Veranstaltungen: Dokumentation

12.5.2005

Polen – unbekannt und doch vertraut. Eine Entdeckungsreise in den "wilden Osten"

Bericht über die Studienreise der bpb vom 27.6. - 6.7. 2002 nach Breslau, Thorn, Danzig, Kolberg und Stettin

Polen – unbekannt und doch vertraut. Die Dokumentation beleuchtet die Entdeckungsreise in den "wilden Osten", welche vom 27. Juni - 6. Juli 2002 in Breslau, Thorn, Danzig, Kolberg und Stettin stattgefunden hat.

Breslau/Wroclaw

Breslau soll wieder auf die europäische Landkarte

Dr. Peter Ohr, deutscher Generalkonsul

Gruppenbild 240 neu
Breslau ist dabei, seine Identität wieder zu entdecken. "Die Einwohner suchen eine Bedienungsanleitung zu einer Stadt, die ihnen lange fremd geblieben ist", schreibt "Der Spiegel" (16/2002). "Jeder Stein wird umgedreht, jede Straße neu ausgemessen. Die Dinge bekommen ihren Sinn. Denn Breslaus Bauten sind heute nicht nur die Heim- und Kaufstätten seiner polnischen Bewohner, sondern Spiegel deutscher Geschichte."

Eine Stadt, die den Nationalsozialisten als "Festung" gedient hat, eine Stadt, deren Bevölkerung komplett ausgetauscht wurde - Wroclaw, von polnischen Fürsten gegründet, mit einer deutschen, österreichischen, böhmischen, polnischen Geschichte, mit einer Bevölkerung, die erst heute, seit ein paar Jahren beginnt, ihre Lemberger Wurzeln zu entdecken, wirkt heute stolzer und selbstbewusster denn je. Peter Ohr, dem deutschen Generalkonsul, merkt man es an, wie sehr er diese Stadt liebt.

"Breslau will wieder auf die europäische Landkarte", sagt er. Peter Ohr ist in Breslau geboren und musste als Kind fliehen. Heute residiert er mit dem Konsulat in dem repräsentativen Wohnhaus der Breslauer Bierbrauerfamilie Haase. 1940 wurde das Haus von den Nazis enteignet und zur Einsatzzentrale der Hitlerjugend umfunktioniert. 1956 zog die konsularische Vertretung der DDR ein. Deutschland übernahm das Gebäude zu Beginn der 90er Jahre. "Wir sind die einzige deutsche Vertretung westlich der Weichsel", sagt der Generalkonsul, "mit einhundert Mitarbeitern an drei Orten."

Seine Arbeit konzentriert sich auf die Anbahnung von Wirtschaftskontakten, auf die Ermöglichung einer Zusammenarbeit zwischen deutschen und polnischen Justizbehörden und der Polizei, auf die Beratung von Investoren und die Vermittlung kultureller Kontakte. Seit Jahren schon hat die Passabteilung nicht mehr viel zu tun – die Ausreisewünsche verbunden mit dem Nachweis der Deutschstämmigkeit haben nachgelassen.

Peter Ohr unterstützt die Expo-Bewerbung der Stadt. "Breslau braucht eine eigene Identität – das wird klar, wenn man die Stadt mit der Seestadt Danzig oder der Kulturmetropole Krakau vergleicht. Die haben ihre klare Funktion." Der Generalkonsul sieht "eine europäische Metropole" an der Oder heraufziehen. "Die Blume Europas" hat der britische Historiker Norman Davies seine Arbeit über Breslau auf deutsch genannt.

Das vorgeschlagene "Zentrum gegen Vertreibungen", auch das wäre für Peter Ohr ein Projekt für die Stadt. "Aber nur mit einer europäischen Perspektive und unter Einbeziehung der Westukraine, Galiziens und der Lemberger", unterstreicht er. "Das müsste ein Platz für alle europäischen Flüchtlinge und Vertriebene sein, nicht ein bisschen Gedenken an die deutschen Vertriebenen plus ein wenig Europa." Breslau brauche Ausstellungen, Messen, Kongresse. "Wie stark die Idee für das Zentrum gegen Vertreibungen schon gewirkt hat, sehen Sie daran, dass wir bereits die ersten telefonischen Nachfragen nach Arbeitsstellen bekommen haben."

Der EU-Beitritt Polens ist für ihn ausgemacht. "Wir tun manchmal so, als ob die Beitrittsfrage noch offen ist, aber das ist spätestens 2004 abgehakt." Die Schwierigkeiten beginnen nach seiner Ansicht erst nach dem Beitritt: Das Wohlstandsgefälle entspreche dem zwischen den USA und Mexiko, das habe die ILO (International Labour Organization, Genf) festgestellt. "Die Konflikte werden kommen, da ist viel Sensibilität gefragt, gerade, was den Erwerb von Eigentum an Grund und Boden oder Immobilien betrifft. In dieser Frage neigen beide Seiten dazu, die eigene Angst hochzuspielen und die der anderen herunter."

Peter Ohr glaubt nicht, dass die Polen den deutschen Arbeitsmarkt überrennen werden, wenn die offene EU-Grenze kommt. "Die 40- bis 50-jährigen haben sich eingerichtet, das ist eine neue Generation." Und die Jüngeren? "Sie wollen ins Ausland, um eine gute Ausbildung zu bekommen. Aber wenn sie in Polen Perspektiven sehen, kehren sie zurück." Seine Prognose: "Es wird eine Generation brauchen, bis sich die Unterschiede ausgewachsen haben."

Wroclaw will die Expo

Stadtpräsident Jaroslaw Obrenski

So wie in Hannover wollen sie es nicht machen. Die Erwartungen sind nicht so hochgeschraubt und auch die Eintrittspreise werden nicht so teuer sein. "Wir streben eher eine Expo nach dem Vorbild von Sevilla 1992 an", sagt Stadtpräsident Jaroslaw Obrenski zum Projekt Expo 2010 in Wroclaw. Die Konkurrenz ist stark: Moskau hat sich beworben und Schanghai. Und was sagt Warschau dazu? Der Stadtpräsident antwortet diplomatisch: "Ich hoffe, dass die Expo in Gesamtpolen als nationales Anliegen verstanden wird." Warum sich Breslau bewirbt? Die Expo werde ein neues Zentrum schaffen, sie werde die Stadt als europäische Metropole zeigen, sie habe sich seit 1990 in der wirtschaftlichen Entwicklung auf einen der ersten drei Plätze in Polen gerückt, sie ist eine junge Stadt: 200 000 Einwohnern unter den 650 000 sind zwischen 20 und 40 Jahre alt.

"130 Millionen Menschen leben in einem Sechs-Stunden-Autofahrt-Radius um Breslau", sagt Pressesprecher Pawel Romaszkan, "das ist eine Garantie für viele Besucher." Auch Berlin werde 2010 mit einbezogen sein.

Die Bevölkerung stehe hinter dem Projekt. Auch das sei anders als in Hannover. "Hannover ist eine Messestadt, da ist man das gewöhnt", erläutert Pawel Romaszkan. "Für unsere Stadt ist die Expo ein dringendes Bedürfnis, wir brauchen sie, damit unsere ganze Infrastruktur besser wird: Bahn, Straßen, Flugverbindungen. Und deswegen stehen die Menschen ganz anders dahinter."

Das Motto der Expo 2010 soll sein: "Kultur – Wissenschaft – Medien". Der Stadtpräsident: "Medien machen die Welt kleiner, die Wissenschaft braucht den sekundenschnellen Austausch – und Kommunikation wird in ganz Europa die entscheidende Rolle spielen." Die Entscheidung über die Expo 2010 fällt im Dezember 2002.

Kirchen, Kuppeln und Joe Cocker

Elzbieta Zieteks Breslau

"Träumen kann man immer", sagt Elzbieta, "und wer zahlt die Schulden?" Die energische Fremdenführerin hat ihre eigene Meinung zur Expo. Elzbieta kommandiert die Tour de force durch Breslau: von der Dominsel zur Jahrhunderthalle, durch die Leopoldina und zurück auf den Rynek.

Als die Oder im Juli 1997 über die Ufer trat und zwei Drittel der Stadt unter Wasser setzte, hatte die Stadtverwaltung gerade viele Gebäude für den Eucharistischen Weltkongress renovieren und auffrischen lassen. Die Fluten aus der Oder samt ihren vier Armen, die die Stadt durchschneiden, machten alles zunichte – fast alles, wie Elzbieta erklärt: Gebirge von Sandsäcken hielten das Wasser davon ab, durch die Leopoldina und weiter in die Innenstadt durchzubrechen. Die Universität feiert am 7. November ihr 350-jähriges Jubiläum – ohne das Baugerüst, das die Fassaden verhüllt. Um so prächtiger der Eindruck von der barocken Aula: Immer noch wird hier jedes Jahr am 1. Oktober das Studienjahr eröffnet, und immer noch finden hier nach vier oder sechs Jahren die Abschlussfeiern für die frisch gebackenen Magister oder Doctores statt. Jeder Fleck in diesem Raum ist gestaltet – und doch wirken Skulpturen, Malerei, Fresken, Statuen, Ornamentik nicht überladen, sondern bilden eine Einheit.

Unter der wesentlich nüchterneren Kuppel der Breslauer Jahrhunderthalle türmen Roadies riesige Lautsprecherboxen aufeinander. Lichtleisten mit Spots in allen Farben werden an Seilen hochgehievt. Einer wuchtet den Verstärker an die richtige Stelle auf der Bühne – Vorbereitungen für das große Joe Cocker Konzert am Abend. Die Karten sind nicht billig, zwischen 150 und 200 Zl, aber es soll ausverkauft sein. Elzbieta erklärt, dass diese Halle die erste freitragende Betonkonstruktion weltweit ist. 1913 erbaut, habe sich der Architekt Max Berg eine Pistole eingesteckt, als die letzten Baugerüste fielen: Wenn seine Konstruktion zusammengebrochen wäre, hätte er sich die Kugel gegeben. Die Jahrhunderthalle hat zwei Weltkriege überstanden. Sie bietet Platz für 10 000 Menschen, und sie hat Geschichte gemacht. 1948 z.B. als ein weltweiter Kongress für den Frieden Intellektuelle aus der ganzen Welt zusammengeführt hat. Damals wurde auch der Nadelturm aufgestellt – eine 100 Meter hohe, spitz zulaufende gigantische Nähnadel, die sich vor der Halle in den Himmel reckt.

Polen ist katholisch. Es fällt schwer, zwischen den sechs Messen, die nacheinander ablaufen, auf der Sandinsel einen Blick in den Dom zu werfen. Die Johannes dem Täufer (Stadtwappen!) geweihte Kathedrale ist nur eine von drei Kirchen auf der Dominsel in der Oder: Auch bei "Maria auf dem Sande" und in der Kreuzkirche (mit einer eigenen Kapelle für Blinde und Taubstumme) gehen die Gläubigen ein und aus. (Übernachtungstipp: Im Grauen Kloster bei den Nonnen auf der Dominsel lässt sich preiswert und zentral logieren.)

Elzbieta schätzt, dass 70 Prozent der Polen nach wie vor tief gläubig sind. "Das sind diejenigen, die sich immer noch durchkämpfen müssen, die oft noch jeden Zloty herumdrehen müssen, denen es zwar schon schlechter ging, aber immer noch nicht gut geht. Die anderen 30 Prozent – das sind die Reichen. Und die haben keine Kirche mehr nötig, die bleiben weg." Der Glaube ist für sie nichts Weltfremdes. Und an den vielen Papst-Porträts in allen Kirchen ist es abzulesen, dass der Mythos lebt: Als es den Polen dreckig ging, gelangte ein polnischer Bischof auf den Stuhl Petris. Und er brachte die Wende. "Solange viele Menschen immer noch hoffen und beten, solange werden auch die Kirchen voll sein", meint Elzbieta. Polen bräuchte eine Schulreform, ein neues Krankenversicherungssystem, eine Rentenreform... "Oberflächlich sieht vieles toll aus bei uns, aber der Unterschied zu Deutschland z.B. ist immer noch riesig. Das dauert noch mindestens 15 Jahre...".

Einige Highlights aus dem scheinbar unerschöpflichen Quell an Informationen des Cicerones Elzbieta: Breslau hat 70 Hochschulen, davon sind drei privat. Ein Sechstel der Stadtbevölkerung sind Studenten (110.000). Allein an der Leopoldina unterrichten 3 000 Professoren rund 47 000 Studenten. Die industrielle Basis der Stadt bilden Elektrotechnik, Waggonbau und Brauereien. Die Arbeitslosigkeit rangiert offiziell bei 13 Prozent (inoffiziell über 18 Prozent). Ein polnischer Durchschnittsverdienst liegt bei rund 1 200 Zloty (1 € = 3,8 Zl), ein Lehrer verdient 1 500 bis 2 000 Zl., ein Rentner verfügt im Durchschnitt über 500 Zl.

Architektur und Ideologie

Maciej Lagiewski, Direktor der Historischen Museen in Breslau

Lagiewski beginnt mit der Zerstörung Breslaus, der größten deutschen Stadt im Osten: Kein Luftangriff hat die Stadt getroffen, wie etwa Dresden. Die Stadt hat sich selbst zerstört – die Deutschen benutzten sie 1945 als Bollwerk gegen die anstürmende Rote Armee. Ganze Häuserzeilen wurden niedergelegt, um Platz für das Schussfeld und einen Flugplatz zu schaffen. Der Kampf um jedes Haus, der Artilleriebeschuss, die Brände – im Mai 1945 bestand die Stadt zu 75 Prozent aus Ruinen (Literaturtipp: Paul Weikert "Festung Breslau"). Strategisch ausgespart blieben das Polizeipräsidium, der Bahnhof, das Gefängnis, das Rathaus. Dagegen waren alle Kirchen frei zum Abschuss.

Anfangs – so Maciej Lagiewski – lieferte die zerstörte Stadt aus den Trümmern geborgene Ziegel für die Restauration Warschaus. Die ersten Pläne für den Wiederaufbau Breslaus zu Beginn der 50er Jahre orientierten sich an der Zeit der Piasten. "Aber die endete 1335 – da ließ sich für heute nichts herüberretten." Sowohl die barocken Bauelemente als auch der wilhelminische Stil interessierte anfangs nicht – die Stadt sollte ein polnisches Gesicht bekommen. Das Museum der Schönen Künste wurde geschleift, und selbst 1966 noch sprengte man die Reste des Königsschlosses, es erinnere an Preußen, hieß es.

Maciej Lagiewski: "Beim Wiederaufbau der Altstadt hatten die Verantwortlichen den festen Vorsatz, die NS-Zeit vergessen zu lassen. So entstand eine historisierende Kulisse, die mit der wirklichen Gestalt des Platzes vor 1945 nicht viel zu tun hat. Die Architekten bemühten sich, auch Krakauer und Lemberger Einflüsse sichtbar zu machen."

Aber nicht nur die NS-Zeit wurde getilgt, alles, was an Deutsche erinnert, hatte zu verschwinden: deutsche Inschriften, Friedhöfe, Hinweise an den Häusern. "Nur die Kanaldeckel hat man nicht ausgetauscht, da steht immer noch 'Stadtwerke Breslau' drauf. Und ich habe mich schon als Kind gefragt, wie das kommt." Lagiewski. Jahrgang 1955, ist Jurist von Beruf und Museumsfachmann aus Leidenschaft.

Als Jura-Professor begann er Ende der 70er Jahre seinen "Privatkampf": Er legte überwucherte Grabsteine frei, fand unter Efeu versteckt den schwarzen Marmor-Grabstein mit der Frakturschrift "Ferdinand Lassalle" (der 1863 in Breslau des Allgemeinen Deutschen Arbeitsverein gegründet hat), widmete sich seit 1982 der Rettung des jüdischen Friedhof an der Lohestraße. Auf diesem Friedhof wurden zwischen 1856 und 1942, mehr als 12 000 Menschen beerdigt. Die steinernen Zeugen dokumentieren deutsch-jüdische und schlesische Geschichte. Hier liegt der erste jüdische Ehrenbürger einer deutschen Großstadt – Ferdinand Julius Cohn (1828-1898) – ganz in der Nähe jener 450 im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten. Hier sind auch Edith Stein begraben und der "schlesische Schwan" Friederike Kempner. Es finden sich deutsche, hebräische und polnische Inschriften nebeneinander.

Lagiewskis Arbeit begann erst richtig mit der Wende Ende der 80er Jahre. Er bewarb sich 1990 als Direktor der Historischen Museen Breslaus und bekam prompt den Zuschlag. Jetzt erst begann die Rückbesinnung auf die wirkliche 1 000-jährige Geschichte der Stadt, die 1341 deutsches Stadtrecht erhielt. "Langhans hat hier gebaut, Max Berg, die Bauhaus-Architekten, auch der Synagogenbau stammt aus der preußischen Zeit", sagt Lagiewski. Die Synagoge "Zum weißen Storch" wurde 1829 fertiggestellt, überstand den Krieg unbeschadet und war noch bis Ende der 60er Jahre ein Ort für Gottesdienste der kleinen jüdischen Gemeinde. Nach dem Gomulka-Progrom 1968 zogen viele Juden weg, das Gebäude stand leer und wurde dem Verfall preisgegeben. Seit 1989 wird das Gebäude wieder als Synagoge genutzt.

Maciej Lagiewksi verweist zum Schluss seiner Ausführungen auf das Breslauer Wappen, allein das sei schon ein Stück Geschichtsunterricht.

Der Löwe links oben ist der böhmische Löwe, Zeugnis des böhmischen Einflusses und der Abhängigkeit von Prag. Der schwarze Vogel im Feld daneben ist der piastische Adler, fürstliches Zeichen der Breslauer Linie der schlesischen Piasten. Der Buchstabe "W" stammte von dem legendären Wrocislaw (Vratislawa), dem Begründer der Stadt. Auch der Kopf Johannes des Täufers auf dem Tablett im mittleren Feld zeugt von den slawischen Anfängen der Stadt. Er ist auf den ältesten städtischen Siegelzeichen zu sehen. Rechts unten die Gestalt von Johannes dem Evangelisten, dem Beschützer der städtischen Ratsherren, das Symbol der deutschen Kolonisation.

Zum ersten Mal wurde das vierhundert Jahre alte Breslauer Wappen von den Nationalsozialisten geändert, weil sie der Buchstabe "W" störte, als Zeugnis des Slawentums der in ihren Augen erzdeutschen Stadt Breslau. Zum zweiten Mal wurde das Wappen von der Stadtverwaltung im Jahre 1948 geändert. Ihr gefielen die Anwesenheitsspuren von Nicht-Polen nicht. Zum dritten Mal wurde das Wappen im Juni 1990 von den Breslauer Ratsherren geändert. Nach einer langjährigen publizistischen Kampagne von Maciej Lagiewski, der die Wiedereinführung des historischen Stadtwappens verlangte, stimmte der neu gewählte Stadtrat der Wiederherstellung des Wappens mit den fünf Feldern zu, das durch Ferdinand I. von Habsburg festgelegt worden war. Der Historiker: "Breslau war piastisch, tschechisch-ungarisch, österreichisch, deutsch. Die Einflüsse kreuzten sich und die aufeinanderfolgenden Eroberer zerstörten zuerst und bauten dann wieder auf. Breslau – das ist einfach 'schlesisch'."

Die Lemberger in Breslau

Die Gesellschaft der Freunde und Liebhaber Lembergs

Sie erkennen sich an bestimmten Wendungen im Polnischen. Sie haben Teile ihrer Kultur mitgebracht, ihre Denkmäler, z.B. die Statue des Theaterdichters Fredro vor dem Rynek in Breslau, ihre Bücher, Gemälde (wie das große Panorama von der gewonnenen Schlacht gegen die Russen vor 200 Jahren, das heute in einem eigenen Rundbau zu sehen ist), Teile ihrer Unibibliothek. Und dennoch sind es fast nur noch die Alten, die sich zu der Lemberger Tradition bekennen. Nur zehn Prozent der Breslauer leben heute noch in dem Bewusstsein, eigentlich Lemberger zu sein.

Erst nach der Wende in Polen hatten sie die Freiheit, endlich die Geschichte ihrer Vertreibung aufzuarbeiten, die mit der polnischen Westverschiebung einsetzte. Im Jahre 2002 konnten sie zum achten Mal in Breslau die "Lemberger Tage" feiern. Bis 1989 hießen sie verschleiernd "Repatrianten", ein Ausdruck, der die Geschichte ihrer Ansiedlung in Breslau im patriotischen Sinn erklärte. Heute wissen sie, dass nach ihrer Ausweisung aus Lemberg (dem heutigen Lwow), Ukrainer aus dem Osten der Ukraine neu angesiedelt wurden. "Ihre" Stadt hat genauso ihr Gesicht verändert wie Breslau für die Deutschen, die hier einmal gelebt haben.

Ihr Interesse richtet sich darauf, zumindest die wenigen Kontakte, die es zu der alten Heimat noch gibt, nicht abreißen zu lassen. Aber schon die Frage, wie den dort liegenden Toten gedacht werden soll, wird von offizieller Seite ignoriert. Präsident Kutschma selbst habe die Breslauer Vorstöße in Sachen Denkmalpflege zurück gewiesen. Heute organisieren sie Hilfstransporte, Stipendien und Unterstützungsaktionen für die in Lemberg verbliebenen Polen – "sie gehören zu den Ärmsten der Armen." Unwillkürlich erinnert sich der Zuhörer an die Deutschen, die ihren Verwandten in Polen jahrelang Pakete zukommen ließen. Mit dem Unterschied, dass dies in Polen erst nach einer Unterbrechung von fast 40 Jahren möglich war.


Event series

Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

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Fachkonferenz

Konferenz zur Holocaustforschung

Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

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TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

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Veranstaltungsreihe

Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

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Veranstaltungsreihe

What's up, America? – Perspectives on the United States and Transatlantic Relations

Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

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Blog zur Fachkonferenz

Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

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