn die neuesten Trends in Sachen Jugendjournalismus?

Siegel: Da gibt es zwei Entwicklungen. Die eine lässt sich in Anklang an die ZDF-Reihe unter dem Stichwort 37°-Marketing zusammenfassen. Es geht darum, Erfahrungen von Menschlichkeit zu vermitteln. Es menschelt doch überall, typische Seite 3-Geschichten breiten sich auch auf die Seiten 6, 7 und 8 aus. Was die Jugendlichen brauchen, sind Hintergrund und Kommentar, nicht nur die kalte Info.

bpb: Und die andere Entwicklung?

Siegel: Wir nennen das "Anchoring". Im Prinzip geht es um die Rückbesinnung aufs Lokale, aber auch aufs Deutschsein. Man muss sich nur mal den Berlin-Hype anschauen. Deutschtum ist eben nicht mehr automatisch mit Schwarzwalduhren verbunden, das Piefige verschwindete oder wird cool. Es war 50 Jahre lang unattraktiv, ein Jugendlicher aus Deutschland zu sein – im Zuge der europäischen Einigung ist das jetzt zunehmend passé und das wollen die Jugendlichen auch in ihren Medien gespiegelt sehen.

bpb: Und wie sind diese Trends Ihrer Meinung nach im journalistischen Alltag umsetzbar?

Siegel: Gerade Lokalredaktionen haben aufgrund des Nutzwertcharakters ihrer Zeitung eine große Chance. Der Lokalteil als Marktplatz im ursprünglichen Sinne, als Plattform. Hier können Leute aus einem Verbreitungsgebiet zueinander finden. Ein anderer Aspekt: Jeder will mal Star für fünf Minuten sein. Es geht um Selbstdarstellung und Interaktion. Ich habe schon oft vorgeschlagen, eine Jugendsportseite einzurichten á la U 18. Da könnten die jugendlichen Top-Athleten oder die besten Jung-Schwimmer der Stadt vorgestellt werden. Wenn ein Jugendlicher das liest und sagen kann: "Guck mal, da bin ich mit meiner Handballmannschaft", das können die Zeitungen nutzen, um diese jungen Leserinnen und Leser ans Blatt heranzuführen, denn da liegt ja das Problem, ich kann nur binden, wer überhaupt schon da ist..

bpb: Aber es sind doch gerade Tageszeitungen, die sich mit der jugendlichen Zielgruppe schwer tun. Haben Sie Tipps, wie es besser funktionieren kann?

Siegel: Es kommt auf die richtige Aufbereitung und die richtigen Ansprachetechniken an, zwei davon sind für Jugendliche besonders spannend: "Storytelling" und "Involvement". Letzteres knüpft direkt an die Erfahrungen der Jugendlichen an, ich lasse sie teilhaben, das ist eher etwas für Online-Medien. "Storytelling" passt besser zu Print – und ist nichts anders als Geschichten erzählen: Da muss es Fallhöhen für die Charaktere geben, am Ende muss die Person eine Wandlung erleben, es braucht eine Überraschung, einen "Bang!".

bpb: Warum ist es überhaupt so schwierig, Journalismus für diese Zielgruppe zu machen?

Siegel: Jugendliche sind für viele in der Branche nach wie vor "das unbekannte Tier" – das liegt nicht zuletzt am Alter der Journalisten, die oft die Jugendseiten betreuen. Das sind oft Berufsjugendliche, wie ich sie nenne, – das kann nichts werden.

bpb: Was sind denn Themen, die Jugendliche besonders interessieren?

Siegel: Ganz klar: Sie brauchen Aufstiegsvisionen. Es gibt momentan keine soziale Mobilität mehr. Der Aufzug nach oben, von dem der Soziologe Ulrich Beck gesprochen hat, ist steckengeblieben. Die jugendliche Zielgruppe fragt sich doch: Wer bin ich? Wo will ich hin? Und die Gesellschaft antwortet: Du kannst nur vertikal unterwegs sein.

bpb: Die Gruppe der Jugendlichen definiert jeder anders. Was ist Ihrer Meinung nach die Altersspanne, die Zeitungen adressieren sollten?

Siegel: Alle zwischen 15, 16 bis 22. Mit 15 ungefähr, da schlägt´s dann eines Morgens um – und sie finden den Glitzerkram oder analog für Jungs den Fussi-Fokus nur noch doof. Wichtig ist: Man darf sich nicht von einer Zielgruppe in die Knie zwingen lassen. Sie wollen Texte und Autoren mit Rückgrat – Leute, die nicht gleich umfallen. Was Jugendliche echt hassen, ist Opportunismus. Sie sind in einer Such- und Orientierungsphase, da brauchen sie jemanden mit Haltung, an dem sie sich reiben können. Jugend, das ist Rebellion. Und in einer Zeit wie heute, wo alles möglich scheint, gibt´s kaum etwas, gegen das sie sich auflehnen können, am wenigsten ihre Eltern. Sie brauchen also auch Texte, die eine entschiedene Haltung haben, Themen, über die sie sich auch mal aufregen können.

Interview: Anne Haeming


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